Die rote Schildkröte

Mexiko – ein Beitrag über eine rote Schildkröte, eine blaue Lagune und eine gelbe Stadt. Und über Mayas und korrupte Polizisten.

Die Lagune von Baccalar

In Vorbereitung auf unsere Mexikoreise hatte ich versucht, mit einer kostenlosen Sprach-App etwas Spanisch zu lernen. Das einzige, was ich mir merken konnte, war der Ausdruck „Yo no soy una tortuga roja“, auf Deutsch: „Ich bin keine rote Schildkröte“.

Das ist zwar korrekt, aber im Alltag nicht besonders hilfreich. Trotzdem gelang es mir, einen Boots-Ausflug auf der Laguna de Baccalar zu buchen. In dieser kleinen Lagune ist man mächtig stolz auf viele verschiedene Blautöne.

Die Lagune wird von einem kleinen Zufluss gespeist, der über ein Gefälle eine ordentliche Strömung entwickelt. „Los Rapidos“ ist ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimischen Großfamilien. Sie packen ihre Pick-Ups mit Kindern, Essen und Getränken voll und verbringen hier den Nachmittag.

Mexikanisches Picknick
Badespaß in den Stromschnellen

Der Padre zählt immer wieder durch, denn so ein aufblasbares Schwimmtier wird ganz schnell von der Strömung erfasst. Und dann muss man den Nachwuchs ein paar Kilometer weiter in der Lagune suchen.

Spielende Kinder in Los Rapidos
Das Seil ist die letzte Chance für Nichtschwimmer…
Los Rapidos - kleine Stromschnellen in Mexiko
…bevor Los Rapidos die weitere Fahrt übernimmt.

Ich geh mal schnell tanken

Nach einigen wunderschönen Tagen machten wir uns mit unserem Mietwagen auf den Weg zurück an die Karibikküste. Da das Benzin nicht bis dort reichen würde, steuerten wir die einzige Tankstelle in der Gegend an. Der Tanklastwagen wäre diese Woche nicht gekommen und es gäbe erst Übermorgen wieder neues Benzin, klärte mich der Tankwart mit einem Achselzucken auf. Frühestens.

Nach einer längeren Diskussion über unsere Notlage bekamen wir einige Liter aus seiner Reserve. Offensichtlich kommen solche Engpässe in Mexiko öfters vor und die Menschen haben sich darauf eingestellt. Niemand regt sich auf und es gibt keine Hamsterkäufe. Im schlimmsten Fall verschiebt man halt seine Pläne um ein paar Tage. Vielleicht sollten wir uns in Deutschland ein bisschen was davon abschauen und nicht gleich beim ersten Zeitungsgerücht Sonnenblumenöl und Backhefe für Jahrhunderte bunkern.

Unterwegs besuchten wir Nohoch Mul, die höchste Pyramide von Yucatan. Die Mayas waren geschickte Baumeister, aber sie hatten noch keine Aufzüge erfunden. Die Touristen werden von den Stufen magnetisch angezogen. Manche merken erst beim Abstieg, wie steil die Treppen tatsächlich sind.

Maya Pyramide mit Treppen
Treppensteigen als Volkssport
Maya Pyramide von oben
Schwindelfreiheit am Besten vor dem Aufstieg überprüfen!

Izamal, die gelbe Stadt

Izamal, Mexico
Izamal mit der Pyramide Kinich Kakmó im Hintergrund

Die Experten sind sich bis heute nicht einig, warum in Izamal seit Jahrhunderten alles gelb gestrichen wurde. Gab es historische Gründe oder war es eine Aktion zu Ehren eines Papstbesuches? Oder einfach nur eine versehentliche Fehlbestellung des lokalen Baumarktleiters? Ich vermute, es war ein Trick der spanischen Eroberer: Die hatten nämlich die Steine der Pyramiden für den Bau ihrer Kirchen und offiziellen Gebäude „recycelt“. Damit die Mayas gegen diesen Frevel nicht meuterten, wurden die neuen Bauwerke mit der heiligen Farbe ihrer Götter angepinselt. Diese Theorie ist zwar genauso wackelig wie alle anderen, aber solange mich Niemand widerlegt, darf ich ja wohl noch spekulieren.

Gelbe Häuser in Izamal, Mexico
Farbenfroh
Platz in Izamal, Mexiko
Zentraler Platz von Izamal
Kreuze im Konvent San Antonio von Padua
Ostermontag. Die Gekreuzigten sind schon auferstanden und beim Frühschoppen

Playa Tortuga

In Akumal zahlten sich dann endlich meine Spanischübungen aus: Hier liegt die Playa Tortuga. Und man kann sogar die Riesenschildkröten beim Abweiden des Seegrases beobachten. Obwohl es im Internet immer wieder anders behauptet wird: Nein, man braucht keinen Guide! Man leiht sich einfach für ein paar Dollar am Ortseingang ein Schnorchelset und geht an den Strand.

Die Schildkröten findet man leicht: sie befinden sich dort, wo mehrere Schnorchler im Pulk auf dem Wasser treiben. Aber Achtung: Schildkröten sind keine Fische! Sie müssen alle paar Minuten zum Luftholen auftauchen. Das führt immer wieder zu Panik auf beiden Seiten, wenn ein auftauchender Panzer im Gedränge von unten gegen einen Schnorchler prallt.

Strand Playa Tortuga
Playa Tortuga
Tauchende Riesen-Schildkröte
Schildkröte auf Tauchgang
Wasser-Schildkröte taucht zum Luftholen auf.
Beim Luftholen

Leider ist die Dummheit der Touristen grenzenlos. Einige bedrängen die armen Tiere für ein „cooles“ Instagram-Foto so stark, dass die kurz vor dem Burnout stehen. Trotz unübersehbarer Verbotsschilder cremen sich manche Leute fett ein und gehen dann direkt ins Wasser. Denen würde ich am liebsten ihre Sonnencreme-Tube in die Nasenlöcher rammen und solange drücken, bis ihnen das Zeug aus allen Poren quillt. Dann würde ich sie im Sand panieren und… und … Aaaahrggh … und dann spüre ich eine dunkle Seite in mir, die mir Angst macht. Vielleicht bin ich doch ein kleines bisschen eine rote Schildkröte.

Soy una tortuga roja

Die Kultur der Mayas

Ohne die Mayas wäre Fernsehen oder Kino unattraktiv, denn es gäbe weder Chips noch Popcorn. Sie waren nämlich die ersten Menschen, die Kartoffeln, Mais und Bohnen aus wilden Pflanzen kultiviert hatten. Diese „tres hermanas“, die drei Schwestern der Ernährung sind heute noch die Basis der mexikanischen Küche. Die spanischen Eroberer konnten damit wenig anfangen, denn damals gab es noch keine Filme, zu denen man etwas knabbern konnte. Logisch.

Die Mayas beherrschten aber auch einige fortschrittliche Kultur-Techniken, die von den Europäern dankbar übernommen wurden: Astronomie, Mathematik und die Beseitigung von politischen Gegnern durch Menschenopfer.

Außerdem waren die Mayas talentierte Baumeister. In Chichén Itzá kann man das heute noch bestaunen: die Pyramide des Kukulcán hat vier Seiten mit insgesamt genau 365 Treppenstufen. An der Nordseite ereignet sich jedes Jahr zur Tag-und Nachtgleiche das Schauspiel der gefiederten Schlange. Die Neigungen der Pyramidenkanten und der Treppe sind nämlich genau so aufeinander abgestimmt, dass die Sonne an diesen beiden Tagen den Schatten einer riesigen Schlange erzeugt, die sich langsam die Treppe herunterwindet.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Pyramide des Kukulcán mit der Schlangentreppe

Noch erstaunlicher sind die akustischen Effekte. Klatscht man vor einer Treppe in die Hände, hört man ein lautes Echo, das dem Ruf des Quetzal ähnelt. Die Schritte einer Person am oberen Ende der Treppe klingen am unteren Treppenabsatz wie fallende Regentropfen. Klatscht Jemand in der Mitte des benachbarten Ballspielplatzes, hört man das Gebrüll eines Jaguars.

Das könnte natürlich Zufall sein. Aber nachdem sowohl der Regen als auch die heiligen Tiere Quetzal und Jaguar enorme Bedeutung bei den Mayas hatten, war hier wohl eher ein begnadeter Sounddesigner am Werk. Tausend Jahre, bevor die moderne Wissenschaft diese Technik entdeckte.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Hobbyakustiker beim experimentieren

Es lohnt sich, mit dem eigenen Fahrzeug frühzeitig anzureisen, um in aller Ruhe die prachtvollen Bauten zu bestaunen. Denn die Reisebusse aus Cancun müssen warten, bis ihre Touristenfracht das Frühstücksbuffet geplündert hat.

Kriegertempel Chichen Itza
Der Tempel der Krieger
Säulen der Krieger in Chichen Itza
Die tausend Säulen des Kriegsgottes
Ballspielstadion in Chichen Itza
Der heilige Rasen der Mayas: Ballspielstadion

Die Erben der Mayas

Die Mayas hatten schon früh ziemlich ausgefuchste Kalender entwickelt, deren Bedienungsanleitung allerdings von den spanischen Eroberern als heidnischer Schnickschnack verbrannt wurde. Da ihr letzter Kalenderzyklus am 21.12.2012 endete, spekulierten selbsternannte Experten über einen Weltuntergang an diesem Datum. Ist ja auch logisch, dass die Welt untergeht, wenn ein Kalender endet.

In Hollywood setzte Roland Emmerich dieses Gerücht mit viel Gedöns in einen Katastrophenfilm um. Etliche Spinner verschenkten daraufhin ihren Besitz, um sich auf den Weltuntergang mit reiner Seele vorzubereiten. Am nächsten Morgen schauten die gereinigten Seelen dann ziemlich blöd in die aufgehende Sonne, denn wieder einmal war Armageddon ausgefallen. Hätten sie doch besser mal bei den heute noch lebenden 5 Millionen Mayas nachgefragt; die führten ihr Leben nämlich ganz entspannt weiter und bestellten Enchilladas und Cola beim Lieferdienst.

Coca Cola vor Mayaruinen
Kulturelle Highlights aus verschiedenen Epochen

Überhaupt haben sich die Erben der Mayas ganz gut an die neuen Gegebenheiten angepasst. Die meisten gehen einer ehrlichen Arbeit nach, verhökern garantiert echte Plastikamulette aus Taiwan an die Touristen. Einige wenige schmuggeln Menschen oder handeln mit Drogen. Mexiko ist daher in manchen Gegenden nicht ungefährlich. Die größte Gefahr droht dem Touristen aber von der Polizei.

Am letzten Abend vor dem Rückflug gerieten wir mit dem Mietwagen in eine Verkehrskontrolle. Ich überreichte dem freundlichen Polizisten meinen Führerschein mit reinem Gewissen, denn ich war sicher nicht schneller als 50 gefahren und auf der dreispurigen Straße war 60 erlaubt.

Das sah der ehrenwerte Ordnungshüter anders, denn er forderte mit einem bedauernden Lächeln ein Bussgeld von 200 US-Dollar, weil wir 80 gefahren wären. Ich lächelte zurück und widersprach ihm höflich. Er bestand auf seiner Position, bot mir aber als Kompromiss an, auch Euros zu akzeptieren. Ich fragte ihn respektvoll nach einem Foto oder Messprotokoll, weil es sich ja möglicherweise um ein Missverständnis handeln könne. Messungen würden sie keine machen, entgegnete er. Mexikanische Polizisten wären aber so gut geschult, dass sie mit dem bloßen Auge die Geschwindigkeit ermitteln könnten.

Wir schauten uns einige Sekunden in die Augen und ich wusste, dass er log. Und er wusste, dass ich es wusste. Also wechselte ich die Strategie im Verhandlungspoker. Wir hätten keine 200 Dollar bei uns. Letzter Urlaubstag, sorry. Ob er mir vielleicht einen Strafzettel ausstellen könne. Das Lächeln des Beamten wurde etwas breiter als er mir anbot, meinen Führerschein einzubehalten. In diesem Fall müsste ich ihn dann am nächsten Tag auf dem Revier in Cancun gegen eine Gebühr von 300 Dollar abholen. Bearbeitungszuschlag. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. Meine Entscheidung.

Ich wog rasch meine Optionen ab. Mein internationaler Führerschein lief sowieso bald ab und morgen früh saßen wir im Flieger nach Deutschland. Ich akzeptierte seinen Vorschlag. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn sein Lächeln war nun deutlich dünner geworden.

Letztendlich einigten wir uns darauf, ihm die fünf Dollar aus unserem Wurfgeld für Banditen und alle Münzen zu überlassen. Dann gab er meinen Führerschein zurück, wünschte uns eine gute Fahrt und ermahnte mich, immer schön langsam zu fahren. Ich bedankte mich höflich und wünschte ihm ein schönes Restleben. Beim Losfahren vernahm ich einige böse Worte über geizige Gringos, aber unser lautes Lachen übertönte seine Flüche.

Sonnenuntergang über dem Meer in Mexiko
Hasta la vista

Tod in Mexico

Eine Geschichte über die drei wichtigsten Themen: das Leben, den Tod und die Schokolade

Der Tod und das Leben

Die Mexikaner haben eine ganz besondere Beziehung zum Tod. Sie sind davon überzeugt, dass die Verstorbenen ein Mitglied der Gesellschaft bleiben. Am Dia de los Muertes, dem Tag der Toten, kehren sie sogar für kurze Zeit zu den Lebenden zurück. Das muss natürlich gefeiert werden und feiern können die Mexikaner. Drei Tage lang werden die Friedhöfe festlich geschmückt und farbenfrohe Partys rocken das ganze Land.

Da die Reise zu den Lebenden ganz schön hungrig macht, bekommen die Toten ihre Lieblingsspeise und ausreichend Getränke an ihren Gräbern serviert. Besonders bei der Rückfahrt wird für ausreichend Proviant gesorgt, denn man will ja Niemanden auf den Gedanken bringen, auf Dauer zu bleiben. So beliebt ist die verstorbene Verwandtschaft dann wieder auch nicht. Um die Ahnen nicht zu verärgern, werden die Gräber ziemlich aufwändig gebaut. Man weiß ja nie, mit welchen dunklen Mächten sie im Jenseits Kontakt haben.

Friedhof in Mexico mit Gräbern
Wohnen für die Ewigkeit: Friedhof in Mexico

Der Totenkult ist auch außerhalb der Feierlichkeiten nicht zu übersehen, denn überall stehen Skelette herum, mit denen der personifizierte Tod dargestellt wird. Wie wird eigentlich „der Tod“ korrekt gegendert? Die Tode? Nein, das ist der Plural. Die Tödin? Die Todde? Die Töde? Ich bin für jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar. Wir wollen ja nicht die Gefühle von weiblichen „Sensenfrauen“ verletzen…

Reitende skelette
Hier reiten der Tod und seine… ähm, Tödin?
Skelett mit Kleid
Auch Tote gehen mit der Mode
Skelette mit Tablett auf dem kopf
Totenfeier. Tote feiern.
Elvis als Skelett
Und Elvis lebt doch! Ich wusste es!

Der Totenkult entstand schon vor vielen tausend Jahren bei den Ureinwohnern Mittelamerikas. Für die Mayas war der Tod eine natürliche Phase im Lauf des Lebens. Da machte es auch nichts aus, hin und wieder ein Menschenopfer zu zelebrieren, um die Götter milde zu stimmen. Da die spanischen Eroberer ziemlich konsequent alle Unterlagen der Mayas verbrannt hatten, rätseln die Wissenschaftler heute noch über ihre Kultur.

Die Maya-Ruinen von Uxmal

Immer wieder werden im undurchdringlichen Urwald Mayastädte entdeckt. In Uxmal steht eine der ganz seltenen runden Pyramiden. Man weiß wenig über die Pyramide des Zauberers, aber man vermutet, dass der zuständige Priester immer mal wieder ein Menschenopfer aus den Reihen potentieller Konkurrenten auswählte. Praktisch, wenn man seinen Gegnern ganz legal im Dienst für die Allgemeinheit das Herz aus dem Leib schneiden kann.

Pyramide des Zauberers in Uxmal
Die runde Pyramide. Der Zauberer wohnte im Penthouse
Ruine mit Maya Reliefs
Beeindruckende Reliefs
Steile Treppe auf ein Mayagebäude
Sinnloses Treppensteigen bei 35 Grad
Blick auf eine Mayastadt
Ausblick von oben
Mayaruinen im Urwald
Mitten im Urwald
Relief mit Mayakriegern
Noch mehr Reliefs

In ihrer Blütezeit lebten wohl etwa zehn Millionen Mayas in Mittelamerika, die in vielen Städten mit teilweise über 10.000 Einwohnern organisiert waren. Sie hatten ausgeklügelte Bewässerungsanlagen gebaut und Mais, Bohnen und Kartoffeln aus wilden Pflanzen kultiviert. Man entdeckte bisher 500 (in Worten: Fünfhundert) Ballspielstadien, deutlich mehr als ganz Europa zur gleichen Zeit anbieten konnte.

Ballspielstadion der Mayas
Das Wembley der Mayas: Stadion für Ballspiele
Wand mit eingestürzten Reliefs
Hooligans waren schon damals ein Problem

Lange rätselten die Forscher über die Bedeutung eines Tores, das in der Nähe von Uxmal entdeckt wurde. Bis sie dahinter im dichten Dschungel ein Fernstraßennetz fanden, über das die Städte miteinander verbunden waren.

El Arco, ein Tor der Mayas
El Arco- Mautstation der Mayas

Die Schokolade

Wir übernachteten in der Nähe von Uxmal bei Valerie im Pickled Onion in einer Hütte, die im Mayastil mit natürlichen Baumaterialien aus der Region erstellt wurde. So kommt man bei tropischen Temperaturen auch ohne Klimaanlage aus.

Bungalow im mayastil
Bungalow im Mayastil
Hängematte am pool
Siesta

Einen Besuch im naheliegenden Museo del Chocolate ließen wir uns nicht entgehen. Hier erfährt man, wie aus den heimischen Kakaobohnen in vielen mühsamen Schritten irgendwann am Ende die leckere Schokolade herauskommt. Seitdem esse ich Schokolade mit noch mehr Respekt. Schade, dass man wegen der Hitze keine Vorräte mitnehmen konnte.

Choco-Story in Uxmal
Schokoladenmuseum

Im Garten des Schokomuseums gibt es eine sehenswerte Pflanzensammlung mit ungewöhnlichen einheimischen Gewächsen und einige lokale Tierarten, wie Jaguare und Riesenschlangen.

Kaktus mit dicken Stacheln
Wehrhafter Kaktus
SinnlosReisender mit Riesenschlange
Im mexikanischen Urwald fällt das Sterben leicht

Auch wenn der Tod etwas ganz natürliches ist, Ich möchte bitte erst noch meine Schokolade aufessen. Soviel Zeit muss sein!

Gran Canaria -Teil 2

Ein Bericht über kreative Bergdörfer und Vulkane. Und über eine afrikanische Prinzessin, die gar keine ist.

Nachdem wir die Sinnlosigkeit des Massentourismus von Maspalomas satt hatten, waren wir in die zauberhafte Bergwelt von Gran Canaria gezogen. Das hatte uns so gut gefallen, dass wir noch einen zweiten Ausflug wagten.

Das Bergdorf Firgas

In Firgas machte man aus der Not eine Tugend. Wenn man schon dauernd Treppen steigen muss, dann soll es wenigstens eine sein, die ein paar Touristen ins Dorf bringt. Also legten sich die Fliesenleger mächtig ins Zeug und verzierten die Stufen mit Azulejos, keramischen Kacheln, die die einzelnen Gemeinden von Gran Canaria und die Inseln des kanarischen Archipels darstellen. Nice!

Treppe mit Wasserfall in Firgas
Die Treppen von Firgas
Sitzbänke in Firgas mit farbigen Fliesen
Fast zu schön zum Sitzen
Kacheln in Firgas
Gekachelter Erdkundeunterricht
Waschende in Beton
Was will uns der Künstler damit sagen?
Kaktus
Kanarische Flora – der Gebirgskaktus

Der höchste Kirchturm der Kanaren steht in Arucas und gehört zur Parroqia de San Juan Bautista. Diese Kathedrale zeichnet sich dadurch aus, dass sie gar keine Kathedrale ist. Denn ohne passenden Bischof reicht es nur zur Kirche, egal wie hoch der Turm ist. Amtsanmassung auf katholisch, sozusagen.

Kathedrale von Arucas und Teddybär
Eine echte Kathedrale würde niemals solchen Kitsch neben sich dulden

Vulkanisches Erbe

Gran Canaria ist im Grunde genommen ein erloschener Vulkan, wie alle kanarischen Inseln. Das ist nicht zu übersehen und spätestens seit dem Ausbruch auf La Palma weiß man, was das bedeutet.

Vulkanische Steine am Meer
Vulkanische Überreste allerorten

Caldera de Bandama heißt der riesige Krater im Osten der Insel. Die Vulkane der Kanaren sind angeblich unterirdisch miteinander verbunden. Als ich von einem Stein heruntersprang, klang der Boden ziemlich hohl. Ganz sicher war ich mir nicht, aber ich meinte von unten ein dunkles Rumpeln zu hören.

