Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – das 9-Euro-Land

Eine gute Idee ist eine tolle Sache. Wenn aber zu viele Leute die gleiche gute Idee haben, ist das Fiasko vorprogrammiert.

Neulich kam mir spontan eine Idee, die ich ziemlich gut fand:

Mit dem 9-Euro-Ticket an den Wannsee

Das mag bei meiner Berliner Leserschaft ein müdes Achselzucken hervorrufen. Aber von meinem Wohnort aus sind das immerhin gute 700 km, also deutlich weiter als bis zum Mittelmeer. Mit dem 9-Euro-Ticket sollte eine Bahnfahrt eigentlich bezahlbar sein und nebenbei tut das der Umwelt gut, dachte ich. Außerdem wird es mal wieder Zeit, den studierenden Sohn in der Hauptstadt zu besuchen. Zack, gebucht.

Leider war ich in den Pfingstferien nicht der Einzige mit einer guten Idee. Während die Fahrtabschnitte im ICE sehr entspannt verliefen, spielten sich auf den Regionalstrecken Dramen ab. Vor allem im Süden Deutschlands.

Was die Politiker nicht bedacht hatten, war die schwäbische Mentalität. Ein Schwabe kann Sonderangeboten generell nicht widerstehen. Und wenn er ein Ticket besitzt, mit dem er einen Monat lang durch Deutschland fahren kann, dann tut er das. Ausgiebig. Damit es sich rentiert. Koste es was es wolle.

Die maroden Bahnen brachen unter dem Ansturm der Massen vollends zusammen. Klimaanlagen stellten ihren Dienst ein, Türen verweigerten die Öffnung und Toiletten waren hoffnungslos überfordert. Über Pünktlichkeit wollen wir gar nicht reden, das war ja schon vor dieser Aktion nicht gerade die Stärke der Deutschen Bahn.

Umsteigen hatte einen Hauch von Monte Carlo. Mal gewinnt man, mal verliert man. Meinen Reiseplan konnte ich schon beim ersten Umstieg in den Papierkorb werfen. Manchmal gab es aber auch positive Überraschungen. Da fast jeder Zug Verspätung hatte, erreichte ich schon verloren geglaubte Anschlüsse doch noch. Wenn ich mich durch die Menschenmassen bis zum Zug durchkämpfen konnte.

Meine Reise startete in Ravensburg mit einer Meldung im DB Navigator, die meinen Elan spürbar ausbremste:

Reiseplan
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Oder ein Fluch…

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und immerhin wurde eine pünktliche Abfahrt angezeigt. Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, fuhr auch schon der Zug ein. Ich dachte erst „Hä, seit wann kommen deutsche Züge zehn Minuten zu früh?“ Aber es war nur der Vorgänger mit fünfzig Minuten Verspätung. Also alles normal.

Auch normal: es gab keine freien Sitzplätze mehr, dafür aber eine defekte Klimaanlage. Am Boden saßen etliche alkoholisierte Jugendliche mit Hund, die aus Langeweile mit ihrem goldenen Ticket sinnlos irgendwohin fuhren. Es stank wie in einem Vieh-Transporter.

Überfüllte Regionalbahn
„Jetzt mit der Bahn ganz entspannt Deutschland entdecken“ – Werbeslogan mit Humor

In Laupheim (West) wollte ein Fahrradfahrer zusteigen. Er prallte aber an der Mauer aus menschlichen Leibern ab und gab nach mehreren Versuchen frustriert auf.

In Ulm stieg ich um. Ich wusste gar nicht, dass so eine Regionalbahn 140 km/h schnell fahren kann. Könnte, denn nach 90 Sekunden hielt sie in Neu-Ulm. Beschleunigen und bremsen gehen da nahtlos ineinander über.

