Unbekanntes Spanien

In Spanien kennt sich mancher Deutsche besser aus als Zuhause. Deshalb will ich heute ein paar Gegenden für die Nachwelt dokumentieren, die vielleicht nicht so bekannt sind.

El Caminito del Rey

Er war einmal der gefährlichste Wanderweg der Welt, El Caminito del Rey (auf Schwäbisch: „s Königswegle“). Seit seiner Renovierung vor einigen Jahren ist er absolut ungefährlich. So ungefährlich, dass man ihn ohne Schutzhelm nicht betreten darf. Trotzdem ist er so beliebt, dass man Wochen im Voraus Tickets reservieren muss. Wir hatten enormes Glück und bekamen kurzfristig keine Eintrittskarten mehr. Denn genau an dem Tag, an dem wir den Weg bezwingen wollten, wurde er wegen starkem Wind geschlossen. Zu gefährlich.

Als Ersatzprogramm wanderten wir in der Sierra Cazorla am Rio Borosa. Der ist wirklich ungefährlich, aber ebenfalls schön. Nur die Schilder können den unerfahrenen Wanderer verwirren. Profis wissen, dass man in Spanien nicht auf Schilder achtet, daher ist es eigentlich egal, was drauf steht.

Verwirrende Schilder
Verwirrende Beschilderung. Darf man jetzt oder darf man nicht?
Rio Borosa
Rio Borosa
Cerrada de Elias
Gut ausgebaut: Cerrada de Elías
Schafherde
In der Sierra Cazorla. Ein schwarzes Schaf ist immer dabei.

Es gibt in Spanien eigenartige Gesetze. Es ist der Bevölkerung beispielsweise strengstens verboten, sich zwischen 14:30 und 17:00 Uhr im Freien aufzuhalten. Alle Geschäfte, Behörden und Bars verrammeln Fenster und Türen, als ob sie den Einmarsch der Armee der Untoten befürchten würden. Die einzigen Ausnahmen sind ein paar angetrunkene Gestalten, die nach zwei Flaschen Wein zum Mittagessen ihren Heimweg nicht rechtzeitig finden. Und Touristen wie wir, die ratlos in den ausgestorbenen Städten herumirren.

Menschenleerer Platz in Ubeda
High Noon in der Innenstadt von Ubeda
Häuser mit verschlossenen Fensterläden
Verrammelt

Nachtrag: Ich habe herausgefunden, wie das Gesetz heißt. Man nennt es Siesta.

Spiel mir das Lied vom Tod in Tabernas

Neben der Sierra Nevada liegt die Desierto de Taberna, eine Wüste in bester Wild-West-Manier. Hier wurden zahlreiche Filme gedreht, unter anderem Lawrence von Arabien und die Klassiker von Altmeister Sergio Leone, Spiel mir das Lied vom Tod und Für eine Handvoll Dollar. Die Kulissen bleiben nach dem Dreh stehen und werden bei den nächsten Aufnahmen wieder renoviert und umgebaut.

Wüste von Tabernas
Die Wüste von Tabernas
Blühender Busch in der Wüste
Die Wüste lebt!
Hollywood Sign in Spanien
Hollywood-Filiale in Spanien
Wildwest Kulisse
Wild-West-Kulissen
Route 66 in Spanien
Hä? Ich glaub ich bin im falschen Film.

Nationalpark Ebro-Delta

Einer der wenigen spanischen Flüsse, die das ganze Jahr über Wasser führen, ist der Ebro. Sein Mündungsdelta wurde zu einem Naturschutzgebiet deklariert. In den feuchten Wiesen im Umland wird Reis angebaut, den man hier überall in den Restaurants als Arroz Negro aufgedrängt bekommt. Das hat nichts mit dem N-Wort zu tun; es handelt sich um ein Risotto, das mit der Tinte von Calamares schwarz gefärbt wird.

Delta des Ebro
Im Delta des Ebro
Reisfeld im Ebrodelta
Spanischer Reis
Reisernte
Die Reisernte ist ein matschiges Geschäft
Arroz Negro, oder wie man heute sagen würde: „Rice of Color“
Eingang zum Nationalpark Ebrodelta
Naturpark Ebro: Seil nicht übertreten! Und wenn doch, dann Hunde an die Leine!
Frau  mit Skelett
Die SinnlosReisende: Leichen pflastern ihren Weg
Schild mit Vögeln
Warnschild für Vögel: Keine Menschen an den Nachwuchs verfüttern, nur Fische!

Sinnlose Skulpturen

Spanier lieben Skulpturen. In jeder noch so winzigen Ortschaft stehen mehr oder weniger kunstvolle Gestalten herum. Über den Sinn kann ich wie immer nur spekulieren.

Skulptur Kind mit Gans
Der junge St. Martin würgt seine Gans
Skulütur Frau mit Krokodil
Anwendung des Heimlich-Griffs als Erste Hilfe bei Reptilien
Bronzestatue mit Bocksprung Kinder
Bocksprung Quer – wenn Schienbein und Schädel Freunde werden…
Gesicht mit Augen
Fernblick
Skulptur Junge mit Schulranzen auf Schildkröte
Ich kann nichts dafür, meine Schildkröte hatte Verspätung!
Segelschiffe im Kreisverkehr
Kreisverkehr
Skulpturen tragen Sitzbank
Job mit Durchhaltevermögen
Skulpturen turnen über der Straße
Turngesellschaft mit Durchhänger
Graffity
Auf der rosa Wolke
Achtung Blitz!
Zu spät.
Skulptur Frau streckt Arm nach oben
Halt, SinnlosReisender, das ist genug! Verschone mich mit deinem Unsinn!
Mann sitzt auf überdimensionaler Bank
Also gut! Der kleine Marco muss jetzt eh nach Hause gehen.

¡Hasta luego!

Ein Atom auf Weltreise

Silvester, mal wieder. Zeit der Rückblicke auf ein Jahr, in dem sich tiefe Risse in unserer Gesellschaft aufgetan haben. Es war kein gutes Jahr für Fernreisen, aber ich lade dich zu einer sinnlosen Weltreise mit einem Atom ein, die sich so ähnlich zugetragen haben könnte.

„Dir schwirrt doch schon wieder irgendein Scheiß im Hirn umher“, meinte die SinnlosReisende, als ich eines Abends bei einem Glas Wein über einem sinnlosen Beitrag brütete und vor mich hin grinste. Nun bin ich grundsätzlich offen für konstruktive Kritik, aber diese Behauptung wies ich entrüstet zurück. Ein kleiner Zweifel ließ mich aber nicht mehr in Ruhe. Konnte vielleicht doch etwas dran sein? Gab es in meinem Denkorgan Spuren von Fäkalien?

Das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Menschen besteht grob geschätzt aus 600 Quatrillionen Atomen. Beim einen mehr, bei anderen weniger. Als Zahl ausgeschrieben sind das: 600.000.000.000.000.000.000.000.000 Atome. Wenn man die alle auf einer Schnur aufreihen würde, könnte man damit zehntausend Mal die Entfernung von der Erde bis zur Sonne abwickeln. Nun sind die Bausteine des Gehirns nicht zum Trocknen an einer Wäscheleine im Weltall aufgehängt, sondern zu einem halbwegs funktionierenden Denkorgan angeordnet. Allein die schiere Anzahl läßt mich zweifeln, ob da überhaupt etwas Sinnvolles rauskommen kann. Aber bei manchen Zeitgenossen sieht man ja auch, dass es furchtbar schiefgehen kann. Die nennen sich dann Querdenker, im Gegensatz zu den Längsdenkern.

Aber woher kommen all diese kleinen Teilchen? Immerhin gab es zu Beginn meiner Existenz nur eine einzige Eizelle. Alles andere muss später dazu gekommen sein. Ich wandte die Kenntnisse aus dem Taiji-Kurs vom Sommer an und spürte mit gespannter Achtsamkeit ins Innere meines Gehirns. Da, rechts oben in meinem präfrontalen Kortex, da lag doch so ein niedliches Kohlenstoffatom. Ich nahm noch einen Schluck vom Rebensaft und ergründete seine Geschichte.

Das kleine Kohlenstoff-Atom war ein Junge und hörte auf den Namen Carby. Er war bei der Explosion einer Supernova als Abfallprodukt entstanden, quasi die Asche in der Sternenschmiede der Galaxien, die Schlacke im Hochofen des Universums, der Kehricht des Urknalls, der Ruß im Schornstein des Sonnensystems.

Orange Rauchwolken vor schwarzem Hintergrund
Das Universum kurz nach dem Urknall, dokumentiert von einem Zeitzeugen

Entsprechend wenig Wertschätzung erfuhr Carby von seinem Kollegen Hydro, der als „reiner“ Wasserstoff ein glänzendes Image im Periodensystem der Elemente hatte. Besonders arrogant waren die großkotzigen Typen aus der Gruppe der Edelmetalle. „Carby ist Garby, Nänänänänena!“, hänselten sie ihn, in Anspielung auf das englische Wort für Müll, Garbage.

Carby durchlebte eine eher unglückliche Kindheit und die zog sich ein paar Milliarden Jahre lang hin. In seinem Frust ging er häufiger Beziehungen mit anderen Atomen ein, die aber nie lange hielten. Ein flotter Dreier mit zwei Sauerstoffatomen, Roxy und Proxy, resultierte eine Zeit lang in einer halbwegs stabilen Bindung als CO2-Molekül. Mit der besitzergreifenden Toxy führte er einige Jahrtausende lang eine ziemlich toxische Beziehung als Kohlenmonoxid. Eine flüchtige Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wasserstoffatomen ergab ein kurzes Intermezzo als Methan, aber sie trennten sich bald wieder. Es passte einfach nicht.

So dümpelte Carby lange ziellos vor sich hin, mal in der Erdkruste gebunden als Kalkstein, mal gelöst in der Ursuppe, und beobachtete, wie langsam die Bakterien die Erde besiedelten.

Mono Lake Kalkstein
Kalksteinablagerungen am Mono Lake, Kalifornien
Meeresgetier und Pflanzenreste
In der Ursuppe wimmelte es von unappetitlichen Gestalten

Dann erfanden ein paar innovative Zeitgenossen die Fotosynthese, mit der sie aus Wasser, Kohlendioxid und Sonnenlicht selbständig Zucker erzeugen konnten.

3D-Modell eines Zuckermoleküls
Zuckermolekül im Technikmuseum Berlin

Das war ein echter Game Changer, da waren sich alle Atome einig. Denn Zuckermoleküle sind einerseits ein toller Energielieferant und andererseits der Baustoff für Pflanzen. Als die ersten Pflänzchen das Land erobert hatten, folgten ihnen bald die Tiere.

Felsenküste mit blühenden Blumen
Pflanzen besiedeln das Land
Dschungel mit Fluss
Urwald überwuchert bald die Erde
Toter Fisch an Land
Mancher Landgang missglückte furchtbar

Ab da war es vorbei mit dem Dolce Vita; nun war nachhaltige Kreislaufwirtschaft angesagt: Als Kohlendioxid wurde Carby von den Pflanzen aus der Luft gefiltert und in Blätter umgewandelt, die von Pflanzenfressern abgenagt wurden, die von Raubtieren gefressen wurden, die ihn als CO2 wieder ausatmeten.

Kohlenstoff war auf einmal der gefeierte Star der organischen Chemie, der Grundstoff für komplexe Verbindungen und damit für das Leben an sich. Der Kollege Hydro wurde über diesen Erfolg grün vor Neid; man spricht heute noch von grünem Wasserstoff.

Carby war in der folgenden Zeit häufig Gast in verschiedenen Lebensformen und reiste mit ihnen um die ganze Welt. Manchmal wurde er verdaut und in den Organismus eingebaut, viel öfter aber in großen Dunghaufen ausgeschieden. Eine schlimme Zeit verbrachte er in einer bestialisch stinkenden Durian, dann wieder trieb er mit einer Qualle durch die Meere. Leben auf der Überholspur.

Kackhaufen
Das Leben ist manchmal einfach nur Scheiße
Durian
Stinkende Durians
Qualle im Meer
Reisen mit Quallen

Eines Tages steckte Carby als Teil eines abgestorbenen Baumes in einem Sumpf fest. Immer tiefer wurde er unter die Erdoberfläche gezogen. Er hasste enge Beziehungen zwar von ganzem Herzen, aber irgendwann ging er eine ziemlich feste Verbindung mit einigen anderen Atomen ein und verwandelte sich in Kohle. Der Druck war einfach zu groß.

Baumstamm mit Farn
Überall Kohlenstoffverbindungen

Viele Millionen Jahre steckte Carby in diesem zapfendusteren Kohleflöz fest, bis er eines Tages von einer Baggerschaufel ans Tageslicht gerissen wurde. Mit großen Augen musste Carby feststellen, dass sich auf der Erde einiges geändert hatte. Der Dschungel war jetzt aus Stahl und Beton.

Weltkulturerbe Völkinger Hütte. Ein ehemaliges Stahlwerk als Industriedenkmal
Moderner Dschungel: Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Bakterien hatten inzwischen zwei Beine und ein Gehirn. Und intelligent waren die! Die konnten sogar ganz neue Atome erschaffen, wie damals bei der Supernova. Atombombe nannten sie das. Ihre Wissenschaftler erkannten sogar, dass zuviel CO2 die Erde unbewohnbar macht. Trotzdem verbrannten sie die ganze Kohle in Kraftwerken. So clever waren diese zweibeinigen Denkbakterien dann doch nicht. Eher so semi-schlau.

Das Leben war hektischer geworden, auch für ein Kohlenstoffatom. Eine Weile lang wurde Carby durch die Atmosphäre gewirbelt, dann schnappte ihn eine Zuckerrohrpflanze und baute ihn in ein Glukosemolekül ein. Der Zucker fand seinen Weg in ein Nutellaglas und landete zwangsläufig irgendwann in meinem Magen. Und von dort wurde er schließlich in mein Gehirn gespült.

Nutellabrot
Am Ende der Nahrungskette

Soweit so gut, aber was ist jetzt das Fazit dieser Geschichte? Nun, zwei Punkte können wir festhalten, mindestens:

Erstens: Ich kann tatsächlich nicht ausschliessen, dass in meinem Gehirn die Überreste von Scheiße herumschwirren. Das ist etwas unangenehm, aber man darf vor der Wahrheit nicht die Augen verschliessen.

Zweitens: Das war jetzt der Lebensweg eines einzigen Atoms aus meinem Körper. Überleg mal, wo die anderen Quatrillionen Atome überall gewesen sein könnten. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ein paar davon auch schon mal in deinem Körper zu Besuch waren. Und dass in deinem Gehirn ein paar Atome sitzen, die vorher Teil des bekloppten Nachbarn waren, über den du dich immer so ärgerst. Oder Teil deiner Chefin oder deines Kollegen, oder des Busfahrers oder Teil eines Coronaleugners oder eines Befürworters der Impfpflicht. Oder von Mutter Theresa oder Putin oder von Diego Maradona. Oder von einem Tiger oder einer Kuh oder von einem Wurm oder einer Amöbe.

Wenn wir uns aber alle die immer gleichen Atome teilen, wäre es dann nicht Zeit, ein bisschen respektvoller miteinander umzugehen? Nur weil wir verschiedene Meinungen haben, müssen wir uns doch nicht gleich hassen. Egal wie blöd du Jemanden findest, diese Person könnte aus Teilchen bestehen, die irgendwann mal ein Teil von dir werden. Das ist ein beunruhigender Gedanke, nicht wahr?

So, das war’s für heute von meiner Seite. Mach was draus oder lass es bleiben! Wenn eines meiner Atome bei dir vorbei kommt, richte ihm bitte liebe Grüße von mir aus!

Ich wünsche euch allen, egal ob geimpft oder nicht, ein Gutes Neues Jahr 2022!

Das Wunder von Córdoba

Córdoba ist ein feststehender Begriff aus dem Fußball, ähnlich wie Abseitsfalle oder Viererkette. An diesem Ort ereignete sich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nämlich das Wunder von Córdoba, als der Underdog Österreich gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland gewann und beide Mannschaften ausschieden. In Deutschland wird das gleiche Ereignis als die Schmach von Córdoba erinnert. Es kommt eben immer auf den Blickwinkel an.

Die Mezquita-Catedral

Das spanische Córdoba hat nichts mit Fußballwundern zu tun. Hier steht ein architektonisches Wunder: eine gotisch-maurisch-barocke Renaissance-Kathedralmoschee. Oder anders ausgedrückt: eine römisch-katholisch-muslimische Moscheenkathedrale. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Ich spreche von der Mezquita-Catedral de Córdoba.

Mezquita von Cordoba und römische Brücke bei Nacht
Unübersehbar, selbst bei Nacht
Orangerie der Mezquita von Cordoba
Die Orangerie vor der Mezquita

Wie es zu diesem Durcheinander kam? Nun, da waren wohl einige geschichtliche Zufälle im Spiel. Schon die alten Römer hatten die Bedeutung des Städtchens erkannt und bauten eine Brücke über den Guadalquivir und einen Tempel. Als das römische Reich wegen überbordender Dekadenz zerfallen war, errichteten die Westgoten eine christliche Kirche auf dem Fundament des römischen Tempels. Dann eroberten die Mauren halb Spanien und rissen das Haus der Ungläubigen ab. Sie waren aber mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit so weit vertraut, dass sie die Säulen der Kirche als Stützpfeiler für ihre Moschee wieder verwendeten.

Dann war lange Zeit Ruhe im Karton, beziehungsweise maurische Herrschaft, und jeder neue Herrscher bewies seine Macht durch eine Erweiterung und Verschönerung der Moschee. So wuchs das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte auf eine gigantische Fläche von 23.000 qm an. Zum Vergleich: das ist zehnmal so groß wie die blaue Moschee in Istanbul, und die ist auch schon ziemlich beeindruckend.

Mezquita
Maurische Rundbögen auf gotischen Säulen
Maurische Rundbögen in der Mezquita
Gemusterte Hallen
Arabische Ornamente in der Mezquita
Arabische Ornamente

Irgendwann endete aber auch die muslimische Herrschaft in Andalusien, wie man hier nachlesen kann. Die Moschee wurde zu einer christlichen Kirche umdekoriert und das Minarett bekam eine Kirchenglocke. Ein übereifriger Bischof überredete dann im 16. Jahrhundert den ahnungslosen Kaiser Karl V. dazu, in der Mitte der Moschee eine Kathedrale einbauen zu lassen, komplett mit barocken Engelchen und pompösem Altargedöns. Nach zeitgenössischen Berichten soll Kalle dann bei seinem Besuch in Córdoba entsetzt gewesen sein, was er da angerichtet hatte.