Caldera de Bandama
Caldera de Bandama

Am nächsten Tag hörte ich in den Nachrichten, dass gegen alle Prognosen der Geologen der Vulkanausbruch auf La Palma nach vielen Monaten endlich zum Stillstand gekommen war. Gern geschehen. Man muss eben einfach nur Experten ranlassen.

Prinzessin Calima aus Afrika

Nach zwei Wochen Urlaubsidyll begannen eines Tages die Einheimischen zu tuscheln. Calima aus Afrika wurde gegen Abend erwartet. Meine Spanischkenntnisse hatten sich seit meinem letzten Bericht noch nicht wesentlich gebessert, deshalb konnte ich nicht genau verstehen, um wen es ging. Vermutlich die Prinzessin aus einem afrikanischen Land. Für rote Teppiche reichte es nicht aus, aber am Strand wurden die Masten mit roten Fahnen geschmückt. Schicke Fahrzeuge des roten Kreuzes fuhren aufgeregt am Ufer entlang und winkten die Touristen aus dem Wasser. Man wollte wohl einen guten Eindruck auf die Besucherin machen.

Und dann kam sie. Es stellte sich heraus, dass Calima keine Prinzessin, sondern ein Wetterphänomen war, das für zwei Effekte sorgte. Die Wellen wurden so stark, dass sogar die einheimischen Surfer ihre Bretter einpackten. Und der starke Ostwind wehte den Sand aus der Sahara auf die kanarischen Inseln herüber. Innerhalb einer Stunde stellten sich Feinstaubwerte ein, gegen die der Stuttgarter Pragsattel wie ein Luftkurort wirkt. Gut, dass man heutzutage immer FFP2-Masken griffbereit hat.

Calima Sandsturm auf Gran Canaria
Calima. Wenn Feinstaub die Sonne verhüllt.

Apropos Masken: die Spanier verhalten sich vorbildlich im Kampf gegen Corona. Trotz einer beeindruckenden Impfquote trägt hier jeder konsequent seine Maske. Die Hinweisschilder am Strand sind allerdings manchmal etwas irritierend. Wird Corona über die Füße übertragen? Aber ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass man Schilder in Spanien eher nicht so ernst nimmt.

Maskentragepflicht
Menschen mit einer Größe von mehr als 2 m müssen keine Maske tragen
Abstandsregel
Männlein und Weiblein schön Abstand halten
Schuhpflicht
Gib Fußpilz keine Chance
Desinfektion
Nach jedem Tauchgang Entlausungsmittel auftragen
Kakteen mit Abstand
Sogar die Kakteen halten den Mindestabstand ein.

Unser Urlaub ging zu Ende und am letzten Abend gönnten wir uns ein typisch kanarisches Essen: Papas arrugadas mit Mojo. Das sind Babykartoffeln in der Salzkruste mit roter und grüner Sauce. Und wieder bestätigte sich ein Naturgesetz der Gastronomie: Die Größe der Portionen verhält sich umgekehrt proportional zum Preis. Aber lecker war es.

Dorade gebraten mit kanarischen Kartoffeln
Dorade mit Spuren von kanarischem Ziergemüse
Sonnenuntergang mit Kakteen im Gegenlicht
Sonnenuntergang am letzten Abend. Seufz. Schluchz. Heul.

Gran Canaria – Teil 1

Ein Bericht über die beliebten Dünen und den unbeliebten Wind. Und über einen Ausflug in die Berge, der den Lebensversicherungen tiefe Sorgenfalten in die Stirn meißelt.

Die Dünen von Maspalomas

Um dem winterlichen Trübsal in Deutschland zu entfliehen, mieteten wir ein Appartement in Gran Canaria. Über die dunklen Seiten des Massentourismus hatte ich schon einen eigenen Beitrag veröffentlicht. Aber es gibt hier auch wirklich beeindruckende Ecken, die das Herz des Naturliebhabers höher schlagen lassen. Beispielsweise die endlosen Dünen von Maspalomas, die für einsame Strandwanderungen bekannt sind. Zu bekannt, leider.

Sanddünen von Maspalomas mit Fussspuren
Einsame Wanderungen in den Dünen von Maspalomas…
Sehr viele Wanderer am Strand von Maspalomas
…sind eher die Ausnahme

Die kanarische Tourismusbehörde traut ihren Gästen offenbar nicht viel Verstand zu. Überall stehen Schilder, die vor den allgegenwärtigen Gefahren warnen. Aber man kann es auch übertreiben mit der Fürsorge.

Schild schwimmen verboten in Steinwüste
Auf diesen Steinen ist schwimmen verboten. Nur für den Fall, dass Jemand auf die Idee kommen sollte…

Der Wind trieb an manchen Tagen den Sand horizontal über den Strand. Zum Glück haben die SinnlosReisenden genau für solche Gelegenheiten ein Windschutzzelt im Gepäck. Als der Wind noch zulegte, mussten wir das Zelt allerdings wieder abbauen, denn es drohte zerfetzt zu werden. Während im Hintergrund die Kite-Surfer ihren Spaß hatten, kämpfte ich den Kampf meines Lebens beim Zusammenlegen des Zeltes. Hier ist die Dokumentation:

Die Bergwelt von Gran Canaria

Wir machten uns mit einem beängstigend kleinen Mietwägelchen an die Erkundung der Insel. Die GC200 gilt als gefährlichste Straße von Gran Canaria. Und in der Tat gibt es an dieser Steilküste keine Kurven, sondern Ecken, die man nur mit ausgeschaltetem Radio umfahren sollte. Denn die Busse und Lastwagen bremsen nicht, sie hupen. Damit geben sie ihre Vorfahrt aufgrund größerer Masse bekannt.

Kurivige Bergstraße
Kurvige Straßen
Wilde Steilküste in Gran Canaria
Steile Küsten
Bergdorf mit Terrassen
Idyllische Bergdörfer

Als Beifahrer sollte man schwindelfrei sein oder eine Kotztüte griffbereit halten. Belohnt wird man mit herrlichen Aussichtspunkten, wie beispielsweise El Balcon. Ein wunderbarer Ort, um die Risikolebensversicherung des ungeliebten Ehepartners endlich in Kapital umzuwandeln.

Aussichtsplattform El Balcon Gran Canaria
El Balcon (der Witwenmacher)
Sinnlos Reisender beisst in ein Sandwich und findet einen Zahnstocher
Autsch! Wie kommt der Zahnstocher in mein Sandwich???

Auf Gran Canaria gibt es mehrere Hundert Höhlenwohnungen, die seit Tausenden von Jahren bewohnt sind. Einige davon kann man auch zur Übernachtung mieten.

Höhlenwohnung
Caveman – Wohnen in der Höhle Nr. 22
Höhle auf Gran Canaria
Auch der Urzeit-Höhlenbewohner legte Wert auf eine gute Aussicht
Zwei Höhlen la Fortalezza
Doppelzimmer für Einsiedler
Palmen in den Bergen
Gebirgspalmen

So, genug für heute. Im zweiten Teil berichte ich dann über kanarische Vulkane und eine afrikanische Prinzessin.

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Maspalomas

Im heutigen Beitrag zur Serie über sinnlose Orte möchte ich euch eine Perle des Massentourismus auf den kanarischen Inseln vorstellen: Die Fressmeile von Maspalomas

Auf Gran Canaria trifft sich ganz Europa, um die Wintermonate unter der milden Sonne auszusitzen. Maspalomas ist gemeinsam mit Playa del Ingles der größte Touristenort von ganz Spanien, nach Betten gezählt. Dieser Spitzenplatz im Massentourismus verpflichtet zu Höchstleistungen. Daher wurde in Maspalomas eine Flaniermeile erbaut, die dem geschätzten Pauschaltouristen alles bietet, was er sich schon immer erträumt hatte:

Irische Bar
Die Iren können sich endlich mal ohne Sperrstunde die Kante geben
Kneipe zum blauen engel
Die Deutschen können sich schon vormittags zum Frühschoppen treffen
Norwegische Bar
Die Skandinavier können sich volllaufen lassen, ohne am nächsten Morgen vor einem Schuldenberg zu stehen
Karaoke Bar
Unmusikalische Menschen können beim Karaoke endlich mal alle Hemmungen fallen lassen

Und alle anderen können die zahlreichen kanarischen Spezialitäten-Restaurants genießen.

Auf den Kanaren kann man auch für kleines Geld überwintern. Bei den aktuellen Gaspreisen deckt die Einsparung an Heizkosten einen guten Teil der Zimmermiete. Ganz gewiefte Sparfüchse wissen, wie man drei Tage lang mit einem Essensbudget von sieben Euro auskommt: Am ersten Tag fastet man sich einen richtig bärigen Hunger an und schlägt sich dann für 6,95 € am All-you-can-eat-Buffet beim Chinesen die Wampe voll. Vorteilhaft ist ein Besuch kurz nach der Dämmerung – dann sieht man nicht so genau, was man auf dem Teller hat. Wenn alles glatt läuft, verbringt man die nächsten beiden Tage mit Magen-Darm auf der Toilette und braucht kein Geld für Nahrung.

Chinesisches Restaurant mit  All you can eat Buffet
Essen bis zum Erbrechen

Die Konkurrenz ist gnadenlos. Im mehrsprachigen Nahkampf erprobte Einweiser versuchen, die flanierenden Touristen in die Lokale zu locken. Manche machen verführerische Angebote, denen man kaum widerstehen kann: „Willkommen Germany, Looki-looki, heute Spezial: ein Liter Sangria gratis zum Tagesmenü!“ Andere versuchen es mit sanfter Gewalt. Wer hier nicht auf der Hut ist, hat Ruckzuck eine Speisekarte in der Hand und bekommt von hinten einen Stuhl in die Kniekehle gerammt.

Spanische Kellner warten auf Touristen
Kellner lauern auf Opfer

Die hemmungslose Ess- und Trinkkultur hat einen eigenen Berufszweig hervorgebracht. Frühmorgens, noch vor dem Sonnenaufgang, rückt eine Armada von Tatortreinigern an. Mit Hochdruckreinigern entfernen sie das Erbrochene von den Terracotta-Fliesen und sammeln die FFP2-Masken ein, die Mancher in Überschätzung seiner Trinkfestigkeit nicht rechtzeitig vom Gesicht gezogen hatte. Ein Albtraum.

Lebensgroße Figuren Hulk, Spider-Man und Bayern-Man
Als Spider-Man sich nach dem zehnten Bier übergibt, wundert sich der Bavaria-Man
Reisender schläft auf der Küchentheke
Auch der SinnlosReisende zollt dem ausschweifenden Leben Tribut

Um dem Trubel zu entfliehen, verlegten wir unsere Aktivitäten ins bergige Inselinnere. Aber dazu folgt bald ein eigener Beitrag.

Antelope Canyon und der Preis einer Seele

„Die ganze Welt wiegt den Wert einer einzigen Seele nicht auf.“ Gregor der Große, Papst, Rom 540-604.

„Normale Seele 1,00 €, Dinkel-Vollkornseele 1,50 €.“ Manfred Müller, Biobäcker, Ravensburg 2022.

„Dem Teufel seine Seele verkaufen“, diesen Ausdruck hatte ich schon öfters gehört. Aber wie geht das überhaupt? Kommt der Teufel einfach vorbei und macht ein Angebot? Oder fragt er, für welchen Preis man seine Seele hergeben würde? „Ey du Opfer, was ist niedrigste Preis?!“, wie bei Ebay-Kleinanzeigen? Was ist denn eigentlich ein fairer Preis für eine menschliche Seele?

Und überhaupt – warum hat es der Gehörnte so eilig? Er könnte doch einfach bis zum Tag des jüngsten Gerichts abwarten und dann quasi ohne Extrakosten die verlorenen Seelen einsammeln. Da muss doch etwas faul sein! Jedenfalls wäre es gut, wenn man den Wert seiner Seele so ungefähr wüsste. Nur für den Fall, dass man unerwartet in Geldnot gerät und sich eine Gelegenheit ergibt. Ich bekam eine erste Idee für den Wert einer Seele beim Besuch des Antelope Canyon in Arizona.

Dieser Canyon liegt am Stadtrand von Page, einer der jüngsten Städte der USA. Im nahe gelegenen Las Vegas boomten in den Fünfzigerjahren die Casinos (den Grund dafür habe ich in meinem Beitrag über die Stadt der Sünde schon beschrieben). Als der Strom für die ganzen Neonleuchtreklamen nicht mehr ausreichte, wurde der Glen Canyon Dam mit einem Wasserkraftwerk gebaut. Der Damm staute das Wasser des Colorado auf und erschuf den Lake Powell mitten in der Wildnis Amerikas. Da es damals weit und breit keine Städte gab, wurden für die Bauarbeiter und ihre Familien bescheidene Unterkünfte errichtet.

Panoramablick über Lake Powell
Lake Powell

Nach Abschluss der Arbeiten wollte die Baufirma die Kosten für den Rückbau der Siedlung sparen und bot den Arbeitern die überflüssigen Immobilien mitten in der Felsenwüste an. Wer damals beherzt zugriff, konnte sich an einer tollen Wertentwicklung erfreuen. Denn in den folgenden Jahrzehnten mauserte sich das staubige Wüstenkaff zu einem der beliebtesten Ferienorte Amerikas. Auf dem Lake Powell entwickelte sich ein Wassersport-Eldorado und die umliegenden Naturwunder zogen Scharen von Touristen an. Zum Beispiel der Horseshoe Bend, in dem ein mächtiger Felsblock den Colorado River zu einer überaus fotogenen Schleife zwingt.

Horseshoe Bend
Horseshoe Bend

Der Antelope Canyon liegt nur wenige Meilen von Page entfernt und doch gibt es immer wieder Missverständnisse über vereinbarte Zeitpunkte. Denn im Gegensatz zu Page gilt im Canyon die Sommerzeit. Man kommt dann am Ziel an, bevor man losgefahren ist. Das ist besonders toll, wenn man eine Tour zu einem festen Zeitpunkt gebucht hat.

Ein weiterer Stolperstein für den verwirrten Touristen ist die Tatsache, dass es streng genommen zwei Canyons gibt: Den Lower Antelope Canyon und den Upper Antelope Canyon. Sie unterscheiden sich dadurch, dass der eine unterhalb der Straße liegt und der andere oberhalb. Logisch. Und dass die gebuchten Tickets nur für einen von beiden gelten.

Lower Antelope Canyon
Gut beschriftet

Beide liegen auf dem Gebiet der Navajo Nation, die hier verschiedene Sonderrechte hat. Zum Beispiel das Recht auf Sommerzeit, unabhängig vom Rest des Bundesstaates. Und das Monopol auf touristische Vermarktung der Canyons. So wundert es nicht, dass man hier nur mit einem Navajo-Guide hineinkommt. Und es erklärt die Verkaufsstände mit traditionellen indianischen Schmuckstücken.

Wir fragten eine Verkäuferin mit auffallend indianischem Aussehen, ob wir sie fotografieren dürfen. Die Dame verneinte mit dem Hinweis, dass nach ihrem Glauben eine Fotografie die Seele des Abgebildeten schädigen würde. Als wir uns verständnisvoll abwendeten, fügte sie etwas leiser hinzu, dass der seelische Schaden mit einem Schmerzensgeld von zehn Dollar in bar repariert werden könne und ein Foto möglich wäre. Aber nur eines.

Da wir zehn Dollar für einen viel zu niedrigen Preis für eine Seele hielten, verzichteten wir auf das Bild und stiegen hinab in den Antelope Canyon. Von oben sieht der eher unscheinbar wie ein Riss im Boden aus, aber was die strömenden Fluten hier geschaffen haben, ist so schön, dass ich jetzt lieber meine Klappe halte und die Bilder für sich sprechen lasse.

Treppenabgang in den Lower Antelope Canyon
Unscheinbarer Abstieg
Im Antelope Canyon
Unten: eine andere Welt
Im Antelope Canyon
Farbpalette
Im Antelope Canyon
Sonnenuntergang
Im Antelope Canyon
Der Spalt
Sunbeam im Upper Antelope Canyon
Sun Beam
Im Antelope Canyon
Die perfekte Welle
Im Antelope Canyon
Licht und Schatten
Im Antelope Canyon
Verzahnt
Im Antelope Canyon
Blick nach oben
Im Antelope Canyon
Licht am Ende des Tunnels

Die Natur arbeitet übrigens immer noch weiter an diesem Kunstwerk. Wenn es in den Bergen etwas stärker regnet, entstehen die gefürchteten Flash Floods. Dann füllt sich innerhalb weniger Sekunden der Slot Canyon bis zum Rand mit tödlichen Wassermassen, wie man in diesem Video eindrucksvoll sehen kann. Wer davon überrascht wird, hat seinen Deal mit dem Teufel hoffentlich vorher rechtssicher abgeschlossen, denn dann bleibt nicht mehr viel Zeit.

Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, wieviel deine Seele wert ist? Etwas mehr als beim Bäcker Müller sollte es bei aller Bescheidenheit schon sein…

Unbekanntes Spanien

In Spanien kennt sich mancher Deutsche besser aus als Zuhause. Deshalb will ich heute ein paar Gegenden für die Nachwelt dokumentieren, die vielleicht nicht so bekannt sind.

El Caminito del Rey

Er war einmal der gefährlichste Wanderweg der Welt, El Caminito del Rey (auf Schwäbisch: „s Königswegle“). Seit seiner Renovierung vor einigen Jahren ist er absolut ungefährlich. So ungefährlich, dass man ihn ohne Schutzhelm nicht betreten darf. Trotzdem ist er so beliebt, dass man Wochen im Voraus Tickets reservieren muss. Wir hatten enormes Glück und bekamen kurzfristig keine Eintrittskarten mehr. Denn genau an dem Tag, an dem wir den Weg bezwingen wollten, wurde er wegen starkem Wind geschlossen. Zu gefährlich.

Als Ersatzprogramm wanderten wir in der Sierra Cazorla am Rio Borosa. Der ist wirklich ungefährlich, aber ebenfalls schön. Nur die Schilder können den unerfahrenen Wanderer verwirren. Profis wissen, dass man in Spanien nicht auf Schilder achtet, daher ist es eigentlich egal, was drauf steht.

Verwirrende Schilder
Verwirrende Beschilderung. Darf man jetzt oder darf man nicht?
Rio Borosa
Rio Borosa
Cerrada de Elias
Gut ausgebaut: Cerrada de Elías
Schafherde
In der Sierra Cazorla. Ein schwarzes Schaf ist immer dabei.

Es gibt in Spanien eigenartige Gesetze. Es ist der Bevölkerung beispielsweise strengstens verboten, sich zwischen 14:30 und 17:00 Uhr im Freien aufzuhalten. Alle Geschäfte, Behörden und Bars verrammeln Fenster und Türen, als ob sie den Einmarsch der Armee der Untoten befürchten würden. Die einzigen Ausnahmen sind ein paar angetrunkene Gestalten, die nach zwei Flaschen Wein zum Mittagessen ihren Heimweg nicht rechtzeitig finden. Und Touristen wie wir, die ratlos in den ausgestorbenen Städten herumirren.

Menschenleerer Platz in Ubeda
High Noon in der Innenstadt von Ubeda
Häuser mit verschlossenen Fensterläden
Verrammelt

Nachtrag: Ich habe herausgefunden, wie das Gesetz heißt. Man nennt es Siesta.

Spiel mir das Lied vom Tod in Tabernas

Neben der Sierra Nevada liegt die Desierto de Taberna, eine Wüste in bester Wild-West-Manier. Hier wurden zahlreiche Filme gedreht, unter anderem Lawrence von Arabien und die Klassiker von Altmeister Sergio Leone, Spiel mir das Lied vom Tod und Für eine Handvoll Dollar. Die Kulissen bleiben nach dem Dreh stehen und werden bei den nächsten Aufnahmen wieder renoviert und umgebaut.

Wüste von Tabernas
Die Wüste von Tabernas
Blühender Busch in der Wüste
Die Wüste lebt!
Hollywood Sign in Spanien
Hollywood-Filiale in Spanien
Wildwest Kulisse
Wild-West-Kulissen
Route 66 in Spanien
Hä? Ich glaub ich bin im falschen Film.

Nationalpark Ebro-Delta

Einer der wenigen spanischen Flüsse, die das ganze Jahr über Wasser führen, ist der Ebro. Sein Mündungsdelta wurde zu einem Naturschutzgebiet deklariert. In den feuchten Wiesen im Umland wird Reis angebaut, den man hier überall in den Restaurants als Arroz Negro aufgedrängt bekommt. Das hat nichts mit dem N-Wort zu tun; es handelt sich um ein Risotto, das mit der Tinte von Calamares schwarz gefärbt wird.

