Unbekanntes Spanien

In Spanien kennt sich mancher Deutsche besser aus als Zuhause. Deshalb will ich heute ein paar Gegenden für die Nachwelt dokumentieren, die vielleicht nicht so bekannt sind.

El Caminito del Rey

Er war einmal der gefährlichste Wanderweg der Welt, El Caminito del Rey (auf Schwäbisch: „s Königswegle“). Seit seiner Renovierung vor einigen Jahren ist er absolut ungefährlich. So ungefährlich, dass man ihn ohne Schutzhelm nicht betreten darf. Trotzdem ist er so beliebt, dass man Wochen im Voraus Tickets reservieren muss. Wir hatten enormes Glück und bekamen kurzfristig keine Eintrittskarten mehr. Denn genau an dem Tag, an dem wir den Weg bezwingen wollten, wurde er wegen starkem Wind geschlossen. Zu gefährlich.

Als Ersatzprogramm wanderten wir in der Sierra Cazorla am Rio Borosa. Der ist wirklich ungefährlich, aber ebenfalls schön. Nur die Schilder können den unerfahrenen Wanderer verwirren. Profis wissen, dass man in Spanien nicht auf Schilder achtet, daher ist es eigentlich egal, was drauf steht.

Verwirrende Schilder
Verwirrende Beschilderung. Darf man jetzt oder darf man nicht?
Rio Borosa
Rio Borosa
Cerrada de Elias
Gut ausgebaut: Cerrada de Elías
Schafherde
In der Sierra Cazorla. Ein schwarzes Schaf ist immer dabei.

Es gibt in Spanien eigenartige Gesetze. Es ist der Bevölkerung beispielsweise strengstens verboten, sich zwischen 14:30 und 17:00 Uhr im Freien aufzuhalten. Alle Geschäfte, Behörden und Bars verrammeln Fenster und Türen, als ob sie den Einmarsch der Armee der Untoten befürchten würden. Die einzigen Ausnahmen sind ein paar angetrunkene Gestalten, die nach zwei Flaschen Wein zum Mittagessen ihren Heimweg nicht rechtzeitig finden. Und Touristen wie wir, die ratlos in den ausgestorbenen Städten herumirren.

Menschenleerer Platz in Ubeda
High Noon in der Innenstadt von Ubeda
Häuser mit verschlossenen Fensterläden
Verrammelt

Nachtrag: Ich habe herausgefunden, wie das Gesetz heißt. Man nennt es Siesta.

Spiel mir das Lied vom Tod in Tabernas

Neben der Sierra Nevada liegt die Desierto de Taberna, eine Wüste in bester Wild-West-Manier. Hier wurden zahlreiche Filme gedreht, unter anderem Lawrence von Arabien und die Klassiker von Altmeister Sergio Leone, Spiel mir das Lied vom Tod und Für eine Handvoll Dollar. Die Kulissen bleiben nach dem Dreh stehen und werden bei den nächsten Aufnahmen wieder renoviert und umgebaut.

Wüste von Tabernas
Die Wüste von Tabernas
Blühender Busch in der Wüste
Die Wüste lebt!
Hollywood Sign in Spanien
Hollywood-Filiale in Spanien
Wildwest Kulisse
Wild-West-Kulissen
Route 66 in Spanien
Hä? Ich glaub ich bin im falschen Film.

Nationalpark Ebro-Delta

Einer der wenigen spanischen Flüsse, die das ganze Jahr über Wasser führen, ist der Ebro. Sein Mündungsdelta wurde zu einem Naturschutzgebiet deklariert. In den feuchten Wiesen im Umland wird Reis angebaut, den man hier überall in den Restaurants als Arroz Negro aufgedrängt bekommt. Das hat nichts mit dem N-Wort zu tun; es handelt sich um ein Risotto, das mit der Tinte von Calamares schwarz gefärbt wird.

Delta des Ebro
Im Delta des Ebro
Reisfeld im Ebrodelta
Spanischer Reis
Reisernte
Die Reisernte ist ein matschiges Geschäft
Arroz Negro, oder wie man heute sagen würde: „Rice of Color“
Eingang zum Nationalpark Ebrodelta
Naturpark Ebro: Seil nicht übertreten! Und wenn doch, dann Hunde an die Leine!
Frau  mit Skelett
Die SinnlosReisende: Leichen pflastern ihren Weg
Schild mit Vögeln
Warnschild für Vögel: Keine Menschen an den Nachwuchs verfüttern, nur Fische!

Sinnlose Skulpturen

Spanier lieben Skulpturen. In jeder noch so winzigen Ortschaft stehen mehr oder weniger kunstvolle Gestalten herum. Über den Sinn kann ich wie immer nur spekulieren.

Skulptur Kind mit Gans
Der junge St. Martin würgt seine Gans
Skulütur Frau mit Krokodil
Anwendung des Heimlich-Griffs als Erste Hilfe bei Reptilien
Bronzestatue mit Bocksprung Kinder
Bocksprung Quer – wenn Schienbein und Schädel Freunde werden…
Gesicht mit Augen
Fernblick
Skulptur Junge mit Schulranzen auf Schildkröte
Ich kann nichts dafür, meine Schildkröte hatte Verspätung!
Segelschiffe im Kreisverkehr
Kreisverkehr
Skulpturen tragen Sitzbank
Job mit Durchhaltevermögen
Skulpturen turnen über der Straße
Turngesellschaft mit Durchhänger
Graffity
Auf der rosa Wolke
Achtung Blitz!
Zu spät.
Skulptur Frau streckt Arm nach oben
Halt, SinnlosReisender, das ist genug! Verschone mich mit deinem Unsinn!
Mann sitzt auf überdimensionaler Bank
Also gut! Der kleine Marco muss jetzt eh nach Hause gehen.

¡Hasta luego!

Prag, die goldene Stadt

Die tschechische Hauptstadt ist berstend voll von Sehenswürdigkeiten, über die Andere schon ausführlich berichtet haben. Daher konzentriere ich mich auf die Attraktionen aus der zweiten Reihe.

Als Architekt hat man es ziemlich schwer, in der Menge der historischen Gebäude aufzufallen. Da muss man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen, zum Beispiel originelle Skulpturen oder ein „tanzendes Haus“.

Statue mit Fackel reitet auf Löwen auf Hausdach
Die Freiheitsstatue reitet aus
Statue mit Fackeln auf Chechovbrücke in Prag
Die Eisverkäuferin auf der Chechovbrücke hat Gegenwind
Skulptur auf Karlsbrücke in Prag
Historischer Wegweiser auf der Karlsbrücke: da geht’s zur Burg
Skulptur Die Lesende
Der Autistenthron. Lesen mitten im Trubel der Großstadt
Tanzendes Haus in Prag
Gewagte Architektur: das tanzende Haus

Viele Städte leiden unter den Aufklebern, die an alle möglichen Stellen gepappt werden. Prag hat dafür extra einen Platz geschaffen. Erstaunlich, dass sich so viele Menschen daran halten, aber so entsteht fast schon ein Kunstwerk.

Wand mit Aufklebern
Ein Rahmen für Aufkleber

Die kleinste Gasse in Prag ist so eng, dass sogar eine Fußgängerampel installiert wurde, um den Gegenverkehr zu regeln. Um Wartezeiten bei längeren Rotphasen zu überbrücken, wird das beliebte Pilsner Urquell ausgeschenkt.

Engste Gasse von Prag mit Fußgängerampel
Die engste Gasse von Prag

Der Malteserorden verbirgt sich hinter altehrwürdigen Mauern. Viel interessanter ist aber, was um die Ecke an der Außenmauer des Ordens entstand: die Lennon Wall. Hier sprühen Graffitikünstler seit über 30 Jahren ihren Protest an die Wand. Was anfangs als ärgerliche Schmiererei geduldet wurde, ist heute ein geschützter Ort der Meinungsfreiheit.

Lennon Wall in Prag
Lennon Wall: Platz für kreativen Protest
Lennonwall in Prag
Beatles-Song in Coronazeiten
Detail Lennon wall
Detail an der Lennonwall

In der Nähe der Lennon Wall krabbeln hirnlose Gestalten durch den Park.

Skulpturen krabbelnde Figuren in Prag
Digitalisierung: Festplattenspeicher ersetzen das Gehirn
Neugieriger Tourist vor Skulptur
Kontrolle – alles sauber!

In Prag gibt es deutlich mehr Autos als Parkplätze. Verständlich, dass da jeder Fleck genutzt wird, aber das hier ist schon ziemlich unkonventionell:

Parkplatz in der Moldau
Ungewöhnlich feuchter Parkplatz

Museen gibt es in Prag wie Sand am Meer, darunter auch ungewöhnliche Ausstellungen, wie das Museum für böhmische Granaten (Edelsteine, keine Handgranaten!), drei Museen für optische Täuschungen und Spezialeffekte in Filmen und das Museum für Prager Geister und Legenden. Vor dem Sexmaschinenmuseum drücken sich Scharen von kichernden Jugendlichen herum.

Sexmaschinenmuseum in Prag
Museum für Sexmaschinen

Die tschechischen Backwaren sind nicht von schlechten Eltern. Beim Probieren sollte man aber immer etwas Insulin dabei haben.

Kaffee mit Gebäck
Kaffeepause
Mann isst Süßigkeiten
Der SinnlosReisende im Zuckerschock

Wenn die Sonne untergeht zeigt sich Prag von einer anderen Seite – zauberhaft und geheimnisvoll.

Teynkirche in Prag bei Nacht
Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem)

Das Fazit der SinnlosReisenden zu Prag: Immer eine Reise wert!

Ein Pils in Pilsen

Ein Besuch in der Geburtsstadt des untergärigen Biers

Die tschechische Stadt Pilsen bietet zahlreiche Attraktionen: das Theater, die große Synagoge, die ZF Engineering und die St.-Bartholomäus-Kathedrale.

Das Theater von Pilsen
Das Theater von Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen

Vom Turm der Kathedrale aus hat man einen erstklassigen Blick auf den Platz der Republik mit seinen hübschen Häuserreihen. Als ich auf der Turmtreppe an der großen Glocke vorbei kam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dagegen zu klopfen. Die Glocke gab ein überraschend lautes Ploing von sich und ich wollte schon weitergehen. Plötzlich setzte sich ein Mechanismus in Gang und es begann so laut zu läuten, dass ich die ganze Nacht lang ein Klingeln in den Ohren hatte. Als ich unten wieder am Kassenhäuschen vorbeikam, schaute mich die Turmwärterin misstrauisch an, aber ich lächelte nur unschuldig und mischte mich unauffällig unter die Passanten. Warum passiert so etwas eigentlich immer nur mir?

St. Bartholomäus Kathedrale in Pilsen
Die St. Bartholomäus Kathedrale
Glocke auf dem Turm der Kathedrale
Die Glocke hat einen Durchmesser von über einem Meter
Platz der Republik in Pilsen von oben
Blick vom Kirchturm auf den Platz der Republik

Die größte Attraktion ist aber zweifelsfrei die Brauerei Pilsner Urquell. Ich spreche nicht von irgendeiner Bierproduktionsstätte – es geht hier um den Geburtsort des Pils, das Bethlehem der Biertrinker, das Mekka der Hopfenfreunde.

Pilsner Brauerei
Der Eingang ins Allerheiligste – Pilsner Brauerei

Die Tschechen waren schon immer ein aufmüpfiges Volk. Im Gegensatz zum Prager Frühling war aber der Pilsener Bieraufstand im Jahr 1838 erfolgreich. Empörte Bürger kippten damals fassweise die übel schmeckende Plörre, die die Wirte als Bier verkauften, vor das Rathaus und forderten Besserung. Dem Stadtrat war die Bedeutung des Bieres für die tschechische Seele sehr wohl bewusst und er engagierte einen bayrischen Bierbrauer. Dieser experimentierte mit hellem Malz und höherem Hopfengehalt und servierte 1842 seine goldgelbe Innovation. Das Bier nach Pilsner Brauart kam so gut an, dass das Pils in kurzer Zeit auf der ganzen Welt die Herzen der Biertrinker eroberte. Sogar die Beatles nannte man nach einer Tournee in Tschechien „die Pilsköpfe“.

Statistik über Pro-Kopf-Konsum von Bier
Unangefochtener Weltmeister. Da geht ein Stadtrat kein Risiko ein. Quelle: Statista.de
Reklame Bierbad
Vielleicht liegt der hohe Bierverbrauch auch an der kreativen Verwendung

So eine bedeutende Tradition wirkt sich zwangsweise auf das Stadtbild aus. Es gibt in Pilsen etwa gleich viele Kneipen wie Einwohner. Egal ob Tattoostudio oder asiatischer Imbiss – Pilsner Urquell ist immer im Angebot. Und das weit über die Stadtgrenzen von Pilsen hinaus.

Brauereimuseum Pilsen
Pilsner Brauereimuseum

Rätselhafte Skulpturen senden geheime Botschaften an die Bierliebhaber aus. Die griechischen Buchstaben Lambda, Tau und Pi bedeuten: Lebenskünstler trinken Pilsner.

Man steht zu seinem Laster; es ist ja nur ein Kleinlaster…

Alkohol im Übermaß hat natürlich nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesundheit (das musste mal gesagt sein, falls Minderjährige mitlesen). Deshalb wurden für den Heimweg von der Bar eigene Gehwege mit Haltepfosten angelegt. Hier können die Kinder ihre betrunkenen Väter sicher nach Hause bringen.

Gehwegbeschilderung
Extraspur für Kinder, die ihre betrunkenen Väter nach Hause begleiten, mit Pfosten zum Festhalten bei schwankendem Gang.
Statue mit Hurvinek und Spejbl
Hurvinek: „Vati, warum muss ich dich jeden Abend aus der Kneipe abholen?“ Spejbl: „Na, frag ruhig, ich helfe denen, das ungesunde Bier wegzutrinken, damit niemand zu Schaden kommt!“

Trotzdem gibt es Verluste. Manche Bierleiche wird am nächsten Morgen an der Kathedrale oder im städtischen Teich gefunden.

Skulpturen im Wasser
Wer den Heimweg nicht findet, landet im Teich
Bierleiche
Bierleiche vor der Kathedrale

Sogar einen eigenen Berufszweig hat die Brautradition hervorgebracht: den Tapster. Nach fünftägiger Ausbildung in Pilsen bekommt der Herrscher über den Zapfhahn eine personalisierte Lederschürze und ist in der Lage, das Pilsner Urquell in vier Varianten zu zapfen:

  • Hladinka – Ein großes Bier mit einer drei Finger breiten Schaumkrone, die bis zum Glasrand reicht. Der dicke cremige Schaum bildet eine Schutzschicht und das Bier bleibt süffig
  • Šnyt – Eigentlich ein kleines Bier im großen Glas mit viel Schaum. Es ist ein ideales Bier zum Abschied, wenn man das Trinken langsam beenden will und ein weiteres großes Bier zu viel wäre
  • Mlíko – Auf den ersten Blick erinnert das Bier an ein Glas Milch, weil die Halbe voll mit sahnigem Bierschaum ist. Der Geschmack der Milch ist etwas süßlich und daher ist sie vor allem bei Frauen beliebt
  • Čochtan – Ein Bier fast ohne Schaum für den schnellen Durst zwischendurch. Sollte möglichst auf ex getrunken werden, da es ohne den Schaum sehr schnell schal wird
Zapftechnik ergibt vier Varianten von Bier
Ein Bier – vier Zapftechniken

Abends durfte ich mich auf Einladung eines lieben Kollegen selbst von der Pilsner Kneipenkultur überzeugen. Die Krönung des Biergenusses ist ein frisch gezapftes Tankbier. Es wird ohne Pasteurisierung oder Konservierungsstoffe gebraut und direkt im Tank von der Brauerei zur Bar geliefert. Der Tapster ist dafür verantwortlich, dass der Tank spätestens in fünf Tagen leer ist. Das ist in Pilsen kein Problem.

Tankbier in der Kneipe
Das Auto braucht einen Benzintank, der Mensch einen Biertank
Tankbier
Tankbier. Biertank.
Biergläser
Auf einem Bein steht man schlecht…

David, Danke für den schönen Abend!

Taiji am Bodensee

Leben in Zeitlupe

Gerold hatte zu einem Taiji-Wochenendkurs am Bodensee eingeladen. Ein paar Grundkenntnisse im asiatischen Kampfsport kann man auf Reisen immer brauchen und daher meldete ich mich an. Von einer Meisterschülerin und Weltmeisterin kann man bestimmt eine Menge lernen.

Kursausschreibung Taiji am Bodensee
Programm an verlockender Location

Wir trafen uns am Freitag Abend zur Einführung auf einem Seegrundstück bei Radolfzell, das Felisa zur Verfügung stellte. Ihr Mann hatte extra ein Zelt als Schutz vor dem drohenden Regen aufgebaut. Das Wetter war diesen Sommer schließlich etwas unzuverlässig, um es mal milde auszudrücken. Leider hatte ein Platzregen am Tag zuvor das Zelt etwas mitgenommen.

Zerstörtes Zelt auf einer Wiese
Eigentlich eine gute Idee: ein Schutzzelt gegen Regen

So ein Platz direkt am See ist schon eine tolle Sache. Wir waren mitten in schönster Natur fast allein. Nur einige Stand-Up-Paddler kamen gelegentlich vorbei. Der wirklich einzige Nachteil an einem Seegrundstück ist, dass auch die Stechmücken das Seeufer schätzen. Wusstest du, dass eine Stechmücke mit einem Stich so viel Blut saugen kann, wie sie selbst wiegt, nämlich etwa zwei Milligramm? Es benötigt also 3-4 Millionen Mücken an einem Abend, um einen erwachsenen Menschen leer zu saugen. Beruhigend, nicht wahr?

