Fränkische Impressionen

Wieviel Rückschlüsse lassen die Kunstwerke einer Stadt auf den Charakter ihrer Bewohner zu? In Franken muss man sich da richtig Sorgen machen. Bonusmaterial: Dokumentation einer Brandstiftung

Für eine richtige Geschichte war unser Wochenend-Trip durch Franken zu kurz, aber ein paar sinnlose Eindrücke möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten.

Fränkische Kultur

Gastfreundschaft und eine Sprache mit rollendem R prägen die Frrrängische Guldurrr. Deftiges Essen mit Kalorien-Flatrate und der süffige Frankenwein tragen zu einem fröhlichen Miteinander bei. Es gibt hier Schäufele mit Sauerkraut, Gänsebraten mit Specksoße und Blaue Zipfel, eine Art in Essig gekochte Rostbratwürste. Trinken und Essen sind folgerichtig häufige Motive in der regionalen Kunstszene.

Skulptur der Winzer in Würzburg
Denkmal des unbekannten Winzers
Skulptur Wirt mit Weinflasche und Trinkbecher
Selbstbedienung – Der Wirt ist beschäftigt
Skulptur Kotzen in der Würzburger Residenz
Nach dem Verzehr von zu vielen Blauen Zipfeln
Skulptur lesender Mann mit Engel in Bamberg
Oh nein, bitte nicht schon wieder Gänsebraten!

Würzburg

Würzburg ist eine quirlige Stadt mit einer gelungenen Mischung aus historischen Gebäuden und Studentenleben. Auf der alten Mainbrücke trifft man sich, um in der Abendsonne ein Gläschen Wein zu trinken. Oder zwei.

Alte Mainbrücke in Würzburg mit Marienfeste
After-Work-Party mit dem Segen des Heiligen
Falkenhaus in Würzburg
Das Falkenhaus im Rokokostil
Marienkapelle Würzburg
Gotische Marienkapelle aus dem 14. Jahrhundert

Auf einem Hügel über der Stadt thront die Festung Marienberg. In früheren Zeiten war hier offenbar eine Tierarztpraxis untergebracht, wenn ich die Fresken richtig deute. Heute setzt man auf Innovationskraft und experimentiert mit nachwachsenden Rohstoffen.

Festung Marienberg
Auf der Festung Marienberg
Fresko auf Marienfeste Würzburg
Der Zahnarzt kommt!
Kunstwerk Stahlbaum
Nachwachsender Rohstoff – der Edelstahlbaum
Blick auf Würzburg von der Marienfeste
Blick von der Marienfeste auf Würzburg

Einzelkind oder Geschwister?

Einzelkinder hatten lange Zeit keinen guten Ruf bei Entwicklungspsychologen. Zu verhätschelt und leicht zum Egoismus neigend, wurde vermutet. Inzwischen ist das Bild gekippt und Einzelkinder nennen sich selbstbewusst Alleinerbe. Wer noch weitere Argumente gegen Geschwister sucht, wird im Park der Würzburger Residenz fündig.

Garten der Würzburger Residenz
Die Würzburger Residenz mit ihrem riesigen Garten

In der Stadt wimmelt es von Bars und Restaurants, in denen man nach dem kulturellen Gelatsche seinen Durst löschen kann. Fazit der SinnlosReisenden zu Würzburg: Immer einen Besuch wert.

Limonade im Glas
Farbenfrohe Durstlöscher

Bamberg

Sind Bamberger unfreundlich? Das wäre natürlich eine unzulässige Verallgemeinerung, engstirniges Schubladendenken, fast schon eine Beleidigung. Politisch korrekt muss es heißen: Wir haben bei unserem Besuch in Bamberg eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Menschen getroffen, die auf uns unfreundlich wirkten. Oder zumindest verschlossen. Verschroben. Eigenartig. Aber macht euch selbst ein Bild:

Skulptur griesgrämiger Mann
Der Griesgram von Bamberg
Skulptur Scham
Das personifizierte Elend
Engel in der Bamberger Residenz
Wenn schon die Engel mit dem Nudelholz drohen, wundert es nicht,…
Skulptur Mann mit Schwein
…wenn Männer sich anderweitig orientieren
Skulptur Mann Ärger
Jetzt gibt’s aber mal richtig Ärger für den SinnlosReisenden mit seinem losen Mundwerk

Dabei können die Bamberger durchaus zufrieden sein mit ihrer Stadt. Ein wunderschönes Rathaus, eine deftige Gastronomie und historische Sehenswürdigkeiten an allen Ecken. Nur ihre Löwen hätten sie besser füttern sollen.

Löwenskulptur vor dem Bamberger Dom
Löwe am Bamberger Dom – Mahnmal für die Folgen schlechter Ernährung
Bamberger Rathaus
Altes Rathaus von Bamberg
Bamberger Rathaus
Das Rathaus von der Seite
Altes Haus in Bamberg
Altstadt von Bamberg

Rothenburg ob der Tauber

Nur fünfzig Kilometer südlich von Würzburg liegt einer der skurrilsten Orte Deutschlands: Rothenburg ob der Tauber.

mittelalterliches Rathaus in Rothenburg
Rathaus von Rothenburg

Die ganze Stadt sieht aus wie ein Drehort für eine Serie, die im Mittelalter spielt. Hier gibt es ein ganzjährig geöffnetes Fachgeschäft für Weihnachtsbedarf. Durch persönliche Beratung findet man den passenden Nussknacker für jeden Anlass und kann aus einer unglaublichen Menge von sinnloser Weihnachtsdeko auswählen.

Auslage in Käthes Weihnachtsladen Rothenburg
Ein gut sortiertes Fachgeschäft-Käthes Weihnachtsladen

Selbstverständlich wird der Einkauf weltweit versandt, gerne auch nach Asien. Und weil es so schön passt, werden hier auch gleich Original Schwarzwälder Kuckucksuhren verkauft. Ein Blick auf die Deutschlandkarte macht klar, dass Franken definitiv nicht mal in der Nähe des Schwarzwalds liegt. Deshalb gibt es dazu auf diesem Blog ja auch einen eigenen Bericht. Aber wenn man aus China oder Japan anreist, sind das wahrscheinlich geografische Haarspaltereien.

Schild Kuckucksuhren
Eine Kuckucksuhr darf in keinem Haushalt fehlen

Ein weiteres Kleinod in Rothenburg ist das mittelalterliche Kriminalmuseum. Hier wird die Entwicklung der Rechtsprechung im Lauf der Jahrhunderte behandelt. Ein Schwerpunkt liegt auf den Methoden der Wahrheitsfindung (sprich Folterwerkzeuge), wobei sich die katholische Kirche mit extremer Kreativität einen internationalen Spitzenplatz sicherte. Die Kirche ist noch heute so sehr von ihrer Kompetenz in kreativer Wahrheitsfindung überzeugt, dass sie auf die Unterstützung von Polizei und Staatsanwaltschaft bei der (Nicht-) Aufklärung von Missbrauchsfällen komplett verzichtet. Quasi Transparenz mit blickdichten Mauern. Erstaunlich, dass so etwas im 21. Jahrhundert noch möglich ist.

Man darf im Museum nicht fotografieren, aber in einem Satz zusammengefasst: Ich bin froh, dass ich heute und in einem Rechtsstaat lebe.

Folterstuhl
Stuhl für Blogger, die das Fotografierverbot missachten. Aua!

Das Brandstifter-Seminar

In der Nähe von Bamberg, allerdings schon weit draussen auf dem Land, wird eine schöne Tradition gepflegt: Einmal im Jahr werden hier die Kinder zu Brandstiftern ausgebildet. Den ganz Kleinen hält der Papa die Fackel, damit sie nicht versehentlich das Schwesterchen anzünden, aber die meisten sind schon ganz routiniert. Und die Feuerwehr schaut zufrieden auf die Nachwuchszündler, die eine stabile Auslastung der Löschzüge über die nächsten Jahre sichern.

Kinder beim Anzünden eines Johannisfeuers
Seminar für Brandstifter
Feuerwehr beim Beobachten eines Brandes
Die Feuerwehr ist zufrieden – ein solider Brand wärmt das Herz

Jedes dieser Feuer setzt etwa 2.000 kg CO2 frei, je nach Größe des Holzstapels. Dafür benötigt ein gestandener SUV mit kräftigem Dieselmotor ein ganzes Jahr *. Bevor sich jetzt Jemand aufregt – das ist halt Tradition. Da kann man nichts machen. Man nennt das in katholisch dominierten Gegenden Johannisfeuer, in heidnischen Gebieten auch Sonnwendfeuer. Und es sieht ja auch schön aus. Und es hilft angeblich gegen misswüchsige Kinder, Ernteausfälle und Hagelschäden, sagt Wikipedia. Ich würde mich da aber nicht drauf verlassen.

Johannisfeuer
Johannisfeuer

* Den CO2-Ausstoss kann jeder selbst abschätzen: 100 Holzbalken mit 3 Meter Länge und einem Querschnitt von 7 x 10 cm ergeben bei einer Holzdichte von 500 kg/m3 ein Gewicht von 1.050 kg. Aus einem kg Holz entstehen: ein Häufchen Asche, Wärme und 1,8 kg CO2, weil sich jedes Kohlenstoffatom mit zwei Sauerstoffatomen aus der Luft verbindet. Macht also 1,9 Tonnen CO2, wenn der Stapel abgebrannt ist. Ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor erzeugt ca. 130 Gramm CO2 pro km (Schau mal in deinem Fahrzeugschein nach!). Das macht bei 15.000 km im Jahr ebenfalls 1,9 Tonnen Treibhausgas.

Barcelona

Tagebuch einer entgleisten Kulturreise

Die Sommerpause auf meinem Blog nutze ich zum Aufräumen. Diesen älteren Beitrag habe ich nun der Ordnung zuliebe aus dem Menüpunkt „Geschichten“ in den Blogbereich verschoben. Wer ihn schon kennt, der kann hier aufhören zu lesen. Allen anderen wünsche ich viel Spaß mit meinen Jugendsünden! Oder nennt man das schon Mid-Life-Crisis?

Donnerstag – Erste Vorbereitungen

Dieser Donnerstag ist ein ganz normaler Arbeitstag. Nichts deutet auf die denkwürdigen Ereignisse hin, die in wenigen Stunden ihren Lauf nehmen werden. Abends im Tischtennistraining ist eine Abschlussbesprechung vor der Städtereise nach Barcelona angesetzt. Neun Männer ziehen in die weite Welt, um nach einer anstrengenden Saison die spanische Kultur zu erleben. Auf dem Weg ins Training kommt eine SMS rein. Wolle, der die Reise geplant, gebucht und organisiert hat, kann leider, leider nicht mitkommen. Ein wichtiger Geschäftstermin in Istanbul erfordert seine Anwesenheit. Die Flugunterlagen sind somit auch in Istanbul, aber es ist ja alles online gebucht, also einfach Ausweise mitnehmen und es kann nichts schief gehen. Viel Spaß, Jungs und denkt an mich! Da waren’s nur noch Acht.

Die Rolle des Organisators übernimmt ohne Diskussion Schnuppi. Eigentlich heißt er Rolf, aber seit der letzten Weihnachtsfeier nennen ihn alle Schnuppi, weil er bei zwei Promille die Sternschnuppe so hingebungsvoll im Krippenspiel gegeben hatte. Schnuppi hat alles per Mail mit Wolle geklärt. Er ist sich sicher, dass der Flug um 06:55 ab Stuttgart geht. Rückflugzeiten weiß er gerade nicht auswendig, aber irgendwann Sonntag Abend.

Oder war der Abflug um fünf vor sechs? Egal, Sportler sind da robust und haben keine Nerven. Also planen wir einfach eine Reserve ein; man kann zur Not ja noch ein Bierchen am Flughafen zischen. Außerdem erlaubt die Buchung nur Handgepäck, da geht das eh alles fix beim Einchecken.

Freitag – Anreise mit Hindernissen

Treffpunkt für die beiden Autos ist um 02:00 Uhr nachts am Hugo’s in Ravensburg. Wir „Älteren“ fahren nach einer gefühlten Sekunde Schlaf mit Fahrzeug 1 nach Ravensburg, während das Jungvolk sich dort schon mal im Club austobt und die Nacht durchmacht. Gut so, dann werden sie schon in Barcelona umso ruhiger sein, denke ich mir. Welch krasse Fehleinschätzung.

Die Abfahrt vom Hugo’s gelingt mit nur minimaler Verspätung. Aus Fahrzeug 2 kommen laute Gröhlgeräusche und die Dauerhupe zeigt den Anwohnern an, dass hier Dinge ihren Lauf nehmen, die wichtiger als der Nachtschlaf der schwäbischen Bevölkerung sind. Ich bin erleichtert, dass wir die Fahrzeugbesetzung nach nüchtern/ besoffen aufgeteilt haben und freue mich auf die architektonischen Schönheiten Barcelonas.

Auf der Umgehungsstraße von Ravensburg überholt uns Fahrzeug 2 laut hupend. Aus den offenen Fenstern ragen die beiden nackten Hinterteile von Bernd und Schnuppi in den schwäbischen Nachthimmel. Die Nulllinie für das Niveau ist damit gesetzt. Zumindest vorerst…

An einer Tankstelle in Ulm machen wir eine Pinkelpause. In Fahrzeug 2 führt irgendeine Belanglosigkeit dazu, dass sich Schnuppi sturzbesoffen auf den Weg über die sechsspurige Stadtautobahn macht, um wieder nach Hause zu trampen. „Ihr ssseid ssso gemein, mit eusch fahr ich nich innen Urlaub“, lallt er beleidigt. Wir schicken eine Rettungsmannschaft, bergen den verlorenen Sohn und verschwinden, bevor die Polizei auf uns aufmerksam wird.

In der Nähe des Stuttgarter Flughafens parken wir Fahrzeug 2 in einem Kaff ohne Namen um Parkgebühren zu sparen. Und dann geht es zu Acht im Siebensitzer an den Flughafen. Ich frage, mit welcher Fluglinie wir denn eigentlich fliegen. Schnuppi murmelt, dass er diesen Scheiß-PDF-Anhang von Wolle auf seinem Handy nicht öffnen kann. Der Scheißanhang ist unsere Onlinebuchung.

Im Flughafen herrscht eine frühmorgendliche Schläfrigkeit. Da um diese unchristliche Zeit nur ein einziger Flug nach Barcelona geht, wird schnell klar, dass wir mit German Wings fliegen. Leider akzeptiert der Checkin-Automat mehrere Ausweise nicht und eine Ticketnummer kennen wir nicht. Lautes Durcheinander entsteht. Besoffene übertönen sich gegenseitig mit Vorwürfen. Die Sicherheitsbeamten werden auf uns aufmerksam. Ich setze meine beruhigende Wirkung ein, um die Kameraden zu mäßigen und lächle den Beamten vertrauensvoll zu. Keine Sorge – alles im Griff, versuche ich mit meiner Mimik zu signalisieren. Eine Runde Snickers besänftigt die aufgebrachten Diven und wir nehmen die nächste Challenge in Angriff.

Bewaffnet mit acht Bordkarten vom German Wings-Schalter, geht es im nächsten Level direkt zur Sicherheitskontrolle. Auch das ist eine Hürde, die wir nur mit viel Mühe bewältigen. Alan legt sich mit dem Beamten an, der ihn mit dem Gummiquietscher abtastet und unterstellt ihm homosexuelle Motive, die der Mann aber zum Glück nicht hört. Alan heißt eigentlich anders, aber seit dem Hollywood-Blockbuster „Hangover“ nennen ihn alle so, weil er ähnliche Wirkungen auf seine Umgebung ausübt, wie der Drogen verteilende Alan im Film.

Das Abfluggate

Da wir noch ausreichend Zeit bis zum Abflug haben, stärken wir uns erstmal. Acht Halbe Stuttgarter Hofbräu werden unter lautem Hallo im Sicherheitsbereich geleert. Und da man auf einem Bein nicht lange stehen kann, steht die zweite Runde vor uns, bevor ich mein Bier halb leer habe. Morgens um halb sechs bin ich noch nicht so trinkfest und halte mich unauffällig zurück. Die Stimmung steigt von Minute zu Minute. Ich versuche, so zu tun, als ob ich nur zufällig in der Nähe sitze und studiere intensiv ein Werbeplakat.

Dann läuft unsere Reisegruppe am Abflug-Gate nach Barcelona ein. Nur einzelne Sitzplätze sind noch frei. Überall sitzen gelangweilte, schlaftrunkene Geschäftsreisende, da am Nachbar-Gate fast zeitgleich ein Flug nach Brüssel geht. Aktuelle Börsennachrichten werden von grauhaarigen Anzugträgern analysiert, einige ältere Herrschaften dösen vor sich hin. Die Damen lesen in Brigitte, die Herren im Focus oder der FAZ. Aber dieses schläfrige Idyll wird nun schlagartig beendet.

Denn Frank, unser Silberrücken, ist inzwischen in Kampfstimmung. Er stellt sich breitbeinig hin, rückt sein selbstgestricktes Mützchen auf dem kurzrasierten Schädel zurecht, holt tief Luft und schreit mit voller Lautstärke „F I C K E E E E E N !!!!!!!“.

Etwa dreihundert Blicke richten sich auf unsere Gruppe. Erst erschrocken wegen der unerwarteten Lautstärke, die in den hallenden Warteräumen noch verstärkt wird. Nach drei endlosen Sekunden in lähmender Stille merken dann die meisten Mitbürger, dass es sich nicht um einen Terrorangriff handelt. Dann verarbeiten die Ersten die Bedeutung des Wortes und die Gesichtszüge entgleisen in ungläubige, belustigte, entsetzte, missbilligende oder schockierte Mienen, je nach Grad der katholischen Erziehung.

Nur drei spanische Frauen um die Siebzig, die offenbar das Wort in seiner Bedeutung nicht einordnen konnten, kichern wie Teenager und werfen verstohlene Blicke auf den germanischen Heißsporn.

Frank läuft jetzt zu Hochform auf. Er baut sich breitbeinig direkt vor einem seriösen älteren Herrn im taubengrauen Anzug mit dicker Hornbrille und Halbglatze auf, hakt seine Daumen links und rechts in seinen Ledergürtel ein und spricht ihn mit lauter Stimme an: “Und du, was ist mit dir? Freust du dich jetzt, dass du mit uns zwei Stunden lang in einem Flugzeug sitzen darfst?“

Der Herr senkt seine Wirtschaftszeitung, zaubert sichtlich angestrengt ein tapferes Lächeln ins Gesicht und sagt: „Leider führen meine Termine mich nach Brüssel, aber es wäre mir ein Vergnügen gewesen“.

„Nach Brüssel? Bist du etwa einer von diesen verlogenen Politikern?“ legt Frank ohne Gnade nach. Während Frank weiter auf den Herrn einredet und ihn mit seiner Spießigkeit aufzieht, bis seine Brillengläser beschlagen, machen sich die anderen aus unserer Reisegruppe vor Lachen fast in die Hose.

Nur ich versuche zu tun, als ob ich nicht dazu gehöre und schlendere demonstrativ ziellos durch die Abflughalle. Ich bin zwar auch schon etwas angesäuselt, aber meine Gedanken sind immer noch so klar, dass ich realisiere, dass ich genau diesen Flug nach Brüssel mehrmals im Jahr geschäftlich nutze. Es wäre mir doch ziemlich unangenehm, wenn mich hier zufällig Jemand erkennen würde.

Kurz kommt mir der Gedanke, dass ich jetzt noch aus der Unternehmung aussteigen könnte, aber der Schwabe in mir erinnert sich an die dreihundertfünfzig Euronen, die ich damit in den Wind schreiben müsste. Hinter einer Säule entdecke ich Schnuppi, der ebenfalls ungewöhnlich still ist. Er drückt sich in der Ecke rum und macht komische Gesichter, als ob er Bauchschmerzen hätte. Später stellt sich heraus, dass der ältere Herr im grauen Anzug der Chef seines Chefs ist, Leiter des Montagebereichs, in dem Schnuppi gerade seine Probezeit absolviert. Aua.

Ankunft in Barcelona

Im Flugzeug folgen zwei weitere Runden Bier, diesmal allerdings ohne mich. Die Stimmung ist immer noch bestens, als wir mit dem Flughafenbus nach Barcelona einfahren. Da wir um neun Uhr morgens noch nicht im Hotel einchecken können, machen wir es uns in einem Straßencafe am Placa de Catalunya gemütlich und ordern noch eine Runde Bier. Und noch eine. Die Reisegruppe will nicht verstehen, dass ich in diesem Tempo nicht weiter auf den Abgrund zurasen will. Aber zum Glück sind die anderen inzwischen so besoffen, dass sie es nicht merken, dass ich meine Gläser gar nicht mehr austrinke. Irgendjemand kümmert sich dann doch darum, dass alles wegkommt, was auf dem Tisch steht und nach Alkohol riecht.

Der Höhepunkt dieses Reiseabschnitts ist eine Wette: Wenn der eh schon reichlich dichte Domme (Er war bis vor drei Wochen überzeugter Abstinenzler, hatte aber vor der Reise täglich trainiert) eine Halbe auf Ex trinkt, küssen sich Frank und Schnuppi hier in der Öffentlichkeit. Domme schafft die Halbe auf Ex mit Mühe, aber eindeutig regelgerecht. Die Handyaufnahme des Kusses gelingt und wenigstens diesmal haben die Spanier an den Nebentischen auch ihren Spaß. Domme nimmt derweil eine grünliche Gesichtsfarbe an und verschwindet auf dem Klo. Da waren’s nur noch Sieben.

Eine weitere Wette um drei Halbe auf Ex für einen Zungenkuss scheitert am Veto von Schnuppi, der um seine noch frische Beziehung mit seiner Freundin bangt. Das alles ereignet sich noch vor dem Einchecken im Hotel.

Drei weitere Runden Bier später machen wir uns zu Fuß auf den Weg ins Hotel, dessen genaue Adresse nur Wolle kennt, der noch immer in Istanbul weilt. Eigenartigerweise ist rund um uns herum immer reichlich Platz, obwohl sonst eher Gedränge herrscht. Der Plan ist denkbar einfach: Die Rambla runter bis zur nächsten Metrostation, dann links abbiegen und schon sind wir da. Das funktioniert auch so, allerdings nicht für alle. Frank und Schnuppi sind irgendwo unterwegs verloren gegangen. Schade, dass genau diese Beiden mit leeren Handyakkus unterwegs sind und nicht mitbekommen haben, wie das Hotel heißt. Da waren’s nur noch Fünf.

Einen halben Tag später treffen wir sie dann wieder am Strand. Männer gehen eben nicht verloren. Das laute Gelächter über die Dummheit dieser Vollpfosten, gepaart mit einigen Fäkalausdrücken und obszönen Gesten aus der Schwulenszene sorgen dafür, dass wir sehr bald am überfüllten Stadtstrand ein schönes Stückchen freie Fläche ganz allein für uns haben. Wir Deutschen sind ja so beliebt auf der Welt. Alle Vorurteile werden noch deutlich übertroffen.

Abends dann Stadtbummel, Paella-Essen und dann versumpfen wir in einem Straßencafe, in dem der Barkeeper alle Hände voll zu tun hat, uns eine Runde Mojitos nach der anderen zu servieren.

Der Kellner bringt Getränke
Der Kellner versorgt uns mit Lichtgeschwindigkeit mit Mojitos und Bier

Nach der sechsten Runde Mojitos kann kaum noch jemand gerade stehen. Wir zahlen eine Rechnung von 240,50 € aus der Mannschaftskasse. Und unser Kassenwart gibt dem nass geschwitzten Kellner ein Rekordtrinkgeld, selbst für schwäbische Verhältnisse: Minus 50 Cent. Mit schwerer Zunge erklärt er uns, dass 240 € ja wohl völlig ausreichen. Eigentlich hätten wir Rabatt bekommen müssen bei der Menge, die wir konsumiert hatten. Nach längerer Diskussion beschließen wir, noch einen Zwanzig-Euro-Schein als Trinkgeld nachzulegen. Gerade rechtzeitig, denn der Kellner hat soeben nachgezählt und er hat einen ziemlich stechenden Blick. Wie in den Filmen mit Franco Nero, kurz bevor Blut fließt. Wir wollen doch keine stolzen spanischen Dolche im Rücken haben.

Dies war der erste Tag unserer Kulturreise.

Samstag – Endlich Kultur

Als alle am nächsten Morgen wieder bei Sinnen sind, und mein Aspirin seine Wirkung entfaltet, beginnt der kulturelle Teil der Reise.