Delta des Ebro
Im Delta des Ebro
Reisfeld im Ebrodelta
Spanischer Reis
Reisernte
Die Reisernte ist ein matschiges Geschäft
Arroz Negro, oder wie man heute sagen würde: „Rice of Color“
Eingang zum Nationalpark Ebrodelta
Naturpark Ebro: Seil nicht übertreten! Und wenn doch, dann Hunde an die Leine!
Frau  mit Skelett
Die SinnlosReisende: Leichen pflastern ihren Weg
Schild mit Vögeln
Warnschild für Vögel: Keine Menschen an den Nachwuchs verfüttern, nur Fische!

Sinnlose Skulpturen

Spanier lieben Skulpturen. In jeder noch so winzigen Ortschaft stehen mehr oder weniger kunstvolle Gestalten herum. Über den Sinn kann ich wie immer nur spekulieren.

Skulptur Kind mit Gans
Der junge St. Martin würgt seine Gans
Skulütur Frau mit Krokodil
Anwendung des Heimlich-Griffs als Erste Hilfe bei Reptilien
Bronzestatue mit Bocksprung Kinder
Bocksprung Quer – wenn Schienbein und Schädel Freunde werden…
Gesicht mit Augen
Fernblick
Skulptur Junge mit Schulranzen auf Schildkröte
Ich kann nichts dafür, meine Schildkröte hatte Verspätung!
Segelschiffe im Kreisverkehr
Kreisverkehr
Skulpturen tragen Sitzbank
Job mit Durchhaltevermögen
Skulpturen turnen über der Straße
Turngesellschaft mit Durchhänger
Graffity
Auf der rosa Wolke
Achtung Blitz!
Zu spät.
Skulptur Frau streckt Arm nach oben
Halt, SinnlosReisender, das ist genug! Verschone mich mit deinem Unsinn!
Mann sitzt auf überdimensionaler Bank
Also gut! Der kleine Marco muss jetzt eh nach Hause gehen.

¡Hasta luego!

Ein Atom auf Weltreise

Silvester, mal wieder. Zeit der Rückblicke auf ein Jahr, in dem sich tiefe Risse in unserer Gesellschaft aufgetan haben. Es war kein gutes Jahr für Fernreisen, aber ich lade dich zu einer sinnlosen Weltreise mit einem Atom ein, die sich so ähnlich zugetragen haben könnte.

„Dir schwirrt doch schon wieder irgendein Scheiß im Hirn umher“, meinte die SinnlosReisende, als ich eines Abends bei einem Glas Wein über einem sinnlosen Beitrag brütete und vor mich hin grinste. Nun bin ich grundsätzlich offen für konstruktive Kritik, aber diese Behauptung wies ich entrüstet zurück. Ein kleiner Zweifel ließ mich aber nicht mehr in Ruhe. Konnte vielleicht doch etwas dran sein? Gab es in meinem Denkorgan Spuren von Fäkalien?

Das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Menschen besteht grob geschätzt aus 600 Quatrillionen Atomen. Beim einen mehr, bei anderen weniger. Als Zahl ausgeschrieben sind das: 600.000.000.000.000.000.000.000.000 Atome. Wenn man die alle auf einer Schnur aufreihen würde, könnte man damit zehntausend Mal die Entfernung von der Erde bis zur Sonne abwickeln. Nun sind die Bausteine des Gehirns nicht zum Trocknen an einer Wäscheleine im Weltall aufgehängt, sondern zu einem halbwegs funktionierenden Denkorgan angeordnet. Allein die schiere Anzahl läßt mich zweifeln, ob da überhaupt etwas Sinnvolles rauskommen kann. Aber bei manchen Zeitgenossen sieht man ja auch, dass es furchtbar schiefgehen kann. Die nennen sich dann Querdenker, im Gegensatz zu den Längsdenkern.

Aber woher kommen all diese kleinen Teilchen? Immerhin gab es zu Beginn meiner Existenz nur eine einzige Eizelle. Alles andere muss später dazu gekommen sein. Ich wandte die Kenntnisse aus dem Taiji-Kurs vom Sommer an und spürte mit gespannter Achtsamkeit ins Innere meines Gehirns. Da, rechts oben in meinem präfrontalen Kortex, da lag doch so ein niedliches Kohlenstoffatom. Ich nahm noch einen Schluck vom Rebensaft und ergründete seine Geschichte.

Das kleine Kohlenstoff-Atom war ein Junge und hörte auf den Namen Carby. Er war bei der Explosion einer Supernova als Abfallprodukt entstanden, quasi die Asche in der Sternenschmiede der Galaxien, die Schlacke im Hochofen des Universums, der Kehricht des Urknalls, der Ruß im Schornstein des Sonnensystems.

Orange Rauchwolken vor schwarzem Hintergrund
Das Universum kurz nach dem Urknall, dokumentiert von einem Zeitzeugen

Entsprechend wenig Wertschätzung erfuhr Carby von seinem Kollegen Hydro, der als „reiner“ Wasserstoff ein glänzendes Image im Periodensystem der Elemente hatte. Besonders arrogant waren die großkotzigen Typen aus der Gruppe der Edelmetalle. „Carby ist Garby, Nänänänänena!“, hänselten sie ihn, in Anspielung auf das englische Wort für Müll, Garbage.

Carby durchlebte eine eher unglückliche Kindheit und die zog sich ein paar Milliarden Jahre lang hin. In seinem Frust ging er häufiger Beziehungen mit anderen Atomen ein, die aber nie lange hielten. Ein flotter Dreier mit zwei Sauerstoffatomen, Roxy und Proxy, resultierte eine Zeit lang in einer halbwegs stabilen Bindung als CO2-Molekül. Mit der besitzergreifenden Toxy führte er einige Jahrtausende lang eine ziemlich toxische Beziehung als Kohlenmonoxid. Eine flüchtige Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wasserstoffatomen ergab ein kurzes Intermezzo als Methan, aber sie trennten sich bald wieder. Es passte einfach nicht.

So dümpelte Carby lange ziellos vor sich hin, mal in der Erdkruste gebunden als Kalkstein, mal gelöst in der Ursuppe, und beobachtete, wie langsam die Bakterien die Erde besiedelten.

Mono Lake Kalkstein
Kalksteinablagerungen am Mono Lake, Kalifornien
Meeresgetier und Pflanzenreste
In der Ursuppe wimmelte es von unappetitlichen Gestalten

Dann erfanden ein paar innovative Zeitgenossen die Fotosynthese, mit der sie aus Wasser, Kohlendioxid und Sonnenlicht selbständig Zucker erzeugen konnten.

3D-Modell eines Zuckermoleküls
Zuckermolekül im Technikmuseum Berlin

Das war ein echter Game Changer, da waren sich alle Atome einig. Denn Zuckermoleküle sind einerseits ein toller Energielieferant und andererseits der Baustoff für Pflanzen. Als die ersten Pflänzchen das Land erobert hatten, folgten ihnen bald die Tiere.

Felsenküste mit blühenden Blumen
Pflanzen besiedeln das Land
Dschungel mit Fluss
Urwald überwuchert bald die Erde
Toter Fisch an Land
Mancher Landgang missglückte furchtbar

Ab da war es vorbei mit dem Dolce Vita; nun war nachhaltige Kreislaufwirtschaft angesagt: Als Kohlendioxid wurde Carby von den Pflanzen aus der Luft gefiltert und in Blätter umgewandelt, die von Pflanzenfressern abgenagt wurden, die von Raubtieren gefressen wurden, die ihn als CO2 wieder ausatmeten.

Kohlenstoff war auf einmal der gefeierte Star der organischen Chemie, der Grundstoff für komplexe Verbindungen und damit für das Leben an sich. Der Kollege Hydro wurde über diesen Erfolg grün vor Neid; man spricht heute noch von grünem Wasserstoff.

Carby war in der folgenden Zeit häufig Gast in verschiedenen Lebensformen und reiste mit ihnen um die ganze Welt. Manchmal wurde er verdaut und in den Organismus eingebaut, viel öfter aber in großen Dunghaufen ausgeschieden. Eine schlimme Zeit verbrachte er in einer bestialisch stinkenden Durian, dann wieder trieb er mit einer Qualle durch die Meere. Leben auf der Überholspur.

Kackhaufen
Das Leben ist manchmal einfach nur Scheiße
Durian
Stinkende Durians
Qualle im Meer
Reisen mit Quallen

Eines Tages steckte Carby als Teil eines abgestorbenen Baumes in einem Sumpf fest. Immer tiefer wurde er unter die Erdoberfläche gezogen. Er hasste enge Beziehungen zwar von ganzem Herzen, aber irgendwann ging er eine ziemlich feste Verbindung mit einigen anderen Atomen ein und verwandelte sich in Kohle. Der Druck war einfach zu groß.

Baumstamm mit Farn
Überall Kohlenstoffverbindungen

Viele Millionen Jahre steckte Carby in diesem zapfendusteren Kohleflöz fest, bis er eines Tages von einer Baggerschaufel ans Tageslicht gerissen wurde. Mit großen Augen musste Carby feststellen, dass sich auf der Erde einiges geändert hatte. Der Dschungel war jetzt aus Stahl und Beton.

Weltkulturerbe Völkinger Hütte. Ein ehemaliges Stahlwerk als Industriedenkmal
Moderner Dschungel: Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Bakterien hatten inzwischen zwei Beine und ein Gehirn. Und intelligent waren die! Die konnten sogar ganz neue Atome erschaffen, wie damals bei der Supernova. Atombombe nannten sie das. Ihre Wissenschaftler erkannten sogar, dass zuviel CO2 die Erde unbewohnbar macht. Trotzdem verbrannten sie die ganze Kohle in Kraftwerken. So clever waren diese zweibeinigen Denkbakterien dann doch nicht. Eher so semi-schlau.

Das Leben war hektischer geworden, auch für ein Kohlenstoffatom. Eine Weile lang wurde Carby durch die Atmosphäre gewirbelt, dann schnappte ihn eine Zuckerrohrpflanze und baute ihn in ein Glukosemolekül ein. Der Zucker fand seinen Weg in ein Nutellaglas und landete zwangsläufig irgendwann in meinem Magen. Und von dort wurde er schließlich in mein Gehirn gespült.

Nutellabrot
Am Ende der Nahrungskette

Soweit so gut, aber was ist jetzt das Fazit dieser Geschichte? Nun, zwei Punkte können wir festhalten, mindestens:

Erstens: Ich kann tatsächlich nicht ausschliessen, dass in meinem Gehirn die Überreste von Scheiße herumschwirren. Das ist etwas unangenehm, aber man darf vor der Wahrheit nicht die Augen verschliessen.

Zweitens: Das war jetzt der Lebensweg eines einzigen Atoms aus meinem Körper. Überleg mal, wo die anderen Quatrillionen Atome überall gewesen sein könnten. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ein paar davon auch schon mal in deinem Körper zu Besuch waren. Und dass in deinem Gehirn ein paar Atome sitzen, die vorher Teil des bekloppten Nachbarn waren, über den du dich immer so ärgerst. Oder Teil deiner Chefin oder deines Kollegen, oder des Busfahrers oder Teil eines Coronaleugners oder eines Befürworters der Impfpflicht. Oder von Mutter Theresa oder Putin oder von Diego Maradona. Oder von einem Tiger oder einer Kuh oder von einem Wurm oder einer Amöbe.

Wenn wir uns aber alle die immer gleichen Atome teilen, wäre es dann nicht Zeit, ein bisschen respektvoller miteinander umzugehen? Nur weil wir verschiedene Meinungen haben, müssen wir uns doch nicht gleich hassen. Egal wie blöd du Jemanden findest, diese Person könnte aus Teilchen bestehen, die irgendwann mal ein Teil von dir werden. Das ist ein beunruhigender Gedanke, nicht wahr?

So, das war’s für heute von meiner Seite. Mach was draus oder lass es bleiben! Wenn eines meiner Atome bei dir vorbei kommt, richte ihm bitte liebe Grüße von mir aus!

Ich wünsche euch allen, egal ob geimpft oder nicht, ein Gutes Neues Jahr 2022!

Das Wunder von Córdoba

Eine Geschichte über Fußballwunder, architektonische Wunder, Blumen und Burgen

Córdoba ist ein feststehender Begriff aus dem Fußball, ähnlich wie Abseitsfalle oder Viererkette. An diesem Ort ereignete sich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nämlich das Wunder von Córdoba, als der Underdog Österreich gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland gewann und beide Mannschaften ausschieden. In Deutschland wird das gleiche Ereignis als die Schmach von Córdoba erinnert. Es kommt eben immer auf den Blickwinkel an.

Die Mezquita-Catedral

Das spanische Córdoba hat nichts mit Fußballwundern zu tun. Hier steht ein architektonisches Wunder: eine gotisch-maurisch-barocke Renaissance-Kathedralmoschee. Oder anders ausgedrückt: eine römisch-katholisch-muslimische Moscheenkathedrale. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Ich spreche von der Mezquita-Catedral de Córdoba.

Mezquita von Cordoba und römische Brücke bei Nacht
Unübersehbar, selbst bei Nacht
Orangerie der Mezquita von Cordoba
Die Orangerie vor der Mezquita

Wie es zu diesem Durcheinander kam? Nun, da waren wohl einige geschichtliche Zufälle im Spiel. Schon die alten Römer hatten die Bedeutung des Städtchens erkannt und bauten eine Brücke über den Guadalquivir und einen Tempel. Als das römische Reich wegen überbordender Dekadenz zerfallen war, errichteten die Westgoten eine christliche Kirche auf dem Fundament des römischen Tempels. Dann eroberten die Mauren halb Spanien und rissen das Haus der Ungläubigen ab. Sie waren aber mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit so weit vertraut, dass sie die Säulen der Kirche als Stützpfeiler für ihre Moschee wieder verwendeten.

Dann war lange Zeit Ruhe im Karton, beziehungsweise maurische Herrschaft, und jeder neue Herrscher bewies seine Macht durch eine Erweiterung und Verschönerung der Moschee. So wuchs das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte auf eine gigantische Fläche von 23.000 qm an. Zum Vergleich: das ist zehnmal so groß wie die blaue Moschee in Istanbul, und die ist auch schon ziemlich beeindruckend.

Mezquita
Maurische Rundbögen auf gotischen Säulen
Maurische Rundbögen in der Mezquita
Gemusterte Hallen
Arabische Ornamente in der Mezquita
Arabische Ornamente

Irgendwann endete aber auch die muslimische Herrschaft in Andalusien, wie man hier nachlesen kann. Die Moschee wurde zu einer christlichen Kirche umdekoriert und das Minarett bekam eine Kirchenglocke. Ein übereifriger Bischof überredete dann im 16. Jahrhundert den ahnungslosen Kaiser Karl V. dazu, in der Mitte der Moschee eine Kathedrale einbauen zu lassen, komplett mit barocken Engelchen und pompösem Altargedöns. Nach zeitgenössischen Berichten soll Kalle dann bei seinem Besuch in Córdoba entsetzt gewesen sein, was er da angerichtet hatte.

Katholischer Altar in der Mezquita
Seite an Seite: Renaissance-Altar und maurische Rundbögen
Chorgestühl in der Kathedrale von Cordoba
Chorgestühl aus Mahagoni unter barockem Gewölbe
Goldener Adler in der Kathedrale von Cordoba
Rednerpult: Hier spricht der goldene Adler

Man kann natürlich geteilter Meinung sein, ob die krasse Durchmischung von Baustilen und Religionen in einem Gebäude schön ist, aber auf jeden Fall ist dadurch etwas weltweit Einmaliges entstanden. Fotos können nicht mal annähernd wiedergeben, wie beeindruckend dieses Bauwerk ist. Klare Empfehlung der SinnlosReisenden: Hinfahren, selber staunen! Eintritt 12€, früh Morgens am Nebeneingang kostenlos. Es lohnt sich!

Löwe und Totenkopf
Vertrau mir, ich bin ganz lieb!

Córdoba badet

Aber Córdoba bietet noch mehr als die Mezquita. Direkt nebenan wurden bei Ausgrabungen die Bäder des Kalifen entdeckt. Hier kümmerten sich zahlreiche Sklaven um den Badespaß der Kalifenfamilie. In den Schatten der Säulen wurden aber auch etliche Intrigen ausgeheckt und mancher Meuchelmord verübt.

Säulen mit Schatten im Bad des Kalifen
Im Schatten schleichen finstere Gestalten herum
Statue Frau mit Dolch in der Schulter
Aua

Córdoba und die Blumen

Córdoba ist berühmt für seine Blumenkunst. Überall hängen blühende Blumentöpfe an den Hauswänden. Und ein Blick in die Innenhöfe der Altstadt lässt das Floristenherz höher schlagen.

Innenhof mit Blumen
Hobbygärtner im Hinterhof
Statue mit Floristen
Denkmal des Unbekannten Floristen
Calleja de las Flores in Cordoba mit Glockenturm
Calleja de las Flores mit Blick auf den Glockenturm der Mezquita

Castillo de Almodóvar

Eine halbe Stunde von Córdoba entfernt liegt die Burg von Almodóvar. Der Burgherr hat die Anlage aufwändig restauriert und wohnt selbst im historischen Gemäuer. Die Burg wird gerne von Game-of-Throne-Fans besucht, denn hier wurde die Schlacht zwischen der Familie Lannister und dem Haus Rosengarten gefilmt.

Castillo de Almodovar del Rio
Castillo de Almodóvar del Rio
Balkon am Castillo de Almodovar
Die Mutter der Balkone

Im Ort unterhalb der Burg gibt es eine regionale Spezialität namens Salmorejo Cordobés. Das ist eine kalte dickflüssige Suppe, die nicht aus Lachs gemacht wird, wie man aufgrund des Namens und der Farbe vermuten könnte. Es handelt sich um eine vegetarische Delikatesse (wenn man die Speckwürfel abbestellt) aus Tomaten, Olivenöl, Brot und Knoblauch. Schmeckt extrem lecker, man ist aber wegen des Knoblauchs eine Weile lang vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Teller mit Salmorejo Cordobes
Lecker: Salmorejo Cordobés

So, liebe Leute, das war’s für heute. Ich melde mich wieder, wenn sich der Knoblauchduft verzogen hat.

Spanisch lernen in Spanien

Wenn du Spanisch lernen willst, gehst du nach Spanien. Klingt logisch. Das ist aber gar nicht so einfach, wie man meinen könnte.

Nachdem ich mich in Costa Rica schon ausgiebig über meine nicht existenten Spanischkenntnisse ärgern durfte, bereitete ich mich dieses Mal besser vor. Ich besorgte mir die Premiumausgaben von Langenscheidt und Pons aus der städtischen Bücherei mit CD und Onlinematerial. Dann arbeitete ich vor Motivation strotzend die ersten Lektionen durch. Vier Wochen reichen locker aus. Sagt Carmen aus dem Power-Sprachkurs, und die muss es wissen. Ich lernte, an der richtigen Stelle zu lispeln, Satzzeichen auf den Kopf zu stellen und das spanische H auf keinen Fall auszusprechen. Und dann auf nach Spanien, um das frisch Erlernte durch praktische Übungen in die weiche Hirnmasse einzupressen.

Ankunft in Barcelona

An der (H)otelrezeption in Barcelona (mit elegant gelispeltem c) knallte ich selbstbewusst meinen Spruch aus Lektion 2 auf den Tresen:

„¡Hola, buenas tardes! ¿Qué tal? Me llamo Marco y tengo una reserva.“ Peng!

Zufrieden über diese gelungene Eröffnung erwartete ich freudig gespannt die Antwort, die laut Lehrbuch etwa so ausfallen sollte:

„¡Bienvenido! Muy bien, gracias. ¿Y usted?“

Der Mann am Empfang nahm meinen Ausweis wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, tippte routiniert auf seiner Tastatur herum und händigte mir eine Keycard aus. Dann antwortete er in akzentfreiem Deutsch: „Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“ Er ergänzte die obligatorischen Hinweise zum WiFi-Password und zu den Frühstückszeiten und zeigte uns den Weg zum Aufzug. Dann wünschte er uns einen schönen Aufenthalt in Katalonien.

Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Barcelona nicht in Spanien, sondern in Katalonien liegt, zumindest nach Ansicht von großen Teilen der hiesigen Bevölkerung. Das Unabhängigkeitsreferendum von 2019 endete zwar erfolglos mit einem internationalen Haftbefehl für Carles Puigdemont (gesprochen: Putschdämon), aber die Katalanen sind hartnäckig. Überall hängen überdimensionale katalanische Fahnen. Wo es sich an offiziellen Gebäuden nicht vermeiden lässt, eine spanische Fahne aufzuhängen, hängt man eben zwei katalanische Flaggen daneben um die Rangordnung wieder herzustellen. Und man spricht katalanisch. Ein Tiefschlag für meine Spanischübungen.

Katalanische Fahne an einem Gebäude
Unübersehbar Katalonien
Mehrere katalanische Fahnen
Eine Fahne reicht nicht aus

Die vielleicht eigenartigste Tradition Kataloniens ist der Bau von Türmen aus menschlichen Körpern. Es gibt hier jedes Jahr Wettkämpfe, bei denen der höchste Menschenturm prämiert wird. Vermutlich ist die Benutzung von Leitern zu spanisch und damit inakzeptabel.

