Unbekanntes Spanien

In Spanien kennt sich mancher Deutsche besser aus als Zuhause. Deshalb will ich heute ein paar Gegenden für die Nachwelt dokumentieren, die vielleicht nicht so bekannt sind.

El Caminito del Rey

Er war einmal der gefährlichste Wanderweg der Welt, El Caminito del Rey (auf Schwäbisch: „s Königswegle“). Seit seiner Renovierung vor einigen Jahren ist er absolut ungefährlich. So ungefährlich, dass man ihn ohne Schutzhelm nicht betreten darf. Trotzdem ist er so beliebt, dass man Wochen im Voraus Tickets reservieren muss. Wir hatten enormes Glück und bekamen kurzfristig keine Eintrittskarten mehr. Denn genau an dem Tag, an dem wir den Weg bezwingen wollten, wurde er wegen starkem Wind geschlossen. Zu gefährlich.

Als Ersatzprogramm wanderten wir in der Sierra Cazorla am Rio Borosa. Der ist wirklich ungefährlich, aber ebenfalls schön. Nur die Schilder können den unerfahrenen Wanderer verwirren. Profis wissen, dass man in Spanien nicht auf Schilder achtet, daher ist es eigentlich egal, was drauf steht.

Verwirrende Schilder
Verwirrende Beschilderung. Darf man jetzt oder darf man nicht?
Rio Borosa
Rio Borosa
Cerrada de Elias
Gut ausgebaut: Cerrada de Elías
Schafherde
In der Sierra Cazorla. Ein schwarzes Schaf ist immer dabei.

Es gibt in Spanien eigenartige Gesetze. Es ist der Bevölkerung beispielsweise strengstens verboten, sich zwischen 14:30 und 17:00 Uhr im Freien aufzuhalten. Alle Geschäfte, Behörden und Bars verrammeln Fenster und Türen, als ob sie den Einmarsch der Armee der Untoten befürchten würden. Die einzigen Ausnahmen sind ein paar angetrunkene Gestalten, die nach zwei Flaschen Wein zum Mittagessen ihren Heimweg nicht rechtzeitig finden. Und Touristen wie wir, die ratlos in den ausgestorbenen Städten herumirren.

Menschenleerer Platz in Ubeda
High Noon in der Innenstadt von Ubeda
Häuser mit verschlossenen Fensterläden
Verrammelt

Nachtrag: Ich habe herausgefunden, wie das Gesetz heißt. Man nennt es Siesta.

Spiel mir das Lied vom Tod in Tabernas

Neben der Sierra Nevada liegt die Desierto de Taberna, eine Wüste in bester Wild-West-Manier. Hier wurden zahlreiche Filme gedreht, unter anderem Lawrence von Arabien und die Klassiker von Altmeister Sergio Leone, Spiel mir das Lied vom Tod und Für eine Handvoll Dollar. Die Kulissen bleiben nach dem Dreh stehen und werden bei den nächsten Aufnahmen wieder renoviert und umgebaut.

Wüste von Tabernas
Die Wüste von Tabernas
Blühender Busch in der Wüste
Die Wüste lebt!
Hollywood Sign in Spanien
Hollywood-Filiale in Spanien
Wildwest Kulisse
Wild-West-Kulissen
Route 66 in Spanien
Hä? Ich glaub ich bin im falschen Film.

Nationalpark Ebro-Delta

Einer der wenigen spanischen Flüsse, die das ganze Jahr über Wasser führen, ist der Ebro. Sein Mündungsdelta wurde zu einem Naturschutzgebiet deklariert. In den feuchten Wiesen im Umland wird Reis angebaut, den man hier überall in den Restaurants als Arroz Negro aufgedrängt bekommt. Das hat nichts mit dem N-Wort zu tun; es handelt sich um ein Risotto, das mit der Tinte von Calamares schwarz gefärbt wird.

Delta des Ebro
Im Delta des Ebro
Reisfeld im Ebrodelta
Spanischer Reis
Reisernte
Die Reisernte ist ein matschiges Geschäft
Arroz Negro, oder wie man heute sagen würde: „Rice of Color“
Eingang zum Nationalpark Ebrodelta
Naturpark Ebro: Seil nicht übertreten! Und wenn doch, dann Hunde an die Leine!
Frau  mit Skelett
Die SinnlosReisende: Leichen pflastern ihren Weg
Schild mit Vögeln
Warnschild für Vögel: Keine Menschen an den Nachwuchs verfüttern, nur Fische!

Sinnlose Skulpturen

Spanier lieben Skulpturen. In jeder noch so winzigen Ortschaft stehen mehr oder weniger kunstvolle Gestalten herum. Über den Sinn kann ich wie immer nur spekulieren.

Skulptur Kind mit Gans
Der junge St. Martin würgt seine Gans
Skulütur Frau mit Krokodil
Anwendung des Heimlich-Griffs als Erste Hilfe bei Reptilien
Bronzestatue mit Bocksprung Kinder
Bocksprung Quer – wenn Schienbein und Schädel Freunde werden…
Gesicht mit Augen
Fernblick
Skulptur Junge mit Schulranzen auf Schildkröte
Ich kann nichts dafür, meine Schildkröte hatte Verspätung!
Segelschiffe im Kreisverkehr
Kreisverkehr
Skulpturen tragen Sitzbank
Job mit Durchhaltevermögen
Skulpturen turnen über der Straße
Turngesellschaft mit Durchhänger
Graffity
Auf der rosa Wolke
Achtung Blitz!
Zu spät.
Skulptur Frau streckt Arm nach oben
Halt, SinnlosReisender, das ist genug! Verschone mich mit deinem Unsinn!
Mann sitzt auf überdimensionaler Bank
Also gut! Der kleine Marco muss jetzt eh nach Hause gehen.

¡Hasta luego!

Das Wunder von Córdoba

Córdoba ist ein feststehender Begriff aus dem Fußball, ähnlich wie Abseitsfalle oder Viererkette. An diesem Ort ereignete sich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nämlich das Wunder von Córdoba, als der Underdog Österreich gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland gewann und beide Mannschaften ausschieden. In Deutschland wird das gleiche Ereignis als die Schmach von Córdoba erinnert. Es kommt eben immer auf den Blickwinkel an.

Die Mezquita-Catedral

Das spanische Córdoba hat nichts mit Fußballwundern zu tun. Hier steht ein architektonisches Wunder: eine gotisch-maurisch-barocke Renaissance-Kathedralmoschee. Oder anders ausgedrückt: eine römisch-katholisch-muslimische Moscheenkathedrale. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Ich spreche von der Mezquita-Catedral de Córdoba.

Mezquita von Cordoba und römische Brücke bei Nacht
Unübersehbar, selbst bei Nacht
Orangerie der Mezquita von Cordoba
Die Orangerie vor der Mezquita

Wie es zu diesem Durcheinander kam? Nun, da waren wohl einige geschichtliche Zufälle im Spiel. Schon die alten Römer hatten die Bedeutung des Städtchens erkannt und bauten eine Brücke über den Guadalquivir und einen Tempel. Als das römische Reich wegen überbordender Dekadenz zerfallen war, errichteten die Westgoten eine christliche Kirche auf dem Fundament des römischen Tempels. Dann eroberten die Mauren halb Spanien und rissen das Haus der Ungläubigen ab. Sie waren aber mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit so weit vertraut, dass sie die Säulen der Kirche als Stützpfeiler für ihre Moschee wieder verwendeten.

Dann war lange Zeit Ruhe im Karton, beziehungsweise maurische Herrschaft, und jeder neue Herrscher bewies seine Macht durch eine Erweiterung und Verschönerung der Moschee. So wuchs das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte auf eine gigantische Fläche von 23.000 qm an. Zum Vergleich: das ist zehnmal so groß wie die blaue Moschee in Istanbul, und die ist auch schon ziemlich beeindruckend.

Mezquita
Maurische Rundbögen auf gotischen Säulen
Maurische Rundbögen in der Mezquita
Gemusterte Hallen
Arabische Ornamente in der Mezquita
Arabische Ornamente

Irgendwann endete aber auch die muslimische Herrschaft in Andalusien, wie man hier nachlesen kann. Die Moschee wurde zu einer christlichen Kirche umdekoriert und das Minarett bekam eine Kirchenglocke. Ein übereifriger Bischof überredete dann im 16. Jahrhundert den ahnungslosen Kaiser Karl V. dazu, in der Mitte der Moschee eine Kathedrale einbauen zu lassen, komplett mit barocken Engelchen und pompösem Altargedöns. Nach zeitgenössischen Berichten soll Kalle dann bei seinem Besuch in Córdoba entsetzt gewesen sein, was er da angerichtet hatte.

Katholischer Altar in der Mezquita
Seite an Seite: Renaissance-Altar und maurische Rundbögen
Chorgestühl in der Kathedrale von Cordoba
Chorgestühl aus Mahagoni unter barockem Gewölbe
Goldener Adler in der Kathedrale von Cordoba
Rednerpult: Hier spricht der goldene Adler

Man kann natürlich geteilter Meinung sein, ob die krasse Durchmischung von Baustilen und Religionen in einem Gebäude schön ist, aber auf jeden Fall ist dadurch etwas weltweit Einmaliges entstanden. Fotos können nicht mal annähernd wiedergeben, wie beeindruckend dieses Bauwerk ist. Klare Empfehlung der SinnlosReisenden: Hinfahren, selber staunen! Eintritt 12€, früh Morgens am Nebeneingang kostenlos. Es lohnt sich!

Löwe und Totenkopf
Vertrau mir, ich bin ganz lieb!

Córdoba badet

Aber Córdoba bietet noch mehr als die Mezquita. Direkt nebenan wurden bei Ausgrabungen die Bäder des Kalifen entdeckt. Hier kümmerten sich zahlreiche Sklaven um den Badespaß der Kalifenfamilie. In den Schatten der Säulen wurden aber auch etliche Intrigen ausgeheckt und mancher Meuchelmord verübt.

Säulen mit Schatten im Bad des Kalifen
Im Schatten schleichen finstere Gestalten herum
Statue Frau mit Dolch in der Schulter
Aua

Córdoba und die Blumen

Córdoba ist berühmt für seine Blumenkunst. Überall hängen blühende Blumentöpfe an den Hauswänden. Und ein Blick in die Innenhöfe der Altstadt lässt das Floristenherz höher schlagen.

Innenhof mit Blumen
Hobbygärtner im Hinterhof
Statue mit Floristen
Denkmal des Unbekannten Floristen
Calleja de las Flores in Cordoba mit Glockenturm
Calleja de las Flores mit Blick auf den Glockenturm der Mezquita

Castillo de Almodóvar

Eine halbe Stunde von Córdoba entfernt liegt die Burg von Almodóvar. Der Burgherr hat die Anlage aufwändig restauriert und wohnt selbst im historischen Gemäuer. Die Burg wird gerne von Game-of-Throne-Fans besucht, denn hier wurde die Schlacht zwischen der Familie Lannister und dem Haus Rosengarten gefilmt.

Castillo de Almodovar del Rio
Castillo de Almodóvar del Rio
Balkon am Castillo de Almodovar
Die Mutter der Balkone

Im Ort unterhalb der Burg gibt es eine regionale Spezialität namens Salmorejo Cordobés. Das ist eine kalte dickflüssige Suppe, die nicht aus Lachs gemacht wird, wie man aufgrund des Namens und der Farbe vermuten könnte. Es handelt sich um eine vegetarische Delikatesse (wenn man die Speckwürfel abbestellt) aus Tomaten, Olivenöl, Brot und Knoblauch. Schmeckt extrem lecker, man ist aber wegen des Knoblauchs eine Weile lang vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Teller mit Salmorejo Cordobes
Lecker: Salmorejo Cordobés

So, liebe Leute, das war’s für heute. Ich melde mich wieder, wenn sich der Knoblauchduft verzogen hat.

Spanisch lernen in Spanien

Wenn du Spanisch lernen willst, gehst du nach Spanien. Klingt logisch. Das ist aber gar nicht so einfach, wie man meinen könnte.

Nachdem ich mich in Costa Rica schon ausgiebig über meine nicht existenten Spanischkenntnisse ärgern durfte, bereitete ich mich dieses Mal besser vor. Ich besorgte mir die Premiumausgaben von Langenscheidt und Pons aus der städtischen Bücherei mit CD und Onlinematerial. Dann arbeitete ich vor Motivation strotzend die ersten Lektionen durch. Vier Wochen reichen locker aus. Sagt Carmen aus dem Power-Sprachkurs, und die muss es wissen. Ich lernte, an der richtigen Stelle zu lispeln, Satzzeichen auf den Kopf zu stellen und das spanische H auf keinen Fall auszusprechen. Und dann auf nach Spanien, um das frisch Erlernte durch praktische Übungen in die weiche Hirnmasse einzupressen.

Ankunft in Barcelona

An der (H)otelrezeption in Barcelona (mit elegant gelispeltem c) knallte ich selbstbewusst meinen Spruch aus Lektion 2 auf den Tresen:

„¡Hola, buenas tardes! ¿Qué tal? Me llamo Marco y tengo una reserva.“ Peng!

Zufrieden über diese gelungene Eröffnung erwartete ich freudig gespannt die Antwort, die laut Lehrbuch etwa so ausfallen sollte:

„¡Bienvenido! Muy bien, gracias. ¿Y usted?“

Der Mann am Empfang nahm meinen Ausweis wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, tippte routiniert auf seiner Tastatur herum und händigte mir eine Keycard aus. Dann antwortete er in akzentfreiem Deutsch: „Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“ Er ergänzte die obligatorischen Hinweise zum WiFi-Password und zu den Frühstückszeiten und zeigte uns den Weg zum Aufzug. Dann wünschte er uns einen schönen Aufenthalt in Katalonien.

Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Barcelona nicht in Spanien, sondern in Katalonien liegt, zumindest nach Ansicht von großen Teilen der hiesigen Bevölkerung. Das Unabhängigkeitsreferendum von 2019 endete zwar erfolglos mit einem internationalen Haftbefehl für Carles Puigdemont (gesprochen: Putschdämon), aber die Katalanen sind hartnäckig. Überall hängen überdimensionale katalanische Fahnen. Wo es sich an offiziellen Gebäuden nicht vermeiden lässt, eine spanische Fahne aufzuhängen, hängt man eben zwei katalanische Flaggen daneben um die Rangordnung wieder herzustellen. Und man spricht katalanisch. Ein Tiefschlag für meine Spanischübungen.

Katalanische Fahne an einem Gebäude
Unübersehbar Katalonien
Mehrere katalanische Fahnen
Eine Fahne reicht nicht aus

Die vielleicht eigenartigste Tradition Kataloniens ist der Bau von Türmen aus menschlichen Körpern. Es gibt hier jedes Jahr Wettkämpfe, bei denen der höchste Menschenturm prämiert wird. Vermutlich ist die Benutzung von Leitern zu spanisch und damit inakzeptabel.

Skulptut Menschenturm
Wer braucht schon Leitern, um eine Straßenlaterne zu reparieren?

¿Hablas Español? Nein, eher nicht.

Unser nächstes Ziel war Valencia, darüber hatte ich ja schon in einem eigenen Beitrag berichtet. Die Hoffnung, hier mein mühsam erlerntes Spanisch üben zu können, verflog allerdings schnell. Die autonome Region Valencia distanziert sich ebenfalls von Spanien. Hier spricht man Valenciano, das wie Spanisch klingt, nur dass man es nicht versteht. Auch in Valencia streben etliche Menschen die Unabhängigkeit von Spanien an. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass die Region vor 800 Jahren unter der Krone von Aragon ein eigenes Königreich gebildet hatte. Und früher war eh alles besser. Mit derselben Logik könnte auch Hannover einen unabhängigen Staat ausrufen, weil es schon mal ein Königreich Hannover gab. Oder das Fürstentum Schaumburg-Lippe.

Von den Basken weiß man ja schon länger, dass sie nicht von Spanien regiert werden wollen, und mir stellte sich langsam die Frage, was die Regierung in Madrid eigentlich treibt, dass so viele Regionen nichts mehr von ihr wissen wollen. Klar, niemand wird gerne aus der Ferne regiert, aber ich halte es nicht für besonders schlau, sich in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Herausforderungen in winzige Ministaaten mit sehr begrenztem Einfluss aufzuteilen. Aber Spanier sind eben sehr stolz. Erst recht, wenn sie sich nicht als Spanier fühlen. Und besonders stolz sind sie auf ihren Jamón, den berühmten Schinken.

Spanische Serrano Schinken
Der kleine Horrorladen für Vegetarier

Spanien in der Nebensaison

Wir suchten die Ruhe eines Ferienortes im Oktober und buchten eine Wohnung in Campoamor. Das klingt wie eine Mischung aus Dschungelcamp und Liebesinsel, allerdings hatte das Publikum hier einen Altersdurchschnitt von geschätzten 90 Jahren. Wir residierten im 11. Stock eines Hochhauses, in dem wir fast die einzigen Bewohner waren. Ein himmlischer Ausblick und die perfekte Ruhe waren das Resultat.

Aufblasbare Puppe ohne Luft auf einer Bank sitzend
In der Nebensaison ist die Luft raus
Sprungturm auf dem Trockenen
Sprungturm – Die Spanier rechnen fest mit einem Anstieg des Meeresspiegels
Metallgestell in Fischform mit Plastikmüll
Plastikmüll landet im Bauch der Fische
Elefantenfüße von Campoamor
Die Elefantenfüße von Campoamor entstanden durch Erosion…
Mann liegt unter Felsen
…und manchmal erwischt es eben unvorsichtige Touristen. Pech.

Noch ruhiger als am Strand war es in den nahe gelegenen Bergen. Hier hatte ein Eremit sich in abgeschiedener Lage sein Penthouse hingestellt.

Beste Wohnlage für Einzelgänger: Eremitage von Mare de Deu de la Roca de Mont-roig
Durchlöcherte Felsen
Die Höhlen des Eremiten

Costa del Sol

An der Costa del Sol versuchten wir diese tolle Erfahrung zu wiederholen. Die Wahl des Balkons ist im Oktober für eine Ferienwohnung entscheidend. Gute Balkone sind windgeschützt und verglast, haben Meerblick und gehen nach Süden oder Westen. Auf unserem schattigen Ostbalkon schälte die Zugluft den Rauhputz von der Wand, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über dem Meer zum Frühstück.

Hochhaus in Benalmadena
Wohnen auf der Schattenseite

Unser Studio war etwa fünf Quadratmeter groß, davon belegte das ausziehbare Schlafsofa die Hälfte. Wenn einer von uns das andere Bein übereinanderschlagen wollte, musste der andere solange in die Toilette ausweichen. Von der Nachbarwohnung trennte uns eine Pappwand, durch die wir die Trinkfestigkeit der Männergruppe nebenan im Detail verfolgen konnten.

Die Sonne ging am nächsten Morgen tatsächlich wieder auf, allerdings hinter dem Nachbarhochhaus. Um 11 Uhr kam sie endlich zum Vorschein, um eine halbe Stunde später hinter der Hausecke wieder zu verschwinden. Als nebenan eine Familie mit Kleinkind einzog, beschlossen wir, ab jetzt die Finger von Hochhäusern zu lassen.

Die Costa del Sol ist touristisch voll erschlossen und fest in englischer Hand. Spanischkenntnisse nützen hier wenig, denn die Menschen, die hier arbeiten, kommen überwiegend aus Osteuropa. Ich studierte stattdessen ausgiebig die Strandverkäufer, die angeblich Strandtücher oder Sonnenbrillen anboten. Ich durchschaute allerdings schnell, dass sie in Wirklichkeit genau zwei Produkte verkauften: „Tschiep Tschiep“ und „Gud Breis“. Letzteres wurde in zwei Ausführungen angeboten, nämlich als „Werri Gud Breis“ und in der Premiumausgabe für Stammkunden in der Variante „Werri Gud Breis Mai Frend“.

Strand
Idyllische Ruhe am Strand
Strand mit Handtuch
Wer stört?
Strandverkäufer
Ah, mein alter Bekannter Gud Breis.

Im Landesinneren

Als wir genug vom Massentourismus gesehen hatten, zogen wir ins Landesinnere nach Valle de Abdalajís, in eines der pueblos blancos. Hier sprach der Spanier endlich Spanisch. Es gab nur ein Problem: Spanier können vieles, aber nicht langsam sprechen. Wenn ich sie darum bat, langsamer zu sprechen, wiederholten sie ihre stakkatoartigen Sätze mit den rrrrrollenden Rrrrrrr-Lauten in der gleichen unglaublichen Geschwindigkeit, nur lauter. Es gelang mir nicht einmal festzustellen, wo ein Wort aufhört und wo das Nächste beginnt. Elarrrrrroyorrrrojaestaarrrrrribaperrrroestacerrrrrradoelvierrrrrrrrnes. ¡Hombre!