Seezugang am Bodensee mit SUP
Mitten in der Natur

Von einem Qigong-Kompaktkurs wusste ich noch, dass hier eine eigene Sprache gesprochen wird. Die Wirbelsäule ist zum Beispiel „die Säule des Himmels“, der Handballen ist „der Palast der Arbeit“, zwischen den Nieren liegt „das Tor des Lebens“ und der Darmausgang wird als „Höhle der Winde“ bezeichnet.

Wenn man das Grundvokabular beherrscht, kann man damit ganze Sätze formulieren. „Der rote Drache schwimmt im Meer“ bedeutet, dass man seine Zunge im Mund bewegt. Und „dein roter Drache schlängelt sich vor meiner Höhle der Winde“ heißt dann „du kannst mich mal am Arsch lecken“. Wobei ein wahrer Meister so etwas nicht einmal denkt.

Mit verschiedenen Übungen versucht man dann, Körper, Atmung und Geist in Einklang zu bringen und die Energieflüsse durch die Meridiane anzuregen. Die Übungen haben meist sprechende Namen, wie „Das Boot ruhig über den See rudern“ oder „der schreitende Kranich“. Fortgeschrittene Meister erhöhen den Schwierigkeitsgrad und „rollen den Kaktus mit der Zunge über den Sand“. Oder so ähnlich.

Am Samstag Nachmittag trafen wir uns erneut am Seeufer zum Mückenfüttern. Zur Stärkung hatte ich vorher eine ordentliche Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln zu mir genommen. Bevor wir uns mit den Seidenübungen beschäftigten, übten wir die „Stehende Säule“: man steht dabei wie eine Säule, bewegungslos. Das klingt erstmal nicht zu kompliziert, aber entscheidend ist die richtige Stellung und die innere Haltung.

Kappedäschlebrunnen in Radolfzell
Die Urform der „Stehenden Säule“: Kappedäschle in Radolfzell

Während wir mehr oder weniger entspannt als Säule herumstanden, gab Vera-D. Anweisungen: „Alles Schwere sinkt mit jedem Atemzug nach unten. Alles Leichte steigt nach oben.“

Ich konnte das nur teilweise umsetzen; die Kässpätzle lagen schwer in meinem Magen und weigerten sich beharrlich, nach unten zu sinken. Gleichzeitig suchten sich die Gase der Zwiebeln ihren Weg zur Höhle der Winde.

Taijiübungen auf einer Wiese
Übung macht den Meister

„In Gedanken verschmelzen Schulter und Hüfte, Ellbogen und Knie, Handgelenke und Fußgelenke miteinander zu einer Einheit“, forderte die Weltmeisterin. Dafür reichte meine Vorstellungskraft während des Kurses nicht aus. Erst durch intensives Üben gelang mir die Umsetzung.

Stehende säule
Mit Willenskraft wächst man über sich hinaus. Oder in sich hinein.

Am Ende der Übung hieß es: „Wir lassen die Hände langsam nach unten sinken und lassen uns dafür eine Minute Zeit.“

Eine Minute! Wie will man da einen Kampf gewinnen? Als Ingenieur gingen mir sofort einige Optimierungsideen durch den Kopf. Ich traute mir auf Anhieb zu, das Ganze in unter einer Sekunde zu schaffen. Mit etwas Übung auch deutlich schneller. Ich musste allerdings lernen, dass man im Taiji umso langsamer übt, je besser man wird. Und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht in einem Kampfsportkurs bin. Unglaublich, wie lange eine Minute sein kann! Vor allem, wenn man kurz vor einem Wadenkrampf steht.

Bei Konstantin fließt die Energie fast von alleine

Außerdem soll man bei den Übungen das Labyrinth der rennenden Gedanken leeren. Am besten an gar nichts denken. Und wenn man doch an etwas denkt, soll man nicht mehr daran denken. Das ist gar nicht so einfach, aber nach einiger Übung gelang es mir immer besser. Mein Gehirn war ein weißes Blatt. Nur die SUPs auf dem See konnte ich nicht aus meinen Gedanken verbannen.

Der Kopf ist leer. Beinahe.

Bei einer Übung zur Standfestigkeit sollten wir uns gegenseitig durch Schubsen aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Übungspartner war Rudi, der Fels. Ich war chancenlos. Dann durften wir Vera-D. schubsen; sie war wie Wackelpudding, den man mit Zement angerührt hat. Unkaputtbar. Nach einer Weile lernte ich, dass man nicht mit Kraft dagegen drückt, sondern durch geschickte Gewichtsverlagerung die Kraft des Gegners in den Boden ableitet. Cool.

Als ich diese neue Fähigkeit stolz der SinnlosReisenden vorführte und mich breitbeinig vor ihr aufbaute, schaute sie mich kurz mitleidig an. Dann zog sie ihr Knie an und deutete einen Stoß zwischen meine Beine an. Bei solch unfairen Frauentricks zersplittert selbst der dickste Fels.

Am Sonntag lernten wir das Konzept von Yin und Yang und den Energieströmen kennen. Ich hatte mein halbes Berufsleben mit der Frage verbracht, wie man Energie bei einem Fahrzeug möglichst effizient in Bewegung umsetzt. Dass man aber mit der Kraft seiner Gedanken und durch gezielte Atmung die Lebensenergie in einzelne Körperregionen leiten kann, war mir neu. Ich bin noch am Tüfteln, aber vielleicht werde ich demnächst ein Patent für einen CO2-freien Antrieb anmelden.

Eine Teilnehmerin hatte sieben Jahre gebraucht, bis sie zum ersten Mal überhaupt Energie gespürt hatte. So lange konnte ich nicht warten und warf einen Schokoriegel ein.

Obwohl ich an diesem Wochenendkurs viel lernte, blieben bei mir noch ein paar Fragen offen (in Taijisprache: ich ging den ersten Schritt auf einem langen Weg). Aber es war eindeutig eine tolle Erfahrung mit wunderbaren Menschen an einem wunderschönen Ort. Und ich bin meinem Ziel näher gekommen, in jeder Situation meine innere Mitte zu finden.

Gekreuzigter Jesus am Bodensee vor der Insel Mainau
Alles eine Frage der inneren Haltung. Rechts: wehrt sich verkrampft gegen seine Lage. Mitte: resigniert, apathisch. Links: heiter-gelassen, neugierig auf die neue Erfahrung.

Ich mache normalerweise keine Werbung, aber wer mehr über Qigong und Taiji erfahren möchte (und dann ganz ernsthaft), kann sich hier schlau machen:

Qigong mit Gerold Gerber

Taiji mit Vera-D. Neumann

Urlaub bei den Hottentotten

Als Kind hatte ich lange Zeit Mitleid mit diesem geheimnisumwitterten Volk. Denn immer wenn in meinem Zimmer die Unordnung apokalyptische Züge annahm, sagte meine Mutter: „Hier sieht’s aus wie bei den Hottentotten!“

Musikkapelle zur Erheiterung von Touristen an der Uferpromenade

Der letzte Teil unserer Südafrika-Reise führte uns von Port Elizabeth über die Garden Route bis nach Kapstadt. Während im Nordosten des Landes das Autofahren weitgehend von Schlaglöchern dominiert wurde, erinnerten die Straßen hier eher an amerikanische Highways. Die Garden Route hat ihren Namen von den klimatisch günstigen Bedingungen, die zu einer unglaublichen botanischen Vielfalt führen. Hier wächst alles eine Nummer besser, von Kapstachelbeeren über den ausgezeichneten Wein bis zu namenlosen Blumen.

Wuchernde Blütenpracht

Am Strand von Cape St. Francis legt die örtliche Behörde viel Wert auf Ordnung. Nicht mal atomaren Müll darf man hier entsorgen. Etwas kleinlich für meine Begriffe, aber andere Länder – andere Sitten.

Eigenwillige Verbote
Leuchtturm am Strand

In Knysna haben die Gezeiten eine große Bucht ins Land gegraben. Bei Flut steht hier alles unter Wasser, aber bei Ebbe entsteht ein begehbarer Matschteppich, aus dem die Einheimischen riesige Würmer als Köder zum Angeln ziehen. Man sollte allerdings rechtzeitig wieder auf sicheres Land klettern, bevor das Wasser zurück kommt.

Die Bucht von Knysna kurz vor Ebbe
Endloser Matsch

Ganz in der Nähe gibt es eine gut versteckte Abfahrt von der Hauptstraße, die über eine Schotterpiste bis zu einem Parkplatz führt. Dort beginnt der Abstieg über eine Treppe zum Noetzie Beach, einem der schönsten Strände hier in der Gegend. Die mühsame Anreise lohnt sich, denn hierher kommen nur wenige Touristen. Die meisten verirren sich in dem benachbarten Township und kommen nie wieder heraus.

Licht am Ende des Tunnels – die Treppe zum Noetzie Beach
Noetzie Beach – ein abgelegenes Stück Paradies
Abendstimmung nach einem Tag am Strand

Der letzte Abschnitt unserer Reise führte uns an die Südspitze Afrikas, in die Heimat der Hottentotten. Es gibt keine verlässlichen Berichte über ihren Ordnungssinn, aber an die Zustände in meinem Jugendzimmer kamen sie sicher nicht heran. Sie lebten zweitausend Jahre lang friedlich als Viehhirten, bis die Buren kamen und meinten, dass das Land eigentlich ihnen gehöre. Als Begründung reichte ihnen, dass sie die besseren Waffen hatten. So lief das viele Jahrhunderte lang, wenn Europäer ein fremdes Land entdeckten. Wenn die Bewohner wehrhaft waren, versuchte man Handel mit ihnen zu treiben. Wenn sie militärisch unterlegen waren, wurden sie erobert und bekamen die Errungenschaften der zivilisierten Welt geschenkt, beispielsweise Linksverkehr. Zum Ausgleich durften die Unterlegenen für die Kolonialmacht als Sklaven arbeiten.

In Kapstadt kommt man an einem Besuch des Tafelbergs kaum vorbei, zumindest wenn das Wetter mitspielt. Sportliche Zeitgenossen können die Wand zu Fuß besteigen, man kann aber auch die Seilbahn nehmen. Als mir klar wurde, dass diese Bahn 1929 erbaut wurde und ohne Stütze 1200 Meter überbrückt, wurde mir etwas mulmig. Zum Glück wurde die Anlage von der renommierten Firma Doppelmayr kürzlich erneuert und mit einer 360 Grad Drehkabine ausgestattet. Von oben hat man herrliche Aussichten auf das umliegende Land.

Über den Dächern von Kapstadt
Magische Momente
Blick vom Tafelberg in Kapstadt

Die Strände sehen verlockend aus, haben aber trotz der warmen Luft eine recht erfrischende Temperatur. Das Wasser ist so kalt, dass man hier sogar Pinguine findet, die aus der nahen Antarktis auf Sommerurlaub herüberschwimmen.

Gut gekleidete Strandbesucher

Über den Chapman’s Peak Drive fuhren wir zum Kap der Guten Hoffnung. Unterwegs gab es massenweise tolle Landschaften im Sonderangebot.

Wilde Küste am Südzipfel Afrikas
Das Haus am Meer
Chapman’s View Point

Unterwegs besuchten wir eine Straußenfarm. Wirklich gefährlich sind diese Riesenvögel nur, wenn man ihre Sprache nicht spricht.

Brandgefährliche Kampfvögel
Der Straußenflüsterer

Das Kap der Guten Hoffnung am südwestlichsten Zipfel Afrikas bekam seinen Namen vom portugiesischen König Johann II., der darauf hoffte, endlich den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Die Seefahrer nannten das steile Kliff lange Zeit „Sturmkap“, denn hier treffen die kalten Wasser des Atlantiks auf die warmen Strömungen des Indischen Ozeans und sorgen für unberechenbare Winde, die so manches Schiff auf die spitzen Riffe unter der Wasseroberfläche drückten. Dann blieb den Gestrandeten nur noch die Hoffnung, dass in den nächsten Jahren wieder eine Expedition vorbei kam. Dem Kletterer bleibt die Hoffnung, dass der Absturz weich endet.

Ein letztes Bild vom Kap der Guten Hoffnung zum Abschied

Der Firmenlauf

Die alternative Wahrheit über ein eigentlich harmloses Event.

Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!

Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.

Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.

Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.

Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.

Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.

Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“

Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.

Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!

Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.

Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.

Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.

Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.

Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.

Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.

Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Gruppe Cheer Leader, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Der Start – Kein Platz für Schwächlinge

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.

Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Ein endloser Strom schiebt sich durch die Strecke

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.

Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.

Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.

Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.

„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Das beste Team aller Zeiten

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“

„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.

Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.

Die Wellen von Ballito

Eine kleine Geschichte über große Tiere, noch größere Wellen und einen Tanz mit einem Zulu

Als wir die Bilder der Touristenmassen sahen, die sich sensationsgeil um die wenigen Tiere drängelten, strichen wir den Krüger Nationalpark und besuchten stattdessen den relativ unbekannten HluHluwe iMfolozi Nationalpark. In dieser Gegend Südafrikas hatten sie eine erfrischend kreative iNterPretatiOn der gRoß-kLein-Schreibung, und auch sonst war es ein Erlebnis der Güteklasse A1 mit Sternchen. Wir konnten den Park ohne Guide und völlig unbehelligt von anderen Touristen mit dem eigenen Auto erkunden. Anfangs sahen wir nur jede Menge Schlaglöcher, ein paar Äffchen, Wildscheine und einen Kudu.

Mutter und Kind-Turnen
Hängebauchschweine gehen Krokodile füttern

Als die Mittagshitze sich legte, beendeten die Tiere ihre Siesta und kamen aus ihren Verstecken: Eine Elefantenherde wanderte majestätisch über einen Hügel. Dann Nashörner im Akkord. Wir fuhren um ein Haar unter einer Giraffe durch. Dann Zebras. Noch eine Elefantenherde am Fluss. Noch mehr Nashörner. Noch mehr Schlaglöcher.

Nashorn-Ehepaar bei der Rasenpflege
Abendessen im dritten Stock
Leben im Hochformat
Die Zebrastreifen machen Feierabend und gehen nach Hause

Im Küstenstädtchen Ballito checkten wir im Zimbali Eco View ein. Unser Gastgeber Herbie zauberte ein erstklassiges Frühstück auf den Tisch: Leckerer Kaffee, Nutella, Obstsalat, Straußengeschnetzeltes und Waffeln. Und zur Unterhaltung sprangen im Meer die Delphine.

Frühstück mit Meerblick. So muss das sein.

Herbie war Technikfreak und sicherte sein Haus abends mit einer Alarmanlage: Rotes Licht – Anlage scharf, grünes Licht – ok. Die Taste mit einem Punkt auf der Fernbedienung entschärft die Anlage, die Taste mit zwei Punkten sendet einen Notruf an den Sicherheitsdienst. Alles ganz einfach.

Wegen der hohen Kriminalität nutzten die meisten Hausbesitzer einen Wachdienst. Meist waren hier Zulus beschäftigt, Nachfahren des legendären Königs Shaka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile des heutigen Südafrikas beherrschte. Da er 1.500 Frauen hatte, ist heute fast jeder Zulu mit ihm irgendwie verwandt. König Shaka wird als Nationalheld verehrt; sogar der internationale Flughafen in Durban wurde nach ihm benannt.

Am nächsten Tag ging es endlich an den Strand zum Baden in die tollen Wellen. Drei Rettungsschwimmer lümmelten unter einem Sonnenschirm und zahlreiche Familien spielten am Ufer. Ich liebe Wellen. An zahlreichen Stränden dieser Welt hatte ich das Spiel mit den Brechern genossen und freute mich auf die erste Begegnung mit dem Indischen Ozean. Wir gingen bis zu den Knien ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Dann ging es ganz schnell. Die erste Welle holte uns von den Beinen, die Zweite raubte uns die Orientierung und die Dritte zog uns in den Bereich, in dem man nicht mehr stehen konnte. Hey, dachte ich noch, die haben aber ganz schön Kraft! Und schon brach die nächste Welle über uns zusammen.

Wellen am Indischen Ozean

Die Wellen brachen in so kurzen Abständen von oben auf uns herunter, dass wir kaum Zeit zum Atmen hatten. Das war extrem ungemütlich und wir beschlossen, zum Ufer zurück zu schwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn jede Welle spülte uns drei Meter Richtung Ufer und der Sog nach der Welle zog uns fünf Meter ins Meer hinaus. Ich schwamm was ich konnte, was nicht viel war, denn meine Kraft ließ erschreckend schnell nach. Aus dem Augenwinkel erkannte ich an dem ernsten Gesichtsausdruck der SinnlosReisenden, dass sie die Lage ebenfalls als bedrohlich einstufte. Die drei Rettungsschwimmer waren inzwischen in die Mittagspause entschwunden.

Rette sich wer kann…

Kurz bevor die Panik mich überrollte, tauchte plötzlich neben mir ein Mädchen mit einem Surfbrett auf. Ich klammerte mich energisch daran fest und ein archaischer Überlebensinstinkt schickte den Impuls durch mein Gehirn, dem Kind das Brett aus der Hand zu reißen. Das war wohl auf meinem Gesicht zu lesen, denn sie schaute mich ängstlich an. Aber ich hatte mich schon wieder im Griff und dann erfasste uns die nächste Welle und spuckte uns auf den Strand. Seit diesem Erlebnis betrachten wir Wellen mit deutlich mehr Respekt.

Mann reitet mit Surfbrett auf Welle
Mit der richtigen Ausrüstung macht das sicher Spaß

So eine Niederlage kann ein richtiger Mann natürlich nicht einfach so stehen lassen. Mein Rehabilitationsplan war kühn und schnell gefasst. Direkt vor unserer Unterkunft war ein weitaus gefährlicherer Strand, als der nachmittägliche Badestrand. Herbie hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier immer wieder Mutige und Ahnungslose ertranken. Dieser Strand musste bezwungen werden – nur so ließ sich meine Ehre wieder herstellen.