Skulptut Menschenturm
Wer braucht schon Leitern, um eine Straßenlaterne zu reparieren?

¿Hablas Español? Nein, eher nicht.

Unser nächstes Ziel war Valencia, darüber hatte ich ja schon in einem eigenen Beitrag berichtet. Die Hoffnung, hier mein mühsam erlerntes Spanisch üben zu können, verflog allerdings schnell. Die autonome Region Valencia distanziert sich ebenfalls von Spanien. Hier spricht man Valenciano, das wie Spanisch klingt, nur dass man es nicht versteht. Auch in Valencia streben etliche Menschen die Unabhängigkeit von Spanien an. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass die Region vor 800 Jahren unter der Krone von Aragon ein eigenes Königreich gebildet hatte. Und früher war eh alles besser. Mit derselben Logik könnte auch Hannover einen unabhängigen Staat ausrufen, weil es schon mal ein Königreich Hannover gab. Oder das Fürstentum Schaumburg-Lippe.

Von den Basken weiß man ja schon länger, dass sie nicht von Spanien regiert werden wollen, und mir stellte sich langsam die Frage, was die Regierung in Madrid eigentlich treibt, dass so viele Regionen nichts mehr von ihr wissen wollen. Klar, niemand wird gerne aus der Ferne regiert, aber ich halte es nicht für besonders schlau, sich in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Herausforderungen in winzige Ministaaten mit sehr begrenztem Einfluss aufzuteilen. Aber Spanier sind eben sehr stolz. Erst recht, wenn sie sich nicht als Spanier fühlen. Und besonders stolz sind sie auf ihren Jamón, den berühmten Schinken.

Spanische Serrano Schinken
Der kleine Horrorladen für Vegetarier

Spanien in der Nebensaison

Wir suchten die Ruhe eines Ferienortes im Oktober und buchten eine Wohnung in Campoamor. Das klingt wie eine Mischung aus Dschungelcamp und Liebesinsel, allerdings hatte das Publikum hier einen Altersdurchschnitt von geschätzten 90 Jahren. Wir residierten im 11. Stock eines Hochhauses, in dem wir fast die einzigen Bewohner waren. Ein himmlischer Ausblick und die perfekte Ruhe waren das Resultat.

Aufblasbare Puppe ohne Luft auf einer Bank sitzend
In der Nebensaison ist die Luft raus
Sprungturm auf dem Trockenen
Sprungturm – Die Spanier rechnen fest mit einem Anstieg des Meeresspiegels
Metallgestell in Fischform mit Plastikmüll
Plastikmüll landet im Bauch der Fische
Elefantenfüße von Campoamor
Die Elefantenfüße von Campoamor entstanden durch Erosion…
Mann liegt unter Felsen
…und manchmal erwischt es eben unvorsichtige Touristen. Pech.

Noch ruhiger als am Strand war es in den nahe gelegenen Bergen. Hier hatte ein Eremit sich in abgeschiedener Lage sein Penthouse hingestellt.

Beste Wohnlage für Einzelgänger: Eremitage von Mare de Deu de la Roca de Mont-roig
Durchlöcherte Felsen
Die Höhlen des Eremiten

Costa del Sol

An der Costa del Sol versuchten wir diese tolle Erfahrung zu wiederholen. Die Wahl des Balkons ist im Oktober für eine Ferienwohnung entscheidend. Gute Balkone sind windgeschützt und verglast, haben Meerblick und gehen nach Süden oder Westen. Auf unserem schattigen Ostbalkon schälte die Zugluft den Rauhputz von der Wand, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über dem Meer zum Frühstück.

Hochhaus in Benalmadena
Wohnen auf der Schattenseite

Unser Studio war etwa fünf Quadratmeter groß, davon belegte das ausziehbare Schlafsofa die Hälfte. Wenn einer von uns das andere Bein übereinanderschlagen wollte, musste der andere solange in die Toilette ausweichen. Von der Nachbarwohnung trennte uns eine Pappwand, durch die wir die Trinkfestigkeit der Männergruppe nebenan im Detail verfolgen konnten.

Die Sonne ging am nächsten Morgen tatsächlich wieder auf, allerdings hinter dem Nachbarhochhaus. Um 11 Uhr kam sie endlich zum Vorschein, um eine halbe Stunde später hinter der Hausecke wieder zu verschwinden. Als nebenan eine Familie mit Kleinkind einzog, beschlossen wir, ab jetzt die Finger von Hochhäusern zu lassen.

Die Costa del Sol ist touristisch voll erschlossen und fest in englischer Hand. Spanischkenntnisse nützen hier wenig, denn die Menschen, die hier arbeiten, kommen überwiegend aus Osteuropa. Ich studierte stattdessen ausgiebig die Strandverkäufer, die angeblich Strandtücher oder Sonnenbrillen anboten. Ich durchschaute allerdings schnell, dass sie in Wirklichkeit genau zwei Produkte verkauften: „Tschiep Tschiep“ und „Gud Breis“. Letzteres wurde in zwei Ausführungen angeboten, nämlich als „Werri Gud Breis“ und in der Premiumausgabe für Stammkunden in der Variante „Werri Gud Breis Mai Frend“.

Strand
Idyllische Ruhe am Strand
Strand mit Handtuch
Wer stört?
Strandverkäufer
Ah, mein alter Bekannter Gud Breis.

Im Landesinneren

Als wir genug vom Massentourismus gesehen hatten, zogen wir ins Landesinnere nach Valle de Abdalajís, in eines der pueblos blancos. Hier sprach der Spanier endlich Spanisch. Es gab nur ein Problem: Spanier können vieles, aber nicht langsam sprechen. Wenn ich sie darum bat, langsamer zu sprechen, wiederholten sie ihre stakkatoartigen Sätze mit den rrrrrollenden Rrrrrrr-Lauten in der gleichen unglaublichen Geschwindigkeit, nur lauter. Es gelang mir nicht einmal festzustellen, wo ein Wort aufhört und wo das Nächste beginnt. Elarrrrrroyorrrrojaestaarrrrrribaperrrroestacerrrrrradoelvierrrrrrrrnes. ¡Hombre!

Valle de Abdalajis
Valle de Abdalajís aus der Ferne…
Valle de Abdalajis
…und von oben

El Torcal

Im spanischen Hinterland, weitab von den Touristenströmen, liegt ein stilles Naturwunder zum Staunen, eine Oase der Ruhe, ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer erwähnt wird: El Torcal. In Jahrmillionen haben sich versteinerte Muschelreste zu einem Kalksteingebirge aufgetürmt, das mit den erstaunlichsten Formen überrascht. Uns überraschte noch mehr, dass die Zufahrt zum Parkplatz gesperrt war und unglaubliche Menschenmassen mit Shuttlebussen nach oben gefahren wurden.

Heute war nämlich spanischer Nationalfeiertag. Christoph Kolumbus, der alte Seebär, hatte genau an diesem 12. Oktober vor 529 Jahren die Ostküste Indiens entdeckt. Dachte er zumindest. In seiner Tradition eroberten die Einheimischen an diesem Feiertag ihre Umgebung. Großfamilien picknickten lautstark zwischen den Felsen, Reisebusse spuckten Wagenladungen an Tagestouristen aus und gröhlende Gruppen von jungen Menschen auf der Jagd nach dem besten Instagram-Foto irrlichterten durch die staunende Natur.

Felsenbild El Torcal
El Torcal: Kalk in seiner schönsten Form
Felsen El Torcal
Steintürmchen
Frau wandert in Felsen
Unwegsames Gelände
Viele Wanderer im El Torcal
Invasion der Tages-Ausflügler

Wir machten uns auf den Weg nach Córdoba, aber davon bald mehr im nächsten Beitrag. ¡Hasta luego!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Das Prager Metronom

Manchmal dauert die Ewigkeit kürzer als man denkt

Über den Ufern der Moldau steht die Installation „Time Machine“, die laut ihrem Erschaffer Vratislav Karel Novak den unerbittlichen Lauf der Zeit symbolisieren soll. Das umgangssprachlich als „Metronom“ bezeichnete Kunstwerk könnte aber auch die Verschwendung von Material (7 Tonnen) und Energie darstellen. Denn das Metronom wird von einem Elektromotor angetrieben und dreht sich einfach nur von links nach rechts und von rechts nach links. Und das endlos, ohne Sinn und Verstand. Nicht einmal eine bestimmte Taktfrequenz wird eingehalten, wie das bei anständigen Metronomen mit beruflichem Ehrgeiz üblich ist.

Das Prager Metronom von der Moldau aus gesehen
Das Metronom von der Moldau aus gesehen – ein roter Stachel im Fleisch der Geschichte

Dabei hat Prag bereits seit über 600 Jahren einen Zeitmesser, der sich gewaschen hat: die astronomische Uhr am Rathaus. Hier werden auf zwei Ziffernblättern jede Menge Informationen dargestellt. Oben werden neben der Uhrzeit die Sternzeit, die Planetenstunden, Sonnenauf- und untergang, Mondauf- und untergang, Dämmerungsphasen, die Mondphasen und die Jahreszeiten angezeigt.

Zusätzlich werden die böhmischen Stunden angezeigt, die eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang beginnen und bis 24 gezählt werden. Das sagt einiges über die Bedeutung des Nachtlebens in Prag aus. Außerdem zeigt die böhmische Uhr, in welchem Tierkreiszeichen sich Mond und Sonne jeweils befinden. Und das pünktlich seit dem Jahr 1420. Das ist schon erstaunlich, wenn man die Haltbarkeit heutiger Uhren bedenkt.

Astronomische Uhr am Rathaus Prag
Die astronomische Uhr in Prag

Das untere Ziffernblatt ist ein Kalender, der neben Tagen und Monaten die Namenstage der katholischen Heiligen anzeigt. Was aber die Touristen aus der ganzen Welt anzieht, sind die Figuren und Automaten. Zur vollen Stunde öffnen sich nämlich die beiden Fenster über der Uhr und über eine automatische Mechanik ziehen die zwölf Apostel an den Fenstern vorbei. Zum Abschluss kräht der Hahn über den Aposteln und der Sensenmann wendet das Stundenglas bis zur nächsten Stunde.

Touristen vor der astronomischen Uhr in Prag
Zur vollen Stunde staunt der Tourist

Mit diesem historischen Schwergewicht kann das Metronom sowieso nicht mithalten. Vielleicht hat der Künstler deshalb bewusst auf jeglichen Sinn verzichtet. Wenn man nach einer Daseinsberechtigung für das Metronom sucht, muss man schon in die Geschichte abtauchen. Denn das Metronom wurde genau an der Stelle errichtet, an der fünfzig Jahre zuvor ein noch sinnloseres Monument stand: das Stalindenkmal.

Als nach dem zweiten Weltkrieg klar wurde, dass die Sowjets sich aus der Tschechoslowakei nicht so bald wieder verkrümeln würden, dachte sich die Regierung etwas ganz Besonderes aus: Um den Diktator Stalin positiv zu stimmen, sollte ein überdimensionales Denkmal aus Granit bis in alle Ewigkeit auf die tschechische Hauptstadt herabblicken. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem alle Bildhauer teilnehmen mussten. Ohne Ausnahme. Die Künstler versuchten mit allen Tricks, dieses ungeliebte Projekt nicht zu gewinnen, aber am Ende erwischte es denjenigen mit dem am wenigsten schlechten Entwurf.

Otakar Svec war der Unglückliche, der den Zuschlag bekam. In der Hoffnung, dass die Jury vor den enormen Kosten und der nahezu unmöglichen Realisierbarkeit zurückschrecken würde, hatte er ein Figurenensemble entworfen, das zum größten Denkmal Europas werden sollte. Er hatte hoch gepokert und wurde enttäuscht. Die Jury fand seinen Vorschlag würdig und angemessen und bestand auf einer Umsetzung.

Großer Verbrecher – großes Denkmal

Am 1. Mai 1955 fand mit viel Pomp die Enthüllung statt. Otokar Svec konnte diese Schande nicht ertragen und beging vier Wochen vorher Selbstmord. Der 17 Tonnen schwere Koloss aus Granit und Beton schien für die Ewigkeit gebaut. Allein Stalins Schuh maß zwei Meter. Doch die Ewigkeit dauerte in diesem Fall etwas mehr als sieben Jahre. Inzwischen hatte man nämlich in Moskau nachgedacht. Bei genauerer Betrachtung fand man Stalins Lebenswerk, das auf Terror, Genozid und vielen Millionen Toten basierte, nicht mehr zeitgemäß. Auf Befehl von Nikita Chruschtschow wurde das Monument 1962 gesprengt. Allerdings „respektvoll“, wie es offiziell hieß, ohne Filmaufnahmen und möglichst diskret.

Wie auch immer eine respektvolle, diskrete Sprengung mit Dynamit aussieht, jedenfalls lag das sinnlos gewordene Gelände dreißig Jahre lang brach. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traute man sich 1991 auf dem politisch belasteten Boden eine unpolitische Installation aufzustellen: das Metronom.

Prag, die goldene Stadt

Die tschechische Hauptstadt ist berstend voll von Sehenswürdigkeiten, über die Andere schon ausführlich berichtet haben. Daher konzentriere ich mich auf die Attraktionen aus der zweiten Reihe.

Als Architekt hat man es ziemlich schwer, in der Menge der historischen Gebäude aufzufallen. Da muss man sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen, zum Beispiel originelle Skulpturen oder ein „tanzendes Haus“.

Statue mit Fackel reitet auf Löwen auf Hausdach
Die Freiheitsstatue reitet aus
Statue mit Fackeln auf Chechovbrücke in Prag
Die Eisverkäuferin auf der Chechovbrücke hat Gegenwind
Skulptur auf Karlsbrücke in Prag
Historischer Wegweiser auf der Karlsbrücke: da geht’s zur Burg
Skulptur Die Lesende
Der Autistenthron. Lesen mitten im Trubel der Großstadt
Tanzendes Haus in Prag
Gewagte Architektur: das tanzende Haus

Viele Städte leiden unter den Aufklebern, die an alle möglichen Stellen gepappt werden. Prag hat dafür extra einen Platz geschaffen. Erstaunlich, dass sich so viele Menschen daran halten, aber so entsteht fast schon ein Kunstwerk.

Wand mit Aufklebern
Ein Rahmen für Aufkleber

Die kleinste Gasse in Prag ist so eng, dass sogar eine Fußgängerampel installiert wurde, um den Gegenverkehr zu regeln. Um Wartezeiten bei längeren Rotphasen zu überbrücken, wird das beliebte Pilsner Urquell ausgeschenkt.

Engste Gasse von Prag mit Fußgängerampel
Die engste Gasse von Prag

Der Malteserorden verbirgt sich hinter altehrwürdigen Mauern. Viel interessanter ist aber, was um die Ecke an der Außenmauer des Ordens entstand: die Lennon Wall. Hier sprühen Graffitikünstler seit über 30 Jahren ihren Protest an die Wand. Was anfangs als ärgerliche Schmiererei geduldet wurde, ist heute ein geschützter Ort der Meinungsfreiheit.

Lennon Wall in Prag
Lennon Wall: Platz für kreativen Protest
Lennonwall in Prag
Beatles-Song in Coronazeiten
Detail Lennon wall
Detail an der Lennonwall

In der Nähe der Lennon Wall krabbeln hirnlose Gestalten durch den Park.

Skulpturen krabbelnde Figuren in Prag
Digitalisierung: Festplattenspeicher ersetzen das Gehirn
Neugieriger Tourist vor Skulptur
Kontrolle – alles sauber!

In Prag gibt es deutlich mehr Autos als Parkplätze. Verständlich, dass da jeder Fleck genutzt wird, aber das hier ist schon ziemlich unkonventionell:

Parkplatz in der Moldau
Ungewöhnlich feuchter Parkplatz

Museen gibt es in Prag wie Sand am Meer, darunter auch ungewöhnliche Ausstellungen, wie das Museum für böhmische Granaten (Edelsteine, keine Handgranaten!), drei Museen für optische Täuschungen und Spezialeffekte in Filmen und das Museum für Prager Geister und Legenden. Vor dem Sexmaschinenmuseum drücken sich Scharen von kichernden Jugendlichen herum.

Sexmaschinenmuseum in Prag
Museum für Sexmaschinen

Die tschechischen Backwaren sind nicht von schlechten Eltern. Beim Probieren sollte man aber immer etwas Insulin dabei haben.

Kaffee mit Gebäck
Kaffeepause
Mann isst Süßigkeiten
Der SinnlosReisende im Zuckerschock

Wenn die Sonne untergeht zeigt sich Prag von einer anderen Seite – zauberhaft und geheimnisvoll.

Teynkirche in Prag bei Nacht
Teynkirche (Chrám Matky Boží před Týnem)

Das Fazit der SinnlosReisenden zu Prag: Immer eine Reise wert!

Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad

Das Karlsbader Thermalwasser heilt angeblich alle Krankheiten (außer Dummheit, aber das ist auch keine anerkannte Krankheit). Ist das ein Naturwunder oder Kurpfuscherei? Die SinnlosReisenden waren vor Ort.

Das tschechische Karlsbad (bitte nicht verwechseln mit Carlsbad, Kalifornien) wurde im Juli 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung und die für tschechische Verhältnisse astronomischen Preise lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen: Hier muss es sich um einen ganz besonderen Ort handeln. Da man sich auf Informationen aus dem Internet nicht verlassen kann, planten wir auf unserer Tschechienreise einen Zwischenstopp in dem mondänen Kurort ein.

Die Altstadt von Karlsbad präsentiert dekorative Häuserreihen, in denen sich die Designerläden dicht an dicht drängen. Ein Thermalbad im klassischen Sinn fanden wir nicht, allenfalls einige Kurkliniken, in denen man sich „Anwendungen“ verordnen lassen konnte. Aber es gibt hier die sogenannten Kolonnaden, in denen das begehrte Heilwasser aus öffentlich zugänglichen Brunnen tröpfelt.

Altstadt von Karlsbad, Tschechien
Die Altstadt von Karlsbad
Marktkolonnade in Karlsbad
Die Markt-Kolonnade
Karlsbader Kolonnade mit Trinkbrunnen
Offener Ausschank von warmem Wasser
Sprudelkolonnade
Sprudelkolonnade mit zehn Meter Fontäne

Das Stadtbild wird dominiert von Scharen an Touristen, die mit eigenartigen Porzellanbechern durch die Gassen schlendern. Das Thermalwasser ist nämlich zwischen 50 und 70 Grad heiß. Wer einfach so aus den Brunnen trinkt, holt sich üble Verbrühungen. Die Karlsbader Schnabeltassenindustrie nutzt diese Zwangslage und verkauft an allen Ecken unglaublich geschmacklose Tassen zu Mondpreisen an die heilsuchenden Touristen. Das nenne ich eine clevere Geschäftsidee!

Verkaufsstand mit Schnabeltassen
Geschmacklose Schnabeltassen zu astronomischen Preisen

Wir kauften ein Schnapsglas und probierten von der Mutter der Heilwasser. Was soll ich sagen? Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem vergammelten Fisch, der sechs Monate zusammen mit einem toten Iltis und einem Sack voller Schweißsocken in der prallen Sonne vergoren wurde. Im Abgang kommt eine metallische Note dazu, die dezent an Zahnfleischbluten erinnert. Ich musste beinahe kotzen.

SinnlosReisender vor einem Trinkbecken
Ich hatte ein Thermalbad erwartet – und fand dieses appetitliche Trinkbecken
Wasserhahn in Karlsbad
Wenn Keime reden könnten…
Mann trinkt und es wird ihm übel
Nach dem ersten Schluck durchflutet den Körper eine Welle von Übelkeit
Szene am Trinkbrunnen
Das Wasser wirkt unterschiedlich: die Dame schwankt, dem Kind stehen die Haare zu Berge, der Mann ist kurz vor dem Erbrechen

Übertroffen in seiner Abartigkeit wird das Karlsbader Thermalwasser nur vom Becherovka, einem süß-bitteren Kräuterlikör, der ebenfalls eine Spezialität aus Karlsbad ist. In ihm hat Jan Becher das eklige Quellwasser mit Kräuterextrakten und flüssiger Lakritze „veredelt“ und in Flaschen abgefüllt. Sehr speziell.

Becherovka
Becherovka

Abends im Hotelzimmer suchte ich nach plausiblen Gründen, wie es dazu kommen konnte, dass dieses übelschmeckende warme Thermalwasser so begehrt wurde. Meine Recherche brachte nur bruchstückhafte Ergebnisse, aber in meinem Kopf entstand langsam eine Vermutung.

Die Geschichte von Karlsbad begann im finsteren Mittelalter. In dem trostlosen Tal lebten damals einige Bauernfamilien mühsam von Viehzucht und Ackerbau. Überall sprudelte schlechtes Wasser aus dem Boden, das sogar vom Vieh verschmäht wurde. Vermutlich verirrte sich eines Tages ein fahrender Händler in das Tal, denn andere Menschen hatten keinen Grund für einen Besuch. Gut möglich, dass er über eine heftige Grippe klagte, an der er seit über einer Woche litt. Wahrscheinlich prahlte einer der Bauern damit, dass ein Bad in den heißen Quellen seine Krankheit heilen würde. Es bleibt unklar, ob er dem Reisenden nur einen Streich spielen wollte, oder ob er selber daran glaubte, aber ziemlich sicher spielte Alkohol eine Rolle.