Nervige Anzeigen und Ansagen

Man kann sich bei der Deutschen Bahn über manches ärgern, aber meine drei meist gehassten Lieblings-Ansagen auf dieser Reise waren:

Platz 3: „Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich noch etwas, weil wir auf einen vorbeifahrenden Fernverkehrszug warten müssen“. Durchsage in einer Regionalbahn, als nach fünfzehn Minuten grundlosem Halt auf freier Strecke die ersten Fahrgäste kurz vor einer blutigen Revolte standen. Der Text war aber kaum zu verstehen, weil just in diesem Moment ein ICE vorbeischoss, dessen Druckwelle das Regionalbähnchen fast aus den Gleisen geworfen hätte.

Platz 2: „Zug fällt aus“. Anzeige auf dem Bahnsteig, eine halbe Stunde nachdem der Zug eigentlich abfahren sollte. Bis dahin nannte die Anzeigetafel am Bahnsteig 5 Minuten Verspätung, während die Navigator-App von 15 Minuten Verspätung wusste und die Ansage per Lautsprecher lautete: „Bitte Vorsicht an Gleis 2, Regionalexpress nach Donauwörth fährt ein“. Er fuhr nicht ein.

Platz 1: „Bitte nicht einsteigen. Dieser Zug ist überfüllt“. Ansage auf dem Bahnsteig, als der hoffnungslos verspätete Interregio sich mühsam in den Bahnhof schleppte. Das verängstigte Bahnpersonal schloss sich im Pausenraum ein, denn der wütende Mob war in Killerlaune.

Dialog der Verzweiflung

Ein Pärchen Mitte Zwanzig sitzt auf dem Boden im Flur eines völlig überfüllten Regionalzuges. Beide sehen etwas derangiert aus in ihren durchgeschwitzten T-Shirts. Offenbar sind sie schon länger unterwegs. Während er apathisch vor sich hin starrt, bearbeitet sie verbissen ihr Handy.

Sie: „Ich hab’s. Wenn wir in Ulm umsteigen und die Regionalbahn nach Donauwörth erwischen, können wir dort den IRE nach Ingolstadt nehmen. Wenn wir nicht wieder Verspätung haben. Und wenn wir uns in Ingolstadt sputen, erreichen wir die RB nach Regensburg, das wird aber knapp. Dort könnten wir die Bahn nach Weiden nehmen. Und wenn das alles klappt, könnten wir unseren Bus erreichen. Sonst müssen wir halt laufen. Aber jedenfalls kommen wir heute noch zuhause an, wenn wir alle Anschlüsse erreichen.“
Er: „Das sind aber viele wenns!“
Sie: „Und wenn du nicht gesagt hättest, lass uns mit dem 9-Euro-Ticket an den Bodensee fahren, hätten wir den ganzen Tag an unserem schönen Baggersee grillen können!“
Er: „Was für eine Scheiße!“
Zahlreiche Köpfe nicken heftig.

Zwischenstop mit Querdenkern

In Halle (an der Saale) legte ich eine Übernachtung ein. Schon am Bahnhof wird klar, dass die Bevölkerung von Sachsen-Anhalt von vorn bis hinten belogen wird. Entsprechende Theorien kannte ich aus dem Internet, aber dort kann man ja niemandem trauen. Also machte ich mich an diesem Montagabend zwecks unabhängiger Meinungsbildung selbst auf den Weg in die Innenstadt.

Wasserturm Zoo in Halle
Lügen überall: Das hier ist nicht der Zoo, sondern der Wasserturm!
Historische Gebäude in Halle
Historische Gemäuer, verkabelt und verwanzt. Unsichtbare Kondensstreifen am Himmel – alles sehr verdächtig!

Und so war ich hocherfreut, dass ich endlich, endlich eine echte sächsische Querdenker-Demo live und in Farbe erleben durfte. Bilanz: 1 Redner, 2 Techniker, 7 Zuhörer, 8 Polizisten. Zwei Alkoholleichen hielten sich an ihrer Bierflasche fest und skandierten halbherzig „Lauterbach muss weg, Lauterbach muss weg“. Konkreter wurde es nicht.