Katholischer Altar in der Mezquita
Seite an Seite: Renaissance-Altar und maurische Rundbögen
Chorgestühl in der Kathedrale von Cordoba
Chorgestühl aus Mahagoni unter barockem Gewölbe
Goldener Adler in der Kathedrale von Cordoba
Rednerpult: Hier spricht der goldene Adler

Man kann natürlich geteilter Meinung sein, ob die krasse Durchmischung von Baustilen und Religionen in einem Gebäude schön ist, aber auf jeden Fall ist dadurch etwas weltweit Einmaliges entstanden. Fotos können nicht mal annähernd wiedergeben, wie beeindruckend dieses Bauwerk ist. Klare Empfehlung der SinnlosReisenden: Hinfahren, selber staunen! Eintritt 12€, früh Morgens am Nebeneingang kostenlos. Es lohnt sich!

Löwe und Totenkopf
Vertrau mir, ich bin ganz lieb!

Córdoba badet

Aber Córdoba bietet noch mehr als die Mezquita. Direkt nebenan wurden bei Ausgrabungen die Bäder des Kalifen entdeckt. Hier kümmerten sich zahlreiche Sklaven um den Badespaß der Kalifenfamilie. In den Schatten der Säulen wurden aber auch etliche Intrigen ausgeheckt und mancher Meuchelmord verübt.

Säulen mit Schatten im Bad des Kalifen
Im Schatten schleichen finstere Gestalten herum
Statue Frau mit Dolch in der Schulter
Aua

Córdoba und die Blumen

Córdoba ist berühmt für seine Blumenkunst. Überall hängen blühende Blumentöpfe an den Hauswänden. Und ein Blick in die Innenhöfe der Altstadt lässt das Floristenherz höher schlagen.

Innenhof mit Blumen
Hobbygärtner im Hinterhof
Statue mit Floristen
Denkmal des Unbekannten Floristen
Calleja de las Flores in Cordoba mit Glockenturm
Calleja de las Flores mit Blick auf den Glockenturm der Mezquita

Castillo de Almodóvar

Eine halbe Stunde von Córdoba entfernt liegt die Burg von Almodóvar. Der Burgherr hat die Anlage aufwändig restauriert und wohnt selbst im historischen Gemäuer. Die Burg wird gerne von Game-of-Throne-Fans besucht, denn hier wurde die Schlacht zwischen der Familie Lannister und dem Haus Rosengarten gefilmt.

Castillo de Almodovar del Rio
Castillo de Almodóvar del Rio
Balkon am Castillo de Almodovar
Die Mutter der Balkone

Im Ort unterhalb der Burg gibt es eine regionale Spezialität namens Salmorejo Cordobés. Das ist eine kalte dickflüssige Suppe, die nicht aus Lachs gemacht wird, wie man aufgrund des Namens und der Farbe vermuten könnte. Es handelt sich um eine vegetarische Delikatesse (wenn man die Speckwürfel abbestellt) aus Tomaten, Olivenöl, Brot und Knoblauch. Schmeckt extrem lecker, man ist aber wegen des Knoblauchs eine Weile lang vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Teller mit Salmorejo Cordobes
Lecker: Salmorejo Cordobés

So, liebe Leute, das war’s für heute. Ich melde mich wieder, wenn sich der Knoblauchduft verzogen hat.

Spanisch lernen in Spanien

Wenn du Spanisch lernen willst, gehst du nach Spanien. Klingt logisch. Das ist aber gar nicht so einfach, wie man meinen könnte.

Nachdem ich mich in Costa Rica schon ausgiebig über meine nicht existenten Spanischkenntnisse ärgern durfte, bereitete ich mich dieses Mal besser vor. Ich besorgte mir die Premiumausgaben von Langenscheidt und Pons aus der städtischen Bücherei mit CD und Onlinematerial. Dann arbeitete ich vor Motivation strotzend die ersten Lektionen durch. Vier Wochen reichen locker aus. Sagt Carmen aus dem Power-Sprachkurs, und die muss es wissen. Ich lernte, an der richtigen Stelle zu lispeln, Satzzeichen auf den Kopf zu stellen und das spanische H auf keinen Fall auszusprechen. Und dann auf nach Spanien, um das frisch Erlernte durch praktische Übungen in die weiche Hirnmasse einzupressen.

Ankunft in Barcelona

An der (H)otelrezeption in Barcelona (mit elegant gelispeltem c) knallte ich selbstbewusst meinen Spruch aus Lektion 2 auf den Tresen:

„¡Hola, buenas tardes! ¿Qué tal? Me llamo Marco y tengo una reserva.“ Peng!

Zufrieden über diese gelungene Eröffnung erwartete ich freudig gespannt die Antwort, die laut Lehrbuch etwa so ausfallen sollte:

„¡Bienvenido! Muy bien, gracias. ¿Y usted?“

Der Mann am Empfang nahm meinen Ausweis wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, tippte routiniert auf seiner Tastatur herum und händigte mir eine Keycard aus. Dann antwortete er in akzentfreiem Deutsch: „Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“ Er ergänzte die obligatorischen Hinweise zum WiFi-Password und zu den Frühstückszeiten und zeigte uns den Weg zum Aufzug. Dann wünschte er uns einen schönen Aufenthalt in Katalonien.

Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Barcelona nicht in Spanien, sondern in Katalonien liegt, zumindest nach Ansicht von großen Teilen der hiesigen Bevölkerung. Das Unabhängigkeitsreferendum von 2019 endete zwar erfolglos mit einem internationalen Haftbefehl für Carles Puigdemont (gesprochen: Putschdämon), aber die Katalanen sind hartnäckig. Überall hängen überdimensionale katalanische Fahnen. Wo es sich an offiziellen Gebäuden nicht vermeiden lässt, eine spanische Fahne aufzuhängen, hängt man eben zwei katalanische Flaggen daneben um die Rangordnung wieder herzustellen. Und man spricht katalanisch. Ein Tiefschlag für meine Spanischübungen.

Katalanische Fahne an einem Gebäude
Unübersehbar Katalonien
Mehrere katalanische Fahnen
Eine Fahne reicht nicht aus

Die vielleicht eigenartigste Tradition Kataloniens ist der Bau von Türmen aus menschlichen Körpern. Es gibt hier jedes Jahr Wettkämpfe, bei denen der höchste Menschenturm prämiert wird. Vermutlich ist die Benutzung von Leitern zu spanisch und damit inakzeptabel.

Skulptut Menschenturm
Wer braucht schon Leitern, um eine Straßenlaterne zu reparieren?

¿Hablas Español? Nein, eher nicht.

Unser nächstes Ziel war Valencia, darüber hatte ich ja schon in einem eigenen Beitrag berichtet. Die Hoffnung, hier mein mühsam erlerntes Spanisch üben zu können, verflog allerdings schnell. Die autonome Region Valencia distanziert sich ebenfalls von Spanien. Hier spricht man Valenciano, das wie Spanisch klingt, nur dass man es nicht versteht. Auch in Valencia streben etliche Menschen die Unabhängigkeit von Spanien an. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass die Region vor 800 Jahren unter der Krone von Aragon ein eigenes Königreich gebildet hatte. Und früher war eh alles besser. Mit derselben Logik könnte auch Hannover einen unabhängigen Staat ausrufen, weil es schon mal ein Königreich Hannover gab. Oder das Fürstentum Schaumburg-Lippe.

Von den Basken weiß man ja schon länger, dass sie nicht von Spanien regiert werden wollen, und mir stellte sich langsam die Frage, was die Regierung in Madrid eigentlich treibt, dass so viele Regionen nichts mehr von ihr wissen wollen. Klar, niemand wird gerne aus der Ferne regiert, aber ich halte es nicht für besonders schlau, sich in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Herausforderungen in winzige Ministaaten mit sehr begrenztem Einfluss aufzuteilen. Aber Spanier sind eben sehr stolz. Erst recht, wenn sie sich nicht als Spanier fühlen. Und besonders stolz sind sie auf ihren Jamón, den berühmten Schinken.

Spanische Serrano Schinken
Der kleine Horrorladen für Vegetarier

Spanien in der Nebensaison

Wir suchten die Ruhe eines Ferienortes im Oktober und buchten eine Wohnung in Campoamor. Das klingt wie eine Mischung aus Dschungelcamp und Liebesinsel, allerdings hatte das Publikum hier einen Altersdurchschnitt von geschätzten 90 Jahren. Wir residierten im 11. Stock eines Hochhauses, in dem wir fast die einzigen Bewohner waren. Ein himmlischer Ausblick und die perfekte Ruhe waren das Resultat.

Aufblasbare Puppe ohne Luft auf einer Bank sitzend
In der Nebensaison ist die Luft raus
Sprungturm auf dem Trockenen
Sprungturm – Die Spanier rechnen fest mit einem Anstieg des Meeresspiegels
Metallgestell in Fischform mit Plastikmüll
Plastikmüll landet im Bauch der Fische
Elefantenfüße von Campoamor
Die Elefantenfüße von Campoamor entstanden durch Erosion…
Mann liegt unter Felsen
…und manchmal erwischt es eben unvorsichtige Touristen. Pech.

Noch ruhiger als am Strand war es in den nahe gelegenen Bergen. Hier hatte ein Eremit sich in abgeschiedener Lage sein Penthouse hingestellt.

Beste Wohnlage für Einzelgänger: Eremitage von Mare de Deu de la Roca de Mont-roig
Durchlöcherte Felsen
Die Höhlen des Eremiten

Costa del Sol

An der Costa del Sol versuchten wir diese tolle Erfahrung zu wiederholen. Die Wahl des Balkons ist im Oktober für eine Ferienwohnung entscheidend. Gute Balkone sind windgeschützt und verglast, haben Meerblick und gehen nach Süden oder Westen. Auf unserem schattigen Ostbalkon schälte die Zugluft den Rauhputz von der Wand, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über dem Meer zum Frühstück.

Hochhaus in Benalmadena
Wohnen auf der Schattenseite

Unser Studio war etwa fünf Quadratmeter groß, davon belegte das ausziehbare Schlafsofa die Hälfte. Wenn einer von uns das andere Bein übereinanderschlagen wollte, musste der andere solange in die Toilette ausweichen. Von der Nachbarwohnung trennte uns eine Pappwand, durch die wir die Trinkfestigkeit der Männergruppe nebenan im Detail verfolgen konnten.

Die Sonne ging am nächsten Morgen tatsächlich wieder auf, allerdings hinter dem Nachbarhochhaus. Um 11 Uhr kam sie endlich zum Vorschein, um eine halbe Stunde später hinter der Hausecke wieder zu verschwinden. Als nebenan eine Familie mit Kleinkind einzog, beschlossen wir, ab jetzt die Finger von Hochhäusern zu lassen.

Die Costa del Sol ist touristisch voll erschlossen und fest in englischer Hand. Spanischkenntnisse nützen hier wenig, denn die Menschen, die hier arbeiten, kommen überwiegend aus Osteuropa. Ich studierte stattdessen ausgiebig die Strandverkäufer, die angeblich Strandtücher oder Sonnenbrillen anboten. Ich durchschaute allerdings schnell, dass sie in Wirklichkeit genau zwei Produkte verkauften: „Tschiep Tschiep“ und „Gud Breis“. Letzteres wurde in zwei Ausführungen angeboten, nämlich als „Werri Gud Breis“ und in der Premiumausgabe für Stammkunden in der Variante „Werri Gud Breis Mai Frend“.

Strand
Idyllische Ruhe am Strand
Strand mit Handtuch
Wer stört?
Strandverkäufer
Ah, mein alter Bekannter Gud Breis.

Im Landesinneren

Als wir genug vom Massentourismus gesehen hatten, zogen wir ins Landesinnere nach Valle de Abdalajís, in eines der pueblos blancos. Hier sprach der Spanier endlich Spanisch. Es gab nur ein Problem: Spanier können vieles, aber nicht langsam sprechen. Wenn ich sie darum bat, langsamer zu sprechen, wiederholten sie ihre stakkatoartigen Sätze mit den rrrrrollenden Rrrrrrr-Lauten in der gleichen unglaublichen Geschwindigkeit, nur lauter. Es gelang mir nicht einmal festzustellen, wo ein Wort aufhört und wo das Nächste beginnt. Elarrrrrroyorrrrojaestaarrrrrribaperrrroestacerrrrrradoelvierrrrrrrrnes. ¡Hombre!

Valle de Abdalajis
Valle de Abdalajís aus der Ferne…
Valle de Abdalajis
…und von oben

El Torcal

Im spanischen Hinterland, weitab von den Touristenströmen, liegt ein stilles Naturwunder zum Staunen, eine Oase der Ruhe, ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer erwähnt wird: El Torcal. In Jahrmillionen haben sich versteinerte Muschelreste zu einem Kalksteingebirge aufgetürmt, das mit den erstaunlichsten Formen überrascht. Uns überraschte noch mehr, dass die Zufahrt zum Parkplatz gesperrt war und unglaubliche Menschenmassen mit Shuttlebussen nach oben gefahren wurden.

Heute war nämlich spanischer Nationalfeiertag. Christoph Kolumbus, der alte Seebär, hatte genau an diesem 12. Oktober vor 529 Jahren die Ostküste Indiens entdeckt. Dachte er zumindest. In seiner Tradition eroberten die Einheimischen an diesem Feiertag ihre Umgebung. Großfamilien picknickten lautstark zwischen den Felsen, Reisebusse spuckten Wagenladungen an Tagestouristen aus und gröhlende Gruppen von jungen Menschen auf der Jagd nach dem besten Instagram-Foto irrlichterten durch die staunende Natur.

Felsenbild El Torcal
El Torcal: Kalk in seiner schönsten Form
Felsen El Torcal
Steintürmchen
Frau wandert in Felsen
Unwegsames Gelände
Viele Wanderer im El Torcal
Invasion der Tages-Ausflügler

Wir machten uns auf den Weg nach Córdoba, aber davon bald mehr im nächsten Beitrag. ¡Hasta luego!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Das Prager Metronom

Manchmal dauert die Ewigkeit kürzer als man denkt

Über den Ufern der Moldau steht die Installation „Time Machine“, die laut ihrem Erschaffer Vratislav Karel Novak den unerbittlichen Lauf der Zeit symbolisieren soll. Das umgangssprachlich als „Metronom“ bezeichnete Kunstwerk könnte aber auch die Verschwendung von Material (7 Tonnen) und Energie darstellen. Denn das Metronom wird von einem Elektromotor angetrieben und dreht sich einfach nur von links nach rechts und von rechts nach links. Und das endlos, ohne Sinn und Verstand. Nicht einmal eine bestimmte Taktfrequenz wird eingehalten, wie das bei anständigen Metronomen mit beruflichem Ehrgeiz üblich ist.

Das Prager Metronom von der Moldau aus gesehen
Das Metronom von der Moldau aus gesehen – ein roter Stachel im Fleisch der Geschichte

Dabei hat Prag bereits seit über 600 Jahren einen Zeitmesser, der sich gewaschen hat: die astronomische Uhr am Rathaus. Hier werden auf zwei Ziffernblättern jede Menge Informationen dargestellt. Oben werden neben der Uhrzeit die Sternzeit, die Planetenstunden, Sonnenauf- und untergang, Mondauf- und untergang, Dämmerungsphasen, die Mondphasen und die Jahreszeiten angezeigt.

Zusätzlich werden die böhmischen Stunden angezeigt, die eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang beginnen und bis 24 gezählt werden. Das sagt einiges über die Bedeutung des Nachtlebens in Prag aus. Außerdem zeigt die böhmische Uhr, in welchem Tierkreiszeichen sich Mond und Sonne jeweils befinden. Und das pünktlich seit dem Jahr 1420. Das ist schon erstaunlich, wenn man die Haltbarkeit heutiger Uhren bedenkt.

Astronomische Uhr am Rathaus Prag
Die astronomische Uhr in Prag

Das untere Ziffernblatt ist ein Kalender, der neben Tagen und Monaten die Namenstage der katholischen Heiligen anzeigt. Was aber die Touristen aus der ganzen Welt anzieht, sind die Figuren und Automaten. Zur vollen Stunde öffnen sich nämlich die beiden Fenster über der Uhr und über eine automatische Mechanik ziehen die zwölf Apostel an den Fenstern vorbei. Zum Abschluss kräht der Hahn über den Aposteln und der Sensenmann wendet das Stundenglas bis zur nächsten Stunde.

Touristen vor der astronomischen Uhr in Prag
Zur vollen Stunde staunt der Tourist

Mit diesem historischen Schwergewicht kann das Metronom sowieso nicht mithalten. Vielleicht hat der Künstler deshalb bewusst auf jeglichen Sinn verzichtet. Wenn man nach einer Daseinsberechtigung für das Metronom sucht, muss man schon in die Geschichte abtauchen. Denn das Metronom wurde genau an der Stelle errichtet, an der fünfzig Jahre zuvor ein noch sinnloseres Monument stand: das Stalindenkmal.

Als nach dem zweiten Weltkrieg klar wurde, dass die Sowjets sich aus der Tschechoslowakei nicht so bald wieder verkrümeln würden, dachte sich die Regierung etwas ganz Besonderes aus: Um den Diktator Stalin positiv zu stimmen, sollte ein überdimensionales Denkmal aus Granit bis in alle Ewigkeit auf die tschechische Hauptstadt herabblicken. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem alle Bildhauer teilnehmen mussten. Ohne Ausnahme. Die Künstler versuchten mit allen Tricks, dieses ungeliebte Projekt nicht zu gewinnen, aber am Ende erwischte es denjenigen mit dem am wenigsten schlechten Entwurf.

Otakar Svec war der Unglückliche, der den Zuschlag bekam. In der Hoffnung, dass die Jury vor den enormen Kosten und der nahezu unmöglichen Realisierbarkeit zurückschrecken würde, hatte er ein Figurenensemble entworfen, das zum größten Denkmal Europas werden sollte. Er hatte hoch gepokert und wurde enttäuscht. Die Jury fand seinen Vorschlag würdig und angemessen und bestand auf einer Umsetzung.

Großer Verbrecher – großes Denkmal

Am 1. Mai 1955 fand mit viel Pomp die Enthüllung statt. Otokar Svec konnte diese Schande nicht ertragen und beging vier Wochen vorher Selbstmord. Der 17 Tonnen schwere Koloss aus Granit und Beton schien für die Ewigkeit gebaut. Allein Stalins Schuh maß zwei Meter. Doch die Ewigkeit dauerte in diesem Fall etwas mehr als sieben Jahre. Inzwischen hatte man nämlich in Moskau nachgedacht. Bei genauerer Betrachtung fand man Stalins Lebenswerk, das auf Terror, Genozid und vielen Millionen Toten basierte, nicht mehr zeitgemäß. Auf Befehl von Nikita Chruschtschow wurde das Monument 1962 gesprengt. Allerdings „respektvoll“, wie es offiziell hieß, ohne Filmaufnahmen und möglichst diskret.

Wie auch immer eine respektvolle, diskrete Sprengung mit Dynamit aussieht, jedenfalls lag das sinnlos gewordene Gelände dreißig Jahre lang brach. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traute man sich 1991 auf dem politisch belasteten Boden eine unpolitische Installation aufzustellen: das Metronom.

Prag, die goldene Stadt

Die tschechische Hauptstadt ist berstend voll von Sehenswürdigkeiten, über die Andere schon ausführlich berichtet haben. Daher konzentriere ich mich auf die Attraktionen aus der zweiten Reihe.