Am nächsten Tag hatte der Kaufmann einige Brandblasen, aber seine Grippe war tatsächlich besser geworden. Nach einem weiteren Bad war er so gut wie gesund. Die Grippe wäre wohl auch ohne die Bäder abgeklungen, aber Händler wussten damals, wie man Gelegenheiten nutzte. Ziemlich sicher füllte er sich gleich ein paar Flaschen ab, um sie teuer als Heilmittel zu verkaufen. Dabei rührte er kräftig die Werbetrommel und pries das Wasser als Allheilmittel gegen Rheuma, die Pest, den bösen Blick und alle sonstigen bekannten Krankheiten.

Als sich die Kunde von den heilenden Wassern verbreitete, machten sich die ersten Kranken selber auf den Weg zu den Quellen. Ähnliche Wunder waren damals durchaus üblich. Die Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen und Ärzte richteten bei ihren Patienten oft mehr Schaden an, als dass sie Krankheiten heilten. Da war so ein Bad im warmen Wasser sicher die gesündere Alternative.

Irgendwann mussten die Gerüchte von den wundersamen Thermalquellen aus dem Böhmerwald auch Kaiser Karl IV zu Ohren gekommen sein. Der hatte ein sicheres Gespür für alles, was den Wert seines Reiches steigerte. Im Jahr 1370 beförderte er den Ort deshalb unbesehen zur Königsstadt und gab ihr den Namen Karlsbad.

Damit war der Startschuss für die Entwicklung des Badebetriebs gefallen. Es gab Zeiten, zu denen zehnstündige Badekuren verordnet wurden, die sogenannten Hautfresser. Denn dabei platzte am Ende die Oberhaut schmerzhaft auf, was man damals als Zeichen von Heilung interpretierte, weil böse Körpersäfte entweichen konnten. Kein Wunder, dass die so gequälten Patienten ziemlich schnell behaupteten, sie seien geheilt. Lieber krank als tot, dachte sich Mancher und entließ sich selbst.

Im 18. Jahrhundert wurden dann Trinkkuren eingeführt, anfangs mit der sagenhaften Dosis von etwa 60 Bechern am Tag. Wer diese Trinkfolter überlebte, galt ebenfalls als geheilt. Die Besuche von Zar Peter dem Großen und einigen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie machten Karlsbad dann zu einem mondänen Kurort für zahlungskräftige Kundschaft.

Schafensterpuppen
Dieses Schaufenster zeigt, welches Stammpublikum in Karlsbad überwiegt

Bei unserem Besuch in Karlsbad waren wir von dem relativ jungen Publikum überrascht. Abends erkannten wir den Grund. Da wegen Corona die russischen und asiatischen Kurgäste ausblieben, wollte ein Event-Manager jüngeres einheimisches Publikum ansprechen. Und so kam es, dass nach Sonnenuntergang der DJ auf der Thermal Stage aufdrehte, dass die wummernden Bässe die Gebisse der Kurgäste auf den barocken Nachttischchen zum Klirren brachten.

Menschen stehen Schlange
Vor den Fenstern der Kurgäste sammelt sich partywilliges Jungvolk
Plakat Thermal stage
Feiern auf der Thermal Stage

So, nun hat das Internet eine weitere Quelle von Informationen, auf die man sich nicht verlassen kann. Wenn ihr mir nicht glaubt, fahrt selber hin. Spucktüten nicht vergessen! Bis bald, euer SinnlosReisender.

Taiji am Bodensee

Leben in Zeitlupe

Gerold hatte zu einem Taiji-Wochenendkurs am Bodensee eingeladen. Ein paar Grundkenntnisse im asiatischen Kampfsport kann man auf Reisen immer brauchen und daher meldete ich mich an. Von einer Meisterschülerin und Weltmeisterin kann man bestimmt eine Menge lernen.

Kursausschreibung Taiji am Bodensee
Programm an verlockender Location

Wir trafen uns am Freitag Abend zur Einführung auf einem Seegrundstück bei Radolfzell, das Felisa zur Verfügung stellte. Ihr Mann hatte extra ein Zelt als Schutz vor dem drohenden Regen aufgebaut. Das Wetter war diesen Sommer schließlich etwas unzuverlässig, um es mal milde auszudrücken. Leider hatte ein Platzregen am Tag zuvor das Zelt etwas mitgenommen.

Zerstörtes Zelt auf einer Wiese
Eigentlich eine gute Idee: ein Schutzzelt gegen Regen

So ein Platz direkt am See ist schon eine tolle Sache. Wir waren mitten in schönster Natur fast allein. Nur einige Stand-Up-Paddler kamen gelegentlich vorbei. Der wirklich einzige Nachteil an einem Seegrundstück ist, dass auch die Stechmücken das Seeufer schätzen. Wusstest du, dass eine Stechmücke mit einem Stich so viel Blut saugen kann, wie sie selbst wiegt, nämlich etwa zwei Milligramm? Es benötigt also 3-4 Millionen Mücken an einem Abend, um einen erwachsenen Menschen leer zu saugen. Beruhigend, nicht wahr?

Seezugang am Bodensee mit SUP
Mitten in der Natur

Von einem Qigong-Kompaktkurs wusste ich noch, dass hier eine eigene Sprache gesprochen wird. Die Wirbelsäule ist zum Beispiel „die Säule des Himmels“, der Handballen ist „der Palast der Arbeit“, zwischen den Nieren liegt „das Tor des Lebens“ und der Darmausgang wird als „Höhle der Winde“ bezeichnet.

Wenn man das Grundvokabular beherrscht, kann man damit ganze Sätze formulieren. „Der rote Drache schwimmt im Meer“ bedeutet, dass man seine Zunge im Mund bewegt. Und „dein roter Drache schlängelt sich vor meiner Höhle der Winde“ heißt dann „du kannst mich mal am Arsch lecken“. Wobei ein wahrer Meister so etwas nicht einmal denkt.

Mit verschiedenen Übungen versucht man dann, Körper, Atmung und Geist in Einklang zu bringen und die Energieflüsse durch die Meridiane anzuregen. Die Übungen haben meist sprechende Namen, wie „Das Boot ruhig über den See rudern“ oder „der schreitende Kranich“. Fortgeschrittene Meister erhöhen den Schwierigkeitsgrad und „rollen den Kaktus mit der Zunge über den Sand“. Oder so ähnlich.

Am Samstag Nachmittag trafen wir uns erneut am Seeufer zum Mückenfüttern. Zur Stärkung hatte ich vorher eine ordentliche Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln zu mir genommen. Bevor wir uns mit den Seidenübungen beschäftigten, übten wir die „Stehende Säule“: man steht dabei wie eine Säule, bewegungslos. Das klingt erstmal nicht zu kompliziert, aber entscheidend ist die richtige Stellung und die innere Haltung.

Kappedäschlebrunnen in Radolfzell
Die Urform der „Stehenden Säule“: Kappedäschle in Radolfzell

Während wir mehr oder weniger entspannt als Säule herumstanden, gab Vera-D. Anweisungen: „Alles Schwere sinkt mit jedem Atemzug nach unten. Alles Leichte steigt nach oben.“

Ich konnte das nur teilweise umsetzen; die Kässpätzle lagen schwer in meinem Magen und weigerten sich beharrlich, nach unten zu sinken. Gleichzeitig suchten sich die Gase der Zwiebeln ihren Weg zur Höhle der Winde.

Taijiübungen auf einer Wiese
Übung macht den Meister

„In Gedanken verschmelzen Schulter und Hüfte, Ellbogen und Knie, Handgelenke und Fußgelenke miteinander zu einer Einheit“, forderte die Weltmeisterin. Dafür reichte meine Vorstellungskraft während des Kurses nicht aus. Erst durch intensives Üben gelang mir die Umsetzung.

Stehende säule
Mit Willenskraft wächst man über sich hinaus. Oder in sich hinein.

Am Ende der Übung hieß es: „Wir lassen die Hände langsam nach unten sinken und lassen uns dafür eine Minute Zeit.“

Eine Minute! Wie will man da einen Kampf gewinnen? Als Ingenieur gingen mir sofort einige Optimierungsideen durch den Kopf. Ich traute mir auf Anhieb zu, das Ganze in unter einer Sekunde zu schaffen. Mit etwas Übung auch deutlich schneller. Ich musste allerdings lernen, dass man im Taiji umso langsamer übt, je besser man wird. Und mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht in einem Kampfsportkurs bin. Unglaublich, wie lange eine Minute sein kann! Vor allem, wenn man kurz vor einem Wadenkrampf steht.

Bei Konstantin fließt die Energie fast von alleine

Außerdem soll man bei den Übungen das Labyrinth der rennenden Gedanken leeren. Am besten an gar nichts denken. Und wenn man doch an etwas denkt, soll man nicht mehr daran denken. Das ist gar nicht so einfach, aber nach einiger Übung gelang es mir immer besser. Mein Gehirn war ein weißes Blatt. Nur die SUPs auf dem See konnte ich nicht aus meinen Gedanken verbannen.

Der Kopf ist leer. Beinahe.

Bei einer Übung zur Standfestigkeit sollten wir uns gegenseitig durch Schubsen aus dem Gleichgewicht bringen. Mein Übungspartner war Rudi, der Fels. Ich war chancenlos. Dann durften wir Vera-D. schubsen; sie war wie Wackelpudding, den man mit Zement angerührt hat. Unkaputtbar. Nach einer Weile lernte ich, dass man nicht mit Kraft dagegen drückt, sondern durch geschickte Gewichtsverlagerung die Kraft des Gegners in den Boden ableitet. Cool.

Als ich diese neue Fähigkeit stolz der SinnlosReisenden vorführte und mich breitbeinig vor ihr aufbaute, schaute sie mich kurz mitleidig an. Dann zog sie ihr Knie an und deutete einen Stoß zwischen meine Beine an. Bei solch unfairen Frauentricks zersplittert selbst der dickste Fels.

Am Sonntag lernten wir das Konzept von Yin und Yang und den Energieströmen kennen. Ich hatte mein halbes Berufsleben mit der Frage verbracht, wie man Energie bei einem Fahrzeug möglichst effizient in Bewegung umsetzt. Dass man aber mit der Kraft seiner Gedanken und durch gezielte Atmung die Lebensenergie in einzelne Körperregionen leiten kann, war mir neu. Ich bin noch am Tüfteln, aber vielleicht werde ich demnächst ein Patent für einen CO2-freien Antrieb anmelden.

Eine Teilnehmerin hatte sieben Jahre gebraucht, bis sie zum ersten Mal überhaupt Energie gespürt hatte. So lange konnte ich nicht warten und warf einen Schokoriegel ein.

Obwohl ich an diesem Wochenendkurs viel lernte, blieben bei mir noch ein paar Fragen offen (in Taijisprache: ich ging den ersten Schritt auf einem langen Weg). Aber es war eindeutig eine tolle Erfahrung mit wunderbaren Menschen an einem wunderschönen Ort. Und ich bin meinem Ziel näher gekommen, in jeder Situation meine innere Mitte zu finden.

Gekreuzigter Jesus am Bodensee vor der Insel Mainau
Alles eine Frage der inneren Haltung. Rechts: wehrt sich verkrampft gegen seine Lage. Mitte: resigniert, apathisch. Links: heiter-gelassen, neugierig auf die neue Erfahrung.

Ich mache normalerweise keine Werbung, aber wer mehr über Qigong und Taiji erfahren möchte (und dann ganz ernsthaft), kann sich hier schlau machen:

Qigong mit Gerold Gerber

Taiji mit Vera-D. Neumann

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 5

Eine zickige Atombombe und ein ehemaliger Mafioso kommen endlich zusammen

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, beim ersten Teil zu beginnen.

Ein Inkassobüro hatte mich wegen angeblich offener Forderungen unseres Stromversorgers angerufen. Und ich hatte eine Atombombe im Keller gefunden. Um die Bombe scharf zu stellen, musste ich nur noch den Zahlencode eingeben, der auf einem Zettelchen notiert war. Ich bekam feuchte Hände, denn eine Atombombe aktiviert man nicht jeden Tag. Da sollte nichts schief gehen. Als ich gerade die letzte Ziffer eingeben wollte, rutschte mir die Bombe aus der Hand.

Hoppla, dachte ich mir, das ist nicht gut. Da man nie weiß, wie eine Atombombe auf einen Sturz reagiert, hechtete ich ihr hinterher. Ich erwischte das abenteuerlustige Bömbchen gerade noch an einem Kabel, bevor sie auf dem gefliesten Boden aufprallte. Dabei löste sich ein Draht aus seinem Anschluss und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Auf dem Display erschien eine Meldung: „Sprachsteuerung aktiviert“.

„Hallo“, hauchte prompt eine rauchige Frauenstimme mit russischem Akzent aus dem Gerät. „Bitte gib den Code ein, um mich scharf zu machen“.

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, murmelte ich.

„Haehwasoldasdennjez ist kein gültiger Code“, erwiderte die Stimme. „Noch zwei Versuche übrig“.

„Moment mal, Stop!“, versuchte ich, die Eingabe abzubrechen.

„Momentmalschtobb ist kein gültiger Code. Noch ein Versuch übrig“, stellte die sprechende Atombombe emotionslos fest. Ich sagte nichts mehr und dachte nach.

Nach einer Minute meldete sich die Bombe zurück: „Zeitlimit überschritten. Codeeingabe abgebrochen.“

„Na super. Und jetzt?“, fragte ich mich laut.

„Jetzt hast du zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, um die Codeeingabe wieder freizuschalten. Ist nach zehn Minuten der richtige Superpin nicht eingegeben, detoniere ich“, kam postwendend die Antwort. Das klang, als ob dieses Ding mit mir redete.

„Kannst du etwa sprechen?“, fragte ich ungläubig.

„Wie hört es sich denn an?“, kam die Gegenfrage.

„Und wer bist du?“, wollte ich wissen.

„Ich bin Svetlana, eine Zimmer-Atombombe mit Sprachmodul. Du hast noch neun Minuten, um den Superpin einzugeben“.

Ach ja, stimmt. Ich schaute auf dem Zettel nach, der der Bombe beigelegt war. Da war tatsächlich noch eine zweite Ziffernfolge notiert. Das musste der Superpin sein. Jetzt durfte aber nichts mehr schief gehen.

„Svetlana, bitte stoppe den Countdown!“, unternahm ich einen neuen Anlauf.

„Diese Funktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung. Der Countdown kann nur gestoppt werden, wenn du dazu den Code eingibst.“

„Aha. Und um den Code eingeben zu können, muss ich zuerst den Superpin eingeben, stimmt’s?“

„Das ist richtig. Du hast noch acht Minuten Zeit, um den Superpin einzugeben.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich.

„Ich habe keine Arme“, stellte Svetlana klar.

Sehr witzig. Also hielt ich die Luft an und tippte Zahl für Zahl den Superpin ein.

„Systemfehler“, meldete sich Svetlana. „Der Superpin kann nicht mit dem hinterlegten Referenz-Superpin abgeglichen werden. Das Inputkabel ist lose.“

„Was muss ich tun?“ Ich wurde langsam nervös. Ich wollte mir die Sauerei nicht vorstellen, die eine Atombombenexplosion in unserem Keller anrichten würde.

„Du musst die Klappe auf meiner Unterseite öffnen und das Kabel in die Klemme stecken. Du hast noch sieben Minuten, den Superpin einzugeben.“

Ich suchte einen Schraubenzieher. Unter der Klappe kam ein Kabelgewirr zum Vorschein. „Svetlana, in welche Klemme muss ich das Kabel stecken?“

„Du musst das lose Kabel in die weiße Anschlussklemme stecken. Steck es mir ganz tief rein“, hauchte Svetlana lasziv.

Ich zog das Kabel vorsichtig aus dem Gewirr heraus.

„In die rote Klemme“, korrigierte Svetlana ihre Anweisung.

„Was jetzt? Rot oder weiß?“ Ich begann zu schwitzen.

„Die Weiße. Das mit der roten Klemme war ein Scherz.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Bei der roten Klemme wäre ich sofort explodiert.“

„!!!“

„Hat dir mein Scherz gefallen?“

„Svetlana, das ist nicht witzig!“

„Das ist bedauerlich. Humor ist in der aktuellen Softwareversion noch ein experimentelles Feature. Ich versuche, meine Fähigkeiten ständig zu verbessern. Maschinelles Lernen. Du hast noch zwei Minuten.“

Ich steckte vorsichtig das lose Kabel in die weiße Klemme.

„Superpin bestätigt“, meldete Svetlana. „Du hast noch einen Versuch, den Code zur Aktivierung einzugeben.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass mir Jemand auf die Schliche gekommen war? Das zweite Klingeln beendete meine Lähmung.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Ichkommegleich ist kein gültiger Code. Du hast noch Null Versuche übrig“, meldete sich Svetlana wieder zu Wort. „Du hast zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, sonst werde ich mich endgültig deaktivieren.“

„Jetzt halt du mal deine vorlaute Klappe oder ich zieh dir deinen Stecker“, schnauzte ich zurück.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, antwortete Svetlana diplomatisch.

Ich stellte die Bombe in den Kellerschrank und ging nach oben um die Tür zu öffnen. Bevor ich auch nur Pieps sagen konnte, wurde es dunkel und mein Magen explodierte vor Schmerz.

Otto

Sein erster Auftrag in seinem neuen Leben führte Otto in eine Reihenhaussiedlung am Rande einer oberschwäbischen Kleinstadt. Dieses neue Leben hatte vor acht Wochen begonnen, als die Europolbeamten ihn zum Verhör mitnahmen. Sie zeigten ihm einige Videoaufnahmen und spielten ihm genügend Ausschnitte ihrer Abhöraktion vor, um ihm klar zu machen, dass Leugnen zwecklos war. Sie hatten ihn echt am Arsch. Otto überschlug im Kopf schnell, dass er im besten Fall mit fünfzehn Jahren Knast davon kam. Im schlimmsten Fall drohte ihm lebenslänglich. Er war zutiefst erschüttert, dass er so blöd war, die Kamera in dem Parkhaus in Rom zu übersehen.

Dann kam der Staatsanwalt mit seiner Kronzeugenregelung, seinem Zeugenschutzprogramm und der neuen Identität, wenn er gegen die Mafia auspacken würde. Otto musste nicht lange überlegen. Dieser ganze Familien-Mist ödete ihn sowieso schon lange an. Und dann noch dieses Desaster mit der verlorenen Atombombe. Da war die Aussicht auf einen Neuanfang gar nicht mal so übel. Sollten die Fische in Sizilien doch fressen, wen sie wollten. Er war jedenfalls raus.

Also bekam er eine neue Identität und einen neuen Beruf. Er arbeitete jetzt in einem Inkassounternehmen, ganz offiziell mit Lohnsteuerkarte und Rentenversicherung. Eine Woche lang besuchte er Lehrgänge und musste langweilige Videos anschauen, in denen Deeskalation in kritischen Situationen gezeigt wurde.

„Wir sind ein seriöses Unternehmen, das sich an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert“, betonte sein Chef mehrmals. „Also komm mir nicht mit irgendwelchen Methoden, die du aus Mafiafilmen abgeschaut hast, wenn du Morgen deinen ersten Schuldner besuchst“.

Otto kannte die drei eisernen Regeln auswendig:

  1. Niemals körperliche Gewalt anwenden
  2. Die Schuldner nicht verbal bedrohen
  3. Bevor man eine Wohnung betritt, immer um Erlaubnis fragen

Otto klingelte. Nichts. Er klingelte nochmal.

„Ich komme gleich“, hörte er leise durch die Tür. Als die Tür sich endlich öffnete, stülpte er dem Schuldner sofort einen Sack über den Kopf und stieß ihn mit einem Schlag in den Magen ins Haus zurück.

„Willst du mich jetzt hereinbitten, oder soll ich dir erst die Fresse polieren?“, fügte er dann hinzu. Man soll sich ja immer schön an die Regeln halten in diesem Rechtsstaat.

Aus dem Sack kam ein undeutliches Stöhnen.

„Ich werte das mal als Zustimmung“, erwiderte Otto. „Danke für deine Kooperation“. Er schleppte den Sack ins Wohnzimmer.

„So, Freundchen“, kam Otto gleich zur Sache. „Du schuldest meinem Auftraggeber genau 7.051 €.“

„Das stimmt nicht“, kam es undeutlich aus dem Sack.

Also gut, der will es nicht anders, der denkt, er wäre ein ganz Cleverer, dachte sich Otto. Er band den Sack auf einem Stuhl fest und zog seinen Schlagring auf.

„Da ist ein schrecklicher Fehler beim Zählerstand passiert“, protestierte der Sack und krümmte sich auf dem Stuhl. „Geh doch selber in den Keller und schau nach!“

„Du hast noch eine Minute Zeit“, kam in diesem Moment eine weibliche Stimme aus dem Keller.