Der Plan sieht vor, dass wir einen Tagesausflug machen und alle kulturellen Sehenswürdigkeiten mit dem Doppeldecker-Hop-on-Hop-off-Bus abklappern. An der Starthaltestelle entdecken wir ein Hardrockcafe, was uns auf die Idee bringt, dass wir erstmal was Vernünftiges essen sollten. Und einen Long Island Ice Tea zur Erfrischung einnehmen, mit Rum, Gin, Wodka und Strohhalm. Und dann noch ein schnelles Bierchen. Schnell legen wir auch hier 250€ an und dann geht es endlich los. Auf der ersten Runde mit der roten Linie können wir uns noch nicht entscheiden, auszusteigen. Also zweite Chance und noch eine Runde mit der blauen Linie. An der Sagrada Familia wären wir beinahe ausgestiegen, aber die Trägheit ist größer als der Kulturtrieb und die Warteschlange an der Kasse ist dann doch zu abschreckend. Außerdem befindet sich die Kirche noch im Bau, da lohnt es sich zu warten.

Sagrada familia
Die halbfertige Sagrada familia aus dem vorbeifahrenden Bus

Aber am Park Güell müssen wir einen Stop einlegen. Erstens sind einige Blasen zu voll und zweitens erinnert sich jemand daran, dass in dem Park ein nettes kleines Cafe sei.

Und dort verbringen wir dann einige Stündchen bei einigen Runden Bier. Als das Niveau noch deutlich unter die Flughafenaktion sinkt, nehme ich schließlich unseren 18-jährigen Benjamin, der wie ich zum ersten Mal dabei ist, unter meine Fittiche und wir verlassen die Gruppe, um auf eigene Faust lokale Kultur zu erleben. Da waren’s nur noch zwei. So werden wir Zeugen der genialen Baukunst der spanischen Meister. Die Wasserwaage wurde hier offensichtlich erst später eingeführt.

Schräge Säulen
Höhepunkte der spanischen Baukunst. Wer nicht gerade bauen kann, muss eben mehr Säulen einplanen
Krumme Gänge
Auch ohne Alkohol fällt es hier schwer, gerade zu laufen

Aber einige Skulpturen des spanischen Meisters Gaudi sind durchaus sehenswert:

Skulptur von Gaudi
Skulptur im Parc Güell

Auch hier im Park gibt es ausreichend alkoholische Getränke:

Mojitos
Mojito to go im Selbstbausatz

Die Trennung von dieser Gruppe ist die beste Entscheidung des Wochenendes. Denn die Berichte über die Rückfahrt sind zwar unvollständig, verworren und teilweise widersprüchlich, aber es war wohl ungefähr so, dass mehrere Herren aus unserer Reisegruppe sich auf dem Oberdeck des Busses ihre übervolle Blase in eine Bierdose entleeren mussten. Die leider nur einen halben Liter fasste, was bei weitem nicht ausreichte. Worauf einige Gruppenmitglieder hässliche Flecken auf der Hose bekamen, Andere geistesgegenwärtig weitere Dosen füllten. Was nicht gelang, ohne dass die anderen Fahrgäste Kenntnis von diesem Vorgang erlangten und ihr Missfallen verbal und durch Körpersprache zum Ausdruck brachten. Und die dieserart brisant gefüllten Dosen wurden dann vom Aussichtsdeck des fahrenden Busses in Mülleimer am Straßenrand geworfen. Was natürlich nicht von Erfolg gekrönt war, da die Treffsicherheit zu diesem Zeitpunkt längst dem Alkohol zum Opfer gefallen war. Dies wiederum gefiel der aufsichtsführenden Busbegleiterin gar nicht. Was diese wohl dazu brachte, die Guardia Urbana an der Endhaltestelle über den Sachverhalt zu informieren. Woraufhin diese schon mit gelockerten Handschellen und Schlagstöcken und mit strengem Blick anrückten.

Was wiederum ich gesehen hatte, woraufhin ich im Gewimmel der Touristen unauffällig meine gefährdeten Kollegen in Sicherheit brachte. Allerdings, wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon die ganze Geschichte gekannt hätte, hätte ich der Natur vielleicht ihren Lauf gelassen.

betrunkene männer winken vom touristenbus
Die alkoholisierte Chaostruppe fährt mit lautem Hallo an der Endhaltestelle ein

So landen wir wieder beim Hardrockcafe. Wo Domme im Vollsuff seine Freundin anruft, die seit diesem Moment seine Ex-Freundin ist. Was ihm jeder vorher gesagt hatte, aber er nicht glauben wollte.

Regel 1 für Kulturreisen: Niemals im Vollrausch seine Freundin anrufen

Im Hardrock-Cafe bekommen wir in unserem Zustand keinen Tisch mehr. Also machen wir einen Einkaufsbummel. Die Verkäuferinnen sind begeistert, als wir zu Acht wie Heuschrecken über die Läden herfallen. Ein Muss sind natürlich die gut sortierten Fachgeschäfte:

Kondomgeschäft
Spanisches Fachgeschäft für Kondome

Abends lassen wir den kulturellen Tag wieder in unserer Stammkneipe mit einigen Mojitos ausklingen. Gut, dass ich schon zuvor auf Fuerteventura trainiert hatte, aber das ist eine andere Geschichte.

Kellner bringt Mojitos
Der Kellner hat wieder alle Hände voll zu tun

Obwohl der Weg von der Mojito-Bar zum Hotel Luftlinie keine 30 Meter beträgt, brauchen wir über eine Dreiviertelstunde. Bernd ist in einen hitzigen Streit mit einem Spanier verwickelt, der nur schwer von seiner Unschuld zu überzeugen ist.

Regel 2 für Kulturreisen: Niemals eine spanische Frau auf der Straße nach dem Preis fragen, auch wenn ihr Minirock noch so kurz ist. Vor allem dann nicht, wenn ihr Mann nur mal schnell eine Cola im Laden kauft.

Was nachts in den Dreierzimmern passierte, verschweige ich hier, teils aus Scham, teils weil meine Erinnerung lückenhaft und unzuverlässig ist. Außerdem kann man nie ausschließen, dass dieser Bericht auch Minderjährigen in die Hände fallen könnte. Man hat ja schließlich eine gewisse Vorbildfunktion für die jüngere Generation, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Regel 3 für Kulturreisen: Nicht ins Waschbecken reihern, sondern ins Klo

Sonntag – Rückreise

Ich dachte eigentlich, unser Hotel hätte den einen Stern dafür, dass das Dach dicht ist. Denn etwas anderes kann ich beim besten Willen nicht entdecken, was einen Stern rechtfertigen würde. Für Kakerlaken gibt es schließlich keine Sterne. Aber das war wohl eine Täuschung, denn als ich am Sonntag früh auf der Schüssel sitze, tropft es eindeutig von oben auf mich herunter. Ich will gar nicht wissen, was in einem 1-Sternehotel so von der Decke tropfen kann. Das Zimmer darüber ist auch von unserer Reisegruppe belegt, daher sollte man sich eigentlich nicht wundern.

Dafür liegt das Hotel „verkehrsgünstig“, das bedeutet direkt im Rotlichtviertel. Am Sonntag früh werden wir gegen halb sieben von lautem Stimmengewirr geweckt: Ein Flohmarkt wurde direkt unter unserem Fenster aufgebaut. Verkauft werden Gebrauchtgegenstände, Hehlerware und Marihuana. Als Bernd laut aus dem Fenster ruft „Policia, Policia!“ löst sich dieser nette Markt in etwa 2,5 Sekunden auf. Und erst nach einer halben Stunde wird langsam wieder aufgebaut. Erstaunlich, was so harmlose Worte alles bewirken können.

Der restliche Sonntag gestaltet sich sehr anständig, ohne Alkohol und fast ohne Geschrei. Der Rückflug verläuft friedlich, weil alle schlafen. Wir hätten uns allerdings merken sollen, wo wir unser Fahrzeug 2 abgestellt hatten. Irgendwie haben Gruppen immer den Effekt, dass sich jeder auf den anderen verlässt.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass Barcelona eine wunderschöne Stadt ist. Aber ich glaube, dies war meine erste und letzte Reise dieser Art. Für meinen Geschmack ist das einfach zu viel Kultur auf einmal.

Nachtrag: Ich habe den Verdacht, dass Wolle’s Termin in Istanbul kein Zufall war. Er war nämlich letztes Jahr am Ballermann dabei und dort war alles noch eine Nummer heftiger. Meinten die, die es wissen müssten, weil sie dabei waren, auch wenn sie sich nicht an Vieles erinnern. Aber heftiger war es, da sind sich alle einig. Und es gab jeden Tag eine Happy Hour, in der alle Getränke umsonst waren…

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – das 9-Euro-Land

Eine gute Idee ist eine tolle Sache. Wenn aber zu viele Leute die gleiche gute Idee haben, ist das Fiasko vorprogrammiert.

Neulich kam mir spontan eine Idee, die ich ziemlich gut fand:

Mit dem 9-Euro-Ticket an den Wannsee

Das mag bei meiner Berliner Leserschaft ein müdes Achselzucken hervorrufen. Aber von meinem Wohnort aus sind das immerhin gute 700 km, also deutlich weiter als bis zum Mittelmeer. Mit dem 9-Euro-Ticket sollte eine Bahnfahrt eigentlich bezahlbar sein und nebenbei tut das der Umwelt gut, dachte ich. Außerdem wird es mal wieder Zeit, den studierenden Sohn in der Hauptstadt zu besuchen. Zack, gebucht.

Leider war ich in den Pfingstferien nicht der Einzige mit einer guten Idee. Während die Fahrtabschnitte im ICE sehr entspannt verliefen, spielten sich auf den Regionalstrecken Dramen ab. Vor allem im Süden Deutschlands.

Was die Politiker nicht bedacht hatten, war die schwäbische Mentalität. Ein Schwabe kann Sonderangeboten generell nicht widerstehen. Und wenn er ein Ticket besitzt, mit dem er einen Monat lang durch Deutschland fahren kann, dann tut er das. Ausgiebig. Damit es sich rentiert. Koste es was es wolle.

Die maroden Bahnen brachen unter dem Ansturm der Massen vollends zusammen. Klimaanlagen stellten ihren Dienst ein, Türen verweigerten die Öffnung und Toiletten waren hoffnungslos überfordert. Über Pünktlichkeit wollen wir gar nicht reden, das war ja schon vor dieser Aktion nicht gerade die Stärke der Deutschen Bahn.

Umsteigen hatte einen Hauch von Monte Carlo. Mal gewinnt man, mal verliert man. Meinen Reiseplan konnte ich schon beim ersten Umstieg in den Papierkorb werfen. Manchmal gab es aber auch positive Überraschungen. Da fast jeder Zug Verspätung hatte, erreichte ich schon verloren geglaubte Anschlüsse doch noch. Wenn ich mich durch die Menschenmassen bis zum Zug durchkämpfen konnte.

Meine Reise startete in Ravensburg mit einer Meldung im DB Navigator, die meinen Elan spürbar ausbremste:

Reiseplan
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Oder ein Fluch…

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und immerhin wurde eine pünktliche Abfahrt angezeigt. Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, fuhr auch schon der Zug ein. Ich dachte erst „Hä, seit wann kommen deutsche Züge zehn Minuten zu früh?“ Aber es war nur der Vorgänger mit fünfzig Minuten Verspätung. Also alles normal.

Auch normal: es gab keine freien Sitzplätze mehr, dafür aber eine defekte Klimaanlage. Am Boden saßen etliche alkoholisierte Jugendliche mit Hund, die aus Langeweile mit ihrem goldenen Ticket sinnlos irgendwohin fuhren. Es stank wie in einem Vieh-Transporter.

Überfüllte Regionalbahn
„Jetzt mit der Bahn ganz entspannt Deutschland entdecken“ – Werbeslogan mit Humor

In Laupheim (West) wollte ein Fahrradfahrer zusteigen. Er prallte aber an der Mauer aus menschlichen Leibern ab und gab nach mehreren Versuchen frustriert auf.

In Ulm stieg ich um. Ich wusste gar nicht, dass so eine Regionalbahn 140 km/h schnell fahren kann. Könnte, denn nach 90 Sekunden hielt sie in Neu-Ulm. Beschleunigen und bremsen gehen da nahtlos ineinander über.

Nervige Anzeigen und Ansagen

Man kann sich bei der Deutschen Bahn über manches ärgern, aber meine drei meist gehassten Lieblings-Ansagen auf dieser Reise waren:

Platz 3: „Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich noch etwas, weil wir auf einen vorbeifahrenden Fernverkehrszug warten müssen“. Durchsage in einer Regionalbahn, als nach fünfzehn Minuten grundlosem Halt auf freier Strecke die ersten Fahrgäste kurz vor einer blutigen Revolte standen. Der Text war aber kaum zu verstehen, weil just in diesem Moment ein ICE vorbeischoss, dessen Druckwelle das Regionalbähnchen fast aus den Gleisen geworfen hätte.

Platz 2: „Zug fällt aus“. Anzeige auf dem Bahnsteig, eine halbe Stunde nachdem der Zug eigentlich abfahren sollte. Bis dahin nannte die Anzeigetafel am Bahnsteig 5 Minuten Verspätung, während die Navigator-App von 15 Minuten Verspätung wusste und die Ansage per Lautsprecher lautete: „Bitte Vorsicht an Gleis 2, Regionalexpress nach Donauwörth fährt ein“. Er fuhr nicht ein.

Platz 1: „Bitte nicht einsteigen. Dieser Zug ist überfüllt“. Ansage auf dem Bahnsteig, als der hoffnungslos verspätete Interregio sich mühsam in den Bahnhof schleppte. Das verängstigte Bahnpersonal schloss sich im Pausenraum ein, denn der wütende Mob war in Killerlaune.

Dialog der Verzweiflung

Ein Pärchen Mitte Zwanzig sitzt auf dem Boden im Flur eines völlig überfüllten Regionalzuges. Beide sehen etwas derangiert aus in ihren durchgeschwitzten T-Shirts. Offenbar sind sie schon länger unterwegs. Während er apathisch vor sich hin starrt, bearbeitet sie verbissen ihr Handy.

Sie: „Ich hab’s. Wenn wir in Ulm umsteigen und die Regionalbahn nach Donauwörth erwischen, können wir dort den IRE nach Ingolstadt nehmen. Wenn wir nicht wieder Verspätung haben. Und wenn wir uns in Ingolstadt sputen, erreichen wir die RB nach Regensburg, das wird aber knapp. Dort könnten wir die Bahn nach Weiden nehmen. Und wenn das alles klappt, könnten wir unseren Bus erreichen. Sonst müssen wir halt laufen. Aber jedenfalls kommen wir heute noch zuhause an, wenn wir alle Anschlüsse erreichen.“
Er: „Das sind aber viele wenns!“
Sie: „Und wenn du nicht gesagt hättest, lass uns mit dem 9-Euro-Ticket an den Bodensee fahren, hätten wir den ganzen Tag an unserem schönen Baggersee grillen können!“
Er: „Was für eine Scheiße!“
Zahlreiche Köpfe nicken heftig.

Zwischenstop mit Querdenkern

In Halle (an der Saale) legte ich eine Übernachtung ein. Schon am Bahnhof wird klar, dass die Bevölkerung von Sachsen-Anhalt von vorn bis hinten belogen wird. Entsprechende Theorien kannte ich aus dem Internet, aber dort kann man ja niemandem trauen. Also machte ich mich an diesem Montagabend zwecks unabhängiger Meinungsbildung selbst auf den Weg in die Innenstadt.

Wasserturm Zoo in Halle
Lügen überall: Das hier ist nicht der Zoo, sondern der Wasserturm!
Historische Gebäude in Halle
Historische Gemäuer, verkabelt und verwanzt. Unsichtbare Kondensstreifen am Himmel – alles sehr verdächtig!

Und so war ich hocherfreut, dass ich endlich, endlich eine echte sächsische Querdenker-Demo live und in Farbe erleben durfte. Bilanz: 1 Redner, 2 Techniker, 7 Zuhörer, 8 Polizisten. Zwei Alkoholleichen hielten sich an ihrer Bierflasche fest und skandierten halbherzig „Lauterbach muss weg, Lauterbach muss weg“. Konkreter wurde es nicht.

Ich war zuerst ein bisschen enttäuscht, denn im Fernsehen wird gerne der Eindruck vermittelt, in Sachsen-Anhalt bestünde „das Volk“ mehrheitlich aus quer denkenden Rechtsextremen. Aber das hier war sicher nicht das Volk, zumindest fehlten die restlichen 240.106 Einwohner von Halle. Die wenigen Passanten verdrehten genervt die Augen und machten einen großen Bogen um die Veranstaltung.

Querdenker in Halle an der Saale
Querdenker-Demo

Als ich mein Handy zückte, um ein paar Aufnahmen zu machen, zeigte der Redner mit dem Finger auf mich und rief laut ins Mikrofon: „Der Verfassungsschutz kann gerne alles mitschreiben. Die Wahrheit findet immer einen Weg!“ Als mich mehrere Polizisten neugierig musterten, winkte ich ab und machte mich auf den Weg ins Hotel. Schnell meinen Bericht fürs LKA schreiben.

Berlin: Wannsee und Berghain

Der Wannsee ist genau wie der Bodensee, nur anders. Viel kleiner. Und flacher. Und ohne Berge. Und teurer. Aber auch mit Wasser und Booten und Strandbad.

Wannsee Strandbad
Der Wannsee- ein Hauch von Ostsee

Als ich mit dem SinnlosStudierenden abends durch die Kieze streifte, kamen wir zufällig am berühmtesten Club der Welt vorbei. Im Berghain soll es die härtesten Türsteher aller Zeiten geben, an der auch Prominente wie Elon Musk scheitern. Und man munkelt von freizügigen Fetischparties und geheimen Darkrooms. Mein Bedarf an Darkrooms liegt seit der Reparatur der einzigen Lampe in unserem fensterlosen Keller im Minusbereich, aber neugierig war ich trotzdem.

Erstaunlicherweise konnten wir unbehelligt in die heiligen Gemäuer spazieren. Vielleicht waren wir zu früh, denn wir waren die einzigen Gäste. Wir stießen gerade mit einem Moscow Mule auf die Ukaine an, als ein skurriler Typ im Fußballdress an unseren Tisch stürmte. Wenn die Polizei gleich nach ihm fragen würde, sollten wir bestätigen, dass er seit einer Stunde hier bei uns gewesen sei. Der Franzmann hätte ihn wieder mal verpfiffen und er wolle nicht schon wieder eine Nacht in der Zelle in Tempelhof verbringen. Dann textete er uns mit wirren Dystopien zu (Bomben auf Berlin sind möglich, Oliver Scholz und Angelika Merkel haben Blut an den Händen, wenn ich die Leiche von Disefa Ligura sehe, sterbe ich), bis ihn der Barkeeper freundlich aber bestimmt hinaus komplimentierte.

Im Berghain herrscht strengstes Fotografierverbot, aber es gelang mir, in einem unbeobachteten Moment für meine Leser ein exklusives Bild zu machen. Hinter der Tür verbirgt sich vermutlich der geheime Darkroom. Oder das Bierlager.

Berndhain
Berghain? Berndhain? Wer wird denn so kleinlich sein.

So, das war’s für heute. Bald geht der SinnlosReisende wieder hinaus in die weite Welt, um euch von seinen Erlebnissen zu berichten.

Die rote Schildkröte

Mexiko – ein Beitrag über eine rote Schildkröte, eine blaue Lagune und eine gelbe Stadt. Und über Mayas und korrupte Polizisten.

Die Lagune von Baccalar

In Vorbereitung auf unsere Mexikoreise hatte ich versucht, mit einer kostenlosen Sprach-App etwas Spanisch zu lernen. Das einzige, was ich mir merken konnte, war der Ausdruck „Yo no soy una tortuga roja“, auf Deutsch: „Ich bin keine rote Schildkröte“.

Das ist zwar korrekt, aber im Alltag nicht besonders hilfreich. Trotzdem gelang es mir, einen Boots-Ausflug auf der Laguna de Baccalar zu buchen. In dieser kleinen Lagune ist man mächtig stolz auf viele verschiedene Blautöne.

Die Lagune wird von einem kleinen Zufluss gespeist, der über ein Gefälle eine ordentliche Strömung entwickelt. „Los Rapidos“ ist ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimischen Großfamilien. Sie packen ihre Pick-Ups mit Kindern, Essen und Getränken voll und verbringen hier den Nachmittag.

Mexikanisches Picknick
Badespaß in den Stromschnellen

Der Padre zählt immer wieder durch, denn so ein aufblasbares Schwimmtier wird ganz schnell von der Strömung erfasst. Und dann muss man den Nachwuchs ein paar Kilometer weiter in der Lagune suchen.

Spielende Kinder in Los Rapidos
Das Seil ist die letzte Chance für Nichtschwimmer…
Los Rapidos - kleine Stromschnellen in Mexiko
…bevor Los Rapidos die weitere Fahrt übernimmt.

Ich geh mal schnell tanken

Nach einigen wunderschönen Tagen machten wir uns mit unserem Mietwagen auf den Weg zurück an die Karibikküste. Da das Benzin nicht bis dort reichen würde, steuerten wir die einzige Tankstelle in der Gegend an. Der Tanklastwagen wäre diese Woche nicht gekommen und es gäbe erst Übermorgen wieder neues Benzin, klärte mich der Tankwart mit einem Achselzucken auf. Frühestens.

Nach einer längeren Diskussion über unsere Notlage bekamen wir einige Liter aus seiner Reserve. Offensichtlich kommen solche Engpässe in Mexiko öfters vor und die Menschen haben sich darauf eingestellt. Niemand regt sich auf und es gibt keine Hamsterkäufe. Im schlimmsten Fall verschiebt man halt seine Pläne um ein paar Tage. Vielleicht sollten wir uns in Deutschland ein bisschen was davon abschauen und nicht gleich beim ersten Zeitungsgerücht Sonnenblumenöl und Backhefe für Jahrhunderte bunkern.

Unterwegs besuchten wir Nohoch Mul, die höchste Pyramide von Yucatan. Die Mayas waren geschickte Baumeister, aber sie hatten noch keine Aufzüge erfunden. Die Touristen werden von den Stufen magnetisch angezogen. Manche merken erst beim Abstieg, wie steil die Treppen tatsächlich sind.

Maya Pyramide mit Treppen
Treppensteigen als Volkssport
Maya Pyramide von oben
Schwindelfreiheit am Besten vor dem Aufstieg überprüfen!

Izamal, die gelbe Stadt

Izamal, Mexico
Izamal mit der Pyramide Kinich Kakmó im Hintergrund

Die Experten sind sich bis heute nicht einig, warum in Izamal seit Jahrhunderten alles gelb gestrichen wurde. Gab es historische Gründe oder war es eine Aktion zu Ehren eines Papstbesuches? Oder einfach nur eine versehentliche Fehlbestellung des lokalen Baumarktleiters? Ich vermute, es war ein Trick der spanischen Eroberer: Die hatten nämlich die Steine der Pyramiden für den Bau ihrer Kirchen und offiziellen Gebäude „recycelt“. Damit die Mayas gegen diesen Frevel nicht meuterten, wurden die neuen Bauwerke mit der heiligen Farbe ihrer Götter angepinselt. Diese Theorie ist zwar genauso wackelig wie alle anderen, aber solange mich Niemand widerlegt, darf ich ja wohl noch spekulieren.

Gelbe Häuser in Izamal, Mexico
Farbenfroh
Platz in Izamal, Mexiko
Zentraler Platz von Izamal
Kreuze im Konvent San Antonio von Padua
Ostermontag. Die Gekreuzigten sind schon auferstanden und beim Frühschoppen

Playa Tortuga

In Akumal zahlten sich dann endlich meine Spanischübungen aus: Hier liegt die Playa Tortuga. Und man kann sogar die Riesenschildkröten beim Abweiden des Seegrases beobachten. Obwohl es im Internet immer wieder anders behauptet wird: Nein, man braucht keinen Guide! Man leiht sich einfach für ein paar Dollar am Ortseingang ein Schnorchelset und geht an den Strand.

Die Schildkröten findet man leicht: sie befinden sich dort, wo mehrere Schnorchler im Pulk auf dem Wasser treiben. Aber Achtung: Schildkröten sind keine Fische! Sie müssen alle paar Minuten zum Luftholen auftauchen. Das führt immer wieder zu Panik auf beiden Seiten, wenn ein auftauchender Panzer im Gedränge von unten gegen einen Schnorchler prallt.

Strand Playa Tortuga
Playa Tortuga
Tauchende Riesen-Schildkröte
Schildkröte auf Tauchgang
Wasser-Schildkröte taucht zum Luftholen auf.
Beim Luftholen

Leider ist die Dummheit der Touristen grenzenlos. Einige bedrängen die armen Tiere für ein „cooles“ Instagram-Foto so stark, dass die kurz vor dem Burnout stehen. Trotz unübersehbarer Verbotsschilder cremen sich manche Leute fett ein und gehen dann direkt ins Wasser. Denen würde ich am liebsten ihre Sonnencreme-Tube in die Nasenlöcher rammen und solange drücken, bis ihnen das Zeug aus allen Poren quillt. Dann würde ich sie im Sand panieren und… und … Aaaahrggh … und dann spüre ich eine dunkle Seite in mir, die mir Angst macht. Vielleicht bin ich doch ein kleines bisschen eine rote Schildkröte.