Als Architekt hat man es ziemlich schwer, in der Menge der historischen Gebäude aufzufallen. Da muss man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen, zum Beispiel originelle Skulpturen oder ein „tanzendes Haus“.

Statue mit Fackel reitet auf Löwen auf Hausdach
Die Freiheitsstatue reitet aus
Statue mit Fackeln auf Chechovbrücke in Prag
Die Eisverkäuferin auf der Chechovbrücke hat Gegenwind
Skulptur auf Karlsbrücke in Prag
Historischer Wegweiser auf der Karlsbrücke: da geht’s zur Burg
Skulptur Die Lesende
Der Autistenthron. Lesen mitten im Trubel der Großstadt
Tanzendes Haus in Prag
Gewagte Architektur: das tanzende Haus

Viele Städte leiden unter den Aufklebern, die an alle möglichen Stellen gepappt werden. Prag hat dafür extra einen Platz geschaffen. Erstaunlich, dass sich so viele Menschen daran halten, aber so entsteht fast schon ein Kunstwerk.

Wand mit Aufklebern
Ein Rahmen für Aufkleber

Die kleinste Gasse in Prag ist so eng, dass sogar eine Fußgängerampel installiert wurde, um den Gegenverkehr zu regeln. Um Wartezeiten bei längeren Rotphasen zu überbrücken, wird das beliebte Pilsner Urquell ausgeschenkt.

Engste Gasse von Prag mit Fußgängerampel
Die engste Gasse von Prag

Der Malteserorden verbirgt sich hinter altehrwürdigen Mauern. Viel interessanter ist aber, was um die Ecke an der Außenmauer des Ordens entstand: die Lennon Wall. Hier sprühen Graffitikünstler seit über 30 Jahren ihren Protest an die Wand. Was anfangs als ärgerliche Schmiererei geduldet wurde, ist heute ein geschützter Ort der Meinungsfreiheit.

Lennon Wall in Prag
Lennon Wall: Platz für kreativen Protest
Lennonwall in Prag
Beatles-Song in Coronazeiten
Detail Lennon wall
Detail an der Lennonwall

In der Nähe der Lennon Wall krabbeln hirnlose Gestalten durch den Park.

Skulpturen krabbelnde Figuren in Prag
Digitalisierung: Festplattenspeicher ersetzen das Gehirn
Neugieriger Tourist vor Skulptur
Kontrolle – alles sauber!

In Prag gibt es deutlich mehr Autos als Parkplätze. Verständlich, dass da jeder Fleck genutzt wird, aber das hier ist schon ziemlich unkonventionell:

Parkplatz in der Moldau
Ungewöhnlich feuchter Parkplatz

Museen gibt es in Prag wie Sand am Meer, darunter auch ungewöhnliche Ausstellungen, wie das Museum für böhmische Granaten (Edelsteine, keine Handgranaten!), drei Museen für optische Täuschungen und Spezialeffekte in Filmen und das Museum für Prager Geister und Legenden. Vor dem Sexmaschinenmuseum drücken sich Scharen von kichernden Jugendlichen herum.

Sexmaschinenmuseum in Prag
Museum für Sexmaschinen

Die tschechischen Backwaren sind nicht von schlechten Eltern. Beim Probieren sollte man aber immer etwas Insulin dabei haben.

Kaffee mit Gebäck
Kaffeepause
Mann isst Süßigkeiten
Der SinnlosReisende im Zuckerschock

Wenn die Sonne untergeht zeigt sich Prag von einer anderen Seite – zauberhaft und geheimnisvoll.

Teynkirche in Prag bei Nacht
Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem)

Das Fazit der SinnlosReisenden zu Prag: Immer eine Reise wert!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad

Das Karlsbader Thermalwasser heilt angeblich alle Krankheiten (außer Dummheit, aber das ist auch keine anerkannte Krankheit). Ist das ein Naturwunder oder Kurpfuscherei? Die SinnlosReisenden waren vor Ort.

Das tschechische Karlsbad (bitte nicht verwechseln mit Carlsbad, Kalifornien) wurde im Juli 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung und die für tschechische Verhältnisse astronomischen Preise lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen: Hier muss es sich um einen ganz besonderen Ort handeln. Da man sich auf Informationen aus dem Internet nicht verlassen kann, planten wir auf unserer Tschechienreise einen Zwischenstopp in dem mondänen Kurort ein.

Die Altstadt von Karlsbad präsentiert dekorative Häuserreihen, in denen sich die Designerläden dicht an dicht drängen. Ein Thermalbad im klassischen Sinn fanden wir nicht, allenfalls einige Kurkliniken, in denen man sich „Anwendungen“ verordnen lassen konnte. Aber es gibt hier die sogenannten Kolonnaden, in denen das begehrte Heilwasser aus öffentlich zugänglichen Brunnen tröpfelt.

Altstadt von Karlsbad, Tschechien
Die Altstadt von Karlsbad
Marktkolonnade in Karlsbad
Die Markt-Kolonnade
Karlsbader Kolonnade mit Trinkbrunnen
Offener Ausschank von warmem Wasser
Sprudelkolonnade
Sprudelkolonnade mit zehn Meter Fontäne

Das Stadtbild wird dominiert von Scharen an Touristen, die mit eigenartigen Porzellanbechern durch die Gassen schlendern. Das Thermalwasser ist nämlich zwischen 50 und 70 Grad heiß. Wer einfach so aus den Brunnen trinkt, holt sich üble Verbrühungen. Die Karlsbader Schnabeltassenindustrie nutzt diese Zwangslage und verkauft an allen Ecken unglaublich geschmacklose Tassen zu Mondpreisen an die heilsuchenden Touristen. Das nenne ich eine clevere Geschäftsidee!

Verkaufsstand mit Schnabeltassen
Geschmacklose Schnabeltassen zu astronomischen Preisen

Wir kauften ein Schnapsglas und probierten von der Mutter der Heilwasser. Was soll ich sagen? Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem vergammelten Fisch, der sechs Monate zusammen mit einem toten Iltis und einem Sack voller Schweißsocken in der prallen Sonne vergoren wurde. Im Abgang kommt eine metallische Note dazu, die dezent an Zahnfleischbluten erinnert. Ich musste beinahe kotzen.

SinnlosReisender vor einem Trinkbecken
Ich hatte ein Thermalbad erwartet – und fand dieses appetitliche Trinkbecken
Wasserhahn in Karlsbad
Wenn Keime reden könnten…
Mann trinkt und es wird ihm übel
Nach dem ersten Schluck durchflutet den Körper eine Welle von Übelkeit
Szene am Trinkbrunnen
Das Wasser wirkt unterschiedlich: die Dame schwankt, dem Kind stehen die Haare zu Berge, der Mann ist kurz vor dem Erbrechen

Übertroffen in seiner Abartigkeit wird das Karlsbader Thermalwasser nur vom Becherovka, einem süß-bitteren Kräuterlikör, der ebenfalls eine Spezialität aus Karlsbad ist. In ihm hat Jan Becher das eklige Quellwasser mit Kräuterextrakten und flüssiger Lakritze „veredelt“ und in Flaschen abgefüllt. Sehr speziell.

Becherovka
Becherovka

Abends im Hotelzimmer suchte ich nach plausiblen Gründen, wie es dazu kommen konnte, dass dieses übelschmeckende warme Thermalwasser so begehrt wurde. Meine Recherche brachte nur bruchstückhafte Ergebnisse, aber in meinem Kopf entstand langsam eine Vermutung.

Die Geschichte von Karlsbad begann im finsteren Mittelalter. In dem trostlosen Tal lebten damals einige Bauernfamilien mühsam von Viehzucht und Ackerbau. Überall sprudelte schlechtes Wasser aus dem Boden, das sogar vom Vieh verschmäht wurde. Vermutlich verirrte sich eines Tages ein fahrender Händler in das Tal, denn andere Menschen hatten keinen Grund für einen Besuch. Gut möglich, dass er über eine heftige Grippe klagte, an der er seit über einer Woche litt. Wahrscheinlich prahlte einer der Bauern damit, dass ein Bad in den heißen Quellen seine Krankheit heilen würde. Es bleibt unklar, ob er dem Reisenden nur einen Streich spielen wollte, oder ob er selber daran glaubte, aber ziemlich sicher spielte Alkohol eine Rolle.

Am nächsten Tag hatte der Kaufmann einige Brandblasen, aber seine Grippe war tatsächlich besser geworden. Nach einem weiteren Bad war er so gut wie gesund. Die Grippe wäre wohl auch ohne die Bäder abgeklungen, aber Händler wussten damals, wie man Gelegenheiten nutzte. Ziemlich sicher füllte er sich gleich ein paar Flaschen ab, um sie teuer als Heilmittel zu verkaufen. Dabei rührte er kräftig die Werbetrommel und pries das Wasser als Allheilmittel gegen Rheuma, die Pest, den bösen Blick und alle sonstigen bekannten Krankheiten.

Als sich die Kunde von den heilenden Wassern verbreitete, machten sich die ersten Kranken selber auf den Weg zu den Quellen. Ähnliche Wunder waren damals durchaus üblich. Die Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen und Ärzte richteten bei ihren Patienten oft mehr Schaden an, als dass sie Krankheiten heilten. Da war so ein Bad im warmen Wasser sicher die gesündere Alternative.

Irgendwann mussten die Gerüchte von den wundersamen Thermalquellen aus dem Böhmerwald auch Kaiser Karl IV zu Ohren gekommen sein. Der hatte ein sicheres Gespür für alles, was den Wert seines Reiches steigerte. Im Jahr 1370 beförderte er den Ort deshalb unbesehen zur Königsstadt und gab ihr den Namen Karlsbad.

Damit war der Startschuss für die Entwicklung des Badebetriebs gefallen. Es gab Zeiten, zu denen zehnstündige Badekuren verordnet wurden, die sogenannten Hautfresser. Denn dabei platzte am Ende die Oberhaut schmerzhaft auf, was man damals als Zeichen von Heilung interpretierte, weil böse Körpersäfte entweichen konnten. Kein Wunder, dass die so gequälten Patienten ziemlich schnell behaupteten, sie seien geheilt. Lieber krank als tot, dachte sich Mancher und entließ sich selbst.

Im 18. Jahrhundert wurden dann Trinkkuren eingeführt, anfangs mit der sagenhaften Dosis von etwa 60 Bechern am Tag. Wer diese Trinkfolter überlebte, galt ebenfalls als geheilt. Die Besuche von Zar Peter dem Großen und einigen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie machten Karlsbad dann zu einem mondänen Kurort für zahlungskräftige Kundschaft.

Schafensterpuppen
Dieses Schaufenster zeigt, welches Stammpublikum in Karlsbad überwiegt

Bei unserem Besuch in Karlsbad waren wir von dem relativ jungen Publikum überrascht. Abends erkannten wir den Grund. Da wegen Corona die russischen und asiatischen Kurgäste ausblieben, wollte ein Event-Manager jüngeres einheimisches Publikum ansprechen. Und so kam es, dass nach Sonnenuntergang der DJ auf der Thermal Stage aufdrehte, dass die wummernden Bässe die Gebisse der Kurgäste auf den barocken Nachttischchen zum Klirren brachten.

Menschen stehen Schlange
Vor den Fenstern der Kurgäste sammelt sich partywilliges Jungvolk
Plakat Thermal stage
Feiern auf der Thermal Stage

So, nun hat das Internet eine weitere Quelle von Informationen, auf die man sich nicht verlassen kann. Wenn ihr mir nicht glaubt, fahrt selber hin. Spucktüten nicht vergessen! Bis bald, euer SinnlosReisender.

Ein Pils in Pilsen

Ein Besuch in der Geburtsstadt des untergärigen Biers

Die tschechische Stadt Pilsen bietet zahlreiche Attraktionen: das Theater, die große Synagoge, die ZF Engineering und die St.-Bartholomäus-Kathedrale.

Das Theater von Pilsen
Das Theater von Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen

Vom Turm der Kathedrale aus hat man einen erstklassigen Blick auf den Platz der Republik mit seinen hübschen Häuserreihen. Als ich auf der Turmtreppe an der großen Glocke vorbei kam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dagegen zu klopfen. Die Glocke gab ein überraschend lautes Ploing von sich und ich wollte schon weitergehen. Plötzlich setzte sich ein Mechanismus in Gang und es begann so laut zu läuten, dass ich die ganze Nacht lang ein Klingeln in den Ohren hatte. Als ich unten wieder am Kassenhäuschen vorbeikam, schaute mich die Turmwärterin misstrauisch an, aber ich lächelte nur unschuldig und mischte mich unauffällig unter die Passanten. Warum passiert so etwas eigentlich immer nur mir?

St. Bartholomäus Kathedrale in Pilsen
Die St. Bartholomäus Kathedrale
Glocke auf dem Turm der Kathedrale
Die Glocke hat einen Durchmesser von über einem Meter
Platz der Republik in Pilsen von oben
Blick vom Kirchturm auf den Platz der Republik

Die größte Attraktion ist aber zweifelsfrei die Brauerei Pilsner Urquell. Ich spreche nicht von irgendeiner Bierproduktionsstätte – es geht hier um den Geburtsort des Pils, das Bethlehem der Biertrinker, das Mekka der Hopfenfreunde.

Pilsner Brauerei
Der Eingang ins Allerheiligste – Pilsner Brauerei

Die Tschechen waren schon immer ein aufmüpfiges Volk. Im Gegensatz zum Prager Frühling war aber der Pilsener Bieraufstand im Jahr 1838 erfolgreich. Empörte Bürger kippten damals fassweise die übel schmeckende Plörre, die die Wirte als Bier verkauften, vor das Rathaus und forderten Besserung. Dem Stadtrat war die Bedeutung des Bieres für die tschechische Seele sehr wohl bewusst und er engagierte einen bayrischen Bierbrauer. Dieser experimentierte mit hellem Malz und höherem Hopfengehalt und servierte 1842 seine goldgelbe Innovation. Das Bier nach Pilsner Brauart kam so gut an, dass das Pils in kurzer Zeit auf der ganzen Welt die Herzen der Biertrinker eroberte. Sogar die Beatles nannte man nach einer Tournee in Tschechien „die Pilsköpfe“.

Statistik über Pro-Kopf-Konsum von Bier
Unangefochtener Weltmeister. Da geht ein Stadtrat kein Risiko ein. Quelle: Statista.de
Reklame Bierbad
Vielleicht liegt der hohe Bierverbrauch auch an der kreativen Verwendung

So eine bedeutende Tradition wirkt sich zwangsweise auf das Stadtbild aus. Es gibt in Pilsen etwa gleich viele Kneipen wie Einwohner. Egal ob Tattoostudio oder asiatischer Imbiss – Pilsner Urquell ist immer im Angebot. Und das weit über die Stadtgrenzen von Pilsen hinaus.

Brauereimuseum Pilsen
Pilsner Brauereimuseum

Rätselhafte Skulpturen senden geheime Botschaften an die Bierliebhaber aus. Die griechischen Buchstaben Lambda, Tau und Pi bedeuten: Lebenskünstler trinken Pilsner.

Man steht zu seinem Laster; es ist ja nur ein Kleinlaster…

Alkohol im Übermaß hat natürlich nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesundheit (das musste mal gesagt sein, falls Minderjährige mitlesen). Deshalb wurden für den Heimweg von der Bar eigene Gehwege mit Haltepfosten angelegt. Hier können die Kinder ihre betrunkenen Väter sicher nach Hause bringen.

Gehwegbeschilderung
Extraspur für Kinder, die ihre betrunkenen Väter nach Hause begleiten, mit Pfosten zum Festhalten bei schwankendem Gang.
Statue mit Hurvinek und Spejbl
Hurvinek: „Vati, warum muss ich dich jeden Abend aus der Kneipe abholen?“ Spejbl: „Na, frag ruhig, ich helfe denen, das ungesunde Bier wegzutrinken, damit niemand zu Schaden kommt!“

Trotzdem gibt es Verluste. Manche Bierleiche wird am nächsten Morgen an der Kathedrale oder im städtischen Teich gefunden.

Skulpturen im Wasser
Wer den Heimweg nicht findet, landet im Teich
Bierleiche
Bierleiche vor der Kathedrale

Sogar einen eigenen Berufszweig hat die Brautradition hervorgebracht: den Tapster. Nach fünftägiger Ausbildung in Pilsen bekommt der Herrscher über den Zapfhahn eine personalisierte Lederschürze und ist in der Lage, das Pilsner Urquell in vier Varianten zu zapfen:

  • Hladinka – Ein großes Bier mit einer drei Finger breiten Schaumkrone, die bis zum Glasrand reicht. Der dicke cremige Schaum bildet eine Schutzschicht und das Bier bleibt süffig
  • Šnyt – Eigentlich ein kleines Bier im großen Glas mit viel Schaum. Es ist ein ideales Bier zum Abschied, wenn man das Trinken langsam beenden will und ein weiteres großes Bier zu viel wäre
  • Mlíko – Auf den ersten Blick erinnert das Bier an ein Glas Milch, weil die Halbe voll mit sahnigem Bierschaum ist. Der Geschmack der Milch ist etwas süßlich und daher ist sie vor allem bei Frauen beliebt
  • Čochtan – Ein Bier fast ohne Schaum für den schnellen Durst zwischendurch. Sollte möglichst auf ex getrunken werden, da es ohne den Schaum sehr schnell schal wird
Zapftechnik ergibt vier Varianten von Bier
Ein Bier – vier Zapftechniken

Abends durfte ich mich auf Einladung eines lieben Kollegen selbst von der Pilsner Kneipenkultur überzeugen. Die Krönung des Biergenusses ist ein frisch gezapftes Tankbier. Es wird ohne Pasteurisierung oder Konservierungsstoffe gebraut und direkt im Tank von der Brauerei zur Bar geliefert. Der Tapster ist dafür verantwortlich, dass der Tank spätestens in fünf Tagen leer ist. Das ist in Pilsen kein Problem.

Tankbier in der Kneipe
Das Auto braucht einen Benzintank, der Mensch einen Biertank
Tankbier
Tankbier. Biertank.
Biergläser
Auf einem Bein steht man schlecht…

David, Danke für den schönen Abend!

Taiji am Bodensee

Leben in Zeitlupe

Gerold hatte zu einem Taiji-Wochenendkurs am Bodensee eingeladen. Ein paar Grundkenntnisse im asiatischen Kampfsport kann man auf Reisen immer brauchen und daher meldete ich mich an. Von einer Meisterschülerin und Weltmeisterin kann man bestimmt eine Menge lernen.

Kursausschreibung Taiji am Bodensee
Programm an verlockender Location

Wir trafen uns am Freitag Abend zur Einführung auf einem Seegrundstück bei Radolfzell, das Felisa zur Verfügung stellte. Ihr Mann hatte extra ein Zelt als Schutz vor dem drohenden Regen aufgebaut. Das Wetter war diesen Sommer schließlich etwas unzuverlässig, um es mal milde auszudrücken. Leider hatte ein Platzregen am Tag zuvor das Zelt etwas mitgenommen.

Zerstörtes Zelt auf einer Wiese
Eigentlich eine gute Idee: ein Schutzzelt gegen Regen

So ein Platz direkt am See ist schon eine tolle Sache. Wir waren mitten in schönster Natur fast allein. Nur einige Stand-Up-Paddler kamen gelegentlich vorbei. Der wirklich einzige Nachteil an einem Seegrundstück ist, dass auch die Stechmücken das Seeufer schätzen. Wusstest du, dass eine Stechmücke mit einem Stich so viel Blut saugen kann, wie sie selbst wiegt, nämlich etwa zwei Milligramm? Es benötigt also 3-4 Millionen Mücken an einem Abend, um einen erwachsenen Menschen leer zu saugen. Beruhigend, nicht wahr?

Seezugang am Bodensee mit SUP
Mitten in der Natur

Von einem Qigong-Kompaktkurs wusste ich noch, dass hier eine eigene Sprache gesprochen wird. Die Wirbelsäule ist zum Beispiel „die Säule des Himmels“, der Handballen ist „der Palast der Arbeit“, zwischen den Nieren liegt „das Tor des Lebens“ und der Darmausgang wird als „Höhle der Winde“ bezeichnet.

Wenn man das Grundvokabular beherrscht, kann man damit ganze Sätze formulieren. „Der rote Drache schwimmt im Meer“ bedeutet, dass man seine Zunge im Mund bewegt. Und „dein roter Drache schlängelt sich vor meiner Höhle der Winde“ heißt dann „du kannst mich mal am Arsch lecken“. Wobei ein wahrer Meister so etwas nicht einmal denkt.

Mit verschiedenen Übungen versucht man dann, Körper, Atmung und Geist in Einklang zu bringen und die Energieflüsse durch die Meridiane anzuregen. Die Übungen haben meist sprechende Namen, wie „Das Boot ruhig über den See rudern“ oder „der schreitende Kranich“. Fortgeschrittene Meister erhöhen den Schwierigkeitsgrad und „rollen den Kaktus mit der Zunge über den Sand“. Oder so ähnlich.

Am Samstag Nachmittag trafen wir uns erneut am Seeufer zum Mückenfüttern. Zur Stärkung hatte ich vorher eine ordentliche Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln zu mir genommen. Bevor wir uns mit den Seidenübungen beschäftigten, übten wir die „Stehende Säule“: man steht dabei wie eine Säule, bewegungslos. Das klingt erstmal nicht zu kompliziert, aber entscheidend ist die richtige Stellung und die innere Haltung.

Kappedäschlebrunnen in Radolfzell
Die Urform der „Stehenden Säule“: Kappedäschle in Radolfzell

Während wir mehr oder weniger entspannt als Säule herumstanden, gab Vera-D. Anweisungen: „Alles Schwere sinkt mit jedem Atemzug nach unten. Alles Leichte steigt nach oben.“

Ich konnte das nur teilweise umsetzen; die Kässpätzle lagen schwer in meinem Magen und weigerten sich beharrlich, nach unten zu sinken. Gleichzeitig suchten sich die Gase der Zwiebeln ihren Weg zur Höhle der Winde.

Taijiübungen auf einer Wiese
Übung macht den Meister

„In Gedanken verschmelzen Schulter und Hüfte, Ellbogen und Knie, Handgelenke und Fußgelenke miteinander zu einer Einheit“, forderte die Weltmeisterin. Dafür reichte meine Vorstellungskraft während des Kurses nicht aus. Erst durch intensives Üben gelang mir die Umsetzung.

Stehende säule
Mit Willenskraft wächst man über sich hinaus. Oder in sich hinein.

Am Ende der Übung hieß es: „Wir lassen die Hände langsam nach unten sinken und lassen uns dafür eine Minute Zeit.“

Eine Minute! Wie will man da einen Kampf gewinnen? Als Ingenieur gingen mir sofort einige Optimierungsideen durch den Kopf. Ich traute mir auf Anhieb zu, das Ganze in unter einer Sekunde zu schaffen. Mit etwas Übung auch deutlich schneller. Ich musste allerdings lernen, dass man im Taiji umso langsamer übt, je besser man wird. Und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht in einem Kampfsportkurs bin. Unglaublich, wie lange eine Minute sein kann! Vor allem, wenn man kurz vor einem Wadenkrampf steht.

Bei Konstantin fließt die Energie fast von alleine

Außerdem soll man bei den Übungen das Labyrinth der rennenden Gedanken leeren. Am besten an gar nichts denken. Und wenn man doch an etwas denkt, soll man nicht mehr daran denken. Das ist gar nicht so einfach, aber nach einiger Übung gelang es mir immer besser. Mein Gehirn war ein weißes Blatt. Nur die SUPs auf dem See konnte ich nicht aus meinen Gedanken verbannen.

Der Kopf ist leer. Beinahe.

Bei einer Übung zur Standfestigkeit sollten wir uns gegenseitig durch Schubsen aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Übungspartner war Rudi, der Fels. Ich war chancenlos. Dann durften wir Vera-D. schubsen; sie war wie Wackelpudding, den man mit Zement angerührt hat. Unkaputtbar. Nach einer Weile lernte ich, dass man nicht mit Kraft dagegen drückt, sondern durch geschickte Gewichtsverlagerung die Kraft des Gegners in den Boden ableitet. Cool.

Als ich diese neue Fähigkeit stolz der SinnlosReisenden vorführte und mich breitbeinig vor ihr aufbaute, schaute sie mich kurz mitleidig an. Dann zog sie ihr Knie an und deutete einen Stoß zwischen meine Beine an. Bei solch unfairen Frauentricks zersplittert selbst der dickste Fels.

Am Sonntag lernten wir das Konzept von Yin und Yang und den Energieströmen kennen. Ich hatte mein halbes Berufsleben mit der Frage verbracht, wie man Energie bei einem Fahrzeug möglichst effizient in Bewegung umsetzt. Dass man aber mit der Kraft seiner Gedanken und durch gezielte Atmung die Lebensenergie in einzelne Körperregionen leiten kann, war mir neu. Ich bin noch am Tüfteln, aber vielleicht werde ich demnächst ein Patent für einen CO2-freien Antrieb anmelden.

Eine Teilnehmerin hatte sieben Jahre gebraucht, bis sie zum ersten Mal überhaupt Energie gespürt hatte. So lange konnte ich nicht warten und warf einen Schokoriegel ein.

Obwohl ich an diesem Wochenendkurs viel lernte, blieben bei mir noch ein paar Fragen offen (in Taijisprache: ich ging den ersten Schritt auf einem langen Weg). Aber es war eindeutig eine tolle Erfahrung mit wunderbaren Menschen an einem wunderschönen Ort. Und ich bin meinem Ziel näher gekommen, in jeder Situation meine innere Mitte zu finden.

Gekreuzigter Jesus am Bodensee vor der Insel Mainau
Alles eine Frage der inneren Haltung. Rechts: wehrt sich verkrampft gegen seine Lage. Mitte: resigniert, apathisch. Links: heiter-gelassen, neugierig auf die neue Erfahrung.

Ich mache normalerweise keine Werbung, aber wer mehr über Qigong und Taiji erfahren möchte (und dann ganz ernsthaft), kann sich hier schlau machen:

Qigong mit Gerold Gerber

Taiji mit Vera-D. Neumann

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 5

Eine zickige Atombombe und ein ehemaliger Mafioso kommen endlich zusammen

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, beim ersten Teil zu beginnen.

Ein Inkassobüro hatte mich wegen angeblich offener Forderungen unseres Stromversorgers angerufen. Und ich hatte eine Atombombe im Keller gefunden. Um die Bombe scharf zu stellen, musste ich nur noch den Zahlencode eingeben, der auf einem Zettelchen notiert war. Ich bekam feuchte Hände, denn eine Atombombe aktiviert man nicht jeden Tag. Da sollte nichts schief gehen. Als ich gerade die letzte Ziffer eingeben wollte, rutschte mir die Bombe aus der Hand.

Hoppla, dachte ich mir, das ist nicht gut. Da man nie weiß, wie eine Atombombe auf einen Sturz reagiert, hechtete ich ihr hinterher. Ich erwischte das abenteuerlustige Bömbchen gerade noch an einem Kabel, bevor sie auf dem gefliesten Boden aufprallte. Dabei löste sich ein Draht aus seinem Anschluss und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Auf dem Display erschien eine Meldung: „Sprachsteuerung aktiviert“.

„Hallo“, hauchte prompt eine rauchige Frauenstimme mit russischem Akzent aus dem Gerät. „Bitte gib den Code ein, um mich scharf zu machen“.

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, murmelte ich.

„Haehwasoldasdennjez ist kein gültiger Code“, erwiderte die Stimme. „Noch zwei Versuche übrig“.

„Moment mal, Stop!“, versuchte ich, die Eingabe abzubrechen.

„Momentmalschtobb ist kein gültiger Code. Noch ein Versuch übrig“, stellte die sprechende Atombombe emotionslos fest. Ich sagte nichts mehr und dachte nach.

Nach einer Minute meldete sich die Bombe zurück: „Zeitlimit überschritten. Codeeingabe abgebrochen.“

„Na super. Und jetzt?“, fragte ich mich laut.

„Jetzt hast du zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, um die Codeeingabe wieder freizuschalten. Ist nach zehn Minuten der richtige Superpin nicht eingegeben, detoniere ich“, kam postwendend die Antwort. Das klang, als ob dieses Ding mit mir redete.

„Kannst du etwa sprechen?“, fragte ich ungläubig.

„Wie hört es sich denn an?“, kam die Gegenfrage.

„Und wer bist du?“, wollte ich wissen.

„Ich bin Svetlana, eine Zimmer-Atombombe mit Sprachmodul. Du hast noch neun Minuten, um den Superpin einzugeben“.

Ach ja, stimmt. Ich schaute auf dem Zettel nach, der der Bombe beigelegt war. Da war tatsächlich noch eine zweite Ziffernfolge notiert. Das musste der Superpin sein. Jetzt durfte aber nichts mehr schief gehen.

„Svetlana, bitte stoppe den Countdown!“, unternahm ich einen neuen Anlauf.

„Diese Funktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung. Der Countdown kann nur gestoppt werden, wenn du dazu den Code eingibst.“

„Aha. Und um den Code eingeben zu können, muss ich zuerst den Superpin eingeben, stimmt’s?“

„Das ist richtig. Du hast noch acht Minuten Zeit, um den Superpin einzugeben.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich.

„Ich habe keine Arme“, stellte Svetlana klar.

Sehr witzig. Also hielt ich die Luft an und tippte Zahl für Zahl den Superpin ein.

„Systemfehler“, meldete sich Svetlana. „Der Superpin kann nicht mit dem hinterlegten Referenz-Superpin abgeglichen werden. Das Inputkabel ist lose.“

„Was muss ich tun?“ Ich wurde langsam nervös. Ich wollte mir die Sauerei nicht vorstellen, die eine Atombombenexplosion in unserem Keller anrichten würde.

„Du musst die Klappe auf meiner Unterseite öffnen und das Kabel in die Klemme stecken. Du hast noch sieben Minuten, den Superpin einzugeben.“

Ich suchte einen Schraubenzieher. Unter der Klappe kam ein Kabelgewirr zum Vorschein. „Svetlana, in welche Klemme muss ich das Kabel stecken?“

„Du musst das lose Kabel in die weiße Anschlussklemme stecken. Steck es mir ganz tief rein“, hauchte Svetlana lasziv.

Ich zog das Kabel vorsichtig aus dem Gewirr heraus.

„In die rote Klemme“, korrigierte Svetlana ihre Anweisung.

„Was jetzt? Rot oder weiß?“ Ich begann zu schwitzen.

„Die Weiße. Das mit der roten Klemme war ein Scherz.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Bei der roten Klemme wäre ich sofort explodiert.“

„!!!“

„Hat dir mein Scherz gefallen?“

„Svetlana, das ist nicht witzig!“

„Das ist bedauerlich. Humor ist in der aktuellen Softwareversion noch ein experimentelles Feature. Ich versuche, meine Fähigkeiten ständig zu verbessern. Maschinelles Lernen. Du hast noch zwei Minuten.“

Ich steckte vorsichtig das lose Kabel in die weiße Klemme.

„Superpin bestätigt“, meldete Svetlana. „Du hast noch einen Versuch, den Code zur Aktivierung einzugeben.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass mir Jemand auf die Schliche gekommen war? Das zweite Klingeln beendete meine Lähmung.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Ichkommegleich ist kein gültiger Code. Du hast noch Null Versuche übrig“, meldete sich Svetlana wieder zu Wort. „Du hast zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, sonst werde ich mich endgültig deaktivieren.“

„Jetzt halt du mal deine vorlaute Klappe oder ich zieh dir deinen Stecker“, schnauzte ich zurück.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, antwortete Svetlana diplomatisch.

Ich stellte die Bombe in den Kellerschrank und ging nach oben um die Tür zu öffnen. Bevor ich auch nur Pieps sagen konnte, wurde es dunkel und mein Magen explodierte vor Schmerz.

Otto

Sein erster Auftrag in seinem neuen Leben führte Otto in eine Reihenhaussiedlung am Rande einer oberschwäbischen Kleinstadt. Dieses neue Leben hatte vor acht Wochen begonnen, als die Europolbeamten ihn zum Verhör mitnahmen. Sie zeigten ihm einige Videoaufnahmen und spielten ihm genügend Ausschnitte ihrer Abhöraktion vor, um ihm klar zu machen, dass Leugnen zwecklos war. Sie hatten ihn echt am Arsch. Otto überschlug im Kopf schnell, dass er im besten Fall mit fünfzehn Jahren Knast davon kam. Im schlimmsten Fall drohte ihm lebenslänglich. Er war zutiefst erschüttert, dass er so blöd war, die Kamera in dem Parkhaus in Rom zu übersehen.

Dann kam der Staatsanwalt mit seiner Kronzeugenregelung, seinem Zeugenschutzprogramm und der neuen Identität, wenn er gegen die Mafia auspacken würde. Otto musste nicht lange überlegen. Dieser ganze Familien-Mist ödete ihn sowieso schon lange an. Und dann noch dieses Desaster mit der verlorenen Atombombe. Da war die Aussicht auf einen Neuanfang gar nicht mal so übel. Sollten die Fische in Sizilien doch fressen, wen sie wollten. Er war jedenfalls raus.

Also bekam er eine neue Identität und einen neuen Beruf. Er arbeitete jetzt in einem Inkassounternehmen, ganz offiziell mit Lohnsteuerkarte und Rentenversicherung. Eine Woche lang besuchte er Lehrgänge und musste langweilige Videos anschauen, in denen Deeskalation in kritischen Situationen gezeigt wurde.

„Wir sind ein seriöses Unternehmen, das sich an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert“, betonte sein Chef mehrmals. „Also komm mir nicht mit irgendwelchen Methoden, die du aus Mafiafilmen abgeschaut hast, wenn du Morgen deinen ersten Schuldner besuchst“.

Otto kannte die drei eisernen Regeln auswendig:

  1. Niemals körperliche Gewalt anwenden
  2. Die Schuldner nicht verbal bedrohen
  3. Bevor man eine Wohnung betritt, immer um Erlaubnis fragen

Otto klingelte. Nichts. Er klingelte nochmal.

„Ich komme gleich“, hörte er leise durch die Tür. Als die Tür sich endlich öffnete, stülpte er dem Schuldner sofort einen Sack über den Kopf und stieß ihn mit einem Schlag in den Magen ins Haus zurück.

„Willst du mich jetzt hereinbitten, oder soll ich dir erst die Fresse polieren?“, fügte er dann hinzu. Man soll sich ja immer schön an die Regeln halten in diesem Rechtsstaat.

Aus dem Sack kam ein undeutliches Stöhnen.

„Ich werte das mal als Zustimmung“, erwiderte Otto. „Danke für deine Kooperation“. Er schleppte den Sack ins Wohnzimmer.

„So, Freundchen“, kam Otto gleich zur Sache. „Du schuldest meinem Auftraggeber genau 7.051 €.“

„Das stimmt nicht“, kam es undeutlich aus dem Sack.

Also gut, der will es nicht anders, der denkt, er wäre ein ganz Cleverer, dachte sich Otto. Er band den Sack auf einem Stuhl fest und zog seinen Schlagring auf.

„Da ist ein schrecklicher Fehler beim Zählerstand passiert“, protestierte der Sack und krümmte sich auf dem Stuhl. „Geh doch selber in den Keller und schau nach!“

„Du hast noch eine Minute Zeit“, kam in diesem Moment eine weibliche Stimme aus dem Keller.

„Wer war das? Bist du etwa nicht allein?“, fragte Otto alarmiert. Augenzeugen für seine großzügige Auslegung der rechtsstaatlichen Prinzipien konnte er nicht gebrauchen.

„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der Sack.

Otto stieg leise die Treppen hinunter. Er öffnete vorsichtig die Kellertür, aber hier war kein Mensch. Eigenartig.

Otto ging zum Stromzähler und kontrollierte die Daten. Tatsächlich, der Zählerstand lag weit unter dem, der auf seinen Unterlagen angegeben war. Waren die bei EnBB tatsächlich so bekloppt, ein Inkassounternehmen zu beauftragen, ohne die Zählerstände selbst zu kontrollieren? In diesem Moment kam aus einem Schrank wieder die Frauenstimme.

„Zeitlimit überschritten. Ich deaktiviere mich jetzt endgültig.“

Otto öffnete die Schranktür und traute seinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Er nahm das Kästchen aus dem Schrank, ging nach oben und riss dem Schuldner den Sack vom Kopf.

Alte Bekannte

Als es wieder hell wurde, stand der glatzköpfige Mann aus Rom vor mir, die Atombombe in seiner Hand. Wir starrten uns gegenseitig an.

„Du bist das?“, fragten wir dann gleichzeitig.

„Was hast du mit meiner Bombe vor?“, wollte er wissen.

„Ich wusste nicht, dass die dir gehört, die lag in unserem Mietwagen“, gab ich zurück. „Du kannst sie aber gerne zurück haben. Die ist sowieso ziemlich zickig“.

Otto nahm das Päckchen, das ich vorbereitet hatte, las die Adresse und schaute mich spöttisch an.

„So, so. Kleines Privatattentat auf die Energieversorgung, was?“

Ich erzählte ihm meine Leidensgeschichte mit EnBB. Es schien ihm zu gefallen, dass ich die Sache selbst in die Hand genommen hatte.

„Mein früherer Arbeitgeber hätte Gefallen an deinen Methoden gefunden“, lachte er und band mich los. „Und ich dachte schon, du bist ein ganz Ausgebuffter! Weißt du, dass ich vier Monate lang auf deiner Spur war?“

Otto erzählte mir seine Geschichte bei einem Ramazotti. Wir mussten immer wieder darüber staunen, wie knapp wir einander verpasst hatten. Und als Otto mir erklärte, dass er den falschen Zählerstand gemeldet hatte, der mir so viel Kummer bereitet hatte, lachten wir Tränen. Die Flasche wurde zusehends leerer.

„Verdammt, was machen wir jetzt mit dieser bescheuerten Bombe?“, fragte er mich.

„Na ja, vielleicht schickst du sie einfach an deine ehemalige Familie“, schlug ich vor. „Es hat ja keiner gesagt, dass du eine funktionierende Bombe abliefern musst, oder?“

Wir waren uns schnell einig. Otto regelte die Sache mit EnBB für mich und schickte ein Paket nach Palermo. Ich verabschiedete meinen neuen Freund mit einer herzlichen Umarmung und winkte ihm hinterher. Dann holte ich aus dem Briefkasten einen Brief. Es war die Stromabrechnung für unsere alte Wohnung. Wir sollten 11.082 € für die letzten zwei Wochen nachzahlen.

Ende

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 3

Eine Atombombe macht Urlaub an der Adria und ein Mafioso kämpft mit der autofreien Zone.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn beim ersten Teil anzufangen. Das ist aber deine Entscheidung.

Von Rom nach Ravenna

Von Rom aus fuhren wir mit dem Mietwagen an die Adria. In dem Küstenstädtchen Cattolica hatte die Saison noch nicht begonnen und der Strand war wie ausgestorben. Es gab unzählige Hotels mit typisch italienischen Namen wie Regina, Kursaal, Diplomat, International oder Boston. Am Strand standen die Sonnenschirme und Liegen militärisch exakt an der Schnur ausgerichtet und warteten auf die Gäste. Die Strandabschnitte waren mit Nummern von 1 bis 99 in Bereiche eingeteilt, die jeweils den Hotels zugeordnet waren. Ein Alptraum für den Individualreisenden.

Schirmständer am Strand
Vor der Saison sieht der Strand aus wie ein Militärfriedhof
Strand mit Liegen von oben
In der Hauptsaison:Strandabschnitte 63-75

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto nach Ravenna, was nicht ungefährlich ist. Denn die Italiener hatten zahlreiche Straßen als autofreie Zonen deklariert. Immer wieder mussten wir abdrehen, um nicht versehentlich in die kameraüberwachten Gebiete einzufahren. Im Rückspiegel konnte ich sogar einmal beobachten, wie ein Fiat 500 in so eine verkehrsberuhigte Straße abbog und sofort von der Polizei gestoppt wurde.

Haus mit Kletterpflanzen zugewuchert
Haus in Ravenna – Spare nie an der Bezahlung des Gärtners…

Ravenna wurde von den römischen Kaisern als Flottenstützpunkt in der Adria gegründet, weil die großen Pinienwälder den Schiffsbau erleichterten und die Lage in einer Lagune gut zu verteidigen war. Als einige Jahrhunderte später das römische Reich allmählich in Auflösung begriffen war, zogen viele Adelige aus Rom und Mailand nach Ravenna. In dieser Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter entstanden die vielen gotischen Gebäude, die von außen mit ihren roten Ziegelsteinmauern eher unspektakulär aussehen. Aber innen tobten sich die Künstler mit gigantischen Mosaiken aus, die heute zum Unesco-Welterbe gehören.

Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Bescheidenes Wohnzimmer

Wir gaben unseren Mietwagen in Venedig ab. Ich hatte mir in Gedanken schon schlimmste Horrorszenarien ausgemalt, weil ich im Internet über die Abzocker-Methoden von Sicilia Rent gelesen hatte. Aber der Mitarbeiter bei der Rückgabestation hatte erstaunlich wenig Interesse am Zustand des Wagens und kam nicht einmal aus seinem Häuschen heraus.

Zum Abschluss unserer Italienreise verbrachten wir noch ein paar Tage in der Lagunenstadt; darüber hatte ich schon in einer anderen Geschichte berichtet. Aber jeder Urlaub geht einmal zu Ende und schon bald standen wir in der Schlange vor dem Sicherheitscheck am Flughafen von Venedig. Mein Rucksack löste in der Durchleuchtungsanlage ein rotes Blinklicht aus. Der Securitymitarbeiter zog das Päckchen heraus, das ich im Kofferraum des Mietwagens gefunden hatte. Da hatte ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Was denn da drin sei, wollte der Mann von mir wissen. Aber bevor ich antworten konnte, ging nebenan der Alarm los und der Securitytyp sprang seinen Kollegen zu Hilfe, die einen Mann überwältigten. Ich steckte das Päckchen wieder in meinen Rucksack und wir machten uns auf den Weg zum Gate.

Otto

Otto hatte miese Laune. Tagelang hatte er vergeblich die Küstenstädtchen abgesucht, als er endlich in Ravenna den Golf mit den deutschen Touristen entdeckte. Um ihnen den Weg abzuschneiden, nahm er eine Abkürzung durch eine kleine Gasse und gab Gas. Jetzt konnten sie ihm nicht mehr entwischen! Zwanzig Meter weiter wurde Otto von einer Polizeistreife gestoppt. Er war in die autofreie Zone gefahren. Fuck! Wozu bauten die Italiener Straßen, um dann ihre Benutzung zu verbieten? So etwas war in den USA unvorstellbar. Als er den Polizisten mit einer kleinen finanziellen Gefälligkeit milde stimmen wollte, reagierte der erst richtig unentspannt und hielt ihn 24 Stunden auf dem Revier fest.

An der Mietwagenrückgabe am Flughafen von Venedig zog Otto einen Mitarbeiter von Sicilia Rent aus dem Verkehr und übernahm seinen Job. Als die Deutschen den Golf abgestellt hatten, durchsuchte er den Wagen gründlich. Als ihm klar wurde, dass das Päckchen mit der Bombe nicht im Auto war, zog er seine Pistole und feuerte ein ganzes Magazin in den leeren Wagen. Er hatte gelesen, dass man seine Aggressionen möglichst sofort abbauen solle.

Ein paar Tage später wartete Otto ungeduldig in der Schlange am Sicherheitscheck des Flughafens von Venedig. Ein Anruf beim Vertreter der ehrenwerten Familie am Airport hatte genügt, um herauszufinden, dass die Deutschen heute nach Stuttgart flogen. Er hatte sich ein Ticket gekauft und mit einem kleinen Schmiergeld für einen Sitzplatz in der Reihe hinter den Deutschen gesorgt. Sein Plan war einfach: entweder konnte er die Bombe während des Fluges an sich nehmen oder er musste in Stuttgart am Gepäckband zuschlagen.

In der Schlange neben ihm öffnete ein Securitymitarbeiter den Rucksack des Deutschen und holte zu Ottos Entsetzen das Päckchen mit der Bombe heraus. Wenn das Sicherheitspersonal die Bombe in die Finger bekam, war das Spiel für ihn zu Ende. Er konnte nicht mehr erkennen, was dann passierte, weil in diesem Moment der Alarm an seinem eigenen Durchgang losging. Als er von einem Dutzend Polizisten umringt wurde, fiel ihm ein, dass er immer noch seine Pistole im Hosenbund stecken hatte. Als sich die Handschellen klickend um seine Handgelenke schlossen, sah er noch, wie der Deutsche das Päckchen wieder in seinen Rucksack steckte. Dann wurde Otto abgeführt.

Drei Monate hatte es gedauert, bis die Familie Otto aus dem Gefängnis frei bekam. Der Boss hatte sich persönlich nach Italien begeben und seine Beziehungen zur Regierung spielen lassen. Er hatte ihm nochmal sehr deutlich gemacht, was passieren würde, wenn Otto die Bombe nicht wieder beschaffen konnte. Er würde nie vergessen, wie das abgetrennte Glied seines kleinen Fingers in das Aquarium sank und von den Babypiranhas abgeknabbert wurde, bis nur noch der blanke Knochen übrig blieb.

Otto hatte sich die Adresse des Deutschen aus dem Mietwagenvertrag gemerkt, aber die war definitiv falsch. Vielleicht war dieser Tourist doch nicht so harmlos, wie er aussah. Jedenfalls schien er seine Spuren ganz geschickt zu verwischen. Aber Otto hatte noch ein paar Tricks auf Lager. Er zückte sein Handy und rief bei der EnBB an, dem Energieversorger in dieser Gegend. Er gab den Namen des Deutschen an und behauptete, er wolle einen Zählerstand für seine neue Wohnung durchgeben, habe aber gerade die Zählernummer nicht parat. Kein Problem, meinte die Kundenbetreuerin, sie habe nur eine einzige Zählernummer unter diesem Namen im System registriert, wie denn der Zählerstand laute? Otto überlegte nicht lange und las die Telefonnummer des Großraumtaxis vor, das neben ihm am Randstein parkte: 55555. Die Kundenbetreuerin bedankte sich und er kam zum entscheidenden Punkt. Ob das denn jetzt der Zähler in der Schwabstraße sei, warf Otto seine Angelfrage aus. Prompt biss die Kundenbetreuerin an. Nein, das sei nicht in der Schwabstraße, sie habe hier als Adresse im System die Ba….

Doch Otto erfuhr die Adresse niemals, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Großraumtaxis. Drei muskulöse Männer im Anzug umringten ihn. „Herr Panini, bitte steigen Sie ein“, sagte der Leiter des Einsatzteams. „Unser Chef von Europol hat ein paar Fragen an Sie“.

Hier geht’s zum vierten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2

Ein unmotivierter Mitarbeiter einer Mietwagenfirma bringt einen Stein ins Rollen.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, vorher den ersten Teil zu lesen.

Ausflug ins antike Rom

Am ersten Tag unseres Aufenthalts in Rom hatten wir uns im Vatikan eine mittelschwere Kulturvergiftung zugezogen. Heute tauchten wir zur Entspannung in das antike Rom ab. Im Forum Romanum wurde vor zweitausend Jahren ein Weltreich regiert. Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht.

Ruinen im Forum Romanum
Ruinen im einstigen Machtzentrum des römischen Imperiums
Ruinen im Forum Romanum
Die Überreste einer Weltmacht
Blühende Wiese im Forum Romanum
Blühende Geschichte

Im Kolosseum hatten 50.000 Zuschauer Platz. Etwa zehnmal so viele Menschen starben darin bei Gladiatorenkämpfen oder Hinrichtungen. Die Architektur erfüllte auch damals schon heutige Ansprüche an moderne Fußballstadien: Die Zuschauer konnten innerhalb weniger Minuten evakuiert werden, das komplette Bauwerk konnte mit Sonnensegeln beschattet werden und es gab bereits damals VIP-Lounges für Kaiser, Senatoren und betuchte Sponsoren.

Ein russischer Tourist wurde 2014 dabei ertappt, wie er seinen Namen in einen Stein des Kolosseums ritzte. Er wurde zu 20.000 € Bußgeld und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da versteht der Römer keinen Spaß.

Kolosseum
Das Kolosseum. Der Name spricht für sich.
Colosseum von innen
Innenansicht
Triumphbogen
Triumphbogen – Wer viel erobert, muss das auch feiern

Wir schlenderten durch die Gassen von Rom und entdeckten an jeder Ecke neue historische Kostbarkeiten. Das Pantheon beeindruckt durch seine kugelförmige Bauweise mit der kreisrunden Öffnung in der Decke. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem sorgt bei Regen dafür, dass es keine Überschwemmung gibt.

Draußen vor dem Eingang stellten sich die Touristen sehr diszipliniert in einer langen Schlange an. Nur ein glatzköpfiger Amerikaner drängte sich an allen Wartenden vorbei. Als ihn der Aufseher zurückweisen wollte, reichten wenige Worte und der Wärter ließ ihn verängstigt durch. Eigenartig.

Blick auf das Loch in der Decke des Pantheons
Pantheon – Decke mit Loch
Monumento nazionale a Vittorio Emanuele II
Nationaldenkmal aus dem 20. Jahrhundert – Roms Versuch, an die Geschichte anzuknüpfen

Schließlich wurde es Zeit, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Um Zeit zu sparen, hatte ich schon Zuhause einen Mietwagen bei einem Onlineportal reserviert. Die Webseite hatte mich nach der Buchung zu Funny Cars weiter vermittelt. Die mich wiederum an den Verleiher Sicilia Rent weiterreichten. Eine Firma mit Sitz in Palermo, was bei mir Assoziationen mit der Mafia hervorrief. Aber die Bewertungen waren genau so schlecht wie bei den etablierten Verleihern und der Preis unschlagbar.

Am Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof Termini zog ich eine Nummer am Automat und wir gesellten uns zu den Wartenden. Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als der Sachbearbeiter gerade die Kreditkarte mit Bleistift und Pauspapier durchrubbelte, wollte sich Jemand vordrängeln. Es war der Glatzkopf, der schon beim Pantheon so ungeduldig war. Als der Mitarbeiter ihn unbeeindruckt zurückwies, kaufte er einem anderen Wartenden seine Nummer ab. Geld regiert die Welt.

Im Parkhaus schaute ein unmotivierter Mitarbeiter den Mietvertrag nur flüchtig an, warf eine Kopie auf einen unordentlichen Stapel und fischte nach längerer Suche einen Schlüssel aus einer Schublade. Als wir das Auto fanden, war ich positiv überrascht, denn obwohl ich einen Fiat 500 reserviert hatte, passte der Schlüssel zu einem Golf. Es gab also doch noch Wunder.

Als ich unser Gepäck im Kofferraum verstauen wollte, war ein kleines Päckchen im Weg. Ich steckte das Päckchen in meinen Rucksack, damit der Koffer Platz hatte. Beim Ausfahren aus dem Parkhaus kam gerade der glatzköpfige Mann herein, der es vorhin so eilig gehabt hatte. Dann stürzten wir uns in den römischen Verkehr und nahmen Kurs auf die Adriaküste.

Otto

Seit drei Wochen versuchte Otto Panini sich in Rom einzuleben. Außer ein paar harmlosen Schutzgelderpressungen war hier allerdings nicht viel los. Nachmittags schlenderte er meist durch die Altstadt von Rom. So wie gestern, als er dieses Pantheon anschaute. Als ihn der Platzanweiser ans Ende der Warteschlange schicken wollte, zischte er ihm nur zu, dass es für seine Gesundheit besser sei, wenn er sich nicht mit einer ehrenwerten Familie anlegen würde. Dieser kleine Hinweis bewirkte Wunder und schon war Otto in dieser eigenartigen Kirche mit dem Loch im Dach.

Otto war schon ganz träge geworden, als gestern der Anruf aus Chicago kam. Sie machten es ganz wichtig, der Auftrag käme von ganz oben. Er solle einen Wagen aus dem Parkhaus am Bahnhof Termini von der familieneigenen Mietwagenfirma abholen und nach Sizilien bringen. Auf direktem Weg und ohne aufzufallen. Das Gespräch endete mit dem fürsorglichen Hinweis, dass er in Sizilien als Fischfutter enden würde, wenn er den Wagen nicht am nächsten Tag wohlbehalten abliefern würde.

Als Otto den Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof von Rom fand, war er wieder einmal entsetzt, wie unglaublich schlecht dieses Land organisiert war. Zwanzig Leute warteten vor ihm auf ihre Autos. Der Mann am Schalter ließ sich partout nicht überreden, ihn vorzulassen. Gewalt schied bei so vielen Augenzeugen aus, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als einem Touristen seine Wartenummer für 200 € abzukaufen. Jede Stunde zählte, wenn er rechtzeitig in Palermo sein wollte.

Zuerst hatte er darauf getippt, dass er einen gestohlenen Luxuswagen überführen solle, aber es ging wohl um einen unspektakulären VW Golf. Wie auch immer, er war jedenfalls fest entschlossen, nicht als Fischfutter zu enden, auch wenn das Wasser in Sizilien sicher angenehmer war als im eisigen Lake Michigan.

Otto durchsuchte das komplette Parkdeck, aber zum Teufel – da stand definitiv kein Golf. Das war wieder mal typisch für Italien. Warum konnte hier nichts laufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte er nicht persönlich in Erscheinung treten, aber nun musste er wohl oder übel den Typen am Schalter fragen.

Als Otto sein Anliegen in mühsamem Italienisch vorbrachte, wühlte der Mitarbeiter lustlos in den Papieren, die überall auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Dann fluchte er. Den für Otto deponierten Golf hatte er gerade vor fünf Minuten versehentlich zwei deutschen Touristen gegeben, die eigentlich einen Fiat 500 reserviert hatten. Mit einem Grinsen bot er ihm den Fiat an, der ja nun übrig sei.

Otto bezweifelte, dass Palermo sich mit einem Fiat 500 zufrieden geben würde und rief vorsichtshalber in Chicago an. So wütend hatte er seinen Kontaktmann noch nie erlebt. Es dauerte fünf Minuten, bis er zwischen den ganzen Flüchen und Beschimpfungen einzelne Worte verstehen konnte. Das beschissene Auto sei ja wohl egal, es ginge um die Atombombe im Kofferraum. Er solle den bekifften Versager im Parkhaus eliminieren und dann die bekackte Bombe zurückholen. Und dass die Fische in Sizilien bestimmt Durchfall von so einem Volldeppen wie ihm bekommen würden.

Otto erkannte den Ernst der Lage und fackelte nicht lange. Er pustete dem Armleuchter an der Mietwagenausgabe die Lichter aus – wie gut, dass er immer seinen Schalldämpfer zur Arbeit mitnahm – und steckte den Schlüssel des Fiat 500 ein. Dann prägte er sich den Namen des deutschen Touristen und den Rückgabetermin in Venedig ein. Er quetschte sich laut fluchend in die Sardinenbüchse und schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten. Was für eine Vollkatastrophe von Auto war das denn! Zuhause in den Staaten würde man mit so einem Winzling nicht mal bis zum Briefkasten fahren. Dann fädelte er sich in den dichten Verkehr von Rom ein.

Hier geht’s zum dritten Teil

Kein Fez in Fes

Disclaimer: Leider erlebten wir bei unserem Urlaub in Marokko nichts Lustiges, daher gibt es diesmal einfach nur eine Bildergeschichte.

Wer Wortspiele verwendet, sollte zunächst die verwendeten Begriffe definieren. Ein Blick in den Duden Online hilft uns dabei:

  • Fes (auch Fez, Fès): Stadt in Marokko
  • Fez, der: Spaß, Ulk, Unsinn
  • Fez, der: (in den arabischen Ländern von Männern getragene) kappenartige Kopfbedeckung aus rotem Filz in Form eines Kegelstumpfes (mit einer Quaste). Herkunft: wohl nach der marokkanischen Stadt Fes, die möglicherweise der erste Herstellungsort war.

So, jetzt weißt du Bescheid. Aber Achtung, nicht verwechseln mit:

  • Fes, das: um einen halben Ton erniedrigtes f
  • FEZ, das: Abkürzung für Forschungs- und Entwicklungszentrum

Fes, die älteste Königsstadt Marokkos

Wir landeten an einem regnerischen Novembertag in Fes. Bei unserer Unterkunft war der Flughafentransfer inklusive und der Chauffeur wartete bereits. Er begrüßte mich überschwänglich, ignorierte die neben mir stehende SinnlosReisende und trug dann meinen Koffer zum Auto. Wir schauten uns irritiert an und die hochgezogenen Augenbrauen zeigten die Begeisterung über diese Behandlung. Ich übernahm den Koffer der SinnlosReisenden, was wiederum den Chauffeur irritierte, aber so waren wir wenigstens quitt.