„Wer war das? Bist du etwa nicht allein?“, fragte Otto alarmiert. Augenzeugen für seine großzügige Auslegung der rechtsstaatlichen Prinzipien konnte er nicht gebrauchen.

„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der Sack.

Otto stieg leise die Treppen hinunter. Er öffnete vorsichtig die Kellertür, aber hier war kein Mensch. Eigenartig.

Otto ging zum Stromzähler und kontrollierte die Daten. Tatsächlich, der Zählerstand lag weit unter dem, der auf seinen Unterlagen angegeben war. Waren die bei EnBB tatsächlich so bekloppt, ein Inkassounternehmen zu beauftragen, ohne die Zählerstände selbst zu kontrollieren? In diesem Moment kam aus einem Schrank wieder die Frauenstimme.

„Zeitlimit überschritten. Ich deaktiviere mich jetzt endgültig.“

Otto öffnete die Schranktür und traute seinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Er nahm das Kästchen aus dem Schrank, ging nach oben und riss dem Schuldner den Sack vom Kopf.

Alte Bekannte

Als es wieder hell wurde, stand der glatzköpfige Mann aus Rom vor mir, die Atombombe in seiner Hand. Wir starrten uns gegenseitig an.

„Du bist das?“, fragten wir dann gleichzeitig.

„Was hast du mit meiner Bombe vor?“, wollte er wissen.

„Ich wusste nicht, dass die dir gehört, die lag in unserem Mietwagen“, gab ich zurück. „Du kannst sie aber gerne zurück haben. Die ist sowieso ziemlich zickig“.

Otto nahm das Päckchen, das ich vorbereitet hatte, las die Adresse und schaute mich spöttisch an.

„So, so. Kleines Privatattentat auf die Energieversorgung, was?“

Ich erzählte ihm meine Leidensgeschichte mit EnBB. Es schien ihm zu gefallen, dass ich die Sache selbst in die Hand genommen hatte.

„Mein früherer Arbeitgeber hätte Gefallen an deinen Methoden gefunden“, lachte er und band mich los. „Und ich dachte schon, du bist ein ganz Ausgebuffter! Weißt du, dass ich vier Monate lang auf deiner Spur war?“

Otto erzählte mir seine Geschichte bei einem Ramazotti. Wir mussten immer wieder darüber staunen, wie knapp wir einander verpasst hatten. Und als Otto mir erklärte, dass er den falschen Zählerstand gemeldet hatte, der mir so viel Kummer bereitet hatte, lachten wir Tränen. Die Flasche wurde zusehends leerer.

„Verdammt, was machen wir jetzt mit dieser bescheuerten Bombe?“, fragte er mich.

„Na ja, vielleicht schickst du sie einfach an deine ehemalige Familie“, schlug ich vor. „Es hat ja keiner gesagt, dass du eine funktionierende Bombe abliefern musst, oder?“

Wir waren uns schnell einig. Otto regelte die Sache mit EnBB für mich und schickte ein Paket nach Palermo. Ich verabschiedete meinen neuen Freund mit einer herzlichen Umarmung und winkte ihm hinterher. Dann holte ich aus dem Briefkasten einen Brief. Es war die Stromabrechnung für unsere alte Wohnung. Wir sollten 11.082 € für die letzten zwei Wochen nachzahlen.

Ende

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 4

Wie ein unfähiger Energieversorger einen friedliebenden Mann zur Weißglut bringt

Es macht Sinn, beim ersten Teil zu beginnen, wenn du die Geschichte verstehen willst. Das ist aber wie immer deine Entscheidung. Wir leben in einem freien Land…

Einige Monate nach unserer Italienreise hatte ich bei einem Vergleichsportal (einfach – schnell – sicher, in fünf Minuten online wechseln und sofort sparen) einen Stromanbieter für unsere neue Bleibe gesucht. Die Daten waren tatsächlich schnell eingegeben und mit einem Klick auf „Jetzt bestellen“, war die Sache abgeschlossen. Zwei Sekunden später kam auch schon eine Bestätigungsmail, in der mir zu meiner Entscheidung gratuliert wurde. Alles weitere werde mein neuer Stromanbieter, die natur.grün GmbH, ein Unternehmen der 123 AG, erledigen. Das war aber einfach, dachte ich und lehnte mich entspannt zurück. Zu früh, wie sich bald herausstellte.

Zwei Wochen später kam eine Mail von natur.grün mit dem Betreff „Störung im Wechselprozess“. Der Grundversorger EnBB hätte die Kündigung abgelehnt, weil unter der angegebenen Adresse kein Kunde mit meinem Namen existiere. Was zwar in der Sache nicht hilfreich aber korrekt war, da wir ja noch gar nicht dort wohnten.

Zwei Tage später fand ich im Briefkasten unseres leerstehenden zukünftigen Hauses ein Willkommenspaket von der EnBB. Das fand ich verblüffend, da doch angeblich unter dieser Adresse kein Kunde mit meinem Namen gemeldet war. Um ganz sicher zu gehen, kündigte ich nun den Vertrag selbst. Zwei Wochen später kam die Kündigungsbestätigung von EnBB mit der Bitte, den Endzählerstand an unseren Netzbetreiber zu übermitteln. Also übermittelte ich den Zählerstand von 33.200 kWh und alles schien seinen geordneten Verlauf zu nehmen.

Bis die Schlussabrechnung von EnBB kam. Wir sollten für die zwei Monate im leerstehenden Haus eine Stromrechnung von 5.031 € bezahlen. Bei solchen Sachen fackelt die SinnlosReisende nicht lange und nimmt den Telefonhörer in die Hand. Auf die Frage, ob das nicht ein wenig übertrieben sei, stimmte der Mitarbeiter der Service-Hotline zu, dass da wohl etwas nicht stimmen könne. Er nahm den korrekten Endzählerstand auf und sagte eine sofortige Korrektur der Rechnung zu. Die falsche Rechnung sollten wir einfach ignorieren, was wir beruhigt taten.

Zwei Wochen später kam das versprochene Schreiben von EnBB. Es enthielt aber keine Rechnungskorrektur, sondern eine Zahlungserinnerung. Bestimmt hätten wir vergessen, den Betrag von 5.031 € zu begleichen, aber wenn wir das schnell nachholen würden, wäre das ja alles kein Problem. Da ich schnell merkte, dass es nicht gut für den Servicemitarbeiter enden würde, wenn die SinnlosReisende noch einmal dort anruft, übernahm ich das Gespräch.

Nach zwanzig Minuten Warteschleifengedudel erreichte ich einen menschlichen Mitarbeiter, der sofort das Problem erkannte. Da wäre doch schon vor zwei Wochen eine Zählerstandskorrektur durchgegeben worden. Er verstehe gar nicht, wieso die Rechnungsstelle das noch nicht korrigiert hätte, aber er würde das höchstpersönlich sofort veranlassen. Ich würde in zwei Tagen eine korrekte Schlussrechnung erhalten und müsste mir keine Sorgen machen.

Es folgte eine vergleichsweise entspannte Phase, in der nur fünf unverfängliche Schreiben eintrafen. Eine Aufforderung des Netzbetreibers, unseren Zählerstand zu melden. Eine weitere Kündigungsbestätigung von EnBB, diesmal an unsere alte Adresse. Eine Bestätigung des Stromlieferanten Energix aus der bisherigen Wohnung, dass unser alter Vertrag auch an der neuen Abnahmestelle weiter gelte. Eine Bestätigung von natur.grün, dass sie uns ab heute mit günstigem Strom beliefern würden. Und ein weiteres Schreiben des Netzbetreibers mit dem Hinweis, dass der von uns angegebene Zählerstand unplausibel sei.

Weitere zwei Wochen später kam ein Schreiben von EnBB mit dem Betreff „Schade, dass es so weit kommen musste“. Darin wurde bedauert, dass wir die offene Rechnung über 5.031 € zuzüglich Mahngebühren trotz mehrfacher Aufforderung immer noch nicht bezahlt hatten. Dann wurde noch die Beauftragung eines Inkassounternehmens angekündigt, sollte das Geld nicht innerhalb einer Woche eintreffen.

Als sich mein Puls wieder normalisiert hatte, griff ich zum Telefon. Diesmal wurde ich mit einer freundlichen Frau verbunden, die wieder bestätigte, dass alles in bester Ordnung sei. Der von uns genannte Endzählerstand müsse nur noch vom Netzbetreiber bestätigt werden. Und solange die Klärung nicht abgeschlossen sei, könne die Endrechnung leider nicht korrigiert werden. Ich müsse mir aber absolut keine Sorgen deswegen machen, sie würde den Vorgang jetzt auf Eis legen.

Ich machte mir trotzdem Sorgen und schickte einen Widerspruch gegen die Schlussrechnung wegen offensichtlich falschem Zählerstand. Schon nach einer Woche kam die Antwort von der Rechnungsstelle. Ich hätte einen Endzählerstand von 55.555 kWh gemeldet. Ob der denn richtig sei. Die Mail war unterzeichnet mit dem Slogan der EnBB „15.000 Mitarbeiter – ein Versprechen: Wir machen das schon!“. Es bleibt zwar unklar, was genau hier versprochen wird, aber die Rechnungsstelle erfüllt das Versprechen jedenfalls nicht.

Eine Woche später wurde ich von der Leiterin des Serviceteams der EnBB angerufen. Sie wolle diese unangenehme Geschichte mit der offenen Schlussrechnung nun endgültig zu einem versöhnlichen Ende bringen. Das klang für mich fast zu schön um wahr zu sein, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dann wollte sie wissen, welchen Endstand der Stromzähler denn zum Vertragsende gehabt hätte. Ich war kurz sprachlos.

„Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst?“, brachte ich dann heraus. „Raten Sie doch einfach mal“, fügte ich leicht säuerlich hinzu.

„Na ja“, meinte die Chef-Servicekraft. „Sie haben uns ja mehrfach einen Zählerstand von 33.200 kWh angegeben“.

„Richtig. Und wo ist das Problem, dass sie das so schwer verstehen?“

„Das Problem ist, dass Sie uns vor einigen Wochen einen Stand von 55.555 durchgegeben haben. Und das passt nicht zusammen“.

„Das habe ich sicher nicht getan“, gab ich empört zurück.

„Hier steht das aber genau so im System. Und unser System lügt nicht.“

„Dann lüge also ich, oder was?“, brachte ich sie in Bedrängnis.

„Nun, das wollte ich damit nicht sagen“, machte sie einen Rückzieher.

„Dann liegt vielleicht doch ein Systemfehler vor?“

„Wie auch immer, haben Sie denn dafür eine Erklärung?“

Nein, das hatte ich nicht. Letztendlich einigten wir uns darauf, dass es jetzt nicht mehr nachvollziehbar sei, was da schief gelaufen war. Zwei Tage später kam endlich eine Schlussrechnung mit dem korrekten Betrag von 32,19 €. Ich überwies die Summe, machte drei Kreuze und heftete die Unterlagen ab.

Zwei Wochen später klingelte das Telefon. Ein Inkassounternehmen aus Hamburg stellte sich vor. Sein Mandant EnBB hätte Forderungen über 5.051 € an ihn abgetreten, dazu käme eine Unkostenpauschale des Inkassobüros von 2.000 €. Wenn die fällige Summe von 7.051 € innerhalb von fünf Tagen auf ihrem Konto einginge, könne man die Angelegenheit zu den Akten legen. Andernfalls sähen sie sich gezwungen, einen Außendienst-Mitarbeiter vorbei zu schicken, um die Sache persönlich vor Ort zu klären. Solche Gespräche seinen in der Regel sehr unangenehm für den säumigen Schuldner. Ob das denn in meinem Interesse sei?

Das sei ganz und gar nicht in meinem Interesse, entgegnete ich. Zumal alle offenen Forderungen inzwischen beglichen seien. Ich wünschte einen schönen Tag in der Hölle und legte auf.

Nun war ich nicht dafür bekannt, leicht aus meiner Haut zu fahren. Aber nun hatte mein Blutdruck ein solches Level erreicht, dass ich mich abreagieren musste. Ich ging in den Keller und trat mit dem Fuß gegen ein Regal. Richtig böse. Das tat gut und ich trat ein zweites Mal dagegen, diesmal noch etwas fester. Das Regal wackelte und ein Paket, das ich nach unserer Italienreise in meinem Gepäck gefunden hatte, fiel mir in die Hand. Das hatte ich ja total vergessen.

Neugierig öffnete ich das Päckchen. Unter mehreren Lagen Schaumstoff fand ich ein kleines Gerät mit einem Display und einer Tastatur. In der beiliegenden Anleitung wurde mir erklärt, dass diese Mini-Atombombe sehr gut geeignet sei, um politische Widersacher, unangenehme Konkurrenten oder sonstige hartnäckige Probleme zu beseitigen. Eine praktische Zeitschaltung sei inklusive und die entsprechenden Aktivierungs-Codes waren beigelegt.

Eine Atombombe! Was zum Teufel? Ganz kurz blitzte in meinem Kopf der Gedanke auf, dass ich schon wüsste, welches hartnäckige Problem ich am liebsten beseitigen würde, aber ich verwarf ihn sofort wieder. Aber dieser fiese kleine Gedanke fand immer wieder ein Türchen in meinen Kopf und nach einigen Tagen des Grübelns saß ich nun also hier und beschriftete ein Paket mit der Adresse von EnBB.

Hier geht’s zum fünften und letzten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 3

Eine Atombombe macht Urlaub an der Adria und ein Mafioso kämpft mit der autofreien Zone.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn beim ersten Teil anzufangen. Das ist aber deine Entscheidung.

Von Rom nach Ravenna

Von Rom aus fuhren wir mit dem Mietwagen an die Adria. In dem Küstenstädtchen Cattolica hatte die Saison noch nicht begonnen und der Strand war wie ausgestorben. Es gab unzählige Hotels mit typisch italienischen Namen wie Regina, Kursaal, Diplomat, International oder Boston. Am Strand standen die Sonnenschirme und Liegen militärisch exakt an der Schnur ausgerichtet und warteten auf die Gäste. Die Strandabschnitte waren mit Nummern von 1 bis 99 in Bereiche eingeteilt, die jeweils den Hotels zugeordnet waren. Ein Alptraum für den Individualreisenden.

Schirmständer am Strand
Vor der Saison sieht der Strand aus wie ein Militärfriedhof
Strand mit Liegen von oben
In der Hauptsaison:Strandabschnitte 63-75

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Auto nach Ravenna, was nicht ungefährlich ist. Denn die Italiener hatten zahlreiche Straßen als autofreie Zonen deklariert. Immer wieder mussten wir abdrehen, um nicht versehentlich in die kameraüberwachten Gebiete einzufahren. Im Rückspiegel konnte ich sogar einmal beobachten, wie ein Fiat 500 in so eine verkehrsberuhigte Straße abbog und sofort von der Polizei gestoppt wurde.

Haus mit Kletterpflanzen zugewuchert
Haus in Ravenna – Spare nie an der Bezahlung des Gärtners…

Ravenna wurde von den römischen Kaisern als Flottenstützpunkt in der Adria gegründet, weil die großen Pinienwälder den Schiffsbau erleichterten und die Lage in einer Lagune gut zu verteidigen war. Als einige Jahrhunderte später das römische Reich allmählich in Auflösung begriffen war, zogen viele Adelige aus Rom und Mailand nach Ravenna. In dieser Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter entstanden die vielen gotischen Gebäude, die von außen mit ihren roten Ziegelsteinmauern eher unspektakulär aussehen. Aber innen tobten sich die Künstler mit gigantischen Mosaiken aus, die heute zum Unesco-Welterbe gehören.

Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Mosaiken in Ravenna
Bescheidenes Wohnzimmer

Wir gaben unseren Mietwagen in Venedig ab. Ich hatte mir in Gedanken schon schlimmste Horrorszenarien ausgemalt, weil ich im Internet über die Abzocker-Methoden von Sicilia Rent gelesen hatte. Aber der Mitarbeiter bei der Rückgabestation hatte erstaunlich wenig Interesse am Zustand des Wagens und kam nicht einmal aus seinem Häuschen heraus.

Zum Abschluss unserer Italienreise verbrachten wir noch ein paar Tage in der Lagunenstadt; darüber hatte ich schon in einer anderen Geschichte berichtet. Aber jeder Urlaub geht einmal zu Ende und schon bald standen wir in der Schlange vor dem Sicherheitscheck am Flughafen von Venedig. Mein Rucksack löste in der Durchleuchtungsanlage ein rotes Blinklicht aus. Der Securitymitarbeiter zog das Päckchen heraus, das ich im Kofferraum des Mietwagens gefunden hatte. Da hatte ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Was denn da drin sei, wollte der Mann von mir wissen. Aber bevor ich antworten konnte, ging nebenan der Alarm los und der Securitytyp sprang seinen Kollegen zu Hilfe, die einen Mann überwältigten. Ich steckte das Päckchen wieder in meinen Rucksack und wir machten uns auf den Weg zum Gate.

Otto

Otto hatte miese Laune. Tagelang hatte er vergeblich die Küstenstädtchen abgesucht, als er endlich in Ravenna den Golf mit den deutschen Touristen entdeckte. Um ihnen den Weg abzuschneiden, nahm er eine Abkürzung durch eine kleine Gasse und gab Gas. Jetzt konnten sie ihm nicht mehr entwischen! Zwanzig Meter weiter wurde Otto von einer Polizeistreife gestoppt. Er war in die autofreie Zone gefahren. Fuck! Wozu bauten die Italiener Straßen, um dann ihre Benutzung zu verbieten? So etwas war in den USA unvorstellbar. Als er den Polizisten mit einer kleinen finanziellen Gefälligkeit milde stimmen wollte, reagierte der erst richtig unentspannt und hielt ihn 24 Stunden auf dem Revier fest.

An der Mietwagenrückgabe am Flughafen von Venedig zog Otto einen Mitarbeiter von Sicilia Rent aus dem Verkehr und übernahm seinen Job. Als die Deutschen den Golf abgestellt hatten, durchsuchte er den Wagen gründlich. Als ihm klar wurde, dass das Päckchen mit der Bombe nicht im Auto war, zog er seine Pistole und feuerte ein ganzes Magazin in den leeren Wagen. Er hatte gelesen, dass man seine Aggressionen möglichst sofort abbauen solle.

Ein paar Tage später wartete Otto ungeduldig in der Schlange am Sicherheitscheck des Flughafens von Venedig. Ein Anruf beim Vertreter der ehrenwerten Familie am Airport hatte genügt, um herauszufinden, dass die Deutschen heute nach Stuttgart flogen. Er hatte sich ein Ticket gekauft und mit einem kleinen Schmiergeld für einen Sitzplatz in der Reihe hinter den Deutschen gesorgt. Sein Plan war einfach: entweder konnte er die Bombe während des Fluges an sich nehmen oder er musste in Stuttgart am Gepäckband zuschlagen.

In der Schlange neben ihm öffnete ein Securitymitarbeiter den Rucksack des Deutschen und holte zu Ottos Entsetzen das Päckchen mit der Bombe heraus. Wenn das Sicherheitspersonal die Bombe in die Finger bekam, war das Spiel für ihn zu Ende. Er konnte nicht mehr erkennen, was dann passierte, weil in diesem Moment der Alarm an seinem eigenen Durchgang losging. Als er von einem Dutzend Polizisten umringt wurde, fiel ihm ein, dass er immer noch seine Pistole im Hosenbund stecken hatte. Als sich die Handschellen klickend um seine Handgelenke schlossen, sah er noch, wie der Deutsche das Päckchen wieder in seinen Rucksack steckte. Dann wurde Otto abgeführt.

Drei Monate hatte es gedauert, bis die Familie Otto aus dem Gefängnis frei bekam. Der Boss hatte sich persönlich nach Italien begeben und seine Beziehungen zur Regierung spielen lassen. Er hatte ihm nochmal sehr deutlich gemacht, was passieren würde, wenn Otto die Bombe nicht wieder beschaffen konnte. Er würde nie vergessen, wie das abgetrennte Glied seines kleinen Fingers in das Aquarium sank und von den Babypiranhas abgeknabbert wurde, bis nur noch der blanke Knochen übrig blieb.

Otto hatte sich die Adresse des Deutschen aus dem Mietwagenvertrag gemerkt, aber die war definitiv falsch. Vielleicht war dieser Tourist doch nicht so harmlos, wie er aussah. Jedenfalls schien er seine Spuren ganz geschickt zu verwischen. Aber Otto hatte noch ein paar Tricks auf Lager. Er zückte sein Handy und rief bei der EnBB an, dem Energieversorger in dieser Gegend. Er gab den Namen des Deutschen an und behauptete, er wolle einen Zählerstand für seine neue Wohnung durchgeben, habe aber gerade die Zählernummer nicht parat. Kein Problem, meinte die Kundenbetreuerin, sie habe nur eine einzige Zählernummer unter diesem Namen im System registriert, wie denn der Zählerstand laute? Otto überlegte nicht lange und las die Telefonnummer des Großraumtaxis vor, das neben ihm am Randstein parkte: 55555. Die Kundenbetreuerin bedankte sich und er kam zum entscheidenden Punkt. Ob das denn jetzt der Zähler in der Schwabstraße sei, warf Otto seine Angelfrage aus. Prompt biss die Kundenbetreuerin an. Nein, das sei nicht in der Schwabstraße, sie habe hier als Adresse im System die Ba….

