Die rote Schildkröte

Mexiko – ein Beitrag über eine rote Schildkröte, eine blaue Lagune und eine gelbe Stadt. Und über Mayas und korrupte Polizisten.

Die Lagune von Baccalar

In Vorbereitung auf unsere Mexikoreise hatte ich versucht, mit einer kostenlosen Sprach-App etwas Spanisch zu lernen. Das einzige, was ich mir merken konnte, war der Ausdruck „Yo no soy una tortuga roja“, auf Deutsch: „Ich bin keine rote Schildkröte“.

Das ist zwar korrekt, aber im Alltag nicht besonders hilfreich. Trotzdem gelang es mir, einen Boots-Ausflug auf der Laguna de Baccalar zu buchen. In dieser kleinen Lagune ist man mächtig stolz auf viele verschiedene Blautöne.

Die Lagune wird von einem kleinen Zufluss gespeist, der über ein Gefälle eine ordentliche Strömung entwickelt. „Los Rapidos“ ist ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimischen Großfamilien. Sie packen ihre Pick-Ups mit Kindern, Essen und Getränken voll und verbringen hier den Nachmittag.

Mexikanisches Picknick
Badespaß in den Stromschnellen

Der Padre zählt immer wieder durch, denn so ein aufblasbares Schwimmtier wird ganz schnell von der Strömung erfasst. Und dann muss man den Nachwuchs ein paar Kilometer weiter in der Lagune suchen.

Spielende Kinder in Los Rapidos
Das Seil ist die letzte Chance für Nichtschwimmer…
Los Rapidos - kleine Stromschnellen in Mexiko
…bevor Los Rapidos die weitere Fahrt übernimmt.

Ich geh mal schnell tanken

Nach einigen wunderschönen Tagen machten wir uns mit unserem Mietwagen auf den Weg zurück an die Karibikküste. Da das Benzin nicht bis dort reichen würde, steuerten wir die einzige Tankstelle in der Gegend an. Der Tanklastwagen wäre diese Woche nicht gekommen und es gäbe erst Übermorgen wieder neues Benzin, klärte mich der Tankwart mit einem Achselzucken auf. Frühestens.

Nach einer längeren Diskussion über unsere Notlage bekamen wir einige Liter aus seiner Reserve. Offensichtlich kommen solche Engpässe in Mexiko öfters vor und die Menschen haben sich darauf eingestellt. Niemand regt sich auf und es gibt keine Hamsterkäufe. Im schlimmsten Fall verschiebt man halt seine Pläne um ein paar Tage. Vielleicht sollten wir uns in Deutschland ein bisschen was davon abschauen und nicht gleich beim ersten Zeitungsgerücht Sonnenblumenöl und Backhefe für Jahrhunderte bunkern.

Unterwegs besuchten wir Nohoch Mul, die höchste Pyramide von Yucatan. Die Mayas waren geschickte Baumeister, aber sie hatten noch keine Aufzüge erfunden. Die Touristen werden von den Stufen magnetisch angezogen. Manche merken erst beim Abstieg, wie steil die Treppen tatsächlich sind.

Maya Pyramide mit Treppen
Treppensteigen als Volkssport
Maya Pyramide von oben
Schwindelfreiheit am Besten vor dem Aufstieg überprüfen!

Izamal, die gelbe Stadt

Izamal, Mexico
Izamal mit der Pyramide Kinich Kakmó im Hintergrund

Die Experten sind sich bis heute nicht einig, warum in Izamal seit Jahrhunderten alles gelb gestrichen wurde. Gab es historische Gründe oder war es eine Aktion zu Ehren eines Papstbesuches? Oder einfach nur eine versehentliche Fehlbestellung des lokalen Baumarktleiters? Ich vermute, es war ein Trick der spanischen Eroberer: Die hatten nämlich die Steine der Pyramiden für den Bau ihrer Kirchen und offiziellen Gebäude „recycelt“. Damit die Mayas gegen diesen Frevel nicht meuterten, wurden die neuen Bauwerke mit der heiligen Farbe ihrer Götter angepinselt. Diese Theorie ist zwar genauso wackelig wie alle anderen, aber solange mich Niemand widerlegt, darf ich ja wohl noch spekulieren.

Gelbe Häuser in Izamal, Mexico
Farbenfroh
Platz in Izamal, Mexiko
Zentraler Platz von Izamal
Kreuze im Konvent San Antonio von Padua
Ostermontag. Die Gekreuzigten sind schon auferstanden und beim Frühschoppen

Playa Tortuga

In Akumal zahlten sich dann endlich meine Spanischübungen aus: Hier liegt die Playa Tortuga. Und man kann sogar die Riesenschildkröten beim Abweiden des Seegrases beobachten. Obwohl es im Internet immer wieder anders behauptet wird: Nein, man braucht keinen Guide! Man leiht sich einfach für ein paar Dollar am Ortseingang ein Schnorchelset und geht an den Strand.

Die Schildkröten findet man leicht: sie befinden sich dort, wo mehrere Schnorchler im Pulk auf dem Wasser treiben. Aber Achtung: Schildkröten sind keine Fische! Sie müssen alle paar Minuten zum Luftholen auftauchen. Das führt immer wieder zu Panik auf beiden Seiten, wenn ein auftauchender Panzer im Gedränge von unten gegen einen Schnorchler prallt.

Strand Playa Tortuga
Playa Tortuga
Tauchende Riesen-Schildkröte
Schildkröte auf Tauchgang
Wasser-Schildkröte taucht zum Luftholen auf.
Beim Luftholen

Leider ist die Dummheit der Touristen grenzenlos. Einige bedrängen die armen Tiere für ein „cooles“ Instagram-Foto so stark, dass die kurz vor dem Burnout stehen. Trotz unübersehbarer Verbotsschilder cremen sich manche Leute fett ein und gehen dann direkt ins Wasser. Denen würde ich am liebsten ihre Sonnencreme-Tube in die Nasenlöcher rammen und solange drücken, bis ihnen das Zeug aus allen Poren quillt. Dann würde ich sie im Sand panieren und… und … Aaaahrggh … und dann spüre ich eine dunkle Seite in mir, die mir Angst macht. Vielleicht bin ich doch ein kleines bisschen eine rote Schildkröte.

Soy una tortuga roja

Die Kultur der Mayas

Ohne die Mayas wäre Fernsehen oder Kino unattraktiv, denn es gäbe weder Chips noch Popcorn. Sie waren nämlich die ersten Menschen, die Kartoffeln, Mais und Bohnen aus wilden Pflanzen kultiviert hatten. Diese „tres hermanas“, die drei Schwestern der Ernährung sind heute noch die Basis der mexikanischen Küche. Die spanischen Eroberer konnten damit wenig anfangen, denn damals gab es noch keine Filme, zu denen man etwas knabbern konnte. Logisch.

Die Mayas beherrschten aber auch einige fortschrittliche Kultur-Techniken, die von den Europäern dankbar übernommen wurden: Astronomie, Mathematik und die Beseitigung von politischen Gegnern durch Menschenopfer.

Außerdem waren die Mayas talentierte Baumeister. In Chichén Itzá kann man das heute noch bestaunen: die Pyramide des Kukulcán hat vier Seiten mit insgesamt genau 365 Treppenstufen. An der Nordseite ereignet sich jedes Jahr zur Tag-und Nachtgleiche das Schauspiel der gefiederten Schlange. Die Neigungen der Pyramidenkanten und der Treppe sind nämlich genau so aufeinander abgestimmt, dass die Sonne an diesen beiden Tagen den Schatten einer riesigen Schlange erzeugt, die sich langsam die Treppe herunterwindet.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Pyramide des Kukulcán mit der Schlangentreppe

Noch erstaunlicher sind die akustischen Effekte. Klatscht man vor einer Treppe in die Hände, hört man ein lautes Echo, das dem Ruf des Quetzal ähnelt. Die Schritte einer Person am oberen Ende der Treppe klingen am unteren Treppenabsatz wie fallende Regentropfen. Klatscht Jemand in der Mitte des benachbarten Ballspielplatzes, hört man das Gebrüll eines Jaguars.

Das könnte natürlich Zufall sein. Aber nachdem sowohl der Regen als auch die heiligen Tiere Quetzal und Jaguar enorme Bedeutung bei den Mayas hatten, war hier wohl eher ein begnadeter Sounddesigner am Werk. Tausend Jahre, bevor die moderne Wissenschaft diese Technik entdeckte.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Hobbyakustiker beim experimentieren

Es lohnt sich, mit dem eigenen Fahrzeug frühzeitig anzureisen, um in aller Ruhe die prachtvollen Bauten zu bestaunen. Denn die Reisebusse aus Cancun müssen warten, bis ihre Touristenfracht das Frühstücksbuffet geplündert hat.

Kriegertempel Chichen Itza
Der Tempel der Krieger
Säulen der Krieger in Chichen Itza
Die tausend Säulen des Kriegsgottes
Ballspielstadion in Chichen Itza
Der heilige Rasen der Mayas: Ballspielstadion

Die Erben der Mayas

Die Mayas hatten schon früh ziemlich ausgefuchste Kalender entwickelt, deren Bedienungsanleitung allerdings von den spanischen Eroberern als heidnischer Schnickschnack verbrannt wurde. Da ihr letzter Kalenderzyklus am 21.12.2012 endete, spekulierten selbsternannte Experten über einen Weltuntergang an diesem Datum. Ist ja auch logisch, dass die Welt untergeht, wenn ein Kalender endet.

In Hollywood setzte Roland Emmerich dieses Gerücht mit viel Gedöns in einen Katastrophenfilm um. Etliche Spinner verschenkten daraufhin ihren Besitz, um sich auf den Weltuntergang mit reiner Seele vorzubereiten. Am nächsten Morgen schauten die gereinigten Seelen dann ziemlich blöd in die aufgehende Sonne, denn wieder einmal war Armageddon ausgefallen. Hätten sie doch besser mal bei den heute noch lebenden 5 Millionen Mayas nachgefragt; die führten ihr Leben nämlich ganz entspannt weiter und bestellten Enchilladas und Cola beim Lieferdienst.

Coca Cola vor Mayaruinen
Kulturelle Highlights aus verschiedenen Epochen

Überhaupt haben sich die Erben der Mayas ganz gut an die neuen Gegebenheiten angepasst. Die meisten gehen einer ehrlichen Arbeit nach, verhökern garantiert echte Plastikamulette aus Taiwan an die Touristen. Einige wenige schmuggeln Menschen oder handeln mit Drogen. Mexiko ist daher in manchen Gegenden nicht ungefährlich. Die größte Gefahr droht dem Touristen aber von der Polizei.

Am letzten Abend vor dem Rückflug gerieten wir mit dem Mietwagen in eine Verkehrskontrolle. Ich überreichte dem freundlichen Polizisten meinen Führerschein mit reinem Gewissen, denn ich war sicher nicht schneller als 50 gefahren und auf der dreispurigen Straße war 60 erlaubt.

Das sah der ehrenwerte Ordnungshüter anders, denn er forderte mit einem bedauernden Lächeln ein Bussgeld von 200 US-Dollar, weil wir 80 gefahren wären. Ich lächelte zurück und widersprach ihm höflich. Er bestand auf seiner Position, bot mir aber als Kompromiss an, auch Euros zu akzeptieren. Ich fragte ihn respektvoll nach einem Foto oder Messprotokoll, weil es sich ja möglicherweise um ein Missverständnis handeln könne. Messungen würden sie keine machen, entgegnete er. Mexikanische Polizisten wären aber so gut geschult, dass sie mit dem bloßen Auge die Geschwindigkeit ermitteln könnten.

Wir schauten uns einige Sekunden in die Augen und ich wusste, dass er log. Und er wusste, dass ich es wusste. Also wechselte ich die Strategie im Verhandlungspoker. Wir hätten keine 200 Dollar bei uns. Letzter Urlaubstag, sorry. Ob er mir vielleicht einen Strafzettel ausstellen könne. Das Lächeln des Beamten wurde etwas breiter als er mir anbot, meinen Führerschein einzubehalten. In diesem Fall müsste ich ihn dann am nächsten Tag auf dem Revier in Cancun gegen eine Gebühr von 300 Dollar abholen. Bearbeitungszuschlag. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. Meine Entscheidung.

Ich wog rasch meine Optionen ab. Mein internationaler Führerschein lief sowieso bald ab und morgen früh saßen wir im Flieger nach Deutschland. Ich akzeptierte seinen Vorschlag. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn sein Lächeln war nun deutlich dünner geworden.

Letztendlich einigten wir uns darauf, ihm die fünf Dollar aus unserem Wurfgeld für Banditen und alle Münzen zu überlassen. Dann gab er meinen Führerschein zurück, wünschte uns eine gute Fahrt und ermahnte mich, immer schön langsam zu fahren. Ich bedankte mich höflich und wünschte ihm ein schönes Restleben. Beim Losfahren vernahm ich einige böse Worte über geizige Gringos, aber unser lautes Lachen übertönte seine Flüche.

Sonnenuntergang über dem Meer in Mexiko
Hasta la vista

Tod in Mexico

Über das Leben, den Tod und die Schokolade

Der Tod und das Leben

Die Mexikaner haben eine ganz besondere Beziehung zum Tod. Sie sind davon überzeugt, dass die Verstorbenen ein Mitglied der Gesellschaft bleiben. Am Dia de los Muertes, dem Tag der Toten, kehren sie sogar für kurze Zeit zu den Lebenden zurück. Das muss natürlich gefeiert werden und feiern können die Mexikaner. Drei Tage lang werden die Friedhöfe festlich geschmückt und farbenfrohe Partys rocken das ganze Land.

Da die Reise zu den Lebenden ganz schön hungrig macht, bekommen die Toten ihre Lieblingsspeise und ausreichend Getränke an ihren Gräbern serviert. Besonders bei der Rückfahrt wird für ausreichend Proviant gesorgt, denn man will ja Niemanden auf den Gedanken bringen, auf Dauer zu bleiben. So beliebt ist die verstorbene Verwandtschaft dann wieder auch nicht. Um die Ahnen nicht zu verärgern, werden die Gräber ziemlich aufwändig gebaut. Man weiß ja nie, mit welchen dunklen Mächten sie im Jenseits Kontakt haben.

Friedhof in Mexico mit Gräbern
Wohnen für die Ewigkeit: Friedhof in Mexico

Der Totenkult ist auch außerhalb der Feierlichkeiten nicht zu übersehen, denn überall stehen Skelette herum, mit denen der personifizierte Tod dargestellt wird. Wie wird eigentlich „der Tod“ korrekt gegendert? Die Tode? Nein, das ist der Plural. Die Tödin? Die Todde? Die Töde? Ich bin für jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar. Wir wollen ja nicht die Gefühle von weiblichen „Sensenfrauen“ verletzen…

Reitende skelette
Hier reiten der Tod und seine… ähm, Tödin?
Skelett mit Kleid
Auch Tote gehen mit der Mode
Skelette mit Tablett auf dem kopf
Totenfeier. Tote feiern.
Elvis als Skelett
Und Elvis lebt doch! Ich wusste es!

Der Totenkult entstand schon vor vielen tausend Jahren bei den Ureinwohnern Mittelamerikas. Für die Mayas war der Tod eine natürliche Phase im Lauf des Lebens. Da machte es auch nichts aus, hin und wieder ein Menschenopfer zu zelebrieren, um die Götter milde zu stimmen. Da die spanischen Eroberer ziemlich konsequent alle Unterlagen der Mayas verbrannt hatten, rätseln die Wissenschaftler heute noch über ihre Kultur.

Die Maya-Ruinen von Uxmal

Immer wieder werden im undurchdringlichen Urwald Mayastädte entdeckt. In Uxmal steht eine der ganz seltenen runden Pyramiden. Man weiß wenig über die Pyramide des Zauberers, aber man vermutet, dass der zuständige Priester immer mal wieder ein Menschenopfer aus den Reihen potentieller Konkurrenten auswählte. Praktisch, wenn man seinen Gegnern ganz legal im Dienst für die Allgemeinheit das Herz aus dem Leib schneiden kann.

Pyramide des Zauberers in Uxmal
Die runde Pyramide. Der Zauberer wohnte im Penthouse
Ruine mit Maya Reliefs
Beeindruckende Reliefs
Steile Treppe auf ein Mayagebäude
Sinnloses Treppensteigen bei 35 Grad
Blick auf eine Mayastadt
Ausblick von oben
Mayaruinen im Urwald
Mitten im Urwald
Relief mit Mayakriegern
Noch mehr Reliefs

In ihrer Blütezeit lebten wohl etwa zehn Millionen Mayas in Mittelamerika, die in vielen Städten mit teilweise über 10.000 Einwohnern organisiert waren. Sie hatten ausgeklügelte Bewässerungsanlagen gebaut und Mais, Bohnen und Kartoffeln aus wilden Pflanzen kultiviert. Man entdeckte bisher 500 (in Worten: Fünfhundert) Ballspielstadien, deutlich mehr als ganz Europa zur gleichen Zeit anbieten konnte.

Ballspielstadion der Mayas
Das Wembley der Mayas: Stadion für Ballspiele
Wand mit eingestürzten Reliefs
Hooligans waren schon damals ein Problem

Lange rätselten die Forscher über die Bedeutung eines Tores, das in der Nähe von Uxmal entdeckt wurde. Bis sie dahinter im dichten Dschungel ein Fernstraßennetz fanden, über das die Städte miteinander verbunden waren.

El Arco, ein Tor der Mayas
El Arco- Mautstation der Mayas

Die Schokolade

Wir übernachteten in der Nähe von Uxmal bei Valerie im Pickled Onion in einer Hütte, die im Mayastil mit natürlichen Baumaterialien aus der Region erstellt wurde. So kommt man bei tropischen Temperaturen auch ohne Klimaanlage aus.

Bungalow im mayastil
Bungalow im Mayastil
Hängematte am pool
Siesta

Einen Besuch im naheliegenden Museo del Chocolate ließen wir uns nicht entgehen. Hier erfährt man, wie aus den heimischen Kakaobohnen in vielen mühsamen Schritten irgendwann am Ende die leckere Schokolade herauskommt. Seitdem esse ich Schokolade mit noch mehr Respekt. Schade, dass man wegen der Hitze keine Vorräte mitnehmen konnte.

Choco-Story in Uxmal
Schokoladenmuseum

Im Garten des Schokomuseums gibt es eine sehenswerte Pflanzensammlung mit ungewöhnlichen einheimischen Gewächsen und einige lokale Tierarten, wie Jaguare und Riesenschlangen.

Kaktus mit dicken Stacheln
Wehrhafter Kaktus
SinnlosReisender mit Riesenschlange
Im mexikanischen Urwald fällt das Sterben leicht

Auch wenn der Tod etwas ganz natürliches ist, Ich möchte bitte erst noch meine Schokolade aufessen. Soviel Zeit muss sein!

Das schlechteste Getränk von Mexico

Die schnellste Maus von Mexiko heißt Speedy Gonzales, das weiß ich aus den Zeichentrickserien meiner Kindheit. Nun wird es Zeit, das schlechteste Getränk von Mexiko kennen zu lernen.

Isla Mujeres

Zu einer Zeit als Corona noch eine mexikanische Biersorte war, machten wir eine Rundreise auf der Halbinsel Yucatan. Zur Eingewöhnung verbrachten wir ein paar chillige Tage auf Isla Mujeres, der Insel der Frauen. Der Name ist aber irreführend, denn auch Männer dürfen dort ohne Repressalien Urlaub machen.

Aber bald ist das für deutsche Männer eh kein Problem mehr. Denn laut Entwurf des Geschlechtseintragungsänderungsgesetzes soll bald jeder Bürger ganz unbürokratisch sein Geschlecht frei wählen können. Ich glaube, ich werde mich für einige Wochen zur Frau erklären. Dann kann ich endlich ohne schlechtes Gewissen auf den tollen Frauenparkplätzen parken, die sauberen Damentoiletten benutzen und mir meinen Jugendtraum erfüllen: Einmal in der Damenumkleide unseres Sportvereins duschen gehen. Mädels, ich freue mich schon darauf!

Auf der Insel suchten wir uns erstmal einen Mietwagen. Ich hatte gelesen, dass hier ganz fortschrittlich ausschließlich Elektrofahrzeuge vermietet werden. Die Auswahl war allerdings etwas eingeschränkt, denn es gab nur ein einziges Modell: „Familie Feuerstein“ als Golf Cart. Das Gefährt war ungefähr so sexy wie Herpes und fuhr maximal 25 km/h. Die einzige Alternative war das Taxi.

Der SinnlosReisende fährt elektrisch
Taxi Golf Cart auf  Isla Holbox
Taxi

Auf Isla Mujeres dürfen nämlich nur Versorgungsbetriebe und Handwerker ein richtiges Auto fahren. Da die Insel sehr klein ist, reicht so ein Minimalfahrzeug absolut aus. Und das hat den Vorteil, dass man ganz entspannt in den Straßen schlendern kann, ohne ständig auf den Verkehr zu achten.

Müllwagen auf Isla Mujeres
Die Müllabfuhr auf Isla Mujeres
Hauptstraße auf Isla Mujeres bei Nacht ohne Autos
Entspannte Hauptstraße ohne Autos

Am Strand geht es sehr gechillt zu, das geht gar nicht anders. Wir verbrachten einige Tage im Karibikmodus, ernährten uns von leckeren Tacos, Tortillas oder Quesadillas und schlürften die eisgekühlte Reismilch Horchata.

Blick auf Cancun von Isla Mujeres
Isla Mujeres. Am Horizont die Hotelburgen von Cancun
Strand
Wer hier Stress hat, ist selber schuld

Das Michelada-Debakel

Ich bin ja in fernen Ländern immer auf lokale Spezialitäten neugierig. Als ich Abends in der Beach-Bar ein mir unbekanntes Getränk mit dem Namen Michelada auf der Karte entdeckte, bat ich den Kellner zum Beratungsgespräch. Er reagierte ganz euphorisch, lobte meinen ausgezeichneten Geschmack und erklärte, dass Michelada das Nationalgetränk von Mexiko und speziell dieser Region sei und außerdem das Lieblingsgetränk aller Mexikaner. Und da zufällig genau in dieser Bar die besten Micheladas weit und breit serviert wurden, erfülle es ihn mit Stolz, mich an dieser Köstlichkeit teilhaben zu lassen. Zumindest war es ungefähr das, was ich aus seinem Kauderwelsch aus Englisch und Spanisch heraushörte.

Wenig später kam das Getränk, eine trübe Flüssigkeit in einem Halbliterglas mit etwas Klebrigem am Glasrand. Der Kellner wartete neben unserem Tisch und schaute mich mit einem strahlenden Lächeln erwartungsfroh an. Ich probierte vorsichtig von dem Gemisch, das einen eigenartigen Geruch verströmte, den ich nicht richtig einordnen konnte. Als meine Geschmacksnerven erste Signale rückmeldeten, erstarrte ich. Die SinnlosReisende schaute mich fragend an. Der Kellner erkundigte sich mit stolzgeschwellter Brust, wie es mir schmecke. Ich zwang meine Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln und murmelte etwas Unverbindliches, um ihn loszuwerden.