Soy una tortuga roja

Die Kultur der Mayas

Ohne die Mayas wäre Fernsehen oder Kino unattraktiv, denn es gäbe weder Chips noch Popcorn. Sie waren nämlich die ersten Menschen, die Kartoffeln, Mais und Bohnen aus wilden Pflanzen kultiviert hatten. Diese „tres hermanas“, die drei Schwestern der Ernährung sind heute noch die Basis der mexikanischen Küche. Die spanischen Eroberer konnten damit wenig anfangen, denn damals gab es noch keine Filme, zu denen man etwas knabbern konnte. Logisch.

Die Mayas beherrschten aber auch einige fortschrittliche Kultur-Techniken, die von den Europäern dankbar übernommen wurden: Astronomie, Mathematik und die Beseitigung von politischen Gegnern durch Menschenopfer.

Außerdem waren die Mayas talentierte Baumeister. In Chichén Itzá kann man das heute noch bestaunen: die Pyramide des Kukulcán hat vier Seiten mit insgesamt genau 365 Treppenstufen. An der Nordseite ereignet sich jedes Jahr zur Tag-und Nachtgleiche das Schauspiel der gefiederten Schlange. Die Neigungen der Pyramidenkanten und der Treppe sind nämlich genau so aufeinander abgestimmt, dass die Sonne an diesen beiden Tagen den Schatten einer riesigen Schlange erzeugt, die sich langsam die Treppe herunterwindet.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Pyramide des Kukulcán mit der Schlangentreppe

Noch erstaunlicher sind die akustischen Effekte. Klatscht man vor einer Treppe in die Hände, hört man ein lautes Echo, das dem Ruf des Quetzal ähnelt. Die Schritte einer Person am oberen Ende der Treppe klingen am unteren Treppenabsatz wie fallende Regentropfen. Klatscht Jemand in der Mitte des benachbarten Ballspielplatzes, hört man das Gebrüll eines Jaguars.

Das könnte natürlich Zufall sein. Aber nachdem sowohl der Regen als auch die heiligen Tiere Quetzal und Jaguar enorme Bedeutung bei den Mayas hatten, war hier wohl eher ein begnadeter Sounddesigner am Werk. Tausend Jahre, bevor die moderne Wissenschaft diese Technik entdeckte.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Hobbyakustiker beim experimentieren

Es lohnt sich, mit dem eigenen Fahrzeug frühzeitig anzureisen, um in aller Ruhe die prachtvollen Bauten zu bestaunen. Denn die Reisebusse aus Cancun müssen warten, bis ihre Touristenfracht das Frühstücksbuffet geplündert hat.

Kriegertempel Chichen Itza
Der Tempel der Krieger
Säulen der Krieger in Chichen Itza
Die tausend Säulen des Kriegsgottes
Ballspielstadion in Chichen Itza
Der heilige Rasen der Mayas: Ballspielstadion

Die Erben der Mayas

Die Mayas hatten schon früh ziemlich ausgefuchste Kalender entwickelt, deren Bedienungsanleitung allerdings von den spanischen Eroberern als heidnischer Schnickschnack verbrannt wurde. Da ihr letzter Kalenderzyklus am 21.12.2012 endete, spekulierten selbsternannte Experten über einen Weltuntergang an diesem Datum. Ist ja auch logisch, dass die Welt untergeht, wenn ein Kalender endet.

In Hollywood setzte Roland Emmerich dieses Gerücht mit viel Gedöns in einen Katastrophenfilm um. Etliche Spinner verschenkten daraufhin ihren Besitz, um sich auf den Weltuntergang mit reiner Seele vorzubereiten. Am nächsten Morgen schauten die gereinigten Seelen dann ziemlich blöd in die aufgehende Sonne, denn wieder einmal war Armageddon ausgefallen. Hätten sie doch besser mal bei den heute noch lebenden 5 Millionen Mayas nachgefragt; die führten ihr Leben nämlich ganz entspannt weiter und bestellten Enchilladas und Cola beim Lieferdienst.

Coca Cola vor Mayaruinen
Kulturelle Highlights aus verschiedenen Epochen

Überhaupt haben sich die Erben der Mayas ganz gut an die neuen Gegebenheiten angepasst. Die meisten gehen einer ehrlichen Arbeit nach, verhökern garantiert echte Plastikamulette aus Taiwan an die Touristen. Einige wenige schmuggeln Menschen oder handeln mit Drogen. Mexiko ist daher in manchen Gegenden nicht ungefährlich. Die größte Gefahr droht dem Touristen aber von der Polizei.

Am letzten Abend vor dem Rückflug gerieten wir mit dem Mietwagen in eine Verkehrskontrolle. Ich überreichte dem freundlichen Polizisten meinen Führerschein mit reinem Gewissen, denn ich war sicher nicht schneller als 50 gefahren und auf der dreispurigen Straße war 60 erlaubt.

Das sah der ehrenwerte Ordnungshüter anders, denn er forderte mit einem bedauernden Lächeln ein Bussgeld von 200 US-Dollar, weil wir 80 gefahren wären. Ich lächelte zurück und widersprach ihm höflich. Er bestand auf seiner Position, bot mir aber als Kompromiss an, auch Euros zu akzeptieren. Ich fragte ihn respektvoll nach einem Foto oder Messprotokoll, weil es sich ja möglicherweise um ein Missverständnis handeln könne. Messungen würden sie keine machen, entgegnete er. Mexikanische Polizisten wären aber so gut geschult, dass sie mit dem bloßen Auge die Geschwindigkeit ermitteln könnten.

Wir schauten uns einige Sekunden in die Augen und ich wusste, dass er log. Und er wusste, dass ich es wusste. Also wechselte ich die Strategie im Verhandlungspoker. Wir hätten keine 200 Dollar bei uns. Letzter Urlaubstag, sorry. Ob er mir vielleicht einen Strafzettel ausstellen könne. Das Lächeln des Beamten wurde etwas breiter als er mir anbot, meinen Führerschein einzubehalten. In diesem Fall müsste ich ihn dann am nächsten Tag auf dem Revier in Cancun gegen eine Gebühr von 300 Dollar abholen. Bearbeitungszuschlag. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. Meine Entscheidung.

Ich wog rasch meine Optionen ab. Mein internationaler Führerschein lief sowieso bald ab und morgen früh saßen wir im Flieger nach Deutschland. Ich akzeptierte seinen Vorschlag. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn sein Lächeln war nun deutlich dünner geworden.

Letztendlich einigten wir uns darauf, ihm die fünf Dollar aus unserem Wurfgeld für Banditen und alle Münzen zu überlassen. Dann gab er meinen Führerschein zurück, wünschte uns eine gute Fahrt und ermahnte mich, immer schön langsam zu fahren. Ich bedankte mich höflich und wünschte ihm ein schönes Restleben. Beim Losfahren vernahm ich einige böse Worte über geizige Gringos, aber unser lautes Lachen übertönte seine Flüche.

Sonnenuntergang über dem Meer in Mexiko
Hasta la vista

Tod in Mexico

Eine Geschichte über die drei wichtigsten Themen: das Leben, den Tod und die Schokolade

Der Tod und das Leben

Die Mexikaner haben eine ganz besondere Beziehung zum Tod. Sie sind davon überzeugt, dass die Verstorbenen ein Mitglied der Gesellschaft bleiben. Am Dia de los Muertes, dem Tag der Toten, kehren sie sogar für kurze Zeit zu den Lebenden zurück. Das muss natürlich gefeiert werden und feiern können die Mexikaner. Drei Tage lang werden die Friedhöfe festlich geschmückt und farbenfrohe Partys rocken das ganze Land.

Da die Reise zu den Lebenden ganz schön hungrig macht, bekommen die Toten ihre Lieblingsspeise und ausreichend Getränke an ihren Gräbern serviert. Besonders bei der Rückfahrt wird für ausreichend Proviant gesorgt, denn man will ja Niemanden auf den Gedanken bringen, auf Dauer zu bleiben. So beliebt ist die verstorbene Verwandtschaft dann wieder auch nicht. Um die Ahnen nicht zu verärgern, werden die Gräber ziemlich aufwändig gebaut. Man weiß ja nie, mit welchen dunklen Mächten sie im Jenseits Kontakt haben.

Friedhof in Mexico mit Gräbern
Wohnen für die Ewigkeit: Friedhof in Mexico

Der Totenkult ist auch außerhalb der Feierlichkeiten nicht zu übersehen, denn überall stehen Skelette herum, mit denen der personifizierte Tod dargestellt wird. Wie wird eigentlich „der Tod“ korrekt gegendert? Die Tode? Nein, das ist der Plural. Die Tödin? Die Todde? Die Töde? Ich bin für jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar. Wir wollen ja nicht die Gefühle von weiblichen „Sensenfrauen“ verletzen…

Reitende skelette
Hier reiten der Tod und seine… ähm, Tödin?
Skelett mit Kleid
Auch Tote gehen mit der Mode
Skelette mit Tablett auf dem kopf
Totenfeier. Tote feiern.
Elvis als Skelett
Und Elvis lebt doch! Ich wusste es!

Der Totenkult entstand schon vor vielen tausend Jahren bei den Ureinwohnern Mittelamerikas. Für die Mayas war der Tod eine natürliche Phase im Lauf des Lebens. Da machte es auch nichts aus, hin und wieder ein Menschenopfer zu zelebrieren, um die Götter milde zu stimmen. Da die spanischen Eroberer ziemlich konsequent alle Unterlagen der Mayas verbrannt hatten, rätseln die Wissenschaftler heute noch über ihre Kultur.

Die Maya-Ruinen von Uxmal

Immer wieder werden im undurchdringlichen Urwald Mayastädte entdeckt. In Uxmal steht eine der ganz seltenen runden Pyramiden. Man weiß wenig über die Pyramide des Zauberers, aber man vermutet, dass der zuständige Priester immer mal wieder ein Menschenopfer aus den Reihen potentieller Konkurrenten auswählte. Praktisch, wenn man seinen Gegnern ganz legal im Dienst für die Allgemeinheit das Herz aus dem Leib schneiden kann.

Pyramide des Zauberers in Uxmal
Die runde Pyramide. Der Zauberer wohnte im Penthouse
Ruine mit Maya Reliefs
Beeindruckende Reliefs
Steile Treppe auf ein Mayagebäude
Sinnloses Treppensteigen bei 35 Grad
Blick auf eine Mayastadt
Ausblick von oben
Mayaruinen im Urwald
Mitten im Urwald
Relief mit Mayakriegern
Noch mehr Reliefs

In ihrer Blütezeit lebten wohl etwa zehn Millionen Mayas in Mittelamerika, die in vielen Städten mit teilweise über 10.000 Einwohnern organisiert waren. Sie hatten ausgeklügelte Bewässerungsanlagen gebaut und Mais, Bohnen und Kartoffeln aus wilden Pflanzen kultiviert. Man entdeckte bisher 500 (in Worten: Fünfhundert) Ballspielstadien, deutlich mehr als ganz Europa zur gleichen Zeit anbieten konnte.

Ballspielstadion der Mayas
Das Wembley der Mayas: Stadion für Ballspiele
Wand mit eingestürzten Reliefs
Hooligans waren schon damals ein Problem

Lange rätselten die Forscher über die Bedeutung eines Tores, das in der Nähe von Uxmal entdeckt wurde. Bis sie dahinter im dichten Dschungel ein Fernstraßennetz fanden, über das die Städte miteinander verbunden waren.

El Arco, ein Tor der Mayas
El Arco- Mautstation der Mayas

Die Schokolade

Wir übernachteten in der Nähe von Uxmal bei Valerie im Pickled Onion in einer Hütte, die im Mayastil mit natürlichen Baumaterialien aus der Region erstellt wurde. So kommt man bei tropischen Temperaturen auch ohne Klimaanlage aus.

Bungalow im mayastil
Bungalow im Mayastil
Hängematte am pool
Siesta

Einen Besuch im naheliegenden Museo del Chocolate ließen wir uns nicht entgehen. Hier erfährt man, wie aus den heimischen Kakaobohnen in vielen mühsamen Schritten irgendwann am Ende die leckere Schokolade herauskommt. Seitdem esse ich Schokolade mit noch mehr Respekt. Schade, dass man wegen der Hitze keine Vorräte mitnehmen konnte.

Choco-Story in Uxmal
Schokoladenmuseum

Im Garten des Schokomuseums gibt es eine sehenswerte Pflanzensammlung mit ungewöhnlichen einheimischen Gewächsen und einige lokale Tierarten, wie Jaguare und Riesenschlangen.

Kaktus mit dicken Stacheln
Wehrhafter Kaktus
SinnlosReisender mit Riesenschlange
Im mexikanischen Urwald fällt das Sterben leicht

Auch wenn der Tod etwas ganz natürliches ist, Ich möchte bitte erst noch meine Schokolade aufessen. Soviel Zeit muss sein!

Das schlechteste Getränk von Mexico

Die schnellste Maus von Mexiko heißt Speedy Gonzales, das weiß ich aus den Zeichentrickserien meiner Kindheit. Nun wird es Zeit, das schlechteste Getränk von Mexiko kennen zu lernen.

Isla Mujeres

Zu einer Zeit als Corona noch eine mexikanische Biersorte war, machten wir eine Rundreise auf der Halbinsel Yucatan. Zur Eingewöhnung verbrachten wir ein paar chillige Tage auf Isla Mujeres, der Insel der Frauen. Der Name ist aber irreführend, denn auch Männer dürfen dort ohne Repressalien Urlaub machen.

Aber bald ist das für deutsche Männer eh kein Problem mehr. Denn laut Entwurf des Geschlechtseintragungsänderungsgesetzes soll bald jeder Bürger ganz unbürokratisch sein Geschlecht frei wählen können. Ich glaube, ich werde mich für einige Wochen zur Frau erklären. Dann kann ich endlich ohne schlechtes Gewissen auf den tollen Frauenparkplätzen parken, die sauberen Damentoiletten benutzen und mir meinen Jugendtraum erfüllen: Einmal in der Damenumkleide unseres Sportvereins duschen gehen. Mädels, ich freue mich schon darauf!

Auf der Insel suchten wir uns erstmal einen Mietwagen. Ich hatte gelesen, dass hier ganz fortschrittlich ausschließlich Elektrofahrzeuge vermietet werden. Die Auswahl war allerdings etwas eingeschränkt, denn es gab nur ein einziges Modell: „Familie Feuerstein“ als Golf Cart. Das Gefährt war ungefähr so sexy wie Herpes und fuhr maximal 25 km/h. Die einzige Alternative war das Taxi.

Der SinnlosReisende fährt elektrisch
Taxi Golf Cart auf  Isla Holbox
Taxi

Auf Isla Mujeres dürfen nämlich nur Versorgungsbetriebe und Handwerker ein richtiges Auto fahren. Da die Insel sehr klein ist, reicht so ein Minimalfahrzeug absolut aus. Und das hat den Vorteil, dass man ganz entspannt in den Straßen schlendern kann, ohne ständig auf den Verkehr zu achten.

Müllwagen auf Isla Mujeres
Die Müllabfuhr auf Isla Mujeres
Hauptstraße auf Isla Mujeres bei Nacht ohne Autos
Entspannte Hauptstraße ohne Autos

Am Strand geht es sehr gechillt zu, das geht gar nicht anders. Wir verbrachten einige Tage im Karibikmodus, ernährten uns von leckeren Tacos, Tortillas oder Quesadillas und schlürften die eisgekühlte Reismilch Horchata.

Blick auf Cancun von Isla Mujeres
Isla Mujeres. Am Horizont die Hotelburgen von Cancun
Strand
Wer hier Stress hat, ist selber schuld

Das Michelada-Debakel

Ich bin ja in fernen Ländern immer auf lokale Spezialitäten neugierig. Als ich Abends in der Beach-Bar ein mir unbekanntes Getränk mit dem Namen Michelada auf der Karte entdeckte, bat ich den Kellner zum Beratungsgespräch. Er reagierte ganz euphorisch, lobte meinen ausgezeichneten Geschmack und erklärte, dass Michelada das Nationalgetränk von Mexiko und speziell dieser Region sei und außerdem das Lieblingsgetränk aller Mexikaner. Und da zufällig genau in dieser Bar die besten Micheladas weit und breit serviert wurden, erfülle es ihn mit Stolz, mich an dieser Köstlichkeit teilhaben zu lassen. Zumindest war es ungefähr das, was ich aus seinem Kauderwelsch aus Englisch und Spanisch heraushörte.

Wenig später kam das Getränk, eine trübe Flüssigkeit in einem Halbliterglas mit etwas Klebrigem am Glasrand. Der Kellner wartete neben unserem Tisch und schaute mich mit einem strahlenden Lächeln erwartungsfroh an. Ich probierte vorsichtig von dem Gemisch, das einen eigenartigen Geruch verströmte, den ich nicht richtig einordnen konnte. Als meine Geschmacksnerven erste Signale rückmeldeten, erstarrte ich. Die SinnlosReisende schaute mich fragend an. Der Kellner erkundigte sich mit stolzgeschwellter Brust, wie es mir schmecke. Ich zwang meine Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln und murmelte etwas Unverbindliches, um ihn loszuwerden.

Dann versuchte ich, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Das Gesöff schmeckte so widerlich, dass ich mich kaum zu einem zweiten Schluck überwinden konnte. Aus der Ferne reckte der Kellner den Daumen nach oben und rief ein lautes „Salud!“. Auch nach mehreren Versuchen konnte ich mich nicht an den unbeschreiblichen Geschmack gewöhnen, aber ein Nationalgetränk lässt man nicht zurückgehen. Während die SinnlosReisende sich einen Ast ablachte, kämpfte ich würgend einen einsamen Kampf gegen Mexikos Nationalehre. Ich verdünnte das Getränk heimlich aus meiner Wasserflasche, aber das änderte nichts an dem Brechreiz, der mich langsam überkam.

Der Kellner bemerkte nach einer Weile, dass sich der Füllstand in meinem Glas kaum änderte und fragte mit besorgter Miene, ob es ein Problem gäbe. Um seinen Stolz nicht zu verletzen, versuchte ich mich vorsichtig mit Hinweisen auf das deutsche Reinheitsgebot und einen verdorbenen Magen herauszureden. Am Ende deutete ich an, dass dieses Getränk einfach nur himmlisch schmecke, aber speziell mir eben nicht so ganz zusage.

Der Kellner hörte meinem Gestammel mit gerunzelter Stirn zu. Dann griff er mein Glas und meinte, möglicherweise habe sich der neue Barkeeper in der Mixtur vertan und versprach, mir ein neues Glas zu bringen. Nach einer hitzigen, lauten Diskussion an der Bar stellte er erneut ein volles Glas vor mich und stellte sich breitbeinig mit verschränkten Armen neben unseren Tisch. Außer dem Kellner und mehreren einheimischen Gästen beobachtete mich auch der Barkeeper mit einem langen Messer vom Limettenschneiden in seiner Hand.

Mir wurde schlagartig bewusst, wie schmal der Grat zwischen karibischer Urlaubsstimmung und kulturellem Debakel ist. Ich sah mich schon als Opfer einer Getränke-Vendetta. Und plötzlich fiel mir ein, wie viele Touristen in Mexico spurlos verschwinden. Vorsichtig nahm ich einen kleinen Schluck. Während die SinnlosReisende mühsam einen Lachanfall unterdrückte, versuchte ich meine Panik in den Griff zu bekommen. Das Getränk schmeckte genauso giftig wie das erste Glas. Tapfer zwang ich mich zu einem Lächeln und reckte den erhobenen Daumen in Richtung Bar.

Skelett bringt Getränke
Noch eine Runde Micheladas, Señor?

Auf meine Frage, aus was denn diese Michelada bestehe, erfuhr ich die Zubereitung: Man wälzt den mit Zitronensaft angefeuchteten Glasrand in Salz und Chillipulver. Dann füllt man zwei Finger hoch Maggi Flüssigwürze in das Glas und gibt ein paar Eiswürfel, einen Schuss Tabasco sowie einen Spritzer Limettensaft hinein. Dann gießt man das Ganze mit einer Mischung aus Tomatensaft, Venusmuschelpulver und Bier auf. Fertig ist die Katastrophe*. Ich bedankte mich für die Information und begab mich auf die Toilette um mich zu übergeben. Ich war nicht der Einzige.

Jaguar Skulptur in Toilette
Jaguarpärchen, beim Erbrechen einer Michelada auf der Toilette überrascht

Während der Kellner eine Zigarettenpause machte und der Barkeeper gerade beschäftigt war, schüttete ich das Getränk unauffällig in den Pflanzenkübel neben unserem Tisch. Als das Bäumchen die ersten Blätter abwarf, entfernten wir uns zügig.

Rio Lagartos und Las Coloradas

Nach einigen wundervollen Tagen nahmen wir die Fähre zurück ans Festland, wo wir uns einen Mietwagen besorgten, diesmal ein erwachsenes Fahrzeug. Nach unglaublichen drei Stunden Wartezeit am Schalter von Europcar (Herzlich willkommen auf unserer schwarzen Liste der Firmen, mit denen wir keine Geschäfte mehr machen!) erhielten wir den Schlüssel für einen Chevrolet Spark. Der Fahrzeughersteller hatte sich in vergangenen Jahrzehnten einen zweifelhaften Ruf erworben. „Unsafe at any speed“ war das Fazit der Testzeitschriften. Unser Modell war eine Sonderedition ohne neumodischen Firlefanz wie ABS, ESP oder Airbags, aber immerhin mit Klimaanlage und einem Motörchen, das Geschwindigkeiten knapp über 100 km/h erlaubte. Schneller will man auf mexikanischen Straßen sowieso nicht fahren.

Wir fuhren nach Rio Lagartos, wo wir im gleichnamigen Nationalpark einen Bootsausflug machten. In den verzweigten Lagunen gibt es Mangroven, Flamingos und Kaimane. Letztere sind etwas beunruhigend, denn im selben Gewässer liegt auch die Insel mit dem Badestrand. Unser Bootsführer versicherte uns, dass es hier völlig ungefährlich sei. Trotzdem hatte er die Bezahlung im Voraus kassiert und ging selbst nicht ins Wasser. Sicher ist sicher.

Mangroven in Rio Lagartos
Unberührte Mangrovenwälder
Pelikana in Rio Lagartos
Auch Wasservögel mögen keine nassen Füße
Kaiman schwimmt im Wasser
Hungriger Badegast
Flamingos in Rio Lagartos
Einbeinige Wanderer

In Las Coloradas ist der Name Programm. Hier wird Salz gewonnen, was dem Wasser eine eigenartige Farbe verleiht. Angeblich enthält der schlammige Boden hier wertvolle Mineralien, die gut für die Haut und für ein langes Leben sein sollen. Die Wirkung muss aber eher langfristig sein, denn während der Behandlung merkt man nicht viel. Immerhin gibt es hier Urzeitkrebse und die sehen wirklich alt aus.

Die SinnlosReisenden im Beauty-Modus
Pinkfarbenes Wasser in Las Coloradas
Salzbecken in Pink
Boot am Strand von Las Coloradas
Am Strand von Las Coloradas

Die Ruinen von Ek Balam

Die Fahrt durch das ländliche Yucatan ist ziemlich eintönig. Das Land ist flach und bewaldet und daher sieht man kilometerlang nichts als Bäume neben der Straße.

Straße mit Bäumen in Yucatan
Ein bisschen mehr Aussicht könnte nicht schaden

Das war vielleicht auch der Grund, warum die Mayas mitten in den Dschungel so hohe Pyramiden bauten. In Ek Balam bestaunten wir die gut erhaltenen Überreste einer Siedlung. Es kostet etwas Schweiß, bis ganz nach oben zu klettern, aber es lohnt sich. Denn die schönsten Reliefs findet man im Dachgeschoss, dort wo die Priester ihrem Handwerk nachgingen.

Ruinen von Ek Balam
Die Ruinen von Ek Balam
Blick auf die Ruinen von Ek Balam
Von oben sieht man endlich weiter als bis zum nächsten Baum
Maya Tempel mit Reliefs
Ganz oben: Die Galerie der Stinkefinger

Nach der anstrengenden Kletterpartie in tropischer Hitze nahmen wir ein Bad in einer Cenote. Das sind runde Löcher, die ohne ersichtlichen Grund mitten in der Landschaft entstanden sind. Es ist einfach nur herrlich, alleine in dem stillen Wasser zwischen den herabhängenden Luftwurzeln zu planschen.

Cenote ohne Menschen
Idyllisches Badeplätzchen
Cenote mit Badenden
Nach Ankunft eines Reisebusses

* Später erfuhr ich, dass es durchaus trinkbare Variationen der Michelada gibt. Die Menge der Flüssigwürze macht den Unterschied zwischen Durstlöscher und Brechmittel. Hasta luego!

Gran Canaria -Teil 2

Ein Bericht über kreative Bergdörfer und Vulkane. Und über eine afrikanische Prinzessin, die gar keine ist.

Nachdem wir die Sinnlosigkeit des Massentourismus von Maspalomas satt hatten, waren wir in die zauberhafte Bergwelt von Gran Canaria gezogen. Das hatte uns so gut gefallen, dass wir noch einen zweiten Ausflug wagten.