Ich war zuerst ein bisschen enttäuscht, denn im Fernsehen wird gerne der Eindruck vermittelt, in Sachsen-Anhalt bestünde „das Volk“ mehrheitlich aus quer denkenden Rechtsextremen. Aber das hier war sicher nicht das Volk, zumindest fehlten die restlichen 240.106 Einwohner von Halle. Die wenigen Passanten verdrehten genervt die Augen und machten einen großen Bogen um die Veranstaltung.

Querdenker in Halle an der Saale
Querdenker-Demo

Als ich mein Handy zückte, um ein paar Aufnahmen zu machen, zeigte der Redner mit dem Finger auf mich und rief laut ins Mikrofon: „Der Verfassungsschutz kann gerne alles mitschreiben. Die Wahrheit findet immer einen Weg!“ Als mich mehrere Polizisten neugierig musterten, winkte ich ab und machte mich auf den Weg ins Hotel. Schnell meinen Bericht fürs LKA schreiben.

Berlin: Wannsee und Berghain

Der Wannsee ist genau wie der Bodensee, nur anders. Viel kleiner. Und flacher. Und ohne Berge. Und teurer. Aber auch mit Wasser und Booten und Strandbad.

Wannsee Strandbad
Der Wannsee- ein Hauch von Ostsee

Als ich mit dem SinnlosStudierenden abends durch die Kieze streifte, kamen wir zufällig am berühmtesten Club der Welt vorbei. Im Berghain soll es die härtesten Türsteher aller Zeiten geben, an der auch Prominente wie Elon Musk scheitern. Und man munkelt von freizügigen Fetischparties und geheimen Darkrooms. Mein Bedarf an Darkrooms liegt seit der Reparatur der einzigen Lampe in unserem fensterlosen Keller im Minusbereich, aber neugierig war ich trotzdem.

Erstaunlicherweise konnten wir unbehelligt in die heiligen Gemäuer spazieren. Vielleicht waren wir zu früh, denn wir waren die einzigen Gäste. Wir stießen gerade mit einem Moscow Mule auf die Ukaine an, als ein skurriler Typ im Fußballdress an unseren Tisch stürmte. Wenn die Polizei gleich nach ihm fragen würde, sollten wir bestätigen, dass er seit einer Stunde hier bei uns gewesen sei. Der Franzmann hätte ihn wieder mal verpfiffen und er wolle nicht schon wieder eine Nacht in der Zelle in Tempelhof verbringen. Dann textete er uns mit wirren Dystopien zu (Bomben auf Berlin sind möglich, Oliver Scholz und Angelika Merkel haben Blut an den Händen, wenn ich die Leiche von Disefa Ligura sehe, sterbe ich), bis ihn der Barkeeper freundlich aber bestimmt hinaus komplimentierte.

Im Berghain herrscht strengstes Fotografierverbot, aber es gelang mir, in einem unbeobachteten Moment für meine Leser ein exklusives Bild zu machen. Hinter der Tür verbirgt sich vermutlich der geheime Darkroom. Oder das Bierlager.

Berndhain
Berghain? Berndhain? Wer wird denn so kleinlich sein.

So, das war’s für heute. Bald geht der SinnlosReisende wieder hinaus in die weite Welt, um euch von seinen Erlebnissen zu berichten.