Valle de Abdalajis
Valle de Abdalajís aus der Ferne…
Valle de Abdalajis
…und von oben

El Torcal

Im spanischen Hinterland, weitab von den Touristenströmen, liegt ein stilles Naturwunder zum Staunen, eine Oase der Ruhe, ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer erwähnt wird: El Torcal. In Jahrmillionen haben sich versteinerte Muschelreste zu einem Kalksteingebirge aufgetürmt, das mit den erstaunlichsten Formen überrascht. Uns überraschte noch mehr, dass die Zufahrt zum Parkplatz gesperrt war und unglaubliche Menschenmassen mit Shuttlebussen nach oben gefahren wurden.

Heute war nämlich spanischer Nationalfeiertag. Christoph Kolumbus, der alte Seebär, hatte genau an diesem 12. Oktober vor 529 Jahren die Ostküste Indiens entdeckt. Dachte er zumindest. In seiner Tradition eroberten die Einheimischen an diesem Feiertag ihre Umgebung. Großfamilien picknickten lautstark zwischen den Felsen, Reisebusse spuckten Wagenladungen an Tagestouristen aus und gröhlende Gruppen von jungen Menschen auf der Jagd nach dem besten Instagram-Foto irrlichterten durch die staunende Natur.

Felsenbild El Torcal
El Torcal: Kalk in seiner schönsten Form
Felsen El Torcal
Steintürmchen
Frau wandert in Felsen
Unwegsames Gelände
Viele Wanderer im El Torcal
Invasion der Tages-Ausflügler

Wir machten uns auf den Weg nach Córdoba, aber davon bald mehr im nächsten Beitrag. ¡Hasta luego!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Das Prager Metronom

Manchmal dauert die Ewigkeit kürzer als man denkt

Über den Ufern der Moldau steht die Installation „Time Machine“, die laut ihrem Erschaffer Vratislav Karel Novak den unerbittlichen Lauf der Zeit symbolisieren soll. Das umgangssprachlich als „Metronom“ bezeichnete Kunstwerk könnte aber auch die Verschwendung von Material (7 Tonnen) und Energie darstellen. Denn das Metronom wird von einem Elektromotor angetrieben und dreht sich einfach nur von links nach rechts und von rechts nach links. Und das endlos, ohne Sinn und Verstand. Nicht einmal eine bestimmte Taktfrequenz wird eingehalten, wie das bei anständigen Metronomen mit beruflichem Ehrgeiz üblich ist.

Das Prager Metronom von der Moldau aus gesehen
Das Metronom von der Moldau aus gesehen – ein roter Stachel im Fleisch der Geschichte

Dabei hat Prag bereits seit über 600 Jahren einen Zeitmesser, der sich gewaschen hat: die astronomische Uhr am Rathaus. Hier werden auf zwei Ziffernblättern jede Menge Informationen dargestellt. Oben werden neben der Uhrzeit die Sternzeit, die Planetenstunden, Sonnenauf- und untergang, Mondauf- und untergang, Dämmerungsphasen, die Mondphasen und die Jahreszeiten angezeigt.

Zusätzlich werden die böhmischen Stunden angezeigt, die eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang beginnen und bis 24 gezählt werden. Das sagt einiges über die Bedeutung des Nachtlebens in Prag aus. Außerdem zeigt die böhmische Uhr, in welchem Tierkreiszeichen sich Mond und Sonne jeweils befinden. Und das pünktlich seit dem Jahr 1420. Das ist schon erstaunlich, wenn man die Haltbarkeit heutiger Uhren bedenkt.

Astronomische Uhr am Rathaus Prag
Die astronomische Uhr in Prag

Das untere Ziffernblatt ist ein Kalender, der neben Tagen und Monaten die Namenstage der katholischen Heiligen anzeigt. Was aber die Touristen aus der ganzen Welt anzieht, sind die Figuren und Automaten. Zur vollen Stunde öffnen sich nämlich die beiden Fenster über der Uhr und über eine automatische Mechanik ziehen die zwölf Apostel an den Fenstern vorbei. Zum Abschluss kräht der Hahn über den Aposteln und der Sensenmann wendet das Stundenglas bis zur nächsten Stunde.

Touristen vor der astronomischen Uhr in Prag
Zur vollen Stunde staunt der Tourist

Mit diesem historischen Schwergewicht kann das Metronom sowieso nicht mithalten. Vielleicht hat der Künstler deshalb bewusst auf jeglichen Sinn verzichtet. Wenn man nach einer Daseinsberechtigung für das Metronom sucht, muss man schon in die Geschichte abtauchen. Denn das Metronom wurde genau an der Stelle errichtet, an der fünfzig Jahre zuvor ein noch sinnloseres Monument stand: das Stalindenkmal.

Als nach dem zweiten Weltkrieg klar wurde, dass die Sowjets sich aus der Tschechoslowakei nicht so bald wieder verkrümeln würden, dachte sich die Regierung etwas ganz Besonderes aus: Um den Diktator Stalin positiv zu stimmen, sollte ein überdimensionales Denkmal aus Granit bis in alle Ewigkeit auf die tschechische Hauptstadt herabblicken. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem alle Bildhauer teilnehmen mussten. Ohne Ausnahme. Die Künstler versuchten mit allen Tricks, dieses ungeliebte Projekt nicht zu gewinnen, aber am Ende erwischte es denjenigen mit dem am wenigsten schlechten Entwurf.

Otakar Svec war der Unglückliche, der den Zuschlag bekam. In der Hoffnung, dass die Jury vor den enormen Kosten und der nahezu unmöglichen Realisierbarkeit zurückschrecken würde, hatte er ein Figurenensemble entworfen, das zum größten Denkmal Europas werden sollte. Er hatte hoch gepokert und wurde enttäuscht. Die Jury fand seinen Vorschlag würdig und angemessen und bestand auf einer Umsetzung.

Großer Verbrecher – großes Denkmal

Am 1. Mai 1955 fand mit viel Pomp die Enthüllung statt. Otokar Svec konnte diese Schande nicht ertragen und beging vier Wochen vorher Selbstmord. Der 17 Tonnen schwere Koloss aus Granit und Beton schien für die Ewigkeit gebaut. Allein Stalins Schuh maß zwei Meter. Doch die Ewigkeit dauerte in diesem Fall etwas mehr als sieben Jahre. Inzwischen hatte man nämlich in Moskau nachgedacht. Bei genauerer Betrachtung fand man Stalins Lebenswerk, das auf Terror, Genozid und vielen Millionen Toten basierte, nicht mehr zeitgemäß. Auf Befehl von Nikita Chruschtschow wurde das Monument 1962 gesprengt. Allerdings „respektvoll“, wie es offiziell hieß, ohne Filmaufnahmen und möglichst diskret.

Wie auch immer eine respektvolle, diskrete Sprengung mit Dynamit aussieht, jedenfalls lag das sinnlos gewordene Gelände dreißig Jahre lang brach. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traute man sich 1991 auf dem politisch belasteten Boden eine unpolitische Installation aufzustellen: das Metronom.

Prag, die goldene Stadt

Die tschechische Hauptstadt ist berstend voll von Sehenswürdigkeiten, über die Andere schon ausführlich berichtet haben. Daher konzentriere ich mich auf die Attraktionen aus der zweiten Reihe.

Als Architekt hat man es ziemlich schwer, in der Menge der historischen Gebäude aufzufallen. Da muss man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen, zum Beispiel originelle Skulpturen oder ein „tanzendes Haus“.

Statue mit Fackel reitet auf Löwen auf Hausdach
Die Freiheitsstatue reitet aus
Statue mit Fackeln auf Chechovbrücke in Prag
Die Eisverkäuferin auf der Chechovbrücke hat Gegenwind
Skulptur auf Karlsbrücke in Prag
Historischer Wegweiser auf der Karlsbrücke: da geht’s zur Burg
Skulptur Die Lesende
Der Autistenthron. Lesen mitten im Trubel der Großstadt
Tanzendes Haus in Prag
Gewagte Architektur: das tanzende Haus

Viele Städte leiden unter den Aufklebern, die an alle möglichen Stellen gepappt werden. Prag hat dafür extra einen Platz geschaffen. Erstaunlich, dass sich so viele Menschen daran halten, aber so entsteht fast schon ein Kunstwerk.

Wand mit Aufklebern
Ein Rahmen für Aufkleber

Die kleinste Gasse in Prag ist so eng, dass sogar eine Fußgängerampel installiert wurde, um den Gegenverkehr zu regeln. Um Wartezeiten bei längeren Rotphasen zu überbrücken, wird das beliebte Pilsner Urquell ausgeschenkt.

Engste Gasse von Prag mit Fußgängerampel
Die engste Gasse von Prag

Der Malteserorden verbirgt sich hinter altehrwürdigen Mauern. Viel interessanter ist aber, was um die Ecke an der Außenmauer des Ordens entstand: die Lennon Wall. Hier sprühen Graffitikünstler seit über 30 Jahren ihren Protest an die Wand. Was anfangs als ärgerliche Schmiererei geduldet wurde, ist heute ein geschützter Ort der Meinungsfreiheit.

Lennon Wall in Prag
Lennon Wall: Platz für kreativen Protest
Lennonwall in Prag
Beatles-Song in Coronazeiten
Detail Lennon wall
Detail an der Lennonwall

In der Nähe der Lennon Wall krabbeln hirnlose Gestalten durch den Park.

Skulpturen krabbelnde Figuren in Prag
Digitalisierung: Festplattenspeicher ersetzen das Gehirn
Neugieriger Tourist vor Skulptur
Kontrolle – alles sauber!

In Prag gibt es deutlich mehr Autos als Parkplätze. Verständlich, dass da jeder Fleck genutzt wird, aber das hier ist schon ziemlich unkonventionell:

Parkplatz in der Moldau
Ungewöhnlich feuchter Parkplatz

Museen gibt es in Prag wie Sand am Meer, darunter auch ungewöhnliche Ausstellungen, wie das Museum für böhmische Granaten (Edelsteine, keine Handgranaten!), drei Museen für optische Täuschungen und Spezialeffekte in Filmen und das Museum für Prager Geister und Legenden. Vor dem Sexmaschinenmuseum drücken sich Scharen von kichernden Jugendlichen herum.

Sexmaschinenmuseum in Prag
Museum für Sexmaschinen

Die tschechischen Backwaren sind nicht von schlechten Eltern. Beim Probieren sollte man aber immer etwas Insulin dabei haben.

Kaffee mit Gebäck
Kaffeepause
Mann isst Süßigkeiten
Der SinnlosReisende im Zuckerschock

Wenn die Sonne untergeht zeigt sich Prag von einer anderen Seite – zauberhaft und geheimnisvoll.

Teynkirche in Prag bei Nacht
Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem)

Das Fazit der SinnlosReisenden zu Prag: Immer eine Reise wert!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad

Das Karlsbader Thermalwasser heilt angeblich alle Krankheiten (außer Dummheit, aber das ist auch keine anerkannte Krankheit). Ist das ein Naturwunder oder Kurpfuscherei? Die SinnlosReisenden waren vor Ort.

Das tschechische Karlsbad (bitte nicht verwechseln mit Carlsbad, Kalifornien) wurde im Juli 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung und die für tschechische Verhältnisse astronomischen Preise lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen: Hier muss es sich um einen ganz besonderen Ort handeln. Da man sich auf Informationen aus dem Internet nicht verlassen kann, planten wir auf unserer Tschechienreise einen Zwischenstopp in dem mondänen Kurort ein.

Die Altstadt von Karlsbad präsentiert dekorative Häuserreihen, in denen sich die Designerläden dicht an dicht drängen. Ein Thermalbad im klassischen Sinn fanden wir nicht, allenfalls einige Kurkliniken, in denen man sich „Anwendungen“ verordnen lassen konnte. Aber es gibt hier die sogenannten Kolonnaden, in denen das begehrte Heilwasser aus öffentlich zugänglichen Brunnen tröpfelt.

Altstadt von Karlsbad, Tschechien
Die Altstadt von Karlsbad
Marktkolonnade in Karlsbad
Die Markt-Kolonnade
Karlsbader Kolonnade mit Trinkbrunnen
Offener Ausschank von warmem Wasser
Sprudelkolonnade
Sprudelkolonnade mit zehn Meter Fontäne

Das Stadtbild wird dominiert von Scharen an Touristen, die mit eigenartigen Porzellanbechern durch die Gassen schlendern. Das Thermalwasser ist nämlich zwischen 50 und 70 Grad heiß. Wer einfach so aus den Brunnen trinkt, holt sich üble Verbrühungen. Die Karlsbader Schnabeltassenindustrie nutzt diese Zwangslage und verkauft an allen Ecken unglaublich geschmacklose Tassen zu Mondpreisen an die heilsuchenden Touristen. Das nenne ich eine clevere Geschäftsidee!

Verkaufsstand mit Schnabeltassen
Geschmacklose Schnabeltassen zu astronomischen Preisen

Wir kauften ein Schnapsglas und probierten von der Mutter der Heilwasser. Was soll ich sagen? Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem vergammelten Fisch, der sechs Monate zusammen mit einem toten Iltis und einem Sack voller Schweißsocken in der prallen Sonne vergoren wurde. Im Abgang kommt eine metallische Note dazu, die dezent an Zahnfleischbluten erinnert. Ich musste beinahe kotzen.

SinnlosReisender vor einem Trinkbecken
Ich hatte ein Thermalbad erwartet – und fand dieses appetitliche Trinkbecken
Wasserhahn in Karlsbad
Wenn Keime reden könnten…
Mann trinkt und es wird ihm übel
Nach dem ersten Schluck durchflutet den Körper eine Welle von Übelkeit
Szene am Trinkbrunnen
Das Wasser wirkt unterschiedlich: die Dame schwankt, dem Kind stehen die Haare zu Berge, der Mann ist kurz vor dem Erbrechen

Übertroffen in seiner Abartigkeit wird das Karlsbader Thermalwasser nur vom Becherovka, einem süß-bitteren Kräuterlikör, der ebenfalls eine Spezialität aus Karlsbad ist. In ihm hat Jan Becher das eklige Quellwasser mit Kräuterextrakten und flüssiger Lakritze „veredelt“ und in Flaschen abgefüllt. Sehr speziell.

Becherovka
Becherovka

Abends im Hotelzimmer suchte ich nach plausiblen Gründen, wie es dazu kommen konnte, dass dieses übelschmeckende warme Thermalwasser so begehrt wurde. Meine Recherche brachte nur bruchstückhafte Ergebnisse, aber in meinem Kopf entstand langsam eine Vermutung.

Die Geschichte von Karlsbad begann im finsteren Mittelalter. In dem trostlosen Tal lebten damals einige Bauernfamilien mühsam von Viehzucht und Ackerbau. Überall sprudelte schlechtes Wasser aus dem Boden, das sogar vom Vieh verschmäht wurde. Vermutlich verirrte sich eines Tages ein fahrender Händler in das Tal, denn andere Menschen hatten keinen Grund für einen Besuch. Gut möglich, dass er über eine heftige Grippe klagte, an der er seit über einer Woche litt. Wahrscheinlich prahlte einer der Bauern damit, dass ein Bad in den heißen Quellen seine Krankheit heilen würde. Es bleibt unklar, ob er dem Reisenden nur einen Streich spielen wollte, oder ob er selber daran glaubte, aber ziemlich sicher spielte Alkohol eine Rolle.

Am nächsten Tag hatte der Kaufmann einige Brandblasen, aber seine Grippe war tatsächlich besser geworden. Nach einem weiteren Bad war er so gut wie gesund. Die Grippe wäre wohl auch ohne die Bäder abgeklungen, aber Händler wussten damals, wie man Gelegenheiten nutzte. Ziemlich sicher füllte er sich gleich ein paar Flaschen ab, um sie teuer als Heilmittel zu verkaufen. Dabei rührte er kräftig die Werbetrommel und pries das Wasser als Allheilmittel gegen Rheuma, die Pest, den bösen Blick und alle sonstigen bekannten Krankheiten.

Als sich die Kunde von den heilenden Wassern verbreitete, machten sich die ersten Kranken selber auf den Weg zu den Quellen. Ähnliche Wunder waren damals durchaus üblich. Die Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen und Ärzte richteten bei ihren Patienten oft mehr Schaden an, als dass sie Krankheiten heilten. Da war so ein Bad im warmen Wasser sicher die gesündere Alternative.

Irgendwann mussten die Gerüchte von den wundersamen Thermalquellen aus dem Böhmerwald auch Kaiser Karl IV zu Ohren gekommen sein. Der hatte ein sicheres Gespür für alles, was den Wert seines Reiches steigerte. Im Jahr 1370 beförderte er den Ort deshalb unbesehen zur Königsstadt und gab ihr den Namen Karlsbad.

Damit war der Startschuss für die Entwicklung des Badebetriebs gefallen. Es gab Zeiten, zu denen zehnstündige Badekuren verordnet wurden, die sogenannten Hautfresser. Denn dabei platzte am Ende die Oberhaut schmerzhaft auf, was man damals als Zeichen von Heilung interpretierte, weil böse Körpersäfte entweichen konnten. Kein Wunder, dass die so gequälten Patienten ziemlich schnell behaupteten, sie seien geheilt. Lieber krank als tot, dachte sich Mancher und entließ sich selbst.

Im 18. Jahrhundert wurden dann Trinkkuren eingeführt, anfangs mit der sagenhaften Dosis von etwa 60 Bechern am Tag. Wer diese Trinkfolter überlebte, galt ebenfalls als geheilt. Die Besuche von Zar Peter dem Großen und einigen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie machten Karlsbad dann zu einem mondänen Kurort für zahlungskräftige Kundschaft.

Schafensterpuppen
Dieses Schaufenster zeigt, welches Stammpublikum in Karlsbad überwiegt

Bei unserem Besuch in Karlsbad waren wir von dem relativ jungen Publikum überrascht. Abends erkannten wir den Grund. Da wegen Corona die russischen und asiatischen Kurgäste ausblieben, wollte ein Event-Manager jüngeres einheimisches Publikum ansprechen. Und so kam es, dass nach Sonnenuntergang der DJ auf der Thermal Stage aufdrehte, dass die wummernden Bässe die Gebisse der Kurgäste auf den barocken Nachttischchen zum Klirren brachten.

Menschen stehen Schlange
Vor den Fenstern der Kurgäste sammelt sich partywilliges Jungvolk
Plakat Thermal stage
Feiern auf der Thermal Stage

So, nun hat das Internet eine weitere Quelle von Informationen, auf die man sich nicht verlassen kann. Wenn ihr mir nicht glaubt, fahrt selber hin. Spucktüten nicht vergessen! Bis bald, euer SinnlosReisender.

Ein Pils in Pilsen

Ein Besuch in der Geburtsstadt des untergärigen Biers

Die tschechische Stadt Pilsen bietet zahlreiche Attraktionen: das Theater, die große Synagoge, die ZF Engineering und die St.-Bartholomäus-Kathedrale.

Das Theater von Pilsen
Das Theater von Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen
Die große Synagoge in Pilsen

Vom Turm der Kathedrale aus hat man einen erstklassigen Blick auf den Platz der Republik mit seinen hübschen Häuserreihen. Als ich auf der Turmtreppe an der großen Glocke vorbei kam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dagegen zu klopfen. Die Glocke gab ein überraschend lautes Ploing von sich und ich wollte schon weitergehen. Plötzlich setzte sich ein Mechanismus in Gang und es begann so laut zu läuten, dass ich die ganze Nacht lang ein Klingeln in den Ohren hatte. Als ich unten wieder am Kassenhäuschen vorbeikam, schaute mich die Turmwärterin misstrauisch an, aber ich lächelte nur unschuldig und mischte mich unauffällig unter die Passanten. Warum passiert so etwas eigentlich immer nur mir?

St. Bartholomäus Kathedrale in Pilsen
Die St. Bartholomäus Kathedrale
Glocke auf dem Turm der Kathedrale
Die Glocke hat einen Durchmesser von über einem Meter
Platz der Republik in Pilsen von oben
Blick vom Kirchturm auf den Platz der Republik

Die größte Attraktion ist aber zweifelsfrei die Brauerei Pilsner Urquell. Ich spreche nicht von irgendeiner Bierproduktionsstätte – es geht hier um den Geburtsort des Pils, das Bethlehem der Biertrinker, das Mekka der Hopfenfreunde.

Pilsner Brauerei
Der Eingang ins Allerheiligste – Pilsner Brauerei

Die Tschechen waren schon immer ein aufmüpfiges Volk. Im Gegensatz zum Prager Frühling war aber der Pilsener Bieraufstand im Jahr 1838 erfolgreich. Empörte Bürger kippten damals fassweise die übel schmeckende Plörre, die die Wirte als Bier verkauften, vor das Rathaus und forderten Besserung. Dem Stadtrat war die Bedeutung des Bieres für die tschechische Seele sehr wohl bewusst und er engagierte einen bayrischen Bierbrauer. Dieser experimentierte mit hellem Malz und höherem Hopfengehalt und servierte 1842 seine goldgelbe Innovation. Das Bier nach Pilsner Brauart kam so gut an, dass das Pils in kurzer Zeit auf der ganzen Welt die Herzen der Biertrinker eroberte. Sogar die Beatles nannte man nach einer Tournee in Tschechien „die Pilsköpfe“.

Statistik über Pro-Kopf-Konsum von Bier
Unangefochtener Weltmeister. Da geht ein Stadtrat kein Risiko ein. Quelle: Statista.de
Reklame Bierbad
Vielleicht liegt der hohe Bierverbrauch auch an der kreativen Verwendung

So eine bedeutende Tradition wirkt sich zwangsweise auf das Stadtbild aus. Es gibt in Pilsen etwa gleich viele Kneipen wie Einwohner. Egal ob Tattoostudio oder asiatischer Imbiss – Pilsner Urquell ist immer im Angebot. Und das weit über die Stadtgrenzen von Pilsen hinaus.

Brauereimuseum Pilsen
Pilsner Brauereimuseum

Rätselhafte Skulpturen senden geheime Botschaften an die Bierliebhaber aus. Die griechischen Buchstaben Lambda, Tau und Pi bedeuten: Lebenskünstler trinken Pilsner.

Man steht zu seinem Laster; es ist ja nur ein Kleinlaster…

Alkohol im Übermaß hat natürlich nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesundheit (das musste mal gesagt sein, falls Minderjährige mitlesen). Deshalb wurden für den Heimweg von der Bar eigene Gehwege mit Haltepfosten angelegt. Hier können die Kinder ihre betrunkenen Väter sicher nach Hause bringen.

Gehwegbeschilderung
Extraspur für Kinder, die ihre betrunkenen Väter nach Hause begleiten, mit Pfosten zum Festhalten bei schwankendem Gang.
Statue mit Hurvinek und Spejbl
Hurvinek: „Vati, warum muss ich dich jeden Abend aus der Kneipe abholen?“ Spejbl: „Na, frag ruhig, ich helfe denen, das ungesunde Bier wegzutrinken, damit niemand zu Schaden kommt!“

Trotzdem gibt es Verluste. Manche Bierleiche wird am nächsten Morgen an der Kathedrale oder im städtischen Teich gefunden.

Skulpturen im Wasser
Wer den Heimweg nicht findet, landet im Teich
Bierleiche
Bierleiche vor der Kathedrale

Sogar einen eigenen Berufszweig hat die Brautradition hervorgebracht: den Tapster. Nach fünftägiger Ausbildung in Pilsen bekommt der Herrscher über den Zapfhahn eine personalisierte Lederschürze und ist in der Lage, das Pilsner Urquell in vier Varianten zu zapfen:

  • Hladinka – Ein großes Bier mit einer drei Finger breiten Schaumkrone, die bis zum Glasrand reicht. Der dicke cremige Schaum bildet eine Schutzschicht und das Bier bleibt süffig
  • Šnyt – Eigentlich ein kleines Bier im großen Glas mit viel Schaum. Es ist ein ideales Bier zum Abschied, wenn man das Trinken langsam beenden will und ein weiteres großes Bier zu viel wäre
  • Mlíko – Auf den ersten Blick erinnert das Bier an ein Glas Milch, weil die Halbe voll mit sahnigem Bierschaum ist. Der Geschmack der Milch ist etwas süßlich und daher ist sie vor allem bei Frauen beliebt
  • Čochtan – Ein Bier fast ohne Schaum für den schnellen Durst zwischendurch. Sollte möglichst auf ex getrunken werden, da es ohne den Schaum sehr schnell schal wird
Zapftechnik ergibt vier Varianten von Bier
Ein Bier – vier Zapftechniken

Abends durfte ich mich auf Einladung eines lieben Kollegen selbst von der Pilsner Kneipenkultur überzeugen. Die Krönung des Biergenusses ist ein frisch gezapftes Tankbier. Es wird ohne Pasteurisierung oder Konservierungsstoffe gebraut und direkt im Tank von der Brauerei zur Bar geliefert. Der Tapster ist dafür verantwortlich, dass der Tank spätestens in fünf Tagen leer ist. Das ist in Pilsen kein Problem.

Tankbier in der Kneipe
Das Auto braucht einen Benzintank, der Mensch einen Biertank
Tankbier
Tankbier. Biertank.
Biergläser
Auf einem Bein steht man schlecht…

David, Danke für den schönen Abend!

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 5

Eine zickige Atombombe und ein ehemaliger Mafioso kommen endlich zusammen

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, beim ersten Teil zu beginnen.

Ein Inkassobüro hatte mich wegen angeblich offener Forderungen unseres Stromversorgers angerufen. Und ich hatte eine Atombombe im Keller gefunden. Um die Bombe scharf zu stellen, musste ich nur noch den Zahlencode eingeben, der auf einem Zettelchen notiert war. Ich bekam feuchte Hände, denn eine Atombombe aktiviert man nicht jeden Tag. Da sollte nichts schief gehen. Als ich gerade die letzte Ziffer eingeben wollte, rutschte mir die Bombe aus der Hand.

Hoppla, dachte ich mir, das ist nicht gut. Da man nie weiß, wie eine Atombombe auf einen Sturz reagiert, hechtete ich ihr hinterher. Ich erwischte das abenteuerlustige Bömbchen gerade noch an einem Kabel, bevor sie auf dem gefliesten Boden aufprallte. Dabei löste sich ein Draht aus seinem Anschluss und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Auf dem Display erschien eine Meldung: „Sprachsteuerung aktiviert“.

„Hallo“, hauchte prompt eine rauchige Frauenstimme mit russischem Akzent aus dem Gerät. „Bitte gib den Code ein, um mich scharf zu machen“.

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, murmelte ich.

„Haehwasoldasdennjez ist kein gültiger Code“, erwiderte die Stimme. „Noch zwei Versuche übrig“.

„Moment mal, Stop!“, versuchte ich, die Eingabe abzubrechen.

„Momentmalschtobb ist kein gültiger Code. Noch ein Versuch übrig“, stellte die sprechende Atombombe emotionslos fest. Ich sagte nichts mehr und dachte nach.

Nach einer Minute meldete sich die Bombe zurück: „Zeitlimit überschritten. Codeeingabe abgebrochen.“

„Na super. Und jetzt?“, fragte ich mich laut.

„Jetzt hast du zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, um die Codeeingabe wieder freizuschalten. Ist nach zehn Minuten der richtige Superpin nicht eingegeben, detoniere ich“, kam postwendend die Antwort. Das klang, als ob dieses Ding mit mir redete.

„Kannst du etwa sprechen?“, fragte ich ungläubig.

„Wie hört es sich denn an?“, kam die Gegenfrage.

„Und wer bist du?“, wollte ich wissen.

„Ich bin Svetlana, eine Zimmer-Atombombe mit Sprachmodul. Du hast noch neun Minuten, um den Superpin einzugeben“.

Ach ja, stimmt. Ich schaute auf dem Zettel nach, der der Bombe beigelegt war. Da war tatsächlich noch eine zweite Ziffernfolge notiert. Das musste der Superpin sein. Jetzt durfte aber nichts mehr schief gehen.

„Svetlana, bitte stoppe den Countdown!“, unternahm ich einen neuen Anlauf.

„Diese Funktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung. Der Countdown kann nur gestoppt werden, wenn du dazu den Code eingibst.“

„Aha. Und um den Code eingeben zu können, muss ich zuerst den Superpin eingeben, stimmt’s?“

„Das ist richtig. Du hast noch acht Minuten Zeit, um den Superpin einzugeben.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich.

„Ich habe keine Arme“, stellte Svetlana klar.

Sehr witzig. Also hielt ich die Luft an und tippte Zahl für Zahl den Superpin ein.

„Systemfehler“, meldete sich Svetlana. „Der Superpin kann nicht mit dem hinterlegten Referenz-Superpin abgeglichen werden. Das Inputkabel ist lose.“

„Was muss ich tun?“ Ich wurde langsam nervös. Ich wollte mir die Sauerei nicht vorstellen, die eine Atombombenexplosion in unserem Keller anrichten würde.

„Du musst die Klappe auf meiner Unterseite öffnen und das Kabel in die Klemme stecken. Du hast noch sieben Minuten, den Superpin einzugeben.“

Ich suchte einen Schraubenzieher. Unter der Klappe kam ein Kabelgewirr zum Vorschein. „Svetlana, in welche Klemme muss ich das Kabel stecken?“

„Du musst das lose Kabel in die weiße Anschlussklemme stecken. Steck es mir ganz tief rein“, hauchte Svetlana lasziv.

Ich zog das Kabel vorsichtig aus dem Gewirr heraus.

„In die rote Klemme“, korrigierte Svetlana ihre Anweisung.

„Was jetzt? Rot oder weiß?“ Ich begann zu schwitzen.

„Die Weiße. Das mit der roten Klemme war ein Scherz.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Bei der roten Klemme wäre ich sofort explodiert.“

„!!!“

„Hat dir mein Scherz gefallen?“

„Svetlana, das ist nicht witzig!“

„Das ist bedauerlich. Humor ist in der aktuellen Softwareversion noch ein experimentelles Feature. Ich versuche, meine Fähigkeiten ständig zu verbessern. Maschinelles Lernen. Du hast noch zwei Minuten.“

Ich steckte vorsichtig das lose Kabel in die weiße Klemme.

„Superpin bestätigt“, meldete Svetlana. „Du hast noch einen Versuch, den Code zur Aktivierung einzugeben.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass mir Jemand auf die Schliche gekommen war? Das zweite Klingeln beendete meine Lähmung.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Ichkommegleich ist kein gültiger Code. Du hast noch Null Versuche übrig“, meldete sich Svetlana wieder zu Wort. „Du hast zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, sonst werde ich mich endgültig deaktivieren.“

„Jetzt halt du mal deine vorlaute Klappe oder ich zieh dir deinen Stecker“, schnauzte ich zurück.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, antwortete Svetlana diplomatisch.

Ich stellte die Bombe in den Kellerschrank und ging nach oben um die Tür zu öffnen. Bevor ich auch nur Pieps sagen konnte, wurde es dunkel und mein Magen explodierte vor Schmerz.

Otto

Sein erster Auftrag in seinem neuen Leben führte Otto in eine Reihenhaussiedlung am Rande einer oberschwäbischen Kleinstadt. Dieses neue Leben hatte vor acht Wochen begonnen, als die Europolbeamten ihn zum Verhör mitnahmen. Sie zeigten ihm einige Videoaufnahmen und spielten ihm genügend Ausschnitte ihrer Abhöraktion vor, um ihm klar zu machen, dass Leugnen zwecklos war. Sie hatten ihn echt am Arsch. Otto überschlug im Kopf schnell, dass er im besten Fall mit fünfzehn Jahren Knast davon kam. Im schlimmsten Fall drohte ihm lebenslänglich. Er war zutiefst erschüttert, dass er so blöd war, die Kamera in dem Parkhaus in Rom zu übersehen.

Dann kam der Staatsanwalt mit seiner Kronzeugenregelung, seinem Zeugenschutzprogramm und der neuen Identität, wenn er gegen die Mafia auspacken würde. Otto musste nicht lange überlegen. Dieser ganze Familien-Mist ödete ihn sowieso schon lange an. Und dann noch dieses Desaster mit der verlorenen Atombombe. Da war die Aussicht auf einen Neuanfang gar nicht mal so übel. Sollten die Fische in Sizilien doch fressen, wen sie wollten. Er war jedenfalls raus.

Also bekam er eine neue Identität und einen neuen Beruf. Er arbeitete jetzt in einem Inkassounternehmen, ganz offiziell mit Lohnsteuerkarte und Rentenversicherung. Eine Woche lang besuchte er Lehrgänge und musste langweilige Videos anschauen, in denen Deeskalation in kritischen Situationen gezeigt wurde.

„Wir sind ein seriöses Unternehmen, das sich an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert“, betonte sein Chef mehrmals. „Also komm mir nicht mit irgendwelchen Methoden, die du aus Mafiafilmen abgeschaut hast, wenn du Morgen deinen ersten Schuldner besuchst“.

Otto kannte die drei eisernen Regeln auswendig:

  1. Niemals körperliche Gewalt anwenden
  2. Die Schuldner nicht verbal bedrohen
  3. Bevor man eine Wohnung betritt, immer um Erlaubnis fragen

Otto klingelte. Nichts. Er klingelte nochmal.

„Ich komme gleich“, hörte er leise durch die Tür. Als die Tür sich endlich öffnete, stülpte er dem Schuldner sofort einen Sack über den Kopf und stieß ihn mit einem Schlag in den Magen ins Haus zurück.

„Willst du mich jetzt hereinbitten, oder soll ich dir erst die Fresse polieren?“, fügte er dann hinzu. Man soll sich ja immer schön an die Regeln halten in diesem Rechtsstaat.

Aus dem Sack kam ein undeutliches Stöhnen.

„Ich werte das mal als Zustimmung“, erwiderte Otto. „Danke für deine Kooperation“. Er schleppte den Sack ins Wohnzimmer.

„So, Freundchen“, kam Otto gleich zur Sache. „Du schuldest meinem Auftraggeber genau 7.051 €.“

„Das stimmt nicht“, kam es undeutlich aus dem Sack.

Also gut, der will es nicht anders, der denkt, er wäre ein ganz Cleverer, dachte sich Otto. Er band den Sack auf einem Stuhl fest und zog seinen Schlagring auf.

„Da ist ein schrecklicher Fehler beim Zählerstand passiert“, protestierte der Sack und krümmte sich auf dem Stuhl. „Geh doch selber in den Keller und schau nach!“

„Du hast noch eine Minute Zeit“, kam in diesem Moment eine weibliche Stimme aus dem Keller.

„Wer war das? Bist du etwa nicht allein?“, fragte Otto alarmiert. Augenzeugen für seine großzügige Auslegung der rechtsstaatlichen Prinzipien konnte er nicht gebrauchen.

„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der Sack.

Otto stieg leise die Treppen hinunter. Er öffnete vorsichtig die Kellertür, aber hier war kein Mensch. Eigenartig.

Otto ging zum Stromzähler und kontrollierte die Daten. Tatsächlich, der Zählerstand lag weit unter dem, der auf seinen Unterlagen angegeben war. Waren die bei EnBB tatsächlich so bekloppt, ein Inkassounternehmen zu beauftragen, ohne die Zählerstände selbst zu kontrollieren? In diesem Moment kam aus einem Schrank wieder die Frauenstimme.

„Zeitlimit überschritten. Ich deaktiviere mich jetzt endgültig.“

Otto öffnete die Schranktür und traute seinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Er nahm das Kästchen aus dem Schrank, ging nach oben und riss dem Schuldner den Sack vom Kopf.

Alte Bekannte

Als es wieder hell wurde, stand der glatzköpfige Mann aus Rom vor mir, die Atombombe in seiner Hand. Wir starrten uns gegenseitig an.

„Du bist das?“, fragten wir dann gleichzeitig.

„Was hast du mit meiner Bombe vor?“, wollte er wissen.

„Ich wusste nicht, dass die dir gehört, die lag in unserem Mietwagen“, gab ich zurück. „Du kannst sie aber gerne zurück haben. Die ist sowieso ziemlich zickig“.

Otto nahm das Päckchen, das ich vorbereitet hatte, las die Adresse und schaute mich spöttisch an.

„So, so. Kleines Privatattentat auf die Energieversorgung, was?“

Ich erzählte ihm meine Leidensgeschichte mit EnBB. Es schien ihm zu gefallen, dass ich die Sache selbst in die Hand genommen hatte.

„Mein früherer Arbeitgeber hätte Gefallen an deinen Methoden gefunden“, lachte er und band mich los. „Und ich dachte schon, du bist ein ganz Ausgebuffter! Weißt du, dass ich vier Monate lang auf deiner Spur war?“

Otto erzählte mir seine Geschichte bei einem Ramazotti. Wir mussten immer wieder darüber staunen, wie knapp wir einander verpasst hatten. Und als Otto mir erklärte, dass er den falschen Zählerstand gemeldet hatte, der mir so viel Kummer bereitet hatte, lachten wir Tränen. Die Flasche wurde zusehends leerer.

„Verdammt, was machen wir jetzt mit dieser bescheuerten Bombe?“, fragte er mich.

„Na ja, vielleicht schickst du sie einfach an deine ehemalige Familie“, schlug ich vor. „Es hat ja keiner gesagt, dass du eine funktionierende Bombe abliefern musst, oder?“

Wir waren uns schnell einig. Otto regelte die Sache mit EnBB für mich und schickte ein Paket nach Palermo. Ich verabschiedete meinen neuen Freund mit einer herzlichen Umarmung und winkte ihm hinterher. Dann holte ich aus dem Briefkasten einen Brief. Es war die Stromabrechnung für unsere alte Wohnung. Wir sollten 11.082 € für die letzten zwei Wochen nachzahlen.

Ende

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 4

Wie ein unfähiger Energieversorger einen friedliebenden Mann zur Weißglut bringt

Es macht Sinn, beim ersten Teil zu beginnen, wenn du die Geschichte verstehen willst. Das ist aber wie immer deine Entscheidung. Wir leben in einem freien Land…

Einige Monate nach unserer Italienreise hatte ich bei einem Vergleichsportal (einfach – schnell – sicher, in fünf Minuten online wechseln und sofort sparen) einen Stromanbieter für unsere neue Bleibe gesucht. Die Daten waren tatsächlich schnell eingegeben und mit einem Klick auf „Jetzt bestellen“, war die Sache abgeschlossen. Zwei Sekunden später kam auch schon eine Bestätigungsmail, in der mir zu meiner Entscheidung gratuliert wurde. Alles weitere werde mein neuer Stromanbieter, die natur.grün GmbH, ein Unternehmen der 123 AG, erledigen. Das war aber einfach, dachte ich und lehnte mich entspannt zurück. Zu früh, wie sich bald herausstellte.

Zwei Wochen später kam eine Mail von natur.grün mit dem Betreff „Störung im Wechselprozess“. Der Grundversorger EnBB hätte die Kündigung abgelehnt, weil unter der angegebenen Adresse kein Kunde mit meinem Namen existiere. Was zwar in der Sache nicht hilfreich aber korrekt war, da wir ja noch gar nicht dort wohnten.

Zwei Tage später fand ich im Briefkasten unseres leerstehenden zukünftigen Hauses ein Willkommenspaket von der EnBB. Das fand ich verblüffend, da doch angeblich unter dieser Adresse kein Kunde mit meinem Namen gemeldet war. Um ganz sicher zu gehen, kündigte ich nun den Vertrag selbst. Zwei Wochen später kam die Kündigungsbestätigung von EnBB mit der Bitte, den Endzählerstand an unseren Netzbetreiber zu übermitteln. Also übermittelte ich den Zählerstand von 33.200 kWh und alles schien seinen geordneten Verlauf zu nehmen.

Bis die Schlussabrechnung von EnBB kam. Wir sollten für die zwei Monate im leerstehenden Haus eine Stromrechnung von 5.031 € bezahlen. Bei solchen Sachen fackelt die SinnlosReisende nicht lange und nimmt den Telefonhörer in die Hand. Auf die Frage, ob das nicht ein wenig übertrieben sei, stimmte der Mitarbeiter der Service-Hotline zu, dass da wohl etwas nicht stimmen könne. Er nahm den korrekten Endzählerstand auf und sagte eine sofortige Korrektur der Rechnung zu. Die falsche Rechnung sollten wir einfach ignorieren, was wir beruhigt taten.

Zwei Wochen später kam das versprochene Schreiben von EnBB. Es enthielt aber keine Rechnungskorrektur, sondern eine Zahlungserinnerung. Bestimmt hätten wir vergessen, den Betrag von 5.031 € zu begleichen, aber wenn wir das schnell nachholen würden, wäre das ja alles kein Problem. Da ich schnell merkte, dass es nicht gut für den Servicemitarbeiter enden würde, wenn die SinnlosReisende noch einmal dort anruft, übernahm ich das Gespräch.

Nach zwanzig Minuten Warteschleifengedudel erreichte ich einen menschlichen Mitarbeiter, der sofort das Problem erkannte. Da wäre doch schon vor zwei Wochen eine Zählerstandskorrektur durchgegeben worden. Er verstehe gar nicht, wieso die Rechnungsstelle das noch nicht korrigiert hätte, aber er würde das höchstpersönlich sofort veranlassen. Ich würde in zwei Tagen eine korrekte Schlussrechnung erhalten und müsste mir keine Sorgen machen.

Es folgte eine vergleichsweise entspannte Phase, in der nur fünf unverfängliche Schreiben eintrafen. Eine Aufforderung des Netzbetreibers, unseren Zählerstand zu melden. Eine weitere Kündigungsbestätigung von EnBB, diesmal an unsere alte Adresse. Eine Bestätigung des Stromlieferanten Energix aus der bisherigen Wohnung, dass unser alter Vertrag auch an der neuen Abnahmestelle weiter gelte. Eine Bestätigung von natur.grün, dass sie uns ab heute mit günstigem Strom beliefern würden. Und ein weiteres Schreiben des Netzbetreibers mit dem Hinweis, dass der von uns angegebene Zählerstand unplausibel sei.

Weitere zwei Wochen später kam ein Schreiben von EnBB mit dem Betreff „Schade, dass es so weit kommen musste“. Darin wurde bedauert, dass wir die offene Rechnung über 5.031 € zuzüglich Mahngebühren trotz mehrfacher Aufforderung immer noch nicht bezahlt hatten. Dann wurde noch die Beauftragung eines Inkassounternehmens angekündigt, sollte das Geld nicht innerhalb einer Woche eintreffen.

Als sich mein Puls wieder normalisiert hatte, griff ich zum Telefon. Diesmal wurde ich mit einer freundlichen Frau verbunden, die wieder bestätigte, dass alles in bester Ordnung sei. Der von uns genannte Endzählerstand müsse nur noch vom Netzbetreiber bestätigt werden. Und solange die Klärung nicht abgeschlossen sei, könne die Endrechnung leider nicht korrigiert werden. Ich müsse mir aber absolut keine Sorgen deswegen machen, sie würde den Vorgang jetzt auf Eis legen.

Ich machte mir trotzdem Sorgen und schickte einen Widerspruch gegen die Schlussrechnung wegen offensichtlich falschem Zählerstand. Schon nach einer Woche kam die Antwort von der Rechnungsstelle. Ich hätte einen Endzählerstand von 55.555 kWh gemeldet. Ob der denn richtig sei. Die Mail war unterzeichnet mit dem Slogan der EnBB „15.000 Mitarbeiter – ein Versprechen: Wir machen das schon!“. Es bleibt zwar unklar, was genau hier versprochen wird, aber die Rechnungsstelle erfüllt das Versprechen jedenfalls nicht.

Eine Woche später wurde ich von der Leiterin des Serviceteams der EnBB angerufen. Sie wolle diese unangenehme Geschichte mit der offenen Schlussrechnung nun endgültig zu einem versöhnlichen Ende bringen. Das klang für mich fast zu schön um wahr zu sein, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dann wollte sie wissen, welchen Endstand der Stromzähler denn zum Vertragsende gehabt hätte. Ich war kurz sprachlos.

„Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst?“, brachte ich dann heraus. „Raten Sie doch einfach mal“, fügte ich leicht säuerlich hinzu.

„Na ja“, meinte die Chef-Servicekraft. „Sie haben uns ja mehrfach einen Zählerstand von 33.200 kWh angegeben“.

„Richtig. Und wo ist das Problem, dass sie das so schwer verstehen?“

„Das Problem ist, dass Sie uns vor einigen Wochen einen Stand von 55.555 durchgegeben haben. Und das passt nicht zusammen“.

„Das habe ich sicher nicht getan“, gab ich empört zurück.

„Hier steht das aber genau so im System. Und unser System lügt nicht.“

„Dann lüge also ich, oder was?“, brachte ich sie in Bedrängnis.

„Nun, das wollte ich damit nicht sagen“, machte sie einen Rückzieher.

„Dann liegt vielleicht doch ein Systemfehler vor?“

„Wie auch immer, haben Sie denn dafür eine Erklärung?“

Nein, das hatte ich nicht. Letztendlich einigten wir uns darauf, dass es jetzt nicht mehr nachvollziehbar sei, was da schief gelaufen war. Zwei Tage später kam endlich eine Schlussrechnung mit dem korrekten Betrag von 32,19 €. Ich überwies die Summe, machte drei Kreuze und heftete die Unterlagen ab.

Zwei Wochen später klingelte das Telefon. Ein Inkassounternehmen aus Hamburg stellte sich vor. Sein Mandant EnBB hätte Forderungen über 5.051 € an ihn abgetreten, dazu käme eine Unkostenpauschale des Inkassobüros von 2.000 €. Wenn die fällige Summe von 7.051 € innerhalb von fünf Tagen auf ihrem Konto einginge, könne man die Angelegenheit zu den Akten legen. Andernfalls sähen sie sich gezwungen, einen Außendienst-Mitarbeiter vorbei zu schicken, um die Sache persönlich vor Ort zu klären. Solche Gespräche seinen in der Regel sehr unangenehm für den säumigen Schuldner. Ob das denn in meinem Interesse sei?

Das sei ganz und gar nicht in meinem Interesse, entgegnete ich. Zumal alle offenen Forderungen inzwischen beglichen seien. Ich wünschte einen schönen Tag in der Hölle und legte auf.

Nun war ich nicht dafür bekannt, leicht aus meiner Haut zu fahren. Aber nun hatte mein Blutdruck ein solches Level erreicht, dass ich mich abreagieren musste. Ich ging in den Keller und trat mit dem Fuß gegen ein Regal. Richtig böse. Das tat gut und ich trat ein zweites Mal dagegen, diesmal noch etwas fester. Das Regal wackelte und ein Paket, das ich nach unserer Italienreise in meinem Gepäck gefunden hatte, fiel mir in die Hand. Das hatte ich ja total vergessen.

Neugierig öffnete ich das Päckchen. Unter mehreren Lagen Schaumstoff fand ich ein kleines Gerät mit einem Display und einer Tastatur. In der beiliegenden Anleitung wurde mir erklärt, dass diese Mini-Atombombe sehr gut geeignet sei, um politische Widersacher, unangenehme Konkurrenten oder sonstige hartnäckige Probleme zu beseitigen. Eine praktische Zeitschaltung sei inklusive und die entsprechenden Aktivierungs-Codes waren beigelegt.

Eine Atombombe! Was zum Teufel? Ganz kurz blitzte in meinem Kopf der Gedanke auf, dass ich schon wüsste, welches hartnäckige Problem ich am liebsten beseitigen würde, aber ich verwarf ihn sofort wieder. Aber dieser fiese kleine Gedanke fand immer wieder ein Türchen in meinen Kopf und nach einigen Tagen des Grübelns saß ich nun also hier und beschriftete ein Paket mit der Adresse von EnBB.

Hier geht’s zum fünften und letzten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 3

Eine Atombombe macht Urlaub an der Adria und ein Mafioso kämpft mit der autofreien Zone.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn beim ersten Teil anzufangen. Das ist aber deine Entscheidung.

Von Rom nach Ravenna

Von Rom aus fuhren wir mit dem Mietwagen an die Adria. In dem Küstenstädtchen Cattolica hatte die Saison noch nicht begonnen und der Strand war wie ausgestorben. Es gab unzählige Hotels mit typisch italienischen Namen wie Regina, Kursaal, Diplomat, International oder Boston. Am Strand standen die Sonnenschirme und Liegen militärisch exakt an der Schnur ausgerichtet und warteten auf die Gäste. Die Strandabschnitte waren mit Nummern von 1 bis 99 in Bereiche eingeteilt, die jeweils den Hotels zugeordnet waren. Ein Alptraum für den Individualreisenden.

Schirmständer am Strand
Vor der Saison sieht der Strand aus wie ein Militärfriedhof
Strand mit Liegen von oben
In der Hauptsaison:Strandabschnitte 63-75

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto nach Ravenna, was nicht ungefährlich ist. Denn die Italiener hatten zahlreiche Straßen als autofreie Zonen deklariert. Immer wieder mussten wir abdrehen, um nicht versehentlich in die kameraüberwachten Gebiete einzufahren. Im Rückspiegel konnte ich sogar einmal beobachten, wie ein Fiat 500 in so eine verkehrsberuhigte Straße abbog und sofort von der Polizei gestoppt wurde.

Haus mit Kletterpflanzen zugewuchert
Haus in Ravenna – Spare nie an der Bezahlung des Gärtners…

Ravenna wurde von den römischen Kaisern als Flottenstützpunkt in der Adria gegründet, weil die großen Pinienwälder den Schiffsbau erleichterten und die Lage in einer Lagune gut zu verteidigen war. Als einige Jahrhunderte später das römische Reich allmählich in Auflösung begriffen war, zogen viele Adelige aus Rom und Mailand nach Ravenna. In dieser Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter entstanden die vielen gotischen Gebäude, die von außen mit ihren roten Ziegelsteinmauern eher unspektakulär aussehen. Aber innen tobten sich die Künstler mit gigantischen Mosaiken aus, die heute zum Unesco-Welterbe gehören.

Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Bescheidenes Wohnzimmer

Wir gaben unseren Mietwagen in Venedig ab. Ich hatte mir in Gedanken schon schlimmste Horrorszenarien ausgemalt, weil ich im Internet über die Abzocker-Methoden von Sicilia Rent gelesen hatte. Aber der Mitarbeiter bei der Rückgabestation hatte erstaunlich wenig Interesse am Zustand des Wagens und kam nicht einmal aus seinem Häuschen heraus.

Zum Abschluss unserer Italienreise verbrachten wir noch ein paar Tage in der Lagunenstadt; darüber hatte ich schon in einer anderen Geschichte berichtet. Aber jeder Urlaub geht einmal zu Ende und schon bald standen wir in der Schlange vor dem Sicherheitscheck am Flughafen von Venedig. Mein Rucksack löste in der Durchleuchtungsanlage ein rotes Blinklicht aus. Der Securitymitarbeiter zog das Päckchen heraus, das ich im Kofferraum des Mietwagens gefunden hatte. Da hatte ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Was denn da drin sei, wollte der Mann von mir wissen. Aber bevor ich antworten konnte, ging nebenan der Alarm los und der Securitytyp sprang seinen Kollegen zu Hilfe, die einen Mann überwältigten. Ich steckte das Päckchen wieder in meinen Rucksack und wir machten uns auf den Weg zum Gate.

Otto

Otto hatte miese Laune. Tagelang hatte er vergeblich die Küstenstädtchen abgesucht, als er endlich in Ravenna den Golf mit den deutschen Touristen entdeckte. Um ihnen den Weg abzuschneiden, nahm er eine Abkürzung durch eine kleine Gasse und gab Gas. Jetzt konnten sie ihm nicht mehr entwischen! Zwanzig Meter weiter wurde Otto von einer Polizeistreife gestoppt. Er war in die autofreie Zone gefahren. Fuck! Wozu bauten die Italiener Straßen, um dann ihre Benutzung zu verbieten? So etwas war in den USA unvorstellbar. Als er den Polizisten mit einer kleinen finanziellen Gefälligkeit milde stimmen wollte, reagierte der erst richtig unentspannt und hielt ihn 24 Stunden auf dem Revier fest.

An der Mietwagenrückgabe am Flughafen von Venedig zog Otto einen Mitarbeiter von Sicilia Rent aus dem Verkehr und übernahm seinen Job. Als die Deutschen den Golf abgestellt hatten, durchsuchte er den Wagen gründlich. Als ihm klar wurde, dass das Päckchen mit der Bombe nicht im Auto war, zog er seine Pistole und feuerte ein ganzes Magazin in den leeren Wagen. Er hatte gelesen, dass man seine Aggressionen möglichst sofort abbauen solle.

Ein paar Tage später wartete Otto ungeduldig in der Schlange am Sicherheitscheck des Flughafens von Venedig. Ein Anruf beim Vertreter der ehrenwerten Familie am Airport hatte genügt, um herauszufinden, dass die Deutschen heute nach Stuttgart flogen. Er hatte sich ein Ticket gekauft und mit einem kleinen Schmiergeld für einen Sitzplatz in der Reihe hinter den Deutschen gesorgt. Sein Plan war einfach: entweder konnte er die Bombe während des Fluges an sich nehmen oder er musste in Stuttgart am Gepäckband zuschlagen.

In der Schlange neben ihm öffnete ein Securitymitarbeiter den Rucksack des Deutschen und holte zu Ottos Entsetzen das Päckchen mit der Bombe heraus. Wenn das Sicherheitspersonal die Bombe in die Finger bekam, war das Spiel für ihn zu Ende. Er konnte nicht mehr erkennen, was dann passierte, weil in diesem Moment der Alarm an seinem eigenen Durchgang losging. Als er von einem Dutzend Polizisten umringt wurde, fiel ihm ein, dass er immer noch seine Pistole im Hosenbund stecken hatte. Als sich die Handschellen klickend um seine Handgelenke schlossen, sah er noch, wie der Deutsche das Päckchen wieder in seinen Rucksack steckte. Dann wurde Otto abgeführt.

Drei Monate hatte es gedauert, bis die Familie Otto aus dem Gefängnis frei bekam. Der Boss hatte sich persönlich nach Italien begeben und seine Beziehungen zur Regierung spielen lassen. Er hatte ihm nochmal sehr deutlich gemacht, was passieren würde, wenn Otto die Bombe nicht wieder beschaffen konnte. Er würde nie vergessen, wie das abgetrennte Glied seines kleinen Fingers in das Aquarium sank und von den Babypiranhas abgeknabbert wurde, bis nur noch der blanke Knochen übrig blieb.

Otto hatte sich die Adresse des Deutschen aus dem Mietwagenvertrag gemerkt, aber die war definitiv falsch. Vielleicht war dieser Tourist doch nicht so harmlos, wie er aussah. Jedenfalls schien er seine Spuren ganz geschickt zu verwischen. Aber Otto hatte noch ein paar Tricks auf Lager. Er zückte sein Handy und rief bei der EnBB an, dem Energieversorger in dieser Gegend. Er gab den Namen des Deutschen an und behauptete, er wolle einen Zählerstand für seine neue Wohnung durchgeben, habe aber gerade die Zählernummer nicht parat. Kein Problem, meinte die Kundenbetreuerin, sie habe nur eine einzige Zählernummer unter diesem Namen im System registriert, wie denn der Zählerstand laute? Otto überlegte nicht lange und las die Telefonnummer des Großraumtaxis vor, das neben ihm am Randstein parkte: 55555. Die Kundenbetreuerin bedankte sich und er kam zum entscheidenden Punkt. Ob das denn jetzt der Zähler in der Schwabstraße sei, warf Otto seine Angelfrage aus. Prompt biss die Kundenbetreuerin an. Nein, das sei nicht in der Schwabstraße, sie habe hier als Adresse im System die Ba….

Doch Otto erfuhr die Adresse niemals, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Großraumtaxis. Drei muskulöse Männer im Anzug umringten ihn. „Herr Panini, bitte steigen Sie ein“, sagte der Leiter des Einsatzteams. „Unser Chef von Europol hat ein paar Fragen an Sie“.

Hier geht’s zum vierten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2

Ein unmotivierter Mitarbeiter einer Mietwagenfirma bringt einen Stein ins Rollen.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, vorher den ersten Teil zu lesen.

Ausflug ins antike Rom

Am ersten Tag unseres Aufenthalts in Rom hatten wir uns im Vatikan eine mittelschwere Kulturvergiftung zugezogen. Heute tauchten wir zur Entspannung in das antike Rom ab. Im Forum Romanum wurde vor zweitausend Jahren ein Weltreich regiert. Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht.

Ruinen im Forum Romanum
Ruinen im einstigen Machtzentrum des römischen Imperiums
Ruinen im Forum Romanum
Die Überreste einer Weltmacht
Blühende Wiese im Forum Romanum
Blühende Geschichte

Im Kolosseum hatten 50.000 Zuschauer Platz. Etwa zehnmal so viele Menschen starben darin bei Gladiatorenkämpfen oder Hinrichtungen. Die Architektur erfüllte auch damals schon heutige Ansprüche an moderne Fußballstadien: Die Zuschauer konnten innerhalb weniger Minuten evakuiert werden, das komplette Bauwerk konnte mit Sonnensegeln beschattet werden und es gab bereits damals VIP-Lounges für Kaiser, Senatoren und betuchte Sponsoren.

Ein russischer Tourist wurde 2014 dabei ertappt, wie er seinen Namen in einen Stein des Kolosseums ritzte. Er wurde zu 20.000 € Bußgeld und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da versteht der Römer keinen Spaß.

Kolosseum
Das Kolosseum. Der Name spricht für sich.
Colosseum von innen
Innenansicht
Triumphbogen
Triumphbogen – Wer viel erobert, muss das auch feiern

Wir schlenderten durch die Gassen von Rom und entdeckten an jeder Ecke neue historische Kostbarkeiten. Das Pantheon beeindruckt durch seine kugelförmige Bauweise mit der kreisrunden Öffnung in der Decke. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem sorgt bei Regen dafür, dass es keine Überschwemmung gibt.

Draußen vor dem Eingang stellten sich die Touristen sehr diszipliniert in einer langen Schlange an. Nur ein glatzköpfiger Amerikaner drängte sich an allen Wartenden vorbei. Als ihn der Aufseher zurückweisen wollte, reichten wenige Worte und der Wärter ließ ihn verängstigt durch. Eigenartig.

Blick auf das Loch in der Decke des Pantheons
Pantheon – Decke mit Loch
Monumento nazionale a Vittorio Emanuele II
Nationaldenkmal aus dem 20. Jahrhundert – Roms Versuch, an die Geschichte anzuknüpfen

Schließlich wurde es Zeit, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Um Zeit zu sparen, hatte ich schon Zuhause einen Mietwagen bei einem Onlineportal reserviert. Die Webseite hatte mich nach der Buchung zu Funny Cars weiter vermittelt. Die mich wiederum an den Verleiher Sicilia Rent weiterreichten. Eine Firma mit Sitz in Palermo, was bei mir Assoziationen mit der Mafia hervorrief. Aber die Bewertungen waren genau so schlecht wie bei den etablierten Verleihern und der Preis unschlagbar.

Am Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof Termini zog ich eine Nummer am Automat und wir gesellten uns zu den Wartenden. Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als der Sachbearbeiter gerade die Kreditkarte mit Bleistift und Pauspapier durchrubbelte, wollte sich Jemand vordrängeln. Es war der Glatzkopf, der schon beim Pantheon so ungeduldig war. Als der Mitarbeiter ihn unbeeindruckt zurückwies, kaufte er einem anderen Wartenden seine Nummer ab. Geld regiert die Welt.

Im Parkhaus schaute ein unmotivierter Mitarbeiter den Mietvertrag nur flüchtig an, warf eine Kopie auf einen unordentlichen Stapel und fischte nach längerer Suche einen Schlüssel aus einer Schublade. Als wir das Auto fanden, war ich positiv überrascht, denn obwohl ich einen Fiat 500 reserviert hatte, passte der Schlüssel zu einem Golf. Es gab also doch noch Wunder.

Als ich unser Gepäck im Kofferraum verstauen wollte, war ein kleines Päckchen im Weg. Ich steckte das Päckchen in meinen Rucksack, damit der Koffer Platz hatte. Beim Ausfahren aus dem Parkhaus kam gerade der glatzköpfige Mann herein, der es vorhin so eilig gehabt hatte. Dann stürzten wir uns in den römischen Verkehr und nahmen Kurs auf die Adriaküste.

Otto

Seit drei Wochen versuchte Otto Panini sich in Rom einzuleben. Außer ein paar harmlosen Schutzgelderpressungen war hier allerdings nicht viel los. Nachmittags schlenderte er meist durch die Altstadt von Rom. So wie gestern, als er dieses Pantheon anschaute. Als ihn der Platzanweiser ans Ende der Warteschlange schicken wollte, zischte er ihm nur zu, dass es für seine Gesundheit besser sei, wenn er sich nicht mit einer ehrenwerten Familie anlegen würde. Dieser kleine Hinweis bewirkte Wunder und schon war Otto in dieser eigenartigen Kirche mit dem Loch im Dach.

Otto war schon ganz träge geworden, als gestern der Anruf aus Chicago kam. Sie machten es ganz wichtig, der Auftrag käme von ganz oben. Er solle einen Wagen aus dem Parkhaus am Bahnhof Termini von der familieneigenen Mietwagenfirma abholen und nach Sizilien bringen. Auf direktem Weg und ohne aufzufallen. Das Gespräch endete mit dem fürsorglichen Hinweis, dass er in Sizilien als Fischfutter enden würde, wenn er den Wagen nicht am nächsten Tag wohlbehalten abliefern würde.

Als Otto den Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof von Rom fand, war er wieder einmal entsetzt, wie unglaublich schlecht dieses Land organisiert war. Zwanzig Leute warteten vor ihm auf ihre Autos. Der Mann am Schalter ließ sich partout nicht überreden, ihn vorzulassen. Gewalt schied bei so vielen Augenzeugen aus, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als einem Touristen seine Wartenummer für 200 € abzukaufen. Jede Stunde zählte, wenn er rechtzeitig in Palermo sein wollte.

Zuerst hatte er darauf getippt, dass er einen gestohlenen Luxuswagen überführen solle, aber es ging wohl um einen unspektakulären VW Golf. Wie auch immer, er war jedenfalls fest entschlossen, nicht als Fischfutter zu enden, auch wenn das Wasser in Sizilien sicher angenehmer war als im eisigen Lake Michigan.

Otto durchsuchte das komplette Parkdeck, aber zum Teufel – da stand definitiv kein Golf. Das war wieder mal typisch für Italien. Warum konnte hier nichts laufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte er nicht persönlich in Erscheinung treten, aber nun musste er wohl oder übel den Typen am Schalter fragen.

Als Otto sein Anliegen in mühsamem Italienisch vorbrachte, wühlte der Mitarbeiter lustlos in den Papieren, die überall auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Dann fluchte er. Den für Otto deponierten Golf hatte er gerade vor fünf Minuten versehentlich zwei deutschen Touristen gegeben, die eigentlich einen Fiat 500 reserviert hatten. Mit einem Grinsen bot er ihm den Fiat an, der ja nun übrig sei.

Otto bezweifelte, dass Palermo sich mit einem Fiat 500 zufrieden geben würde und rief vorsichtshalber in Chicago an. So wütend hatte er seinen Kontaktmann noch nie erlebt. Es dauerte fünf Minuten, bis er zwischen den ganzen Flüchen und Beschimpfungen einzelne Worte verstehen konnte. Das beschissene Auto sei ja wohl egal, es ginge um die Atombombe im Kofferraum. Er solle den bekifften Versager im Parkhaus eliminieren und dann die bekackte Bombe zurückholen. Und dass die Fische in Sizilien bestimmt Durchfall von so einem Volldeppen wie ihm bekommen würden.

Otto erkannte den Ernst der Lage und fackelte nicht lange. Er pustete dem Armleuchter an der Mietwagenausgabe die Lichter aus – wie gut, dass er immer seinen Schalldämpfer zur Arbeit mitnahm – und steckte den Schlüssel des Fiat 500 ein. Dann prägte er sich den Namen des deutschen Touristen und den Rückgabetermin in Venedig ein. Er quetschte sich laut fluchend in die Sardinenbüchse und schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten. Was für eine Vollkatastrophe von Auto war das denn! Zuhause in den Staaten würde man mit so einem Winzling nicht mal bis zum Briefkasten fahren. Dann fädelte er sich in den dichten Verkehr von Rom ein.

Hier geht’s zum dritten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 1

Eine Geschichte über eine Stadt, die mit ihren Attraktionen zahllose Touristen anzieht. Und die Mafia.

Ich war mein ganzes Leben lang ein friedliebender Mensch gewesen, der Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten ablehnt. Bis heute. Ich schaute in den Spiegel und stellte mir zum wiederholten Mal die Frage, wie es soweit kommen konnte. Als der Spiegel nicht antwortete, schrieb ich die Adresse auf das Paket. Dann aktivierte ich den Zeitzünder an der Atombombe.

Wie es zu diesem Sinneswandel kam? Es war unser Stromversorger, der mich auf die dunkle Seite der Macht trieb. Aber begonnen hatte alles in Rom, der ewigen Stadt.

Das Transferbus-Massaker

Am römischen Flughafen Fiumicino holten wir unser Gepäck und lösten zwei Tickets für den Transferbus ins Zentrum. Der Bus fuhr nur einmal stündlich und wir stellten uns an der Haltestelle brav an das Ende der Warteschlange. Die Tickets garantierten keinen Sitzplatz und bald warteten deutlich mehr Leute als ein einzelner Bus aufnehmen konnte.

Wartende Reisende am Busbahnsteig
Die Ruhe vor dem Sturm am Transferbus-Terminal

Als der Bus schließlich kam und seine Gepäckfächer öffnete, brachen die Errungenschaften menschlicher Zivilisation innerhalb weniger Sekunden zusammen. Wo eben noch Menschen kultiviert reisten, setzte sich das Recht des Stärkeren als einzige Regel durch. Überflüssige Verhaltensweisen wie Höflichkeit, Respekt vor Älteren oder Rücksicht auf Frauen und Kinder verpufften wie Relikte aus einer längst untergegangenen Zivilisation. Die Bilder erinnerten an die Verteilung von Lebensmitteln in einer afrikanischen Wüstenzone, nur dass dort die Hungernden mehr Anstand bewahrten.

Mit unserem Koffer stürzte ich mich ins Gewimmel, wurde aber von einer Großfamilie abgedrängt. Ich wollte mich unauffällig an einem Osteuropäer vorbeischieben, aber er rammte mir seinen Ellbogen in den Solar Plexus, was mich wertvolle Sekunden kostete. Dafür knallte mein Koffer gegen das Schienbein eines anderen Konkurrenten, worauf dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht abdrehte. Vom Rand der Kampfzone feuerten die Frauen ihre Gladiatoren an und dirigierten die Kämpfer.

Ich hielt mich in den Windschatten eines bulligen Amerikaners, der die Menge unangreifbar wie ein Preisboxer um einen Kopf überragte. Als der Mann sein Gepäck verstaut hatte und abdrehte, schlüpfte ich in die entstehende Lücke und warf unseren Koffer aus dem Stand in die letzte verbliebene Lücke. Der Mann neben mir stöhnte enttäuscht und rannte auf die andere Seite des Busses.

Nun musste ich noch einen Platz im Bus ergattern. Die Menschen drückten zum Eingang, der Busfahrer ließ aber nur sehr zögerlich Personen zusteigen. Als die Menge zur Seite wogte, konnte ich einen Türgriff erreichen und zog mich hoch. Einen Mann mit finsterem Blick musste ich passieren lassen, aber dann behauptete ich meine Position. Ich zeigte auf die SinnlosReisende und sagte zum Busfahrer „This is my wife!“. Da der Busfahrer sich unbeeindruckt zeigte, steckte ich ihm ein Trinkgeld fürs Nichtstun zu, worauf er mit einer lässigen Körperdrehung den Weg freimachte. Ich war nassgeschwitzt aber soweit zufrieden, die erste Challenge bestanden zu haben. Aus dem Fenster sah ich, wie ein Mann heimlich einen Koffer aus dem vollen Gepäckfach zog und seinen eigenen einlud. Irgendjemand würde heute Abend wohl ohne sein Gepäck auskommen müssen.

Als der Bus sich schließlich auf den Weg ins Stadtzentrum machte, hinterließ er eine jammervolle Szenerie. Ein junger Mann sammelte verstreute Kleidungsstücke auf, die aus seiner zerrissenen Reisetasche gefallen waren. Die Verlierer ließen am Bordstein ihre Wunden versorgen und brachten ihre derangierte Kleidung in Ordnung. Ein Mann humpelte mit frustriertem Blick zu seiner Frau, die ihn lautstark mit Vorwürfen überhäufte und ein britisches Ehepaar schaute fassungslos auf das Schlachtfeld. „It’s shocking, isn’t it?“ „Yes, Dear, it is. Let’s take a taxi“.

Spaziergang durch Rom

Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg in die ewige Stadt. Wir bummelten durch die verwinkelten Gässchen und bewunderten den wunderschönen Trevibrunnen. Weil es angeblich Glück bringt, werfen Touristen jedes Jahr Münzen im Wert von vielen Hunderttausend Euro in diese Mutter aller Brunnen. So eine Summe weckt natürlich Begehrlichkeiten. Ein italienisches Gericht hatte dieses Geld zu herrenlosem Gut erklärt, weshalb sich jeder ungestraft und ganz legal an den Schätzen bedienen dürfe. Daraufhin wurde der Trevibrunnen von Schatzsuchern überrannt, die ohne Rücksicht auf den wertvollen Marmor nach Münzen fischten. Die römische Stadtverwaltung reagierte mit einer Regelung, nach der nur städtische Bedienstete den Brunnen betreten dürfen. Das Geld wird regelmäßig eingesammelt und an die Caritas gespendet. Seither wachen rund um die Uhr zwei Polizisten mit Trillerpfeife darüber, dass niemand dem wertvollen Wasser zu nahe kommt.

Trevibrunnen bei Nacht
Der Trevibrunnen

Am nächsten Morgen gingen wir in die Bar gegenüber und beobachteten die Einheimischen. Das typische römische Frühstück dauert durchschnittlich acht Sekunden. Im Hereinlaufen ruft der Gast die Bestellung zum Tresen. Während der Barista den Espresso aufbrüht, wird der neueste Tratsch in atemberaubendem Sprechtempo ausgetauscht. Dann wird in einer fließenden Bewegung der Espresso im Stehen auf nüchternen Magen gekippt, während mit der anderen Hand eine Münze auf den Tresen geworfen wird. Und Ciao. Der Preis für einen solchen Espresso im Stehen ist in Italien per Gesetz auf maximal einen Euro festgelegt. Am Piazza Navona kostet ein Cappuccino im Sitzen dagegen so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen.

Brunnen auf dem Piazza Navona
Brunnen auf dem Piazza Navona

Die Eroberung des Vatikan

Wir hatten uns zum Kaffee ganz unrömisch mit Croissants gestärkt und machten uns auf den Weg zur Engelsburg, von der wir einen tollen Ausblick über die tausend Sehenswürdigkeiten Roms genießen durften. Die Engelsburg war ursprünglich von Kaiser Hadrian als Mausoleum für sich selbst erbaut worden. Warum ein einziger Mann so ein großes Grab braucht, bleibt unbeantwortet, aber unter den römischen Kaisern war ja Größenwahn ein Teil der beruflichen Qualifikation. Im späten Mittelalter erkannten die Päpste, dass die Engelsburg ein perfekter Rückzugsort war.

Ein verborgener Gang, der Passetto di Borgo, führte direkt von den päpstlichen Gemächern bis zur Burg. Hier konnte man unbequeme Besuche von feindseligen Eroberern hinter dicken Mauern aussitzen oder unerkannt seine Mätressen in den fürstlich ausgestatteten Gemächern besuchen. Später wurde die Engelsburg vielseitig verwendet: als Schatzkammer, als Geheimarchiv, als Festung, als Folterkammer, als Gefängnis und als Museum.

Die Engelsburg
Die Engelsburg
Wehrhafte Engelsburg
Da sucht sich der erfahrene Eroberer lieber ein anderes Ziel
Möwe auf der Engelsburg
Blickduell auf der Engelsburg – Wer zuerst blinzelt, hat verloren
Petersdom
Der Petersdom von der Engelsburg aus gesehen
Verwinkelte Gemäuer in der Engelsburg
Irgendwo in diesen Gemäuern verläuft der geheime Gang zum Schlafzimmer des Papstes

Dann eroberten wir den Vatikan. Mit einer Fläche von 0,44 Quadratkilometer und weniger als 1000 Einwohnern ist der Vatikan der kleinste Staat der Welt mit der weltweit höchsten Verbrechensrate pro Einwohner. Die beiden Gefängniszellen werden allerdings nicht von den überwiegend streng katholischen Bewohnern belegt, sondern von den Taschendieben, die hier als Grenzgänger ihrer Arbeit nachgehen.

Wir standen eine Stunde vor den Vatikanischen Museen an und schoben uns mit Zehnmilliarden anderen Besuchern durch die endlosen Gänge mit Kunstwerken aus aller Welt. Hier gibt es so viele Kunstschätze, dass man die Bilder sogar an die Decke dübeln musste. Beim Anblick dieser Reichtümer kommen Fragen zur Notwendigkeit der Kirchensteuer auf.

Weltkugel im Vatikanischen Museum
Sinnloses Objekt im Vatikanischen Museum
Flur im Vatikanischen Museum mit Deckengemälden
Platzsparende Gemäldegalerie
Antike Vase mit Löwenrelief
Löwe knabbert an seinem Snack
Antiker Schwertkämpfer hält Kopf in der Hand
So, mein Freund, jetzt fallen dir keine Witze mehr über meine Kopfbedeckung ein!

Um uns weitere zwei Stunden Anstehen vor dem Petersdom zu ersparen, mischten wir uns unauffällig unter eine geführte Reisegruppe, die eine Abkürzung von der Sixtinischen Kapelle direkt in den Petersdom benutzte. Hier bestaunten wir die Marmorsäulen und die verschwenderischen Kunstwerke, allen voran die berühmte Pieta von Michelangelo..

Blick auf den Altar im Petersdom
Im Petersdom
Skulptur im Petersdom
Eine der zahlreichen bescheidenen Skulpturen im Petersdom
pieta von Michelangelo
Starke Frau – die Pieta von Michelangelo

Wer den Unterschied zwischen den Begriffen “Escalator” und „Elevator” am Kassenhäuschen beherrscht, kann mit dem Aufzug auf die Kuppel des Petersdoms fahren. Wir gehörten nicht zu diesem Personenkreis und nahmen die 550 Stufen durch klaustrophobisch enge Wendeltreppen. Oben wurden wir mit einem ausgezeichneten Ausblick belohnt.

Blick auf den Petersplatz
Blick von der Kuppel des Petersdoms
Blick auf die Papstresidenz im Vatikan
Hier verbringt der Papst seine Rente

Das schwarze Schaf aus einer ehrbaren Familie

Otto Panini hasste Italien von ganzem Herzen. Er hasste die Hitze, die schon vormittags jede Bewegung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit machte. Er verabscheute die laute Sprache, die er nur sehr bruchstückhaft von seinem Großvater gelernt hatte. Und er hasste die winzigen Straßen und den chaotischen Verkehr. Aber am meisten ärgerte ihn, dass er einfach nie wusste, wem er vertrauen konnte. Und das war für ein Mitglied der Mafia ein Problem.

Zuhause in Chicago war alles so einfach gewesen. Die Stadtviertel waren fair unter den Familien aufgeteilt. Die Regeln waren einfach. Wenn sich ein Mitglied einer anderen Familie im eigenen Gebiet zu schaffen machte, wurde er umgelegt. Die Polizisten und Richter ließ man besser in Ruhe, wenn man keinen Ärger wollte. Und hier in Italien? Allein in Rom konkurrierten mindestens sieben Clans miteinander. Niemand konnte ihm sagen, welche Familie welches Gebiet kontrollierte, weil sich das täglich änderte. Bei Polizisten wusste man auch nie, woran man war. Die meisten waren käuflich, aber man konnte sich nie sicher sein, ob ein anderer Clan sie bereits bestochen hatte.

Aber Otto wollte nicht undankbar sein. Ihm war sehr wohl klar, dass er nach dem vermasselten Coup am Hafen eigentlich eine Freikarte zum Schwimmunterricht mit einer Betonschwimmweste im Lake Michigan gewonnen hatte. Nur seiner entfernten Verwandtschaft zum legendären Al Capone war diese zweite Chance zu verdanken. Ein Praktikum in Italien wird ihm helfen, seine Tugenden wieder zu finden, meinte der Consigliere, der Berater des Bosses. Er soll ein bisschen internationale Erfahrung sammeln und nebenbei seine lausigen Italienischkenntnisse aufbessern. Und so zog Otto ziemlich unvorbereitet bei einer Großtante in Rom ein.

Hier geht’s zum zweiten Teil

Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 30 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Ankunft auf dem Campingplatz

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Typologie der Camper

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Konsequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellbrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

El Arenal

Ein Bericht aus dem Gefühlsleben eines Vulkans

Der Arenal im Hochland von Costa Rica wurde von der einheimischen Bevölkerung lange nur „der Berg“ genannt. Das ärgerte ihn maßlos, denn einerseits drückte dieses Weglassen seines Namens eine unterschwellige Geringschätzung aus. Andererseits ignorierte die Bezeichnung „Berg“ seine vulkanische Abstammung, die bis zur Geburt der Kordilleren zurückreichte, und darauf war der Verschmähte sehr stolz. Ein Vulkan hat schließlich auch Gefühle, wie jeder Berg.

Und dann immer diese Sticheleien! Die Geologen zeigten überhaupt kein Interesse, weil er angeblich zu jung sei, um etwas Interessantes zu entdecken. Pah. Und das ausgerechnet von diesen Menschen, die ja erst neulich auf der Erdoberfläche erschienen waren. Als ob 100 Millionen Jahre zu jung wären. Der Arenal zeigte seinen Ärger niemals offen, sondern fraß ihn in sich hinein. Er brütete eher introvertiert vor sich hin, wie es der Natur der meisten Berge entspricht. Aber der Druck in seinem Inneren stieg und stieg.

Vulkan El Arenal im Wald
Sieht eigentlich ganz friedlich aus, der Berg

Eines Tages im Jahr 1968 war das Fass dann aber endgültig voll. Als sich ein Bauer aus dem Dorf Tabacon laut darüber beklagte, dass im Schatten des Berges sein Gemüse nicht genug Sonne bekäme, reichte es ihm. In einem gewaltigen Wutausbruch kotzte er einen Lavastrom aus und radierte das Dorf von der Landkarte. Seitdem nennen die Leute ihn nur noch „der Vulkan“ und senken die Stimme ehrfürchtig, wenn sie von ihm sprechen. Na gut, dass dabei 80 Menschen ums Leben kamen, war nicht seine Absicht gewesen. Aber so genau kann man eben auch nicht zielen, zumal wenn man als Vulkan etwas aus der Übung ist. Als Warnung stößt der Arenal immer mal wieder ein kleines Rauchfähnchen aus, macht sich mit einem bedrohlichen Rumpeln bemerkbar und wirft ein paar Felsbrocken aus seinem Krater. Wenn man sich unter den Top 10 der weltweit aktivsten Vulkane halten will, muss man halt immer am Ball bleiben.

Am Fuß des Vulkans liegt der Arenal Nationalpark. In Internetforen beklagen sich unzufriedene Besucher darüber, dass es hier kaum Tiere zu sehen gäbe. Das stimmt aber gar nicht – man muss nur etwas genauer hinschauen.

Blattschneiderameise trägt ein Blatt
Tierwelt im Arenal Nationalpark

Eine Blattschneiderameise ist nun vielleicht keine Sensation, aber ein ganzes Volk davon kann einen Baum in wenigen Tagen kahl scheren (und ein Pferd in einem Tag bis auf die Knochen abnagen; aber das ist ein unbestätigtes Gerücht). Und wo Ameisen sind – da ist ein anderer Zeitgenosse nicht weit. Als es neben dem Weg im Unterholz raschelte, verhielten wir uns ruhig und dann spazierte in aller Seelenruhe ein Ameisenbär an uns vorbei. Ich hatte immer gedacht, diese Tiere wären blau, weil ich in meiner Kindheit ein Fan der blauen Elise war, die im Vorabendprogramm vergeblich den Termiten nachstellte.

Ameisenbär überquert den Weg
Freund der Ameisen

Und wer nicht im Stechschritt durch den Dschungel rennt, sondern sich etwas Zeit lässt, der findet auch mal Tiere, die nicht so ins Auge springen.

Snake in rain forest
Manche Tiere wollen gar nicht gesehen werden. Erst wenn es zu spät ist.

Ganz in der Nähe, am Ufer des Arenalsees, steht ein gewaltiger Ceiba Tree, der angeblich James Cameron zu dem Wohnbaum der Na‘vi im Film „Avatar-Aufbruch nach Pandora“ inspiriert hatte. Die Ureinwohner Mittelamerikas verehrten diese bis zu 75 Meter hohen Bäume als Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. Fotos können die Größe dieses Baumes nicht wiedergeben; es ist einfach nur ein ergreifendes Gefühl, darunter zu stehen.

großer Ceiba Tree
Unter dem Ceiba-Baum – Größe ist relativ

Von den häufigen Vulkanausbrüchen unbeeindruckt bauten die unerschrockenen Ticos das Städtchen La Fortuna, denn hier zeigt der Vulkan seine sonnige Seite: es gibt massenweise natürliche Thermalquellen mit herrlich heißem Wasser. Wir verzichteten auf die Designerbäder der Edelhotels und besuchten die Termalitas del Arenal, wo sich die einheimischen Großfamilien zum Picknick mit Grillvergnügen trafen. Meine mangelhaften Spanischkenntnisse machten sich hier schmerzlich bemerkbar, aber Bilder versteht man ja auch ohne Worte.

Termalitas del Arenal in La Fortuna
Thermalbad mit Heizkraftwerk im Hintergrund
Küssen verboten Schild
Beim Küssen nicht den Partner gegen das Schienbein treten!
Tafel mit Verbot im Freibad
Verboten: Kinder dürfen spielenden Erwachsenen nicht auf den Po hauen!
Warnschild Wassertemperatur und Wassertiefe
Doppelgefahr: Heißes Wasser und Untiefen. Vorsicht beim Köpfer!
Warnschild Blutdruck
Nach 20 Minuten steigt der Blutdruck bis die Arterien platzen!

Um uns etwas abzukühlen, machten wir einen Ausflug zum Rio Celeste. Unterwegs streiften wir ein Highlight der Biodiversität, die Nebelwälder. Hier findet man im dauerfeuchten Klima auf einem Quadratkilometer mehr verschiedene Baumarten als in den ganzen USA. Der einzige Nachteil am Nebelwald ist – ähm, der Nebel.

Nebel auf der Straße im Nebenwald
Im Nebelwald

Der Rio Celeste liegt etwas abseits im Tenorio Volcano National Park und ist nur durch eine einstündige Wanderung erreichbar. Zwei kristallklare Bäche vermischen sich hier zu einem absolut unglaubwürdig leuchtenden Türkiston.

Entstehung des Rio Celeste
Hier entsteht der Rio Celeste aus zwei klaren Bächen. It’s magic!
Türkise Farbe im Rio Celeste
Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt man es nicht

Es gibt zwei Theorien zur Erklärung dieses Naturspektakels: Die Einen sind davon überzeugt, dass die Götter hier als Beweis ihrer Allmacht ein Stück des Himmels auf die Erde gebracht haben. Die Anderen behaupten, es sei ein physikalischer Effekt namens Mie-Scattering, bei dem Aluminiumsilikat, PH-Werte und eine Wellenlänge von 566 Nanometern eine Rolle spiele. Man kann sich aber auch einfach nur über den Anblick freuen.

Wasserfall am Rio Celeste
Pool mit Dusche mitten im Dschungel
Hängebrücke über den Rio Celeste
Nur für Einzelgänger

Auf dem Rückweg entdeckten wir eigenartige Blüten und einen dieser neugierigen Nasenbären neben dem Weg. Diese Allesfresser haben sich genau wie die Waschbären in Nordamerika an die Menschen gewöhnt und kontrollieren regelmäßig die Parkplätze.

Pink Flower
Der Dschungel blüht
Nasenbär im Wald
Naseweiser Nasenbär
Nasenbär am Parkplatz
Nasenbär nimmt die Fahrzeugparade ab

Der Furz von San Jose

Mittelamerikanische Verdauungsprobleme in Bildern

Costa Rica hat zwar eine geringere Wirtschaftsleistung als die Region Stuttgart, aber trotzdem ist das kleine Land in einigen Dingen dem deutschen Staat um Jahrzehnte voraus. Während in Deutschland der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, ist man hier schon lange bei fast 100% regenerativer Energieerzeugung angelangt. Und es funktioniert.

Durch konsequenten Umweltschutz sind inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt und 160 Schutzgebiete hindern Großkonzerne an der Abholzung. Größere Hotelkomplexe findet man hier kaum, überwiegend wird Ökotourismus in kleinen, nachhaltigen Familienunternehmen betrieben. Ein echter Gewinn für Einheimische, Natur und Touristen.

Das Militär wurde in Costa Rica schon vor Jahrzehnten abgeschafft und dafür zur Freude der Nachbarn Nicaragua und Panama eine konsequente politische Neutralität verkündet. Das und die hohen Berge haben dem Land den Beinamen „die Schweiz Mittelamerikas“ eingebracht. Die Militärausgaben wurden stattdessen in Bildung und Gesundheit investiert und irgendwie hat es das demokratische Land geschafft, dass seine Bewohner zu den zufriedensten Bürgern der Welt gehören.

Als wir uns am Flughafen von San Jose mit Bargeld versorgten, fühlten wir uns gleich wie Millionäre. Leider nur in Colon, der hiesigen Währung.

Costa Ricanisches Geld
Nach dem ersten Banküberf … äh Bankbesuch

Als wir aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens heraustraten, wurden wir sofort von einem dieser „hilfsbereiten“ Transfer-und Taxi-Vermittler angesprochen. Da wir aus zahlreichen Ländern um die Wucherpreise dieser Taximafia wussten, wimmelte ich den jungen Mann mit dem Hinweis ab, dass wir einen Mietwagen reserviert hatten. Ganz euphorisch bot er uns gleich einen kostenlosen Transfer zur Mietwagenstation an. Aber nicht mit mir! Diesen Trick durchschaute ich sofort und wir gingen unbeirrt zum Schalter der Mietwagenfirma.

Dort wurden wir ganz erstaunt gefragt, ob wir denn den Mitarbeiter verpasst hätten, der den kostenlosen Transfer zur Mietwagenausgabe organisiert. Der stand etwas ratlos im Hintergrund und zerknirscht musste ich zugeben, dass mein Misstrauen völlig unbegründet war. Diese positive Erfahrung bestätigte sich in den nächsten Wochen – kein einziges Mal wollte uns Jemand etwas aufschwatzen oder verkaufen. Die Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) waren einfach nur freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.

Eigentlich ist Kriminalität in Costa Rica kein Problem. Nachdenklich stimmt allerdings der Aufkleber auf einem Rettungswagen, der ausdrücklich die Mitnahme von Pistolen untersagt.

Rettungswagen in San Jose
Zutritt nur ohne Handfeuerwaffen. Wie soll man sich denn da verteidigen?

Das Essen besteht in Costa Rica in aller Regel aus Bohnen mit verschiedenen Beilagen. Zum Frühstück gibt es Gallo Pinto, Bohnen mit Reis und Ei. Sehr beliebt sind auch Patacones, frittierte Kochbananen mit Bohnenmus und reichlich Zwiebeln.

Patacones mit Beilagen
Patacones in Riesenportionen

Die bohnenlastige Kost schmeckt meist extrem lecker, verursacht aber auch extreme Verdauungsreaktionen. Der einheimische Künstler Jimenez Deredia hat sich dieser Thematik in einer Skulpturenserie angenommen, die in der Fußgängerzone von San Jose zu bewundern ist.

Skulptur
Ein gärendes Unwohlsein breitet sich im brennenden Gedärm aus…
Skulptur
…und verwandelt sich allmählich in ein alles beherrschendes Grimmen.
Skulptur
Der Darm schwillt und schwillt bis zur Unkenntlichkeit…
Skulptur
…und die Blähungen krümmen den Körper solange…
Skulptur
…bis endlich, endlich ein gewaltiger Furz sich seinen Weg bahnt.
Skulptur
Der ganze Mensch verwandelt sich in eine Serie von Flatulenzen…
Skulptur
…um endlich wieder der Entspannung Raum zu geben, bevor der Zyklus bei der nächsten Mahlzeit wieder von vorne beginnt.

Jimenez Deredia, falls du das hier liest: Ich fürchte, ich habe deine Skulpturen anders verstanden, als von dir beabsichtigt. Aber gehört zur Kunst nicht auch die Freiheit der Interpretation dazu?

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Die Mappe des Grauens

Diese Geschichte spielt kurz nach der Jahrtausendwende in einem Industrieunternehmen. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Obwohl, wenn ich genau nachdenke, kommen mir da leichte Zweifel.

Herr Single-Pee war Leiter einer kleinen Abteilung in einer großen Firma, die zwar global agierte, aber ihre schwäbischen Wurzeln nie ganz ablegen konnte. Als er zur Führungskraft ernannt wurde, betonte sein Vorgesetzter die Vorzüge des deutlich größeren Gestaltungsspielraums einer Leitungsfunktion. Konkreter wurde er nicht, aber Single-Pee freute sich über seinen neu gewonnenen Spielraum.

Der Vorgesetzte von Single-Pee wurde Double-C genannt, das war die Kurzform von Cyborg-Claus. Er zeigte niemals auch nur den Hauch einer menschlichen Regung. Empathie war für ihn ein Fremdwort aus der Esoterikszene und menschliche Bedürfnisse schien er nicht zu haben. Einmal fragte Double-C eine Assistentin, die aus dem Mutterschutz zurück kam und ihren Kolleginnen stolz die Fotos ihres Babys zeigte, ob sie in Urlaub gewesen sei. Er hatte ihre Schwangerschaft nicht bemerkt, obwohl er neun Monate lang jeden Tag mehrmals an ihr vorbei gelaufen war. Irgendwann entstand das Gerücht, dass in der menschlichen Hülle wahrscheinlich ein Roboter oder zumindest ein Cyborg stecken müsse.

Double-C regierte sein Leitungsteam mit einer legendären, von allen Mitarbeitern gefürchteten Wiedervorlagemappe. Dieses gefräßige Monster war im Lauf der Jahre auf eine Dicke von über zwanzig Zentimetern angeschwollen und enthielt alle Protokolle, ausgedruckten E-Mails und Notizen, die jemals über Double-C’s Schreibtisch gewandert waren. Was einmal in dieser Todesmappe gelandet war, wurde gnadenlos in jedem Meeting wiedergekäut. Erst wenn alle Maßnahmen abgearbeitet waren, schrieb Double-C ein dickes „ERLEDIGT“ mit aktuellem Datum und seinem Namenskürzel quer über das Papier, strich das Protokoll diagonal durch und zerriss dann das Blatt in acht Stücke. Dann legte er die Papierfetzen in die Mappe des Grauens zurück, damit seine Assistentin sie in den feuersicheren Papiermülleimer entsorgen konnte. Arbeitsteilung für Fortgeschrittene.

Die Themen für Double-C’s Todesmappe kamen überwiegend von dessen Chef, Triple-Ju. Er unterschrieb immer mit seinen Initialen U.W., die auf Englisch wie „Ju – Double-Ju“ klangen. Findige Mitarbeiter zählten ein Ju und ein doppeltes Ju zusammen und schon war der Spitzname geboren. Triple-Ju verdankte seine Karriere einem ausgeprägten Sinn für das Betriebswirtschaftliche. Seinen Durchbruch erzielte er mit der Halbierung der Kosten für Druckerpapier durch die Nutzung der Rückseite von alten Ausdrucken. Als Mitarbeiter auf der Rückseite ihres Ausdrucks vertrauliche Protokolle entdeckten, die eigentlich niemals für ihre Augen gedacht waren, entstand zwar beträchtlicher Aufruhr, aber die Einsparungen waren unbestreitbar.

Eines Tages zog die Abteilung von Single-Pee in ein neu erbautes Bürogebäude um. Kurz darauf klagten einige Mitarbeiter über Kopfschmerzen und verdächtigten die neue Einrichtung im Großraumbüro, die einen eigenartigen Geruch verströmte. In einer großen Firma gilt zwar der Leitspruch „Dafür bin ich nicht zuständig“, aber doch gibt es für jedes Problem einen Zuständigen. Er versteckt sich nur manchmal im undurchdringlichen Unterholz der verschachtelten Organigramme, die mit blumigen Bezeichnungen ihre wahre Aufgabe verschleiern. Single-Pee schaltete den Hausmeister ein (pardon, den Facility Manager), der genau so wenig zuständig war, wie die Büroplanungsabteilung, die sich hinter der schönen Bezeichnung „Planning Plant/Constr.Engineer. & Offices“ verbarg. Der werksärztliche Dienst bot Kopfschmerztabletten an, war aber ansonsten ebenfalls nicht zuständig; immerhin beauftragte er die Arbeitssicherheit. Der zuständige Experte verwies wort- und gestenreich darauf, dass alle Möbel und Materialien im Büro selbstverständlich absolut schadstofffrei wären (100% garantiert, mit Zertifikat) und organisierte eine Messung, um alle eventuellen Zweifel zu beseitigen. Die Messung ergab, dass die absolut schadstofffreie Inneneinrichtung Formaldehyd ausdünstete.

Der Experte konsultierte daraufhin sein Handbuch und empfahl regelmäßiges Stoßlüften und die Anschaffung von schadstoffabbauenden Zimmerpflanzen. Single-Pee erinnerte sich an seinen Gestaltungsspielraum, wählte sechs Pflanzen in Hydrokultur aus einem Katalog des Vertragsgärtners aus und bat die Assistentin um Bestellung. Problem gelöst. Dachte er.

Schlichte Gemüter könnten nun meinen, dass ein paar Zimmerpflanzen in einer Firma mit vielen Milliarden Euro Umsatz nicht so sehr ins Gewicht fallen. Aber in großen Firmen erfolgt eine Bestellung durch den zuständigen Einkauf immer erst dann, wenn das zuständige Controlling eine Freigabe erteilt hat. Controller sind von Natur aus eher gründlich veranlagt, aber schwäbische Controller können bis zur Humorlosigkeit gewissenhaft sein. Und so überrascht es eigentlich nicht, dass der prüfende Sachbearbeiter sich bei seinem Teamleiter absicherte, der wiederum diese Investition betriebswirtschaftlich nicht recht einordnen konnte und daher den Chef-Controller um Entscheidung bat. Und da in der damaligen Zeit Kommunikation niemals direkt, sondern immer nur auf gleicher Hierarchieebene oder über maximal eine Stufe gehen durfte, fräste sich bald eine Kommunikationskaskade durch das firmeneigene E-Mailsystem:

Chef-Controller an The Head, den Leiter der Unit: „Wollen wir wirklich sechs Pflanzen bestellen? Return of Invest ist unklar!“

The Head an Triple-Ju, den Leiter des Bereichs: „Bitte begründen! Wozu brauchen Sie so viele Zimmerpflanzen?“

Triple-Ju an Double-C, den Leiter des Fachbereichs: „Bitte ausführlich begründen, Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellen und Alternativen aufzeigen! Bitte prüfen, ob eine Fototapete mit Waldmotiv den gleichen Effekt bei kleineren Kosten bringt!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte zeitnah erledigen!“

Single-Pee an Double-C: „Die Pflanzen wurden von der Arbeitssicherheit empfohlen, weil Mitarbeiter wegen Formaldehyd gesundheitliche Probleme haben. Wir verdienen mit den Pflanzen nicht wirklich Geld, aber ein einziger Krankheitstag kostet die Firma dreimal so viel wie alle Pflanzen zusammen. Alternativ könnten wir das neue Gebäude kernsanieren.“

Double-C an Triple-Ju: „Die Argumente von Single-Pee sind schlüssig. Ich befürworte die Freigabe.“

Triple-Ju an Double-C: „Einverstanden. Vorher bitte prüfen, ob es günstigere Pflanzen gibt und alternative Lieferanten anfragen!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte mindestens drei Angebote über den Einkauf einholen und preiswerte Sorten wählen!“

Single-Pee an Double-C: „Laut Einkauf verbietet der Exklusivvertrag mit der Gärtnerei alternative Lieferanten. Es gibt günstigere Pflanzen, aber die helfen nicht gegen Schadstoffe. Ich möchte daran erinnern, dass es um die Gesundheit der Mitarbeiter geht, nicht um Schöner Wohnen.“

Double-C an Triple-Ju: „Es führt wohl kein Weg an einer Beschaffung vorbei. Bitte um Freigabe.“

Triple-Ju an The Head: „Ich befürworte die Freigabe. Wirtschaftlichkeit der beantragten Lösung ist eindeutig besser als die alternative Kernsanierung des Gebäudes.“

The Head an Chef-Controller und an Triple-Ju: „Ich genehmige zunächst nur drei Zimmerpflanzen. Zum Ausgleich wird verstärkt gelüftet. Nach Umsetzung Ortstermin und Entscheidung über weiteres Vorgehen.“

Triple-Ju an Double-C: „Bitte Lüftungskonzept entwickeln und Ortstermin planen, wenn erster Meilenstein umgesetzt ist.“

Double-C legte eine Kopie des Vorgangs in seine Mappe und schrieb an Single-Pee: „Bitte umsetzen!“

Zwei Wochen später entdeckte Single-Pee eines Morgens drei Zimmerpflanzen im Großraumbüro, die sich mit Heißhunger über die Schadstoffe hermachten. Geht doch, dachte er sich und bat die Assistentin, den Ortstermin zu buchen.

Zur Besichtigung machte sich eine illustre Delegation auf den Weg: vorneweg gingen The Head und der Chef-Controller, dahinter tippelte Triple-Ju gefolgt von Double-C. Im Büro beugte sich die geballte Prominenz über einen Ficus benjamini, der vor Ehrfurcht zitternd seine Zweige enger an den Stamm legte.

Der einsame Schadstofffresser

„Aha, das ist also der Grund unseres Besuchs“, meinte The Head lapidar. „Das sieht ja nun wirklich nicht übertrieben aus.“ In der Tat wirkten die drei Pflänzchen im weitläufigen Großraumbüro etwas verloren.

Double-C schnüffelte und fragte: “Was riecht denn hier so streng?“

„Das ist das Formaldehyd, wegen dem wir die Pflanzen beschafft haben“, entgegnete Single-Pee.

„Richtig“, kommentierte The Head. Dann fiel sein Blick auf das riesige Plakat aus der letzten Kampagne zur Firmenkultur. „Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“ stand da in fetter Schrift.

„Und wie wirkt die Maßnahme? Hat unser wertvollstes Kapital noch Beschwerden?“, erkundigte er sich.

Das wertvollste Kapital beobachtete die Szene von seinen Arbeitsplätzen aus. Manche Mitarbeiter beneideten den Ficus benjamini, weil er die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser hochrangigen Manager bekommen hatte, während sie selbst seit Monaten auf einen Termin zur Projektfreigabe warteten.

„Es ist etwas besser geworden, aber noch nicht gut“, informierte Single-Pee über den Status.

„Gut so, wir sind auf dem richtigen Weg“, bemerkte The Head. „Lassen Sie eine Kontrollmessung durchführen und wenn die noch was anzeigt, dann gebe ich die restlichen drei Pflanzen frei. Gut, dass Sie ihren Gestaltungsspielraum genutzt haben“. Mit diesen Worten dampfte die Delegation aus dem Büro.

Weitere drei Wochen später – inzwischen wedelten sechs Pflanzen genüsslich ihre Blätter durch die schadstoffhaltige Luft – erhielt Single-Pee eine Mail:

Sehr geehrte(r) Herr(Frau) Single-Pee,

Sie haben den Workflow „Allgemeiner Workflow“ zur Bearbeitung im WebCycleWorkflow-Management erhalten. Dies ist eine vom System automatisch generierte Mail.

Single-Pee hatte schon von der sprachlichen Eleganz des neuen Systems ® gehört und drückte neugierig auf den Link. Eine Rechnung für die gelieferten Pflanzen erschien und er durfte aus drei Buttons wählen: „freigeben“, „ablehnen“ oder „nicht zuständig“. Single-Pee nutzte seinen Gestaltungsspielraum und klickte auf „freigeben“.

„Sie haben keine weiteren Aufgaben“, antwortete das System. Das war aber einfach, dachte sich Single-Pee.

Am nächsten Tag kam die gleiche Mail wieder. Vielleicht nicht richtig gespeichert, vermutete Single-Pee und drückte nochmal auf „freigeben“. Als die Nachricht zum dritten Mal aufpoppte, entdeckte er eine kleine Notiz im System, die ihn aufforderte, zunächst einen Wareneingang zu veranlassen und erst danach freizugeben. Single-Pee schrieb in das Notizfenster „Die Ware ist eingegangen“ und klickte wieder auf „freigeben“.

Als nichts passierte, drückte er auf den „Zurück“-Button, was dazu führte, dass das Programm abstürzte. In der Hilfefunktion fand Single-Pee die entscheidenden Hinweise: „Wenn Sie eine Notiz eingeben wollen, drücken Sie auf keinen Fall den Button „Notiz eingeben“, sondern betätigen Sie die rechte Maustaste, Einstellungen, besondere Einstellungen, aktivieren, Notizfunktion aktivieren, neue Notiz anlegen, speichern, dreimal ok und geben Sie ihre Notiz in das Fenster ein. Wenn Sie den „Zurück“-Button des Browsers verwenden, wird ihr Account für 24 Stunden gesperrt; wenden Sie sich in diesem Fall an den zuständigen Systemadministrator.“ Echt super, so ein System®.

Als die Mail zum vierten Mal kam, beschloss Single-Pee, aus dieser Endlosschleife auszubrechen und drückte trotzig auf „nicht zuständig“. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf aus der zuständigen Buchhaltung, die in ein osteuropäisches Land outgesourct worden war. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wurde klar, was das System verlangte: er solle den Lieferschein einscannen. Nur war bei den Pflanzen dummerweise kein Lieferschein dabei gewesen. Dann müsse er sich an die zuständige Wareneingangskontrolle vor Ort wenden, meinte die Buchhalterin. Wer das sei, wusste sie aus der Ferne auch nicht, aber jedenfalls könne sie die Rechnung nur einbuchen, wenn der Wareneingang korrekt erfasst wurde.

Es dauerte weitere acht Monate, bis das neue System zufrieden war und der Vorgang endlich aus der Mappe des Grauens entfernt wurde. Zwei Monate später wurde die nächste Reorganisation angekündigt und die Abteilung musste wieder umziehen. Single-Pee besann sich auf seinen Gestaltungsspielraum, prüfte den Inhalt seiner Geldbörse und machte sich in der Mittagspause auf den Weg ins örtliche Gartencenter. An der Mappe des Grauens und am System ® vorbei, unter Missachtung aller Zuständigkeiten.

Ich widme diesen Beitrag allen Mitarbeitern von großen Firmen mit dunkelblauem Logo. Und ich rufe euch zu: Verzweifelt nicht! Die beschriebenen Ereignisse in dieser Geschichte sind nicht mal zwanzig Jahre her. Die schwäbischen Controller widerstehen mit ihren Exceltabellen zwar tapfer den Versuchungen der neuen agilen Zeit aber sonst hat sich seitdem schon so viel zum Guten geändert. Es besteht Hoffnung!

® „Das System“ ist kein eingetragenes Warenzeichen der SAP SE, aber fast.

Der Firmenlauf

Die alternative Wahrheit über ein eigentlich harmloses Event.

Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!

Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.

Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.

Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.

Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.

Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.

Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“

Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.

Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!

Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.

Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.

Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.

Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.

Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.

Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.

Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Gruppe Cheer Leader, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Der Start – Kein Platz für Schwächlinge

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.

Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Ein endloser Strom schiebt sich durch die Strecke

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.

Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.

Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.

Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.

„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Das beste Team aller Zeiten

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“

„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.

Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.

Die Wellen von Ballito

Eine kleine Geschichte über große Tiere, noch größere Wellen und einen Tanz mit einem Zulu

Als wir die Bilder der Touristenmassen sahen, die sich sensationsgeil um die wenigen Tiere drängelten, strichen wir den Krüger Nationalpark und besuchten stattdessen den relativ unbekannten HluHluwe iMfolozi Nationalpark. In dieser Gegend Südafrikas hatten sie eine erfrischend kreative iNterPretatiOn der gRoß-kLein-Schreibung, und auch sonst war es ein Erlebnis der Güteklasse A1 mit Sternchen. Wir konnten den Park ohne Guide und völlig unbehelligt von anderen Touristen mit dem eigenen Auto erkunden. Anfangs sahen wir nur jede Menge Schlaglöcher, ein paar Äffchen, Wildscheine und einen Kudu.

Mutter und Kind-Turnen
Hängebauchschweine gehen Krokodile füttern

Als die Mittagshitze sich legte, beendeten die Tiere ihre Siesta und kamen aus ihren Verstecken: Eine Elefantenherde wanderte majestätisch über einen Hügel. Dann Nashörner im Akkord. Wir fuhren um ein Haar unter einer Giraffe durch. Dann Zebras. Noch eine Elefantenherde am Fluss. Noch mehr Nashörner. Noch mehr Schlaglöcher.

Nashorn-Ehepaar bei der Rasenpflege
Abendessen im dritten Stock
Leben im Hochformat
Die Zebrastreifen machen Feierabend und gehen nach Hause

Im Küstenstädtchen Ballito checkten wir im Zimbali Eco View ein. Unser Gastgeber Herbie zauberte ein erstklassiges Frühstück auf den Tisch: Leckerer Kaffee, Nutella, Obstsalat, Straußengeschnetzeltes und Waffeln. Und zur Unterhaltung sprangen im Meer die Delphine.

Frühstück mit Meerblick. So muss das sein.

Herbie war Technikfreak und sicherte sein Haus abends mit einer Alarmanlage: Rotes Licht – Anlage scharf, grünes Licht – ok. Die Taste mit einem Punkt auf der Fernbedienung entschärft die Anlage, die Taste mit zwei Punkten sendet einen Notruf an den Sicherheitsdienst. Alles ganz einfach.

Wegen der hohen Kriminalität nutzten die meisten Hausbesitzer einen Wachdienst. Meist waren hier Zulus beschäftigt, Nachfahren des legendären Königs Shaka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile des heutigen Südafrikas beherrschte. Da er 1.500 Frauen hatte, ist heute fast jeder Zulu mit ihm irgendwie verwandt. König Shaka wird als Nationalheld verehrt; sogar der internationale Flughafen in Durban wurde nach ihm benannt.

Am nächsten Tag ging es endlich an den Strand zum Baden in die tollen Wellen. Drei Rettungsschwimmer lümmelten unter einem Sonnenschirm und zahlreiche Familien spielten am Ufer. Ich liebe Wellen. An zahlreichen Stränden dieser Welt hatte ich das Spiel mit den Brechern genossen und freute mich auf die erste Begegnung mit dem Indischen Ozean. Wir gingen bis zu den Knien ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Dann ging es ganz schnell. Die erste Welle holte uns von den Beinen, die Zweite raubte uns die Orientierung und die Dritte zog uns in den Bereich, in dem man nicht mehr stehen konnte. Hey, dachte ich noch, die haben aber ganz schön Kraft! Und schon brach die nächste Welle über uns zusammen.

Wellen am Indischen Ozean

Die Wellen brachen in so kurzen Abständen von oben auf uns herunter, dass wir kaum Zeit zum Atmen hatten. Das war extrem ungemütlich und wir beschlossen, zum Ufer zurück zu schwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn jede Welle spülte uns drei Meter Richtung Ufer und der Sog nach der Welle zog uns fünf Meter ins Meer hinaus. Ich schwamm was ich konnte, was nicht viel war, denn meine Kraft ließ erschreckend schnell nach. Aus dem Augenwinkel erkannte ich an dem ernsten Gesichtsausdruck der SinnlosReisenden, dass sie die Lage ebenfalls als bedrohlich einstufte. Die drei Rettungsschwimmer waren inzwischen in die Mittagspause entschwunden.

Rette sich wer kann…

Kurz bevor die Panik mich überrollte, tauchte plötzlich neben mir ein Mädchen mit einem Surfbrett auf. Ich klammerte mich energisch daran fest und ein archaischer Überlebensinstinkt schickte den Impuls durch mein Gehirn, dem Kind das Brett aus der Hand zu reißen. Das war wohl auf meinem Gesicht zu lesen, denn sie schaute mich ängstlich an. Aber ich hatte mich schon wieder im Griff und dann erfasste uns die nächste Welle und spuckte uns auf den Strand. Seit diesem Erlebnis betrachten wir Wellen mit deutlich mehr Respekt.

Mann reitet mit Surfbrett auf Welle
Mit der richtigen Ausrüstung macht das sicher Spaß

So eine Niederlage kann ein richtiger Mann natürlich nicht einfach so stehen lassen. Mein Rehabilitationsplan war kühn und schnell gefasst. Direkt vor unserer Unterkunft war ein weitaus gefährlicherer Strand, als der nachmittägliche Badestrand. Herbie hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier immer wieder Mutige und Ahnungslose ertranken. Dieser Strand musste bezwungen werden – nur so ließ sich meine Ehre wieder herstellen.

Als die SinnlosReisende gegen Mitternacht einschlief, schlich ich mich durch die doppelt abgeschlossenen Türen aus dem Haus. Ich hatte einen schwarzen Neoprenanzug ausgeliehen, den ich samt Kapuze und Handschuhen überstreifte. Die Handschuhe waren etwas hinderlich, aber schließlich schaffte ich es, die Alarmanlage mit einem Druck auf den Knopf mit den beiden Punkten zu entschärfen. Oder war es der Knopf mit einem Punkt? Egal, jedenfalls ging kein Alarm los, als ich vor die Tür trat.

Als ich schon fast draußen war, fiel mir ein, dass ich den elektrischen Haischocker vergessen hatte. Also ging ich nochmal zurück, denn Herbie hatte uns berichtet, dass in den Schutznetzen vor den Buchten regelmäßig Haie hängen blieben – viele auf dem Rückweg nach draußen ins offene Meer. Schließlich war ich soweit und musste nur noch die Außentür abschließen. Ich leuchtete mit der funzeligen Taschenlampe und fummelte mit meinen Handschuhen an dem blöden Schloss herum, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich erschrak, drehte mich um, und starrte auf eine gewaltige muskulöse Brust. Vor mir stand eine jüngere Ausgabe von Mike Tyson – nur größer. Vor Schreck fiel mir der Haischocker aus der Hand. Er fiel mit einer Elektrode auf meinen Fuß, mit der anderen auf den Fuß des Hünen, offensichtlich ein Zulu vom Sicherheitsdienst. Mit einem Britzeln entluden sich die 50.000 Volt in unsere Körper und wir umarmten uns unter Krämpfen und tanzten bis die Ladung leer war. Als ich wieder atmen konnte, erkannte ich einen zweiten Schwarzen mit ähnlich beeindruckender Statur, der mich grimmig musterte. Zum Glück hatte ich vor der Reise einen Spruch in Zulusprache einstudiert, denn mit Fremdsprachen erobert man die Herzen der Einheimischen:

„Sagabona – Kunjani wena!“ wollte ich sagen. „Hallo – wie geht’s?“

Weil ich mir bei dem elektrischen Tänzchen auf die Zunge gebissen hatte, kam aber nur ein klägliches „Shakabolla – Kunschi wea!“ heraus, was ungefähr bedeutete „König Shaka frisst Scheißbollen!“

Wie stolz die Zulus auf ihren früheren König waren, konnte ich in den nächsten Stunden in der schalldichten Zelle des Sicherheitsdienstes am eigenen Leibe erfahren. Erst durch viele förmliche Entschuldigungen und eine großzügige Spende konnte ich die Herren davon überzeugen, dass ich erstens nichts gegen den verehrten König Shaka habe und zweitens nicht bei Herbie einbrechen wollte. Als ich in der Morgendämmerung ins Bett kroch, spürte ich alle Knochen. Die SinnlosReisende kommentierte meinen Zustand schlaftrunken mit einem müden Scherz über mein Alter und drehte sich um. Wenn Frauen wüssten, was ihre Männer Nachts so treiben…

Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen

Im Königreich eSwatini

Etwa eine Million Menschen leben im Königreich eSwatini. Während König Mswati III mit seinen fünfzehn Frauen und seiner entsprechend großen Familie gern gesehener Stammkunde bei Herstellern von Luxuslimousinen ist, leben die restlichen Bewohner von durchschnittlich 30 € im Monat.

In dieser Ecke Afrikas ticken die Uhren langsamer als im Rest der Welt. Wir verbrachten drei Tage im Hlane Nationalpark, in dem es genau fünf Hütten und keinen Strom gab. Und damit auch keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keinen Lichtschalter und keine Möglichkeit, unsere Handys aufzuladen. In der ohrenbetäubenden Stille war das Summen der Fliegen überdeutlich zu hören.

Unsere Unterkunft und unser „Geländewagen“

Als die Akkus unserer Geräte leer waren, wurde die Zeit zäh wie Honig. Zum Glück lag direkt neben unserer Hütte ein Wasserloch, in dem eine Familie Nilpferde planschte. Am Ufer tummelten sich Giraffen, Nashörner und Elefanten.

Wasserloch mit Nashörnern und Nilpferden
Das Wasserloch im Hlane Nationalpark

Das herausstechende Merkmal von Elefanten ist ihr gutes Gedächtnis. Da ich diese Eigenschaft mit ihnen teile, sind mir diese Tiere sehr sympathisch. Ich erinnere mich beispielsweise noch ganz genau an eine Jugendsünde im Zoo aus meiner Schulzeit: ein junger Elefantenbulle hatte auf einem Ohr eine Narbe, die an eine Zielscheibe erinnerte. Das brachte uns Jungspunde auf die Idee, mit den herumliegenden Hasenkotbollen auf sein Ohr zu werfen. Der Elefant fand das nicht so lustig wie wir, aber uns trennte ja ein stabiler Zaun und ein tiefer Wassergraben.

Elefant im Abendlicht

Eines der Nashörner starrte mich mit einem Blick an, der mir Gänsehaut machte. Der Bulle schien zu überlegen, ob sich bei dieser Hitze ein kleiner Sprint lohnte. Ich blickte prüfend den Zaun an, der die Tiere draußen halten sollte und fand ihn erschreckend dünn. Als eine kleine Brise aufkam, wackelte der Pfosten bedenklich. Zum Glück haben Nashörner ein zu kleines Gehirn, um solche Überlegungen zu Ende zu führen.

Nashorn hinter baufälligem Zaun
Wie lange so ein Zäunchen wohl einem anstürmenden Nashorn widerstehen kann?
Zwei Nashörner überlegen, ob ein Angriff lohnt
Was meinst du: Sollen wir eine Runde Touristenjagen spielen?

Ich weckte an der Rezeption eine Angestellte, die in der brütenden Mittagshitze in einer schattigen Ecke gedöst hatte und fragte, ob wir denn mit unserem Mietwagen eine Self-drive-Safari ins Gehege nebenan wagen könnten. Der Kleinwagen hatte zwar schon bei dem einen oder anderen Schlagloch auf asphaltierten Straßen Probleme mit der Bodenfreiheit gehabt, aber die junge Dame hauchte nur ein gelangweiltes „Yes, you can“. Als ich nach Sicherheitsregeln fragte, meinte sie lapidar: „Don’t leave your car – You are food“.

Löwen schlafen im Gras
Es ist erschreckend, wie leicht man ein Löwenrudel im Gras übersehen kann.

So quälten wir unseren unschuldigen Stadtflitzer über einen Feldweg, der offensichtlich für erwachsene Geländewagen konzipiert war und verkratzten Unterboden und Metallic-Lackierung.

Nashorn von hinten
Gut, dass wir die gleiche Richtung haben. Gegenverkehr könnte interessant werden…

Die Nashörner musterten uns mit mißtrauischen Blicken und ignorierten uns ansonsten.

Nashorn in Griffweite
Begegnung am Wegrand: Der will doch nur spielen…

Als wir beinahe in Bergen von Elefantenmist stecken blieben, entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und beschlossen, auf die geführte Safari am nächsten Tag zu warten.

Elefantenmist
Große Tiere – große Haufen

In der Nacht wurde ich vom Stampfen der Nashörner geweckt, die etwa fünf Meter neben unserer Hütte vorbei liefen. Da ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich leise auf die Terrasse. Ich lief ein paar Meter bis zum Zaun, in der Hoffnung, vielleicht am Wasserloch etwas Interessantes zu sehen. Man konnte aber seine eigene Hand nicht erkennen, da der Mond von einer Wolke verdeckt war. So stand ich eine Weile in Gedanken versunken, als die Wolken plötzlich den Mond freigaben. Neben mir stand eine Gruppe schwarzer Männer. Wir starrten uns eine Weile überrascht an. Um das Eis zu brechen, kramte ich ein paar Brocken aus meinem Zulu-Wortschatz hervor, den ich in Vorbereitung auf diese Reise gepaukt hatte.

„Sagabona – Kunjani wena“ sagte ich. Hallo, wie geht’s?

Die erhoffte Reaktion blieb aus. Im Gegenteil, die Männer rückten näher und schauten recht bedrohlich drein. Einer zog ein Messer, ein anderer hatte eine große Säge in der Hand. Blitzartig wurde mir klar, was hier lief. Ich hatte eine Bande Wilderer überrascht, die auf das Horn eines Rhinozeros scharf waren. Immer noch glauben zu viele reiche Voll-Honks, dass sich ihre Potenzprobleme durch Nashornpulver in Wohlgefallen auflösen. Ich erwog kurz meine Optionen, entschied mich spontan für den Rückzug und sprang über den Stacheldraht. Als die Männer sich anschickten, den Zaun zu übersteigen, rief ich ihnen den einzigen Satz zu, den ich auf Zulu auswendig gelernt hatte:

„Nafahamu vizuri sana kwamba baada ya kuondoka kwangu mbwa mwitu wakali watawavamieni, na hawatakuwa na huruma kwa kundi hilo!“

Dieses Bibelzitat aus Apostel 20,29 bedeutet auf Deutsch: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden!“

Das war zwar in dieser Situation völlig schwachsinnig, aber zu meiner Überraschung schüchterte die Herren Wilderer dieser Spruch derart ein, dass sie respektvoll ein paar Schritte vom Zaun zurückwichen. Zwei Sekunden später wusste ich auch warum. Das Nashorn, das mich nachmittags so kritisch gemustert hatte, fand mein Eindringen in sein Revier alles andere als lustig und war im Anmarsch. Ich legte einen Sprint ein und konnte mich gerade noch rechtzeitig in das Wasserloch retten.

Allerdings war die Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn hinter mir im dunklen Wasser hörte ich ein gurgelndes Geräusch. Mir fielen die Nilpferde ein, die nachmittags im Wasser geplanscht hatten. Vom Ufer aus starrte mich das Nashorn grinsend an, als ob es wüsste, in welcher Lage ich mich befand. Also watete ich leise zu einer schmalen Böschung, unerreichbar für Nashörner und Nilpferde. Ich seufzte laut und entspannte mich.

Plötzlich traf mich etwas weiches, übelriechendes am Kopf. Ich drehte mich um und sah einen Elefantenbullen, der mich genüsslich mit seinem Rüssel mit den Kotbollen der Antilopen bewarf, die hier in Bergen herumlagen. Ich wollte weder zurück ins Wasser, noch auf dem Landweg dem Nashorn vors Horn laufen, also musste ich wohl oder übel ausharren. Dem Elefanten ging die Munition nicht aus, und er fand sichtlich Spaß an seiner Beschäftigung. Im schwachen Mondlicht erkannte ich eine zielscheibenförmige Narbe in seinem Ohr, die mir irgendwie bekannt vorkam. Man trifft sich halt immer zweimal im Leben.

Als mich der Park-Ranger bei seiner morgendlichen Patrouille fand, stand ich bis zur Hüfte in der Scheiße. Meine Erzählung glaubte er mir nicht, aber er fand sie so originell, dass er mein Eindringen in das Wildtier-Reservat nicht als Wilderei auslegte. Gut so, denn darauf steht im Königreich eSwatini die Todesstrafe und das hätte ich dann doch bedauert.

Khom Loy zu Silvester

Jetzt haben wir die Bescherung! Winterferien und wir sitzen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Zuhause. Herzlichen Dank, du fieser Wurm von einem Virus! Zum Ausgleich will ich heute über eine Thailandreise aus 2016 berichten. Möge die Kraft der Erinnerungen uns durch diese dunklen Zeiten tragen.

Wir hatten uns im Osten Thailands einquartiert und ernährten uns seit fünf Tagen von Pad Kra Pao – Reis mit undefinierbaren Stückchen. Es gab hier fast keine Touristen und daher auch kaum Restaurants. Aber dafür jede Menge Mopedküchen entlang der Straße. Da die Verständigung mit den Köchinnen nahezu unmöglich war, blieb uns nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Das Essen war immer lecker. Ich hätte nur gerne gewusst, aus was diese kleinen Stückchen im Reis bestanden. Oder vielleicht auch nicht.

Leckerer gebratener Reis mit irgendwas

Silvester wird in Thailand offensichtlich am Strand gefeiert, jedenfalls war jede Menge Volk mit asiatischem Picknick unterwegs. Zum Jahreswechsel lässt man hier Khom Loy steigen, das sind Fluglaternen aus Reispapier und Bambus. Man entzündet das überdimensionale Teelicht und wenn man den richtigen Moment abpasst, trägt der Wind das leichte Teil davon. Wenn der Khom Loy aufs Meer hinaus segelt, bringt das neue Jahr Glück, Reichtum und Weisheit. Treibt die brennende Laterne aufs Land, bedeutet das meist Unglück, weil das Nachbarhaus in Flammen aufgeht.

Start eines Khom Loy
Der Start ist gar nicht so einfach wie man denken könnte

Ich hatte Probleme beim Anzünden und unser Reichtum drohte direkt am Strand zu zerschellen. Aber dann halfen uns ein paar einheimische Jugendliche und unsere Laterne erhob sich in den Wind. Und schwebte direkt auf das benachbarte Bambushaus zu. Interessant, welche Gedanken einem in so einem Moment durch den Kopf gehen. Ich überlegte, was Haftplichtversicherung auf Thailändisch heißt und ob unsere Police wohl auch Brandstiftung durch Fluglaternen abdeckte. Aber dann drehte der Wind und einem glücklichen Jahr stand nichts mehr im Weg.

Khom Loy im Flug
Mögen die Götter günstige Winde senden

Übrigens: ich will ja nicht die romantische Stimmung verderben, aber beim Verbrennen eines solchen Teelichtes entstehen etwa 100 Gramm CO2. Wenn jeder Tourist in Thailand einen Khom Loy steigen lässt, ergibt das bei 40 Millionen Touristen ungefähr 4.000 Tonnen CO2 jedes Jahr. Die gleiche Menge entstünde, wenn ich mit dem Auto Tausend mal die Erde umrunden würde. Aber das wäre ziemlich sinnlos. Dazu braucht man nämlich viel länger als ein Jahr und bevor man fertig ist, kommen schon die nächsten Touristen.

Temple of Psycho Chicken

Nach einigen beschaulichen Tagen stürzten wir uns todesmutig mit unserem Mietwagen in den thailändischen Linksverkehr. In Ayutthaya genossen wir eine wunderschöne Bootstour auf dem Fluss, der die Altstadt umschloss und besuchten den Tempel der verrückten Hühner und eine alte Tempelanlage der Khmer.

Tempel der Khmer im Licht der untergehenden Sonne

Am nächsten Tag liehen wir uns Fahrräder und erkundeten die Ruinen der historischen Tempelanlagen der ehemaligen Königsstadt. Wir probierten leckere gegrillte Insekten und frittierte Kochbananen.

Diese Ruinen in Ayutthaya dienten den Architekten aus Pisa als Vorbild.
Mahnmal für alle, die zu lange meditieren. Die Bäume wachsen hier schneller als man denkt!
Worms to Go. Mahlzeit!

In Kanchanaburi ließen wir uns auf der Brücke am River Kwai beinahe vom legendären Todeszug überfahren und besuchten den Erawan Nationalpark mit seinen sieben terrassenartigen Wasserfällen mit wundersam milchig blaugrünem Wasser.

Der historische Todeszug auf der Brücke am River Kwai
Im Erawan Nationalpark schimmert das Wasser in magischen Türkisfarben

Mit einem Minibus fuhren wir dann an der Küste entlang nach Süden. Huahin war lange Zeit der Lieblingsbadeort des beliebten thailändischen Königs, der auf einen handlichen Namen hörte: Somdet Phra Paraminthra Maha Phumiphon Adunyadet Mahittalathibet Ramathibodi Chakkrinaruebodin Sayaminthrathirat Borommanat Bopht. Da sich das nun wirklich nur die allerwenigsten merken konnten, wurde er meist König Bhumibol Adunyadet genannt. Und die ganz Faulen nannten ihn einfach Rama IX. Er regierte das Land nun seit siebzig Jahren und war damit der am längsten regierende Monarch der Welt. König Bhumibol wurde von seinem Volk wie ein Gott verehrt. Und das, obwohl seine ersten Jahre eigentlich gar nicht der thailändischen Tradition entsprechend verliefen.

Es fing schon damit an, dass er in Cambridge, Massachusetts geboren wurde, wo sein Vater, der Fürst von Songkla, Medizin studierte. In seiner Geburtsurkunde stand zunächst nur „Baby Songkla“, weil nach thailändischer Tradition ausschließlich der König einen glücksbringenden Namen vergeben durfte. Den Thron bestieg Bhumibol mit 26 Jahren als Nachfolger seines älteren Bruders, den das Schicksal vieler Könige der damaligen Zeit ereilte: er wurde erschossen in seinem Zimmer aufgefunden. Da Bhumibol aber zuerst sein Studium der Naturwissenschaft in der Schweiz beenden wollte, verschob er das Regieren, bis er damit fertig war. In Lausanne lernte der König ganz unasiatisch den Jazz lieben und lernte Saxophon zu spielen.

Das königliche Wartehäuschen am Bahnhof von Huahin

In Huahin gab es ein eigenes königliches Wartehäuschen am Bahnhof. Man kann allerdings vermuten, dass hier eher der Zug auf den König wartete als umgekehrt. Da das Reisen mit dem Zug in der königlichen Familie etwas aus der Mode gekommen war, wurde dieses museumsreife Häuschen nicht mehr benutzt. Wir warteten ganz gewöhnlich auf dem Bahnsteig und nahmen den Zug nach Thong Chai, wo wir einen kleinen Holzbungalow am fast menschenleeren Strand gemietet hatten. Ganz in der Nähe genoß ein goldener Buddha den erhabenen Blick auf den Golf von Thailand.

Buddha mit Meerblick

Am Ende unserer Reise verbrachten wir ein paar tiefenentspannte Tage auf Ko Phangan. Spaziergänge am Strand, Wanderungen über eine nur bei Ebbe auftauchende Sandbank zu einer kleinen Insel, eine Kajakfahrt über unsichtbare Korallenriffs und zahlreiche Besuche in den Strandbars. Der Ort erinnerte ein bißchen an das Paradies, nur die Warnschilder und Essigdepots für die tödlichen Würfelquallen erinnerten daran, dass Himmel und Hölle manchmal nah zusammen liegen.

Am letzten Abend gönnten wir uns eine entspannende Thaimassage am Strand. Wir bekamen die Füße gewaschen und legten uns auf die Liegen. Ich schloß die Augen und wartete auf die zarten Hände einer zierlichen Thailänderin. Die erste Berührung machte mir klar, dass ich wohl einen männlichen Masseur abbekommen hatte, und dazu einen ziemlich kräftigen. Die nächste Stunde gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Dieser brutale Typ drückte Stellen an meinem Körper, die in grellen Schmerzen explodierten. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, wie ich aus dieser Sache heil heraus kommen sollte, aber die Geräusche von den Nachbarliegen zeigten mir, dass ich nicht der Einzige war. Als ich am Ende die Augen öffnete, stellte ich erstaunt fest, dass es doch eine Frau war, der ich das ganze Leid verdankte. Immerhin, die Schmerzen vergingen nach einigen Tagen und wir konnten wieder aufrecht gehen.

Abschied von Ko Phangan

König Bhumibol starb wenige Monate nach unserem Besuch (Ich schwöre: wir hatten nichts damit zu tun) und inzwischen wurde sein Sohn zu seinem Nachfolger gekrönt. Da es in Thailand strengstens verboten ist, schlecht über den König zu reden, fasse ich im folgenden alles Gute über den neuen Monarchen zusammen, das mir einfällt:

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (2)

Für die einen ist es nur ein Routineeingriff, für die anderen der wohl peinlichste Moment ihres Lebens.

Nach einigen Tagen mit reizarmer Schonkost ging es Ralf wieder einwandfrei. Ein Gedanke ließ ihn allerdings nicht mehr los. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht ganz so betrunken gewesen wäre und diesem hüpfenden Gummiball auf der Tanzfläche näher gekommen wäre? Ob er wohl in seinem Zustand in der Lage gewesen wäre, alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen korrekt durchzuführen?

Als er sich an die vielen Geschichten über ungewollte Schwangerschaften erinnerte, formte sich ein trüber Gedanke, der in ihm schon länger vor sich hin gärte, zu einer glasklaren Erkenntnis: Nur eine Sterilisation garantierte dauerhafte Sicherheit. Kondome waren angesichts der denkbaren Konsequenzen einfach nicht sicher genug.

In der urologischen Gemeinschaftspraxis erklärte ein erfahrener Arzt routiniert den Ablauf: die Samenleiter werden mit einem klitzekleinen Schnitt durchtrennt, die Enden werden verödet und das Ganze verläuft ambulant. Der Eingriff dauert zwanzig Minuten und kostet fünfhundert Euro, da die Krankenkasse eine „freiwillige Vasektomie als familienplanerische Maßnahme“ (was für ein Ausdruck!) nicht bezahlt. Eine Ultraschalluntersuchung ergab grünes Licht, dank Urlaubszeit war schon in zwei Wochen ein OP-Termin frei und so wurden sie sich schnell einig.

Ralf unterschrieb ein Papierchen wegen den Risiken: tödliche Allergien gegen das Betäubungsmittel, Impotenz, Lähmungen, Wachkoma, eben die üblichen Kleinigkeiten. Aber was soll mit so einem erfahrenen Arzt bei einem Routineeingriff schon passieren? Da Ralf eine panische Angst vor Spritzen und Infusionen hatte, verzichtete er auf die optionale Vollnarkose und machte ein Kreuzchen bei örtlicher Betäubung. Zwanzig Minuten können ja wohl nicht so schlimm werden, dachte er sich. Hätte er da nur noch mal gründlicher nachgedacht…

Zwei Wochen später fand sich Ralf mit nüchternem Magen und frisch rasiert (oben und unten) auf Station 4.21 ein und nahm im Wartebereich Platz. Schon nach zehn Minuten wurde er reingerufen und ein Pfleger in pensionsfähigem Alter bat ihn auf eine Liege. Er könne sich schon mal unten rum frei machen – der Herr Doktor komme gleich. Ralf wertete es als gutes Zeichen, wenn das Personal eine gewisse Reife und Erfahrung aufweisen kann und begann sich zu entspannen.

Wenig später stürmte ein durchtrainierter, braungebrannter Arzt zur Tür herein. Er sah aus, als hätte er gerade ein Tennismatch unterbrechen müssen, weil er dringend in seine Villa an der Cote d’Azur reisen muss. Er schüttelte energisch Ralfs Hand, drückte ihn kraftvoll zurück auf die Liege und sagte: „So, Herr Paschulke, Penisverkleinerung, ist ja ungewöhnlich, dann wollen wir mal“. Mit diesen Worten nahm er eine Spritze von einem Tischchen und beugte sich über Ralfs bloßgelegten Intimbereich.

Als Ralfs Herz nach drei endlosen Sekunden wieder zu schlagen begann, warf das Adrenalin in seinem Blut Blasen. Er versuchte seinen Protest in Worte zu fassen, aber die aufbrandende Panik ließ nur unverständliches Gestammel heraus. Der Arzt lachte wiehernd über sein entsetztes Gesicht und meinte: „War nur ein Scherzchen, ein bisschen Spaß muss sein, Har, Har, Har!“

„Also, ich bin der Anästhesist“, erklärte er dann. „Ich setze Ihnen jetzt die Betäubung, und dann warten Sie draußen, bis Sie zur OP reingerufen werden. Fragen?“ Ralf atmete tief aus und schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt kurz pieksen und ein bisschen unangenehm“, sagte der Tennisarzt und rammte die Spritze in Ralfs empfindlichsten Körperteil. Sein Schrei blieb irgendwo auf halber Strecke stecken, denn eine Supernova explodierte in seinem Schmerzzentrum und raubte ihm den Atem.

„Schön locker bleiben, jetzt kommt noch die andere Seite!“ meinte der Scherzkeks. Diesmal konnte Ralf einen lauten, nicht jugendfreien Fluch brüllen, worauf der Arzt nur meinte „Ja, das tut jetzt weh. Aber das geht gleich vorbei“.

Mühsam wankte Ralf vor die Tür und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Nach einer Weile ließ der Schmerz tatsächlich nach. Stattdessen breitete sich dort unten ein pelziges Gefühl aus, oder eigentlich eher ein Nichtgefühl. Der pelzige Bereich wurde immer größer und bald spürte er am Bauch auch nichts mehr. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und als er aufstehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Eine Pflegerin huschte vorbei, aber sie nahm seinen flehenden Blick nicht wahr und verschwand hinter zischenden Automatik-Türen.

Ralf spürte, wie die Lähmung allmählich nach seinem Zwerchfell griff und ihm wurde schlagartig klar, dass hier etwas schrecklich schief lief. Entweder hatte ihm der Scherzkeks eine Überdosis verabreicht oder er reagierte mit allergischem Schock auf das Betäubungsmittel. Ralf konnte nur noch mit großer Anstrengung gegen seine fortschreitende Atemlähmung ankämpfen. Er überlegte, ob er auf dem Boden robbend die Entfernung bis zur OP-Tür überwinden könnte um dort nach Hilfe zu klopfen. Als ihm klar wurde, dass er mitten im Krankenhaus direkt vor dem OP-Saal sterben würde, brach er in hysterisches Lachen aus.

In diesem Moment öffnete sich die OP-Tür, der Pfleger rief seinen Namen und schaute ihn erwartungsvoll an. Ralf konnte nicht aufstehen, weil die Lähmung jetzt auch seine Beine erreicht hatte und er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, stutzte der Pfleger. „Sie hyperventilieren ja völlig! Jetzt hören Sie doch mal auf, so lächerlich zu atmen!“

Ralf versuchte ihm mit Zeichensprache zu erklären, dass sein Zwerchfell jeden Moment den Dienst einstellen würde, aber der Grobian packte ihn nur unter den Armen, zog ihn in den OP und bugsierte ihn auf die vorbereitete Schlachtbank.

„Ich lege Ihnen jetzt erst mal eine Infusion, dann bekommen Sie ein Beruhigungsmittel und danach wird es Ihnen gleich besser gehen“, sagte er und flüsterte mit einer jungen Frau, die im Hintergrund etwas las, offenbar eine Praktikantin. Als Ralf sich mit aller verbliebenen Kraft gegen die schreckliche Nadel wehrte, die in seinen Arm sollte, beugte die Praktikantin sich über ihn und blickte ihm tief in die Augen. Sie sagte irgendetwas von einem Team und dass er jetzt tapfer sein müsse. Ralf hätte nur zu gerne in ihrem Team gespielt, allerdings nicht auf diesem Spielfeld, und ergab sich schließlich in sein Schicksal. Sicher würde gleich sein Arzt kommen, und dann wäre er hier ruck-zuck wieder raus, versuchte er sich zu beruhigen. Er schloss die Augen, während der Pfleger ihn „unten rum“ desinfizierte.

Plötzlich spürte Ralf, wie Jemand grob an seinen Hoden zog. Als er die Augen öffnete, stand die Praktikantin über sein bestes Stück gebeugt, ein Skalpell in ihrer Hand. Ihm entfuhr ein spitzer Schrei und er schrie: „Nein, bitte nicht! Gehen Sie weg!“

Die junge Frau richtete sich auf und schaute ihn irritiert über ihren Mundschutz hinweg an.

„Wann kommt denn endlich mein Arzt? Der von der Voruntersuchung!“ wollte Ralf jetzt wissen.

„Der hat Urlaub. Ich sagte doch, dass wir hier im Team arbeiten“, antwortete die Praktikantin.

„Immer die Ruhe!“, mischte sich der Pfleger mit tadelndem Unterton ein. „Die Frau Doktor macht das schon“.

Ralfs Panik wuchs zu einem Tsunami heran, stärker als das Beruhigungsmittel, was auch die Praktikantin-Ärztin merkte.

„Drehen Sie den Tropf doch mal zwei Stufen höher“, sagte sie zu dem Pfleger.

Ralf war sich darüber klar, dass er eine denkbar schlechte Verhandlungsposition hatte; das Skalpell in ihrer Hand verdeutlichte die Machtverhältnisse sehr eindrücklich. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich habe vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ich wollte nur noch mal hören, was Sie genau vorhaben, weil ihr Kollege mich mit einem Scherz über eine Penisverkleinerung etwas nervös gemacht hat.“

„So ein Quatsch“, murmelte die Ärztin humorlos. „Vasektomie, beidseitig. Können wir jetzt?“

Ralf sah ein, dass dies eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit war und versuchte sich wieder zu entspannen. Er atmete tief in den Bauch und verdrängte jeden Gedanken an Blut oder Spritzen.

„Gell, jetzt spüren Sie die Infusionsnadel gar nicht mehr!“ riss der Pfleger Ralf aus seinen Gedanken. Er bedankte sich für die Erinnerung und wünschte dem psychologischen Kleingärtner Pest und Cholera.

„So, jetzt sind Sie halb unfruchtbar, obwohl ihnen das wahrscheinlich nicht viel nützt. Die eine Seite ist jedenfalls schon fertig!“ nervte schon wieder Ralfs psychologisch unterernährter Freund.

Ralf schaute zu der Jesusfigur, die von der Wand gegenüber mit leidender Miene zu ihm herunter blickte und dachte „Wenn du jetzt diesem kranken Pfleger eine Sprechlähmung verpasst, trete ich morgen in die Kirche ein“. Aber offenbar war seine Seele nicht wichtig genug, denn der Krankenpfleger quasselte putzmunter weiter.

„Das war doch gar nicht so schlimm. Schauen Sie mal, nur so wenig Blut!“ fügte er hinzu und hielt ihm einen blutgetränkten Wattebausch vor die Augen. Als Ralf qualvoll aufstöhnte, meinte er: „Was denn? Da erleben wir hier ganz andere Sachen. Das müssten Sie mal sehen, wie das hier aussieht, wenn so eine Arterie platzt!“ Als „das Team“ sich über seinen zweiten Samenleiter hermachte, konzentrierte sich Ralf wieder auf seine Atmung.

„Das sieht aber diesmal etwas blutiger aus“, informierte sein neuer Lieblingsfeind ihn kurz darauf über den aktuellen Stand der Dinge. „Und wie geht es mit der Infusion? Spüren Sie noch was?“ Er nestelte solange an den Schläuchen herum, bis Ralf wieder etwas spürte.

Eine energische Ansage holte Ralf wenig später in die Realität zurück. „Holen Sie mir jetzt den Grüninger, aber schnell, wenn es geht!“ Das Team schien leicht angespannt zu sein.

„Gibt es Probleme?“ fragte Ralf rein aus Neugier. Denn richtige Sorgen machte er sich wegen dem feinen Zeug in dem Infusionsbeutel schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.

„Probleme? Nein, so würde ich das nicht nennen“, beruhigte ihn die junge Frau. „Ihr Samenleiter ist nur gut versteckt, da brauche ich eine dritte Hand. Aber keine Sorge, das haben wir gleich.“

Mit verstärktem Team ging die OP in die entscheidende Phase.

„Ich hab den Samenleiter, jetzt ziehen Sie mal hier den Penis nach oben, damit ich an dem Nervenstrang vorbeikomme“.

„Sehr gut, ganz ruhig halten, ich schneide jetzt. Tupfen Sie mal hier, ich sehe ja gar nichts“.

Ralf ignorierte den kalten Schweiß auf seiner Stirn und versuchte mit angehaltenem Atem, sich nicht zu bewegen. In diesem kritischen Moment ging wie in Zeitlupe die Tür des OP’s auf. Ein älterer Mann schlurfte herein, in der Hand einen Plastikbecher, gefüllt mit einer dunkelgelben Flüssigkeit. „Grüß Gott, ich soll die Urinprobe hier in der Anmeldung abgeben“.

„Die Anmeldung ist eine Tür weiter“, klärte ihn die Ärztin pikiert auf, Ralfs Samenleiter in der einen Hand, das Skalpell in der anderen. So stand sie über seinen Penis gebeugt, den der Assistent tapfer in seiner Hand hielt.

„Ja, also, da war ich gerade eben schon, aber da ist niemand“, entgegnete der Mann hartnäckig und näherte sich der bestens ausgeleuchteten Szene unter dem OP-Strahler. Ralf bot seine Seele dem Teufel an im Tausch gegen ein schwarzes Loch im Boden, in dem er verschwinden könnte, aber auch der Leibhaftige hatte wohl momentan keine Nachwuchssorgen.

Als der Alte um den Sichtschutz herum in sein Blickfeld trat, sagte Ralf: „Hallo Herr Mayer, wollen Sie auch in unserem Team mitspielen?“


Diesen Beitrag widme ich allen Menschen, die einen Routineeingriff vor sich haben. Macht euch keine Sorgen, diese Geschichte ist frei erfunden. Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.

„Routineeingriff“ ist in der Ärztesprache eine Zusammenfassung für den Sachverhalt „Ich habe das schon so oft gemacht, dass ich vor lauter Langeweile gar nicht mehr genau hinschaue und am liebsten die jungen Assistenten üben lasse“.