Diese konsequente Missachtung des weiblichen Teils unserer zweiköpfigen Reisegruppe zog sich durch den kompletten Urlaub. Liebe Marokkaner, es ist nicht klug, die Hälfte der Menschheit zu ignorieren! Besonders, wenn man in der Tourismusbranche arbeitet und von ihrem Geld lebt. Ratet mal, welches Land auf unserer schwarzen Liste mit No-Go-Destinations gelandet ist? Richtig.

In Fes wohnten wir mitten in der Medina, so nennt man hier die Altstadt. Unser Riad, ein traditionelles Stadthaus, lag in einer verstörend dunklen Gasse und sah von außen wie eine Bruchbude aus. Als wir schon grobe Zweifel an der Hotelauswahl bekamen, wurden wir in einem prachtvollen Innenhof mit Minztee begrüßt.

Dunkle Gasse
Nur für Mutige: der Weg zur Unterkunft
Alte Tür
Eingangstür zum Riad. Klopfe, und dir wird aufgetan!
Schöner Innenhof eines Riad
Außen pfui – innen hui
Wand mit orientalischen Ornamenten verziert
Im Innenhof des Riad
Blick von der Dachterrasse auf Fes
Dachterrasse
Marokkanisches Restaurant mit schönem Innenhof
Auch die Restaurants haben wunderschöne Innenhöfe
Innenhof eines Restaurants in Fes
Blick aus dem ersten Stock

Die Tanneries von Fes

Am Stadtrand von Fes zeugen Ruinen von der einstigen Bedeutung der Stadt. Der Eingang in die Medina von Fes wird vom blauen Tor markiert. Dahinter beginnt ein Labyrinth von malerischen Gässchen, die bei gutem Wetter zum Bummeln einladen. Wir hatten allerdings ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet gebucht und der Regen verwandelte die Altstadt in einen stinkenden Moloch. Aus den Teestuben starrten mürrische Männergruppen und der beißende Gestank der Gerbereien zog durch die Gassen. Außerdem: ein aufdringlicher Bettler beschimpfte uns als Nazis. Was wir definitiv nicht sind! Nicht mal ansatzweise.

Ruine mit Pferd vor blauem Himmel
Ruine mit Pferd
Ruinen in Fes
Bröckelnde Zeitgeschichte
Blaues Tor in Fes
Das blaue Tor markiert den Eingang in die Medina von Fes
Esel in einer Gasse angebunden
Parkplatz in der Innenstadt

In Fes gibt es mehrere Tanneries, in denen Leder auf traditionelle Weise gegerbt und gefärbt wird. Angeblich wird keine Chemie sondern nur natürliche Stoffe verwendet, aber den ganzen Tag barfuß in Taubenkot zu waten, ist auf Dauer auch nicht gesund. Zuerst werden die Haare von den Fellen in Kalkbädern entfernt, danach werden die Lederstücke gefärbt und geschmeidig gemacht. Und dann an die Touristen verkauft. Wie die Arbeiter den Überblick über den Inhalt der vielen Becken behalten, bleibt ein Rätsel.

Tannerie, Ledergerberei in Fes
Tannerie in der Altstadt von Fes
Kalkbecken in der Tannerie
In den Kalkbecken werden die Haare vom Fell entfernt
Färbebecken in der Tannerie
Färbebecken. Schutzkleidung wird überschätzt.
Arbeiter färbt ein Lederfell
Für die Touristen ist es Handarbeit, für die Arbeiter ein knochenharter Job

Mobilität in Marokko

Um dem schlechten Wetter zu entkommen, ließen wir uns von einem Taxi an den Flughafen bringen, wo wir einen Mietwagen gebucht hatten. Es ist verboten, beim Fahren ein Handy zu benutzen. Daher musste unser Taxifahrer zwei Handys benutzen, während er auf einer vierspurigen Straße fuhr. Auf Youtube kannst du das genauer anschauen.

Taxifahrer benutzt zwei Handys während der Fahrt
Taxifahrer im Multitaskingmodus

Autofahren in Marokko ist vergleichsweise unproblematisch, man muss allerdings auf die Esel aufpassen, die immer wieder die Straße bevölkern. Die Straßenschilder sind zweisprachig und die Fernstraßen sind in recht gutem Zustand.

Verkehrsschilder in Marokko
Klangvolle Namen
Arabisches Stopschild
Selbsterklärend
Männer laden Gasflaschen vom Lkw auf einen Esel
Multimodale Mobilität: Wo der Lkw nicht weiterkommt, übernimmt der Esel
Mann reitet auf Esel im Regen
Mistwetter
Motorrad Docker mit Container
Insiderwitz für Informatiker: Docker mit Container
Mann in Berberkapuze steht am Straßenrand
Obi Wan Kenobi wartet auf den Bus…
Mann in Berberkleidung steigt in Auto
…um dann doch das Auto zu nehmen

Von Meknes nach Rabat

Wir fuhren durch hügelige Landschaften nach Meknes, einer weiteren ehemaligen Königsstadt. Die aufwändigen Mosaiken erinnerten uns an die Alhambra in Andalusien und wir bekamen das beste Frühstück aller Zeiten serviert.

Goldbraune Hügel bei Meknes
Hügellandschaft
Palast in Meknes
Einer der zahllosen Paläste
Alte Frau sitzt vor Palast in Meknes
Warten auf besseres Wetter
Frühstück auf Marokkanisch
Königliches Frühstück

In Rabat besuchten wir die Andalusischen Gärten, die wegen ihrer Ruhe von Katzen sehr geschätzt werden. Für eine Hauptstadt geht es hier eher gemütlich zu. Vielleicht trägt die Lage am Meer zu einem entspannten Lebensstil bei.

Katzen schlafen im andalusischen Garten
Katzen in den Andalusischen Gärten
Mann schläft auf Fischernetz mit Regenschirm
Nach der Arbeit trägt der Fischer Anzug
Ruinen der Almohaden Moschee in Rabat
BER von Rabat: Hassan-Turm und Moschee warten seit 800 Jahren auf ihre Fertigstellung
Minarett mit Palmen in Rabat
Minarett in Rabat
Friedhof von Rabat im Abendlicht
Wenn die Schatten auf dem Friedhof länger werden, wird es Zeit zu gehen

Die Sonne von Rabat versöhnte uns ein wenig mit dem anfänglich miesen Wetter und wir flogen nach einer Woche wieder nach Hause. Unter dem Strich ist Marokko sehr sehenswert. Man darf sich halt nicht an diesem landestypischen Männer-Frauen-Dingens stören.

Buntgekleidete Frauen auf der Wand einer Bücherei in Marokko
Frauenbild

Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 30 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Ankunft auf dem Campingplatz

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Typologie der Camper

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Konsequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellbrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

El Arenal

Ein Bericht aus dem Gefühlsleben eines Vulkans

Der Arenal im Hochland von Costa Rica wurde von der einheimischen Bevölkerung lange nur „der Berg“ genannt. Das ärgerte ihn maßlos, denn einerseits drückte dieses Weglassen seines Namens eine unterschwellige Geringschätzung aus. Andererseits ignorierte die Bezeichnung „Berg“ seine vulkanische Abstammung, die bis zur Geburt der Kordilleren zurückreichte, und darauf war der Verschmähte sehr stolz. Ein Vulkan hat schließlich auch Gefühle, wie jeder Berg.

Und dann immer diese Sticheleien! Die Geologen zeigten überhaupt kein Interesse, weil er angeblich zu jung sei, um etwas Interessantes zu entdecken. Pah. Und das ausgerechnet von diesen Menschen, die ja erst neulich auf der Erdoberfläche erschienen waren. Als ob 100 Millionen Jahre zu jung wären. Der Arenal zeigte seinen Ärger niemals offen, sondern fraß ihn in sich hinein. Er brütete eher introvertiert vor sich hin, wie es der Natur der meisten Berge entspricht. Aber der Druck in seinem Inneren stieg und stieg.

Vulkan El Arenal im Wald
Sieht eigentlich ganz friedlich aus, der Berg

Eines Tages im Jahr 1968 war das Fass dann aber endgültig voll. Als sich ein Bauer aus dem Dorf Tabacon laut darüber beklagte, dass im Schatten des Berges sein Gemüse nicht genug Sonne bekäme, reichte es ihm. In einem gewaltigen Wutausbruch kotzte er einen Lavastrom aus und radierte das Dorf von der Landkarte. Seitdem nennen die Leute ihn nur noch „der Vulkan“ und senken die Stimme ehrfürchtig, wenn sie von ihm sprechen. Na gut, dass dabei 80 Menschen ums Leben kamen, war nicht seine Absicht gewesen. Aber so genau kann man eben auch nicht zielen, zumal wenn man als Vulkan etwas aus der Übung ist. Als Warnung stößt der Arenal immer mal wieder ein kleines Rauchfähnchen aus, macht sich mit einem bedrohlichen Rumpeln bemerkbar und wirft ein paar Felsbrocken aus seinem Krater. Wenn man sich unter den Top 10 der weltweit aktivsten Vulkane halten will, muss man halt immer am Ball bleiben.

Am Fuß des Vulkans liegt der Arenal Nationalpark. In Internetforen beklagen sich unzufriedene Besucher darüber, dass es hier kaum Tiere zu sehen gäbe. Das stimmt aber gar nicht – man muss nur etwas genauer hinschauen.

Blattschneiderameise trägt ein Blatt
Tierwelt im Arenal Nationalpark

Eine Blattschneiderameise ist nun vielleicht keine Sensation, aber ein ganzes Volk davon kann einen Baum in wenigen Tagen kahl scheren (und ein Pferd in einem Tag bis auf die Knochen abnagen; aber das ist ein unbestätigtes Gerücht). Und wo Ameisen sind – da ist ein anderer Zeitgenosse nicht weit. Als es neben dem Weg im Unterholz raschelte, verhielten wir uns ruhig und dann spazierte in aller Seelenruhe ein Ameisenbär an uns vorbei. Ich hatte immer gedacht, diese Tiere wären blau, weil ich in meiner Kindheit ein Fan der blauen Elise war, die im Vorabendprogramm vergeblich den Termiten nachstellte.

Ameisenbär überquert den Weg
Freund der Ameisen

Und wer nicht im Stechschritt durch den Dschungel rennt, sondern sich etwas Zeit lässt, der findet auch mal Tiere, die nicht so ins Auge springen.

Snake in rain forest
Manche Tiere wollen gar nicht gesehen werden. Erst wenn es zu spät ist.

Ganz in der Nähe, am Ufer des Arenalsees, steht ein gewaltiger Ceiba Tree, der angeblich James Cameron zu dem Wohnbaum der Na‘vi im Film „Avatar-Aufbruch nach Pandora“ inspiriert hatte. Die Ureinwohner Mittelamerikas verehrten diese bis zu 75 Meter hohen Bäume als Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. Fotos können die Größe dieses Baumes nicht wiedergeben; es ist einfach nur ein ergreifendes Gefühl, darunter zu stehen.

großer Ceiba Tree
Unter dem Ceiba-Baum – Größe ist relativ

Von den häufigen Vulkanausbrüchen unbeeindruckt bauten die unerschrockenen Ticos das Städtchen La Fortuna, denn hier zeigt der Vulkan seine sonnige Seite: es gibt massenweise natürliche Thermalquellen mit herrlich heißem Wasser. Wir verzichteten auf die Designerbäder der Edelhotels und besuchten die Termalitas del Arenal, wo sich die einheimischen Großfamilien zum Picknick mit Grillvergnügen trafen. Meine mangelhaften Spanischkenntnisse machten sich hier schmerzlich bemerkbar, aber Bilder versteht man ja auch ohne Worte.

Termalitas del Arenal in La Fortuna
Thermalbad mit Heizkraftwerk im Hintergrund
Küssen verboten Schild
Beim Küssen nicht den Partner gegen das Schienbein treten!
Tafel mit Verbot im Freibad
Verboten: Kinder dürfen spielenden Erwachsenen nicht auf den Po hauen!
Warnschild Wassertemperatur und Wassertiefe
Doppelgefahr: Heißes Wasser und Untiefen. Vorsicht beim Köpfer!
Warnschild Blutdruck
Nach 20 Minuten steigt der Blutdruck bis die Arterien platzen!

Um uns etwas abzukühlen, machten wir einen Ausflug zum Rio Celeste. Unterwegs streiften wir ein Highlight der Biodiversität, die Nebelwälder. Hier findet man im dauerfeuchten Klima auf einem Quadratkilometer mehr verschiedene Baumarten als in den ganzen USA. Der einzige Nachteil am Nebelwald ist – ähm, der Nebel.

Nebel auf der Straße im Nebenwald
Im Nebelwald

Der Rio Celeste liegt etwas abseits im Tenorio Volcano National Park und ist nur durch eine einstündige Wanderung erreichbar. Zwei kristallklare Bäche vermischen sich hier zu einem absolut unglaubwürdig leuchtenden Türkiston.

Entstehung des Rio Celeste
Hier entsteht der Rio Celeste aus zwei klaren Bächen. It’s magic!
Türkise Farbe im Rio Celeste
Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt man es nicht

Es gibt zwei Theorien zur Erklärung dieses Naturspektakels: Die Einen sind davon überzeugt, dass die Götter hier als Beweis ihrer Allmacht ein Stück des Himmels auf die Erde gebracht haben. Die Anderen behaupten, es sei ein physikalischer Effekt namens Mie-Scattering, bei dem Aluminiumsilikat, PH-Werte und eine Wellenlänge von 566 Nanometern eine Rolle spiele. Man kann sich aber auch einfach nur über den Anblick freuen.

Wasserfall am Rio Celeste
Pool mit Dusche mitten im Dschungel
Hängebrücke über den Rio Celeste
Nur für Einzelgänger

Auf dem Rückweg entdeckten wir eigenartige Blüten und einen dieser neugierigen Nasenbären neben dem Weg. Diese Allesfresser haben sich genau wie die Waschbären in Nordamerika an die Menschen gewöhnt und kontrollieren regelmäßig die Parkplätze.

Pink Flower
Der Dschungel blüht
Nasenbär im Wald
Naseweiser Nasenbär
Nasenbär am Parkplatz
Nasenbär nimmt die Fahrzeugparade ab

Der Furz von San Jose

Mittelamerikanische Verdauungsprobleme in Bildern

Costa Rica hat zwar eine geringere Wirtschaftsleistung als die Region Stuttgart, aber trotzdem ist das kleine Land in einigen Dingen dem deutschen Staat um Jahrzehnte voraus. Während in Deutschland der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, ist man hier schon lange bei fast 100% regenerativer Energieerzeugung angelangt. Und es funktioniert.

Durch konsequenten Umweltschutz sind inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt und 160 Schutzgebiete hindern Großkonzerne an der Abholzung. Größere Hotelkomplexe findet man hier kaum, überwiegend wird Ökotourismus in kleinen, nachhaltigen Familienunternehmen betrieben. Ein echter Gewinn für Einheimische, Natur und Touristen.

Das Militär wurde in Costa Rica schon vor Jahrzehnten abgeschafft und dafür zur Freude der Nachbarn Nicaragua und Panama eine konsequente politische Neutralität verkündet. Das und die hohen Berge haben dem Land den Beinamen „die Schweiz Mittelamerikas“ eingebracht. Die Militärausgaben wurden stattdessen in Bildung und Gesundheit investiert und irgendwie hat es das demokratische Land geschafft, dass seine Bewohner zu den zufriedensten Bürgern der Welt gehören.

Als wir uns am Flughafen von San Jose mit Bargeld versorgten, fühlten wir uns gleich wie Millionäre. Leider nur in Colon, der hiesigen Währung.

Costa Ricanisches Geld
Nach dem ersten Banküberf … äh Bankbesuch

Als wir aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens heraustraten, wurden wir sofort von einem dieser „hilfsbereiten“ Transfer-und Taxi-Vermittler angesprochen. Da wir aus zahlreichen Ländern um die Wucherpreise dieser Taximafia wussten, wimmelte ich den jungen Mann mit dem Hinweis ab, dass wir einen Mietwagen reserviert hatten. Ganz euphorisch bot er uns gleich einen kostenlosen Transfer zur Mietwagenstation an. Aber nicht mit mir! Diesen Trick durchschaute ich sofort und wir gingen unbeirrt zum Schalter der Mietwagenfirma.

Dort wurden wir ganz erstaunt gefragt, ob wir denn den Mitarbeiter verpasst hätten, der den kostenlosen Transfer zur Mietwagenausgabe organisiert. Der stand etwas ratlos im Hintergrund und zerknirscht musste ich zugeben, dass mein Misstrauen völlig unbegründet war. Diese positive Erfahrung bestätigte sich in den nächsten Wochen – kein einziges Mal wollte uns Jemand etwas aufschwatzen oder verkaufen. Die Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) waren einfach nur freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.

Eigentlich ist Kriminalität in Costa Rica kein Problem. Nachdenklich stimmt allerdings der Aufkleber auf einem Rettungswagen, der ausdrücklich die Mitnahme von Pistolen untersagt.

Rettungswagen in San Jose
Zutritt nur ohne Handfeuerwaffen. Wie soll man sich denn da verteidigen?

Das Essen besteht in Costa Rica in aller Regel aus Bohnen mit verschiedenen Beilagen. Zum Frühstück gibt es Gallo Pinto, Bohnen mit Reis und Ei. Sehr beliebt sind auch Patacones, frittierte Kochbananen mit Bohnenmus und reichlich Zwiebeln.

Patacones mit Beilagen
Patacones in Riesenportionen

Die bohnenlastige Kost schmeckt meist extrem lecker, verursacht aber auch extreme Verdauungsreaktionen. Der einheimische Künstler Jimenez Deredia hat sich dieser Thematik in einer Skulpturenserie angenommen, die in der Fußgängerzone von San Jose zu bewundern ist.

Skulptur
Ein gärendes Unwohlsein breitet sich im brennenden Gedärm aus…
Skulptur
…und verwandelt sich allmählich in ein alles beherrschendes Grimmen.
Skulptur
Der Darm schwillt und schwillt bis zur Unkenntlichkeit…
Skulptur
…und die Blähungen krümmen den Körper solange…
Skulptur
…bis endlich, endlich ein gewaltiger Furz sich seinen Weg bahnt.
Skulptur
Der ganze Mensch verwandelt sich in eine Serie von Flatulenzen…
Skulptur
…um endlich wieder der Entspannung Raum zu geben, bevor der Zyklus bei der nächsten Mahlzeit wieder von vorne beginnt.

Jimenez Deredia, falls du das hier liest: Ich fürchte, ich habe deine Skulpturen anders verstanden, als von dir beabsichtigt. Aber gehört zur Kunst nicht auch die Freiheit der Interpretation dazu?

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Happy Birthday

Sinnlosreisen feiert seinen ersten Geburtstag. Wow, was für ein Jahr!