Als die SinnlosReisende gegen Mitternacht einschlief, schlich ich mich durch die doppelt abgeschlossenen Türen aus dem Haus. Ich hatte einen schwarzen Neoprenanzug ausgeliehen, den ich samt Kapuze und Handschuhen überstreifte. Die Handschuhe waren etwas hinderlich, aber schließlich schaffte ich es, die Alarmanlage mit einem Druck auf den Knopf mit den beiden Punkten zu entschärfen. Oder war es der Knopf mit einem Punkt? Egal, jedenfalls ging kein Alarm los, als ich vor die Tür trat.

Als ich schon fast draußen war, fiel mir ein, dass ich den elektrischen Haischocker vergessen hatte. Also ging ich nochmal zurück, denn Herbie hatte uns berichtet, dass in den Schutznetzen vor den Buchten regelmäßig Haie hängen blieben – viele auf dem Rückweg nach draußen ins offene Meer. Schließlich war ich soweit und musste nur noch die Außentür abschließen. Ich leuchtete mit der funzeligen Taschenlampe und fummelte mit meinen Handschuhen an dem blöden Schloss herum, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich erschrak, drehte mich um, und starrte auf eine gewaltige muskulöse Brust. Vor mir stand eine jüngere Ausgabe von Mike Tyson – nur größer. Vor Schreck fiel mir der Haischocker aus der Hand. Er fiel mit einer Elektrode auf meinen Fuß, mit der anderen auf den Fuß des Hünen, offensichtlich ein Zulu vom Sicherheitsdienst. Mit einem Britzeln entluden sich die 50.000 Volt in unsere Körper und wir umarmten uns unter Krämpfen und tanzten bis die Ladung leer war. Als ich wieder atmen konnte, erkannte ich einen zweiten Schwarzen mit ähnlich beeindruckender Statur, der mich grimmig musterte. Zum Glück hatte ich vor der Reise einen Spruch in Zulusprache einstudiert, denn mit Fremdsprachen erobert man die Herzen der Einheimischen:

„Sagabona – Kunjani wena!“ wollte ich sagen. „Hallo – wie geht’s?“

Weil ich mir bei dem elektrischen Tänzchen auf die Zunge gebissen hatte, kam aber nur ein klägliches „Shakabolla – Kunschi wea!“ heraus, was ungefähr bedeutete „König Shaka frisst Scheißbollen!“

Wie stolz die Zulus auf ihren früheren König waren, konnte ich in den nächsten Stunden in der schalldichten Zelle des Sicherheitsdienstes am eigenen Leibe erfahren. Erst durch viele förmliche Entschuldigungen und eine großzügige Spende konnte ich die Herren davon überzeugen, dass ich erstens nichts gegen den verehrten König Shaka habe und zweitens nicht bei Herbie einbrechen wollte. Als ich in der Morgendämmerung ins Bett kroch, spürte ich alle Knochen. Die SinnlosReisende kommentierte meinen Zustand schlaftrunken mit einem müden Scherz über mein Alter und drehte sich um. Wenn Frauen wüssten, was ihre Männer Nachts so treiben…

Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen

Im Königreich eSwatini

Etwa eine Million Menschen leben im Königreich eSwatini. Während König Mswati III mit seinen fünfzehn Frauen und seiner entsprechend großen Familie gern gesehener Stammkunde bei Herstellern von Luxuslimousinen ist, leben die restlichen Bewohner von durchschnittlich 30 € im Monat.

In dieser Ecke Afrikas ticken die Uhren langsamer als im Rest der Welt. Wir verbrachten drei Tage im Hlane Nationalpark, in dem es genau fünf Hütten und keinen Strom gab. Und damit auch keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keinen Lichtschalter und keine Möglichkeit, unsere Handys aufzuladen. In der ohrenbetäubenden Stille war das Summen der Fliegen überdeutlich zu hören.

Unsere Unterkunft und unser „Geländewagen“

Als die Akkus unserer Geräte leer waren, wurde die Zeit zäh wie Honig. Zum Glück lag direkt neben unserer Hütte ein Wasserloch, in dem eine Familie Nilpferde planschte. Am Ufer tummelten sich Giraffen, Nashörner und Elefanten.

Wasserloch mit Nashörnern und Nilpferden
Das Wasserloch im Hlane Nationalpark

Das herausstechende Merkmal von Elefanten ist ihr gutes Gedächtnis. Da ich diese Eigenschaft mit ihnen teile, sind mir diese Tiere sehr sympathisch. Ich erinnere mich beispielsweise noch ganz genau an eine Jugendsünde im Zoo aus meiner Schulzeit: ein junger Elefantenbulle hatte auf einem Ohr eine Narbe, die an eine Zielscheibe erinnerte. Das brachte uns Jungspunde auf die Idee, mit den herumliegenden Hasenkotbollen auf sein Ohr zu werfen. Der Elefant fand das nicht so lustig wie wir, aber uns trennte ja ein stabiler Zaun und ein tiefer Wassergraben.

Elefant im Abendlicht

Eines der Nashörner starrte mich mit einem Blick an, der mir Gänsehaut machte. Der Bulle schien zu überlegen, ob sich bei dieser Hitze ein kleiner Sprint lohnte. Ich blickte prüfend den Zaun an, der die Tiere draußen halten sollte und fand ihn erschreckend dünn. Als eine kleine Brise aufkam, wackelte der Pfosten bedenklich. Zum Glück haben Nashörner ein zu kleines Gehirn, um solche Überlegungen zu Ende zu führen.

Nashorn hinter baufälligem Zaun
Wie lange so ein Zäunchen wohl einem anstürmenden Nashorn widerstehen kann?
Zwei Nashörner überlegen, ob ein Angriff lohnt
Was meinst du: Sollen wir eine Runde Touristenjagen spielen?

Ich weckte an der Rezeption eine Angestellte, die in der brütenden Mittagshitze in einer schattigen Ecke gedöst hatte und fragte, ob wir denn mit unserem Mietwagen eine Self-drive-Safari ins Gehege nebenan wagen könnten. Der Kleinwagen hatte zwar schon bei dem einen oder anderen Schlagloch auf asphaltierten Straßen Probleme mit der Bodenfreiheit gehabt, aber die junge Dame hauchte nur ein gelangweiltes „Yes, you can“. Als ich nach Sicherheitsregeln fragte, meinte sie lapidar: „Don’t leave your car – You are food“.

Löwen schlafen im Gras
Es ist erschreckend, wie leicht man ein Löwenrudel im Gras übersehen kann.

So quälten wir unseren unschuldigen Stadtflitzer über einen Feldweg, der offensichtlich für erwachsene Geländewagen konzipiert war und verkratzten Unterboden und Metallic-Lackierung.

Nashorn von hinten
Gut, dass wir die gleiche Richtung haben. Gegenverkehr könnte interessant werden…

Die Nashörner musterten uns mit mißtrauischen Blicken und ignorierten uns ansonsten.

Nashorn in Griffweite
Begegnung am Wegrand: Der will doch nur spielen…

Als wir beinahe in Bergen von Elefantenmist stecken blieben, entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und beschlossen, auf die geführte Safari am nächsten Tag zu warten.

Elefantenmist
Große Tiere – große Haufen

In der Nacht wurde ich vom Stampfen der Nashörner geweckt, die etwa fünf Meter neben unserer Hütte vorbei liefen. Da ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich leise auf die Terrasse. Ich lief ein paar Meter bis zum Zaun, in der Hoffnung, vielleicht am Wasserloch etwas Interessantes zu sehen. Man konnte aber seine eigene Hand nicht erkennen, da der Mond von einer Wolke verdeckt war. So stand ich eine Weile in Gedanken versunken, als die Wolken plötzlich den Mond freigaben. Neben mir stand eine Gruppe schwarzer Männer. Wir starrten uns eine Weile überrascht an. Um das Eis zu brechen, kramte ich ein paar Brocken aus meinem Zulu-Wortschatz hervor, den ich in Vorbereitung auf diese Reise gepaukt hatte.

„Sagabona – Kunjani wena“ sagte ich. Hallo, wie geht’s?

Die erhoffte Reaktion blieb aus. Im Gegenteil, die Männer rückten näher und schauten recht bedrohlich drein. Einer zog ein Messer, ein anderer hatte eine große Säge in der Hand. Blitzartig wurde mir klar, was hier lief. Ich hatte eine Bande Wilderer überrascht, die auf das Horn eines Rhinozeros scharf waren. Immer noch glauben zu viele reiche Voll-Honks, dass sich ihre Potenzprobleme durch Nashornpulver in Wohlgefallen auflösen. Ich erwog kurz meine Optionen, entschied mich spontan für den Rückzug und sprang über den Stacheldraht. Als die Männer sich anschickten, den Zaun zu übersteigen, rief ich ihnen den einzigen Satz zu, den ich auf Zulu auswendig gelernt hatte:

„Nafahamu vizuri sana kwamba baada ya kuondoka kwangu mbwa mwitu wakali watawavamieni, na hawatakuwa na huruma kwa kundi hilo!“

Dieses Bibelzitat aus Apostel 20,29 bedeutet auf Deutsch: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden!“

Das war zwar in dieser Situation völlig schwachsinnig, aber zu meiner Überraschung schüchterte die Herren Wilderer dieser Spruch derart ein, dass sie respektvoll ein paar Schritte vom Zaun zurückwichen. Zwei Sekunden später wusste ich auch warum. Das Nashorn, das mich nachmittags so kritisch gemustert hatte, fand mein Eindringen in sein Revier alles andere als lustig und war im Anmarsch. Ich legte einen Sprint ein und konnte mich gerade noch rechtzeitig in das Wasserloch retten.

Allerdings war die Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn hinter mir im dunklen Wasser hörte ich ein gurgelndes Geräusch. Mir fielen die Nilpferde ein, die nachmittags im Wasser geplanscht hatten. Vom Ufer aus starrte mich das Nashorn grinsend an, als ob es wüsste, in welcher Lage ich mich befand. Also watete ich leise zu einer schmalen Böschung, unerreichbar für Nashörner und Nilpferde. Ich seufzte laut und entspannte mich.

Plötzlich traf mich etwas weiches, übelriechendes am Kopf. Ich drehte mich um und sah einen Elefantenbullen, der mich genüsslich mit seinem Rüssel mit den Kotbollen der Antilopen bewarf, die hier in Bergen herumlagen. Ich wollte weder zurück ins Wasser, noch auf dem Landweg dem Nashorn vors Horn laufen, also musste ich wohl oder übel ausharren. Dem Elefanten ging die Munition nicht aus, und er fand sichtlich Spaß an seiner Beschäftigung. Im schwachen Mondlicht erkannte ich eine zielscheibenförmige Narbe in seinem Ohr, die mir irgendwie bekannt vorkam. Man trifft sich halt immer zweimal im Leben.

Als mich der Park-Ranger bei seiner morgendlichen Patrouille fand, stand ich bis zur Hüfte in der Scheiße. Meine Erzählung glaubte er mir nicht, aber er fand sie so originell, dass er mein Eindringen in das Wildtier-Reservat nicht als Wilderei auslegte. Gut so, denn darauf steht im Königreich eSwatini die Todesstrafe und das hätte ich dann doch bedauert.

Khom Loy zu Silvester

Jetzt haben wir die Bescherung! Winterferien und wir sitzen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Zuhause. Herzlichen Dank, du fieser Wurm von einem Virus! Zum Ausgleich will ich heute über eine Thailandreise aus 2016 berichten. Möge die Kraft der Erinnerungen uns durch diese dunklen Zeiten tragen.

Wir hatten uns im Osten Thailands einquartiert und ernährten uns seit fünf Tagen von Pad Kra Pao – Reis mit undefinierbaren Stückchen. Es gab hier fast keine Touristen und daher auch kaum Restaurants. Aber dafür jede Menge Mopedküchen entlang der Straße. Da die Verständigung mit den Köchinnen nahezu unmöglich war, blieb uns nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Das Essen war immer lecker. Ich hätte nur gerne gewusst, aus was diese kleinen Stückchen im Reis bestanden. Oder vielleicht auch nicht.

Leckerer gebratener Reis mit irgendwas

Silvester wird in Thailand offensichtlich am Strand gefeiert, jedenfalls war jede Menge Volk mit asiatischem Picknick unterwegs. Zum Jahreswechsel lässt man hier Khom Loy steigen, das sind Fluglaternen aus Reispapier und Bambus. Man entzündet das überdimensionale Teelicht und wenn man den richtigen Moment abpasst, trägt der Wind das leichte Teil davon. Wenn der Khom Loy aufs Meer hinaus segelt, bringt das neue Jahr Glück, Reichtum und Weisheit. Treibt die brennende Laterne aufs Land, bedeutet das meist Unglück, weil das Nachbarhaus in Flammen aufgeht.

Start eines Khom Loy
Der Start ist gar nicht so einfach wie man denken könnte

Ich hatte Probleme beim Anzünden und unser Reichtum drohte direkt am Strand zu zerschellen. Aber dann halfen uns ein paar einheimische Jugendliche und unsere Laterne erhob sich in den Wind. Und schwebte direkt auf das benachbarte Bambushaus zu. Interessant, welche Gedanken einem in so einem Moment durch den Kopf gehen. Ich überlegte, was Haftplichtversicherung auf Thailändisch heißt und ob unsere Police wohl auch Brandstiftung durch Fluglaternen abdeckte. Aber dann drehte der Wind und einem glücklichen Jahr stand nichts mehr im Weg.

Khom Loy im Flug
Mögen die Götter günstige Winde senden

Übrigens: ich will ja nicht die romantische Stimmung verderben, aber beim Verbrennen eines solchen Teelichtes entstehen etwa 100 Gramm CO2. Wenn jeder Tourist in Thailand einen Khom Loy steigen lässt, ergibt das bei 40 Millionen Touristen ungefähr 4.000 Tonnen CO2 jedes Jahr. Die gleiche Menge entstünde, wenn ich mit dem Auto Tausend mal die Erde umrunden würde. Aber das wäre ziemlich sinnlos. Dazu braucht man nämlich viel länger als ein Jahr und bevor man fertig ist, kommen schon die nächsten Touristen.

Temple of Psycho Chicken

Nach einigen beschaulichen Tagen stürzten wir uns todesmutig mit unserem Mietwagen in den thailändischen Linksverkehr. In Ayutthaya genossen wir eine wunderschöne Bootstour auf dem Fluss, der die Altstadt umschloss und besuchten den Tempel der verrückten Hühner und eine alte Tempelanlage der Khmer.

Tempel der Khmer im Licht der untergehenden Sonne

Am nächsten Tag liehen wir uns Fahrräder und erkundeten die Ruinen der historischen Tempelanlagen der ehemaligen Königsstadt. Wir probierten leckere gegrillte Insekten und frittierte Kochbananen.

Diese Ruinen in Ayutthaya dienten den Architekten aus Pisa als Vorbild.
Mahnmal für alle, die zu lange meditieren. Die Bäume wachsen hier schneller als man denkt!
Worms to Go. Mahlzeit!

In Kanchanaburi ließen wir uns auf der Brücke am River Kwai beinahe vom legendären Todeszug überfahren und besuchten den Erawan Nationalpark mit seinen sieben terrassenartigen Wasserfällen mit wundersam milchig blaugrünem Wasser.

Der historische Todeszug auf der Brücke am River Kwai
Im Erawan Nationalpark schimmert das Wasser in magischen Türkisfarben

Mit einem Minibus fuhren wir dann an der Küste entlang nach Süden. Huahin war lange Zeit der Lieblingsbadeort des beliebten thailändischen Königs, der auf einen handlichen Namen hörte: Somdet Phra Paraminthra Maha Phumiphon Adunyadet Mahittalathibet Ramathibodi Chakkrinaruebodin Sayaminthrathirat Borommanat Bopht. Da sich das nun wirklich nur die allerwenigsten merken konnten, wurde er meist König Bhumibol Adunyadet genannt. Und die ganz Faulen nannten ihn einfach Rama IX. Er regierte das Land nun seit siebzig Jahren und war damit der am längsten regierende Monarch der Welt. König Bhumibol wurde von seinem Volk wie ein Gott verehrt. Und das, obwohl seine ersten Jahre eigentlich gar nicht der thailändischen Tradition entsprechend verliefen.

Es fing schon damit an, dass er in Cambridge, Massachusetts geboren wurde, wo sein Vater, der Fürst von Songkla, Medizin studierte. In seiner Geburtsurkunde stand zunächst nur „Baby Songkla“, weil nach thailändischer Tradition ausschließlich der König einen glücksbringenden Namen vergeben durfte. Den Thron bestieg Bhumibol mit 26 Jahren als Nachfolger seines älteren Bruders, den das Schicksal vieler Könige der damaligen Zeit ereilte: er wurde erschossen in seinem Zimmer aufgefunden. Da Bhumibol aber zuerst sein Studium der Naturwissenschaft in der Schweiz beenden wollte, verschob er das Regieren, bis er damit fertig war. In Lausanne lernte der König ganz unasiatisch den Jazz lieben und lernte Saxophon zu spielen.

Das königliche Wartehäuschen am Bahnhof von Huahin

In Huahin gab es ein eigenes königliches Wartehäuschen am Bahnhof. Man kann allerdings vermuten, dass hier eher der Zug auf den König wartete als umgekehrt. Da das Reisen mit dem Zug in der königlichen Familie etwas aus der Mode gekommen war, wurde dieses museumsreife Häuschen nicht mehr benutzt. Wir warteten ganz gewöhnlich auf dem Bahnsteig und nahmen den Zug nach Thong Chai, wo wir einen kleinen Holzbungalow am fast menschenleeren Strand gemietet hatten. Ganz in der Nähe genoß ein goldener Buddha den erhabenen Blick auf den Golf von Thailand.