Autor: sinnlosreisen

Skurille Reiseerlebnisse zum Lachen

17 Kommentare zu „Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – das 9-Euro-Land“

  1. Ich habe gerade, gemütlich mit einem Bier hier auf unserem Balkon sitzend, die ganze Straße mit schallendem Gelächter unterhalten 😁. Ich kann im eigenen Interesse und in dem meiner geneigten Nachbarn – ja, ich weiß, ich bin sehr egoistisch – nur hoffen, dass du mit diesem Ticket noch ein paar weitere Sinnlosreisen unternommen hast!
    Dieses 9-Euro-Ticket ist die Pest! Zwar nutze ich es selbst, weil es mir hier in Berlin die ansonsten deutlich teureren Tickets ersetzt. Aber als ich kürzlich zu meinen Eltern ins Saarland unterwegs war und für das letzte Teilstück zwischen Mannheim und Saarbrücken (und auf dem Rückweg umgekehrt) zwangsläufig auf die Regionalbahn zurückgreifen musste, bekam auch ich die volle Wucht dieses Irrsinns zu spüren. Der Zug war derart überfüllt, dass an wirklich JEDEM Bahnhof ein längerer Halt als üblich nötig wurde, weil immer irgendein Depp die Lichtschranke einer Tür und somit diese gleich mit blockiert hat. Diese Verzögerungen hätten mich auf der Rückfahrt in der Summe fast meinen Anschluss gekostet – wenn der nicht auch Verspätung gehabt hätte. Und dann muss so ein Snob wie ich auch hinnehmen, dass mein ansonsten eher geruhsames Abteil in der ersten Klasse mit all dem Mob aus der Holzklasse geflutet wird, weil das wegen des Überfüllungsgrades in der zweiten Klasse offiziell vom Zugchef angewiesen wurde 🥳.
    Doch zurück zu dir und deinem Höllentrip. Wieviele verschiedene Tickets hast du denn dafür kaufen müssen? In den ICE kommst ja mit der Billignummer gar nicht rein. Und erstaunlich, dass du mit nur einer Übernachtung davongekommen bist 😅! Immerhin haben dich ein paar sinnlose Unternehmungen in Berlin ein wenig von dem Trauma ablenken können.

    Gefällt 1 Person

    1. Deine armen Nachbarn wundern sich bestimmt schon 😅.
      Ich hatte ja schon so eine Vorahnung und hab die Teilstrecke Donauwörth – Halle ganz entspannt im ICE genossen. Das war mir den Aufpreis wert. Ansonsten habe ich manchmal die Augen geschlossen und mir vorgestellt, ich wäre in Indien oder Japan.😉

      Gefällt 1 Person

  2. Nie im Leben tue ich mir so etwas freiwillig an! Seit ich 2016 mal 12 Stunden mit der Bahn von Salzburg nach Wuppertal gebraucht habe, fahre ich wieder Kleinwagen. Oder bleib am liebsten ganz zuhause, wenn raus, dann zu Fuß.

    Respekt vor deinem Abenteuer-Sinn – und einer leicht masochistischen Ader 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Oh, ich ahnte es. Ich besuchte vor nicht all zu langer Zeit – die Zeit fortschrittlicher, alles besser machender Privatisierungsexzesse war bereits in vollem Gange – meine Jüngste (=mehr oder weniger sinnfrei Studierende. Damals.). Mit dem, ich sage es nur ungern, Zug. Deutsche Bundesbahn (=alle reden über das Wetter. Wir nicht. Früher mal.). Meine Erfahrung mit Zugverspätungen? Bis dahin im Wesentlichen auf die griechische Bahn beschränkt. Die dort als recht unwesentliches Personenbeförderungsmittel für Leute, die viel Zeit haben, gilt.
    Die Deutschen sind besser. Jeder einzelne Zug hatte Verspätung. Und da war noch keine Rede von 9€, der Spaß war ganz regulär zu bezahlen! Zug 1: fast pünktlich in Ulm. Umsteigen. Zug 2: ebenso! Das geht ja! Allerdings vor Stuttgart: einige Stunden oder Tage nach dem Halt die Durchsage: ach ja, die Lok ist kaputt. Warten auf ERsatz, damit könne man dann aber nicht in den Zielbahnhof. ABer auf dem Nebengleis ist grad ein Zug im Begriff abzufahren, der hat das selbe Ziel! Vielen Dank auch (offenbar ist das Absicht, um die Bevölkerung hierzulande ein wenig in gesunder, sportlicher Bewegung zu halten).
    Auf der Rückfahrt ging’s beschaulich zu. Der Zug stand schon da, sah aber auch farblich seltsam aus. Ein paar km vor Ulm die Durchsage: ach ja, fällt uns grad ein. Der Zug, ein Ersatzzug, fährt nicht durch, umsteigen bitte!
    Aber ich kam wieder – stimmt, Ravensburg, da wohnen meine anderen Kinder – an. Lebend.
    Autofahren ist, was man so hört, gefährlicher.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: