Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 30 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Ankunft auf dem Campingplatz

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Typologie der Camper

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Kosequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellabrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

Der Furz von San Jose

Mittelamerikanische Verdauungsprobleme in Bildern

Costa Rica hat zwar eine geringere Wirtschaftsleistung als die Region Stuttgart, aber trotzdem ist das kleine Land in einigen Dingen dem deutschen Staat um Jahrzehnte voraus. Während in Deutschland der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, ist man hier schon lange bei fast 100% regenerativer Energieerzeugung angelangt. Und es funktioniert.

Durch konsequenten Umweltschutz sind inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt und 160 Schutzgebiete hindern Großkonzerne an der Abholzung. Größere Hotelkomplexe findet man hier kaum, überwiegend wird Ökotourismus in kleinen, nachhaltigen Familienunternehmen betrieben. Ein echter Gewinn für Einheimische, Natur und Touristen.

Das Militär wurde in Costa Rica schon vor Jahrzehnten abgeschafft und dafür zur Freude der Nachbarn Nicaragua und Panama eine konsequente politische Neutralität verkündet. Das und die hohen Berge haben dem Land den Beinamen „die Schweiz Mittelamerikas“ eingebracht. Die Militärausgaben wurden stattdessen in Bildung und Gesundheit investiert und irgendwie hat es das demokratische Land geschafft, dass seine Bewohner zu den zufriedensten Bürgern der Welt gehören.

Als wir uns am Flughafen von San Jose mit Bargeld versorgten, fühlten wir uns gleich wie Millionäre. Leider nur in Colon, der hiesigen Währung.

Costa Ricanisches Geld
Nach dem ersten Banküberf … äh Bankbesuch

Als wir aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens heraustraten, wurden wir sofort von einem dieser „hilfsbereiten“ Transfer-und Taxi-Vermittler angesprochen. Da wir aus zahlreichen Ländern um die Wucherpreise dieser Taximafia wussten, wimmelte ich den jungen Mann mit dem Hinweis ab, dass wir einen Mietwagen reserviert hatten. Ganz euphorisch bot er uns gleich einen kostenlosen Transfer zur Mietwagenstation an. Aber nicht mit mir! Diesen Trick durchschaute ich sofort und wir gingen unbeirrt zum Schalter der Mietwagenfirma.

Dort wurden wir ganz erstaunt gefragt, ob wir denn den Mitarbeiter verpasst hätten, der den kostenlosen Transfer zur Mietwagenausgabe organisiert. Der stand etwas ratlos im Hintergrund und zerknirscht musste ich zugeben, dass mein Misstrauen völlig unbegründet war. Diese positive Erfahrung bestätigte sich in den nächsten Wochen – kein einziges Mal wollte uns Jemand etwas aufschwatzen oder verkaufen. Die Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) waren einfach nur freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.

Eigentlich ist Kriminalität in Costa Rica kein Problem. Nachdenklich stimmt allerdings der Aufkleber auf einem Rettungswagen, der ausdrücklich die Mitnahme von Pistolen untersagt.

Rettungswagen in San Jose
Zutritt nur ohne Handfeuerwaffen. Wie soll man sich denn da verteidigen?

Das Essen besteht in Costa Rica in aller Regel aus Bohnen mit verschiedenen Beilagen. Zum Frühstück gibt es Gallo Pinto, Bohnen mit Reis und Ei. Sehr beliebt sind auch Patacones, frittierte Kochbananen mit Bohnenmus und reichlich Zwiebeln.

Patacones mit Beilagen
Patacones in Riesenportionen

Die bohnenlastige Kost schmeckt meist extrem lecker, verursacht aber auch extreme Verdauungsreaktionen. Der einheimische Künstler Jimenez Deredia hat sich dieser Thematik in einer Skulpturenserie angenommen, die in der Fußgängerzone von San Jose zu bewundern ist.

Skulptur
Ein gärendes Unwohlsein breitet sich im brennenden Gedärm aus…
Skulptur
…und verwandelt sich allmählich in ein alles beherrschendes Grimmen.
Skulptur
Der Darm schwillt und schwillt bis zur Unkenntlichkeit…
Skulptur
…und die Blähungen krümmen den Körper solange…
Skulptur
…bis endlich, endlich ein gewaltiger Furz sich seinen Weg bahnt.
Skulptur
Der ganze Mensch verwandelt sich in eine Serie von Flatulenzen…
Skulptur
…um endlich wieder der Entspannung Raum zu geben, bevor der Zyklus bei der nächsten Mahlzeit wieder von vorne beginnt.

Jimenez Deredia, falls du das hier liest: Ich fürchte, ich habe deine Skulpturen anders verstanden, als von dir beabsichtigt. Aber gehört zur Kunst nicht auch die Freiheit der Interpretation dazu?

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Die Mappe des Grauens

Diese Geschichte spielt kurz nach der Jahrtausendwende in einem Industrieunternehmen. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Obwohl, wenn ich genau nachdenke, kommen mir da leichte Zweifel.

Herr Single-Pee war Leiter einer kleinen Abteilung in einer großen Firma, die zwar global agierte, aber ihre schwäbischen Wurzeln nie ganz ablegen konnte. Als er zur Führungskraft ernannt wurde, betonte sein Vorgesetzter die Vorzüge des deutlich größeren Gestaltungsspielraums einer Leitungsfunktion. Konkreter wurde er nicht, aber Single-Pee freute sich über seinen neu gewonnenen Spielraum.

Der Vorgesetzte von Single-Pee wurde Double-C genannt, das war die Kurzform von Cyborg-Claus. Er zeigte niemals auch nur den Hauch einer menschlichen Regung. Empathie war für ihn ein Fremdwort aus der Esoterikszene und menschliche Bedürfnisse schien er nicht zu haben. Einmal fragte Double-C eine Assistentin, die aus dem Mutterschutz zurück kam und ihren Kolleginnen stolz die Fotos ihres Babys zeigte, ob sie in Urlaub gewesen sei. Er hatte ihre Schwangerschaft nicht bemerkt, obwohl er neun Monate lang jeden Tag mehrmals an ihr vorbei gelaufen war. Irgendwann entstand das Gerücht, dass in der menschlichen Hülle wahrscheinlich ein Roboter oder zumindest ein Cyborg stecken müsse.

Double-C regierte sein Leitungsteam mit einer legendären, von allen Mitarbeitern gefürchteten Wiedervorlagemappe. Dieses gefräßige Monster war im Lauf der Jahre auf eine Dicke von über zwanzig Zentimetern angeschwollen und enthielt alle Protokolle, ausgedruckten E-Mails und Notizen, die jemals über Double-C’s Schreibtisch gewandert waren. Was einmal in dieser Todesmappe gelandet war, wurde gnadenlos in jedem Meeting wiedergekäut. Erst wenn alle Maßnahmen abgearbeitet waren, schrieb Double-C ein dickes „ERLEDIGT“ mit aktuellem Datum und seinem Namenskürzel quer über das Papier, strich das Protokoll diagonal durch und zerriss dann das Blatt in acht Stücke. Dann legte er die Papierfetzen in die Mappe des Grauens zurück, damit seine Assistentin sie in den feuersicheren Papiermülleimer entsorgen konnte. Arbeitsteilung für Fortgeschrittene.

Die Themen für Double-C’s Todesmappe kamen überwiegend von dessen Chef, Triple-Ju. Er unterschrieb immer mit seinen Initialen U.W., die auf Englisch wie „Ju – Double-Ju“ klangen. Findige Mitarbeiter zählten ein Ju und ein doppeltes Ju zusammen und schon war der Spitzname geboren. Triple-Ju verdankte seine Karriere einem ausgeprägten Sinn für das Betriebswirtschaftliche. Seinen Durchbruch erzielte er mit der Halbierung der Kosten für Druckerpapier durch die Nutzung der Rückseite von alten Ausdrucken. Als Mitarbeiter auf der Rückseite ihres Ausdrucks vertrauliche Protokolle entdeckten, die eigentlich niemals für ihre Augen gedacht waren, entstand zwar beträchtlicher Aufruhr, aber die Einsparungen waren unbestreitbar.

Eines Tages zog die Abteilung von Single-Pee in ein neu erbautes Bürogebäude um. Kurz darauf klagten einige Mitarbeiter über Kopfschmerzen und verdächtigten die neue Einrichtung im Großraumbüro, die einen eigenartigen Geruch verströmte. In einer großen Firma gilt zwar der Leitspruch „Dafür bin ich nicht zuständig“, aber doch gibt es für jedes Problem einen Zuständigen. Er versteckt sich nur manchmal im undurchdringlichen Unterholz der verschachtelten Organigramme, die mit blumigen Bezeichnungen ihre wahre Aufgabe verschleiern. Single-Pee schaltete den Hausmeister ein (pardon, den Facility Manager), der genau so wenig zuständig war, wie die Büroplanungsabteilung, die sich hinter der schönen Bezeichnung „Planning Plant/Constr.Engineer. & Offices“ verbarg. Der werksärztliche Dienst bot Kopfschmerztabletten an, war aber ansonsten ebenfalls nicht zuständig; immerhin beauftragte er die Arbeitssicherheit. Der zuständige Experte verwies wort- und gestenreich darauf, dass alle Möbel und Materialien im Büro selbstverständlich absolut schadstofffrei wären (100% garantiert, mit Zertifikat) und organisierte eine Messung, um alle eventuellen Zweifel zu beseitigen. Die Messung ergab, dass die absolut schadstofffreie Inneneinrichtung Formaldehyd ausdünstete.

Der Experte konsultierte daraufhin sein Handbuch und empfahl regelmäßiges Stoßlüften und die Anschaffung von schadstoffabbauenden Zimmerpflanzen. Single-Pee erinnerte sich an seinen Gestaltungsspielraum, wählte sechs Pflanzen in Hydrokultur aus einem Katalog des Vertragsgärtners aus und bat die Assistentin um Bestellung. Problem gelöst. Dachte er.

Schlichte Gemüter könnten nun meinen, dass ein paar Zimmerpflanzen in einer Firma mit vielen Milliarden Euro Umsatz nicht so sehr ins Gewicht fallen. Aber in großen Firmen erfolgt eine Bestellung durch den zuständigen Einkauf immer erst dann, wenn das zuständige Controlling eine Freigabe erteilt hat. Controller sind von Natur aus eher gründlich veranlagt, aber schwäbische Controller können bis zur Humorlosigkeit gewissenhaft sein. Und so überrascht es eigentlich nicht, dass der prüfende Sachbearbeiter sich bei seinem Teamleiter absicherte, der wiederum diese Investition betriebswirtschaftlich nicht recht einordnen konnte und daher den Chef-Controller um Entscheidung bat. Und da in der damaligen Zeit Kommunikation niemals direkt, sondern immer nur auf gleicher Hierarchieebene oder über maximal eine Stufe gehen durfte, fräste sich bald eine Kommunikationskaskade durch das firmeneigene E-Mailsystem:

Chef-Controller an The Head, den Leiter der Unit: „Wollen wir wirklich sechs Pflanzen bestellen? Return of Invest ist unklar!“

The Head an Triple-Ju, den Leiter des Bereichs: „Bitte begründen! Wozu brauchen Sie so viele Zimmerpflanzen?“

Triple-Ju an Double-C, den Leiter des Fachbereichs: „Bitte ausführlich begründen, Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellen und Alternativen aufzeigen! Bitte prüfen, ob eine Fototapete mit Waldmotiv den gleichen Effekt bei kleineren Kosten bringt!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte zeitnah erledigen!“

Single-Pee an Double-C: „Die Pflanzen wurden von der Arbeitssicherheit empfohlen, weil Mitarbeiter wegen Formaldehyd gesundheitliche Probleme haben. Wir verdienen mit den Pflanzen nicht wirklich Geld, aber ein einziger Krankheitstag kostet die Firma dreimal so viel wie alle Pflanzen zusammen. Alternativ könnten wir das neue Gebäude kernsanieren.“

Double-C an Triple-Ju: „Die Argumente von Single-Pee sind schlüssig. Ich befürworte die Freigabe.“

Triple-Ju an Double-C: „Einverstanden. Vorher bitte prüfen, ob es günstigere Pflanzen gibt und alternative Lieferanten anfragen!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte mindestens drei Angebote über den Einkauf einholen und preiswerte Sorten wählen!“

Single-Pee an Double-C: „Laut Einkauf verbietet der Exklusivvertrag mit der Gärtnerei alternative Lieferanten. Es gibt günstigere Pflanzen, aber die helfen nicht gegen Schadstoffe. Ich möchte daran erinnern, dass es um die Gesundheit der Mitarbeiter geht, nicht um Schöner Wohnen.“

Double-C an Triple-Ju: „Es führt wohl kein Weg an einer Beschaffung vorbei. Bitte um Freigabe.“

Triple-Ju an The Head: „Ich befürworte die Freigabe. Wirtschaftlichkeit der beantragten Lösung ist eindeutig besser als die alternative Kernsanierung des Gebäudes.“

The Head an Chef-Controller und an Triple-Ju: „Ich genehmige zunächst nur drei Zimmerpflanzen. Zum Ausgleich wird verstärkt gelüftet. Nach Umsetzung Ortstermin und Entscheidung über weiteres Vorgehen.“

Triple-Ju an Double-C: „Bitte Lüftungskonzept entwickeln und Ortstermin planen, wenn erster Meilenstein umgesetzt ist.“

Double-C legte eine Kopie des Vorgangs in seine Mappe und schrieb an Single-Pee: „Bitte umsetzen!“

Zwei Wochen später entdeckte Single-Pee eines Morgens drei Zimmerpflanzen im Großraumbüro, die sich mit Heißhunger über die Schadstoffe hermachten. Geht doch, dachte er sich und bat die Assistentin, den Ortstermin zu buchen.

Zur Besichtigung machte sich eine illustre Delegation auf den Weg: vorneweg gingen The Head und der Chef-Controller, dahinter tippelte Triple-Ju gefolgt von Double-C. Im Büro beugte sich die geballte Prominenz über einen Ficus benjamini, der vor Ehrfurcht zitternd seine Zweige enger an den Stamm legte.

Der einsame Schadstofffresser

„Aha, das ist also der Grund unseres Besuchs“, meinte The Head lapidar. „Das sieht ja nun wirklich nicht übertrieben aus.“ In der Tat wirkten die drei Pflänzchen im weitläufigen Großraumbüro etwas verloren.

Double-C schnüffelte und fragte: “Was riecht denn hier so streng?“

„Das ist das Formaldehyd, wegen dem wir die Pflanzen beschafft haben“, entgegnete Single-Pee.

„Richtig“, kommentierte The Head. Dann fiel sein Blick auf das riesige Plakat aus der letzten Kampagne zur Firmenkultur. „Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“ stand da in fetter Schrift.

„Und wie wirkt die Maßnahme? Hat unser wertvollstes Kapital noch Beschwerden?“, erkundigte er sich.

Das wertvollste Kapital beobachtete die Szene von seinen Arbeitsplätzen aus. Manche Mitarbeiter beneideten den Ficus benjamini, weil er die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser hochrangigen Manager bekommen hatte, während sie selbst seit Monaten auf einen Termin zur Projektfreigabe warteten.

„Es ist etwas besser geworden, aber noch nicht gut“, informierte Single-Pee über den Status.

„Gut so, wir sind auf dem richtigen Weg“, bemerkte The Head. „Lassen Sie eine Kontrollmessung durchführen und wenn die noch was anzeigt, dann gebe ich die restlichen drei Pflanzen frei. Gut, dass Sie ihren Gestaltungsspielraum genutzt haben“. Mit diesen Worten dampfte die Delegation aus dem Büro.

Weitere drei Wochen später – inzwischen wedelten sechs Pflanzen genüsslich ihre Blätter durch die schadstoffhaltige Luft – erhielt Single-Pee eine Mail:

Sehr geehrte(r) Herr(Frau) Single-Pee,

Sie haben den Workflow „Allgemeiner Workflow“ zur Bearbeitung im WebCycleWorkflow-Management erhalten. Dies ist eine vom System automatisch generierte Mail.

Single-Pee hatte schon von der sprachlichen Eleganz des neuen Systems ® gehört und drückte neugierig auf den Link. Eine Rechnung für die gelieferten Pflanzen erschien und er durfte aus drei Buttons wählen: „freigeben“, „ablehnen“ oder „nicht zuständig“. Single-Pee nutzte seinen Gestaltungsspielraum und klickte auf „freigeben“.

„Sie haben keine weiteren Aufgaben“, antwortete das System. Das war aber einfach, dachte sich Single-Pee.

Am nächsten Tag kam die gleiche Mail wieder. Vielleicht nicht richtig gespeichert, vermutete Single-Pee und drückte nochmal auf „freigeben“. Als die Nachricht zum dritten Mal aufpoppte, entdeckte er eine kleine Notiz im System, die ihn aufforderte, zunächst einen Wareneingang zu veranlassen und erst danach freizugeben. Single-Pee schrieb in das Notizfenster „Die Ware ist eingegangen“ und klickte wieder auf „freigeben“.

Als nichts passierte, drückte er auf den „Zurück“-Button, was dazu führte, dass das Programm abstürzte. In der Hilfefunktion fand Single-Pee die entscheidenden Hinweise: „Wenn Sie eine Notiz eingeben wollen, drücken Sie auf keinen Fall den Button „Notiz eingeben“, sondern betätigen Sie die rechte Maustaste, Einstellungen, besondere Einstellungen, aktivieren, Notizfunktion aktivieren, neue Notiz anlegen, speichern, dreimal ok und geben Sie ihre Notiz in das Fenster ein. Wenn Sie den „Zurück“-Button des Browsers verwenden, wird ihr Account für 24 Stunden gesperrt; wenden Sie sich in diesem Fall an den zuständigen Systemadministrator.“ Echt super, so ein System®.

Als die Mail zum vierten Mal kam, beschloss Single-Pee, aus dieser Endlosschleife auszubrechen und drückte trotzig auf „nicht zuständig“. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf aus der zuständigen Buchhaltung, die in ein osteuropäisches Land outgesourct worden war. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wurde klar, was das System verlangte: er solle den Lieferschein einscannen. Nur war bei den Pflanzen dummerweise kein Lieferschein dabei gewesen. Dann müsse er sich an die zuständige Wareneingangskontrolle vor Ort wenden, meinte die Buchhalterin. Wer das sei, wusste sie aus der Ferne auch nicht, aber jedenfalls könne sie die Rechnung nur einbuchen, wenn der Wareneingang korrekt erfasst wurde.

Es dauerte weitere acht Monate, bis das neue System zufrieden war und der Vorgang endlich aus der Mappe des Grauens entfernt wurde. Zwei Monate später wurde die nächste Reorganisation angekündigt und die Abteilung musste wieder umziehen. Single-Pee besann sich auf seinen Gestaltungsspielraum, prüfte den Inhalt seiner Geldbörse und machte sich in der Mittagspause auf den Weg ins örtliche Gartencenter. An der Mappe des Grauens und am System ® vorbei, unter Missachtung aller Zuständigkeiten.

Ich widme diesen Beitrag allen Mitarbeitern von großen Firmen mit dunkelblauem Logo. Und ich rufe euch zu: Verzweifelt nicht! Die beschriebenen Ereignisse in dieser Geschichte sind nicht mal zwanzig Jahre her. Die schwäbischen Controller widerstehen mit ihren Exceltabellen zwar tapfer den Versuchungen der neuen agilen Zeit aber sonst hat sich seitdem schon so viel zum Guten geändert. Es besteht Hoffnung!

® „Das System“ ist kein eingetragenes Warenzeichen der SAP SE, aber fast.

Der Firmenlauf

Die alternative Wahrheit über ein eigentlich harmloses Event.

Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!

Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.

Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.

Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.

Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.

Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.

Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“

Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.

Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!

Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.

Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.

Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.

Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.

Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.

Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.

Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Gruppe Cheer Leader, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Der Start – Kein Platz für Schwächlinge

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.

Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Ein endloser Strom schiebt sich durch die Strecke

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.

Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.

Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.

Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.

„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Das beste Team aller Zeiten

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“

„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.

Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.

Die Wellen von Ballito

Eine kleine Geschichte über große Tiere, noch größere Wellen und einen Tanz mit einem Zulu

Als wir die Bilder der Touristenmassen sahen, die sich sensationsgeil um die wenigen Tiere drängelten, strichen wir den Krüger Nationalpark und besuchten stattdessen den relativ unbekannten HluHluwe iMfolozi Nationalpark. In dieser Gegend Südafrikas hatten sie eine erfrischend kreative iNterPretatiOn der gRoß-kLein-Schreibung, und auch sonst war es ein Erlebnis der Güteklasse A1 mit Sternchen. Wir konnten den Park ohne Guide und völlig unbehelligt von anderen Touristen mit dem eigenen Auto erkunden. Anfangs sahen wir nur jede Menge Schlaglöcher, ein paar Äffchen, Wildscheine und einen Kudu.

Mutter und Kind-Turnen
Hängebauchschweine gehen Krokodile füttern

Als die Mittagshitze sich legte, beendeten die Tiere ihre Siesta und kamen aus ihren Verstecken: Eine Elefantenherde wanderte majestätisch über einen Hügel. Dann Nashörner im Akkord. Wir fuhren um ein Haar unter einer Giraffe durch. Dann Zebras. Noch eine Elefantenherde am Fluss. Noch mehr Nashörner. Noch mehr Schlaglöcher.

Nashorn-Ehepaar bei der Rasenpflege
Abendessen im dritten Stock
Leben im Hochformat
Die Zebrastreifen machen Feierabend und gehen nach Hause

Im Küstenstädtchen Ballito checkten wir im Zimbali Eco View ein. Unser Gastgeber Herbie zauberte ein erstklassiges Frühstück auf den Tisch: Leckerer Kaffee, Nutella, Obstsalat, Straußengeschnetzeltes und Waffeln. Und zur Unterhaltung sprangen im Meer die Delphine.

Frühstück mit Meerblick. So muss das sein.

Herbie war Technikfreak und sicherte sein Haus abends mit einer Alarmanlage: Rotes Licht – Anlage scharf, grünes Licht – ok. Die Taste mit einem Punkt auf der Fernbedienung entschärft die Anlage, die Taste mit zwei Punkten sendet einen Notruf an den Sicherheitsdienst. Alles ganz einfach.

Wegen der hohen Kriminalität nutzten die meisten Hausbesitzer einen Wachdienst. Meist waren hier Zulus beschäftigt, Nachfahren des legendären Königs Shaka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile des heutigen Südafrikas beherrschte. Da er 1.500 Frauen hatte, ist heute fast jeder Zulu mit ihm irgendwie verwandt. König Shaka wird als Nationalheld verehrt; sogar der internationale Flughafen in Durban wurde nach ihm benannt.

Am nächsten Tag ging es endlich an den Strand zum Baden in die tollen Wellen. Drei Rettungsschwimmer lümmelten unter einem Sonnenschirm und zahlreiche Familien spielten am Ufer. Ich liebe Wellen. An zahlreichen Stränden dieser Welt hatte ich das Spiel mit den Brechern genossen und freute mich auf die erste Begegnung mit dem Indischen Ozean. Wir gingen bis zu den Knien ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Dann ging es ganz schnell. Die erste Welle holte uns von den Beinen, die Zweite raubte uns die Orientierung und die Dritte zog uns in den Bereich, in dem man nicht mehr stehen konnte. Hey, dachte ich noch, die haben aber ganz schön Kraft! Und schon brach die nächste Welle über uns zusammen.

Wellen am Indischen Ozean

Die Wellen brachen in so kurzen Abständen von oben auf uns herunter, dass wir kaum Zeit zum Atmen hatten. Das war extrem ungemütlich und wir beschlossen, zum Ufer zurück zu schwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn jede Welle spülte uns drei Meter Richtung Ufer und der Sog nach der Welle zog uns fünf Meter ins Meer hinaus. Ich schwamm was ich konnte, was nicht viel war, denn meine Kraft ließ erschreckend schnell nach. Aus dem Augenwinkel erkannte ich an dem ernsten Gesichtsausdruck der SinnlosReisenden, dass sie die Lage ebenfalls als bedrohlich einstufte. Die drei Rettungsschwimmer waren inzwischen in die Mittagspause entschwunden.

Rette sich wer kann…

Kurz bevor die Panik mich überrollte, tauchte plötzlich neben mir ein Mädchen mit einem Surfbrett auf. Ich klammerte mich energisch daran fest und ein archaischer Überlebensinstinkt schickte den Impuls durch mein Gehirn, dem Kind das Brett aus der Hand zu reißen. Das war wohl auf meinem Gesicht zu lesen, denn sie schaute mich ängstlich an. Aber ich hatte mich schon wieder im Griff und dann erfasste uns die nächste Welle und spuckte uns auf den Strand. Seit diesem Erlebnis betrachten wir Wellen mit deutlich mehr Respekt.

Mann reitet mit Surfbrett auf Welle
Mit der richtigen Ausrüstung macht das sicher Spaß

So eine Niederlage kann ein richtiger Mann natürlich nicht einfach so stehen lassen. Mein Rehabilitationsplan war kühn und schnell gefasst. Direkt vor unserer Unterkunft war ein weitaus gefährlicherer Strand, als der nachmittägliche Badestrand. Herbie hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier immer wieder Mutige und Ahnungslose ertranken. Dieser Strand musste bezwungen werden – nur so ließ sich meine Ehre wieder herstellen.

Als die SinnlosReisende gegen Mitternacht einschlief, schlich ich mich durch die doppelt abgeschlossenen Türen aus dem Haus. Ich hatte einen schwarzen Neoprenanzug ausgeliehen, den ich samt Kapuze und Handschuhen überstreifte. Die Handschuhe waren etwas hinderlich, aber schließlich schaffte ich es, die Alarmanlage mit einem Druck auf den Knopf mit den beiden Punkten zu entschärfen. Oder war es der Knopf mit einem Punkt? Egal, jedenfalls ging kein Alarm los, als ich vor die Tür trat.

Als ich schon fast draußen war, fiel mir ein, dass ich den elektrischen Haischocker vergessen hatte. Also ging ich nochmal zurück, denn Herbie hatte uns berichtet, dass in den Schutznetzen vor den Buchten regelmäßig Haie hängen blieben – viele auf dem Rückweg nach draußen ins offene Meer. Schließlich war ich soweit und musste nur noch die Außentür abschließen. Ich leuchtete mit der funzeligen Taschenlampe und fummelte mit meinen Handschuhen an dem blöden Schloss herum, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich erschrak, drehte mich um, und starrte auf eine gewaltige muskulöse Brust. Vor mir stand eine jüngere Ausgabe von Mike Tyson – nur größer. Vor Schreck fiel mir der Haischocker aus der Hand. Er fiel mit einer Elektrode auf meinen Fuß, mit der anderen auf den Fuß des Hünen, offensichtlich ein Zulu vom Sicherheitsdienst. Mit einem Britzeln entluden sich die 50.000 Volt in unsere Körper und wir umarmten uns unter Krämpfen und tanzten bis die Ladung leer war. Als ich wieder atmen konnte, erkannte ich einen zweiten Schwarzen mit ähnlich beeindruckender Statur, der mich grimmig musterte. Zum Glück hatte ich vor der Reise einen Spruch in Zulusprache einstudiert, denn mit Fremdsprachen erobert man die Herzen der Einheimischen:

„Sagabona – Kunjani wena!“ wollte ich sagen. „Hallo – wie geht’s?“

Weil ich mir bei dem elektrischen Tänzchen auf die Zunge gebissen hatte, kam aber nur ein klägliches „Shakabolla – Kunschi wea!“ heraus, was ungefähr bedeutete „König Shaka frisst Scheißbollen!“

Wie stolz die Zulus auf ihren früheren König waren, konnte ich in den nächsten Stunden in der schalldichten Zelle des Sicherheitsdienstes am eigenen Leibe erfahren. Erst durch viele förmliche Entschuldigungen und eine großzügige Spende konnte ich die Herren davon überzeugen, dass ich erstens nichts gegen den verehrten König Shaka habe und zweitens nicht bei Herbie einbrechen wollte. Als ich in der Morgendämmerung ins Bett kroch, spürte ich alle Knochen. Die SinnlosReisende kommentierte meinen Zustand schlaftrunken mit einem müden Scherz über mein Alter und drehte sich um. Wenn Frauen wüssten, was ihre Männer Nachts so treiben…

Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (2)

Für die einen ist es nur ein Routineeingriff, für die anderen der wohl peinlichste Moment ihres Lebens.

Nach einigen Tagen mit reizarmer Schonkost ging es Ralf wieder einwandfrei. Ein Gedanke ließ ihn allerdings nicht mehr los. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht ganz so betrunken gewesen wäre und diesem hüpfenden Gummiball auf der Tanzfläche näher gekommen wäre? Ob er wohl in seinem Zustand in der Lage gewesen wäre, alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen korrekt durchzuführen?

Als er sich an die vielen Geschichten über ungewollte Schwangerschaften erinnerte, formte sich ein trüber Gedanke, der in ihm schon länger vor sich hin gärte, zu einer glasklaren Erkenntnis: Nur eine Sterilisation garantierte dauerhafte Sicherheit. Kondome waren angesichts der denkbaren Konsequenzen einfach nicht sicher genug.

In der urologischen Gemeinschaftspraxis erklärte ein erfahrener Arzt routiniert den Ablauf: die Samenleiter werden mit einem klitzekleinen Schnitt durchtrennt, die Enden werden verödet und das Ganze verläuft ambulant. Der Eingriff dauert zwanzig Minuten und kostet fünfhundert Euro, da die Krankenkasse eine „freiwillige Vasektomie als familienplanerische Maßnahme“ (was für ein Ausdruck!) nicht bezahlt. Eine Ultraschalluntersuchung ergab grünes Licht, dank Urlaubszeit war schon in zwei Wochen ein OP-Termin frei und so wurden sie sich schnell einig.

Ralf unterschrieb ein Papierchen wegen den Risiken: tödliche Allergien gegen das Betäubungsmittel, Impotenz, Lähmungen, Wachkoma, eben die üblichen Kleinigkeiten. Aber was soll mit so einem erfahrenen Arzt bei einem Routineeingriff schon passieren? Da Ralf eine panische Angst vor Spritzen und Infusionen hatte, verzichtete er auf die optionale Vollnarkose und machte ein Kreuzchen bei örtlicher Betäubung. Zwanzig Minuten können ja wohl nicht so schlimm werden, dachte er sich. Hätte er da nur noch mal gründlicher nachgedacht…

Zwei Wochen später fand sich Ralf mit nüchternem Magen und frisch rasiert (oben und unten) auf Station 4.21 ein und nahm im Wartebereich Platz. Schon nach zehn Minuten wurde er reingerufen und ein Pfleger in pensionsfähigem Alter bat ihn auf eine Liege. Er könne sich schon mal unten rum frei machen – der Herr Doktor komme gleich. Ralf wertete es als gutes Zeichen, wenn das Personal eine gewisse Reife und Erfahrung aufweisen kann und begann sich zu entspannen.

Wenig später stürmte ein durchtrainierter, braungebrannter Arzt zur Tür herein. Er sah aus, als hätte er gerade ein Tennismatch unterbrechen müssen, weil er dringend in seine Villa an der Cote d’Azur reisen muss. Er schüttelte energisch Ralfs Hand, drückte ihn kraftvoll zurück auf die Liege und sagte: „So, Herr Paschulke, Penisverkleinerung, ist ja ungewöhnlich, dann wollen wir mal“. Mit diesen Worten nahm er eine Spritze von einem Tischchen und beugte sich über Ralfs bloßgelegten Intimbereich.

Als Ralfs Herz nach drei endlosen Sekunden wieder zu schlagen begann, warf das Adrenalin in seinem Blut Blasen. Er versuchte seinen Protest in Worte zu fassen, aber die aufbrandende Panik ließ nur unverständliches Gestammel heraus. Der Arzt lachte wiehernd über sein entsetztes Gesicht und meinte: „War nur ein Scherzchen, ein bisschen Spaß muss sein, Har, Har, Har!“

„Also, ich bin der Anästhesist“, erklärte er dann. „Ich setze Ihnen jetzt die Betäubung, und dann warten Sie draußen, bis Sie zur OP reingerufen werden. Fragen?“ Ralf atmete tief aus und schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt kurz pieksen und ein bisschen unangenehm“, sagte der Tennisarzt und rammte die Spritze in Ralfs empfindlichsten Körperteil. Sein Schrei blieb irgendwo auf halber Strecke stecken, denn eine Supernova explodierte in seinem Schmerzzentrum und raubte ihm den Atem.

„Schön locker bleiben, jetzt kommt noch die andere Seite!“ meinte der Scherzkeks. Diesmal konnte Ralf einen lauten, nicht jugendfreien Fluch brüllen, worauf der Arzt nur meinte „Ja, das tut jetzt weh. Aber das geht gleich vorbei“.

Mühsam wankte Ralf vor die Tür und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Nach einer Weile ließ der Schmerz tatsächlich nach. Stattdessen breitete sich dort unten ein pelziges Gefühl aus, oder eigentlich eher ein Nichtgefühl. Der pelzige Bereich wurde immer größer und bald spürte er am Bauch auch nichts mehr. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und als er aufstehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Eine Pflegerin huschte vorbei, aber sie nahm seinen flehenden Blick nicht wahr und verschwand hinter zischenden Automatik-Türen.

Ralf spürte, wie die Lähmung allmählich nach seinem Zwerchfell griff und ihm wurde schlagartig klar, dass hier etwas schrecklich schief lief. Entweder hatte ihm der Scherzkeks eine Überdosis verabreicht oder er reagierte mit allergischem Schock auf das Betäubungsmittel. Ralf konnte nur noch mit großer Anstrengung gegen seine fortschreitende Atemlähmung ankämpfen. Er überlegte, ob er auf dem Boden robbend die Entfernung bis zur OP-Tür überwinden könnte um dort nach Hilfe zu klopfen. Als ihm klar wurde, dass er mitten im Krankenhaus direkt vor dem OP-Saal sterben würde, brach er in hysterisches Lachen aus.

In diesem Moment öffnete sich die OP-Tür, der Pfleger rief seinen Namen und schaute ihn erwartungsvoll an. Ralf konnte nicht aufstehen, weil die Lähmung jetzt auch seine Beine erreicht hatte und er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, stutzte der Pfleger. „Sie hyperventilieren ja völlig! Jetzt hören Sie doch mal auf, so lächerlich zu atmen!“

Ralf versuchte ihm mit Zeichensprache zu erklären, dass sein Zwerchfell jeden Moment den Dienst einstellen würde, aber der Grobian packte ihn nur unter den Armen, zog ihn in den OP und bugsierte ihn auf die vorbereitete Schlachtbank.

„Ich lege Ihnen jetzt erst mal eine Infusion, dann bekommen Sie ein Beruhigungsmittel und danach wird es Ihnen gleich besser gehen“, sagte er und flüsterte mit einer jungen Frau, die im Hintergrund etwas las, offenbar eine Praktikantin. Als Ralf sich mit aller verbliebenen Kraft gegen die schreckliche Nadel wehrte, die in seinen Arm sollte, beugte die Praktikantin sich über ihn und blickte ihm tief in die Augen. Sie sagte irgendetwas von einem Team und dass er jetzt tapfer sein müsse. Ralf hätte nur zu gerne in ihrem Team gespielt, allerdings nicht auf diesem Spielfeld, und ergab sich schließlich in sein Schicksal. Sicher würde gleich sein Arzt kommen, und dann wäre er hier ruck-zuck wieder raus, versuchte er sich zu beruhigen. Er schloss die Augen, während der Pfleger ihn „unten rum“ desinfizierte.

Plötzlich spürte Ralf, wie Jemand grob an seinen Hoden zog. Als er die Augen öffnete, stand die Praktikantin über sein bestes Stück gebeugt, ein Skalpell in ihrer Hand. Ihm entfuhr ein spitzer Schrei und er schrie: „Nein, bitte nicht! Gehen Sie weg!“

Die junge Frau richtete sich auf und schaute ihn irritiert über ihren Mundschutz hinweg an.

„Wann kommt denn endlich mein Arzt? Der von der Voruntersuchung!“ wollte Ralf jetzt wissen.

„Der hat Urlaub. Ich sagte doch, dass wir hier im Team arbeiten“, antwortete die Praktikantin.

„Immer die Ruhe!“, mischte sich der Pfleger mit tadelndem Unterton ein. „Die Frau Doktor macht das schon“.

Ralfs Panik wuchs zu einem Tsunami heran, stärker als das Beruhigungsmittel, was auch die Praktikantin-Ärztin merkte.

„Drehen Sie den Tropf doch mal zwei Stufen höher“, sagte sie zu dem Pfleger.

Ralf war sich darüber klar, dass er eine denkbar schlechte Verhandlungsposition hatte; das Skalpell in ihrer Hand verdeutlichte die Machtverhältnisse sehr eindrücklich. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich habe vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ich wollte nur noch mal hören, was Sie genau vorhaben, weil ihr Kollege mich mit einem Scherz über eine Penisverkleinerung etwas nervös gemacht hat.“

„So ein Quatsch“, murmelte die Ärztin humorlos. „Vasektomie, beidseitig. Können wir jetzt?“

Ralf sah ein, dass dies eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit war und versuchte sich wieder zu entspannen. Er atmete tief in den Bauch und verdrängte jeden Gedanken an Blut oder Spritzen.

„Gell, jetzt spüren Sie die Infusionsnadel gar nicht mehr!“ riss der Pfleger Ralf aus seinen Gedanken. Er bedankte sich für die Erinnerung und wünschte dem psychologischen Kleingärtner Pest und Cholera.

„So, jetzt sind Sie halb unfruchtbar, obwohl ihnen das wahrscheinlich nicht viel nützt. Die eine Seite ist jedenfalls schon fertig!“ nervte schon wieder Ralfs psychologisch unterernährter Freund.

Ralf schaute zu der Jesusfigur, die von der Wand gegenüber mit leidender Miene zu ihm herunter blickte und dachte „Wenn du jetzt diesem kranken Pfleger eine Sprechlähmung verpasst, trete ich morgen in die Kirche ein“. Aber offenbar war seine Seele nicht wichtig genug, denn der Krankenpfleger quasselte putzmunter weiter.

„Das war doch gar nicht so schlimm. Schauen Sie mal, nur so wenig Blut!“ fügte er hinzu und hielt ihm einen blutgetränkten Wattebausch vor die Augen. Als Ralf qualvoll aufstöhnte, meinte er: „Was denn? Da erleben wir hier ganz andere Sachen. Das müssten Sie mal sehen, wie das hier aussieht, wenn so eine Arterie platzt!“ Als „das Team“ sich über seinen zweiten Samenleiter hermachte, konzentrierte sich Ralf wieder auf seine Atmung.

„Das sieht aber diesmal etwas blutiger aus“, informierte sein neuer Lieblingsfeind ihn kurz darauf über den aktuellen Stand der Dinge. „Und wie geht es mit der Infusion? Spüren Sie noch was?“ Er nestelte solange an den Schläuchen herum, bis Ralf wieder etwas spürte.

Eine energische Ansage holte Ralf wenig später in die Realität zurück. „Holen Sie mir jetzt den Grüninger, aber schnell, wenn es geht!“ Das Team schien leicht angespannt zu sein.

„Gibt es Probleme?“ fragte Ralf rein aus Neugier. Denn richtige Sorgen machte er sich wegen dem feinen Zeug in dem Infusionsbeutel schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.

„Probleme? Nein, so würde ich das nicht nennen“, beruhigte ihn die junge Frau. „Ihr Samenleiter ist nur gut versteckt, da brauche ich eine dritte Hand. Aber keine Sorge, das haben wir gleich.“

Mit verstärktem Team ging die OP in die entscheidende Phase.

„Ich hab den Samenleiter, jetzt ziehen Sie mal hier den Penis nach oben, damit ich an dem Nervenstrang vorbeikomme“.

„Sehr gut, ganz ruhig halten, ich schneide jetzt. Tupfen Sie mal hier, ich sehe ja gar nichts“.

Ralf ignorierte den kalten Schweiß auf seiner Stirn und versuchte mit angehaltenem Atem, sich nicht zu bewegen. In diesem kritischen Moment ging wie in Zeitlupe die Tür des OP’s auf. Ein älterer Mann schlurfte herein, in der Hand einen Plastikbecher, gefüllt mit einer dunkelgelben Flüssigkeit. „Grüß Gott, ich soll die Urinprobe hier in der Anmeldung abgeben“.

„Die Anmeldung ist eine Tür weiter“, klärte ihn die Ärztin pikiert auf, Ralfs Samenleiter in der einen Hand, das Skalpell in der anderen. So stand sie über seinen Penis gebeugt, den der Assistent tapfer in seiner Hand hielt.

„Ja, also, da war ich gerade eben schon, aber da ist niemand“, entgegnete der Mann hartnäckig und näherte sich der bestens ausgeleuchteten Szene unter dem OP-Strahler. Ralf bot seine Seele dem Teufel an im Tausch gegen ein schwarzes Loch im Boden, in dem er verschwinden könnte, aber auch der Leibhaftige hatte wohl momentan keine Nachwuchssorgen.

Als der Alte um den Sichtschutz herum in sein Blickfeld trat, sagte Ralf: „Hallo Herr Mayer, wollen Sie auch in unserem Team mitspielen?“


Diesen Beitrag widme ich allen Menschen, die einen Routineeingriff vor sich haben. Macht euch keine Sorgen, diese Geschichte ist frei erfunden. Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.

„Routineeingriff“ ist in der Ärztesprache eine Zusammenfassung für den Sachverhalt „Ich habe das schon so oft gemacht, dass ich vor lauter Langeweile gar nicht mehr genau hinschaue und am liebsten die jungen Assistenten üben lasse“.

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (1)

Über eine denkwürdige Nacht, die einen Stein ins Rollen brachte

„Wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich in dieser Nacht sterben würde, hätte ich gestern nicht mehr die Toilette geputzt, sondern die Zeit sinnvoller genutzt. Nochmal tief ins Nutellaglas geschaut und die alten Platten von Pink Floyd oder Genesis aufgelegt.“ Diese Gedanken schossen Ralf Paschulke durch den Kopf, als das schwarze Loch rasend schnell auf ihn zukam. Dann wurde alles Licht aus der Welt gesaugt und es wurde zapfenduster.

Dabei hatte der Abend so vielversprechend begonnen. Ralfs Kameraden aus dem Tischtennisverein hatten beschlossen, sein schon mehrere Wochen andauerndes Stimmungstief zu beenden. Sein Doppelpartner Alan hatte mit hochgezogenen Augenbrauen festgestellt: „So geht das nicht weiter. Du versauerst doch allein zuhause auf deinem Sofa. Morgen Abend gehen wir zusammen aus und machen einen drauf!“

Ralf war zuerst skeptisch, aber er hatte tatsächlich auch schon bemerkt, dass alleine rumzusitzen nicht gerade für überschäumende Partystimmung sorgt. Und so musste er nicht lange überredet werden; sein Widerstand war schnell gebrochen. Freitag Abends um Neun war Treffpunkt bei Ralf zum Vorglühen, dann ab ins Zeckes – so lautete der Plan. „Das wird ein geiler Abend, wirst schon sehen“. Ralf hatte keine Ahnung, wo oder was Zeckes ist, aber wer könnte bei so einem Versprechen schon widerstehen?

Am fraglichen Abend beschlagnahmte Alan erstmal Ralfs Küche, um einen Einheizer zu mixen, während die Anderen draußen auf der Terrasse bei einem kühlen Bier und einer Pizza den lauen Sommerabend gebührend würdigten. Der Einheizer schmeckte vorzüglich nach Ananas, Kokosnuss und irgendwelchem Alkohol. Die Stimmung wurde rasch ausgelassen und Ralf begann sich schon Sorgen wegen seinem Nachbarn zu machen.