Buddha mit Meerblick

Am Ende unserer Reise verbrachten wir ein paar tiefenentspannte Tage auf Ko Phangan. Spaziergänge am Strand, Wanderungen über eine nur bei Ebbe auftauchende Sandbank zu einer kleinen Insel, eine Kajakfahrt über unsichtbare Korallenriffs und zahlreiche Besuche in den Strandbars. Der Ort erinnerte ein bißchen an das Paradies, nur die Warnschilder und Essigdepots für die tödlichen Würfelquallen erinnerten daran, dass Himmel und Hölle manchmal nah zusammen liegen.

Am letzten Abend gönnten wir uns eine entspannende Thaimassage am Strand. Wir bekamen die Füße gewaschen und legten uns auf die Liegen. Ich schloß die Augen und wartete auf die zarten Hände einer zierlichen Thailänderin. Die erste Berührung machte mir klar, dass ich wohl einen männlichen Masseur abbekommen hatte, und dazu einen ziemlich kräftigen. Die nächste Stunde gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Dieser brutale Typ drückte Stellen an meinem Körper, die in grellen Schmerzen explodierten. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, wie ich aus dieser Sache heil heraus kommen sollte, aber die Geräusche von den Nachbarliegen zeigten mir, dass ich nicht der Einzige war. Als ich am Ende die Augen öffnete, stellte ich erstaunt fest, dass es doch eine Frau war, der ich das ganze Leid verdankte. Immerhin, die Schmerzen vergingen nach einigen Tagen und wir konnten wieder aufrecht gehen.

Abschied von Ko Phangan

König Bhumibol starb wenige Monate nach unserem Besuch (Ich schwöre: wir hatten nichts damit zu tun) und inzwischen wurde sein Sohn zu seinem Nachfolger gekrönt. Da es in Thailand strengstens verboten ist, schlecht über den König zu reden, fasse ich im folgenden alles Gute über den neuen Monarchen zusammen, das mir einfällt:

Special zur US-Wahl: Der alte Indianer

Eine Wanderung in der Gluthitze der Canyonlands kann ganz schön anstrengend sein. Wer da nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, kann schnell dehydrieren. Und hinterher weiß man nicht mehr, ob man wirklich den Präsidenten mit der komischen Frisur gesehen hat, oder ob das bloß Visionen waren.

In Monticello, Utah gibt es genau drei Dinge: Nichts, gar nichts und überhaupt nichts. Doch, etwas gibt es: eine vierspurige Straße, auf der Nachts die Trucks so nah an unserem Motelzimmer vorbeidonnern, dass ich meinen Arm instinktiv unter die Decke ziehe, damit keiner versehentlich drüber fährt.

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein kräftiges Tortilla-Frühstück im Peace Tree Cafe, denn es steht Großes auf dem Programm. Dann fahren wir durch eine monumentale Felslandschaft zum Visitor Center des Canyonlands Nationalparks.

needles in canyonlands
Felsnadeln im Needles District der Canyonlands

Durch den Zusammenfluss des Green River mit dem Colorado wird dieser Nationalpark in drei Distrikte aufgeteilt. The Maze (das Labyrinth) erhielt seinen Namen, weil im Lauf der Jahre mehr Wanderer hineingingen, als wieder herausfanden. Also ein Tummelplatz für echte Survivalfreaks mit Aktivkohle-Wasserfilter. Der zweite Distrikt, Island in the Sky, liegt tatsächlich wie eine Insel im Himmel zwischen den beiden Flüssen eingeschlossen.

Panorama Island in the Sky
Weite Ausblicke vom Island in the Sky

Von dort oben hat man atemberaubende Blicke auf den Dritten im Bunde, den Needles-District. Und dort befindet sich der „Chesler Park and Joint Loop Trail“, einer der schönsten Wanderwege der Welt. Sechzehn Kilometer Rundweg durch Wild-West-Kulissen.

Hoodoos in Canyonlands
Hoodoos

Dann geht es los, vorbei an Hoodoos, den roten Felsen mit weißer Mütze, durch Felsformationen, die sich ein Mensch nicht ausdenken könnte. Wir durchqueren enge Schluchten und marschieren über sandige Ebenen mit Kakteen. Der Weg führt vorbei an „Devils Kitchen“ zum „Furnace of Hell“. Die Temperaturen passen zu den Namen der Orte; es ist erstaunlich, wie viel Hitze Felsen speichern können.

Felsspalte
Manchmal wird es ziemlich eng

Kurz vor dem Chesler Viewpoint verweigert meine Squaw den weiteren Aufstieg und ich lege die letzten Höhenmeter alleine zurück. Oben am menschenleeren Ausguck angekommen, bin ich ebenfalls am Ende meiner Kräfte, aber ich werde mit einer überwältigenden Aussicht belohnt. Grüne Gräser sprenkeln eine sandige gelbe Hochebene, die auf allen Seiten von roten spitzen Felsen, den Needles eingerahmt ist.

needles felsen
Der Chesler Park

Es ist totenstill, nur hinter mir raschelt etwas. Als ich mich umdrehe, sitzt da plötzlich ein steinalter Indianer. Er spricht mich mit einer eigenartig gutturalen Stimme an, aber ich verstehe nicht einmal die Andeutung eines Wortes. Wahrscheinlich spricht er Navajo, die komplexeste Sprache aus der Apachenfamilie.

Furnace of hell
Felsformation „Furnace of Hell“ – Der Hochofen der Hölle

Ich zucke mit den Achseln, um dem Alten zu zeigen, dass ich ihn nicht verstehe. Er kramt in seinem Umhang und reicht mir ein getrocknetes Pflanzenblatt. Mit den Händen zeigt er mir, ich solle das Blatt in den Mund stecken. Eigentlich widerstrebt es mir, unbekannte Sachen von Fremden in den Mund zu stecken, aber dass Indianer sich perfekt mit Kräutern auskennen, weiß ich aus zahlreichen Karl May Büchern. Also lege ich das Blatt auf meine Zunge und mein Gegenüber nickt zufrieden.

Nach einigen Sekunden wird mir ganz leicht, ich spüre meinen Körper kaum noch.

„Aber nicht schlucken, mein weißer Bruder“, sagt der Indianer. „Sonst fliegst du wie ein Rabe in den Himmel.“

„Ok“, antworte ich verwundert. Nun verstehe ich ihn doch, aber man spricht halt mehr Sprachen, als man denkt. „Wer bist du?“, will ich wissen.

„Man nennt mich Avaschi njo Hruitja, aber meine Freunde nennen mich Ava.“

„Und was bedeutet das?“ Jetzt werde ich neugierig.

„Namen sind wie der Wind – sie kommen und gehen“, antwortet er ausweichend.

„Was ist das für ein Kraut?“, frage ich. „Ich fühle mich auf einmal so ausgeruht und frisch.“

„Das ist ein Blatt vom Baum des zweiten Atems“, meint er und zwinkert mir geheimnisvoll zu. „Es gibt dir verlorene Kräfte zurück und öffnet Fenster in die Vergangenheit.“

Er gießt aus einer Wasserflasche heraus eine kleine Pfütze in eine Vertiefung im Fels und winkt mich näher heran. „Schau selbst, wie es hier früher einmal aussah.“

Ich starre skeptisch in die Pfütze, in der nur die Sonne zu sehen ist, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ich will schon aufgeben, als sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schiebt und ich im Wasser eine Bewegung wahrnehme.

Ich sehe das Tal des Chesler Parks. Die Felsen sind unverändert, aber das ganze Tal ist voll mit riesigen Büffelherden, die in der Nachmittagssonne grasen. Auf den Hängen springen Rehe und am Himmel kreisen Vögel. Es ist still und friedlich wie im Paradies.

Bis ein Schuss die Stille zerreißt. Und dann noch einer. Und noch einer. Drei Büffel brechen zusammen und die Herde gerät in Panik. Weitere Schüsse fallen und weitere Büffel stürzen zu Boden.

„Das ist Alfred Trumpf mit seinem Sohn Ronald“, erklärt mir der alte Indianer. „Aus seiner Familie stammt der Häuptling der Bleichgesichter ab.“

Ich beuge mich weiter vor, um verstehen zu können, was Alfred zu seinem Sohn sagt.

„Siehst du, Ronald, das war ganz einfach!“, prahlt er. „Einfach drauf halten und jeder Schuss ist ein Treffer.“

„Warum hast du so viele Büffel abgeschossen?“, will Ronald wissen.

„Weil ich es kann“, entgegnet Alfred. „Merk dir eins: Man muss sich alles nehmen, bevor es sich ein Anderer nimmt. Wir nehmen uns jetzt dieses Tal und irgendwann gehört uns ganz Amerika!“

„Aber die Büffel sind jetzt tot“, beharrt der kleine Ronald und zeigt auf die Tiere, die leblos am Boden liegen.

„Blödsinn“, weist ihn sein Vater zurecht. „Die alternative Wahrheit ist, dass diese Büffel nur schlafen. Denen gefällt das, die sind ganz scharf darauf, abgeknallt zu werden.“

„Und was ist mit den Indianern, die von diesen Büffeln leben?“, will Klein-Ronald wissen.

„Die schießen wir ab wie die Büffel und dann stecken wir den Rest in ein Reservat. Dorthin wo eh nichts wächst.“

„Und wenn sie sich wehren und zurück kommen und Rache wollen?“ Der junge Bursche ist noch nicht überzeugt.

„Vielleicht sollten wir eine Mauer bauen“, überlegt Alfred laut. „Eine große Mauer, von hier bis Mexiko – das wäre doch ein tolles Familienprojekt. Und die Mexikaner bezahlen alles, die sind eh alle faul und kriminell. Eines Tages machen wir das. Das ist eine großartige Idee, mein Sohn! Great! Awesome!“

Die Sonne kommt wieder hinter der Wolke hervor und das Bild in der Wasserpfütze verschwindet.

„Beängstigend realistisch, wie machst du das?“, will ich von meinem Indianerkumpel Ava wissen.

Er grinst nur und ich sehe, dass ihm die meisten Zähne schon ausgefallen sind. Dann reicht er mir noch ein getrocknetes Blatt und winkt mir zum Abschied.

„Benutze es mit Weisheit und schlucke es auf keinen Fall runter“, rät er mir und springt vom Felsen in die Tiefe. Als ich mich über die Felskante beuge, sehe ich unten nur einen Raben davon schweben. Ich stecke das Pflanzenblatt in meine Hosentasche und steige wieder hinab zu meiner Squaw. Wir rasten noch eine Weile und beobachten einen Raben, der mir vertraulich zuzwinkert.

Rabe
The Raven

Auf der Rückfahrt halten wir am Newspaper Rock, auf dem versteinerte indianische Zeichnungen zu sehen sind. Die Sprache kommt mir seltsam vertraut vor, aber immer wenn ich einen Begriff fast verstehe, entgleitet mir die Bedeutung. Offenbar lässt die Wirkung des Blattes bereits nach.

Newspaper Rock Canyonlands
Der Newspaper Rock

Im Motel recherchiere ich den Namen des alten Apachen. „Avaschi njo Hruitja“ bedeutet soviel wie: „Der Geist des verwirrten alten Kriegers im Körper eines Raben, der die sinnlos reisenden Bleichgesichter veräppelt“.

Im Rotlichtviertel von Pnomh Penh

Drücke niemals leichtfertig den roten Knopf!

Hier in den Nebenstraßen von Kambodschas Hauptstadt offenbaren sich die dunklen Seiten des Tourismus. Es ist erschreckend, dass auf der Toilette ausdrücklich auf das Verbot von Kinderhandel hingewiesen wird. Als ob das nicht selbstverständlich wäre. Ein Blick auf die Straße zeigt aber, dass die Realität noch viel schlimmer ist.

tafel auf der toilette
Ein Schild auf der Männertoilette

Abends bin ich alleine in einer Rotlichtbar. Ich drücke den roten Button auf dem Tisch und eine verdammt gut aussehende junge Dame im viel zu kurzen roten Minikleid beugt sich zu mir runter. „Willst du meine Knöpfe drücken?“, haucht sie mir mit verführerisch rauchiger Stimme ins Ohr.

the red button

Im Separee zieht sie ihr Kleid nach unten und zwei wunderschöne Tennisbälle springen aus ihrem Dekolletee. Als ihre Hüllen ganz fallen, kommt noch etwas ganz anderes zum Vorschein. Die Lady ist ein Mann beziehungsweise der Mann ist eine Frau. Als die „diverse Person“ mich rückwärts auf das Sofa schubst, schreie ich laut und erwache schweißgebadet aus meinem Traum.

In Kambodscha und Thailand gehören Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht fast schon natürlich zum Straßenbild. Es scheint hier einfach egal zu sein. In Deutschland dagegen verstrickt man sich in Formalitäten. Man findet immer mehr Stellenausschreibungen mit der Ergänzung m/w/d. Wie spricht man eigentlich die Menschen korrekt an, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen? Eigentlich müsste die diverse Person sächlich sein, denn weiblich oder männlich ist sie ja offensichtlich nicht. Andererseits ist ein Mensch sicher keine Sache, egal ob divers oder nicht. Sehr geehrte Frau Maier, Sehr geehrter Herr Müller, Sehr geehrte diverse Person Huber? Wohl eher nicht. Der Rat für deutsche Rechtschreibung scheint in diesem Punkt eher ratlos zu sein.

Warum muss man überhaupt eine dritte Kategorie für das Geschlecht einführen? Wäre es nicht einfacher, das Geschlecht im Alltag ganz wegzulassen? Wozu muss eine Fluggesellschaft wissen, ob auf Platz 34B ein Mann, eine Frau oder jemand anderes sitzt? Die servieren doch sowieso unabhängig vom Geschlecht jedem den gleichen schrecklichen Fraß!

Fragen über Fragen. Ich freue mich über jeden Hinweis von meinen Lesern (m/w/d) in den Kommentaren.

Andalusien – wo Mauren Mauern mauern

Impressionen aus dem Kurzurlaub in Spaniens Süden.

Als die Mauren im Jahre 711 Spanien eroberten, brachten sie Wissenschaft, Wohlstand und Kultur in das bis dahin ziemlich unterentwickelte Gebiet. Sie nannten den südlichen Teil des Landes Al-Andalus und beherrschten ihn über 700 Jahre lang. In Granada erbauten die maurischen Herrscher die Alhambra, in der damals die Abgesandten aus aller Herren Länder auf eine Audienz warteten. Heute warten Touristen aus der ganzen Welt darauf, die Gemächer besichtigen zu dürfen. In der Hauptsaison muss man mindestens drei Wochen im Voraus seine Tickets im Internet bestellen, damit man einen Zeitslot von einer Stunde bekommt.

Alhambra
Innenhof in der Alhambra

Die Gebäude der Alhambra sehen von außen eher schlicht aus, aber in den schattigen Innenhöfen gibt es blühende Gärten und künstliche Seen vom Feinsten. Man weiß bis heute nicht so genau, woher der Begriff Mauren kommt, aber unbestreitbar konnten Mauren Mauern mauern, dass bis heute die Besucher vor Ehrfurcht erstarren.

Alhambra
Von Mauren gemauerte Mauern mit Lichtspieleffekten
Löwnebrunnen Alhambra
Der legendäre Löwenbrunnen im Innenhof der Alhambra. Ich finde ja, die Löwen sehen komisch aus

Zwischen Granada und Sevilla liegt das unscheinbare Städtchen Ronda. Eigentlich nichts besonderes, aber mitten durch das Dorf geht eine mächtige Schlucht.

Schlucht Ronda
Die Schlucht von Ronda

Und damit die Bewohner nicht immer durch die Schlucht hinab und wieder hinauf steigen mussten, bauten sie eine ziemlich beeindruckende Brücke, die die beiden Seiten verband.

Brücke Ronda
Das ist die neue Brücke von Ronda

In Sevilla sehen die Bäume aus, wie Häuser…

Quadratischer Baum in Sevilla

…und die Gebäude sehen aus wie Bäume

Parasol Sevilla
El Parasol – ein Bauwerk in Baumform
Blick vom Parasol
Blick vom Dach des Parasol über Sevilla
Haus Sevilla
Altes Haus in Sevilla
Cathedrale von Sevilla
Die Kathedrale von Sevilla

Die Kathedrale von Sevilla ist von außen schon ziemlich beeindruckend. Wer genügend Puste hat, kann auf den Glockenturm steigen und die Aussicht genießen.

Kathedrale von Sevilla
Blick vom Dach der Kathedrale in den Innenhof

Im Jahr 1492 passierte Weltbewegendes: Isabella I. vertrieb nach 700 Jahren die Mauren aus Andalusien und Christoph Kolumbus entdeckte währenddessen einen neuen Kontinent. In der Kathedrale von Sevilla liegt das Grab, in dem sich Kolumbus umdrehen würde, wenn er die Twitternachrichten aus dem Land lesen müsste, das er entdeckt hat.

Grab von Christoph Columbus
Das Grab von Christoph Kolumbus in der Kathedrale von Sevilla
Sonnenuntergang in Cadiz am Meer
Cadiz liegt am Atlantik und bietet erstklassische Sonnenuntergänge
Hotel mit Meerblick
In der Beschreibung stand, unser Hotel in Torremolinos habe Meerblick. Nun gut, falsch war das nicht…
Pinguine am Strand
Das Wasser war im Juni so kalt, dass Pinguine auf einer Eisscholle angespült wurden
Die spanischen Rettungsschwimmer bereiten sich auf die Saison vor

Toskana und die Gardaverschwörung

Diese Reise durch die Toskana führt uns von Lucca über den wunderlichen Tarotgarten bis nach Grosseto. Auf dem Rückweg decken wir am Gardasee eine Verschwörung mit internationalen Ausmaßen auf.