Ich hatte mich schon länger darüber geärgert, dass die Gedanken, die ich mühsam auf der winzigen Handytastatur in meinen WhatsApp-Status reinfummle, nach 24 Stunden unwiederbringlich in den Tiefen des Internets verschwinden. Und die amerikanischen Geheimdienste wollte ich nicht darum bitten, mir eine Kopie aus ihrem Archiv zuzuschicken. Denn bei soviel Unsinn könnte ich ein Einreiseverbot wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit nicht ausschließen.

Und dann kam vor einem Jahr der Corona-Lockdown und ich nutzte die sinnlose Zeit dazu, diesen Blog ins Leben zu rufen. Das war natürlich ein äußerst geschickter Zeitpunkt für einen Reiseblog. Wer hätte damals gedacht, dass Reisen einmal so schwierig wird? Anfangs war ich überhaupt nicht von der Idee überzeugt, meine Gedanken einfach so öffentlich ins Internet zu stellen, ohne zu wissen, wer das liest – das hat mir schon ein bisschen Unbehagen bereitet.

Klar gab es im Freundes- und Familienkreis Menschen, die meine Geschichten lustig fanden. Aber jeder kennt diese talentfreien Leute aus DSDS oder anderen Castingshows, die sich bis auf die Knochen blamieren („Meine Tochter kann ja sooo toll singen, mir kommen jedesmal die Tränen!“).

Meine Befürchtungen waren aber völlig unbegründet, denn mein Blog lag unbeachtet in einer ruhigen Ecke des Internets herum, in einer unbeleuchteten Nebenstraße, in der offenbar nichts los war. Mir war das nur recht und ich schrieb in Ruhe weiter meine Geschichten. Irgendwann kamen dann aber wohl doch ein paar Neugierige vorbei.

Nach 45 Beiträgen ist es nun Zeit, mich bei meinen über 1000 Besuchern aus 19 Ländern und den inzwischen 53 Followern zu bedanken. Ich hätte vor einem Jahr niemals mit so einer Resonanz gerechnet. Danke für jeden Kommentar und jeden Like, Danke für euer Interesse und für eure Treue! Ohne euch wäre es tatsächlich sinnlos, diesen Blog zu schreiben.

Und ein ganz besonderes Dankeschön geht an die SinnlosReisende, die den Schreiberling in mir geweckt hat, die mit ihrer ehrlichen Kritik meine Beiträge auf Schwachstellen abklopft und die meinen Unsinn nun schon so lange erträgt.

Wir stehen in den Startlöchern, aber immer noch bremst das Virus unseren Reisedrang aus. Zum Glück lagern noch viele Erinnerungen an vergangene Erlebnisse im Langzeit-Archiv und ich werde weiterhin alle zwei Wochen einen neuen Beitrag posten. In der Zwischenzeit empfehle ich euch meine persönliche Lieblingsgeschichte aus einem Jahr Sinnlosreisen, die beweist, dass man nicht in ferne Länder reisen muss, um verrückte Dinge zu erleben: Die klinik

Zum Geburtstag bekam der Blog einen neuen Header mit Bildchen für Leute, die nicht so gerne lesen. Man soll ja ein breites Publikum ansprechen. Und für den Blogger gab’s ein Handy mit besserer Kamera und einen Crashkurs in Gimp. Ich bin bereit für das zweite Jahr. Let’s go!

Liebe Grüße

Euer Marco

Die Sache mit Marzipan

Eine Reise in die unbeschwerten Tage meiner Jugend. Und ein Bericht aus dem kurzen, aber sinnlosen Leben eines Hamsters.

Photo by Ellie Burgin

Als wir fünfzehn Jahre alt waren, bekam die Schwester eines Freundes zwei männliche Hamster zum Geburtstag geschenkt. Der Verkäufer im Zoofachgeschäft meinte, dass Hamster ungern alleine sind und dass zwei Tiere mit dem gleichen Geschlecht eine ungewollte Vermehrung zuverlässig verhindern.

Einige Wochen später bekam eines der beiden Männchen acht Junge. Das war etwas überraschend für alle, die im Biologieunterricht aufgepasst hatten, aber bei so kleinen Tieren ist es wohl nicht so einfach, das Geschlecht zu bestimmen. Wir Jungs schlugen für die Neugeborenen zur Feier des Tages ein gemeinsames Abendessen mit der Python von Andi vor, was zu einem Shitstorm bei den Mädchen führte. Nur hieß es damals noch nicht Shitstorm; es gab einfach nur gewaltig Ärger.

Also wurden die hilflosen, blinden Babyhamster mit Hilfe einer Pipette solange aufgepäppelt, bis sie aus dem Gröbsten heraus waren und dann im Freundeskreis zur weiteren Aufzucht verteilt. Meine Mutter war nach der unglücklichen Episode mit den Raupen zwar ziemlich skeptisch, aber mein Vater meinte, es würde wohl nichts schaden, wenn der Junge endlich Verantwortung lernen würde. Außerdem, was kann mit einem niedlichen Hamster schon schief gehen? Also kaufte ich einen Käfig mit Laufrad und Holzhäuschen sowie einen Sack mit Kleintierstreu und taufte meinen Adoptivnager auf den Namen Marzipan.

Marzipan schien sich schnell wohl zu fühlen, denn er hamsterte sofort so viele Nüsse in seinen Backen, dass er nicht mehr durch die Tür seines Häuschens passte. Dann baute er sich aus der Streu ein Nest und legte sich zum Schlafen. Läuft, dachte ich. Ziemlich pflegeleicht, so ein Haustierchen.

Gegen ein Uhr nachts wurde ich von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Ich knipste das Licht auf meinem Nachttisch an und das Geräusch verstummte sofort. Als ich zum Käfig schaute, starrte mich Marzipan aus seinem Laufrad heraus mit großen Knopfaugen an. Dann zog er sich in sein Häuschen zurück. Ich machte das Licht wieder aus und drehte mich um. Nach drei Minuten begann der Krach von Neuem. Marzipan rannte auf seinem Laufrad, als ob er für einen Marathon trainieren würde. Wie ich später erfuhr, sind Hamster nachtaktiv und laufen in freier Natur durchschnittlich fünf Kilometer pro Nacht.

So ging das nicht weiter, also stellte ich den Käfig kurzerhand ins Badezimmer in die Dusche. Kurz hörte ich noch das Surren des Laufrades aus der Ferne, dann schlief ich zufrieden ein.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Schrei geweckt. In der Badezimmertür stand meine Mutter und schaute mich mit diesem todbringenden vorwurfsvollen Blick an, den Mütter so perfekt beherrschen. Ich hatte den Käfig wohl einen Tick zu nahe an den Duschvorhang gestellt. Marzipan hatte einen Zipfel zu fassen bekommen und aus dem geblümten Vorhang ein kuscheliges Nest gebaut. Hamster haben scharfe Zähne und erstaunlich viel Kraft.

Aus dem Freundeskreis bekam ich den Rat, den Lauftrieb meines Hamsters durch mehr Auslauf zu befriedigen. So ein Käfig ist halt für ein Steppentier schon etwas klein. Am nächsten Abend setzte ich Marzipan mitten im Zimmer auf den Teppich. Ich hatte einige Nüsse in den Zimmerecken verteilt, um ihn zum Laufen zu motivieren. Schnitzeljagd für Nagetiere. Das hätte ich mir aber sparen können, denn der Steppenflitzer schoss blitzschnell quer durch das Zimmer und verschwand in dem Spalt hinter dem Einbauschrank.

Ich fand das ziemlich clever von ihm und nahm die Herausforderung an. Schließlich war ich der Herr über die Nahrung und irgendwann würde ihn der Hunger schon wieder aus seinem Versteck treiben. Dachte ich zumindest. Zunächst drangen aber energische nagende Geräusche hinter dem Schrank hervor und die Glastür der Vitrine begann zu klirren. Es klang, wie wenn man mit einer groben Holzfeile ein Loch in eine Sperrholzplatte fräst.

Ich versuchte alles, um den Ausbrecher aus seinem Versteck zu locken. Ich legte lecker duftende Rosinen vor den Schrank und lauerte stundenlang davor. Ohne Erfolg. Ich zündelte mit einem Feuerzeug vor dem anderen Ende der Schrankwand, weil alle Tiere Angst vor Feuer haben. Ich schlug mit der Faust gegen den Schrank, um ihn in Panik zu versetzen. Alles was ich erreichte, war eine Ansage von meinem Vater. Jetzt sei aber mal gut mit dem Radau. Was ich denn da für einen Lärm veranstalten würde? Und warum es in meinem Zimmer nach Rauch rieche? Ich behielt mein kleines Problem für mich und legte mich auf mein Bett um meine Strategie zu überdenken.

Plötzlich sah ich Marzipan, der mich aus dem obersten Regal der Schrankwand herab beobachtete. Sein Pelz war etwas ramponiert und mit Spinnweben verklebt und er hatte Holzspäne im Gesicht. Als ich aufsprang, verschwand er durch das von ihm genagte Loch wieder hinter den Schrank. Ich fluchte und stellte unauffällig ein Buch vor das hässliche Loch.

Über eine Woche lang spielten wir Tom und Jerry, und meine Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Ich wollte mir die Sanktionen nicht ausmalen, die mich erwarteten, wenn meine Eltern herausfanden, dass ein Nagetier frei in der Wohnung herumstreifte und die Möbel in Sägespäne verwandelte. Dann nahm die Episode Marzipan eines Abends ein tragisches Ende.

Aus meinem Kassettenrekorder röhrte Tina Turner, während der Anarcho-Hamster hinter der Schrankwand werkelte. Dann passierten drei Dinge: von der Schrankwand her kam ein britzelndes Geräusch und ein kurzes schrilles Quieken. Gleichzeitig ging das Licht aus und Tina Turner verstummte schlagartig. Und dann kam mein Vater mit einer Taschenlampe zur Tür herein.

Ob ich schon wieder irgendwelchen Unsinn anstellen würde, wollte er wissen. Das konnte ich ausnahmsweise mit reinem Gewissen verneinen, denn ich saß unschuldig auf meinem Sitzsack. Mein Vater zog mit misstrauischer Miene ab und drehte die Sicherung für die komplette linke Wohnungshälfte wieder rein.

Am nächsten Tag tauschte ich das durchgenagte Stromkabel aus und verschaffte Marzipan eine würdevolle Beerdigung auf dem Bahndamm hinter dem Haus. Den Entschluss, mich von Haustieren fernzuhalten, halte ich bis heute durch.

Schwarzwald – ohne Rückfahrtticket

Im Sommer gibt sich der Schwarzwald als harmloses Mittelgebirge mit sonnengefluteten Berghängen, blühenden Blumenwiesen und gemütlichen Wanderwegen. In den Wintermonaten zeigt er sein anderes Gesicht. Meterhohe Schneeverwehungen, die jedes Durchkommen unmöglich machen, von der Außenwelt abgeschnittene Täler und monatelange Einsamkeit. Und immer wieder bringt ein überraschender Wintereinbruch arglose, unvorbereitete Wanderer in große Verlegenheit.

Ich verbringe den Oktober 2019 in einer Rehaeinrichtung in Bad Dürrheim. Unter der Woche erlebe ich irrwitzige Situationen in der Klinik, aber die Wochenenden sind so langweilig wie Schachspielen mit einem Betonpfosten. Bevor sich der Schimmel auf mir festsetzt, mache ich einen Ausflug zu den Triberger Wasserfällen.

Triberg besitzt offensichtlich das Patent auf „das Original“. Original Schwarzwälder Kuckucksuhren aus taiwanesischer Produktion werden an japanische Reisegesellschaften verkauft. Original Schwarzwälder Schinken werden von Frauen in Original Schwarzwälder Trachten zur Verköstigung angeboten. Und in einem Cafe bestelle ich eine Original Schwarzwälder Kirschtorte, um meine Energiereserven aufzuladen. Die Torte ist so fett, dass ich zur Rettung meines Magens ein Original Schwarzwälder Kirschwasser hinterher schicke und dann geht es auch schon los ins laut pochende Herz des Schwarzwalds. Ins Original, natürlich.

Unberührte Wälder im Herzen des Schwarzwalds

Die Wasserfälle selbst sind absolut unspektakulär, aber die Landschaft drum herum ist zauberhaft. Ich wandere einige Stunden lang in den wärmenden Strahlen der spätherbstlichen Sonne durch wunderschöne Wiesen, auf denen die Bauern schon die Loipen für die Wintersaison vorbereiten. Als die Sonne sich allmählich bereit macht für einen letzten goldenen Sonnenuntergang vor dem angekündigten Wintereinbruch, nehme ich eine Abkürzung durch den Wald, um noch vor der Dämmerung beim Auto zurück zu sein. Ich gerate immer tiefer in den Wald und genieße die unberührte Natur mit grün leuchtenden, moosüberwucherten Felsen. Hier war jahrelang kein anderer Mensch vor mir gewesen. Herrlich.

Pilze, Moos
Eigenartige Pilze im Moos

Wie alle Männer habe ich glücklicherweise ein angeborenes Orientierungsvermögen, das jedes Navi in den Schatten stellt. Man kann einen Mann nach einer Flasche Wodka aus dem Tiefschlaf wecken und er kennt zwar seinen eigenen Namen nicht mehr, aber er weiß mit schlafwandlerischer Sicherheit, wo Norden ist. Das funktioniert auch noch, wenn man den Mann mit verbundenen Augen in einem Fass die Niagarafälle hinabstürzen lässt.

Es ist deshalb keinesfalls so, dass ich mich verlaufen hätte, nein nein, es ist einfach nur so, dass mit jedem Meter, den ich gehe, der Abstand zu meinem Auto größer wird. Wahrscheinlich wieder ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder schlechtes Kartenmaterial auf meinem Handy.

Pilze
Noch mehr Pilze

Die goldene Sonne sinkt langsam aber sicher zum Horizont hinab. Als sich auch der Ladebalken meines Handys dem Horizont nähert, gehen mir die Grundfragen der Philosophie durch den Kopf, die schon seit Urzeiten die Menschheit bewegen:

  • Wo bin ich?
  • Wenn ja, warum?
  • Kann man ein Handy orten, wenn der Akku leer ist?
  • Habe ich eigentlich Jemandem gesagt, dass ich nach Triberg fahre?
  • Gibt es im Schwarzwald Wölfe?
  • Wann beginnt wohl die Schneeschmelze im Frühjahr?

Toskana und die Gardaverschwörung

Diese Reise durch die Toskana führt uns von Lucca über den wunderlichen Tarotgarten bis nach Grosseto. Auf dem Rückweg decken wir am Gardasee eine Verschwörung mit internationalen Ausmaßen auf.

Lucca, die unterschätzte Perle der Toskana

There’s no glory in prevention. Dieser Satz wurde in der Corona-Pandemie bekannt, könnte aber auch aus Lucca stammen. Hier hatten die Bürger im 15. Jahrhundert als Schutz vor übergriffigen Nachbarn eine gewaltige Stadtmauer erbaut. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Stadt nie wieder angegriffen und es entstanden zwei Lager. Die Einen feierten den Erfolg, weil der Wall alle potentiellen Angreifer abgeschreckt habe. Die Anderen hielten die ganze Maßnahme für eine einzige Verschwendung, weil ja kein Angriff mehr erfolgte, gegen den man eine Mauer gebraucht hätte. Diese Diskussion kennen wir von den Corona-Maßnahmen in Deutschland.

Stadtmauer Lucca
Die Stadtmauer von Lucca: 4 Kilometer lang und 12 Meter hoch

Um die Stadt zu betreten, muss man durch finstere Gänge laufen. Früher war das vielleicht abschreckend, heute ist es eine Touristenattraktion.

In der Stadt findet man keine sensationellen Attraktionen wie den missglückten Turm in Pisa oder die protzigen Kunstausstellungen von Florenz. Lucca glänzt eher durch seine kleinen Perlen. Zum Beispiel die gelben Häuser auf dem ovalen Piazza dell Amfiteatro, die auf 360 Grad ohne Lücke aneinander gebaut wurden.

Häuser auf dem Piazza dell Amfiteatro in Lucca
Piazza dell Amfiteatro

Oder der Dom San Michele, der weder durch Größe, noch durch besondere Schönheit besticht, sondern durch eine gewagte freistehende Fassade. In diesem Dom versuchte sich der junge Puccini auf der Orgel. Seine modernen Interpretationen kamen bei den Gottesdiensten aber nicht so gut an, deshalb verlegte er sich später aufs Opernschreiben.

Dom San michele von außen
Dom San Michele in Lucca

Sehenswert sind in Lucca auch so banale Dinge wie Straßenlaternen.

Straßenlaterne in Gestalt eines dreibeinigen Tierfußes
Sockel einer Straßenlaterne in Lucca
Marodes Gebäude einer italienischen Bank
Bankgebäude in Lucca

Der Zustand der italienischen Banken war schon immer bedenklich, aber hier in Lucca geben sie ein besonders trauriges Bild ab. Trotzdem wird über dem Eingang deutlich gemacht, wie man mit säumigen Schuldnern umgeht.

Relief mit Löwe über einer Tür
Relief über einer Eingangspforte in Lucca

Im Herzen der Toskana

Wir fuhren weiter ins Hinterland der Toskana und bezogen ein Landhaus mitten in den Olivenhainen. Die Sonnenuntergänge sind hier tatsächlich so zauberhaft, wie immer behauptet wird.

Sonnenuntergang in der Toskana
Sonnenuntergang in der Toskana

Die Mauern von Magliano sind fast dicker als das ganze Städtchen dahinter. Hier wird ein großes Geheimnis gehütet: die Kunst des Möbelbaus für unebene Böden.

Blick auf die Stadtmauern von Maglione
Das Städtchen Magliano versteckt sich hinter dicken Mauern
Die Kunst des Möbelbaus an Orten mit großem Gefälle

Abends zog dann der Himmel zu und in der Nacht bombte uns ein gewaltiges Sommer-Gewitter aus dem Bett. Es regnete in Strömen, aber am nächsten Morgen war schon wieder alles trocken – aufgesaugt von der durstigen Natur.

Windrad mit stürmischen Himmel im Hintergrund
Windrad im heraufziehenden Sturm

Giardino dei Tarocchi

Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte eine schwere Kindheit. Wie schwer, kann man erahnen, wenn man ihre Skulpturen im Tarotgarten sieht. Eine absolut sehenswerte Sammlung von Exzessen der menschlichen Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich mal wieder den Reiseführer nicht gelesen habe und daher nur spekulieren kann, was die Künstlerin mit ihren Werken aussagen wollte.