Herr Mayer hatte schon öfters deutlich gemacht, dass Ordnung auf seiner Werteskala sehr weit oben steht. Erst neulich hatte der Rentner versucht, Ralf zur Teilnahme an einer Art Bürgerwehr zu motivieren. „Nur so bekommen wir dieses asoziale Gesocks in den Griff, die verstehen nur eine Sprache“, gab er Ralf zu verstehen, als er ihm seinen Fuchsschwanz zeigte. Der Fuchsschwanz war ein selbst genähter Lederknüppel, gefüllt mit Kieselsteinen, Split und Stahlkugeln. „Wo der trifft, wachsen nur noch blaue Flecken“, versicherte der streitbare Nachbar mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.

Die Ursache für den Groll seines ordnungsliebenden Nachbarn lag im nahegelegenen Club „Zirkuss“. Dort gab es am Wochenende alkoholische Getränke zu Dumpingpreisen, was entsprechende Kundschaft aus den umliegenden Orten anzog. Die meist minderjährigen Komatrinker hatten das Ziel, sich in kürzester Zeit – nämlich bevor die letzte Regionalbahn fährt – mit kleinem Geldeinsatz einen möglichst gründlichen Rausch anzusaufen. Was regelmäßig damit endete, dass die Rasselbande gegen Mitternacht schwer alkoholisiert den Weg zur Bahnstation suchte und wie ein Heuschreckenschwarm grölend durch die friedliche Reihenhaus-Siedlung zog, eine Spur von leeren Schnapsflaschen, Kondomen und Erbrochenem hinter sich zurücklassend.

Nach dem zweiten Einheizer nuschelte Mona, dass sie ihre Zunge nicht mehr spüren würde und Ralf hatte das Körpergefühl einer Qualle. Als er in der Küche mehrere Flaschen mit Hochprozentigem fand, wurde ihm einiges klar. Je höher der Alkoholpegel stieg, desto schlechter wurden die Witze, über die sie Tränen lachten. Domme als einziger Abstinenzler in der Runde vertraute Ralf mit verschwörerischer Stimme ein Geheimnis an: im Zeckes gäbe es gelegentlich wilde Sexorgien. Hemmungslos und ohne Tabus. Ralf war zwar etwas skeptisch, aber zur Sicherheit steckte er ein Kondom ein. Für alle Fälle, dachte er sich, mit 50 Jahren sollte man immer vorbereitet sein und jede Chance nutzen als wäre es die Letzte. Und falls nicht, konnte man immer noch den jüngeren Mannschaftskameraden aushelfen. Man hat ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht als Ältester.

Gegen Mitternacht machten sie sich auf den Weg. Eine angebrochene Wodkaflasche wurde unterwegs vollends geleert und flog in elegantem Bogen über eine Hecke. Nach einem kurzen Fußmarsch standen sie vor einem großen Gebäude. „ZirKuss“ las Ralf auf einer Leuchttafel. „Was zum Teufel machen wir hier, ich dachte wir gehen ins Zeckes“, fragte er Bernd. Der schaute ihn an, als wäre er bekloppt. „ZirKuss, ZK, Zeckes, kapiert?“ Aha, dachte sich Ralf, so schnell wechselt man also die Fronten. Das hier war Feindesland, die Suffbude der Teenager, Sodom und Gomorrha.

Ralfs Bedenken, dass er wegen der Altersstruktur hier wohl eher fehl am Platz sei, wurden von der knapp achtzehnjährigen Mona mit schwerer Zunge charmant entkräftet: „Laba doch kein’n Quark hiar, da sinn öffers so allde Säcke über Dreißig. Außadem bissu ja mit uns da.“ Die Logik dieser Argumente erschloss sich Ralf nicht auf Anhieb, aber er hatte auch keine Zeit zum Grübeln, denn die Schlange zum Eingang zog ihn unbarmherzig mit sich.

„6 Euro Eintritt“, verkündete ein Schild. Als Ralf mühsam seinen Geldbeutel rauskramte, sagte der Securityschrank hinter der Kasse: „Ab Dreißig ist der Eintritt frei.“ Und nach einer kurzen Pause: „Du kannst deinen Ausweis stecken lassen, ich glaub’s dir auch so“. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Drinnen fühlte sich Ralf wie ein Überlebender aus dem zweiten Weltkrieg, der im Schulunterricht einen Augenzeugenbericht abgibt. Noch nie war ihm sein Alter so bewusst geworden, wie in diesem Moment. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, denn seine Kameraden schleppten einen Meter Tequila heran. Ein Meter enthält fünfzehn Gläser auf einem Brett von einem Meter Länge. Da die Gläser ziemlich klein und harmlos aussahen, griff er beherzt zu. Viva Mexico!

Domme war währenddessen in einen hitzigen Disput mit seiner Freundin verwickelt, die wieder einmal nicht verstehen wollte, warum er nicht einfach auch mal „was Richtiges“ trinken könne. Einige Tage später trennten sich die Beiden, worauf Domme sich eine Freundin suchte, die genau wie er keinen Alkohol trinkt. Eine Beziehung, die ebenfalls nicht von überlanger Dauer war und ein abruptes Ende nach einem Handyanruf aus Barcelona finden würde, aber das ist eine andere Geschichte. Manchmal kann man es als Mann einfach nicht richtig machen.

Bernd war nicht abstinent und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Meter vor ihnen stand, diesmal Cola mit Rum. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Obwohl Ralf ein ausgesprochen schlechter Tänzer war, eroberte er die Tanzfläche im Sturm. Der Alkohol und die wummernden Bässe vermischten sich zu einem schwerelosen Zustand, in dem sich die Zeit zu einer unendlich großen Blase aufblähte. Irgendwann bevor Ralfs Gedächtnis seinen Dienst quittierte, drängte sich in der wogenden Menschenmenge ein weibliches Wesen mit einem wuscheligen Lockenschopf an ihn. Sie tanzte ihn wie ein hüpfender Gummiball an, schwenkte verführerisch ihre fülligen Hüften und drückte ihren kreisenden Po gegen ihn. Einige Sekunden lang tanzten die Beiden eng umschlungen, bevor die Menge sie für immer verschluckte.

Vom Rest des Abends blieben Ralf nur bruchstückhafte Erinnerungen. Unnahbare, maskenhaft geschminkte junge Frauen. Junge Männer mit Körpersprache aus dem Gorillakäfig. Alan, der mit wildfremden Menschen Schnäpse kippt, bis er schließlich selber vom Barhocker kippt. Verdächtige Typen, die in einer dunklen Ecke Geschäfte machen. Beunruhigende Geräusche aus der Toilettenkabine nebenan. Und da ist der Heimweg, auf dem das unbenutzte Kondom zu einem Ballon aufgeblasen unter lautem Hurra in den Nachthimmel zischt. Und Mona, die sich kurz vor Ralfs Haus lautstark in die Hecke übergibt.