Lucca, die unterschätzte Perle der Toskana

There’s no glory in prevention. Dieser Satz wurde in der Corona-Pandemie bekannt, könnte aber auch aus Lucca stammen. Hier hatten die Bürger im 15. Jahrhundert als Schutz vor übergriffigen Nachbarn eine gewaltige Stadtmauer erbaut. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Stadt nie wieder angegriffen und es entstanden zwei Lager. Die Einen feierten den Erfolg, weil der Wall alle potentiellen Angreifer abgeschreckt habe. Die Anderen hielten die ganze Maßnahme für eine einzige Verschwendung, weil ja kein Angriff mehr erfolgte, gegen den man eine Mauer gebraucht hätte. Diese Diskussion kennen wir von den Corona-Maßnahmen in Deutschland.

Stadtmauer Lucca
Die Stadtmauer von Lucca: 4 Kilometer lang und 12 Meter hoch

Um die Stadt zu betreten, muss man durch finstere Gänge laufen. Früher war das vielleicht abschreckend, heute ist es eine Touristenattraktion.

In der Stadt findet man keine sensationellen Attraktionen wie den missglückten Turm in Pisa oder die protzigen Kunstausstellungen von Florenz. Lucca glänzt eher durch seine kleinen Perlen. Zum Beispiel die gelben Häuser auf dem ovalen Piazza dell Amfiteatro, die auf 360 Grad ohne Lücke aneinander gebaut wurden.

Häuser auf dem Piazza dell Amfiteatro in Lucca
Piazza dell Amfiteatro

Oder der Dom San Michele, der weder durch Größe, noch durch besondere Schönheit besticht, sondern durch eine gewagte freistehende Fassade. In diesem Dom versuchte sich der junge Puccini auf der Orgel. Seine modernen Interpretationen kamen bei den Gottesdiensten aber nicht so gut an, deshalb verlegte er sich später aufs Opernschreiben.

Dom San michele von außen
Dom San Michele in Lucca

Sehenswert sind in Lucca auch so banale Dinge wie Straßenlaternen.

Straßenlaterne in Gestalt eines dreibeinigen Tierfußes
Sockel einer Straßenlaterne in Lucca
Marodes Gebäude einer italienischen Bank
Bankgebäude in Lucca

Der Zustand der italienischen Banken war schon immer bedenklich, aber hier in Lucca geben sie ein besonders trauriges Bild ab. Trotzdem wird über dem Eingang deutlich gemacht, wie man mit säumigen Schuldnern umgeht.

Relief mit Löwe über einer Tür
Relief über einer Eingangspforte in Lucca

Im Herzen der Toskana

Wir fuhren weiter ins Hinterland der Toskana und bezogen ein Landhaus mitten in den Olivenhainen. Die Sonnenuntergänge sind hier tatsächlich so zauberhaft, wie immer behauptet wird.

Sonnenuntergang in der Toskana
Sonnenuntergang in der Toskana

Die Mauern von Magliano sind fast dicker als das ganze Städtchen dahinter. Hier wird ein großes Geheimnis gehütet: die Kunst des Möbelbaus für unebene Böden.

Blick auf die Stadtmauern von Maglione
Das Städtchen Magliano versteckt sich hinter dicken Mauern
Die Kunst des Möbelbaus an Orten mit großem Gefälle

Abends zog dann der Himmel zu und in der Nacht bombte uns ein gewaltiges Sommer-Gewitter aus dem Bett. Es regnete in Strömen, aber am nächsten Morgen war schon wieder alles trocken – aufgesaugt von der durstigen Natur.

Windrad mit stürmischen Himmel im Hintergrund
Windrad im heraufziehenden Sturm

Giardino dei Tarocchi

Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte eine schwere Kindheit. Wie schwer, kann man erahnen, wenn man ihre Skulpturen im Tarotgarten sieht. Eine absolut sehenswerte Sammlung von Exzessen der menschlichen Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich mal wieder den Reiseführer nicht gelesen habe und daher nur spekulieren kann, was die Künstlerin mit ihren Werken aussagen wollte.

Turm abgeknickt
Einer dieser fanatischen italienischen Radrennfahrer richtet beträchtlichen Schaden an. Schade eigentlich, denn der Turm war echt schön.
Die Toskaner Stadtmusikanten proben für ihren Auftritt im Variete
Skulptur mit Mann und Frau, die beim Picknick ein Glas Wein trinken
Beim Picknick. Sie: „Schatz, hast du die Kinder gesehen?“
Picknick mit Blick von hinten. Eine Schlange hat schon einiges verschluckt
Er: „Die Kinder spielen hinter uns. Mach dir keine Sorgen, die laufen schon nicht weg!“
Vier verschieden farbige Frauenfiguren in einem Pool
Pool der Kulturen: Frauen unterschiedlicher Herkunft treffen sich zu neckischen Wasserspielen: Eine Weiße, eine Asiatin, eine Afrikanerin und eine grüne, ähm, Marsbewohnerin? Hä???
Teufelin verfolgt zwei rennende Figuren
Spider-Man und Milka-Woman flüchten vor der gehörnten Teufelin mit irritierendem anatomischem Detail im Schritt.
Ensemble der Kuriositäten

Die Magie des letzten August-Wochenendes

Das letzte Wochenende im August markiert in Italien jedes Jahr eine Zeitenwende. Davor sind die Strände gestopft voll mit ununterbrochen laut plappernden italienischen Großfamilien, die den Sozialabstand von Ölsardinen in der Dose praktizieren. Am letzten Sonntag im August ändert sich wie von Zauberhand das Bild. Die Italiener verlassen schlagartig die Urlaubsorte und nur ein paar einsilbige Deutsche bleiben zurück. Wir genossen einige sehr ruhige Tage in Marina di Grosseto, bevor wir uns auf die Heimreise machten.

Kirche und Rathaus in Grosseto
Dom und Rathaus in Grosetto
Skulptur mit Drachen, Schlange und Dinosaurier auf dem Danteplatz in Grosetto
Drachen auf dem Danteplatz in Grosseto. Wer findet den Fehler?
Wagenburg aus Kinderwagen am Strand
Der Strand war herrlich ruhig. Bis vier deutsche Familien eine Wagenburg errichteten
Die Sonne geht über der Insel Elba unter und beleuchtet die Wellen am Strand
Sonnenuntergang über der Insel Elba

Die Garda-Verschwörung

Am Gardasee machten wir einen Zwischenstopp, um uns wieder an die deutsche Sprache zu gewöhnen. Die Chance, hier einen Nachbarn zu treffen, ist jedenfalls deutlich größer als in Friedrichshafen an der Uferpromenade. Schwimmen ist allerdings nur in extra abgezäunten Minibereichen möglich, denn der See selbst ist von verschiedenen Wassersportlern belegt. Gerüchten zufolge ist neulich ein Eichhörnchen trockenen Fußes von Malcesine nach Limone quer über den See gewechselt, indem es von Brett zu Brett sprang.

Wimmelbild vom Gardasee

Unter der glühenden Mittagssonne kam ich einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur: die italienische Bevölkerung wird am Gardasee jeden Sommer von dunklen Mächten gegen deutsche Migranten ausgetauscht. Darunter sind viele Klimaflüchtlinge, die das kalte Wetter nicht mehr ertragen. Es handelt sich eindeutig um eine internationale Verschwörung, denn die Österreicher und Schweizer haben kilometerlange unterirdische Tunnel durch die Alpen gegraben, um den Austausch der Bevölkerung zu beschleunigen.

Ihr glaubt nicht an Verschwörungen? Wollt ihr einen Beweis? Also gut: Was ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien? Södi! Der Spitzname des bayrischen Kanzler-Nicht-Kandidaten Markus Söder! Wenn das ein Zufall ist, fress ich meine Badeschlappen mit Senf.

So, jetzt muss ich aber schleunigst raus aus der Sonne. In meinem Gehirn stockt schon das Eiweiß. Bis bald und bleibt wachsam!

Rollin‘ Rollin‘ Rollin‘

In Europa ist ein Ausflug mit der Vespa meistens nostalgisch motiviert. Aber je weniger die Menschen besitzen, desto mehr machen sie aus dem Wenigen. In Asien ist der Roller deshalb Transportmittel und Lebensraum – Schnappschüsse von den Straßen Kambodschas

Man kann den Motorroller ganz gesittet alleine oder mit der ganzen Familie benutzen. Wenn alle Mitfahrer einen Helm aufhaben, wird jedes Bremsmanöver von einem Doppelschlag begleitet. Tock, Tock.

drei personen auf roller
Drei Personen sind in der Basisversion kein Problem.
Als Familie kann man schon mal vier oder fünf Personen auf einem Roller unterbringen.

Helme werden ziemlich überschätzt. Man kann auch ohne Schutz ganz entspannt fahren.

Die Ladies machen einen Ausflug zum Markt
Rollerfahrer sind nie allein. Dieses Bild entstand übrigens lange vor Corona.
Essen auf Rädern
roller mit küche
Mit Seitenwagen wird aus dem Roller ein vollwertiges Restaurant
Luxusvariante als Taxi
Ohne Worte

Mit einem Anhänger kann der Roller für verschiedenste Lastentransporte erweitert werden. Man braucht nur etwas Fantasie.

roller mit anhänger
Der Helm wird in Griffweite mitgeführt, damit man ihn nach einem Unfall schnell aufziehen kann
roller mit kisten
Ladungssicherung ist oberstes Gebot, denn Sicherheit geht immer vor
roller schwer beladen
Der Bremsweg wird durch so eine Beladung nur unwesentlich länger…
roller mit viel waren
Die beiden Airbags (blau und gelb) sind vorsichtshalber schon mal aktiviert

Hier sieht man einmal, wozu ein Roller als Zugfahrzeug fähig ist: Ich zähle insgesamt sieben Personen und zwei weitere Fahrzeuge auf dem Anhänger.

roller zieht anhänger mit 7 personen
Shared Mobility ist hier längst im Alltag angekommen

Kambodscha ist im Straßenverkehr vielleicht nicht so weit entwickelt wie Thailand. Aber sie haben definitiv die größeren Gongs:

riesiger gong
Wo haben die bloss den passenden Schlegel versteckt?

Canyons und Mormonen

Der amerikanische Bundesstaat Utah besteht überwiegend aus Salzwüsten, Canyons, Felsmassiven und Steinen. Heute sind das beliebte Touristenattraktionen. Man darf sich aber fragen, warum sich die Mormonen ausgerechnet in dieser unwirtlichen Gegend niedergelassen haben.

In keiner anderen Gegend tummeln sich so viele Nationalparks wie im amerikanischen Bundesstaat Utah. Das Wahrzeichen des Staates ist der mächtige Delicate Arch, den man sich mit einer 45-minütigen Wanderung verdienen muss.

Delicate Arch
Delicate Arch im Arches Nationalpark

Im Canyonlands Nationalpark überwältigen die endlose Weite und die karge Unberührtheit der Natur. In Jahrmillionen haben Colorado und Green River tiefe Narben in das Gesicht der Erde gegraben.

Schluchten im Island in the sky
Blick auf die Schluchten der Canyonlands

Der Zion Nationalpark beeindruckt durch mächtige Felsmassive mit gigantischen Aussichten und herrlichen Wandermöglichkeiten.

Zion Canyon
Atemberaubende Aussichten im Zion Canyon

Im Gooseneck State Park frisst sich der San Juan River in Schlangenlinien durch die Gesteinsschichten.

Gooseneck state park
Blick auf den San Juan River

Das Natural Bridges Monument ist ein Ort der absoluten Ruhe, außer man hat Blähungen. Unter der Owachoma Bridge mit ihren gewaltigen 55 Metern Spannweite kann man spüren, wie unbedeutend der Mensch ist.

Owachoma Bridge
Owachoma Bridge

Der Bryce Canyon hat seinen Namen von Ebenezer Bryce, der hier als erster europäischer Einwanderer mit seiner Familie siedelte.

Bryce Canyon
Blick auf die Felsnadeln des Bryce Canyon

Ebenezer Bryce war ein schottischer Schiffsbauer, ein Beruf mit unsicherer Zukunft in Utah, einem der wasserärmsten Gebiete Amerikas. Für die Schönheit der Landschaft hatte er keinen Sinn. Er war eher praktisch orientiert und bezeichnete den Canyon als „einen höllischen Platz, um eine Kuh zu verlieren“.

Außerdem war Ebenezer, wie etwa 75% der Bevölkerung Utahs auch heute noch, ein Angehöriger der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“. Weil dieser Ausdruck dann doch etwas sperrig ist, hat sich im Alltag ein anderer Name für diese Sekte durchgesetzt: die Mormonen.

Bryce Canyon - Felsformation
Felsformation „die Liebenden“ im Bryce Canyon

Man könnte sich darüber wundern, warum sich die Mormonen ausgerechnet in einem Land niedergelassen haben, das im Wesentlichen aus Wüsten und unüberwindbaren Canyons besteht. Die Lösung ist aber naheliegend, wenn man sich etwas genauer mit ihren Gewohnheiten beschäftigt: Utah war ganz einfach die letzte Gegend der USA, die noch nicht von vernünftigen Menschen besiedelt war. Denn überall dort, wo schon normale Menschen lebten, wollte man diese Sonderlinge nicht als Nachbarn haben.

Bryce Canyon Hoodoos
Hoodoos im Bryce Canyon

Nun ist es aber wieder an der Zeit für einen kleinen Exkurs in die Religionsgeschichte: Joe Smith wuchs zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts an der Ostküste der USA auf. Schon als Fünfzehnjähriger versuchte er, als Wahrsager in der Erde verborgene Schätze aufzuspüren. Als er wegen damit verbundener Betrügereien vor Gericht stand, erkannte das junge Bürschchen schnell, dass die Wahrsagerei ein riskantes Geschäft ist, insbesondere wenn die Prognosen nicht eintrafen und er suchte nach einem neuen Betätigungsfeld.

Zu dieser Zeit schossen in der neuen Welt Religionsgemeinschaften aus dem Boden wie die Pilze. Meistens finanzierten sich die jeweiligen Kirchengründer ein überaus angenehmes Leben aus den Spenden der Mitglieder. Der geschäftstüchtige Joe erkannte, dass es viel schlauer ist, selber Gründer einer Religion zu werden, als in eine bestehende Kirche als zahlendes Mitglied einzutreten. In dieser Beziehung ähnelte er Bugsy Siegel, der viele Jahre später eine ganz ähnliche Strategie in Las Vegas verfolgte.

Joe war sich bewusst, dass für den Erfolg einer neuen Religion zwei Punkte ausschlaggebend waren: Eine interessante Geschichte, der die Leute zuhörten, und ein attraktives Ziel, für das die Menschen bereitwillig einen Teil ihres Geldes abgaben. Einige Monate später veröffentlichte er folgende Geschichte:

Vor langer, langer Zeit hatte ein Prophet namens Moroni direkt von Jesus persönlich das wahre Evangelium diktiert bekommen. Und nun, im Jahre 1829 des Herrn, sei ihm, Joe Smith, der Prophet im Traum erschienen. Er habe ihm aufgetragen, eine neue Religion auf dem Fundament dieses einzig wahren Evangeliums zu gründen. Zeugen gäbe es für diese heiligen Vorkommnisse nicht, aber das nun vorliegende Buch Mormon sei ja wohl Beweis genug.

Die Bibel nach Mormon
Das Buch Mormon liegt in jedem Motel in Utah im Nachttisch

Die dort beschriebene Lehre fußt auf zwei einfachen Grundregeln: Erstens darf sich jeder Mormone so viele Frauen nehmen, wie er will. Und zweitens wird jeder Gläubige nach seinem Tod selbst ein Gott und wird auf einem eigenen Planeten herrschen und dort weiter Sex haben bis in die Unendlichkeit. Und das ganze Paket kostet nur 10% des Einkommens, quasi als flat rate, die von Joe Smith als Verwalter der Kirchengemeinde eingezogen werden. Ein Schnäppchen, wenn man es genau betrachtet, zumindest für Männer.

Ob es die Polygamie oder die Aussicht auf ewigen Sex auf dem eigenen Planeten war, bleibt bis heute unklar. Jedenfalls fanden viele Männer, dass das ein guter Plan sei. Übrigens bis zum heutigen Tag: Der Immobilienmakler Joseph Knudsen aus Hildale hatte im Jahr 2016 dreizehn Ehefrauen, mit denen er vierundsiebzig Kinder zeugte. Natürlich inoffiziell, denn in den USA ist die Vielweiberei seit 1890 verboten. Da im Bundesstaat Utah aber alle obersten Richter selbst Mormonen sind, wird dieser Anachronismus bis heute geduldet.

Joe Smith wurde schon kurz nach Beginn seiner kirchlichen Laufbahn von einem wütenden Lynchmob getötet und die Mormonen mussten von der Ostküste immer weiter nach Westen fliehen, bis sie im unbesiedelten Utah eine Heimat fanden. Seine Nachfolger passten die Religion immer wieder an aktuelle Erfordernisse an. So ist es beispielsweise bis heute gängige Praxis, verstorbene Menschen posthum und aus der Ferne umzutaufen – ohne Wissen der Angehörigen.