Turm abgeknickt
Einer dieser fanatischen italienischen Radrennfahrer richtet beträchtlichen Schaden an. Schade eigentlich, denn der Turm war echt schön.
Die Toskaner Stadtmusikanten proben für ihren Auftritt im Variete
Skulptur mit Mann und Frau, die beim Picknick ein Glas Wein trinken
Beim Picknick. Sie: „Schatz, hast du die Kinder gesehen?“
Picknick mit Blick von hinten. Eine Schlange hat schon einiges verschluckt
Er: „Die Kinder spielen hinter uns. Mach dir keine Sorgen, die laufen schon nicht weg!“
Vier verschieden farbige Frauenfiguren in einem Pool
Pool der Kulturen: Frauen unterschiedlicher Herkunft treffen sich zu neckischen Wasserspielen: Eine Weiße, eine Asiatin, eine Afrikanerin und eine grüne, ähm, Marsbewohnerin? Hä???
Teufelin verfolgt zwei rennende Figuren
Spider-Man und Milka-Woman flüchten vor der gehörnten Teufelin mit irritierendem anatomischem Detail im Schritt.
Ensemble der Kuriositäten

Die Magie des letzten August-Wochenendes

Das letzte Wochenende im August markiert in Italien jedes Jahr eine Zeitenwende. Davor sind die Strände gestopft voll mit ununterbrochen laut plappernden italienischen Großfamilien, die den Sozialabstand von Ölsardinen in der Dose praktizieren. Am letzten Sonntag im August ändert sich wie von Zauberhand das Bild. Die Italiener verlassen schlagartig die Urlaubsorte und nur ein paar einsilbige Deutsche bleiben zurück. Wir genossen einige sehr ruhige Tage in Marina di Grosseto, bevor wir uns auf die Heimreise machten.

Kirche und Rathaus in Grosseto
Dom und Rathaus in Grosetto
Skulptur mit Drachen, Schlange und Dinosaurier auf dem Danteplatz in Grosetto
Drachen auf dem Danteplatz in Grosseto. Wer findet den Fehler?
Wagenburg aus Kinderwagen am Strand
Der Strand war herrlich ruhig. Bis vier deutsche Familien eine Wagenburg errichteten
Die Sonne geht über der Insel Elba unter und beleuchtet die Wellen am Strand
Sonnenuntergang über der Insel Elba

Die Garda-Verschwörung

Am Gardasee machten wir einen Zwischenstopp, um uns wieder an die deutsche Sprache zu gewöhnen. Die Chance, hier einen Nachbarn zu treffen, ist jedenfalls deutlich größer als in Friedrichshafen an der Uferpromenade. Schwimmen ist allerdings nur in extra abgezäunten Minibereichen möglich, denn der See selbst ist von verschiedenen Wassersportlern belegt. Gerüchten zufolge ist neulich ein Eichhörnchen trockenen Fußes von Malcesine nach Limone quer über den See gewechselt, indem es von Brett zu Brett sprang.

Wimmelbild vom Gardasee

Unter der glühenden Mittagssonne kam ich einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur: die italienische Bevölkerung wird am Gardasee jeden Sommer von dunklen Mächten gegen deutsche Migranten ausgetauscht. Darunter sind viele Klimaflüchtlinge, die das kalte Wetter nicht mehr ertragen. Es handelt sich eindeutig um eine internationale Verschwörung, denn die Österreicher und Schweizer haben kilometerlange unterirdische Tunnel durch die Alpen gegraben, um den Austausch der Bevölkerung zu beschleunigen.

Ihr glaubt nicht an Verschwörungen? Wollt ihr einen Beweis? Also gut: Was ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien? Södi! Der Spitzname des bayrischen Kanzler-Nicht-Kandidaten Markus Söder! Wenn das ein Zufall ist, fress ich meine Badeschlappen mit Senf.

So, jetzt muss ich aber schleunigst raus aus der Sonne. In meinem Gehirn stockt schon das Eiweiß. Bis bald und bleibt wachsam!

Innsbruck

Österreich hat das Coronavirus wegdefiniert und seine Grenzen geöffnet. So eine Chance dürfen SinnlosReisende sich nicht entgehen lassen. Zack, gebucht.

Ich dachte immer, dass man in Österreich Deutsch spricht. Weit gefehlt! Wir wurden in der Pension Alpenblick in Innsbruck mit überschäumender Herzlichkeit mit den Worten empfangen:

„Gria-Saich! HoabadEanaGuadInnenahannanagfuanda?“

Fieberhaft scannte ich mein Gedächtnis nach der passenden Sprachfamilie für eine Antwort ab. Ich tippte auf eine Mischung aus Suaheli und Japanisch und hatte mich gerade für ein vorsichtig neutrales „Do you speak English?“ entschieden, als die SinnlosReisende an meiner Seite antwortete:

„Ja, Danke, alles bestens, unser Navi hat uns sicher hergeführt.“

Schnell lernte ich die Tiroler Begrüßungsformeln: Gria-Saich bedeutet so etwas wie Hallo im Plural, Grias-Die wird bei Einzelpersonen verwendet und zum Abschied sagt man Pfüi-Deich bzw. Pfüi-Die. Viel einfacher als Thailändisch.

Dann stürzten wir uns in die Tiroler Bergwelt. Hier leben die Kühe weit entfernt von jedem Gedanken an Tönnies so entspannt, dass sie vor lauter Langeweile Liegestützen auf der Weide machen.

Kühe auf einer Bergwiese
Trainierende Kuh versucht eine Kollegin zu beeindrucken

Am ersten Tag nahmen wir uns die Besteigung des legendären Muttekopfes über die Imster Ostwand vor. Wir parkten unser Fahrzeug im Basislager in Hochimst. Die Sherpas heißen hier Sessellift und brachten uns mit modernster Technik zum ersten Biwaklager auf stolze 1491 m über dem Meeresspiegel.

Muttekopf Berggipfel
In der Ferne lockt der schneebedeckte Muttekopf

Ohne Sauerstoffmaske bezwangen wir den Aufstieg zum zweiten Biwaklager auf schwindelerregenden 1623 m Höhe. Dort stärkten wir uns in der Latschenhütte mit Tiroler Gröstl und leckerem Kaiserschmarrn. Auf der nächsten Etappe überholte uns eine Einheimische mit Zwillings-Kinderwagen und wir brachen demotiviert ab. Auf dem Rückweg wurden wir von einem Rudel der heimtückischen Alpenbiber gestellt, die arglosen Wanderern auflauern.

Alpenbiber
Der Alpenbiber lauert in Rudeln den Wanderern auf

Diese destruktiven Vandalen verwüsten ganze Berghänge mit ihren scharfen Zähnen.

Umgestürzte Bäume
Das Ergebnis einer Biberfamilie nach einer Nacht

Den Bergbauern bleibt dann oft nichts anderes übrig, als die gerodeten Hänge für Skipisten zu nutzen:

Gerodeter Berghang
Oft bleiben nur Stümpfe übrig

Das Alpaka ist ein „Zu-Groisda“, das österreichische Wort für Mitbürger mit Migrationshintergrund. Immerhin hat es die Alpen schon in seinem Namen. Es wird hier gerne wegen seiner gewagten Frisuren gehänselt.

Alpen-Alpaka
Das Alpen-Alpaka mit Alpenpanorama

Der österreichische Meister im Kuhfladenweitwurf kommt mit einer Weite von 41,4 Metern aus Tirol.

Kuhfladen auf einer Wiese
Ein beliebtes Tiroler Sportgerät – der Kuhfladen

Auch der amtierende Weltmeister in den Hamburger- und Cheeseburger-Wettbewerben lebt offenbar in Imst. Er teilt sein Spezialwissen in der Zubereitung des perfekten Burgers auf großen Schildern mit der interessierten Bevölkerung: Die Mayonnaise immer schön gleichmäßig verteilen!

Schild der Burgermeister
Rätselhaftes Schild an einem Fluss in Imst: Achtung Springflut? Schlange verspeist drei Elefanten?

In Innsbruck weht eine farbenfrohe Designvariante der österreichischen Nationalflagge, die Regenbogenfahne. Sie symbolisiert Toleranz und Vielfalt und soll auf Artikel 3 des Grundeigentümergesetzes hinweisen: Kein Haus darf wegen seiner Fassadenfarbe, seines Alters, seiner Bauweise oder seiner Architektur benachteiligt werden. Glaube ich zumindest.

Bunte Häuser und Regenbogenfahne
Toleranz: Die Farbe des Hauses ist unantastbar

Überhaupt glänzt Innsbruck mit einigen auffallenden Gebäuden. Das Goldene Dachl mit seinem Prunkerker diente Kaiser Maximilian dazu, seine Untergebenen zu beeindrucken.

Goldenes Dachl Innsbruck
Angeberbalkon Goldenes Dachl

Das Helblinghaus wurde von seinem Besitzer solange mit barockem Stuck verziert, bis der Nachbar zur Linken sein Haus vor lauter Neid grün anstrich:

Das Helbinghaus Innsbruck
Das Helblinghaus mit barocker Fassade

Der Ottoversand hat seine Filiale in Innsbruck an die lokale Architektur perfekt angepasst:

Ottoburg in Innsbruck
Die Ottoburg in Innsbruck

Die Berg-Isel-Skiflugschanze ermöglicht bei Föhnwetterlagen eine unglaubliche Sprungweite. In diese Mauer in der Innenstadt musste extra ein Durchgang integriert werden, damit die Skispringer genügend Auslauf haben. Man nennt ihn Triumpfpforte, denn wer hier durchspringt, hat den Sieg im Neujahrsspringen ziemlich sicher.

Triumphtor in Innsbruck mit Berg-Isel-Schanze im Hintergrund
Triumpfpforte mit Berg-Isel-Schanze

Münchner aufgepasst: So sieht die Isar aus, bevor sie bayrisch wird:

Isar
Die jugendliche Isar

Auf dem Heimweg besuchten wir das barocke Stamser Stift, das eigentlich für Besucher geschlossen war. Wir stolperten zufällig während eines Gottesdienstes in die Basilika und ließen uns von der mächtigen Orgel das Trommelfell durchpusten.

Barocke Innenansicht Basilika Stamser Stift
Basilika im Stamser Stift

So, liebe Leser, nun habe ich aber wieder genug Unsinn geschrieben. Vier Tage ohne Gesichtsmaske waren eine tolle Erfahrung, aber vier Tage sind halt viel zu wenig.

Au weia, jetzt hab ich doch glatt gegen die neuen Regeln der gendergerechten Schreibweise verstoßen. Das hiesige Landratsamt hat nämlich eine interne Dienstanweisung erstellt, nach der es keine Leser und auch keine LeserInnen mehr geben darf. Also dann noch einmal mit der politisch korrekten Ansprache:

Liebe „mit den Augen einen Text erfassende Lebewesen der Gattung Mensch mit beliebigem Geschlecht“ – bis bald auf diesem Kanal und Pfüi-Deich!

Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?

Venedig

Eine Stadt versinkt im Meer – und die Chinesen sind mal wieder schuld. Das ist praktisch, denn mit so einem Sündenbock in einem fernen Land kann man ganz gut von eigenen Fehlern ablenken.

Venedig kämpft mit zwei Luxusproblemen: zu viel Wasser und zu viele Touristen. Hier zahlt man in bester Lage 25 € pro Nacht – für das WLAN! Das Zimmer kostet über 1.000 €. Angesichts dieser Preise entschieden wir uns spontan für eine Pension auf dem Festland und nahmen die Straßenbahn.

Ohne Schiff kommt man in Venedig nicht weit. Wassertaxis, Wasserbusse und Gondeln für die Touristen bestimmen das Bild. Sogar der Notarzt kommt mit dem Boot.

Notarztboote
Notarzt und Sanitätsboote

Schon lange vor Corona hat man in Venedig Gesichtsmasken zur Kunstform erhoben.

Schaufenster mit Masken in Venedig
Fachgeschäft für medizinische Gesichtsmasken

Die Hauptattraktionen Venedigs werden tagsüber von Touristen überschwemmt. Geduld beim Schlange stehen ist hier eine gefragte Tugend.

Der Dogenpalast umringt von Touristen

Auf der Piazza San Marco sind die Touristen trotzdem in der Minderheit; hier dominieren Milliarden von Tauben. Die Basilica di San Marco wirkt von außen wie eine normale Kirche.

Basilika di San Marco
Markusdom mit Touristen und Tauben

Drinnen wird allerdings schnell klar, dass es sich in Wirklichkeit um die Musterausstellung eines Fliesenfachgeschäfts handelt.

Mosaik im Markusdom
Fliesenmosaike in der Basilica di San Marco

Einheimische sieht man in Venedig kaum. Sie sind nahezu unsichtbar. Auf diesem seltenen Schnappschuss sind drei Gruppen unsichtbarer Frauen zu erkennen – ihre Handtaschen verraten sie.

Unsichtbare Frauengruppen auf dem Nachhauseweg

Der Canal Grande ist die Hauptstraße Venedigs, nur dass sich das Leben in den Hinterhöfen abspielt.

Canal Grande
Canal Grande

Auch die meisten Nebenstraßen sind nur mit Booten zu erreichen.

Wasserstraße in Venedig
In den Straßen von Venedig

Wenn man sein Haus verlässt, sollte immer ein Boot vor der Tür stehen.

Enger Kanal in Venedig
Ohne Boot kommt man in Venedig nicht weit.

Venedig hat eine einzigartige Berufsgruppe hervorgebracht: den Gondoliere. Die Gondellizenzen sind streng limitiert, wie bei Taxis in anderen Städten. Die Berufskleidung der Gondolieri stammt vom selben Modedesigner, der auch schon erfolgreiche Kollektionen für so beliebte Institutionen wie Alcatraz, Sing Sing und das Folsom Prison entworfen hat.

Gondoliere
Gondoliere

Der Beruf des Gondoliere bietet nur sehr begrenzte Alternativen auf dem globalen Stellenmarkt, aber in der Saison geht die Arbeit in Venedig nicht aus.

Stau im Kanal
Verkehrsstau im Kanal

Wenn du zum ersten Mal in Venedig bist und dein anfängliches Staunen über die vielen Kanäle, Brücken und Paläste überwunden hast, fragst du dich bestimmt, wie man so bescheuert sein kann, eine ganze Stadt mitten ins Meer und dazu noch auf sandigen Untergrund zu bauen. Du wirst es mir nicht glauben, aber schuld daran sind mal wieder die Chinesen.

So ein ausgemachter Quatsch, wirst du jetzt denken, die Chinesen waren doch noch gar nicht in Europa bekannt, als im 5. Jahrhundert Venedig gegründet wurde. Klar, da hast du recht, aber warte! So einfach ist das nicht. Ich versuche mal, den Kern der ganzen Geschichte zusammen zu fassen.

Die Hunnen waren damals als nomadisches Reitervolk in den Steppen Zentralasiens unterwegs. Irgendwann hatten sie die Schnauze voll davon, ihre Ziegenherden von einer kargen Weide zur nächsten zu treiben und sich von Ziegenmilch und Hammelfleisch zu ernähren. Das kannst du sicher gut verstehen, deine Laune wäre wahrscheinlich auch nicht die Beste bei dieser Speisekarte. Sie kamen auf die originelle Idee, zur Abwechslung das eine oder andere Dorf zu überfallen und so ihren Speiseplan zu bereichern. Blöderweise hatten die Hunnen noch keinen Begriff von Nachhaltigkeit, und so metzelten sie die Dorfbewohner einfach nieder und brannten die Dörfer ab.

Klar, dass sie im Lauf der Jahre immer weitere Beutezüge unternehmen mussten, denn mit dieser Methode konnten sie jedes Dorf nur einmal besuchen. Keine Ahnung, ob es den hunnischen Reitern klar war, mit wem sie sich da anlegten, als sie Jahr für Jahr immer ein bißchen weiter nach Osten zogen, aber irgendwann bekam der chinesische Kaiser mit, dass da Jemand an der Außengrenze seines Reiches zündelte. Nun hatten die chinesischen Herrscher schon früher reichlich schlechte Erfahrungen mit aufsässigen Reitervölkern gemacht, weshalb sie ja auch die chinesische Mauer erbaut hatten. Du wirst dich also nicht wundern, dass der Chinese keinen Wert auf diplomatische Feinheiten legte und postwendend eine Armee schickte. Spaßfaktor praktisch gleich null.

Die Hunnen begriffen recht schnell, woher der Wind wehte und verlegten ihre Aktivitäten ruckzuck nach Westen. Dort vertrieben sie die Goten, die ihrerseits die Vandalen in die Flucht schlugen, die wiederum Richtung römisches Reich drängten. Insgesamt führte dieser Dominoeffekt zu einer gewaltigen Völkerwanderung. Alle suchten eine neue Heimat, und alles nur, weil die Chinesen so humorlos auf ein paar gebrandschatzte Dörfer reagierten.

Attila, der Hunnenkönig erwarb sich damals mit seinem Reiterheer einen derart schlechten Ruf in Europa, dass sich die wohlhabenden Römer in die Hose machten. Um ihre Reichtümer in Sicherheit zu bringen, wussten sich einige Adelsfamilien nicht anders zu helfen, als auf das Wasser umzuziehen. Die unangreifbare und vor allem pferdesichere Lage in einer Lagune war nebenbei noch für den Handel mit Schiffen so günstig, dass die Venezianer bald den gesamten Mittelmeerhandel beherrschten. Mit ihren Gewinnen konnten sie aufwändige Brücken bauen und großartige Paläste auf unzählige Holzpfähle stellen.

Dogenpalast und Campanile
Dogenpalast und Campanile vom Wassertaxi aus gesehen

Sie hatten dabei nur eine alte Baumeisterregel missachtet: Baue nie auf Sand! Das ging schon beim Turmbau in Pisa schief (im wahrsten Sinn des Wortes) und führt dazu, dass Venedig jedes Jahr um zwei Millimeter tiefer in den Schlamm der Lagune versinkt.

Campanile
Der schiefe Turm von Venedig? Nein. Der schräge Fotograf vom Bodensee!

Viele Gebäude haben deshalb schon unbewohnbare Erdgeschosse. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sich der Anstieg des Meeresspiegels durch die Erderwärmung auswirken wird. Vielleicht sollte man ein Tauchzubehörgeschäft in Venedig eröffnen.

Häuserfront in Venedig
Nasse Wände wohin man schaut

Du siehst also, die Chinesen hatten vielleicht keine Schuld im moralischen Sinne, aber sie waren zumindest indirekt der Auslöser für die Erbauung Venedigs. Heute sorgen die chinesischen Touristen wenigstens für etwas ausgleichende Gerechtigkeit: sie finanzieren die italienischen Designerläden, indem sie scharenweise überteuerte Handtaschen kaufen. Tagsüber kommt man in den verstopften Gässchen kaum voran, aber wenn die Touristenbusse wieder abgezogen sind, findet man selbst in Venedig Zeit für ein Nickerchen:

Hund entspannt sich auf Stuhl
Wenn die Touristen abziehen, erobern sich die Einheimischen den Platz zurück

Übrigens, Geschichte wiederholt sich: auch die Hunnen merkten irgendwann, dass Reisen sinnlos ist und wurden in der ungarischen Tiefebene seßhaft. Attila heißt jetzt Viktor Orban und erwirbt sich gerade erneut einen ziemlich schlechten Ruf in Europa. Und wieder versinkt etwas im trüben Morast. Nur ist es diesmal keine Stadt, sondern Pressefreiheit und Demokratie.