Das Bergdorf Firgas

In Firgas machte man aus der Not eine Tugend. Wenn man schon dauernd Treppen steigen muss, dann soll es wenigstens eine sein, die ein paar Touristen ins Dorf bringt. Also legten sich die Fliesenleger mächtig ins Zeug und verzierten die Stufen mit Azulejos, keramischen Kacheln, die die einzelnen Gemeinden von Gran Canaria und die Inseln des kanarischen Archipels darstellen. Nice!

Treppe mit Wasserfall in Firgas
Die Treppen von Firgas
Sitzbänke in Firgas mit farbigen Fliesen
Fast zu schön zum Sitzen
Kacheln in Firgas
Gekachelter Erdkundeunterricht
Waschende in Beton
Was will uns der Künstler damit sagen?
Kaktus
Kanarische Flora – der Gebirgskaktus

Der höchste Kirchturm der Kanaren steht in Arucas und gehört zur Parroqia de San Juan Bautista. Diese Kathedrale zeichnet sich dadurch aus, dass sie gar keine Kathedrale ist. Denn ohne passenden Bischof reicht es nur zur Kirche, egal wie hoch der Turm ist. Amtsanmassung auf katholisch, sozusagen.

Kathedrale von Arucas und Teddybär
Eine echte Kathedrale würde niemals solchen Kitsch neben sich dulden

Vulkanisches Erbe

Gran Canaria ist im Grunde genommen ein erloschener Vulkan, wie alle kanarischen Inseln. Das ist nicht zu übersehen und spätestens seit dem Ausbruch auf La Palma weiß man, was das bedeutet.

Vulkanische Steine am Meer
Vulkanische Überreste allerorten

Caldera de Bandama heißt der riesige Krater im Osten der Insel. Die Vulkane der Kanaren sind angeblich unterirdisch miteinander verbunden. Als ich von einem Stein heruntersprang, klang der Boden ziemlich hohl. Ganz sicher war ich mir nicht, aber ich meinte von unten ein dunkles Rumpeln zu hören.

Caldera de Bandama
Caldera de Bandama

Am nächsten Tag hörte ich in den Nachrichten, dass gegen alle Prognosen der Geologen der Vulkanausbruch auf La Palma nach vielen Monaten endlich zum Stillstand gekommen war. Gern geschehen. Man muss eben einfach nur Experten ranlassen.

Prinzessin Calima aus Afrika

Nach zwei Wochen Urlaubsidyll begannen eines Tages die Einheimischen zu tuscheln. Calima aus Afrika wurde gegen Abend erwartet. Meine Spanischkenntnisse hatten sich seit meinem letzten Bericht noch nicht wesentlich gebessert, deshalb konnte ich nicht genau verstehen, um wen es ging. Vermutlich die Prinzessin aus einem afrikanischen Land. Für rote Teppiche reichte es nicht aus, aber am Strand wurden die Masten mit roten Fahnen geschmückt. Schicke Fahrzeuge des roten Kreuzes fuhren aufgeregt am Ufer entlang und winkten die Touristen aus dem Wasser. Man wollte wohl einen guten Eindruck auf die Besucherin machen.

Und dann kam sie. Es stellte sich heraus, dass Calima keine Prinzessin, sondern ein Wetterphänomen war, das für zwei Effekte sorgte. Die Wellen wurden so stark, dass sogar die einheimischen Surfer ihre Bretter einpackten. Und der starke Ostwind wehte den Sand aus der Sahara auf die kanarischen Inseln herüber. Innerhalb einer Stunde stellten sich Feinstaubwerte ein, gegen die der Stuttgarter Pragsattel wie ein Luftkurort wirkt. Gut, dass man heutzutage immer FFP2-Masken griffbereit hat.

Calima Sandsturm auf Gran Canaria
Calima. Wenn Feinstaub die Sonne verhüllt.

Apropos Masken: die Spanier verhalten sich vorbildlich im Kampf gegen Corona. Trotz einer beeindruckenden Impfquote trägt hier jeder konsequent seine Maske. Die Hinweisschilder am Strand sind allerdings manchmal etwas irritierend. Wird Corona über die Füße übertragen? Aber ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass man Schilder in Spanien eher nicht so ernst nimmt.

Maskentragepflicht
Menschen mit einer Größe von mehr als 2 m müssen keine Maske tragen
Abstandsregel
Männlein und Weiblein schön Abstand halten
Schuhpflicht
Gib Fußpilz keine Chance
Desinfektion
Nach jedem Tauchgang Entlausungsmittel auftragen
Kakteen mit Abstand
Sogar die Kakteen halten den Mindestabstand ein.

Unser Urlaub ging zu Ende und am letzten Abend gönnten wir uns ein typisch kanarisches Essen: Papas arrugadas mit Mojo. Das sind Babykartoffeln in der Salzkruste mit roter und grüner Sauce. Und wieder bestätigte sich ein Naturgesetz der Gastronomie: Die Größe der Portionen verhält sich umgekehrt proportional zum Preis. Aber lecker war es.

Dorade gebraten mit kanarischen Kartoffeln
Dorade mit Spuren von kanarischem Ziergemüse
Sonnenuntergang mit Kakteen im Gegenlicht
Sonnenuntergang am letzten Abend. Seufz. Schluchz. Heul.

Zwei Jahre sinnlos reisen

Sinnlosreisen feiert seinen zweiten Geburtstag.

Vor ziemlich genau zwei Jahren rief ich im ersten Corona-Lockdown diesen Blog als kleines privates Projekt ins Leben. Ich konnte ja nicht ahnen, dass so viele Leute auf sinnlose Reiseberichte stehen.

Heute staune ich darüber, wo überall auf der Welt meine Geschichten gelesen werden. WordPress listet 57 Länder in allen Kontinenten (ausgenommen Antarktis, aber daran arbeite ich noch). Ich dachte immer, das sind bestimmt andere Reisende, die dort in der Fremde meinen Blog besuchen. Bis ich neulich eine Webseite entdeckte, die mich stutzig machte. Keine Ahnung, welche Sprache das ist, aber irgendwo in Fernost interessiert sich wohl Jemand für mein sinnloses Treiben.

sinnlosreisen auf asiatischer Webseite
Sinnlosreisen in der internationalen Presse

Ich stehe ja eigentlich nicht so auf Statistiken (ausser wenn ich sie selbst gefälscht habe), aber die Auswertungen von WordPress geben mir wertvolle Einblicke. Zum Beispiel, dass der Samstag der Lieblingstag meiner Leser ist und dass die meisten meiner durchschnittlich 515 Wörter um 18:00 Uhr gelesen werden. Echt hilfreich, so eine Statistik!

Am meisten freue ich mich über die Rückmeldung, wenn Jemand über meine Erlebnisse lachen musste. Das Leben ist ja schon ernst genug und die Nachrichten gehen nahtlos von einer Krise zur nächsten über. Wenn mein Beitrag zu einer besseren Welt darin besteht, wenigstens manchmal ein bisschen Spaß in den grauen Alltag zu bringen, dann ist mir das genug Motivation für weitere sinnlose Werke der Reiseliteratur.

Danke für jeden Kommentar, für jeden Like und für dein Interesse! Ohne dich wäre es wirklich sinnlos, diesen Blog zu schreiben. Wenn du dich nicht öffentlich outen willst, kannst du mir auch gerne eine persönliche Mail schreiben: info.sinnlosreisen@gmx.net landet direkt in meinem Postfach.

Ein ganz besonderes Dankeschön geht an die SinnlosReisende, die mit Organisationstalent und knallharter Recherche unsere Reisen zu unvergesslichen Erlebnissen macht.

Das einzige, was mir jetzt noch fehlt, ist ein richtiger Shitstorm. Dabei gebe ich mir so viel Mühe. Ich weigere mich konsequent, zu gendern und habe mir das Gedankengut eines indigenen Vulkans ungefragt kulturell angeeignet. Und habe mich über Querdenker, den amerikanischen Präsidenten und Wohnmobilbesitzer lustig gemacht. Habe mich mit Biertrinkern, der Mafia und dem Teufel angelegt. Ausserdem habe ich die spanische Tourismusbehörde und eine amerikanische Sekte verhöhnt und eine internationale Verschwörung aufgedeckt.

Aber nichts. Kein Mobbing, kein hate speech, nicht mal eine einzige mickrige Morddrohung. Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, ihr nehmt mich nicht richtig ernst. Kann das sein?

Liebe Grüße

Marco

P.S.: Zum zweiten Geburtstag bekam der Blog ein Facelift. Man kann jetzt alle Beiträge über die Startseite erreichen. Und ab sofort ist Sinnlosreisen auf Instagram. Mal sehen, ob das taugt.

P.P.S.: Warum nimmt mich eigentlich niemand ernst? Ich verstehe das nicht.

Mann mit Zunge in einer Mausefalle
Selbstporträt des Autors

Gran Canaria – Teil 1

Ein Bericht über die beliebten Dünen und den unbeliebten Wind. Und über einen Ausflug in die Berge, der den Lebensversicherungen tiefe Sorgenfalten in die Stirn meißelt.

Die Dünen von Maspalomas

Um dem winterlichen Trübsal in Deutschland zu entfliehen, mieteten wir ein Appartement in Gran Canaria. Über die dunklen Seiten des Massentourismus hatte ich schon einen eigenen Beitrag veröffentlicht. Aber es gibt hier auch wirklich beeindruckende Ecken, die das Herz des Naturliebhabers höher schlagen lassen. Beispielsweise die endlosen Dünen von Maspalomas, die für einsame Strandwanderungen bekannt sind. Zu bekannt, leider.

Sanddünen von Maspalomas mit Fussspuren
Einsame Wanderungen in den Dünen von Maspalomas…
Sehr viele Wanderer am Strand von Maspalomas
…sind eher die Ausnahme

Die kanarische Tourismusbehörde traut ihren Gästen offenbar nicht viel Verstand zu. Überall stehen Schilder, die vor den allgegenwärtigen Gefahren warnen. Aber man kann es auch übertreiben mit der Fürsorge.

Schild schwimmen verboten in Steinwüste
Auf diesen Steinen ist schwimmen verboten. Nur für den Fall, dass Jemand auf die Idee kommen sollte…

Der Wind trieb an manchen Tagen den Sand horizontal über den Strand. Zum Glück haben die SinnlosReisenden genau für solche Gelegenheiten ein Windschutzzelt im Gepäck. Als der Wind noch zulegte, mussten wir das Zelt allerdings wieder abbauen, denn es drohte zerfetzt zu werden. Während im Hintergrund die Kite-Surfer ihren Spaß hatten, kämpfte ich den Kampf meines Lebens beim Zusammenlegen des Zeltes. Hier ist die Dokumentation:

Die Bergwelt von Gran Canaria

Wir machten uns mit einem beängstigend kleinen Mietwägelchen an die Erkundung der Insel. Die GC200 gilt als gefährlichste Straße von Gran Canaria. Und in der Tat gibt es an dieser Steilküste keine Kurven, sondern Ecken, die man nur mit ausgeschaltetem Radio umfahren sollte. Denn die Busse und Lastwagen bremsen nicht, sie hupen. Damit geben sie ihre Vorfahrt aufgrund größerer Masse bekannt.

Kurivige Bergstraße
Kurvige Straßen
Wilde Steilküste in Gran Canaria
Steile Küsten
Bergdorf mit Terrassen
Idyllische Bergdörfer

Als Beifahrer sollte man schwindelfrei sein oder eine Kotztüte griffbereit halten. Belohnt wird man mit herrlichen Aussichtspunkten, wie beispielsweise El Balcon. Ein wunderbarer Ort, um die Risikolebensversicherung des ungeliebten Ehepartners endlich in Kapital umzuwandeln.

Aussichtsplattform El Balcon Gran Canaria
El Balcon (der Witwenmacher)
Sinnlos Reisender beisst in ein Sandwich und findet einen Zahnstocher
Autsch! Wie kommt der Zahnstocher in mein Sandwich???

Auf Gran Canaria gibt es mehrere Hundert Höhlenwohnungen, die seit Tausenden von Jahren bewohnt sind. Einige davon kann man auch zur Übernachtung mieten.

Höhlenwohnung
Caveman – Wohnen in der Höhle Nr. 22
Höhle auf Gran Canaria
Auch der Urzeit-Höhlenbewohner legte Wert auf eine gute Aussicht
Zwei Höhlen la Fortalezza
Doppelzimmer für Einsiedler
Palmen in den Bergen
Gebirgspalmen

So, genug für heute. Im zweiten Teil berichte ich dann über kanarische Vulkane und eine afrikanische Prinzessin.

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Maspalomas

Im heutigen Beitrag zur Serie über sinnlose Orte möchte ich euch eine Perle des Massentourismus auf den kanarischen Inseln vorstellen: Die Fressmeile von Maspalomas

Auf Gran Canaria trifft sich ganz Europa, um die Wintermonate unter der milden Sonne auszusitzen. Maspalomas ist gemeinsam mit Playa del Ingles der größte Touristenort von ganz Spanien, nach Betten gezählt. Dieser Spitzenplatz im Massentourismus verpflichtet zu Höchstleistungen. Daher wurde in Maspalomas eine Flaniermeile erbaut, die dem geschätzten Pauschaltouristen alles bietet, was er sich schon immer erträumt hatte:

Irische Bar
Die Iren können sich endlich mal ohne Sperrstunde die Kante geben
Kneipe zum blauen engel
Die Deutschen können sich schon vormittags zum Frühschoppen treffen
Norwegische Bar
Die Skandinavier können sich volllaufen lassen, ohne am nächsten Morgen vor einem Schuldenberg zu stehen
Karaoke Bar
Unmusikalische Menschen können beim Karaoke endlich mal alle Hemmungen fallen lassen

Und alle anderen können die zahlreichen kanarischen Spezialitäten-Restaurants genießen.

Auf den Kanaren kann man auch für kleines Geld überwintern. Bei den aktuellen Gaspreisen deckt die Einsparung an Heizkosten einen guten Teil der Zimmermiete. Ganz gewiefte Sparfüchse wissen, wie man drei Tage lang mit einem Essensbudget von sieben Euro auskommt: Am ersten Tag fastet man sich einen richtig bärigen Hunger an und schlägt sich dann für 6,95 € am All-you-can-eat-Buffet beim Chinesen die Wampe voll. Vorteilhaft ist ein Besuch kurz nach der Dämmerung – dann sieht man nicht so genau, was man auf dem Teller hat. Wenn alles glatt läuft, verbringt man die nächsten beiden Tage mit Magen-Darm auf der Toilette und braucht kein Geld für Nahrung.

Chinesisches Restaurant mit  All you can eat Buffet
Essen bis zum Erbrechen

Die Konkurrenz ist gnadenlos. Im mehrsprachigen Nahkampf erprobte Einweiser versuchen, die flanierenden Touristen in die Lokale zu locken. Manche machen verführerische Angebote, denen man kaum widerstehen kann: „Willkommen Germany, Looki-looki, heute Spezial: ein Liter Sangria gratis zum Tagesmenü!“ Andere versuchen es mit sanfter Gewalt. Wer hier nicht auf der Hut ist, hat Ruckzuck eine Speisekarte in der Hand und bekommt von hinten einen Stuhl in die Kniekehle gerammt.

Spanische Kellner warten auf Touristen
Kellner lauern auf Opfer

Die hemmungslose Ess- und Trinkkultur hat einen eigenen Berufszweig hervorgebracht. Frühmorgens, noch vor dem Sonnenaufgang, rückt eine Armada von Tatortreinigern an. Mit Hochdruckreinigern entfernen sie das Erbrochene von den Terracotta-Fliesen und sammeln die FFP2-Masken ein, die Mancher in Überschätzung seiner Trinkfestigkeit nicht rechtzeitig vom Gesicht gezogen hatte. Ein Albtraum.

Lebensgroße Figuren Hulk, Spider-Man und Bayern-Man
Als Spider-Man sich nach dem zehnten Bier übergibt, wundert sich der Bavaria-Man
Reisender schläft auf der Küchentheke
Auch der SinnlosReisende zollt dem ausschweifenden Leben Tribut

Um dem Trubel zu entfliehen, verlegten wir unsere Aktivitäten ins bergige Inselinnere. Aber dazu folgt bald ein eigener Beitrag.

Antelope Canyon und der Preis einer Seele

„Die ganze Welt wiegt den Wert einer einzigen Seele nicht auf.“ Gregor der Große, Papst, Rom 540-604.

„Normale Seele 1,00 €, Dinkel-Vollkornseele 1,50 €.“ Manfred Müller, Biobäcker, Ravensburg 2022.

„Dem Teufel seine Seele verkaufen“, diesen Ausdruck hatte ich schon öfters gehört. Aber wie geht das überhaupt? Kommt der Teufel einfach vorbei und macht ein Angebot? Oder fragt er, für welchen Preis man seine Seele hergeben würde? „Ey du Opfer, was ist niedrigste Preis?!“, wie bei Ebay-Kleinanzeigen? Was ist denn eigentlich ein fairer Preis für eine menschliche Seele?

Und überhaupt – warum hat es der Gehörnte so eilig? Er könnte doch einfach bis zum Tag des jüngsten Gerichts abwarten und dann quasi ohne Extrakosten die verlorenen Seelen einsammeln. Da muss doch etwas faul sein! Jedenfalls wäre es gut, wenn man den Wert seiner Seele so ungefähr wüsste. Nur für den Fall, dass man unerwartet in Geldnot gerät und sich eine Gelegenheit ergibt. Ich bekam eine erste Idee für den Wert einer Seele beim Besuch des Antelope Canyon in Arizona.

Dieser Canyon liegt am Stadtrand von Page, einer der jüngsten Städte der USA. Im nahe gelegenen Las Vegas boomten in den Fünfzigerjahren die Casinos (den Grund dafür habe ich in meinem Beitrag über die Stadt der Sünde schon beschrieben). Als der Strom für die ganzen Neonleuchtreklamen nicht mehr ausreichte, wurde der Glen Canyon Dam mit einem Wasserkraftwerk gebaut. Der Damm staute das Wasser des Colorado auf und erschuf den Lake Powell mitten in der Wildnis Amerikas. Da es damals weit und breit keine Städte gab, wurden für die Bauarbeiter und ihre Familien bescheidene Unterkünfte errichtet.

Panoramablick über Lake Powell
Lake Powell

Nach Abschluss der Arbeiten wollte die Baufirma die Kosten für den Rückbau der Siedlung sparen und bot den Arbeitern die überflüssigen Immobilien mitten in der Felsenwüste an. Wer damals beherzt zugriff, konnte sich an einer tollen Wertentwicklung erfreuen. Denn in den folgenden Jahrzehnten mauserte sich das staubige Wüstenkaff zu einem der beliebtesten Ferienorte Amerikas. Auf dem Lake Powell entwickelte sich ein Wassersport-Eldorado und die umliegenden Naturwunder zogen Scharen von Touristen an. Zum Beispiel der Horseshoe Bend, in dem ein mächtiger Felsblock den Colorado River zu einer überaus fotogenen Schleife zwingt.

Horseshoe Bend
Horseshoe Bend

Der Antelope Canyon liegt nur wenige Meilen von Page entfernt und doch gibt es immer wieder Missverständnisse über vereinbarte Zeitpunkte. Denn im Gegensatz zu Page gilt im Canyon die Sommerzeit. Man kommt dann am Ziel an, bevor man losgefahren ist. Das ist besonders toll, wenn man eine Tour zu einem festen Zeitpunkt gebucht hat.

Ein weiterer Stolperstein für den verwirrten Touristen ist die Tatsache, dass es streng genommen zwei Canyons gibt: Den Lower Antelope Canyon und den Upper Antelope Canyon. Sie unterscheiden sich dadurch, dass der eine unterhalb der Straße liegt und der andere oberhalb. Logisch. Und dass die gebuchten Tickets nur für einen von beiden gelten.

Lower Antelope Canyon
Gut beschriftet

Beide liegen auf dem Gebiet der Navajo Nation, die hier verschiedene Sonderrechte hat. Zum Beispiel das Recht auf Sommerzeit, unabhängig vom Rest des Bundesstaates. Und das Monopol auf touristische Vermarktung der Canyons. So wundert es nicht, dass man hier nur mit einem Navajo-Guide hineinkommt. Und es erklärt die Verkaufsstände mit traditionellen indianischen Schmuckstücken.

Wir fragten eine Verkäuferin mit auffallend indianischem Aussehen, ob wir sie fotografieren dürfen. Die Dame verneinte mit dem Hinweis, dass nach ihrem Glauben eine Fotografie die Seele des Abgebildeten schädigen würde. Als wir uns verständnisvoll abwendeten, fügte sie etwas leiser hinzu, dass der seelische Schaden mit einem Schmerzensgeld von zehn Dollar in bar repariert werden könne und ein Foto möglich wäre. Aber nur eines.

Da wir zehn Dollar für einen viel zu niedrigen Preis für eine Seele hielten, verzichteten wir auf das Bild und stiegen hinab in den Antelope Canyon. Von oben sieht der eher unscheinbar wie ein Riss im Boden aus, aber was die strömenden Fluten hier geschaffen haben, ist so schön, dass ich jetzt lieber meine Klappe halte und die Bilder für sich sprechen lasse.

Treppenabgang in den Lower Antelope Canyon
Unscheinbarer Abstieg
Im Antelope Canyon
Unten: eine andere Welt
Im Antelope Canyon
Farbpalette
Im Antelope Canyon
Sonnenuntergang
Im Antelope Canyon
Der Spalt
Sunbeam im Upper Antelope Canyon
Sun Beam
Im Antelope Canyon
Die perfekte Welle
Im Antelope Canyon
Licht und Schatten
Im Antelope Canyon
Verzahnt
Im Antelope Canyon
Blick nach oben
Im Antelope Canyon
Licht am Ende des Tunnels

Die Natur arbeitet übrigens immer noch weiter an diesem Kunstwerk. Wenn es in den Bergen etwas stärker regnet, entstehen die gefürchteten Flash Floods. Dann füllt sich innerhalb weniger Sekunden der Slot Canyon bis zum Rand mit tödlichen Wassermassen, wie man in diesem Video eindrucksvoll sehen kann. Wer davon überrascht wird, hat seinen Deal mit dem Teufel hoffentlich vorher rechtssicher abgeschlossen, denn dann bleibt nicht mehr viel Zeit.

Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, wieviel deine Seele wert ist? Etwas mehr als beim Bäcker Müller sollte es bei aller Bescheidenheit schon sein…

Unbekanntes Spanien

In Spanien kennt sich mancher Deutsche besser aus als Zuhause. Deshalb will ich heute ein paar Gegenden für die Nachwelt dokumentieren, die vielleicht nicht so bekannt sind.

El Caminito del Rey

Er war einmal der gefährlichste Wanderweg der Welt, El Caminito del Rey (auf Schwäbisch: „s Königswegle“). Seit seiner Renovierung vor einigen Jahren ist er absolut ungefährlich. So ungefährlich, dass man ihn ohne Schutzhelm nicht betreten darf. Trotzdem ist er so beliebt, dass man Wochen im Voraus Tickets reservieren muss. Wir hatten enormes Glück und bekamen kurzfristig keine Eintrittskarten mehr. Denn genau an dem Tag, an dem wir den Weg bezwingen wollten, wurde er wegen starkem Wind geschlossen. Zu gefährlich.

Als Ersatzprogramm wanderten wir in der Sierra Cazorla am Rio Borosa. Der ist wirklich ungefährlich, aber ebenfalls schön. Nur die Schilder können den unerfahrenen Wanderer verwirren. Profis wissen, dass man in Spanien nicht auf Schilder achtet, daher ist es eigentlich egal, was drauf steht.

Verwirrende Schilder
Verwirrende Beschilderung. Darf man jetzt oder darf man nicht?
Rio Borosa
Rio Borosa
Cerrada de Elias
Gut ausgebaut: Cerrada de Elías
Schafherde
In der Sierra Cazorla. Ein schwarzes Schaf ist immer dabei.

Es gibt in Spanien eigenartige Gesetze. Es ist der Bevölkerung beispielsweise strengstens verboten, sich zwischen 14:30 und 17:00 Uhr im Freien aufzuhalten. Alle Geschäfte, Behörden und Bars verrammeln Fenster und Türen, als ob sie den Einmarsch der Armee der Untoten befürchten würden. Die einzigen Ausnahmen sind ein paar angetrunkene Gestalten, die nach zwei Flaschen Wein zum Mittagessen ihren Heimweg nicht rechtzeitig finden. Und Touristen wie wir, die ratlos in den ausgestorbenen Städten herumirren.

Menschenleerer Platz in Ubeda
High Noon in der Innenstadt von Ubeda
Häuser mit verschlossenen Fensterläden
Verrammelt

Nachtrag: Ich habe herausgefunden, wie das Gesetz heißt. Man nennt es Siesta.