Dann versuchte ich, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Das Gesöff schmeckte so widerlich, dass ich mich kaum zu einem zweiten Schluck überwinden konnte. Aus der Ferne reckte der Kellner den Daumen nach oben und rief ein lautes „Salud!“. Auch nach mehreren Versuchen konnte ich mich nicht an den unbeschreiblichen Geschmack gewöhnen, aber ein Nationalgetränk lässt man nicht zurückgehen. Während die SinnlosReisende sich einen Ast ablachte, kämpfte ich würgend einen einsamen Kampf gegen Mexikos Nationalehre. Ich verdünnte das Getränk heimlich aus meiner Wasserflasche, aber das änderte nichts an dem Brechreiz, der mich langsam überkam.

Der Kellner bemerkte nach einer Weile, dass sich der Füllstand in meinem Glas kaum änderte und fragte mit besorgter Miene, ob es ein Problem gäbe. Um seinen Stolz nicht zu verletzen, versuchte ich mich vorsichtig mit Hinweisen auf das deutsche Reinheitsgebot und einen verdorbenen Magen herauszureden. Am Ende deutete ich an, dass dieses Getränk einfach nur himmlisch schmecke, aber speziell mir eben nicht so ganz zusage.

Der Kellner hörte meinem Gestammel mit gerunzelter Stirn zu. Dann griff er mein Glas und meinte, möglicherweise habe sich der neue Barkeeper in der Mixtur vertan und versprach, mir ein neues Glas zu bringen. Nach einer hitzigen, lauten Diskussion an der Bar stellte er erneut ein volles Glas vor mich und stellte sich breitbeinig mit verschränkten Armen neben unseren Tisch. Außer dem Kellner und mehreren einheimischen Gästen beobachtete mich auch der Barkeeper mit einem langen Messer vom Limettenschneiden in seiner Hand.

Mir wurde schlagartig bewusst, wie schmal der Grat zwischen karibischer Urlaubsstimmung und kulturellem Debakel ist. Ich sah mich schon als Opfer einer Getränke-Vendetta. Und plötzlich fiel mir ein, wie viele Touristen in Mexico spurlos verschwinden. Vorsichtig nahm ich einen kleinen Schluck. Während die SinnlosReisende mühsam einen Lachanfall unterdrückte, versuchte ich meine Panik in den Griff zu bekommen. Das Getränk schmeckte genauso giftig wie das erste Glas. Tapfer zwang ich mich zu einem Lächeln und reckte den erhobenen Daumen in Richtung Bar.

Skelett bringt Getränke
Noch eine Runde Micheladas, Señor?

Auf meine Frage, aus was denn diese Michelada bestehe, erfuhr ich die Zubereitung: Man wälzt den mit Zitronensaft angefeuchteten Glasrand in Salz und Chillipulver. Dann füllt man zwei Finger hoch Maggi Flüssigwürze in das Glas und gibt ein paar Eiswürfel, einen Schuss Tabasco sowie einen Spritzer Limettensaft hinein. Dann gießt man das Ganze mit einer Mischung aus Tomatensaft, Venusmuschelpulver und Bier auf. Fertig ist die Katastrophe*. Ich bedankte mich für die Information und begab mich auf die Toilette um mich zu übergeben. Ich war nicht der Einzige.

Jaguar Skulptur in Toilette
Jaguarpärchen, beim Erbrechen einer Michelada auf der Toilette überrascht

Während der Kellner eine Zigarettenpause machte und der Barkeeper gerade beschäftigt war, schüttete ich das Getränk unauffällig in den Pflanzenkübel neben unserem Tisch. Als das Bäumchen die ersten Blätter abwarf, entfernten wir uns zügig.