Doch Otto erfuhr die Adresse niemals, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Großraumtaxis. Drei muskulöse Männer im Anzug umringten ihn. „Herr Panini, bitte steigen Sie ein“, sagte der Leiter des Einsatzteams. „Unser Chef von Europol hat ein paar Fragen an Sie“.

Hier geht’s zum vierten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2

Ein unmotivierter Mitarbeiter einer Mietwagenfirma bringt einen Stein ins Rollen.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, vorher den ersten Teil zu lesen.

Ausflug ins antike Rom

Am ersten Tag unseres Aufenthalts in Rom hatten wir uns im Vatikan eine mittelschwere Kulturvergiftung zugezogen. Heute tauchten wir zur Entspannung in das antike Rom ab. Im Forum Romanum wurde vor zweitausend Jahren ein Weltreich regiert. Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht.

Ruinen im Forum Romanum
Ruinen im einstigen Machtzentrum des römischen Imperiums
Ruinen im Forum Romanum
Die Überreste einer Weltmacht
Blühende Wiese im Forum Romanum
Blühende Geschichte

Im Kolosseum hatten 50.000 Zuschauer Platz. Etwa zehnmal so viele Menschen starben darin bei Gladiatorenkämpfen oder Hinrichtungen. Die Architektur erfüllte auch damals schon heutige Ansprüche an moderne Fußballstadien: Die Zuschauer konnten innerhalb weniger Minuten evakuiert werden, das komplette Bauwerk konnte mit Sonnensegeln beschattet werden und es gab bereits damals VIP-Lounges für Kaiser, Senatoren und betuchte Sponsoren.

Ein russischer Tourist wurde 2014 dabei ertappt, wie er seinen Namen in einen Stein des Kolosseums ritzte. Er wurde zu 20.000 € Bußgeld und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da versteht der Römer keinen Spaß.

Kolosseum
Das Kolosseum. Der Name spricht für sich.
Colosseum von innen
Innenansicht
Triumphbogen
Triumphbogen – Wer viel erobert, muss das auch feiern

Wir schlenderten durch die Gassen von Rom und entdeckten an jeder Ecke neue historische Kostbarkeiten. Das Pantheon beeindruckt durch seine kugelförmige Bauweise mit der kreisrunden Öffnung in der Decke. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem sorgt bei Regen dafür, dass es keine Überschwemmung gibt.

Draußen vor dem Eingang stellten sich die Touristen sehr diszipliniert in einer langen Schlange an. Nur ein glatzköpfiger Amerikaner drängte sich an allen Wartenden vorbei. Als ihn der Aufseher zurückweisen wollte, reichten wenige Worte und der Wärter ließ ihn verängstigt durch. Eigenartig.

Blick auf das Loch in der Decke des Pantheons
Pantheon – Decke mit Loch
Monumento nazionale a Vittorio Emanuele II
Nationaldenkmal aus dem 20. Jahrhundert – Roms Versuch, an die Geschichte anzuknüpfen

Schließlich wurde es Zeit, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Um Zeit zu sparen, hatte ich schon Zuhause einen Mietwagen bei einem Onlineportal reserviert. Die Webseite hatte mich nach der Buchung zu Funny Cars weiter vermittelt. Die mich wiederum an den Verleiher Sicilia Rent weiterreichten. Eine Firma mit Sitz in Palermo, was bei mir Assoziationen mit der Mafia hervorrief. Aber die Bewertungen waren genau so schlecht wie bei den etablierten Verleihern und der Preis unschlagbar.

Am Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof Termini zog ich eine Nummer am Automat und wir gesellten uns zu den Wartenden. Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als der Sachbearbeiter gerade die Kreditkarte mit Bleistift und Pauspapier durchrubbelte, wollte sich Jemand vordrängeln. Es war der Glatzkopf, der schon beim Pantheon so ungeduldig war. Als der Mitarbeiter ihn unbeeindruckt zurückwies, kaufte er einem anderen Wartenden seine Nummer ab. Geld regiert die Welt.

Im Parkhaus schaute ein unmotivierter Mitarbeiter den Mietvertrag nur flüchtig an, warf eine Kopie auf einen unordentlichen Stapel und fischte nach längerer Suche einen Schlüssel aus einer Schublade. Als wir das Auto fanden, war ich positiv überrascht, denn obwohl ich einen Fiat 500 reserviert hatte, passte der Schlüssel zu einem Golf. Es gab also doch noch Wunder.

Als ich unser Gepäck im Kofferraum verstauen wollte, war ein kleines Päckchen im Weg. Ich steckte das Päckchen in meinen Rucksack, damit der Koffer Platz hatte. Beim Ausfahren aus dem Parkhaus kam gerade der glatzköpfige Mann herein, der es vorhin so eilig gehabt hatte. Dann stürzten wir uns in den römischen Verkehr und nahmen Kurs auf die Adriaküste.

Otto

Seit drei Wochen versuchte Otto Panini sich in Rom einzuleben. Außer ein paar harmlosen Schutzgelderpressungen war hier allerdings nicht viel los. Nachmittags schlenderte er meist durch die Altstadt von Rom. So wie gestern, als er dieses Pantheon anschaute. Als ihn der Platzanweiser ans Ende der Warteschlange schicken wollte, zischte er ihm nur zu, dass es für seine Gesundheit besser sei, wenn er sich nicht mit einer ehrenwerten Familie anlegen würde. Dieser kleine Hinweis bewirkte Wunder und schon war Otto in dieser eigenartigen Kirche mit dem Loch im Dach.

Otto war schon ganz träge geworden, als gestern der Anruf aus Chicago kam. Sie machten es ganz wichtig, der Auftrag käme von ganz oben. Er solle einen Wagen aus dem Parkhaus am Bahnhof Termini von der familieneigenen Mietwagenfirma abholen und nach Sizilien bringen. Auf direktem Weg und ohne aufzufallen. Das Gespräch endete mit dem fürsorglichen Hinweis, dass er in Sizilien als Fischfutter enden würde, wenn er den Wagen nicht am nächsten Tag wohlbehalten abliefern würde.

Als Otto den Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof von Rom fand, war er wieder einmal entsetzt, wie unglaublich schlecht dieses Land organisiert war. Zwanzig Leute warteten vor ihm auf ihre Autos. Der Mann am Schalter ließ sich partout nicht überreden, ihn vorzulassen. Gewalt schied bei so vielen Augenzeugen aus, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als einem Touristen seine Wartenummer für 200 € abzukaufen. Jede Stunde zählte, wenn er rechtzeitig in Palermo sein wollte.

Zuerst hatte er darauf getippt, dass er einen gestohlenen Luxuswagen überführen solle, aber es ging wohl um einen unspektakulären VW Golf. Wie auch immer, er war jedenfalls fest entschlossen, nicht als Fischfutter zu enden, auch wenn das Wasser in Sizilien sicher angenehmer war als im eisigen Lake Michigan.

Otto durchsuchte das komplette Parkdeck, aber zum Teufel – da stand definitiv kein Golf. Das war wieder mal typisch für Italien. Warum konnte hier nichts laufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte er nicht persönlich in Erscheinung treten, aber nun musste er wohl oder übel den Typen am Schalter fragen.

Als Otto sein Anliegen in mühsamem Italienisch vorbrachte, wühlte der Mitarbeiter lustlos in den Papieren, die überall auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Dann fluchte er. Den für Otto deponierten Golf hatte er gerade vor fünf Minuten versehentlich zwei deutschen Touristen gegeben, die eigentlich einen Fiat 500 reserviert hatten. Mit einem Grinsen bot er ihm den Fiat an, der ja nun übrig sei.

Otto bezweifelte, dass Palermo sich mit einem Fiat 500 zufrieden geben würde und rief vorsichtshalber in Chicago an. So wütend hatte er seinen Kontaktmann noch nie erlebt. Es dauerte fünf Minuten, bis er zwischen den ganzen Flüchen und Beschimpfungen einzelne Worte verstehen konnte. Das beschissene Auto sei ja wohl egal, es ginge um die Atombombe im Kofferraum. Er solle den bekifften Versager im Parkhaus eliminieren und dann die bekackte Bombe zurückholen. Und dass die Fische in Sizilien bestimmt Durchfall von so einem Volldeppen wie ihm bekommen würden.

Otto erkannte den Ernst der Lage und fackelte nicht lange. Er pustete dem Armleuchter an der Mietwagenausgabe die Lichter aus – wie gut, dass er immer seinen Schalldämpfer zur Arbeit mitnahm – und steckte den Schlüssel des Fiat 500 ein. Dann prägte er sich den Namen des deutschen Touristen und den Rückgabetermin in Venedig ein. Er quetschte sich laut fluchend in die Sardinenbüchse und schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten. Was für eine Vollkatastrophe von Auto war das denn! Zuhause in den Staaten würde man mit so einem Winzling nicht mal bis zum Briefkasten fahren. Dann fädelte er sich in den dichten Verkehr von Rom ein.

Hier geht’s zum dritten Teil

Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 1

Eine Geschichte über eine Stadt, die mit ihren Attraktionen zahllose Touristen anzieht. Und die Mafia.

Ich war mein ganzes Leben lang ein friedliebender Mensch gewesen, der Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten ablehnt. Bis heute. Ich schaute in den Spiegel und stellte mir zum wiederholten Mal die Frage, wie es soweit kommen konnte. Als der Spiegel nicht antwortete, schrieb ich die Adresse auf das Paket. Dann aktivierte ich den Zeitzünder an der Atombombe.

Wie es zu diesem Sinneswandel kam? Es war unser Stromversorger, der mich auf die dunkle Seite der Macht trieb. Aber begonnen hatte alles in Rom, der ewigen Stadt.

Das Transferbus-Massaker

Am römischen Flughafen Fiumicino holten wir unser Gepäck und lösten zwei Tickets für den Transferbus ins Zentrum. Der Bus fuhr nur einmal stündlich und wir stellten uns an der Haltestelle brav an das Ende der Warteschlange. Die Tickets garantierten keinen Sitzplatz und bald warteten deutlich mehr Leute als ein einzelner Bus aufnehmen konnte.

Wartende Reisende am Busbahnsteig
Die Ruhe vor dem Sturm am Transferbus-Terminal

Als der Bus schließlich kam und seine Gepäckfächer öffnete, brachen die Errungenschaften menschlicher Zivilisation innerhalb weniger Sekunden zusammen. Wo eben noch Menschen kultiviert reisten, setzte sich das Recht des Stärkeren als einzige Regel durch. Überflüssige Verhaltensweisen wie Höflichkeit, Respekt vor Älteren oder Rücksicht auf Frauen und Kinder verpufften wie Relikte aus einer längst untergegangenen Zivilisation. Die Bilder erinnerten an die Verteilung von Lebensmitteln in einer afrikanischen Wüstenzone, nur dass dort die Hungernden mehr Anstand bewahrten.

Mit unserem Koffer stürzte ich mich ins Gewimmel, wurde aber von einer Großfamilie abgedrängt. Ich wollte mich unauffällig an einem Osteuropäer vorbeischieben, aber er rammte mir seinen Ellbogen in den Solar Plexus, was mich wertvolle Sekunden kostete. Dafür knallte mein Koffer gegen das Schienbein eines anderen Konkurrenten, worauf dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht abdrehte. Vom Rand der Kampfzone feuerten die Frauen ihre Gladiatoren an und dirigierten die Kämpfer.

Ich hielt mich in den Windschatten eines bulligen Amerikaners, der die Menge unangreifbar wie ein Preisboxer um einen Kopf überragte. Als der Mann sein Gepäck verstaut hatte und abdrehte, schlüpfte ich in die entstehende Lücke und warf unseren Koffer aus dem Stand in die letzte verbliebene Lücke. Der Mann neben mir stöhnte enttäuscht und rannte auf die andere Seite des Busses.

Nun musste ich noch einen Platz im Bus ergattern. Die Menschen drückten zum Eingang, der Busfahrer ließ aber nur sehr zögerlich Personen zusteigen. Als die Menge zur Seite wogte, konnte ich einen Türgriff erreichen und zog mich hoch. Einen Mann mit finsterem Blick musste ich passieren lassen, aber dann behauptete ich meine Position. Ich zeigte auf die SinnlosReisende und sagte zum Busfahrer „This is my wife!“. Da der Busfahrer sich unbeeindruckt zeigte, steckte ich ihm ein Trinkgeld fürs Nichtstun zu, worauf er mit einer lässigen Körperdrehung den Weg freimachte. Ich war nassgeschwitzt aber soweit zufrieden, die erste Challenge bestanden zu haben. Aus dem Fenster sah ich, wie ein Mann heimlich einen Koffer aus dem vollen Gepäckfach zog und seinen eigenen einlud. Irgendjemand würde heute Abend wohl ohne sein Gepäck auskommen müssen.

Als der Bus sich schließlich auf den Weg ins Stadtzentrum machte, hinterließ er eine jammervolle Szenerie. Ein junger Mann sammelte verstreute Kleidungsstücke auf, die aus seiner zerrissenen Reisetasche gefallen waren. Die Verlierer ließen am Bordstein ihre Wunden versorgen und brachten ihre derangierte Kleidung in Ordnung. Ein Mann humpelte mit frustriertem Blick zu seiner Frau, die ihn lautstark mit Vorwürfen überhäufte und ein britisches Ehepaar schaute fassungslos auf das Schlachtfeld. „It’s shocking, isn’t it?“ „Yes, Dear, it is. Let’s take a taxi“.

Spaziergang durch Rom

Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg in die ewige Stadt. Wir bummelten durch die verwinkelten Gässchen und bewunderten den wunderschönen Trevibrunnen. Weil es angeblich Glück bringt, werfen Touristen jedes Jahr Münzen im Wert von vielen Hunderttausend Euro in diese Mutter aller Brunnen. So eine Summe weckt natürlich Begehrlichkeiten. Ein italienisches Gericht hatte dieses Geld zu herrenlosem Gut erklärt, weshalb sich jeder ungestraft und ganz legal an den Schätzen bedienen dürfe. Daraufhin wurde der Trevibrunnen von Schatzsuchern überrannt, die ohne Rücksicht auf den wertvollen Marmor nach Münzen fischten. Die römische Stadtverwaltung reagierte mit einer Regelung, nach der nur städtische Bedienstete den Brunnen betreten dürfen. Das Geld wird regelmäßig eingesammelt und an die Caritas gespendet. Seither wachen rund um die Uhr zwei Polizisten mit Trillerpfeife darüber, dass niemand dem wertvollen Wasser zu nahe kommt.

Trevibrunnen bei Nacht
Der Trevibrunnen

Am nächsten Morgen gingen wir in die Bar gegenüber und beobachteten die Einheimischen. Das typische römische Frühstück dauert durchschnittlich acht Sekunden. Im Hereinlaufen ruft der Gast die Bestellung zum Tresen. Während der Barista den Espresso aufbrüht, wird der neueste Tratsch in atemberaubendem Sprechtempo ausgetauscht. Dann wird in einer fließenden Bewegung der Espresso im Stehen auf nüchternen Magen gekippt, während mit der anderen Hand eine Münze auf den Tresen geworfen wird. Und Ciao. Der Preis für einen solchen Espresso im Stehen ist in Italien per Gesetz auf maximal einen Euro festgelegt. Am Piazza Navona kostet ein Cappuccino im Sitzen dagegen so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen.

Brunnen auf dem Piazza Navona
Brunnen auf dem Piazza Navona

Die Eroberung des Vatikan

Wir hatten uns zum Kaffee ganz unrömisch mit Croissants gestärkt und machten uns auf den Weg zur Engelsburg, von der wir einen tollen Ausblick über die tausend Sehenswürdigkeiten Roms genießen durften. Die Engelsburg war ursprünglich von Kaiser Hadrian als Mausoleum für sich selbst erbaut worden. Warum ein einziger Mann so ein großes Grab braucht, bleibt unbeantwortet, aber unter den römischen Kaisern war ja Größenwahn ein Teil der beruflichen Qualifikation. Im späten Mittelalter erkannten die Päpste, dass die Engelsburg ein perfekter Rückzugsort war.

Ein verborgener Gang, der Passetto di Borgo, führte direkt von den päpstlichen Gemächern bis zur Burg. Hier konnte man unbequeme Besuche von feindseligen Eroberern hinter dicken Mauern aussitzen oder unerkannt seine Mätressen in den fürstlich ausgestatteten Gemächern besuchen. Später wurde die Engelsburg vielseitig verwendet: als Schatzkammer, als Geheimarchiv, als Festung, als Folterkammer, als Gefängnis und als Museum.

Die Engelsburg
Die Engelsburg
Wehrhafte Engelsburg
Da sucht sich der erfahrene Eroberer lieber ein anderes Ziel
Möwe auf der Engelsburg
Blickduell auf der Engelsburg – Wer zuerst blinzelt, hat verloren
Petersdom
Der Petersdom von der Engelsburg aus gesehen
Verwinkelte Gemäuer in der Engelsburg
Irgendwo in diesen Gemäuern verläuft der geheime Gang zum Schlafzimmer des Papstes

Dann eroberten wir den Vatikan. Mit einer Fläche von 0,44 Quadratkilometer und weniger als 1000 Einwohnern ist der Vatikan der kleinste Staat der Welt mit der weltweit höchsten Verbrechensrate pro Einwohner. Die beiden Gefängniszellen werden allerdings nicht von den überwiegend streng katholischen Bewohnern belegt, sondern von den Taschendieben, die hier als Grenzgänger ihrer Arbeit nachgehen.

Wir standen eine Stunde vor den Vatikanischen Museen an und schoben uns mit Zehnmilliarden anderen Besuchern durch die endlosen Gänge mit Kunstwerken aus aller Welt. Hier gibt es so viele Kunstschätze, dass man die Bilder sogar an die Decke dübeln musste. Beim Anblick dieser Reichtümer kommen Fragen zur Notwendigkeit der Kirchensteuer auf.

Weltkugel im Vatikanischen Museum
Sinnloses Objekt im Vatikanischen Museum
Flur im Vatikanischen Museum mit Deckengemälden
Platzsparende Gemäldegalerie
Antike Vase mit Löwenrelief
Löwe knabbert an seinem Snack
Antiker Schwertkämpfer hält Kopf in der Hand
So, mein Freund, jetzt fallen dir keine Witze mehr über meine Kopfbedeckung ein!

Um uns weitere zwei Stunden Anstehen vor dem Petersdom zu ersparen, mischten wir uns unauffällig unter eine geführte Reisegruppe, die eine Abkürzung von der Sixtinischen Kapelle direkt in den Petersdom benutzte. Hier bestaunten wir die Marmorsäulen und die verschwenderischen Kunstwerke, allen voran die berühmte Pieta von Michelangelo..

Blick auf den Altar im Petersdom
Im Petersdom
Skulptur im Petersdom
Eine der zahlreichen bescheidenen Skulpturen im Petersdom
pieta von Michelangelo
Starke Frau – die Pieta von Michelangelo

Wer den Unterschied zwischen den Begriffen “Escalator” und „Elevator” am Kassenhäuschen beherrscht, kann mit dem Aufzug auf die Kuppel des Petersdoms fahren. Wir gehörten nicht zu diesem Personenkreis und nahmen die 550 Stufen durch klaustrophobisch enge Wendeltreppen. Oben wurden wir mit einem ausgezeichneten Ausblick belohnt.

Blick auf den Petersplatz
Blick von der Kuppel des Petersdoms
Blick auf die Papstresidenz im Vatikan
Hier verbringt der Papst seine Rente

Das schwarze Schaf aus einer ehrbaren Familie

Otto Panini hasste Italien von ganzem Herzen. Er hasste die Hitze, die schon vormittags jede Bewegung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit machte. Er verabscheute die laute Sprache, die er nur sehr bruchstückhaft von seinem Großvater gelernt hatte. Und er hasste die winzigen Straßen und den chaotischen Verkehr. Aber am meisten ärgerte ihn, dass er einfach nie wusste, wem er vertrauen konnte. Und das war für ein Mitglied der Mafia ein Problem.

Zuhause in Chicago war alles so einfach gewesen. Die Stadtviertel waren fair unter den Familien aufgeteilt. Die Regeln waren einfach. Wenn sich ein Mitglied einer anderen Familie im eigenen Gebiet zu schaffen machte, wurde er umgelegt. Die Polizisten und Richter ließ man besser in Ruhe, wenn man keinen Ärger wollte. Und hier in Italien? Allein in Rom konkurrierten mindestens sieben Clans miteinander. Niemand konnte ihm sagen, welche Familie welches Gebiet kontrollierte, weil sich das täglich änderte. Bei Polizisten wusste man auch nie, woran man war. Die meisten waren käuflich, aber man konnte sich nie sicher sein, ob ein anderer Clan sie bereits bestochen hatte.