Spiel mir das Lied vom Tod in Tabernas

Neben der Sierra Nevada liegt die Desierto de Taberna, eine Wüste in bester Wild-West-Manier. Hier wurden zahlreiche Filme gedreht, unter anderem Lawrence von Arabien und die Klassiker von Altmeister Sergio Leone, Spiel mir das Lied vom Tod und Für eine Handvoll Dollar. Die Kulissen bleiben nach dem Dreh stehen und werden bei den nächsten Aufnahmen wieder renoviert und umgebaut.

Wüste von Tabernas
Die Wüste von Tabernas
Blühender Busch in der Wüste
Die Wüste lebt!
Hollywood Sign in Spanien
Hollywood-Filiale in Spanien
Wildwest Kulisse
Wild-West-Kulissen
Route 66 in Spanien
Hä? Ich glaub ich bin im falschen Film.

Nationalpark Ebro-Delta

Einer der wenigen spanischen Flüsse, die das ganze Jahr über Wasser führen, ist der Ebro. Sein Mündungsdelta wurde zu einem Naturschutzgebiet deklariert. In den feuchten Wiesen im Umland wird Reis angebaut, den man hier überall in den Restaurants als Arroz Negro aufgedrängt bekommt. Das hat nichts mit dem N-Wort zu tun; es handelt sich um ein Risotto, das mit der Tinte von Calamares schwarz gefärbt wird.

Delta des Ebro
Im Delta des Ebro
Reisfeld im Ebrodelta
Spanischer Reis
Reisernte
Die Reisernte ist ein matschiges Geschäft
Arroz Negro, oder wie man heute sagen würde: „Rice of Color“
Eingang zum Nationalpark Ebrodelta
Naturpark Ebro: Seil nicht übertreten! Und wenn doch, dann Hunde an die Leine!
Frau  mit Skelett
Die SinnlosReisende: Leichen pflastern ihren Weg
Schild mit Vögeln
Warnschild für Vögel: Keine Menschen an den Nachwuchs verfüttern, nur Fische!

Sinnlose Skulpturen

Spanier lieben Skulpturen. In jeder noch so winzigen Ortschaft stehen mehr oder weniger kunstvolle Gestalten herum. Über den Sinn kann ich wie immer nur spekulieren.

Skulptur Kind mit Gans
Der junge St. Martin würgt seine Gans
Skulütur Frau mit Krokodil
Anwendung des Heimlich-Griffs als Erste Hilfe bei Reptilien
Bronzestatue mit Bocksprung Kinder
Bocksprung Quer – wenn Schienbein und Schädel Freunde werden…
Gesicht mit Augen
Fernblick
Skulptur Junge mit Schulranzen auf Schildkröte
Ich kann nichts dafür, meine Schildkröte hatte Verspätung!
Segelschiffe im Kreisverkehr
Kreisverkehr
Skulpturen tragen Sitzbank
Job mit Durchhaltevermögen
Skulpturen turnen über der Straße
Turngesellschaft mit Durchhänger
Graffity
Auf der rosa Wolke
Achtung Blitz!
Zu spät.
Skulptur Frau streckt Arm nach oben
Halt, SinnlosReisender, das ist genug! Verschone mich mit deinem Unsinn!
Mann sitzt auf überdimensionaler Bank
Also gut! Der kleine Marco muss jetzt eh nach Hause gehen.

¡Hasta luego!

Ein Atom auf Weltreise

Silvester, mal wieder. Zeit der Rückblicke auf ein Jahr, in dem sich tiefe Risse in unserer Gesellschaft aufgetan haben. Es war kein gutes Jahr für Fernreisen, aber ich lade dich zu einer sinnlosen Weltreise mit einem Atom ein, die sich so ähnlich zugetragen haben könnte.

„Dir schwirrt doch schon wieder irgendein Scheiß im Hirn umher“, meinte die SinnlosReisende, als ich eines Abends bei einem Glas Wein über einem sinnlosen Beitrag brütete und vor mich hin grinste. Nun bin ich grundsätzlich offen für konstruktive Kritik, aber diese Behauptung wies ich entrüstet zurück. Ein kleiner Zweifel ließ mich aber nicht mehr in Ruhe. Konnte vielleicht doch etwas dran sein? Gab es in meinem Denkorgan Spuren von Fäkalien?

Das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Menschen besteht grob geschätzt aus 600 Quatrillionen Atomen. Beim einen mehr, bei anderen weniger. Als Zahl ausgeschrieben sind das: 600.000.000.000.000.000.000.000.000 Atome. Wenn man die alle auf einer Schnur aufreihen würde, könnte man damit zehntausend Mal die Entfernung von der Erde bis zur Sonne abwickeln. Nun sind die Bausteine des Gehirns nicht zum Trocknen an einer Wäscheleine im Weltall aufgehängt, sondern zu einem halbwegs funktionierenden Denkorgan angeordnet. Allein die schiere Anzahl läßt mich zweifeln, ob da überhaupt etwas Sinnvolles rauskommen kann. Aber bei manchen Zeitgenossen sieht man ja auch, dass es furchtbar schiefgehen kann. Die nennen sich dann Querdenker, im Gegensatz zu den Längsdenkern.

Aber woher kommen all diese kleinen Teilchen? Immerhin gab es zu Beginn meiner Existenz nur eine einzige Eizelle. Alles andere muss später dazu gekommen sein. Ich wandte die Kenntnisse aus dem Taiji-Kurs vom Sommer an und spürte mit gespannter Achtsamkeit ins Innere meines Gehirns. Da, rechts oben in meinem präfrontalen Kortex, da lag doch so ein niedliches Kohlenstoffatom. Ich nahm noch einen Schluck vom Rebensaft und ergründete seine Geschichte.

Das kleine Kohlenstoff-Atom war ein Junge und hörte auf den Namen Carby. Er war bei der Explosion einer Supernova als Abfallprodukt entstanden, quasi die Asche in der Sternenschmiede der Galaxien, die Schlacke im Hochofen des Universums, der Kehricht des Urknalls, der Ruß im Schornstein des Sonnensystems.

Orange Rauchwolken vor schwarzem Hintergrund
Das Universum kurz nach dem Urknall, dokumentiert von einem Zeitzeugen

Entsprechend wenig Wertschätzung erfuhr Carby von seinem Kollegen Hydro, der als „reiner“ Wasserstoff ein glänzendes Image im Periodensystem der Elemente hatte. Besonders arrogant waren die großkotzigen Typen aus der Gruppe der Edelmetalle. „Carby ist Garby, Nänänänänena!“, hänselten sie ihn, in Anspielung auf das englische Wort für Müll, Garbage.

Carby durchlebte eine eher unglückliche Kindheit und die zog sich ein paar Milliarden Jahre lang hin. In seinem Frust ging er häufiger Beziehungen mit anderen Atomen ein, die aber nie lange hielten. Ein flotter Dreier mit zwei Sauerstoffatomen, Roxy und Proxy, resultierte eine Zeit lang in einer halbwegs stabilen Bindung als CO2-Molekül. Mit der besitzergreifenden Toxy führte er einige Jahrtausende lang eine ziemlich toxische Beziehung als Kohlenmonoxid. Eine flüchtige Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wasserstoffatomen ergab ein kurzes Intermezzo als Methan, aber sie trennten sich bald wieder. Es passte einfach nicht.

So dümpelte Carby lange ziellos vor sich hin, mal in der Erdkruste gebunden als Kalkstein, mal gelöst in der Ursuppe, und beobachtete, wie langsam die Bakterien die Erde besiedelten.

Mono Lake Kalkstein
Kalksteinablagerungen am Mono Lake, Kalifornien
Meeresgetier und Pflanzenreste
In der Ursuppe wimmelte es von unappetitlichen Gestalten

Dann erfanden ein paar innovative Zeitgenossen die Fotosynthese, mit der sie aus Wasser, Kohlendioxid und Sonnenlicht selbständig Zucker erzeugen konnten.

3D-Modell eines Zuckermoleküls
Zuckermolekül im Technikmuseum Berlin

Das war ein echter Game Changer, da waren sich alle Atome einig. Denn Zuckermoleküle sind einerseits ein toller Energielieferant und andererseits der Baustoff für Pflanzen. Als die ersten Pflänzchen das Land erobert hatten, folgten ihnen bald die Tiere.

Felsenküste mit blühenden Blumen
Pflanzen besiedeln das Land
Dschungel mit Fluss
Urwald überwuchert bald die Erde
Toter Fisch an Land
Mancher Landgang missglückte furchtbar

Ab da war es vorbei mit dem Dolce Vita; nun war nachhaltige Kreislaufwirtschaft angesagt: Als Kohlendioxid wurde Carby von den Pflanzen aus der Luft gefiltert und in Blätter umgewandelt, die von Pflanzenfressern abgenagt wurden, die von Raubtieren gefressen wurden, die ihn als CO2 wieder ausatmeten.

Kohlenstoff war auf einmal der gefeierte Star der organischen Chemie, der Grundstoff für komplexe Verbindungen und damit für das Leben an sich. Der Kollege Hydro wurde über diesen Erfolg grün vor Neid; man spricht heute noch von grünem Wasserstoff.

Carby war in der folgenden Zeit häufig Gast in verschiedenen Lebensformen und reiste mit ihnen um die ganze Welt. Manchmal wurde er verdaut und in den Organismus eingebaut, viel öfter aber in großen Dunghaufen ausgeschieden. Eine schlimme Zeit verbrachte er in einer bestialisch stinkenden Durian, dann wieder trieb er mit einer Qualle durch die Meere. Leben auf der Überholspur.

Kackhaufen
Das Leben ist manchmal einfach nur Scheiße
Durian
Stinkende Durians
Qualle im Meer
Reisen mit Quallen

Eines Tages steckte Carby als Teil eines abgestorbenen Baumes in einem Sumpf fest. Immer tiefer wurde er unter die Erdoberfläche gezogen. Er hasste enge Beziehungen zwar von ganzem Herzen, aber irgendwann ging er eine ziemlich feste Verbindung mit einigen anderen Atomen ein und verwandelte sich in Kohle. Der Druck war einfach zu groß.

Baumstamm mit Farn
Überall Kohlenstoffverbindungen

Viele Millionen Jahre steckte Carby in diesem zapfendusteren Kohleflöz fest, bis er eines Tages von einer Baggerschaufel ans Tageslicht gerissen wurde. Mit großen Augen musste Carby feststellen, dass sich auf der Erde einiges geändert hatte. Der Dschungel war jetzt aus Stahl und Beton.

Weltkulturerbe Völkinger Hütte. Ein ehemaliges Stahlwerk als Industriedenkmal
Moderner Dschungel: Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Bakterien hatten inzwischen zwei Beine und ein Gehirn. Und intelligent waren die! Die konnten sogar ganz neue Atome erschaffen, wie damals bei der Supernova. Atombombe nannten sie das. Ihre Wissenschaftler erkannten sogar, dass zuviel CO2 die Erde unbewohnbar macht. Trotzdem verbrannten sie die ganze Kohle in Kraftwerken. So clever waren diese zweibeinigen Denkbakterien dann doch nicht. Eher so semi-schlau.

Das Leben war hektischer geworden, auch für ein Kohlenstoffatom. Eine Weile lang wurde Carby durch die Atmosphäre gewirbelt, dann schnappte ihn eine Zuckerrohrpflanze und baute ihn in ein Glukosemolekül ein. Der Zucker fand seinen Weg in ein Nutellaglas und landete zwangsläufig irgendwann in meinem Magen. Und von dort wurde er schließlich in mein Gehirn gespült.

Nutellabrot
Am Ende der Nahrungskette

Soweit so gut, aber was ist jetzt das Fazit dieser Geschichte? Nun, zwei Punkte können wir festhalten, mindestens:

Erstens: Ich kann tatsächlich nicht ausschliessen, dass in meinem Gehirn die Überreste von Scheiße herumschwirren. Das ist etwas unangenehm, aber man darf vor der Wahrheit nicht die Augen verschliessen.

Zweitens: Das war jetzt der Lebensweg eines einzigen Atoms aus meinem Körper. Überleg mal, wo die anderen Quatrillionen Atome überall gewesen sein könnten. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ein paar davon auch schon mal in deinem Körper zu Besuch waren. Und dass in deinem Gehirn ein paar Atome sitzen, die vorher Teil des bekloppten Nachbarn waren, über den du dich immer so ärgerst. Oder Teil deiner Chefin oder deines Kollegen, oder des Busfahrers oder Teil eines Coronaleugners oder eines Befürworters der Impfpflicht. Oder von Mutter Theresa oder Putin oder von Diego Maradona. Oder von einem Tiger oder einer Kuh oder von einem Wurm oder einer Amöbe.

Wenn wir uns aber alle die immer gleichen Atome teilen, wäre es dann nicht Zeit, ein bisschen respektvoller miteinander umzugehen? Nur weil wir verschiedene Meinungen haben, müssen wir uns doch nicht gleich hassen. Egal wie blöd du Jemanden findest, diese Person könnte aus Teilchen bestehen, die irgendwann mal ein Teil von dir werden. Das ist ein beunruhigender Gedanke, nicht wahr?

So, das war’s für heute von meiner Seite. Mach was draus oder lass es bleiben! Wenn eines meiner Atome bei dir vorbei kommt, richte ihm bitte liebe Grüße von mir aus!

Ich wünsche euch allen, egal ob geimpft oder nicht, ein Gutes Neues Jahr 2022!

Das Wunder von Córdoba

Eine Geschichte über Fußballwunder, architektonische Wunder, Blumen und Burgen

Córdoba ist ein feststehender Begriff aus dem Fußball, ähnlich wie Abseitsfalle oder Viererkette. An diesem Ort ereignete sich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nämlich das Wunder von Córdoba, als der Underdog Österreich gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland gewann und beide Mannschaften ausschieden. In Deutschland wird das gleiche Ereignis als die Schmach von Córdoba erinnert. Es kommt eben immer auf den Blickwinkel an.

Die Mezquita-Catedral

Das spanische Córdoba hat nichts mit Fußballwundern zu tun. Hier steht ein architektonisches Wunder: eine gotisch-maurisch-barocke Renaissance-Kathedralmoschee. Oder anders ausgedrückt: eine römisch-katholisch-muslimische Moscheenkathedrale. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Ich spreche von der Mezquita-Catedral de Córdoba.

Mezquita von Cordoba und römische Brücke bei Nacht
Unübersehbar, selbst bei Nacht
Orangerie der Mezquita von Cordoba
Die Orangerie vor der Mezquita

Wie es zu diesem Durcheinander kam? Nun, da waren wohl einige geschichtliche Zufälle im Spiel. Schon die alten Römer hatten die Bedeutung des Städtchens erkannt und bauten eine Brücke über den Guadalquivir und einen Tempel. Als das römische Reich wegen überbordender Dekadenz zerfallen war, errichteten die Westgoten eine christliche Kirche auf dem Fundament des römischen Tempels. Dann eroberten die Mauren halb Spanien und rissen das Haus der Ungläubigen ab. Sie waren aber mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit so weit vertraut, dass sie die Säulen der Kirche als Stützpfeiler für ihre Moschee wieder verwendeten.

Dann war lange Zeit Ruhe im Karton, beziehungsweise maurische Herrschaft, und jeder neue Herrscher bewies seine Macht durch eine Erweiterung und Verschönerung der Moschee. So wuchs das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte auf eine gigantische Fläche von 23.000 qm an. Zum Vergleich: das ist zehnmal so groß wie die blaue Moschee in Istanbul, und die ist auch schon ziemlich beeindruckend.

Mezquita
Maurische Rundbögen auf gotischen Säulen
Maurische Rundbögen in der Mezquita
Gemusterte Hallen
Arabische Ornamente in der Mezquita
Arabische Ornamente

Irgendwann endete aber auch die muslimische Herrschaft in Andalusien, wie man hier nachlesen kann. Die Moschee wurde zu einer christlichen Kirche umdekoriert und das Minarett bekam eine Kirchenglocke. Ein übereifriger Bischof überredete dann im 16. Jahrhundert den ahnungslosen Kaiser Karl V. dazu, in der Mitte der Moschee eine Kathedrale einbauen zu lassen, komplett mit barocken Engelchen und pompösem Altargedöns. Nach zeitgenössischen Berichten soll Kalle dann bei seinem Besuch in Córdoba entsetzt gewesen sein, was er da angerichtet hatte.

Katholischer Altar in der Mezquita
Seite an Seite: Renaissance-Altar und maurische Rundbögen
Chorgestühl in der Kathedrale von Cordoba
Chorgestühl aus Mahagoni unter barockem Gewölbe
Goldener Adler in der Kathedrale von Cordoba
Rednerpult: Hier spricht der goldene Adler

Man kann natürlich geteilter Meinung sein, ob die krasse Durchmischung von Baustilen und Religionen in einem Gebäude schön ist, aber auf jeden Fall ist dadurch etwas weltweit Einmaliges entstanden. Fotos können nicht mal annähernd wiedergeben, wie beeindruckend dieses Bauwerk ist. Klare Empfehlung der SinnlosReisenden: Hinfahren, selber staunen! Eintritt 12€, früh Morgens am Nebeneingang kostenlos. Es lohnt sich!

Löwe und Totenkopf
Vertrau mir, ich bin ganz lieb!

Córdoba badet

Aber Córdoba bietet noch mehr als die Mezquita. Direkt nebenan wurden bei Ausgrabungen die Bäder des Kalifen entdeckt. Hier kümmerten sich zahlreiche Sklaven um den Badespaß der Kalifenfamilie. In den Schatten der Säulen wurden aber auch etliche Intrigen ausgeheckt und mancher Meuchelmord verübt.

Säulen mit Schatten im Bad des Kalifen
Im Schatten schleichen finstere Gestalten herum
Statue Frau mit Dolch in der Schulter
Aua

Córdoba und die Blumen

Córdoba ist berühmt für seine Blumenkunst. Überall hängen blühende Blumentöpfe an den Hauswänden. Und ein Blick in die Innenhöfe der Altstadt lässt das Floristenherz höher schlagen.

Innenhof mit Blumen
Hobbygärtner im Hinterhof
Statue mit Floristen
Denkmal des Unbekannten Floristen
Calleja de las Flores in Cordoba mit Glockenturm
Calleja de las Flores mit Blick auf den Glockenturm der Mezquita

Castillo de Almodóvar

Eine halbe Stunde von Córdoba entfernt liegt die Burg von Almodóvar. Der Burgherr hat die Anlage aufwändig restauriert und wohnt selbst im historischen Gemäuer. Die Burg wird gerne von Game-of-Throne-Fans besucht, denn hier wurde die Schlacht zwischen der Familie Lannister und dem Haus Rosengarten gefilmt.

Castillo de Almodovar del Rio
Castillo de Almodóvar del Rio
Balkon am Castillo de Almodovar
Die Mutter der Balkone

Im Ort unterhalb der Burg gibt es eine regionale Spezialität namens Salmorejo Cordobés. Das ist eine kalte dickflüssige Suppe, die nicht aus Lachs gemacht wird, wie man aufgrund des Namens und der Farbe vermuten könnte. Es handelt sich um eine vegetarische Delikatesse (wenn man die Speckwürfel abbestellt) aus Tomaten, Olivenöl, Brot und Knoblauch. Schmeckt extrem lecker, man ist aber wegen des Knoblauchs eine Weile lang vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Teller mit Salmorejo Cordobes
Lecker: Salmorejo Cordobés

So, liebe Leute, das war’s für heute. Ich melde mich wieder, wenn sich der Knoblauchduft verzogen hat.

Spanisch lernen in Spanien

Wenn du Spanisch lernen willst, gehst du nach Spanien. Klingt logisch. Das ist aber gar nicht so einfach, wie man meinen könnte.

Nachdem ich mich in Costa Rica schon ausgiebig über meine nicht existenten Spanischkenntnisse ärgern durfte, bereitete ich mich dieses Mal besser vor. Ich besorgte mir die Premiumausgaben von Langenscheidt und Pons aus der städtischen Bücherei mit CD und Onlinematerial. Dann arbeitete ich vor Motivation strotzend die ersten Lektionen durch. Vier Wochen reichen locker aus. Sagt Carmen aus dem Power-Sprachkurs, und die muss es wissen. Ich lernte, an der richtigen Stelle zu lispeln, Satzzeichen auf den Kopf zu stellen und das spanische H auf keinen Fall auszusprechen. Und dann auf nach Spanien, um das frisch Erlernte durch praktische Übungen in die weiche Hirnmasse einzupressen.

Ankunft in Barcelona

An der (H)otelrezeption in Barcelona (mit elegant gelispeltem c) knallte ich selbstbewusst meinen Spruch aus Lektion 2 auf den Tresen:

„¡Hola, buenas tardes! ¿Qué tal? Me llamo Marco y tengo una reserva.“ Peng!

Zufrieden über diese gelungene Eröffnung erwartete ich freudig gespannt die Antwort, die laut Lehrbuch etwa so ausfallen sollte:

„¡Bienvenido! Muy bien, gracias. ¿Y usted?“

Der Mann am Empfang nahm meinen Ausweis wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, tippte routiniert auf seiner Tastatur herum und händigte mir eine Keycard aus. Dann antwortete er in akzentfreiem Deutsch: „Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“ Er ergänzte die obligatorischen Hinweise zum WiFi-Password und zu den Frühstückszeiten und zeigte uns den Weg zum Aufzug. Dann wünschte er uns einen schönen Aufenthalt in Katalonien.

Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Barcelona nicht in Spanien, sondern in Katalonien liegt, zumindest nach Ansicht von großen Teilen der hiesigen Bevölkerung. Das Unabhängigkeitsreferendum von 2019 endete zwar erfolglos mit einem internationalen Haftbefehl für Carles Puigdemont (gesprochen: Putschdämon), aber die Katalanen sind hartnäckig. Überall hängen überdimensionale katalanische Fahnen. Wo es sich an offiziellen Gebäuden nicht vermeiden lässt, eine spanische Fahne aufzuhängen, hängt man eben zwei katalanische Flaggen daneben um die Rangordnung wieder herzustellen. Und man spricht katalanisch. Ein Tiefschlag für meine Spanischübungen.

Katalanische Fahne an einem Gebäude
Unübersehbar Katalonien
Mehrere katalanische Fahnen
Eine Fahne reicht nicht aus

Die vielleicht eigenartigste Tradition Kataloniens ist der Bau von Türmen aus menschlichen Körpern. Es gibt hier jedes Jahr Wettkämpfe, bei denen der höchste Menschenturm prämiert wird. Vermutlich ist die Benutzung von Leitern zu spanisch und damit inakzeptabel.

Skulptut Menschenturm
Wer braucht schon Leitern, um eine Straßenlaterne zu reparieren?

¿Hablas Español? Nein, eher nicht.

Unser nächstes Ziel war Valencia, darüber hatte ich ja schon in einem eigenen Beitrag berichtet. Die Hoffnung, hier mein mühsam erlerntes Spanisch üben zu können, verflog allerdings schnell. Die autonome Region Valencia distanziert sich ebenfalls von Spanien. Hier spricht man Valenciano, das wie Spanisch klingt, nur dass man es nicht versteht. Auch in Valencia streben etliche Menschen die Unabhängigkeit von Spanien an. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass die Region vor 800 Jahren unter der Krone von Aragon ein eigenes Königreich gebildet hatte. Und früher war eh alles besser. Mit derselben Logik könnte auch Hannover einen unabhängigen Staat ausrufen, weil es schon mal ein Königreich Hannover gab. Oder das Fürstentum Schaumburg-Lippe.

Von den Basken weiß man ja schon länger, dass sie nicht von Spanien regiert werden wollen, und mir stellte sich langsam die Frage, was die Regierung in Madrid eigentlich treibt, dass so viele Regionen nichts mehr von ihr wissen wollen. Klar, niemand wird gerne aus der Ferne regiert, aber ich halte es nicht für besonders schlau, sich in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Herausforderungen in winzige Ministaaten mit sehr begrenztem Einfluss aufzuteilen. Aber Spanier sind eben sehr stolz. Erst recht, wenn sie sich nicht als Spanier fühlen. Und besonders stolz sind sie auf ihren Jamón, den berühmten Schinken.

Spanische Serrano Schinken
Der kleine Horrorladen für Vegetarier

Spanien in der Nebensaison

Wir suchten die Ruhe eines Ferienortes im Oktober und buchten eine Wohnung in Campoamor. Das klingt wie eine Mischung aus Dschungelcamp und Liebesinsel, allerdings hatte das Publikum hier einen Altersdurchschnitt von geschätzten 90 Jahren. Wir residierten im 11. Stock eines Hochhauses, in dem wir fast die einzigen Bewohner waren. Ein himmlischer Ausblick und die perfekte Ruhe waren das Resultat.

Aufblasbare Puppe ohne Luft auf einer Bank sitzend
In der Nebensaison ist die Luft raus
Sprungturm auf dem Trockenen
Sprungturm – Die Spanier rechnen fest mit einem Anstieg des Meeresspiegels
Metallgestell in Fischform mit Plastikmüll
Plastikmüll landet im Bauch der Fische
Elefantenfüße von Campoamor
Die Elefantenfüße von Campoamor entstanden durch Erosion…
Mann liegt unter Felsen
…und manchmal erwischt es eben unvorsichtige Touristen. Pech.