Das ist praktisch, weil die Toten sich nicht wehren können und die Sekte so die Anzahl ihrer Mitglieder massiv erhöhen kann, was steuerliche Vorteile bringt. Zahlreiche in Konzentrationslagern ermordete Juden wurden von den Mormonen heimlich konvertiert – genau wie Adolf Hitler nach seinem Selbstmord. Dazu fällt selbst mir nichts Lustiges mehr ein.

Goblin Valley
Goblin Valley – das Tal der Kobolde

Szenen aus Buddhas Leben

Wenn man zu faul ist, den Reiseführer zu lesen, muss man sich selber zusammen reimen, was die ganzen Bilder und Figuren in Thailands Tempeln darstellen. Das kann richtig sein, muss aber nicht. Buddhisten ohne Humor sollten besser nicht weiter lesen…

Unsere Tickets waren auf das Jahr 2563 ausgestellt. So lange wollten wir nicht warten und wir betraten das Museum vorzeitig. Später erfuhr ich, dass in Thailand die Zeitrechnung in dem Jahr beginnt, in dem Siddhartha Gautama ins Nirvana entschwand. Der Begründer des Buddhismus hatte bereits mehrere Reinkarnationen hinter sich, als der kleine Jesus noch in die Windeln machte. Da ich wie meistens den Reiseführer nicht gelesen hatte, musste ich mir selbst ausdenken, was die Szenen aus Buddhas Leben darstellen sollen.

Der kleine Buddha hat keine Lust, an der Hand seiner Eltern spazieren zu gehen. Er würde lieber die beiden Vögel fürs Abendessen fangen und quengelt. Seine Mutter im blauen Kleid holt schon zu einer gewaltigen Ohrfeige aus:

bild mit szenen aus buddhas leben

Die Männer kommen früher als erwartet von ihrer Geschäftsreise zurück. Die Freude bei den Frauen hält sich in Grenzen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Der jugendliche Buddha beeindruckt die Damenwelt mit Zaubertricks und versucht sein Glück mit Liebestränken. Die verstorbene Großmutter im Himmel winkt frustriert ab; auch sie war dereinst auf ähnliche Tricks reingefallen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Bei Vollmond klappt es dann auch mit der Liebe. Die Verflossenen stehen bis zum Bauch in einem See aus Tränen und schließen die Augen, um das Geschmachte nicht mit ansehen zu müssen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Buddha trinkt Tee und spricht mit den Tieren. Es ist nicht überliefert, welche Substanzen in dem Tee waren. Der Elefant ist offensichtlich angeschickert:

bild mit szenen aus buddhas leben

Buddhistische Mönche darf man eigentlich nicht fotografieren. Diese hier sind aber nur Wachsfiguren. Da kann Madame Tussaud noch etwas lernen:

wachsfiguren von buddhistischen mönchen

Die frisch geschlüpften Mönchsbabys werden gefüttert. Dann schultern sie ihre Baseballschläger und gehen in die Unterstadt zum Randalieren:

skulptur mit kleinen mönchen

Auch ein Erleuchteter hat mal einen schwarzen Tag:

Schwarzer Buddha

Von Almosen kann man ganz gut leben. Buddha vor der Diät:

goldene buddhastatue mit dickem bauch

Auch im Buddhismus kann Alkohol zu einem echten Problem werden:

verkaterte buddhastatue verhüllt

Hm, jetzt werde ich ein bißchen unsicher. Vielleicht sollte ich doch besser erstmal im Reiseführer nachlesen?

Katarrh in Qatar

Wenn zum Pech noch Unglück und Unwissenheit dazu kommen, dann liegen die Zutaten bereit, aus denen das Schicksal einen missratenen Urlaub braut.

Wer mit Qatar Airlines von Europa nach Asien fliegt, kommt um eine Zwischenlandung in Doha nicht herum. Wir hatten die glorreiche Idee, diesen Aufenthalt für eine Stadtbesichtigung mit Übernachtung zu nutzen. Immerhin ist Qatar das reichste Land der Welt und Gastgeber der Fußball-WM 2022. Das muss man doch einmal gesehen haben.

Bei der Hotelbuchung wurden wir darauf hingewiesen, dass Paare beim Bezug eines Doppelzimmers laut Erlass des Emirs von Qatar eine Heiratsurkunde am Check-In vorlegen müssen. Denn außerehelicher Sex ist dort bei Strafe verboten, insbesondere für Frauen. Einer geisteskranken Logik folgend kommen daher Frauen, die eine Vergewaltigung bei der Polizei anzeigen, postwendend selber ins Gefängnis.

Wir ließen uns davon nicht abschrecken und traten unseren Daytrip voller Neugier an. Dann hatten wir etwas Pech: schon eine Minute nach dem Betreten des Landes wurde meine Kreditkarte am Flughafen von Doha für immer von einem gierigen Geldautomaten verschluckt. Kein guter Auftakt für eine dreiwöchige Asienreise.

Dann kam zum Pech noch Unglück dazu. Der Wüstenstaat Qatar gehört zu den trockensten Gebieten auf dem Planeten Erde. Oft fällt monatelang kein einziger Tropfen Regen. In den vierundzwanzig Stunden unseres Aufenthaltes regnete es dagegen ununterbrochen in Strömen.

Platz in Quater bei Regen

Für die einheimische Bevölkerung war das ein seltenes Schauspiel, aber für uns ein allzu vertrautes, aber ungeliebtes Ereignis. Die Scheichs wateten knöcheltief durch die schlammigen Pfützen und zogen ihre nassen Kaftans hinter sich her.

Souq Waqif bei Regen

Der Souq Waqif ist ein arabischer Markt, in dem alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann und auf Nachfrage auch noch mehr. Normalerweise ein quirliger Ort voller orientalischer Betriebsamkeit, lag der Basar eigenartig verlassen, fast wie ausgestorben da.

Souq Waqif bei Regen

In unserer Unwissenheit hatten wir gar nicht darauf geachtet, dass unser Tagesausflug ausgerechnet auf einen Freitag fiel. Und da geht der Moslem nicht auf den Markt, sondern zum Freitagsgebet.

Zur Feier des Tages ließ ich mich noch schnell von einer arabischen Crepebäckerin übers Ohr hauen. Der Pfannkuchen war zwar ganz lecker, aber irgendwie war der Preis am Ende doppelt so hoch wie am Anfang ausgehandelt.

Crepebäckerin in Doha

Dann brachen wir dieses unglückliche Intermezzo ab und nahmen bis auf die Knochen durchnässt das nächstbeste Taxi Richtung Flughafen. Dort war die Klimaanlage so eingestellt, dass Eisbären wegen Unterkühlung eingehen würden. Die Sinnlosreisende litt ebenfalls an Unterkühlung und fing sich noch einen ausgewachsenen Katarrh in Qatar ein.

Wie uns Qatar gefallen hat, fragst du? Dreimal darfst du raten – das Kommentarfeld steht zu deiner Verfügung…

Las Vegas

Wie aus einer gottesfürchtigen Siedlung die Stadt der Sünde wurde

Die ersten Eindrücke von Las Vegas sind neonfarben und überwältigend. Hier manifestiert sich der amerikanische Größenwahn in Reinform. Die Schwerkraft scheint aufgehoben, die Nacht wird zum Tag und es gibt alles, was man sich nur vorstellen kann und noch einiges mehr. Im Hotel Paris wurde für läppische 800 Millionen Dollar der komplette Stolz der Grande Nation kopiert: der Eiffelturm im Maßstab 1:2, der Triumphbogen und der Louvre. Und weil Bescheidenheit keine amerikanische Tugend ist, stellte man gleich noch den Versailler Spiegelsaal und die Pariser Oper dazu.

Das Hotel Paris mit Eiffelturm und Arc de Triomphe

Im Hotel The Venetien kann man sich vom Gondoliere unter einer nachgebauten Rialtobrücke durchfahren lassen und den Markusplatz mit Dogenpalast und Campanile bestaunen, alles schöner als im ursprünglichen Venedig. Im Innenbereich des zweitgrößten Hotels der Welt gibt es klimatisierte italienische Straßenzüge, die mit computergesteuertem künstlichem Licht jede Stunde einen ganzen Tag mit Sonnenaufgang und Untergang simulieren.

Die Rialtobrücke im Hotel The Venetien

Wir checkten etwas abseits vom Rummel in Sam’s Town Hall & Gambling House ein. Mit nur 645 Zimmern ein vergleichsweise bescheidenes Hotel, aber immerhin mit eigenem Casino und einem Indoor-Wasserfall. An der Frühstückskasse wurden wir wie Aliens aus einer anderen Galaxie bestaunt, weil wir weder Coupons noch irgendwelche Mitgliedskarten vorweisen konnten. Nach einem kurzen Aufklärungsgespräch besorgten wir uns eine kostenlose BeConnected-Profi-Player-Card, die uns knallharte Vorteile verschaffte:

  • Bei jedem Frühstück sparten wir 14 $
  • Wir konnten bequem bargeldlos unser ganzen Vermögen in den Casinos verspielen
  • Ganz unbürokratisch bekamen wir einen unglaublichen Kreditrahmen, abgesichert über unsere zukünftigen Gehalts- und Rentenansprüche und die unserer Nachkommen bis zur fünften Generation.

Das Frühstück selbst war typisch amerikanisch – eine Hauptmahlzeit mit Kalorien im fünfstelligen Bereich. Es blieben keine Wünsche offen, außer dem Wunsch, nie wieder etwas zu essen.

Während in den großen Casinos am Las Vegas Strip unzählige Amerikaner ihre Rente zielstrebig verzocken, vergnügen sich die Jüngeren in der Fremont Street. Hier werden jeden Abend 12 Millionen LEDs in der weltweit größten Lichtshow zu einem 500 Meter großen Videostream geschaltet.

Fremont Street Experience

Den ersten Platz im Wettbewerb der amerikanischen Ess-Unkultur gewinnt das Heart Attack Grill. Das Burgerrestaurant brüstet sich damit, dass Pommes und Gummibrötchen nochmal extra in reines Schweineschmalz getunkt werden.

Heart Attack Grill

Die Bedienungen tragen Schwesternkittel, die Gäste bekommen ein OP-Hemd übergezogen und die Getränke werden über Infusionsbeutel verabreicht. Besucher mit einem Kampfgewicht von über 175 Kilo essen hier umsonst und der Notarzt geht aufs Haus, sollte Jemand während des Essens wegen Verfettung vom Stuhl kippen.

Im Heart attack grill
Perverser geht es kaum: Essen bis zum Umfallen

Wem es danach immer noch nicht übel ist, der kann auf dem Stratosphere Tower in 350 Meter Höhe diverse Fahrgeschäfte ausprobieren. Oder einfach einen Bungeesprung vom Dach machen. Wir gingen einen Straßenblock weiter ins VegeNation und schlemmten uns durch die leckere vegane Speisekarte. Amerika ist eben das Land der Extreme.

Stratosphere Tower mit Vergnügungspark
Vergnügungspark auf der Spitze des Stratosphere Towers

Wenn man vom Flugzeug aus das Umland von Las Vegas sieht, fragt man sich unwillkürlich, warum zum Teufel Jemand mitten in die Wüste eine Stadt baut. Deshalb ist es nun wieder an der Zeit für einen kleinen Ausflug in die Geschichte:

Im Januar 1855 machte ein Treck mit mormonischen Siedlern Rast an einer der wenigen natürlichen Quellen in der Mojavewüste. Rund um die kleine Oase blühten saftige grüne Wiesen und die Wintersonne erwärmte das unbewohnte Land. Manche der Mormonen stellten sich ungefähr so das Paradies vor. Am nächsten Morgen verkündete der Älteste, dass ihm ein Prophet die Botschaft überbracht habe, dass dieses heilige Stück Land ab sofort ihre Heimat sei.

Also bauten die Männer ein paar bescheidene Hütten und einen Brunnen und die Frauen vertrauten das Saatgut dem fruchtbaren Boden an. Alles war gut und am ersten Sonntag nach ihrer Ankunft taufte der Älteste die himmlische Siedlung auf den Namen „Las Vegas“, der spanischen Bezeichnung für „die Auen“. Und zur Feier des Tages nahm er sich gleich noch eine dritte Frau, die vierzig Jahre jüngere Esther, denn Gott belohnt die Tüchtigen.

Wüste bei Las Vegas
Die Mojave-Wüste im Umland von Las Vegas

Leider benahm sich die neue Heimat bald ziemlich widerspenstig. Im Frühjahr gab es einen unerfreulichen Zwischenfall mit den Pajute-Indianern, die auf dem Weg in ihre Sommerjagdgründe an der Quelle ihre Pferde tränken wollten. Diese ignoranten Wilden wollten partout nicht einsehen, dass das Land, von dem sie seit Jahrhunderten lebten, nun den bärtigen Bleichgesichtern gehörte. In ihrem Glauben hatte Manitu die Natur allen Geschöpfen auf der Erde zur gemeinsamen Nutzung anvertraut. Erst als die Mormonen mit ihren Vorderladern zwei Krieger in die ewigen Jagdgründe schickten, sahen die Heiden ein, dass die Zeiten sich geändert hatten und zogen ab.

Um das Gleichgewicht der Natur wieder herzustellen, töteten die Indianer noch in der selben Nacht zwei mormonische Wachtposten und entführten als kleine Aufwandsentschädigung zwei Maultiere.

In der Gluthitze des Sommers verdorrte der größte Teil der Ernte und im Herbst machten wochenlange Sandstürme die Siedler mürbe. Auf ihrer Rückreise diskutierten die Indianer nicht, sondern nahmen in der Nacht die Hälfte des Viehs mit. Naturvölker sind zwar oft eher einfach gestrickt, aber immer sehr lernfähig.

Daraufhin verkündete der Älteste, dass ihm der Prophet eine Planänderung mitgeteilt habe: Sie sollten zu ihren Brüdern in das gelobte Land um den großen Salzsee ziehen. Also packten die Siedler ihre Sachen und zogen nach Norden. Der Älteste entschied sich für den kürzesten Weg durch eine unwirtliche Tiefebene, denn der Herr ist ein Hirte und er geleitet seine Schäfchen, so dass es ihnen an nichts mangelt.

Zabriskie Point
Zabriskie Point im Death Valley

Wasserstellen gab es in diesem Talkessel keine, aber viel Sand, in dem die Räder der schweren Wagen stecken blieben. Die einzige Pfütze war so salzig, dass nicht einmal die Maultiere aus diesem „Badwater Basin“ trinken wollten.

Der tiefste und gleichzeitig lebensfeindlichste Ort auf dem ganzen amerikanischen Kontinent

Entweder war der Hirte gerade woanders beschäftigt, oder er rechnete einfach nicht damit, dass seine Schäfchen sich dermaßen zielstrebig ins Unglück stürzten. Jedenfalls fand eine Militärpatrouille Jahre später die Skelette der verdursteten Siedler. Als die Nachricht vom Unglück der Mormonen sich verbreitete, sprachen die Menschen bald nur noch vom „Death Valley“, dem Tal des Todes.

Salzwasser ist die einzige Flüssigkeit im Death Valley

Fünfzig Jahre später war auf den Ruinen der Siedlung ein Eisenbahnknotenpunkt entstanden. Weil für die harte Arbeit in der Wüste kaum Arbeitskräfte zu motivieren waren, versteigerte die Eisenbahngesellschaft einige Grundstücke an Investoren. Diese sollten alles bauen, was Männer zum Glücklichsein brauchen: Unterkünfte, einen Saloon mit Alkoholausschank, ein Bordell und ein Casino. Und so zog die Sünde in Las Vegas, Nevada ein und sie blieb lange, lange Zeit dort wohnen.

In den USA wurde 1919 das Glücksspiel verboten, einzige Ausnahme war der Bundesstaat Nevada. Das Alkoholverbot in der Prohibition machte Las Vegas dann unwiderstehlich für die New Yorker Mafia. Durch Alkoholschmuggel verdienten sie im ganzen Land Millionen von Dollar, die sie in den Spielcasinos zu legalen Scheinchen reinwuschen. Ein paar Verluste mussten sie dabei ärgerlicherweise in Kauf nehmen, denn bekanntlich gewinnt die Bank immer.

Es war Bugsy Siegel, der schließlich eine Eingebung hatte, die vieles veränderte. Wenn die Bank immer gewinnt – so dachte er – dann sollte man am Besten selbst die Bank sein. Er überzeugte die anderen Mafiabosse, Meyer Lansky und Lucky Luciano in den 1940er Jahren, einen großen Teil ihres Schwarzgeldes in ein Luxuscasino zu investieren. Zur Eröffnung des Flamingo trat Frank Sinatra auf, damals der Superstar schlechthin.

Mit dem Flamingo begann das goldenen Zeitalter des Glücksspiels

Das war der Startschuss für einen gigantischen Bauboom mit ständig neuen Superlativen. Eine Zeit lang standen 18 der 20 größten Hotels der Welt in Las Vegas und jedes Jahr lassen 30 Millionen Besucher etwa 10 Milliarden Dollar in der Stadt der Sünde zurück. Bugsy Siegel wurde nur wenige Monate nach der Eröffnung des Flamingo von einem Unbekannten erschossen. Noch heute weist eine Plakette im Innenhof des Hotels auf seinen Pioniergeist hin, denn wahre Helden sind unsterblich.

Las Vegas Sign – Rückseite

Thailand

Von Tempeln, Ruinen, Elefanten und dem Überlebenskampf im Straßenverkehr

Blick aus dem Flugzeug

Von Bangkok nach Rayong

Die Aussicht auf grauen Nieselregen bei einstelligen Temperaturen löste bei uns auch diesen Winter einen Fluchtreflex aus. Wir hatten einen Direktflug nach Thailand mit Eurowings gebucht, einer Fluglinie, die sich durch Streiks und Überbuchungen einen durchwachsenen Ruf in den Internetforen hart erarbeitet hat. Die Ansage des Flugkapitäns stärkt unser Vertrauen auch nicht: „Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht ihr Kapitän. Wir sind jetzt bereit zum Start. Heute fliegt uns Frau Krause nach Bangkok“.