Aber Otto wollte nicht undankbar sein. Ihm war sehr wohl klar, dass er nach dem vermasselten Coup am Hafen eigentlich eine Freikarte zum Schwimmunterricht mit einer Betonschwimmweste im Lake Michigan gewonnen hatte. Nur seiner entfernten Verwandtschaft zum legendären Al Capone war diese zweite Chance zu verdanken. Ein Praktikum in Italien wird ihm helfen, seine Tugenden wieder zu finden, meinte der Consigliere, der Berater des Bosses. Er soll ein bisschen internationale Erfahrung sammeln und nebenbei seine lausigen Italienischkenntnisse aufbessern. Und so zog Otto ziemlich unvorbereitet bei einer Großtante in Rom ein.

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Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und fröhlich gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 90 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Stellplatz oder Campingplatz?

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Die Perle Kärntens

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Der kleine Stellplatz-Ratgeber

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Der kleine Technik-Ratgeber

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Camper-Typologie

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Nachtrag März 2022

Wir haben uns gestern ein Wohnmobil gekauft.

Was? Spinnt er jetzt? Woher kommt diese 180-Grad-Wende? Das sind berechtigte Fragen. Nach vielen Gesprächen mit erfahrenen Campern haben wir uns entschieden, noch einen Versuch zu wagen. Vielleicht war der erste Anlauf in unserer Naivität doch etwas unglücklich gelaufen. Wir lernen aus unseren Erfahrungen und versprechen uns volle Flexibilität mit dem eigenen Fahrzeug. Aber wir haben uns fest vorgenommen, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen und dann zu entscheiden, wie es weiter geht. Ich werde berichten.

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Konsequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellbrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

Der Furz von San Jose

Mittelamerikanische Verdauungsprobleme in Bildern

Costa Rica hat zwar eine geringere Wirtschaftsleistung als die Region Stuttgart, aber trotzdem ist das kleine Land in einigen Dingen dem deutschen Staat um Jahrzehnte voraus. Während in Deutschland der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, ist man hier schon lange bei fast 100% regenerativer Energieerzeugung angelangt. Und es funktioniert.

Durch konsequenten Umweltschutz sind inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt und 160 Schutzgebiete hindern Großkonzerne an der Abholzung. Größere Hotelkomplexe findet man hier kaum, überwiegend wird Ökotourismus in kleinen, nachhaltigen Familienunternehmen betrieben. Ein echter Gewinn für Einheimische, Natur und Touristen.

Das Militär wurde in Costa Rica schon vor Jahrzehnten abgeschafft und dafür zur Freude der Nachbarn Nicaragua und Panama eine konsequente politische Neutralität verkündet. Das und die hohen Berge haben dem Land den Beinamen „die Schweiz Mittelamerikas“ eingebracht. Die Militärausgaben wurden stattdessen in Bildung und Gesundheit investiert und irgendwie hat es das demokratische Land geschafft, dass seine Bewohner zu den zufriedensten Bürgern der Welt gehören.

Als wir uns am Flughafen von San Jose mit Bargeld versorgten, fühlten wir uns gleich wie Millionäre. Leider nur in Colon, der hiesigen Währung.

Costa Ricanisches Geld
Nach dem ersten Banküberf … äh Bankbesuch

Als wir aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens heraustraten, wurden wir sofort von einem dieser „hilfsbereiten“ Transfer-und Taxi-Vermittler angesprochen. Da wir aus zahlreichen Ländern um die Wucherpreise dieser Taximafia wussten, wimmelte ich den jungen Mann mit dem Hinweis ab, dass wir einen Mietwagen reserviert hatten. Ganz euphorisch bot er uns gleich einen kostenlosen Transfer zur Mietwagenstation an. Aber nicht mit mir! Diesen Trick durchschaute ich sofort und wir gingen unbeirrt zum Schalter der Mietwagenfirma.

Dort wurden wir ganz erstaunt gefragt, ob wir denn den Mitarbeiter verpasst hätten, der den kostenlosen Transfer zur Mietwagenausgabe organisiert. Der stand etwas ratlos im Hintergrund und zerknirscht musste ich zugeben, dass mein Misstrauen völlig unbegründet war. Diese positive Erfahrung bestätigte sich in den nächsten Wochen – kein einziges Mal wollte uns Jemand etwas aufschwatzen oder verkaufen. Die Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) waren einfach nur freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.

Eigentlich ist Kriminalität in Costa Rica kein Problem. Nachdenklich stimmt allerdings der Aufkleber auf einem Rettungswagen, der ausdrücklich die Mitnahme von Pistolen untersagt.

Rettungswagen in San Jose
Zutritt nur ohne Handfeuerwaffen. Wie soll man sich denn da verteidigen?

Das Essen besteht in Costa Rica in aller Regel aus Bohnen mit verschiedenen Beilagen. Zum Frühstück gibt es Gallo Pinto, Bohnen mit Reis und Ei. Sehr beliebt sind auch Patacones, frittierte Kochbananen mit Bohnenmus und reichlich Zwiebeln.

Patacones mit Beilagen
Patacones in Riesenportionen

Die bohnenlastige Kost schmeckt meist extrem lecker, verursacht aber auch extreme Verdauungsreaktionen. Der einheimische Künstler Jimenez Deredia hat sich dieser Thematik in einer Skulpturenserie angenommen, die in der Fußgängerzone von San Jose zu bewundern ist.

Skulptur
Ein gärendes Unwohlsein breitet sich im brennenden Gedärm aus…
Skulptur
…und verwandelt sich allmählich in ein alles beherrschendes Grimmen.
Skulptur
Der Darm schwillt und schwillt bis zur Unkenntlichkeit…
Skulptur
…und die Blähungen krümmen den Körper solange…
Skulptur
…bis endlich, endlich ein gewaltiger Furz sich seinen Weg bahnt.
Skulptur
Der ganze Mensch verwandelt sich in eine Serie von Flatulenzen…
Skulptur
…um endlich wieder der Entspannung Raum zu geben, bevor der Zyklus bei der nächsten Mahlzeit wieder von vorne beginnt.

Jimenez Deredia, falls du das hier liest: Ich fürchte, ich habe deine Skulpturen anders verstanden, als von dir beabsichtigt. Aber gehört zur Kunst nicht auch die Freiheit der Interpretation dazu?

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Die Mappe des Grauens

Diese Geschichte spielt kurz nach der Jahrtausendwende in einem Industrieunternehmen. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Obwohl, wenn ich genau nachdenke, kommen mir da leichte Zweifel.

Herr Single-Pee war Leiter einer kleinen Abteilung in einer großen Firma, die zwar global agierte, aber ihre schwäbischen Wurzeln nie ganz ablegen konnte. Als er zur Führungskraft ernannt wurde, betonte sein Vorgesetzter die Vorzüge des deutlich größeren Gestaltungsspielraums einer Leitungsfunktion. Konkreter wurde er nicht, aber Single-Pee freute sich über seinen neu gewonnenen Spielraum.

Der Vorgesetzte von Single-Pee wurde Double-C genannt, das war die Kurzform von Cyborg-Claus. Er zeigte niemals auch nur den Hauch einer menschlichen Regung. Empathie war für ihn ein Fremdwort aus der Esoterikszene und menschliche Bedürfnisse schien er nicht zu haben. Einmal fragte Double-C eine Assistentin, die aus dem Mutterschutz zurück kam und ihren Kolleginnen stolz die Fotos ihres Babys zeigte, ob sie in Urlaub gewesen sei. Er hatte ihre Schwangerschaft nicht bemerkt, obwohl er neun Monate lang jeden Tag mehrmals an ihr vorbei gelaufen war. Irgendwann entstand das Gerücht, dass in der menschlichen Hülle wahrscheinlich ein Roboter oder zumindest ein Cyborg stecken müsse.

Double-C regierte sein Leitungsteam mit einer legendären, von allen Mitarbeitern gefürchteten Wiedervorlagemappe. Dieses gefräßige Monster war im Lauf der Jahre auf eine Dicke von über zwanzig Zentimetern angeschwollen und enthielt alle Protokolle, ausgedruckten E-Mails und Notizen, die jemals über Double-C’s Schreibtisch gewandert waren. Was einmal in dieser Todesmappe gelandet war, wurde gnadenlos in jedem Meeting wiedergekäut. Erst wenn alle Maßnahmen abgearbeitet waren, schrieb Double-C ein dickes „ERLEDIGT“ mit aktuellem Datum und seinem Namenskürzel quer über das Papier, strich das Protokoll diagonal durch und zerriss dann das Blatt in acht Stücke. Dann legte er die Papierfetzen in die Mappe des Grauens zurück, damit seine Assistentin sie in den feuersicheren Papiermülleimer entsorgen konnte. Arbeitsteilung für Fortgeschrittene.

Die Themen für Double-C’s Todesmappe kamen überwiegend von dessen Chef, Triple-Ju. Er unterschrieb immer mit seinen Initialen U.W., die auf Englisch wie „Ju – Double-Ju“ klangen. Findige Mitarbeiter zählten ein Ju und ein doppeltes Ju zusammen und schon war der Spitzname geboren. Triple-Ju verdankte seine Karriere einem ausgeprägten Sinn für das Betriebswirtschaftliche. Seinen Durchbruch erzielte er mit der Halbierung der Kosten für Druckerpapier durch die Nutzung der Rückseite von alten Ausdrucken. Als Mitarbeiter auf der Rückseite ihres Ausdrucks vertrauliche Protokolle entdeckten, die eigentlich niemals für ihre Augen gedacht waren, entstand zwar beträchtlicher Aufruhr, aber die Einsparungen waren unbestreitbar.

Eines Tages zog die Abteilung von Single-Pee in ein neu erbautes Bürogebäude um. Kurz darauf klagten einige Mitarbeiter über Kopfschmerzen und verdächtigten die neue Einrichtung im Großraumbüro, die einen eigenartigen Geruch verströmte. In einer großen Firma gilt zwar der Leitspruch „Dafür bin ich nicht zuständig“, aber doch gibt es für jedes Problem einen Zuständigen. Er versteckt sich nur manchmal im undurchdringlichen Unterholz der verschachtelten Organigramme, die mit blumigen Bezeichnungen ihre wahre Aufgabe verschleiern. Single-Pee schaltete den Hausmeister ein (pardon, den Facility Manager), der genau so wenig zuständig war, wie die Büroplanungsabteilung, die sich hinter der schönen Bezeichnung „Planning Plant/Constr.Engineer. & Offices“ verbarg. Der werksärztliche Dienst bot Kopfschmerztabletten an, war aber ansonsten ebenfalls nicht zuständig; immerhin beauftragte er die Arbeitssicherheit. Der zuständige Experte verwies wort- und gestenreich darauf, dass alle Möbel und Materialien im Büro selbstverständlich absolut schadstofffrei wären (100% garantiert, mit Zertifikat) und organisierte eine Messung, um alle eventuellen Zweifel zu beseitigen. Die Messung ergab, dass die absolut schadstofffreie Inneneinrichtung Formaldehyd ausdünstete.

Der Experte konsultierte daraufhin sein Handbuch und empfahl regelmäßiges Stoßlüften und die Anschaffung von schadstoffabbauenden Zimmerpflanzen. Single-Pee erinnerte sich an seinen Gestaltungsspielraum, wählte sechs Pflanzen in Hydrokultur aus einem Katalog des Vertragsgärtners aus und bat die Assistentin um Bestellung. Problem gelöst. Dachte er.

Schlichte Gemüter könnten nun meinen, dass ein paar Zimmerpflanzen in einer Firma mit vielen Milliarden Euro Umsatz nicht so sehr ins Gewicht fallen. Aber in großen Firmen erfolgt eine Bestellung durch den zuständigen Einkauf immer erst dann, wenn das zuständige Controlling eine Freigabe erteilt hat. Controller sind von Natur aus eher gründlich veranlagt, aber schwäbische Controller können bis zur Humorlosigkeit gewissenhaft sein. Und so überrascht es eigentlich nicht, dass der prüfende Sachbearbeiter sich bei seinem Teamleiter absicherte, der wiederum diese Investition betriebswirtschaftlich nicht recht einordnen konnte und daher den Chef-Controller um Entscheidung bat. Und da in der damaligen Zeit Kommunikation niemals direkt, sondern immer nur auf gleicher Hierarchieebene oder über maximal eine Stufe gehen durfte, fräste sich bald eine Kommunikationskaskade durch das firmeneigene E-Mailsystem:

Chef-Controller an The Head, den Leiter der Unit: „Wollen wir wirklich sechs Pflanzen bestellen? Return of Invest ist unklar!“

The Head an Triple-Ju, den Leiter des Bereichs: „Bitte begründen! Wozu brauchen Sie so viele Zimmerpflanzen?“

Triple-Ju an Double-C, den Leiter des Fachbereichs: „Bitte ausführlich begründen, Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellen und Alternativen aufzeigen! Bitte prüfen, ob eine Fototapete mit Waldmotiv den gleichen Effekt bei kleineren Kosten bringt!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte zeitnah erledigen!“

Single-Pee an Double-C: „Die Pflanzen wurden von der Arbeitssicherheit empfohlen, weil Mitarbeiter wegen Formaldehyd gesundheitliche Probleme haben. Wir verdienen mit den Pflanzen nicht wirklich Geld, aber ein einziger Krankheitstag kostet die Firma dreimal so viel wie alle Pflanzen zusammen. Alternativ könnten wir das neue Gebäude kernsanieren.“

Double-C an Triple-Ju: „Die Argumente von Single-Pee sind schlüssig. Ich befürworte die Freigabe.“

Triple-Ju an Double-C: „Einverstanden. Vorher bitte prüfen, ob es günstigere Pflanzen gibt und alternative Lieferanten anfragen!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte mindestens drei Angebote über den Einkauf einholen und preiswerte Sorten wählen!“

Single-Pee an Double-C: „Laut Einkauf verbietet der Exklusivvertrag mit der Gärtnerei alternative Lieferanten. Es gibt günstigere Pflanzen, aber die helfen nicht gegen Schadstoffe. Ich möchte daran erinnern, dass es um die Gesundheit der Mitarbeiter geht, nicht um Schöner Wohnen.“

Double-C an Triple-Ju: „Es führt wohl kein Weg an einer Beschaffung vorbei. Bitte um Freigabe.“

Triple-Ju an The Head: „Ich befürworte die Freigabe. Wirtschaftlichkeit der beantragten Lösung ist eindeutig besser als die alternative Kernsanierung des Gebäudes.“

The Head an Chef-Controller und an Triple-Ju: „Ich genehmige zunächst nur drei Zimmerpflanzen. Zum Ausgleich wird verstärkt gelüftet. Nach Umsetzung Ortstermin und Entscheidung über weiteres Vorgehen.“

Triple-Ju an Double-C: „Bitte Lüftungskonzept entwickeln und Ortstermin planen, wenn erster Meilenstein umgesetzt ist.“

Double-C legte eine Kopie des Vorgangs in seine Mappe und schrieb an Single-Pee: „Bitte umsetzen!“

Zwei Wochen später entdeckte Single-Pee eines Morgens drei Zimmerpflanzen im Großraumbüro, die sich mit Heißhunger über die Schadstoffe hermachten. Geht doch, dachte er sich und bat die Assistentin, den Ortstermin zu buchen.

Zur Besichtigung machte sich eine illustre Delegation auf den Weg: vorneweg gingen The Head und der Chef-Controller, dahinter tippelte Triple-Ju gefolgt von Double-C. Im Büro beugte sich die geballte Prominenz über einen Ficus benjamini, der vor Ehrfurcht zitternd seine Zweige enger an den Stamm legte.

Der einsame Schadstofffresser

„Aha, das ist also der Grund unseres Besuchs“, meinte The Head lapidar. „Das sieht ja nun wirklich nicht übertrieben aus.“ In der Tat wirkten die drei Pflänzchen im weitläufigen Großraumbüro etwas verloren.

Double-C schnüffelte und fragte: “Was riecht denn hier so streng?“

„Das ist das Formaldehyd, wegen dem wir die Pflanzen beschafft haben“, entgegnete Single-Pee.

„Richtig“, kommentierte The Head. Dann fiel sein Blick auf das riesige Plakat aus der letzten Kampagne zur Firmenkultur. „Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“ stand da in fetter Schrift.

„Und wie wirkt die Maßnahme? Hat unser wertvollstes Kapital noch Beschwerden?“, erkundigte er sich.

Das wertvollste Kapital beobachtete die Szene von seinen Arbeitsplätzen aus. Manche Mitarbeiter beneideten den Ficus benjamini, weil er die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser hochrangigen Manager bekommen hatte, während sie selbst seit Monaten auf einen Termin zur Projektfreigabe warteten.

„Es ist etwas besser geworden, aber noch nicht gut“, informierte Single-Pee über den Status.

„Gut so, wir sind auf dem richtigen Weg“, bemerkte The Head. „Lassen Sie eine Kontrollmessung durchführen und wenn die noch was anzeigt, dann gebe ich die restlichen drei Pflanzen frei. Gut, dass Sie ihren Gestaltungsspielraum genutzt haben“. Mit diesen Worten dampfte die Delegation aus dem Büro.

Weitere drei Wochen später – inzwischen wedelten sechs Pflanzen genüsslich ihre Blätter durch die schadstoffhaltige Luft – erhielt Single-Pee eine Mail:

Sehr geehrte(r) Herr(Frau) Single-Pee,

Sie haben den Workflow „Allgemeiner Workflow“ zur Bearbeitung im WebCycleWorkflow-Management erhalten. Dies ist eine vom System automatisch generierte Mail.

Single-Pee hatte schon von der sprachlichen Eleganz des neuen Systems ® gehört und drückte neugierig auf den Link. Eine Rechnung für die gelieferten Pflanzen erschien und er durfte aus drei Buttons wählen: „freigeben“, „ablehnen“ oder „nicht zuständig“. Single-Pee nutzte seinen Gestaltungsspielraum und klickte auf „freigeben“.

„Sie haben keine weiteren Aufgaben“, antwortete das System. Das war aber einfach, dachte sich Single-Pee.

Am nächsten Tag kam die gleiche Mail wieder. Vielleicht nicht richtig gespeichert, vermutete Single-Pee und drückte nochmal auf „freigeben“. Als die Nachricht zum dritten Mal aufpoppte, entdeckte er eine kleine Notiz im System, die ihn aufforderte, zunächst einen Wareneingang zu veranlassen und erst danach freizugeben. Single-Pee schrieb in das Notizfenster „Die Ware ist eingegangen“ und klickte wieder auf „freigeben“.

Als nichts passierte, drückte er auf den „Zurück“-Button, was dazu führte, dass das Programm abstürzte. In der Hilfefunktion fand Single-Pee die entscheidenden Hinweise: „Wenn Sie eine Notiz eingeben wollen, drücken Sie auf keinen Fall den Button „Notiz eingeben“, sondern betätigen Sie die rechte Maustaste, Einstellungen, besondere Einstellungen, aktivieren, Notizfunktion aktivieren, neue Notiz anlegen, speichern, dreimal ok und geben Sie ihre Notiz in das Fenster ein. Wenn Sie den „Zurück“-Button des Browsers verwenden, wird ihr Account für 24 Stunden gesperrt; wenden Sie sich in diesem Fall an den zuständigen Systemadministrator.“ Echt super, so ein System®.

Als die Mail zum vierten Mal kam, beschloss Single-Pee, aus dieser Endlosschleife auszubrechen und drückte trotzig auf „nicht zuständig“. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf aus der zuständigen Buchhaltung, die in ein osteuropäisches Land outgesourct worden war. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wurde klar, was das System verlangte: er solle den Lieferschein einscannen. Nur war bei den Pflanzen dummerweise kein Lieferschein dabei gewesen. Dann müsse er sich an die zuständige Wareneingangskontrolle vor Ort wenden, meinte die Buchhalterin. Wer das sei, wusste sie aus der Ferne auch nicht, aber jedenfalls könne sie die Rechnung nur einbuchen, wenn der Wareneingang korrekt erfasst wurde.

Es dauerte weitere acht Monate, bis das neue System zufrieden war und der Vorgang endlich aus der Mappe des Grauens entfernt wurde. Zwei Monate später wurde die nächste Reorganisation angekündigt und die Abteilung musste wieder umziehen. Single-Pee besann sich auf seinen Gestaltungsspielraum, prüfte den Inhalt seiner Geldbörse und machte sich in der Mittagspause auf den Weg ins örtliche Gartencenter. An der Mappe des Grauens und am System ® vorbei, unter Missachtung aller Zuständigkeiten.

Ich widme diesen Beitrag allen Mitarbeitern von großen Firmen mit dunkelblauem Logo. Und ich rufe euch zu: Verzweifelt nicht! Die beschriebenen Ereignisse in dieser Geschichte sind nicht mal zwanzig Jahre her. Die schwäbischen Controller widerstehen mit ihren Exceltabellen zwar tapfer den Versuchungen der neuen agilen Zeit aber sonst hat sich seitdem schon so viel zum Guten geändert. Es besteht Hoffnung!

® „Das System“ ist kein eingetragenes Warenzeichen der SAP SE, aber fast.