Noch ruhiger als am Strand war es in den nahe gelegenen Bergen. Hier hatte ein Eremit sich in abgeschiedener Lage sein Penthouse hingestellt.

Beste Wohnlage für Einzelgänger: Eremitage von Mare de Deu de la Roca de Mont-roig
Durchlöcherte Felsen
Die Höhlen des Eremiten

Costa del Sol

An der Costa del Sol versuchten wir diese tolle Erfahrung zu wiederholen. Die Wahl des Balkons ist im Oktober für eine Ferienwohnung entscheidend. Gute Balkone sind windgeschützt und verglast, haben Meerblick und gehen nach Süden oder Westen. Auf unserem schattigen Ostbalkon schälte die Zugluft den Rauhputz von der Wand, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über dem Meer zum Frühstück.

Hochhaus in Benalmadena
Wohnen auf der Schattenseite

Unser Studio war etwa fünf Quadratmeter groß, davon belegte das ausziehbare Schlafsofa die Hälfte. Wenn einer von uns das andere Bein übereinanderschlagen wollte, musste der andere solange in die Toilette ausweichen. Von der Nachbarwohnung trennte uns eine Pappwand, durch die wir die Trinkfestigkeit der Männergruppe nebenan im Detail verfolgen konnten.

Die Sonne ging am nächsten Morgen tatsächlich wieder auf, allerdings hinter dem Nachbarhochhaus. Um 11 Uhr kam sie endlich zum Vorschein, um eine halbe Stunde später hinter der Hausecke wieder zu verschwinden. Als nebenan eine Familie mit Kleinkind einzog, beschlossen wir, ab jetzt die Finger von Hochhäusern zu lassen.

Die Costa del Sol ist touristisch voll erschlossen und fest in englischer Hand. Spanischkenntnisse nützen hier wenig, denn die Menschen, die hier arbeiten, kommen überwiegend aus Osteuropa. Ich studierte stattdessen ausgiebig die Strandverkäufer, die angeblich Strandtücher oder Sonnenbrillen anboten. Ich durchschaute allerdings schnell, dass sie in Wirklichkeit genau zwei Produkte verkauften: „Tschiep Tschiep“ und „Gud Breis“. Letzteres wurde in zwei Ausführungen angeboten, nämlich als „Werri Gud Breis“ und in der Premiumausgabe für Stammkunden in der Variante „Werri Gud Breis Mai Frend“.

Strand
Idyllische Ruhe am Strand
Strand mit Handtuch
Wer stört?
Strandverkäufer
Ah, mein alter Bekannter Gud Breis.

Im Landesinneren

Als wir genug vom Massentourismus gesehen hatten, zogen wir ins Landesinnere nach Valle de Abdalajís, in eines der pueblos blancos. Hier sprach der Spanier endlich Spanisch. Es gab nur ein Problem: Spanier können vieles, aber nicht langsam sprechen. Wenn ich sie darum bat, langsamer zu sprechen, wiederholten sie ihre stakkatoartigen Sätze mit den rrrrrollenden Rrrrrrr-Lauten in der gleichen unglaublichen Geschwindigkeit, nur lauter. Es gelang mir nicht einmal festzustellen, wo ein Wort aufhört und wo das Nächste beginnt. Elarrrrrroyorrrrojaestaarrrrrribaperrrroestacerrrrrradoelvierrrrrrrrnes. ¡Hombre!

Valle de Abdalajis
Valle de Abdalajís aus der Ferne…
Valle de Abdalajis
…und von oben

El Torcal

Im spanischen Hinterland, weitab von den Touristenströmen, liegt ein stilles Naturwunder zum Staunen, eine Oase der Ruhe, ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer erwähnt wird: El Torcal. In Jahrmillionen haben sich versteinerte Muschelreste zu einem Kalksteingebirge aufgetürmt, das mit den erstaunlichsten Formen überrascht. Uns überraschte noch mehr, dass die Zufahrt zum Parkplatz gesperrt war und unglaubliche Menschenmassen mit Shuttlebussen nach oben gefahren wurden.

Heute war nämlich spanischer Nationalfeiertag. Christoph Kolumbus, der alte Seebär, hatte genau an diesem 12. Oktober vor 529 Jahren die Ostküste Indiens entdeckt. Dachte er zumindest. In seiner Tradition eroberten die Einheimischen an diesem Feiertag ihre Umgebung. Großfamilien picknickten lautstark zwischen den Felsen, Reisebusse spuckten Wagenladungen an Tagestouristen aus und gröhlende Gruppen von jungen Menschen auf der Jagd nach dem besten Instagram-Foto irrlichterten durch die staunende Natur.

Felsenbild El Torcal
El Torcal: Kalk in seiner schönsten Form
Felsen El Torcal
Steintürmchen
Frau wandert in Felsen
Unwegsames Gelände
Viele Wanderer im El Torcal
Invasion der Tages-Ausflügler

Wir machten uns auf den Weg nach Córdoba, aber davon bald mehr im nächsten Beitrag. ¡Hasta luego!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Das Prager Metronom

Manchmal dauert die Ewigkeit kürzer als man denkt

Über den Ufern der Moldau steht die Installation „Time Machine“, die laut ihrem Erschaffer Vratislav Karel Novak den unerbittlichen Lauf der Zeit symbolisieren soll. Das umgangssprachlich als „Metronom“ bezeichnete Kunstwerk könnte aber auch die Verschwendung von Material (7 Tonnen) und Energie darstellen. Denn das Metronom wird von einem Elektromotor angetrieben und dreht sich einfach nur von links nach rechts und von rechts nach links. Und das endlos, ohne Sinn und Verstand. Nicht einmal eine bestimmte Taktfrequenz wird eingehalten, wie das bei anständigen Metronomen mit beruflichem Ehrgeiz üblich ist.

Das Prager Metronom von der Moldau aus gesehen
Das Metronom von der Moldau aus gesehen – ein roter Stachel im Fleisch der Geschichte

Dabei hat Prag bereits seit über 600 Jahren einen Zeitmesser, der sich gewaschen hat: die astronomische Uhr am Rathaus. Hier werden auf zwei Ziffernblättern jede Menge Informationen dargestellt. Oben werden neben der Uhrzeit die Sternzeit, die Planetenstunden, Sonnenauf- und untergang, Mondauf- und untergang, Dämmerungsphasen, die Mondphasen und die Jahreszeiten angezeigt.

Zusätzlich werden die böhmischen Stunden angezeigt, die eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang beginnen und bis 24 gezählt werden. Das sagt einiges über die Bedeutung des Nachtlebens in Prag aus. Außerdem zeigt die böhmische Uhr, in welchem Tierkreiszeichen sich Mond und Sonne jeweils befinden. Und das pünktlich seit dem Jahr 1420. Das ist schon erstaunlich, wenn man die Haltbarkeit heutiger Uhren bedenkt.

Astronomische Uhr am Rathaus Prag
Die astronomische Uhr in Prag

Das untere Ziffernblatt ist ein Kalender, der neben Tagen und Monaten die Namenstage der katholischen Heiligen anzeigt. Was aber die Touristen aus der ganzen Welt anzieht, sind die Figuren und Automaten. Zur vollen Stunde öffnen sich nämlich die beiden Fenster über der Uhr und über eine automatische Mechanik ziehen die zwölf Apostel an den Fenstern vorbei. Zum Abschluss kräht der Hahn über den Aposteln und der Sensenmann wendet das Stundenglas bis zur nächsten Stunde.

Touristen vor der astronomischen Uhr in Prag
Zur vollen Stunde staunt der Tourist

Mit diesem historischen Schwergewicht kann das Metronom sowieso nicht mithalten. Vielleicht hat der Künstler deshalb bewusst auf jeglichen Sinn verzichtet. Wenn man nach einer Daseinsberechtigung für das Metronom sucht, muss man schon in die Geschichte abtauchen. Denn das Metronom wurde genau an der Stelle errichtet, an der fünfzig Jahre zuvor ein noch sinnloseres Monument stand: das Stalindenkmal.

Als nach dem zweiten Weltkrieg klar wurde, dass die Sowjets sich aus der Tschechoslowakei nicht so bald wieder verkrümeln würden, dachte sich die Regierung etwas ganz Besonderes aus: Um den Diktator Stalin positiv zu stimmen, sollte ein überdimensionales Denkmal aus Granit bis in alle Ewigkeit auf die tschechische Hauptstadt herabblicken. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem alle Bildhauer teilnehmen mussten. Ohne Ausnahme. Die Künstler versuchten mit allen Tricks, dieses ungeliebte Projekt nicht zu gewinnen, aber am Ende erwischte es denjenigen mit dem am wenigsten schlechten Entwurf.

Otakar Svec war der Unglückliche, der den Zuschlag bekam. In der Hoffnung, dass die Jury vor den enormen Kosten und der nahezu unmöglichen Realisierbarkeit zurückschrecken würde, hatte er ein Figurenensemble entworfen, das zum größten Denkmal Europas werden sollte. Er hatte hoch gepokert und wurde enttäuscht. Die Jury fand seinen Vorschlag würdig und angemessen und bestand auf einer Umsetzung.

Großer Verbrecher – großes Denkmal

Am 1. Mai 1955 fand mit viel Pomp die Enthüllung statt. Otokar Svec konnte diese Schande nicht ertragen und beging vier Wochen vorher Selbstmord. Der 17 Tonnen schwere Koloss aus Granit und Beton schien für die Ewigkeit gebaut. Allein Stalins Schuh maß zwei Meter. Doch die Ewigkeit dauerte in diesem Fall etwas mehr als sieben Jahre. Inzwischen hatte man nämlich in Moskau nachgedacht. Bei genauerer Betrachtung fand man Stalins Lebenswerk, das auf Terror, Genozid und vielen Millionen Toten basierte, nicht mehr zeitgemäß. Auf Befehl von Nikita Chruschtschow wurde das Monument 1962 gesprengt. Allerdings „respektvoll“, wie es offiziell hieß, ohne Filmaufnahmen und möglichst diskret.

Wie auch immer eine respektvolle, diskrete Sprengung mit Dynamit aussieht, jedenfalls lag das sinnlos gewordene Gelände dreißig Jahre lang brach. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traute man sich 1991 auf dem politisch belasteten Boden eine unpolitische Installation aufzustellen: das Metronom.

Prag, die goldene Stadt

Die tschechische Hauptstadt ist berstend voll von Sehenswürdigkeiten, über die Andere schon ausführlich berichtet haben. Daher konzentriere ich mich auf die Attraktionen aus der zweiten Reihe.

Als Architekt hat man es ziemlich schwer, in der Menge der historischen Gebäude aufzufallen. Da muss man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen, zum Beispiel originelle Skulpturen oder ein „tanzendes Haus“.

Statue mit Fackel reitet auf Löwen auf Hausdach
Die Freiheitsstatue reitet aus
Statue mit Fackeln auf Chechovbrücke in Prag
Die Eisverkäuferin auf der Chechovbrücke hat Gegenwind
Skulptur auf Karlsbrücke in Prag
Historischer Wegweiser auf der Karlsbrücke: da geht’s zur Burg
Skulptur Die Lesende
Der Autistenthron. Lesen mitten im Trubel der Großstadt
Tanzendes Haus in Prag
Gewagte Architektur: das tanzende Haus

Viele Städte leiden unter den Aufklebern, die an alle möglichen Stellen gepappt werden. Prag hat dafür extra einen Platz geschaffen. Erstaunlich, dass sich so viele Menschen daran halten, aber so entsteht fast schon ein Kunstwerk.

Wand mit Aufklebern
Ein Rahmen für Aufkleber

Die kleinste Gasse in Prag ist so eng, dass sogar eine Fußgängerampel installiert wurde, um den Gegenverkehr zu regeln. Um Wartezeiten bei längeren Rotphasen zu überbrücken, wird das beliebte Pilsner Urquell ausgeschenkt.

Engste Gasse von Prag mit Fußgängerampel
Die engste Gasse von Prag

Der Malteserorden verbirgt sich hinter altehrwürdigen Mauern. Viel interessanter ist aber, was um die Ecke an der Außenmauer des Ordens entstand: die Lennon Wall. Hier sprühen Graffitikünstler seit über 30 Jahren ihren Protest an die Wand. Was anfangs als ärgerliche Schmiererei geduldet wurde, ist heute ein geschützter Ort der Meinungsfreiheit.

Lennon Wall in Prag
Lennon Wall: Platz für kreativen Protest
Lennonwall in Prag
Beatles-Song in Coronazeiten
Detail Lennon wall
Detail an der Lennonwall

In der Nähe der Lennon Wall krabbeln hirnlose Gestalten durch den Park.

Skulpturen krabbelnde Figuren in Prag
Digitalisierung: Festplattenspeicher ersetzen das Gehirn
Neugieriger Tourist vor Skulptur
Kontrolle – alles sauber!

In Prag gibt es deutlich mehr Autos als Parkplätze. Verständlich, dass da jeder Fleck genutzt wird, aber das hier ist schon ziemlich unkonventionell:

Parkplatz in der Moldau
Ungewöhnlich feuchter Parkplatz

Museen gibt es in Prag wie Sand am Meer, darunter auch ungewöhnliche Ausstellungen, wie das Museum für böhmische Granaten (Edelsteine, keine Handgranaten!), drei Museen für optische Täuschungen und Spezialeffekte in Filmen und das Museum für Prager Geister und Legenden. Vor dem Sexmaschinenmuseum drücken sich Scharen von kichernden Jugendlichen herum.

Sexmaschinenmuseum in Prag
Museum für Sexmaschinen

Die tschechischen Backwaren sind nicht von schlechten Eltern. Beim Probieren sollte man aber immer etwas Insulin dabei haben.

Kaffee mit Gebäck
Kaffeepause
Mann isst Süßigkeiten
Der SinnlosReisende im Zuckerschock

Wenn die Sonne untergeht zeigt sich Prag von einer anderen Seite – zauberhaft und geheimnisvoll.

Teynkirche in Prag bei Nacht
Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem)

Das Fazit der SinnlosReisenden zu Prag: Immer eine Reise wert!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad

Das Karlsbader Thermalwasser heilt angeblich alle Krankheiten (außer Dummheit, aber das ist auch keine anerkannte Krankheit). Ist das ein Naturwunder oder Kurpfuscherei? Die SinnlosReisenden waren vor Ort.

Das tschechische Karlsbad (bitte nicht verwechseln mit Carlsbad, Kalifornien) wurde im Juli 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung und die für tschechische Verhältnisse astronomischen Preise lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen: Hier muss es sich um einen ganz besonderen Ort handeln. Da man sich auf Informationen aus dem Internet nicht verlassen kann, planten wir auf unserer Tschechienreise einen Zwischenstopp in dem mondänen Kurort ein.

Die Altstadt von Karlsbad präsentiert dekorative Häuserreihen, in denen sich die Designerläden dicht an dicht drängen. Ein Thermalbad im klassischen Sinn fanden wir nicht, allenfalls einige Kurkliniken, in denen man sich „Anwendungen“ verordnen lassen konnte. Aber es gibt hier die sogenannten Kolonnaden, in denen das begehrte Heilwasser aus öffentlich zugänglichen Brunnen tröpfelt.

Altstadt von Karlsbad, Tschechien
Die Altstadt von Karlsbad
Marktkolonnade in Karlsbad
Die Markt-Kolonnade
Karlsbader Kolonnade mit Trinkbrunnen
Offener Ausschank von warmem Wasser
Sprudelkolonnade
Sprudelkolonnade mit zehn Meter Fontäne

Das Stadtbild wird dominiert von Scharen an Touristen, die mit eigenartigen Porzellanbechern durch die Gassen schlendern. Das Thermalwasser ist nämlich zwischen 50 und 70 Grad heiß. Wer einfach so aus den Brunnen trinkt, holt sich üble Verbrühungen. Die Karlsbader Schnabeltassenindustrie nutzt diese Zwangslage und verkauft an allen Ecken unglaublich geschmacklose Tassen zu Mondpreisen an die heilsuchenden Touristen. Das nenne ich eine clevere Geschäftsidee!

Verkaufsstand mit Schnabeltassen
Geschmacklose Schnabeltassen zu astronomischen Preisen

Wir kauften ein Schnapsglas und probierten von der Mutter der Heilwasser. Was soll ich sagen? Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem vergammelten Fisch, der sechs Monate zusammen mit einem toten Iltis und einem Sack voller Schweißsocken in der prallen Sonne vergoren wurde. Im Abgang kommt eine metallische Note dazu, die dezent an Zahnfleischbluten erinnert. Ich musste beinahe kotzen.

SinnlosReisender vor einem Trinkbecken
Ich hatte ein Thermalbad erwartet – und fand dieses appetitliche Trinkbecken
Wasserhahn in Karlsbad
Wenn Keime reden könnten…
Mann trinkt und es wird ihm übel
Nach dem ersten Schluck durchflutet den Körper eine Welle von Übelkeit
Szene am Trinkbrunnen
Das Wasser wirkt unterschiedlich: die Dame schwankt, dem Kind stehen die Haare zu Berge, der Mann ist kurz vor dem Erbrechen

Übertroffen in seiner Abartigkeit wird das Karlsbader Thermalwasser nur vom Becherovka, einem süß-bitteren Kräuterlikör, der ebenfalls eine Spezialität aus Karlsbad ist. In ihm hat Jan Becher das eklige Quellwasser mit Kräuterextrakten und flüssiger Lakritze „veredelt“ und in Flaschen abgefüllt. Sehr speziell.

Becherovka
Becherovka

Abends im Hotelzimmer suchte ich nach plausiblen Gründen, wie es dazu kommen konnte, dass dieses übelschmeckende warme Thermalwasser so begehrt wurde. Meine Recherche brachte nur bruchstückhafte Ergebnisse, aber in meinem Kopf entstand langsam eine Vermutung.

Die Geschichte von Karlsbad begann im finsteren Mittelalter. In dem trostlosen Tal lebten damals einige Bauernfamilien mühsam von Viehzucht und Ackerbau. Überall sprudelte schlechtes Wasser aus dem Boden, das sogar vom Vieh verschmäht wurde. Vermutlich verirrte sich eines Tages ein fahrender Händler in das Tal, denn andere Menschen hatten keinen Grund für einen Besuch. Gut möglich, dass er über eine heftige Grippe klagte, an der er seit über einer Woche litt. Wahrscheinlich prahlte einer der Bauern damit, dass ein Bad in den heißen Quellen seine Krankheit heilen würde. Es bleibt unklar, ob er dem Reisenden nur einen Streich spielen wollte, oder ob er selber daran glaubte, aber ziemlich sicher spielte Alkohol eine Rolle.

Am nächsten Tag hatte der Kaufmann einige Brandblasen, aber seine Grippe war tatsächlich besser geworden. Nach einem weiteren Bad war er so gut wie gesund. Die Grippe wäre wohl auch ohne die Bäder abgeklungen, aber Händler wussten damals, wie man Gelegenheiten nutzte. Ziemlich sicher füllte er sich gleich ein paar Flaschen ab, um sie teuer als Heilmittel zu verkaufen. Dabei rührte er kräftig die Werbetrommel und pries das Wasser als Allheilmittel gegen Rheuma, die Pest, den bösen Blick und alle sonstigen bekannten Krankheiten.

Als sich die Kunde von den heilenden Wassern verbreitete, machten sich die ersten Kranken selber auf den Weg zu den Quellen. Ähnliche Wunder waren damals durchaus üblich. Die Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen und Ärzte richteten bei ihren Patienten oft mehr Schaden an, als dass sie Krankheiten heilten. Da war so ein Bad im warmen Wasser sicher die gesündere Alternative.

Irgendwann mussten die Gerüchte von den wundersamen Thermalquellen aus dem Böhmerwald auch Kaiser Karl IV zu Ohren gekommen sein. Der hatte ein sicheres Gespür für alles, was den Wert seines Reiches steigerte. Im Jahr 1370 beförderte er den Ort deshalb unbesehen zur Königsstadt und gab ihr den Namen Karlsbad.

Damit war der Startschuss für die Entwicklung des Badebetriebs gefallen. Es gab Zeiten, zu denen zehnstündige Badekuren verordnet wurden, die sogenannten Hautfresser. Denn dabei platzte am Ende die Oberhaut schmerzhaft auf, was man damals als Zeichen von Heilung interpretierte, weil böse Körpersäfte entweichen konnten. Kein Wunder, dass die so gequälten Patienten ziemlich schnell behaupteten, sie seien geheilt. Lieber krank als tot, dachte sich Mancher und entließ sich selbst.

Im 18. Jahrhundert wurden dann Trinkkuren eingeführt, anfangs mit der sagenhaften Dosis von etwa 60 Bechern am Tag. Wer diese Trinkfolter überlebte, galt ebenfalls als geheilt. Die Besuche von Zar Peter dem Großen und einigen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie machten Karlsbad dann zu einem mondänen Kurort für zahlungskräftige Kundschaft.

Schafensterpuppen
Dieses Schaufenster zeigt, welches Stammpublikum in Karlsbad überwiegt

Bei unserem Besuch in Karlsbad waren wir von dem relativ jungen Publikum überrascht. Abends erkannten wir den Grund. Da wegen Corona die russischen und asiatischen Kurgäste ausblieben, wollte ein Event-Manager jüngeres einheimisches Publikum ansprechen. Und so kam es, dass nach Sonnenuntergang der DJ auf der Thermal Stage aufdrehte, dass die wummernden Bässe die Gebisse der Kurgäste auf den barocken Nachttischchen zum Klirren brachten.

Menschen stehen Schlange
Vor den Fenstern der Kurgäste sammelt sich partywilliges Jungvolk
Plakat Thermal stage
Feiern auf der Thermal Stage

So, nun hat das Internet eine weitere Quelle von Informationen, auf die man sich nicht verlassen kann. Wenn ihr mir nicht glaubt, fahrt selber hin. Spucktüten nicht vergessen! Bis bald, euer SinnlosReisender.

Ein Pils in Pilsen

Ein Besuch in der Geburtsstadt des untergärigen Biers

Die tschechische Stadt Pilsen bietet zahlreiche Attraktionen: das Theater, die große Synagoge, die ZF Engineering und die St.-Bartholomäus-Kathedrale.

Das Theater von Pilsen
Das Theater von Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen

Vom Turm der Kathedrale aus hat man einen erstklassigen Blick auf den Platz der Republik mit seinen hübschen Häuserreihen. Als ich auf der Turmtreppe an der großen Glocke vorbei kam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dagegen zu klopfen. Die Glocke gab ein überraschend lautes Ploing von sich und ich wollte schon weitergehen. Plötzlich setzte sich ein Mechanismus in Gang und es begann so laut zu läuten, dass ich die ganze Nacht lang ein Klingeln in den Ohren hatte. Als ich unten wieder am Kassenhäuschen vorbeikam, schaute mich die Turmwärterin misstrauisch an, aber ich lächelte nur unschuldig und mischte mich unauffällig unter die Passanten. Warum passiert so etwas eigentlich immer nur mir?

St. Bartholomäus Kathedrale in Pilsen
Die St. Bartholomäus Kathedrale
Glocke auf dem Turm der Kathedrale
Die Glocke hat einen Durchmesser von über einem Meter
Platz der Republik in Pilsen von oben
Blick vom Kirchturm auf den Platz der Republik

Die größte Attraktion ist aber zweifelsfrei die Brauerei Pilsner Urquell. Ich spreche nicht von irgendeiner Bierproduktionsstätte – es geht hier um den Geburtsort des Pils, das Bethlehem der Biertrinker, das Mekka der Hopfenfreunde.

Pilsner Brauerei
Der Eingang ins Allerheiligste – Pilsner Brauerei

Die Tschechen waren schon immer ein aufmüpfiges Volk. Im Gegensatz zum Prager Frühling war aber der Pilsener Bieraufstand im Jahr 1838 erfolgreich. Empörte Bürger kippten damals fassweise die übel schmeckende Plörre, die die Wirte als Bier verkauften, vor das Rathaus und forderten Besserung. Dem Stadtrat war die Bedeutung des Bieres für die tschechische Seele sehr wohl bewusst und er engagierte einen bayrischen Bierbrauer. Dieser experimentierte mit hellem Malz und höherem Hopfengehalt und servierte 1842 seine goldgelbe Innovation. Das Bier nach Pilsner Brauart kam so gut an, dass das Pils in kurzer Zeit auf der ganzen Welt die Herzen der Biertrinker eroberte. Sogar die Beatles nannte man nach einer Tournee in Tschechien „die Pilsköpfe“.

Statistik über Pro-Kopf-Konsum von Bier
Unangefochtener Weltmeister. Da geht ein Stadtrat kein Risiko ein. Quelle: Statista.de
Reklame Bierbad
Vielleicht liegt der hohe Bierverbrauch auch an der kreativen Verwendung

So eine bedeutende Tradition wirkt sich zwangsweise auf das Stadtbild aus. Es gibt in Pilsen etwa gleich viele Kneipen wie Einwohner. Egal ob Tattoostudio oder asiatischer Imbiss – Pilsner Urquell ist immer im Angebot. Und das weit über die Stadtgrenzen von Pilsen hinaus.