Rio Lagartos und Las Coloradas

Nach einigen wundervollen Tagen nahmen wir die Fähre zurück ans Festland, wo wir uns einen Mietwagen besorgten, diesmal ein erwachsenes Fahrzeug. Nach unglaublichen drei Stunden Wartezeit am Schalter von Europcar (Herzlich willkommen auf unserer schwarzen Liste der Firmen, mit denen wir keine Geschäfte mehr machen!) erhielten wir den Schlüssel für einen Chevrolet Spark. Der Fahrzeughersteller hatte sich in vergangenen Jahrzehnten einen zweifelhaften Ruf erworben. „Unsafe at any speed“ war das Fazit der Testzeitschriften. Unser Modell war eine Sonderedition ohne neumodischen Firlefanz wie ABS, ESP oder Airbags, aber immerhin mit Klimaanlage und einem Motörchen, das Geschwindigkeiten knapp über 100 km/h erlaubte. Schneller will man auf mexikanischen Straßen sowieso nicht fahren.

Wir fuhren nach Rio Lagartos, wo wir im gleichnamigen Nationalpark einen Bootsausflug machten. In den verzweigten Lagunen gibt es Mangroven, Flamingos und Kaimane. Letztere sind etwas beunruhigend, denn im selben Gewässer liegt auch die Insel mit dem Badestrand. Unser Bootsführer versicherte uns, dass es hier völlig ungefährlich sei. Trotzdem hatte er die Bezahlung im Voraus kassiert und ging selbst nicht ins Wasser. Sicher ist sicher.

Mangroven in Rio Lagartos
Unberührte Mangrovenwälder
Pelikana in Rio Lagartos
Auch Wasservögel mögen keine nassen Füße
Kaiman schwimmt im Wasser
Hungriger Badegast
Flamingos in Rio Lagartos
Einbeinige Wanderer

In Las Coloradas ist der Name Programm. Hier wird Salz gewonnen, was dem Wasser eine eigenartige Farbe verleiht. Angeblich enthält der schlammige Boden hier wertvolle Mineralien, die gut für die Haut und für ein langes Leben sein sollen. Die Wirkung muss aber eher langfristig sein, denn während der Behandlung merkt man nicht viel. Immerhin gibt es hier Urzeitkrebse und die sehen wirklich alt aus.

Die SinnlosReisenden im Beauty-Modus
Pinkfarbenes Wasser in Las Coloradas
Salzbecken in Pink
Boot am Strand von Las Coloradas
Am Strand von Las Coloradas

Die Ruinen von Ek Balam

Die Fahrt durch das ländliche Yucatan ist ziemlich eintönig. Das Land ist flach und bewaldet und daher sieht man kilometerlang nichts als Bäume neben der Straße.

Straße mit Bäumen in Yucatan
Ein bisschen mehr Aussicht könnte nicht schaden

Das war vielleicht auch der Grund, warum die Mayas mitten in den Dschungel so hohe Pyramiden bauten. In Ek Balam bestaunten wir die gut erhaltenen Überreste einer Siedlung. Es kostet etwas Schweiß, bis ganz nach oben zu klettern, aber es lohnt sich. Denn die schönsten Reliefs findet man im Dachgeschoss, dort wo die Priester ihrem Handwerk nachgingen.

Ruinen von Ek Balam
Die Ruinen von Ek Balam
Blick auf die Ruinen von Ek Balam
Von oben sieht man endlich weiter als bis zum nächsten Baum
Maya Tempel mit Reliefs
Ganz oben: Die Galerie der Stinkefinger

Nach der anstrengenden Kletterpartie in tropischer Hitze nahmen wir ein Bad in einer Cenote. Das sind runde Löcher, die ohne ersichtlichen Grund mitten in der Landschaft entstanden sind. Es ist einfach nur herrlich, alleine in dem stillen Wasser zwischen den herabhängenden Luftwurzeln zu planschen.

Cenote ohne Menschen
Idyllisches Badeplätzchen
Cenote mit Badenden
Nach Ankunft eines Reisebusses

* Später erfuhr ich, dass es durchaus trinkbare Variationen der Michelada gibt. Die Menge der Flüssigwürze macht den Unterschied zwischen Durstlöscher und Brechmittel. Hasta luego!