Nicht die Copilotin Krause, nicht die erste Offizierin Krause. Einfach nur Frau Krause. Das klingt, als ob man spontan jemanden vom Reinigungspersonal verpflichtet hätte, weil der Copilot wegen Pilzvergiftung ausfiel. „Ach, Frau Krause, ob Sie uns wohl aushelfen können? Sind Sie schon mal in einem Airbus-Cockpit gesessen? Nein? Das macht nichts. Sie fahren doch jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, das ist auch nicht so viel anders als Fliegen“. Und wieder wird mir bewusst, wie ausgeliefert man in einem Flugzeug ist. Eine zehnstündige Übung in Demut.

Frau Krause überfliegt dann aber routiniert so friedliebende Länder wie Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan und Krisenregionen wie die Krim und Kashmir ohne dass uns eine versehentlich abgefeuerte Rakete trifft. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel in Bangkok ist da schon spannender.

Stand auf dem Nachtmarkt

Auf dem abendlichen Straßenmarkt in Bangkok schlemmen wir uns unter Missachtung aller Hygieneregeln durch die Stände. In Deutschland streitet man darüber, ab wann eine Kühlkette bei empfindlichen Lebensmitteln als unterbrochen gilt. Im thailändischen Wortschatz gibt es keinen Begriff für „Kühlkette“. Hier liegen die rohen Fleischstücke und Sushis ohne Kühlung bei 35 Grad an den Ständen solange aus, bis sie Jemand isst – entweder Menschen oder die Fliegen.

Das hier sind Babycrepes mit Kokosraspeln und diversen Leckereien gefüllt. Manchmal erfährt man nicht, was man isst, aber lecker ist es allemal…

Crepes

…Außer der gegrillte Tofu – der schmeckte eher wie gepresste Holzabfälle. Der Preis hätte uns stutzig machen sollen. Ein Spieß mit Okraschoten, einer mit Pilzen und einer mit Tofu für insgesamt 80 Cent – das ist selbst in Thailand verdächtig wenig.

Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück gebratenen Reis und leckere Spaghetti. Die Chillischoten sind nach thailändischem Maßstab „little spicy“. Für den mitteleuropäischen Magen sind sie ein Todesurteil, an Ort und Stelle vollstreckt. Im Preis inbegriffen sind 7% Steuer und eine Feuerbestattung.

Frühstück

Nach dem Frühstück holen wir den Mietwagen ab und stürzen uns in die Straßen von Bangkok. Linksverkehr ist gar nicht so schwierig. Man muss nur auf der falschen Seite des Autos einsteigen und alles anders machen als gewohnt. Rechts überholen zum Beispiel, was durchaus Überwindung kostet. Also lasse ich den Motor an und setze den Blinker. Dann schalte ich den Scheibenwischer wieder aus und setze den Blinker. Dann schaue ich sorgfältig, ob alles frei ist und biege rechts ab. Und sehe das Weiße im Auge eines wild hupenden Minivanfahrers, in den ich beinahe frontal reingefahren wäre.

Blick vom Balkon des Beach Appartements Hat Mae Ramphuong, wo wir einige herrliche Tage lang die Seele baumeln ließen:

Strandblick

Heute hatten wir eine Sprachstunde in Thailändisch bei unserer Wirtin Sunan. „Koorb kunn“ heißt „Danke“ und „Sawasdee“ bedeutet „guten Tag“. Eigentlich ganz einfach. Aber dann geht es erst richtig los. Männer hängen hinten ein „krabb“ an, Frauen ein „ka“. Und dann legt man die Handflächen zusammen und hebt sie auf die Höhe, die dem Status des Gegenübers entspricht. Also an die Stirn, wenn man einen Mönch begrüßt und an den Bauch, wenn man die Schwiegermutter ärgern will. Und dabei immer schön lächeln, sonst wirkt es beleidigend. Ganz schön kompliziert.

So überfüllt ist der Strand nur am Wochenende. Werktags ist man hier so alleine, dass man sich unwillkürlich fragt, ob der Strand wegen Quallen, Haifischen oder Atommüll gesperrt ist. Aber nein. Hier gibt es einfach viel mehr Strand als Touristen. Und der Thailänder geht eher nicht zum Baden.

Einsamer Strand

An diesem Strand finde ich endlich die Antwort auf die Suche nach dem Sinn des Lebens: das Leben braucht gar keinen Sinn. Es reicht eine warme Mahlzeit am Tag und die coolste aller Frauen im Liegestuhl nebenan. Es gibt hier nur drei Probleme (an der Größe dieser Probleme kann man ablesen, wie gut es uns geht):

  1. wenn der Schatten wandert, muss man seinen Liegestuhl umsetzen.
  2. Wenn die Blase voll ist, muss man aufstehen.
  3. Das Rauschen der Wellen macht so schläfrig, dass man kaum schreiben kannnnnnnnnnn.

Das Abendessen in einem Straßenrestaurant ist so extrem spicy, dass es Löcher in meine Magenwand brennt. Hoffentlich kommt der Durchfall heute Nacht, denn morgen Mittag fliegen wir nach Chiang Mai.

Von Chiang Mai nach Lampang

Über Chiang Mai, die Perle im Norden Thailands, ist schon viel geschrieben worden. Deshalb hier nur in aller Kürze das Wichtigste: Tempel, Thaimassage, leckeres Essen, Tempel, Nachtmarkt, Tempel, Taxis, leckeres Essen, Tempel, leckeres Essen, Ausflüge zu Tempeln, leckeres Essen. Ein buddhistischer Mönch erklärt uns die drei wichtigsten Regeln des Buddhismus:

  1. Tu nichts Böses! Das fällt mir leicht, denn wer nichts tut, kann auch nichts Böses tun.
  2. Tu Gutes! Das ist schon schwieriger. Da muss ich mal nachdenken.
  3. Lebe im Jetzt! Das geht im Urlaub ganz gut, wenn nur nicht dieser Rückflug wäre.

Um in Thailand günstig telefonieren zu können, erwarb ich gestern für 5 Dollar ein vierwöchiges All-inclusive-Starter-Paket. Die Verkäuferin sprach zwar keine mir bekannte Sprache, aber wir haben uns auch so verstanden. Sie tippte minutenlang mit flinken Fingern auf meinem Handy herum, installierte mehrere Pakete und schaltete alles Mögliche frei. Seitdem sehen meine Kontakte so aus:

Kontakte

Dann geht es im Mietwagen nach Lampang. Im thailändischen Straßenverkehr gibt es nur eine einzige Regel: Might has right – der Stärkere hat Vorfahrt. Das können sich auch all die Autofahrer merken, die hier ohne Führerschein, ohne Fahrschulunterricht und ohne Versicherung fahren. Schilder und Ampeln werden eher als Empfehlung gesehen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen, besorgen wir uns eine einheimische Gebetskette aus Blumen.

Im allgemeinen gilt Linksverkehr. Ausgenommen sind Radfahrer, Roller, Tuk-Tuks und alle Fahrzeuge, die nachts ohne Licht fahren. Die dürfen auch rechts fahren oder in der Mitte oder wo auch immer man sie am wenigsten erwartet. Ach ja, und kurze Strecken von weniger als 100 Meter darf man auch auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren – um unnötige Umwege zu vermeiden. So bleibt jede Fahrt ein spannendes Erlebnis.

Abends gibt es dann unaussprechliche Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt. Dieses mal versuchen wir dampfgegarte, gummiartige blaue Geleeteigtaschen mit einer unbeschreiblichen Füllung. Das Ganze verhält sich im Mund, als ob es leben würde und auf keinen Fall geschluckt werden will. Aber lecker.

Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt

Eigentlich ist vegetarische Ernährung in Thailand kein Problem,  wenn da nur die Sprache nicht wäre. Der ratlose Vegetarier steht dann vor den Töpfen mit lecker duftenden Curries und rätselt über den Inhalt. Auf die Frage „Only vegetables?“ nickt der Koch stolz, zeigt auf einen Topf und antwortet „Only vegetables!“. Zeigt man auf den gleichen Topf und fragt „Chicken?“, dann nickt er ebenfalls und antwortet mit strahlendem Lächeln „Chicken!“. Man kann dann noch den ultimativen Gegen-Check machen und den Koch fragen „Can I  eat your mother?“. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Wenn er stolz nickt und „Mother!“ antwortet, sucht man sich lieber ein anderes Restaurant mit besseren Englischkenntnissen. Im zweiten Fall muss man sich ebenfalls ein anderes Restaurant suchen, dann aber mit blauem Auge.

Meine thailändische Simkarte ist toll. Ich habe an einem Tag 23 solche Nachrichten bekommen, unter anderem von true money, true girls und true love:

SMS Nachrichten

Lampang ist touristisch eher unbekannt, bietet aber etliche wunderschöne Tempel, wie diesen massiven Elefantenschrein aus etwa zehn Milliarden Karat Gold:

Goldener Tempel mit Elefant

Nachhaltigkeit geht im Buddhismus so: der Pilger kauft am Eingang des Tempels Blumen, opfert sie am Altar und fühlt sich gut. Der Blumenverkäufer räumt alle zehn Minuten den Altar auf, verkauft die eingesammelten Blumen an den nächsten Pilger und fühlt sich ebenfalls gut. Ein geschlossener Kreislauf, bei dem sich auch die Natur gut fühlt.

Von Lampang aus machen wir einen Tagesausflug zum Wat Chaloem Phra Kiat Phrachomklao Rachanusorn (auf Deutsch: Pagoda in the sky). Mitten in den Bergen haben Mönche auf die unmöglichsten Felsen kleine Tempelchen gebaut. Denn je anstrengender der Bau, desto größer die Ehrerbietung gegenüber Buddha.

Pagoda in the sky

Anstrengend ist auch der Aufstieg über unzählige Treppen über fünfhundert Höhenmeter bei 35 Grad im Schatten. Aber alle Mühe ist vergessen, wenn man vor den Tempeln in der Stille der Bergwelt steht und die heilige Glocke der Erleuchtung anschlagen darf, bis der Fels wackelt.

Die Glocke schlagen

Auf dem Rückweg besuchen wir noch ein besonderes Highlight: Die versteinerten Fußabdrücke Buddhas. Ich habe allerdings Zweifel an der Echtheit, denn erstens lebte Buddha nicht in der Steinzeit und zweitens hatte er nicht Schuhgröße 250. Aber andere Religionen rühmen sich ja auch mit allerlei zweifelhaften Reliquien, da sollte man vielleicht nicht zu kleinlich sein.

Von Lampang nach Sukhothai

Von Lampang führt unser Weg nach Süden, vorbei am einzigen Elefantenhospital Thailands. Hier werden kranke Wildelefanten mit riesigen entzündeten Hämorrhoiden operiert und ausgediente Arbeitselefanten versorgt.

Elefanten beim Baden

Überhaupt scheinen Elefanten hier in der Gegend einen hohen Stellenwert zu haben, wie dieses Tempelbildnis zeigt:

Skulptur einer göttlichen Elefantenfamilie

Unterwegs kann man Weisheit und Erleuchtung direkt ins Hirn tanken:

Tempelfigur

In der ehemaligen Königsstadt Sukhothai sind weitläufige Tempelruinen zu bestaunen, die man am Besten mit dem Fahrrad erkundet.

Ruinen von Sukhothai

Besonders schön sind die Ruinen bei Nacht:

Stupa in Sukhothai bei Nacht

Vor allem, wenn man die Silvesternacht in so einer wunderschönen Umgebung erleben darf. Die Vorführungen der traditionellen Tanz- und Musikgruppen aus allen Regionen Thailands waren zwar interessant, aber für europäische Ohren auf Dauer etwas anstrengend.

Bangkok hat etwa 10 Millionen Einwohner. Die meisten davon waren heute mit uns zusammen auf der A1 im Neujahrs-Rückreisestau. Wir haben dabei unsere Position im unteren Drittel der Hackordnung im Straßenverkehr gefunden: Busse, Trucks, Minibusse, SUV und Vans stehen unangreifbar über unserem Mittelklasse-Honda und werden von uns respektvoll gemieden, egal wieviel Vorfahrt wir theoretisch haben. Am anderen Ende der Nahrungskette kämpfen Fußgänger, Radfahrer, Handkarren, Rollerfahrer und Tuk-Tuks um ihr Überleben.

Am Ende eines langen Tages erreichen wir dann das schmucklose Sing Buri (das Bielefeld Thailands) als letzten Zwischenstop vor dem Flug nach Kambodscha, aber das ist eine andere Geschichte.

Sonnenuntergang in Sukhothai




Angkor Wat

Alternative Fakten zu einem Weltkulturerbe

Einreiseformalitäten

visum

Für die Erstellung dieses „Visum on arrival“ werden am Flughafen von Siem Reap fünfzehn uniformierte Beamte benötigt. Der Erste zeigt den Einreisewilligen wo sie sich anstellen sollen, nämlich genau dort, wo alle anderen auch schon in einer Schlange stehen. Der Zweite nimmt Reisepass und biometrisches Passfoto (zwingend erforderlich, denn ohne kommt man laut offizieller Regierungs-Webseite nicht ins Land) entgegen und reicht sie an den Dritten weiter, der das doch nicht benötigte Passfoto wieder zurück gibt.

Der Vierte kassiert 30 $ Bearbeitungsgebühr, die der Fünfte in eine Kasse legt, was der Sechste im Kassenbuch vermerkt. Der Siebte kontrolliert den Eintrag im Kassenbuch, der Achte erstellt das Visum, das der Neunte in den Reisepass einklebt und der Zehnte im Pass festtackert. Doppelt hält besser, das wusste schon meine Oma.

Der Elfte haut den Stempel rein und dann unterschreibt der Zwölfte. Der Dreizehnte ruft die Besitzer der fertigen Pässe auf, die man abholen kann, falls man seinen Namen auf kambodschanisch versteht. Der Vierzehnte passt auf, dass niemand über die ganze surreale Prozedur lacht oder gar an der Warteschlange vorbei drängelt. Und dann geht es mit dem fertigen Pass zur Passkontrolle, wo der fünfzehnte Beamte Pass und Visum kontrolliert und die Einreise bestätigt.

Ist das effizient? Ist es sinnvoll? Frage nicht, Reisender! Bürokratie ist in jedem Land eine einzigartige Blume, deren Schönheit sich erst auf den zweiten Blick erschliesst. Wenn überhaupt. Immerhin sind hier fünfzehn Arbeitsplätze im klimatisierten Gebäude gesichert.


Tempel im Urwald

tempelruine im urwald

Lange rätselten die Historiker, warum im 10. Jahrhundert die Khmer mitten im Urwald unglaublich große und enorm weitläufige Steingebäude errichteten. Nun, ganz einfach, pass auf!

Bei jeder Waldputzete sammelten die Khmer die herumliegenden Steine auf. Und das waren ganz schön viele.

steine im urwald

Als nach einigen Jahrzehnten die Steinhaufen immer größer wurden, wurde der Platz für die Menschen allmählich knapp. Da kamen sie auf die Idee, die Steine wenigstens hübsch aufzuschichten.

tempelruine

Einer meinte, weil es bei 38 Grad und 99 % Luftfeuchtigkeit eh nichts Besseres zu tun gäbe, könne man doch auch gleich Elefantenmosaike aus den Steinen machen.

elefantenmosaik

Bald zogen sich kilometerlange Mauern mit Steinmosaiken durch den Dschungel.

mauer mit elefanten

Aber die Steine waren kaum weniger geworden. Also bauten die Khmer noch ein paar Tempel. Und wegen der optischen Wirkung legten sie gleich noch ein paar künstliche Seen an. Es gab ja sonst nichts zu tun.

angkor wat bei sonnenaufgang mit see

Dann veranstalteten sie einen Wettbewerb für Bildhauer. Dieses Arrangement zeigt einen Trupp grimmiger Bauarbeiter, die die lästigen Steine nachts im See versenken sollten.

steinfiguren

Eine frühe Architektin der Khmer namens La Ra Croft entwarf einige Tempel, inspiriert von einem damals beliebten Brettspiel namens „Tomb Rai Der“. Damit die fertigen Gebäude nicht leer standen, ernannten sie ein paar Leute zu Priestern und König, damit jeder ein passendes Häuschen bekam.

tempelruine

Nur die Gärtner hatten sie vergessen, angemessen zu bezahlen. Das führte zu einem Pflegenotstand und viele Gebäude wurden bald wieder vom Urwald verschluckt.

ruine mit baum
baum erdrückt haus

Lange war auch unklar, warum das Reich der Khmer nach jahrhundertelanger Herrschaft in Süd-Ost-Asien plötzlich sang- und klanglos unterging. Ganz einfach: die Bevölkerung war irgendwann so groß geworden, dass die Versorgung mit Nutella zusammenbrach. Das führte zu einer Revolution und Aus die Maus.

angkor wat

The Hungry Hundred – Hungrige Wanderer

Im Gegensatz zu Urlaubsreisen ist Schule sinnvoll. Meistens. Manchmal. Gelegentlich führt sie aber zu erstklassigen häuslichen Katastrophen

Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meiner Mutter einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch verschaffte. Schuld daran war die Schule, um genau zu sein der Biologieunterricht.