Brauereimuseum Pilsen
Pilsner Brauereimuseum

Rätselhafte Skulpturen senden geheime Botschaften an die Bierliebhaber aus. Die griechischen Buchstaben Lambda, Tau und Pi bedeuten: Lebenskünstler trinken Pilsner.

Man steht zu seinem Laster; es ist ja nur ein Kleinlaster…

Alkohol im Übermaß hat natürlich nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesundheit (das musste mal gesagt sein, falls Minderjährige mitlesen). Deshalb wurden für den Heimweg von der Bar eigene Gehwege mit Haltepfosten angelegt. Hier können die Kinder ihre betrunkenen Väter sicher nach Hause bringen.

Gehwegbeschilderung
Extraspur für Kinder, die ihre betrunkenen Väter nach Hause begleiten, mit Pfosten zum Festhalten bei schwankendem Gang.
Statue mit Hurvinek und Spejbl
Hurvinek: „Vati, warum muss ich dich jeden Abend aus der Kneipe abholen?“ Spejbl: „Na, frag ruhig, ich helfe denen, das ungesunde Bier wegzutrinken, damit niemand zu Schaden kommt!“

Trotzdem gibt es Verluste. Manche Bierleiche wird am nächsten Morgen an der Kathedrale oder im städtischen Teich gefunden.

Skulpturen im Wasser
Wer den Heimweg nicht findet, landet im Teich
Bierleiche
Bierleiche vor der Kathedrale

Sogar einen eigenen Berufszweig hat die Brautradition hervorgebracht: den Tapster. Nach fünftägiger Ausbildung in Pilsen bekommt der Herrscher über den Zapfhahn eine personalisierte Lederschürze und ist in der Lage, das Pilsner Urquell in vier Varianten zu zapfen:

  • Hladinka – Ein großes Bier mit einer drei Finger breiten Schaumkrone, die bis zum Glasrand reicht. Der dicke cremige Schaum bildet eine Schutzschicht und das Bier bleibt süffig
  • Šnyt – Eigentlich ein kleines Bier im großen Glas mit viel Schaum. Es ist ein ideales Bier zum Abschied, wenn man das Trinken langsam beenden will und ein weiteres großes Bier zu viel wäre
  • Mlíko – Auf den ersten Blick erinnert das Bier an ein Glas Milch, weil die Halbe voll mit sahnigem Bierschaum ist. Der Geschmack der Milch ist etwas süßlich und daher ist sie vor allem bei Frauen beliebt
  • Čochtan – Ein Bier fast ohne Schaum für den schnellen Durst zwischendurch. Sollte möglichst auf ex getrunken werden, da es ohne den Schaum sehr schnell schal wird
Zapftechnik ergibt vier Varianten von Bier
Ein Bier – vier Zapftechniken

Abends durfte ich mich auf Einladung eines lieben Kollegen selbst von der Pilsner Kneipenkultur überzeugen. Die Krönung des Biergenusses ist ein frisch gezapftes Tankbier. Es wird ohne Pasteurisierung oder Konservierungsstoffe gebraut und direkt im Tank von der Brauerei zur Bar geliefert. Der Tapster ist dafür verantwortlich, dass der Tank spätestens in fünf Tagen leer ist. Das ist in Pilsen kein Problem.

Tankbier in der Kneipe
Das Auto braucht einen Benzintank, der Mensch einen Biertank
Tankbier
Tankbier. Biertank.
Biergläser
Auf einem Bein steht man schlecht…

David, Danke für den schönen Abend!

Taiji am Bodensee

Leben in Zeitlupe

Gerold hatte zu einem Taiji-Wochenendkurs am Bodensee eingeladen. Ein paar Grundkenntnisse im asiatischen Kampfsport kann man auf Reisen immer brauchen und daher meldete ich mich an. Von einer Meisterschülerin und Weltmeisterin kann man bestimmt eine Menge lernen.

Kursausschreibung Taiji am Bodensee
Programm an verlockender Location

Wir trafen uns am Freitag Abend zur Einführung auf einem Seegrundstück bei Radolfzell, das Felisa zur Verfügung stellte. Ihr Mann hatte extra ein Zelt als Schutz vor dem drohenden Regen aufgebaut. Das Wetter war diesen Sommer schließlich etwas unzuverlässig, um es mal milde auszudrücken. Leider hatte ein Platzregen am Tag zuvor das Zelt etwas mitgenommen.

Zerstörtes Zelt auf einer Wiese
Eigentlich eine gute Idee: ein Schutzzelt gegen Regen

So ein Platz direkt am See ist schon eine tolle Sache. Wir waren mitten in schönster Natur fast allein. Nur einige Stand-Up-Paddler kamen gelegentlich vorbei. Der wirklich einzige Nachteil an einem Seegrundstück ist, dass auch die Stechmücken das Seeufer schätzen. Wusstest du, dass eine Stechmücke mit einem Stich so viel Blut saugen kann, wie sie selbst wiegt, nämlich etwa zwei Milligramm? Es benötigt also 3-4 Millionen Mücken an einem Abend, um einen erwachsenen Menschen leer zu saugen. Beruhigend, nicht wahr?

Seezugang am Bodensee mit SUP
Mitten in der Natur

Von einem Qigong-Kompaktkurs wusste ich noch, dass hier eine eigene Sprache gesprochen wird. Die Wirbelsäule ist zum Beispiel „die Säule des Himmels“, der Handballen ist „der Palast der Arbeit“, zwischen den Nieren liegt „das Tor des Lebens“ und der Darmausgang wird als „Höhle der Winde“ bezeichnet.

Wenn man das Grundvokabular beherrscht, kann man damit ganze Sätze formulieren. „Der rote Drache schwimmt im Meer“ bedeutet, dass man seine Zunge im Mund bewegt. Und „dein roter Drache schlängelt sich vor meiner Höhle der Winde“ heißt dann „du kannst mich mal am Arsch lecken“. Wobei ein wahrer Meister so etwas nicht einmal denkt.

Mit verschiedenen Übungen versucht man dann, Körper, Atmung und Geist in Einklang zu bringen und die Energieflüsse durch die Meridiane anzuregen. Die Übungen haben meist sprechende Namen, wie „Das Boot ruhig über den See rudern“ oder „der schreitende Kranich“. Fortgeschrittene Meister erhöhen den Schwierigkeitsgrad und „rollen den Kaktus mit der Zunge über den Sand“. Oder so ähnlich.

Am Samstag Nachmittag trafen wir uns erneut am Seeufer zum Mückenfüttern. Zur Stärkung hatte ich vorher eine ordentliche Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln zu mir genommen. Bevor wir uns mit den Seidenübungen beschäftigten, übten wir die „Stehende Säule“: man steht dabei wie eine Säule, bewegungslos. Das klingt erstmal nicht zu kompliziert, aber entscheidend ist die richtige Stellung und die innere Haltung.

Kappedäschlebrunnen in Radolfzell
Die Urform der „Stehenden Säule“: Kappedäschle in Radolfzell

Während wir mehr oder weniger entspannt als Säule herumstanden, gab Vera-D. Anweisungen: „Alles Schwere sinkt mit jedem Atemzug nach unten. Alles Leichte steigt nach oben.“

Ich konnte das nur teilweise umsetzen; die Kässpätzle lagen schwer in meinem Magen und weigerten sich beharrlich, nach unten zu sinken. Gleichzeitig suchten sich die Gase der Zwiebeln ihren Weg zur Höhle der Winde.

Taijiübungen auf einer Wiese
Übung macht den Meister

„In Gedanken verschmelzen Schulter und Hüfte, Ellbogen und Knie, Handgelenke und Fußgelenke miteinander zu einer Einheit“, forderte die Weltmeisterin. Dafür reichte meine Vorstellungskraft während des Kurses nicht aus. Erst durch intensives Üben gelang mir die Umsetzung.

Stehende säule
Mit Willenskraft wächst man über sich hinaus. Oder in sich hinein.

Am Ende der Übung hieß es: „Wir lassen die Hände langsam nach unten sinken und lassen uns dafür eine Minute Zeit.“

Eine Minute! Wie will man da einen Kampf gewinnen? Als Ingenieur gingen mir sofort einige Optimierungsideen durch den Kopf. Ich traute mir auf Anhieb zu, das Ganze in unter einer Sekunde zu schaffen. Mit etwas Übung auch deutlich schneller. Ich musste allerdings lernen, dass man im Taiji umso langsamer übt, je besser man wird. Und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht in einem Kampfsportkurs bin. Unglaublich, wie lange eine Minute sein kann! Vor allem, wenn man kurz vor einem Wadenkrampf steht.

Bei Konstantin fließt die Energie fast von alleine

Außerdem soll man bei den Übungen das Labyrinth der rennenden Gedanken leeren. Am besten an gar nichts denken. Und wenn man doch an etwas denkt, soll man nicht mehr daran denken. Das ist gar nicht so einfach, aber nach einiger Übung gelang es mir immer besser. Mein Gehirn war ein weißes Blatt. Nur die SUPs auf dem See konnte ich nicht aus meinen Gedanken verbannen.

Der Kopf ist leer. Beinahe.

Bei einer Übung zur Standfestigkeit sollten wir uns gegenseitig durch Schubsen aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Übungspartner war Rudi, der Fels. Ich war chancenlos. Dann durften wir Vera-D. schubsen; sie war wie Wackelpudding, den man mit Zement angerührt hat. Unkaputtbar. Nach einer Weile lernte ich, dass man nicht mit Kraft dagegen drückt, sondern durch geschickte Gewichtsverlagerung die Kraft des Gegners in den Boden ableitet. Cool.

Als ich diese neue Fähigkeit stolz der SinnlosReisenden vorführte und mich breitbeinig vor ihr aufbaute, schaute sie mich kurz mitleidig an. Dann zog sie ihr Knie an und deutete einen Stoß zwischen meine Beine an. Bei solch unfairen Frauentricks zersplittert selbst der dickste Fels.

Am Sonntag lernten wir das Konzept von Yin und Yang und den Energieströmen kennen. Ich hatte mein halbes Berufsleben mit der Frage verbracht, wie man Energie bei einem Fahrzeug möglichst effizient in Bewegung umsetzt. Dass man aber mit der Kraft seiner Gedanken und durch gezielte Atmung die Lebensenergie in einzelne Körperregionen leiten kann, war mir neu. Ich bin noch am Tüfteln, aber vielleicht werde ich demnächst ein Patent für einen CO2-freien Antrieb anmelden.

Eine Teilnehmerin hatte sieben Jahre gebraucht, bis sie zum ersten Mal überhaupt Energie gespürt hatte. So lange konnte ich nicht warten und warf einen Schokoriegel ein.

Obwohl ich an diesem Wochenendkurs viel lernte, blieben bei mir noch ein paar Fragen offen (in Taijisprache: ich ging den ersten Schritt auf einem langen Weg). Aber es war eindeutig eine tolle Erfahrung mit wunderbaren Menschen an einem wunderschönen Ort. Und ich bin meinem Ziel näher gekommen, in jeder Situation meine innere Mitte zu finden.

Gekreuzigter Jesus am Bodensee vor der Insel Mainau
Alles eine Frage der inneren Haltung. Rechts: wehrt sich verkrampft gegen seine Lage. Mitte: resigniert, apathisch. Links: heiter-gelassen, neugierig auf die neue Erfahrung.

Ich mache normalerweise keine Werbung, aber wer mehr über Qigong und Taiji erfahren möchte (und dann ganz ernsthaft), kann sich hier schlau machen:

Qigong mit Gerold Gerber

Taiji mit Vera-D. Neumann

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 5

Eine zickige Atombombe und ein ehemaliger Mafioso kommen endlich zusammen

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, beim ersten Teil zu beginnen.

Ein Inkassobüro hatte mich wegen angeblich offener Forderungen unseres Stromversorgers angerufen. Und ich hatte eine Atombombe im Keller gefunden. Um die Bombe scharf zu stellen, musste ich nur noch den Zahlencode eingeben, der auf einem Zettelchen notiert war. Ich bekam feuchte Hände, denn eine Atombombe aktiviert man nicht jeden Tag. Da sollte nichts schief gehen. Als ich gerade die letzte Ziffer eingeben wollte, rutschte mir die Bombe aus der Hand.

Hoppla, dachte ich mir, das ist nicht gut. Da man nie weiß, wie eine Atombombe auf einen Sturz reagiert, hechtete ich ihr hinterher. Ich erwischte das abenteuerlustige Bömbchen gerade noch an einem Kabel, bevor sie auf dem gefliesten Boden aufprallte. Dabei löste sich ein Draht aus seinem Anschluss und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Auf dem Display erschien eine Meldung: „Sprachsteuerung aktiviert“.

„Hallo“, hauchte prompt eine rauchige Frauenstimme mit russischem Akzent aus dem Gerät. „Bitte gib den Code ein, um mich scharf zu machen“.

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, murmelte ich.

„Haehwasoldasdennjez ist kein gültiger Code“, erwiderte die Stimme. „Noch zwei Versuche übrig“.

„Moment mal, Stop!“, versuchte ich, die Eingabe abzubrechen.

„Momentmalschtobb ist kein gültiger Code. Noch ein Versuch übrig“, stellte die sprechende Atombombe emotionslos fest. Ich sagte nichts mehr und dachte nach.

Nach einer Minute meldete sich die Bombe zurück: „Zeitlimit überschritten. Codeeingabe abgebrochen.“

„Na super. Und jetzt?“, fragte ich mich laut.

„Jetzt hast du zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, um die Codeeingabe wieder freizuschalten. Ist nach zehn Minuten der richtige Superpin nicht eingegeben, detoniere ich“, kam postwendend die Antwort. Das klang, als ob dieses Ding mit mir redete.

„Kannst du etwa sprechen?“, fragte ich ungläubig.

„Wie hört es sich denn an?“, kam die Gegenfrage.

„Und wer bist du?“, wollte ich wissen.

„Ich bin Svetlana, eine Zimmer-Atombombe mit Sprachmodul. Du hast noch neun Minuten, um den Superpin einzugeben“.

Ach ja, stimmt. Ich schaute auf dem Zettel nach, der der Bombe beigelegt war. Da war tatsächlich noch eine zweite Ziffernfolge notiert. Das musste der Superpin sein. Jetzt durfte aber nichts mehr schief gehen.

„Svetlana, bitte stoppe den Countdown!“, unternahm ich einen neuen Anlauf.

„Diese Funktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung. Der Countdown kann nur gestoppt werden, wenn du dazu den Code eingibst.“

„Aha. Und um den Code eingeben zu können, muss ich zuerst den Superpin eingeben, stimmt’s?“

„Das ist richtig. Du hast noch acht Minuten Zeit, um den Superpin einzugeben.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich.

„Ich habe keine Arme“, stellte Svetlana klar.

Sehr witzig. Also hielt ich die Luft an und tippte Zahl für Zahl den Superpin ein.

„Systemfehler“, meldete sich Svetlana. „Der Superpin kann nicht mit dem hinterlegten Referenz-Superpin abgeglichen werden. Das Inputkabel ist lose.“

„Was muss ich tun?“ Ich wurde langsam nervös. Ich wollte mir die Sauerei nicht vorstellen, die eine Atombombenexplosion in unserem Keller anrichten würde.

„Du musst die Klappe auf meiner Unterseite öffnen und das Kabel in die Klemme stecken. Du hast noch sieben Minuten, den Superpin einzugeben.“

Ich suchte einen Schraubenzieher. Unter der Klappe kam ein Kabelgewirr zum Vorschein. „Svetlana, in welche Klemme muss ich das Kabel stecken?“

„Du musst das lose Kabel in die weiße Anschlussklemme stecken. Steck es mir ganz tief rein“, hauchte Svetlana lasziv.

Ich zog das Kabel vorsichtig aus dem Gewirr heraus.

„In die rote Klemme“, korrigierte Svetlana ihre Anweisung.

„Was jetzt? Rot oder weiß?“ Ich begann zu schwitzen.

„Die Weiße. Das mit der roten Klemme war ein Scherz.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Bei der roten Klemme wäre ich sofort explodiert.“

„!!!“

„Hat dir mein Scherz gefallen?“

„Svetlana, das ist nicht witzig!“

„Das ist bedauerlich. Humor ist in der aktuellen Softwareversion noch ein experimentelles Feature. Ich versuche, meine Fähigkeiten ständig zu verbessern. Maschinelles Lernen. Du hast noch zwei Minuten.“

Ich steckte vorsichtig das lose Kabel in die weiße Klemme.

„Superpin bestätigt“, meldete Svetlana. „Du hast noch einen Versuch, den Code zur Aktivierung einzugeben.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass mir Jemand auf die Schliche gekommen war? Das zweite Klingeln beendete meine Lähmung.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Ichkommegleich ist kein gültiger Code. Du hast noch Null Versuche übrig“, meldete sich Svetlana wieder zu Wort. „Du hast zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, sonst werde ich mich endgültig deaktivieren.“

„Jetzt halt du mal deine vorlaute Klappe oder ich zieh dir deinen Stecker“, schnauzte ich zurück.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, antwortete Svetlana diplomatisch.

Ich stellte die Bombe in den Kellerschrank und ging nach oben um die Tür zu öffnen. Bevor ich auch nur Pieps sagen konnte, wurde es dunkel und mein Magen explodierte vor Schmerz.

Otto

Sein erster Auftrag in seinem neuen Leben führte Otto in eine Reihenhaussiedlung am Rande einer oberschwäbischen Kleinstadt. Dieses neue Leben hatte vor acht Wochen begonnen, als die Europolbeamten ihn zum Verhör mitnahmen. Sie zeigten ihm einige Videoaufnahmen und spielten ihm genügend Ausschnitte ihrer Abhöraktion vor, um ihm klar zu machen, dass Leugnen zwecklos war. Sie hatten ihn echt am Arsch. Otto überschlug im Kopf schnell, dass er im besten Fall mit fünfzehn Jahren Knast davon kam. Im schlimmsten Fall drohte ihm lebenslänglich. Er war zutiefst erschüttert, dass er so blöd war, die Kamera in dem Parkhaus in Rom zu übersehen.

Dann kam der Staatsanwalt mit seiner Kronzeugenregelung, seinem Zeugenschutzprogramm und der neuen Identität, wenn er gegen die Mafia auspacken würde. Otto musste nicht lange überlegen. Dieser ganze Familien-Mist ödete ihn sowieso schon lange an. Und dann noch dieses Desaster mit der verlorenen Atombombe. Da war die Aussicht auf einen Neuanfang gar nicht mal so übel. Sollten die Fische in Sizilien doch fressen, wen sie wollten. Er war jedenfalls raus.

Also bekam er eine neue Identität und einen neuen Beruf. Er arbeitete jetzt in einem Inkassounternehmen, ganz offiziell mit Lohnsteuerkarte und Rentenversicherung. Eine Woche lang besuchte er Lehrgänge und musste langweilige Videos anschauen, in denen Deeskalation in kritischen Situationen gezeigt wurde.

„Wir sind ein seriöses Unternehmen, das sich an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert“, betonte sein Chef mehrmals. „Also komm mir nicht mit irgendwelchen Methoden, die du aus Mafiafilmen abgeschaut hast, wenn du Morgen deinen ersten Schuldner besuchst“.

Otto kannte die drei eisernen Regeln auswendig:

  1. Niemals körperliche Gewalt anwenden
  2. Die Schuldner nicht verbal bedrohen
  3. Bevor man eine Wohnung betritt, immer um Erlaubnis fragen

Otto klingelte. Nichts. Er klingelte nochmal.

„Ich komme gleich“, hörte er leise durch die Tür. Als die Tür sich endlich öffnete, stülpte er dem Schuldner sofort einen Sack über den Kopf und stieß ihn mit einem Schlag in den Magen ins Haus zurück.

„Willst du mich jetzt hereinbitten, oder soll ich dir erst die Fresse polieren?“, fügte er dann hinzu. Man soll sich ja immer schön an die Regeln halten in diesem Rechtsstaat.

Aus dem Sack kam ein undeutliches Stöhnen.

„Ich werte das mal als Zustimmung“, erwiderte Otto. „Danke für deine Kooperation“. Er schleppte den Sack ins Wohnzimmer.

„So, Freundchen“, kam Otto gleich zur Sache. „Du schuldest meinem Auftraggeber genau 7.051 €.“

„Das stimmt nicht“, kam es undeutlich aus dem Sack.

Also gut, der will es nicht anders, der denkt, er wäre ein ganz Cleverer, dachte sich Otto. Er band den Sack auf einem Stuhl fest und zog seinen Schlagring auf.

„Da ist ein schrecklicher Fehler beim Zählerstand passiert“, protestierte der Sack und krümmte sich auf dem Stuhl. „Geh doch selber in den Keller und schau nach!“

„Du hast noch eine Minute Zeit“, kam in diesem Moment eine weibliche Stimme aus dem Keller.

„Wer war das? Bist du etwa nicht allein?“, fragte Otto alarmiert. Augenzeugen für seine großzügige Auslegung der rechtsstaatlichen Prinzipien konnte er nicht gebrauchen.

„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der Sack.

Otto stieg leise die Treppen hinunter. Er öffnete vorsichtig die Kellertür, aber hier war kein Mensch. Eigenartig.

Otto ging zum Stromzähler und kontrollierte die Daten. Tatsächlich, der Zählerstand lag weit unter dem, der auf seinen Unterlagen angegeben war. Waren die bei EnBB tatsächlich so bekloppt, ein Inkassounternehmen zu beauftragen, ohne die Zählerstände selbst zu kontrollieren? In diesem Moment kam aus einem Schrank wieder die Frauenstimme.

„Zeitlimit überschritten. Ich deaktiviere mich jetzt endgültig.“

Otto öffnete die Schranktür und traute seinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Er nahm das Kästchen aus dem Schrank, ging nach oben und riss dem Schuldner den Sack vom Kopf.

Alte Bekannte

Als es wieder hell wurde, stand der glatzköpfige Mann aus Rom vor mir, die Atombombe in seiner Hand. Wir starrten uns gegenseitig an.

„Du bist das?“, fragten wir dann gleichzeitig.

„Was hast du mit meiner Bombe vor?“, wollte er wissen.

„Ich wusste nicht, dass die dir gehört, die lag in unserem Mietwagen“, gab ich zurück. „Du kannst sie aber gerne zurück haben. Die ist sowieso ziemlich zickig“.

Otto nahm das Päckchen, das ich vorbereitet hatte, las die Adresse und schaute mich spöttisch an.

„So, so. Kleines Privatattentat auf die Energieversorgung, was?“

Ich erzählte ihm meine Leidensgeschichte mit EnBB. Es schien ihm zu gefallen, dass ich die Sache selbst in die Hand genommen hatte.

„Mein früherer Arbeitgeber hätte Gefallen an deinen Methoden gefunden“, lachte er und band mich los. „Und ich dachte schon, du bist ein ganz Ausgebuffter! Weißt du, dass ich vier Monate lang auf deiner Spur war?“

Otto erzählte mir seine Geschichte bei einem Ramazotti. Wir mussten immer wieder darüber staunen, wie knapp wir einander verpasst hatten. Und als Otto mir erklärte, dass er den falschen Zählerstand gemeldet hatte, der mir so viel Kummer bereitet hatte, lachten wir Tränen. Die Flasche wurde zusehends leerer.

„Verdammt, was machen wir jetzt mit dieser bescheuerten Bombe?“, fragte er mich.

„Na ja, vielleicht schickst du sie einfach an deine ehemalige Familie“, schlug ich vor. „Es hat ja keiner gesagt, dass du eine funktionierende Bombe abliefern musst, oder?“

Wir waren uns schnell einig. Otto regelte die Sache mit EnBB für mich und schickte ein Paket nach Palermo. Ich verabschiedete meinen neuen Freund mit einer herzlichen Umarmung und winkte ihm hinterher. Dann holte ich aus dem Briefkasten einen Brief. Es war die Stromabrechnung für unsere alte Wohnung. Wir sollten 11.082 € für die letzten zwei Wochen nachzahlen.

Ende

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 3

Eine Atombombe macht Urlaub an der Adria und ein Mafioso kämpft mit der autofreien Zone.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn beim ersten Teil anzufangen. Das ist aber deine Entscheidung.

Von Rom nach Ravenna

Von Rom aus fuhren wir mit dem Mietwagen an die Adria. In dem Küstenstädtchen Cattolica hatte die Saison noch nicht begonnen und der Strand war wie ausgestorben. Es gab unzählige Hotels mit typisch italienischen Namen wie Regina, Kursaal, Diplomat, International oder Boston. Am Strand standen die Sonnenschirme und Liegen militärisch exakt an der Schnur ausgerichtet und warteten auf die Gäste. Die Strandabschnitte waren mit Nummern von 1 bis 99 in Bereiche eingeteilt, die jeweils den Hotels zugeordnet waren. Ein Alptraum für den Individualreisenden.