Die Siebzigerjahre neigten sich langsam ihrem Ende zu. Im Kino liefen Rocky und Star Wars, ganz ohne Nummer oder Episode, denn damals ahnte noch niemand, wieviele Folgen, Episoden, Sequels und Prequels noch folgen sollten, bis diese Geldkühe fertig gemolken waren. In Friedrichshafen fand zum ersten Mal ein Umsonst&Draußen-Festival am Bodenseeufer statt – kostenlose Open Air Konzerte für Alle. Die Joints waren nicht kostenlos und ein Hauch von Woodstock wirbelte viel Staub in den erzkonservativen oberschwäbischen Amtsstuben auf.

Genesis und Pink Floyd waren auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität, während Elvis Presley seinem tragischen Ende entgegen rauschte. Die Mädchen hörten überwiegend ABBA und Bee Gees, die Jungs standen eher auf AC/ DC, Bob Marley oder Rolling Stones. Auch sonst gab es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Mädchen und Jungs, man fand sich gegenseitig eher eigenartig. 

In unserer Klasse 8B saßen die Mädchen auf der linken Seite des Klassenzimmers und die Jungs auf der Rechten, fein säuberlich getrennt durch den Mittelgang. Die Schulnoten waren auch säuberlich getrennt – die Jungs hatten gute Noten in Mathe, die Mädchen eher schlechte. In allen anderen Fächern war es genau umgekehrt. Deshalb waren es auch vier Jungs, die sich ihre miese Biologienote durch einen ganz besonderen Sklavendienst aufbesserten.

Unser Biologielehrer wurde wegen seinem grauen Vollbart Knecht Ruprecht genannt. Er hatte seine Klasse jederzeit im Griff. Beim geringsten Anzeichen von Unaufmerksamkeit warf er nämlich zielsicher ein Kreidestückchen an den Kopf des jungen Träumers, was ganz schön schmerzhaft sein konnte. Trotz dieser pädagodisch wertvollen Vorgehensweise fielen einige Halbjahresnoten auf der Jungenseite ziemlich unterirdisch aus. Hoffnung auf Rettung versprach dann ein Angebot: zwei Nachmittage Mitarbeit bei der Präparation von Insekten gegen eine Schulnote Verbesserung. Wenige Tage später radelten vier Freiwillige zur Wohnung des Tierpräparators.

Knecht Ruprecht hatte die Sommerferien auf Borneo und Sumatra verbracht. Heute findet man dort vor allem Palmölplantagen, aber damals war der Regenwald noch brechend voll mit allerlei Getier. Man musste nur nachts ein weißes Leintuch mit einer Lampe anstrahlen und dann die Insekten mit der Schaufel einsammeln. Unsere Aufgabe war es, die in Äther konservierten Tierchen zu präparieren. Zwischen Faszination und Gruseln verarbeiteten wir Riesentausendfüßler, Vogelspinnen, Nashornkäfer, Skorpione und Schmetterlinge, die größer waren als hierzulande die Tauben.

Präparierte Insekten, Käfer, Schmetterlinge

Die Insekten hatten in Knecht Ruprecht einen leidenschaftlichen Freund, der zwar ohne Skrupel die Regenwälder plünderte, aber gleichzeitig die heimische Fauna zu schützen versuchte. Er lobte eine weitere Verbesserung um eine Schulnote für denjenigen aus, der eine heimische Schmetterlingsart vom Ei bis zum fertigen Schmetterling sicher über die Runden brachte. Ich konnte eine weitere Runde Pimp-deine-Schulnote gut gebrauchen und nahm die Challenge an. Da mein Originalbericht in den Wirren der Jahrzehnte verloren ging, folgt hier mein Gedächtnis-Protokoll:

Tag 1: Habe auf der Unterseite eines Brennnesselblattes ein Eigelege entdeckt. Die etwa hundert Eier sind so klein, dass ich nicht feststellen kann, zu welcher Tierart sie gehören. Es muss auf jeden Fall eine schmerzunempfindliche Art sein, denn meine Hände brennen wie Feuer.

Tag 2: Habe die Brennnessel mit den Eiern in ein Wasserglas gestellt. Meine Eltern wundern sich über die nerdige Blumenwahl, aber immerhin sehen sie es als positives Zeichen, dass ihr pubertierender Sohn überhaupt eine Blumenvase aufstellt. Sie wissen weder vom bedenklichen Stand meiner Biologienote, noch ahnen sie etwas von diesem etwas speziellen Biologiepraktikum.

Tag 3: Die Brennnessel bekommt braune Stellen.

Tag 4: Die Brennnessel wird welk.

Tag 5: Ich hole die verwelkte Brennnessel wieder aus dem Kompost, wohin sie meine Mutter entsorgt hatte, während ich in der Schule war. Die Eier scheinen den Ausflug unverändert überstanden zu haben.

Tag 6: Aus einem der Eier ist etwas Winziges geschlüpft. Ich besorge eine frische Brennnessel, die bald von zahlreichen zwei Millimeter langen Würmchen besetzt wird.

Tag 7: Um die empfindlichen Zwergraupen vor allgegenwärtigen Gefahren des Haushalts wie Staubsaugern und kleinen Brüdern zu schützen, stecke ich die Brennnessel samt Bewohnern in ein Einmachglas, das ich mit einem Stück Gazestoff und einem Gummiband verschließe.

Tag 8: Das erste Blatt der Brennnessel besteht nur noch aus einem Gerippe, alles Grüne ist abgenagt. Meine Mini-Hundertschaft wandert zum nächsten Blatt.

Tag 9: Die Raupen fressen.

Tag 10: Die Raupen fressen. 

Tag 11: Die Raupen hören auf zu fressen. Ich bin beunruhigt. Dann passiert etwas Eigenartiges. Vom vielen Fressen scheint die Haut der Raupen zu eng geworden zu sein. Jedenfalls platzt eine Naht am Rücken auf und heraus kommen deutlich größere Raupen, die sich sofort wieder ans Fressen machen.

viele Raupen

Tag 12: Die Raupen fressen.

Tag 13: Die Raupen fressen.

Tag 14: Christoph, mein Lieblingsfeind stellt mich auf der Straße, als ich in einer Plastiktüte einen Strauß frischer Brennnesseln nach Hause bringe. Christoph ist zwei Jahre älter als ich und ein richtiger Straßenköter. Er macht Bodybuilding, wittert Schwäche auf zehn Kilometer und hat keine Skrupel. Neulich hat er mir die Hälfte der Frigeo Brausebonbons weggenommen, die ich für 10 Pfennig von meinem Taschengeld am Kiosk gekauft hatte.

Christoph will wissen, was in meiner Tüte sei. Meine Antwort, dass nichts in der Tüte sei, was ihn angehe, überzeugt ihn nicht. Mit seinem Schraubstockgriff hält er meinen Arm fest und lacht mir arrogant ins Gesicht. Er greift beherzt in die Tüte und zieht dann sehr schnell seine Hand wieder heraus. Während Christoph versucht, seine Gesichtszüge in den Griff zu bekommen, bringe ich mich und das sehnlichst erwartete Raupenfutter in Sicherheit.

Tag 15: Die Raupen fressen.

Tag 16: Über Nacht fand die zweite Häutung statt.

Tag 17: Die Raupen sind wahre Fressmaschinen: ein Darm auf Beinen, der vorne einen Mund und hinten einen Po hat.

Tag 18: Fressen.

Tag 19: Fressen.

Tag 20: Nach der dritten Häutung sind die Raupen so groß, dass ich sie auf fünf Einmachgläser verteilen muss. Ich verstecke die Gläser unter meinem Bett, denn der Anblick der wimmelnden Masse würde meine Mutter nicht mit Begeisterung erfüllen, soviel ist mir intuitiv klar.

Tag 21: Fressen. Meine Mutter streitet mit meinem Vater, weil er die Einmachgläser für die Kirschen im Keller nicht mehr findet. Nicht gut.

Tag 22: Fressen. Ich habe mir Handschuhe besorgt. Inzwischen muss ich jeden Tag neue Brennnesseln holen, um den Hunger der Bande zu stillen. Eine dunkle Ahnung befällt mich. Lange werde ich das blühende Leben unter meinem Bett nicht mehr geheim halten können.

Tag 23: Die Raupen sind inzwischen so groß wie mein kleiner Finger. Ihr schwarzer schlauchartiger Körper ist dicht mit Stacheln übersäht. Aus einem Insektenbuch identifiziere ich meine Schützlinge als Nymphalis urticae.

Tag 24: Fressen.

Tag 25: Als ich heute aus dem Nachmittagsunterricht nach Hause komme, höre ich hysterische Schreie aus unserem Treppenhaus. Es ist meine Mutter, die vor der Eingangstür steht. Mit Panik im Blick zeigt sie auf den Flur unserer Wohnung und gibt zusammenhanglose Satzfetzen von sich. Ich verstehe nur Fragmente: „Überall!“ und „Mach die weg!“ oder „Mein Gott, sind die gruselig“. Dazwischen schüttelt sie sich vor Ekel und bekommt Weinkrämpfe.

Eine kurze Inspektion offenbart das wahre Ausmaß der Katastrophe. Die Raupen sind inzwischen so hungrig, dass sie schon gegen Mittag alle Brennnesseln in ihren Gläsern vollständig vertilgt hatten. Ihrem Instinkt folgend kletterten sie nach oben und zogen durch ihr Eigengewicht den Gazestoff vom Glas. Dann machten sich hundert Raupen in unserer Wohnung auf die Suche nach Nahrung.

Raupe
Photo by Wolfgang Hasselmann on Unsplash

Mein Zimmer liegt am Ende eines zehn Meter langen Flurs, von dem links und rechts die anderen Zimmer abgehen: Schlafzimmer meiner Eltern, Badezimmer, Küche, Wohnzimmer, Esszimmer. Die hungrige Hundertschaft folgte dem Licht und marschierte durch den Flur. Dann schwärmten Grüppchen in jedes Zimmer unserer Wohnung aus.

Ich beeile mich, die Ausbrecher wieder einzusammeln. In einer ersten Bestandsaufnahme zähle ich achtzig Raupen, also sind noch weitere Zwanzig irgendwo unterwegs. Der Hausarzt verschreibt meiner Mutter ein Beruhigungsmittel.

Tag 26: Zehn weitere Ausbrecher werden jeweils durch Schreie meiner Mutter lokalisiert: In der Garderobe, im Vorratsschrank, hinter dem Sofa. Gestern abend hatte ich ein ernstes Gespräch mit meinem Vater. Er klärt mich über die Bedeutung des Wortes „Ultimatum“ auf. Die Raupenaufzucht wird im Geräteschuppen im Garten unter strengen Auflagen fortgesetzt.

Tag 27: Im Schlafzimmer meiner Eltern finden sich drei weitere Raupen hinter der Gardine. Meine Mutter erhöht die Dosis ihres Beruhigungsmittels.

Tag 28: Die Raupen werden unruhig und hören auf zu fressen. Sie häuten sich ein letztes Mal, diesmal aber kopfüber an einem Zweig hängend. Heraus kommt eine Puppe, die über eine Woche lang bewegungslos verharrt.

Tag 29-40: Keine Änderungen. Einige Puppen zucken gelegentlich.

Tag 41: Es ist soweit: aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge. Einer nach dem anderen schält sich aus der engen Haut und entfaltet seine wunderschönen Flügel. Dann flattern sie aus dem Geräteschuppen davon in ein neues Leben voller Abenteuer.

Ich verstehe, warum ein Schmetterling Hunderte von Eiern legt. Das erste Abenteuer endet nämlich für die meisten von ihnen tödlich. Denn auf dem Dach unseres Geräteschuppens hat sich ein Vogelpärchen in Position gebracht. Sie freuen sich über die eiweißreiche Fütterung und pflücken die frisch geschlüpften Schmetterlinge elegant aus der Luft.

Am 10. Mai ist übrigens Muttertag.

Die Tempelwächter

Vor thailändischen Tempeln tummeln sich allerlei zwielichtige Gestalten. Dieser Beitrag gibt einen kleinen Überblick.

In buddhistischen Tempeln steht meist, wer hätte es gedacht, eine mehr oder weniger vergoldete Buddhastatue.

Buddhastatue golden

Um dieses Heiligtum vor bösen Geistern zu schützen, stehen vor dem Eingang die Tempelwächter. Nebenbei sollen sie den Besuchern den gebührenden Respekt einflössen, was bei manchen westlichen Touristen dringend erforderlich ist.

Sehr beliebt sind Drachen an Ein- und Ausgang, damit man eventuelle Frevler auch noch beim Verlassen des Tempels erwischen kann:

Drachen am Eingang eines Tempels

Bei hohem Besucherandrang ist Vielköpfigkeit von Vorteil. Hier sieht man die buddhistische Version der Hydra. Man beachte die Zähne am unteren Bildrand:

vielköpfiger Drachen

Wenn in Zeiten von Corona die Besucher ausbleiben, spielen die Wächter gerne mal untereinander Fangen:

Drache frisst Drache

Diese Kreuzung zwischen Wachhund und Frosch kann extrem weit springen und damit böse Geister schon von Weitem vernichten:

Hundefrosch

Dieser kleine Wadenbeißer ist eher humorlos. Offenbar hat er etwas schwer Verdauliches gefressen und leidet jetzt unter Magenschmerzen:

schlechtgelaunter Tempelwächter

Sein Brüderchen hingegen scheint noch hungrig zu sein:

Drache

Dieses sympathische Exemplar namens Mom hat sich auf böse Schwiegermütter spezialisiert, die es mit Haut und Haar, mit Handtasche und Hut verspeist. Wie man rechts unten sieht, bleiben nur die Schuhe übrig:

Die Körpersprache spricht Bände. „Noch zwei Schritte, Fremder, und ich mache dich einen Kopf kürzer!“:

Wächter mit Schwert

Mit dieser Zehnkämpferin der Kriegskunst ist absolut nicht zu spaßen. Wenn dieses Schweizer Taschenmesser Handgranaten wirft, will man nicht in der Nähe sein:

vielarmige Kriegsgöttin

Dieser Albtraum der Füchse bewacht den Hühnertempel:

Hühnerwächter

Einmal im Jahr treffen sich die Tempelwächter im Trainingslager:

mehrere Tempelwächter

Dieser Kollege sieht etwas erschöpft aus. Es ist aber auch wirklich kein Spaß, jahrhundertelang Tag für Tag gegen böse Geister zu kämpfen. Und zum Dank wird man mit albernen Girlanden behängt und bekommt Himbeerlimonade geschenkt:

melancholischer Dämon

Zum Abschluß zeige ich noch zwei Spezialisten aus der Sicherheitsbranche. Dieser gemütliche Zeitgenosse kämpft nicht, er sitzt und beobachtet. Seine Aufgabe ist es, sich alle Gesichter zu merken, denn Elefanten haben ein besonders gutes Gedächtnis. Buddhistische Gesichtserkennung:

Elefantenskulptur

Und dieser drollige Geselle ist der am meisten unterschätzte Tempelwächter. Denn wenn er die Fanfare bläst, rückt die Kavallerie in Null komma nichts an:

trötender Elefant

Buddhistische Kugelkrebse

Der ewige Kreislauf des Lebens

Lange gab das Wirken der buddhistischen Kugelkrebse an Thailands Stränden der Wissenschaft Rätsel auf. Diese etwa 1 cm kleinen Winzlinge formen im Akkord Kugeln aus Sand, mit denen sie die Vorgärten ihrer Höhlen-Wohnungen verzieren, fast wie die schwäbischen Häuslebesitzer mit ihren Gartenzwergen.

kugelkrebs

In der Mitte wohnt der Obermufti mit den größten Kugeln. Drumherum siedelt eine ganze Kolonie, die die Wege zwischen ihren Höhlen mit ihren Scheren freifegen. Ganze Städte und Straßenzüge entstehen auf diese Weise.

kugelkrebse

Sechs Stunden lang belegen die Krebse bei Ebbe ohne Pause den Strand mit ihren Kugeln. Dann kommt die Flut und spült alles weg. Und nach weiteren sechs Stunden macht sich die Nachtschicht an die Arbeit, bis die nächste Flut wieder alles vernichtet.

kugelkrebse am Strand

Unserem Reporter gelang es nun erstmalig mit einer erweiterten Beta-Version von Google Translate ein Interview mit einem buddhistischen Kugelkrebs zu führen. Auf die Frage nach dem tieferen Sinn ihres lebenslangen vergeblichen Kugelbauens antwortete der Krebs in bester buddhistischer Tradition: „Der Weg ist das Ziel“.

Ob man sich denn nicht wenigstens die Nachtschicht sparen könnte, wo die Flut doch alles wieder zerstört, bevor es überhaupt Jemand sehen kann, wollte unser Reporter wissen. „Dann wären Yin und Yang nicht mehr im Gleichgewicht“, war die lapidare Antwort des Krebses. Und damit zurück ins Studio.

kugelfisch

Nein, das hier ist kein überfressener Kugelkrebs, sondern ein gestrandeter Kugelfisch. Kinder aufgepasst! So ergeht es einem, wenn man zuviel Brausepulver auf einmal isst.

Richtigstellung:

In unserem Artikel hat sich ein Fehlerteufelchen eingeschlichen: die Kugelkrebse sind natürlich keine Buddhisten, sie sind konfessionslos. Und sie ernähren sich, indem sie von Sandkörnern die organischen Ablagerungen ablutschen. Und damit sie nicht versehentlich zweimal das gleiche Sandkorn ablutschen – immerhin sehen die sich ziemlich ähnlich – formen sie aus den abgelutschten Körnern eine Kugel und werfen sie hinter sich.

Und die Kugelkrebse sind heilfroh, dass die Flut alle zwölf Stunden ihr Werk wieder wegspült. Bei der nächsten Ebbe können sie dann nämlich einfach wieder die Sandkörner ablutschen, auf denen das Meer neues Fresschen abgelagert hat.

Das ist der ewige Kreislauf des Lebens.