Schirmständer am Strand
Vor der Saison sieht der Strand aus wie ein Militärfriedhof
Strand mit Liegen von oben
In der Hauptsaison:Strandabschnitte 63-75

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto nach Ravenna, was nicht ungefährlich ist. Denn die Italiener hatten zahlreiche Straßen als autofreie Zonen deklariert. Immer wieder mussten wir abdrehen, um nicht versehentlich in die kameraüberwachten Gebiete einzufahren. Im Rückspiegel konnte ich sogar einmal beobachten, wie ein Fiat 500 in so eine verkehrsberuhigte Straße abbog und sofort von der Polizei gestoppt wurde.

Haus mit Kletterpflanzen zugewuchert
Haus in Ravenna – Spare nie an der Bezahlung des Gärtners…

Ravenna wurde von den römischen Kaisern als Flottenstützpunkt in der Adria gegründet, weil die großen Pinienwälder den Schiffsbau erleichterten und die Lage in einer Lagune gut zu verteidigen war. Als einige Jahrhunderte später das römische Reich allmählich in Auflösung begriffen war, zogen viele Adelige aus Rom und Mailand nach Ravenna. In dieser Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter entstanden die vielen gotischen Gebäude, die von außen mit ihren roten Ziegelsteinmauern eher unspektakulär aussehen. Aber innen tobten sich die Künstler mit gigantischen Mosaiken aus, die heute zum Unesco-Welterbe gehören.

Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Bescheidenes Wohnzimmer

Wir gaben unseren Mietwagen in Venedig ab. Ich hatte mir in Gedanken schon schlimmste Horrorszenarien ausgemalt, weil ich im Internet über die Abzocker-Methoden von Sicilia Rent gelesen hatte. Aber der Mitarbeiter bei der Rückgabestation hatte erstaunlich wenig Interesse am Zustand des Wagens und kam nicht einmal aus seinem Häuschen heraus.

Zum Abschluss unserer Italienreise verbrachten wir noch ein paar Tage in der Lagunenstadt; darüber hatte ich schon in einer anderen Geschichte berichtet. Aber jeder Urlaub geht einmal zu Ende und schon bald standen wir in der Schlange vor dem Sicherheitscheck am Flughafen von Venedig. Mein Rucksack löste in der Durchleuchtungsanlage ein rotes Blinklicht aus. Der Securitymitarbeiter zog das Päckchen heraus, das ich im Kofferraum des Mietwagens gefunden hatte. Da hatte ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Was denn da drin sei, wollte der Mann von mir wissen. Aber bevor ich antworten konnte, ging nebenan der Alarm los und der Securitytyp sprang seinen Kollegen zu Hilfe, die einen Mann überwältigten. Ich steckte das Päckchen wieder in meinen Rucksack und wir machten uns auf den Weg zum Gate.

Otto

Otto hatte miese Laune. Tagelang hatte er vergeblich die Küstenstädtchen abgesucht, als er endlich in Ravenna den Golf mit den deutschen Touristen entdeckte. Um ihnen den Weg abzuschneiden, nahm er eine Abkürzung durch eine kleine Gasse und gab Gas. Jetzt konnten sie ihm nicht mehr entwischen! Zwanzig Meter weiter wurde Otto von einer Polizeistreife gestoppt. Er war in die autofreie Zone gefahren. Fuck! Wozu bauten die Italiener Straßen, um dann ihre Benutzung zu verbieten? So etwas war in den USA unvorstellbar. Als er den Polizisten mit einer kleinen finanziellen Gefälligkeit milde stimmen wollte, reagierte der erst richtig unentspannt und hielt ihn 24 Stunden auf dem Revier fest.

An der Mietwagenrückgabe am Flughafen von Venedig zog Otto einen Mitarbeiter von Sicilia Rent aus dem Verkehr und übernahm seinen Job. Als die Deutschen den Golf abgestellt hatten, durchsuchte er den Wagen gründlich. Als ihm klar wurde, dass das Päckchen mit der Bombe nicht im Auto war, zog er seine Pistole und feuerte ein ganzes Magazin in den leeren Wagen. Er hatte gelesen, dass man seine Aggressionen möglichst sofort abbauen solle.

Ein paar Tage später wartete Otto ungeduldig in der Schlange am Sicherheitscheck des Flughafens von Venedig. Ein Anruf beim Vertreter der ehrenwerten Familie am Airport hatte genügt, um herauszufinden, dass die Deutschen heute nach Stuttgart flogen. Er hatte sich ein Ticket gekauft und mit einem kleinen Schmiergeld für einen Sitzplatz in der Reihe hinter den Deutschen gesorgt. Sein Plan war einfach: entweder konnte er die Bombe während des Fluges an sich nehmen oder er musste in Stuttgart am Gepäckband zuschlagen.

In der Schlange neben ihm öffnete ein Securitymitarbeiter den Rucksack des Deutschen und holte zu Ottos Entsetzen das Päckchen mit der Bombe heraus. Wenn das Sicherheitspersonal die Bombe in die Finger bekam, war das Spiel für ihn zu Ende. Er konnte nicht mehr erkennen, was dann passierte, weil in diesem Moment der Alarm an seinem eigenen Durchgang losging. Als er von einem Dutzend Polizisten umringt wurde, fiel ihm ein, dass er immer noch seine Pistole im Hosenbund stecken hatte. Als sich die Handschellen klickend um seine Handgelenke schlossen, sah er noch, wie der Deutsche das Päckchen wieder in seinen Rucksack steckte. Dann wurde Otto abgeführt.

Drei Monate hatte es gedauert, bis die Familie Otto aus dem Gefängnis frei bekam. Der Boss hatte sich persönlich nach Italien begeben und seine Beziehungen zur Regierung spielen lassen. Er hatte ihm nochmal sehr deutlich gemacht, was passieren würde, wenn Otto die Bombe nicht wieder beschaffen konnte. Er würde nie vergessen, wie das abgetrennte Glied seines kleinen Fingers in das Aquarium sank und von den Babypiranhas abgeknabbert wurde, bis nur noch der blanke Knochen übrig blieb.

Otto hatte sich die Adresse des Deutschen aus dem Mietwagenvertrag gemerkt, aber die war definitiv falsch. Vielleicht war dieser Tourist doch nicht so harmlos, wie er aussah. Jedenfalls schien er seine Spuren ganz geschickt zu verwischen. Aber Otto hatte noch ein paar Tricks auf Lager. Er zückte sein Handy und rief bei der EnBB an, dem Energieversorger in dieser Gegend. Er gab den Namen des Deutschen an und behauptete, er wolle einen Zählerstand für seine neue Wohnung durchgeben, habe aber gerade die Zählernummer nicht parat. Kein Problem, meinte die Kundenbetreuerin, sie habe nur eine einzige Zählernummer unter diesem Namen im System registriert, wie denn der Zählerstand laute? Otto überlegte nicht lange und las die Telefonnummer des Großraumtaxis vor, das neben ihm am Randstein parkte: 55555. Die Kundenbetreuerin bedankte sich und er kam zum entscheidenden Punkt. Ob das denn jetzt der Zähler in der Schwabstraße sei, warf Otto seine Angelfrage aus. Prompt biss die Kundenbetreuerin an. Nein, das sei nicht in der Schwabstraße, sie habe hier als Adresse im System die Ba….

Doch Otto erfuhr die Adresse niemals, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Großraumtaxis. Drei muskulöse Männer im Anzug umringten ihn. „Herr Panini, bitte steigen Sie ein“, sagte der Leiter des Einsatzteams. „Unser Chef von Europol hat ein paar Fragen an Sie“.

Hier geht’s zum vierten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2

Ein unmotivierter Mitarbeiter einer Mietwagenfirma bringt einen Stein ins Rollen.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, vorher den ersten Teil zu lesen.

Ausflug ins antike Rom

Am ersten Tag unseres Aufenthalts in Rom hatten wir uns im Vatikan eine mittelschwere Kulturvergiftung zugezogen. Heute tauchten wir zur Entspannung in das antike Rom ab. Im Forum Romanum wurde vor zweitausend Jahren ein Weltreich regiert. Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht.

Ruinen im Forum Romanum
Ruinen im einstigen Machtzentrum des römischen Imperiums
Ruinen im Forum Romanum
Die Überreste einer Weltmacht
Blühende Wiese im Forum Romanum
Blühende Geschichte

Im Kolosseum hatten 50.000 Zuschauer Platz. Etwa zehnmal so viele Menschen starben darin bei Gladiatorenkämpfen oder Hinrichtungen. Die Architektur erfüllte auch damals schon heutige Ansprüche an moderne Fußballstadien: Die Zuschauer konnten innerhalb weniger Minuten evakuiert werden, das komplette Bauwerk konnte mit Sonnensegeln beschattet werden und es gab bereits damals VIP-Lounges für Kaiser, Senatoren und betuchte Sponsoren.

Ein russischer Tourist wurde 2014 dabei ertappt, wie er seinen Namen in einen Stein des Kolosseums ritzte. Er wurde zu 20.000 € Bußgeld und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da versteht der Römer keinen Spaß.

Kolosseum
Das Kolosseum. Der Name spricht für sich.
Colosseum von innen
Innenansicht
Triumphbogen
Triumphbogen – Wer viel erobert, muss das auch feiern

Wir schlenderten durch die Gassen von Rom und entdeckten an jeder Ecke neue historische Kostbarkeiten. Das Pantheon beeindruckt durch seine kugelförmige Bauweise mit der kreisrunden Öffnung in der Decke. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem sorgt bei Regen dafür, dass es keine Überschwemmung gibt.

Draußen vor dem Eingang stellten sich die Touristen sehr diszipliniert in einer langen Schlange an. Nur ein glatzköpfiger Amerikaner drängte sich an allen Wartenden vorbei. Als ihn der Aufseher zurückweisen wollte, reichten wenige Worte und der Wärter ließ ihn verängstigt durch. Eigenartig.

Blick auf das Loch in der Decke des Pantheons
Pantheon – Decke mit Loch
Monumento nazionale a Vittorio Emanuele II
Nationaldenkmal aus dem 20. Jahrhundert – Roms Versuch, an die Geschichte anzuknüpfen

Schließlich wurde es Zeit, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Um Zeit zu sparen, hatte ich schon Zuhause einen Mietwagen bei einem Onlineportal reserviert. Die Webseite hatte mich nach der Buchung zu Funny Cars weiter vermittelt. Die mich wiederum an den Verleiher Sicilia Rent weiterreichten. Eine Firma mit Sitz in Palermo, was bei mir Assoziationen mit der Mafia hervorrief. Aber die Bewertungen waren genau so schlecht wie bei den etablierten Verleihern und der Preis unschlagbar.

Am Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof Termini zog ich eine Nummer am Automat und wir gesellten uns zu den Wartenden. Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als der Sachbearbeiter gerade die Kreditkarte mit Bleistift und Pauspapier durchrubbelte, wollte sich Jemand vordrängeln. Es war der Glatzkopf, der schon beim Pantheon so ungeduldig war. Als der Mitarbeiter ihn unbeeindruckt zurückwies, kaufte er einem anderen Wartenden seine Nummer ab. Geld regiert die Welt.

Im Parkhaus schaute ein unmotivierter Mitarbeiter den Mietvertrag nur flüchtig an, warf eine Kopie auf einen unordentlichen Stapel und fischte nach längerer Suche einen Schlüssel aus einer Schublade. Als wir das Auto fanden, war ich positiv überrascht, denn obwohl ich einen Fiat 500 reserviert hatte, passte der Schlüssel zu einem Golf. Es gab also doch noch Wunder.

Als ich unser Gepäck im Kofferraum verstauen wollte, war ein kleines Päckchen im Weg. Ich steckte das Päckchen in meinen Rucksack, damit der Koffer Platz hatte. Beim Ausfahren aus dem Parkhaus kam gerade der glatzköpfige Mann herein, der es vorhin so eilig gehabt hatte. Dann stürzten wir uns in den römischen Verkehr und nahmen Kurs auf die Adriaküste.

Otto

Seit drei Wochen versuchte Otto Panini sich in Rom einzuleben. Außer ein paar harmlosen Schutzgelderpressungen war hier allerdings nicht viel los. Nachmittags schlenderte er meist durch die Altstadt von Rom. So wie gestern, als er dieses Pantheon anschaute. Als ihn der Platzanweiser ans Ende der Warteschlange schicken wollte, zischte er ihm nur zu, dass es für seine Gesundheit besser sei, wenn er sich nicht mit einer ehrenwerten Familie anlegen würde. Dieser kleine Hinweis bewirkte Wunder und schon war Otto in dieser eigenartigen Kirche mit dem Loch im Dach.

Otto war schon ganz träge geworden, als gestern der Anruf aus Chicago kam. Sie machten es ganz wichtig, der Auftrag käme von ganz oben. Er solle einen Wagen aus dem Parkhaus am Bahnhof Termini von der familieneigenen Mietwagenfirma abholen und nach Sizilien bringen. Auf direktem Weg und ohne aufzufallen. Das Gespräch endete mit dem fürsorglichen Hinweis, dass er in Sizilien als Fischfutter enden würde, wenn er den Wagen nicht am nächsten Tag wohlbehalten abliefern würde.

Als Otto den Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof von Rom fand, war er wieder einmal entsetzt, wie unglaublich schlecht dieses Land organisiert war. Zwanzig Leute warteten vor ihm auf ihre Autos. Der Mann am Schalter ließ sich partout nicht überreden, ihn vorzulassen. Gewalt schied bei so vielen Augenzeugen aus, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als einem Touristen seine Wartenummer für 200 € abzukaufen. Jede Stunde zählte, wenn er rechtzeitig in Palermo sein wollte.

Zuerst hatte er darauf getippt, dass er einen gestohlenen Luxuswagen überführen solle, aber es ging wohl um einen unspektakulären VW Golf. Wie auch immer, er war jedenfalls fest entschlossen, nicht als Fischfutter zu enden, auch wenn das Wasser in Sizilien sicher angenehmer war als im eisigen Lake Michigan.

Otto durchsuchte das komplette Parkdeck, aber zum Teufel – da stand definitiv kein Golf. Das war wieder mal typisch für Italien. Warum konnte hier nichts laufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte er nicht persönlich in Erscheinung treten, aber nun musste er wohl oder übel den Typen am Schalter fragen.

Als Otto sein Anliegen in mühsamem Italienisch vorbrachte, wühlte der Mitarbeiter lustlos in den Papieren, die überall auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Dann fluchte er. Den für Otto deponierten Golf hatte er gerade vor fünf Minuten versehentlich zwei deutschen Touristen gegeben, die eigentlich einen Fiat 500 reserviert hatten. Mit einem Grinsen bot er ihm den Fiat an, der ja nun übrig sei.

Otto bezweifelte, dass Palermo sich mit einem Fiat 500 zufrieden geben würde und rief vorsichtshalber in Chicago an. So wütend hatte er seinen Kontaktmann noch nie erlebt. Es dauerte fünf Minuten, bis er zwischen den ganzen Flüchen und Beschimpfungen einzelne Worte verstehen konnte. Das beschissene Auto sei ja wohl egal, es ginge um die Atombombe im Kofferraum. Er solle den bekifften Versager im Parkhaus eliminieren und dann die bekackte Bombe zurückholen. Und dass die Fische in Sizilien bestimmt Durchfall von so einem Volldeppen wie ihm bekommen würden.

Otto erkannte den Ernst der Lage und fackelte nicht lange. Er pustete dem Armleuchter an der Mietwagenausgabe die Lichter aus – wie gut, dass er immer seinen Schalldämpfer zur Arbeit mitnahm – und steckte den Schlüssel des Fiat 500 ein. Dann prägte er sich den Namen des deutschen Touristen und den Rückgabetermin in Venedig ein. Er quetschte sich laut fluchend in die Sardinenbüchse und schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten. Was für eine Vollkatastrophe von Auto war das denn! Zuhause in den Staaten würde man mit so einem Winzling nicht mal bis zum Briefkasten fahren. Dann fädelte er sich in den dichten Verkehr von Rom ein.

Hier geht’s zum dritten Teil

Kein Fez in Fes

Disclaimer: Leider erlebten wir bei unserem Urlaub in Marokko nichts Lustiges, daher gibt es diesmal einfach nur eine Bildergeschichte.

Wer Wortspiele verwendet, sollte zunächst die verwendeten Begriffe definieren. Ein Blick in den Duden Online hilft uns dabei:

  • Fes (auch Fez, Fès): Stadt in Marokko
  • Fez, der: Spaß, Ulk, Unsinn
  • Fez, der: (in den arabischen Ländern von Männern getragene) kappenartige Kopfbedeckung aus rotem Filz in Form eines Kegelstumpfes (mit einer Quaste). Herkunft: wohl nach der marokkanischen Stadt Fes, die möglicherweise der erste Herstellungsort war.

So, jetzt weißt du Bescheid. Aber Achtung, nicht verwechseln mit:

  • Fes, das: um einen halben Ton erniedrigtes f
  • FEZ, das: Abkürzung für Forschungs- und Entwicklungszentrum

Fes, die älteste Königsstadt Marokkos

Wir landeten an einem regnerischen Novembertag in Fes. Bei unserer Unterkunft war der Flughafentransfer inklusive und der Chauffeur wartete bereits. Er begrüßte mich überschwänglich, ignorierte die neben mir stehende SinnlosReisende und trug dann meinen Koffer zum Auto. Wir schauten uns irritiert an und die hochgezogenen Augenbrauen zeigten die Begeisterung über diese Behandlung. Ich übernahm den Koffer der SinnlosReisenden, was wiederum den Chauffeur irritierte, aber so waren wir wenigstens quitt.

Diese konsequente Missachtung des weiblichen Teils unserer zweiköpfigen Reisegruppe zog sich durch den kompletten Urlaub. Liebe Marokkaner, es ist nicht klug, die Hälfte der Menschheit zu ignorieren! Besonders, wenn man in der Tourismusbranche arbeitet und von ihrem Geld lebt. Ratet mal, welches Land auf unserer schwarzen Liste mit No-Go-Destinations gelandet ist? Richtig.

In Fes wohnten wir mitten in der Medina, so nennt man hier die Altstadt. Unser Riad, ein traditionelles Stadthaus, lag in einer verstörend dunklen Gasse und sah von außen wie eine Bruchbude aus. Als wir schon grobe Zweifel an der Hotelauswahl bekamen, wurden wir in einem prachtvollen Innenhof mit Minztee begrüßt.

Dunkle Gasse
Nur für Mutige: der Weg zur Unterkunft
Alte Tür
Eingangstür zum Riad. Klopfe, und dir wird aufgetan!
Schöner Innenhof eines Riad
Außen pfui – innen hui
Wand mit orientalischen Ornamenten verziert
Im Innenhof des Riad
Blick von der Dachterrasse auf Fes
Dachterrasse
Marokkanisches Restaurant mit schönem Innenhof
Auch die Restaurants haben wunderschöne Innenhöfe
Innenhof eines Restaurants in Fes
Blick aus dem ersten Stock

Die Tanneries von Fes

Am Stadtrand von Fes zeugen Ruinen von der einstigen Bedeutung der Stadt. Der Eingang in die Medina von Fes wird vom blauen Tor markiert. Dahinter beginnt ein Labyrinth von malerischen Gässchen, die bei gutem Wetter zum Bummeln einladen. Wir hatten allerdings ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet gebucht und der Regen verwandelte die Altstadt in einen stinkenden Moloch. Aus den Teestuben starrten mürrische Männergruppen und der beißende Gestank der Gerbereien zog durch die Gassen. Außerdem: ein aufdringlicher Bettler beschimpfte uns als Nazis. Was wir definitiv nicht sind! Nicht mal ansatzweise.

Ruine mit Pferd vor blauem Himmel
Ruine mit Pferd
Ruinen in Fes
Bröckelnde Zeitgeschichte
Blaues Tor in Fes
Das blaue Tor markiert den Eingang in die Medina von Fes
Esel in einer Gasse angebunden
Parkplatz in der Innenstadt

In Fes gibt es mehrere Tanneries, in denen Leder auf traditionelle Weise gegerbt und gefärbt wird. Angeblich wird keine Chemie sondern nur natürliche Stoffe verwendet, aber den ganzen Tag barfuß in Taubenkot zu waten, ist auf Dauer auch nicht gesund. Zuerst werden die Haare von den Fellen in Kalkbädern entfernt, danach werden die Lederstücke gefärbt und geschmeidig gemacht. Und dann an die Touristen verkauft. Wie die Arbeiter den Überblick über den Inhalt der vielen Becken behalten, bleibt ein Rätsel.

Tannerie, Ledergerberei in Fes
Tannerie in der Altstadt von Fes
Kalkbecken in der Tannerie
In den Kalkbecken werden die Haare vom Fell entfernt
Färbebecken in der Tannerie
Färbebecken. Schutzkleidung wird überschätzt.
Arbeiter färbt ein Lederfell
Für die Touristen ist es Handarbeit, für die Arbeiter ein knochenharter Job

Mobilität in Marokko

Um dem schlechten Wetter zu entkommen, ließen wir uns von einem Taxi an den Flughafen bringen, wo wir einen Mietwagen gebucht hatten. Es ist verboten, beim Fahren ein Handy zu benutzen. Daher musste unser Taxifahrer zwei Handys benutzen, während er auf einer vierspurigen Straße fuhr. Auf Youtube kannst du das genauer anschauen.

Taxifahrer benutzt zwei Handys während der Fahrt
Taxifahrer im Multitaskingmodus

Autofahren in Marokko ist vergleichsweise unproblematisch, man muss allerdings auf die Esel aufpassen, die immer wieder die Straße bevölkern. Die Straßenschilder sind zweisprachig und die Fernstraßen sind in recht gutem Zustand.

Verkehrsschilder in Marokko
Klangvolle Namen
Arabisches Stopschild
Selbsterklärend
Männer laden Gasflaschen vom Lkw auf einen Esel
Multimodale Mobilität: Wo der Lkw nicht weiterkommt, übernimmt der Esel
Mann reitet auf Esel im Regen
Mistwetter
Motorrad Docker mit Container
Insiderwitz für Informatiker: Docker mit Container
Mann in Berberkapuze steht am Straßenrand
Obi Wan Kenobi wartet auf den Bus…
Mann in Berberkleidung steigt in Auto
…um dann doch das Auto zu nehmen

Von Meknes nach Rabat

Wir fuhren durch hügelige Landschaften nach Meknes, einer weiteren ehemaligen Königsstadt. Die aufwändigen Mosaiken erinnerten uns an die Alhambra in Andalusien und wir bekamen das beste Frühstück aller Zeiten serviert.

Goldbraune Hügel bei Meknes
Hügellandschaft
Palast in Meknes
Einer der zahllosen Paläste
Alte Frau sitzt vor Palast in Meknes
Warten auf besseres Wetter
Frühstück auf Marokkanisch
Königliches Frühstück

In Rabat besuchten wir die Andalusischen Gärten, die wegen ihrer Ruhe von Katzen sehr geschätzt werden. Für eine Hauptstadt geht es hier eher gemütlich zu. Vielleicht trägt die Lage am Meer zu einem entspannten Lebensstil bei.

Katzen schlafen im andalusischen Garten
Katzen in den Andalusischen Gärten
Mann schläft auf Fischernetz mit Regenschirm
Nach der Arbeit trägt der Fischer Anzug
Ruinen der Almohaden Moschee in Rabat
BER von Rabat: Hassan-Turm und Moschee warten seit 800 Jahren auf ihre Fertigstellung
Minarett mit Palmen in Rabat
Minarett in Rabat
Friedhof von Rabat im Abendlicht
Wenn die Schatten auf dem Friedhof länger werden, wird es Zeit zu gehen

Die Sonne von Rabat versöhnte uns ein wenig mit dem anfänglich miesen Wetter und wir flogen nach einer Woche wieder nach Hause. Unter dem Strich ist Marokko sehr sehenswert. Man darf sich halt nicht an diesem landestypischen Männer-Frauen-Dingens stören.

Buntgekleidete Frauen auf der Wand einer Bücherei in Marokko
Frauenbild

Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und fröhlich gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 90 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Stellplatz oder Campingplatz?

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Die Perle Kärntens

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Der kleine Stellplatz-Ratgeber

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Der kleine Technik-Ratgeber

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Camper-Typologie

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Nachtrag März 2022

Wir haben uns gestern ein Wohnmobil gekauft.

Was? Spinnt er jetzt? Woher kommt diese 180-Grad-Wende? Das sind berechtigte Fragen. Nach vielen Gesprächen mit erfahrenen Campern haben wir uns entschieden, noch einen Versuch zu wagen. Vielleicht war der erste Anlauf in unserer Naivität doch etwas unglücklich gelaufen. Wir lernen aus unseren Erfahrungen und versprechen uns volle Flexibilität mit dem eigenen Fahrzeug. Aber wir haben uns fest vorgenommen, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen und dann zu entscheiden, wie es weiter geht. Ich werde berichten.