Da man gute Freunde in diesem Zustand selbstverständlich niemals Auto fahren lässt, bauten sie ein Matratzenlager im Wohnzimmer. Ralf kletterte mit viel Mühe und vorbildlicher Körperbeherrschung die steile Klappleiter zur Bühne hinauf, um Schlafsäcke und eine Matratze zu holen. Bis heute gibt es keine Erklärung für dieses physikalische Phänomen, aber als er einen winzigen Augenblick lang unaufmerksam war, änderte die Erdanziehungskraft plötzlich für einen Moment ihre Richtung und obwohl er mit wedelnden Armen dagegen ankämpfte, zog ihn das schwarze Loch im Dachboden an wie ein Magnet die Karosserien auf dem Schrottplatz.

Das schwarze Loch an der Treppe

Während Ralf seinem sicheren Tod entgegen stürzte, zuckten ihm einige Gedanken wie Blitze an einem Gewitterabend durch den Kopf. Zunächst bedauerte er, dass er so unvorbereitet sterben muss. Hätte er das vorher gewusst, hätte er sich nochmal richtig mit Nutella satt gegessen und seine Lieblingsmusik gehört. Hätte dem alten Ehepaar gegenüber den Müll rausgetragen, um ein paar Karmapunkte zu sammeln. Hätte seinem Nachbarn Mayer mal so richtig die Meinung gegeigt.

Und dann verfing er sich in der Schnur eines Schlafsackes und rutschte im Zeitlupentempo auf der Matratze die Leiter hinunter. Wo ihn seine Kameraden mit spontanem Szenenapplaus begrüßten, ganz begeistert von seiner akrobatischen Einlage.

Matrazenlager
Am Morgen danach – Matrazenlager im Wohnzimmer

Am nächsten Tag bekämpften sie ihren Kater mit ein paar Konterbierchen. Als der dröhnende Kopfschmerz etwas nachließ, trug Ralf die Reste des Abends zum Mülleimer vor die Tür. Dort stellte ihn ein aufgeregter Herr Mayer zur Rede. „Haben Sie das mitbekommen, heute Nacht? Die waren ja wieder mal besonders schlimm. Rüchards nebenan haben in ihrem Garten eine leere Wodkaflasche gefunden und in meiner Hecke stinkt es bestialisch, als ob sich da jemand erbrochen hätte. Und stellen Sie sich vor: auf meinem Rhododendron hing heute morgen ein Präservativ. Wie das da hinauf kam, will ich gar nicht wissen!“ Herr Mayer schüttelte sich angeekelt.

„Wenn ich die erwische, mache ich Hackfleisch aus denen! Haben Sie denn gar nichts mitgekriegt, die waren doch nicht zu überhören, direkt vor Ihrer Haustür haben die rumkrakeelt, diese asozialen Schweine“, wunderte er sich.

„Echt jetzt?“, entgegnete Ralf mit unschuldiger Miene. „Davon hab ich nichts mitbekommen, ich hab einen ziemlich festen Schlaf.“

„Hatten Sie Besuch?“, fragte Herr Mayer mit einem Blick auf die Überreste der Party. Ralf schloss schnell den Deckel des Mülleimers und beendete die Unterhaltung, bevor das Gespräch noch eine ungute Wendung nahm. Und dann schwor er, sich nie wieder so gehen zu lassen. Niemals.

Aber ein geiler Abend war es trotzdem.

Ich widme diesen Beitrag Roger Penrose, der den Physik-Nobelpreis 2020 für den Beweis der Existenz von schwarzen Löchern erhielt. Und allen Freunden, die dazu beitragen, dass man den physikalischen Gesetzen zum Trotz eben doch aus schwarzen Stimmungslöchern wieder entkommen kann.

Hier gehts zum zweiten Teil

Die Sache mit Marzipan

Eine Reise in die unbeschwerten Tage meiner Jugend. Und ein Bericht aus dem kurzen, aber sinnlosen Leben eines Hamsters.

Photo by Ellie Burgin

Als wir fünfzehn Jahre alt waren, bekam die Schwester eines Freundes zwei männliche Hamster zum Geburtstag geschenkt. Der Verkäufer im Zoofachgeschäft meinte, dass Hamster ungern alleine sind und dass zwei Tiere mit dem gleichen Geschlecht eine ungewollte Vermehrung zuverlässig verhindern.

Einige Wochen später bekam eines der beiden Männchen acht Junge. Das war etwas überraschend für alle, die im Biologieunterricht aufgepasst hatten, aber bei so kleinen Tieren ist es wohl nicht so einfach, das Geschlecht zu bestimmen. Wir Jungs schlugen für die Neugeborenen zur Feier des Tages ein gemeinsames Abendessen mit der Python von Andi vor, was zu einem Shitstorm bei den Mädchen führte. Nur hieß es damals noch nicht Shitstorm; es gab einfach nur gewaltig Ärger.

Also wurden die hilflosen, blinden Babyhamster mit Hilfe einer Pipette solange aufgepäppelt, bis sie aus dem Gröbsten heraus waren und dann im Freundeskreis zur weiteren Aufzucht verteilt. Meine Mutter war nach der unglücklichen Episode mit den Raupen zwar ziemlich skeptisch, aber mein Vater meinte, es würde wohl nichts schaden, wenn der Junge endlich Verantwortung lernen würde. Außerdem, was kann mit einem niedlichen Hamster schon schief gehen? Also kaufte ich einen Käfig mit Laufrad und Holzhäuschen sowie einen Sack mit Kleintierstreu und taufte meinen Adoptivnager auf den Namen Marzipan.

Marzipan schien sich schnell wohl zu fühlen, denn er hamsterte sofort so viele Nüsse in seinen Backen, dass er nicht mehr durch die Tür seines Häuschens passte. Dann baute er sich aus der Streu ein Nest und legte sich zum Schlafen. Läuft, dachte ich. Ziemlich pflegeleicht, so ein Haustierchen.

Gegen ein Uhr nachts wurde ich von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Ich knipste das Licht auf meinem Nachttisch an und das Geräusch verstummte sofort. Als ich zum Käfig schaute, starrte mich Marzipan aus seinem Laufrad heraus mit großen Knopfaugen an. Dann zog er sich in sein Häuschen zurück. Ich machte das Licht wieder aus und drehte mich um. Nach drei Minuten begann der Krach von Neuem. Marzipan rannte auf seinem Laufrad, als ob er für einen Marathon trainieren würde. Wie ich später erfuhr, sind Hamster nachtaktiv und laufen in freier Natur durchschnittlich fünf Kilometer pro Nacht.

So ging das nicht weiter, also stellte ich den Käfig kurzerhand ins Badezimmer in die Dusche. Kurz hörte ich noch das Surren des Laufrades aus der Ferne, dann schlief ich zufrieden ein.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Schrei geweckt. In der Badezimmertür stand meine Mutter und schaute mich mit diesem todbringenden vorwurfsvollen Blick an, den Mütter so perfekt beherrschen. Ich hatte den Käfig wohl einen Tick zu nahe an den Duschvorhang gestellt. Marzipan hatte einen Zipfel zu fassen bekommen und aus dem geblümten Vorhang ein kuscheliges Nest gebaut. Hamster haben scharfe Zähne und erstaunlich viel Kraft.

Aus dem Freundeskreis bekam ich den Rat, den Lauftrieb meines Hamsters durch mehr Auslauf zu befriedigen. So ein Käfig ist halt für ein Steppentier schon etwas klein. Am nächsten Abend setzte ich Marzipan mitten im Zimmer auf den Teppich. Ich hatte einige Nüsse in den Zimmerecken verteilt, um ihn zum Laufen zu motivieren. Schnitzeljagd für Nagetiere. Das hätte ich mir aber sparen können, denn der Steppenflitzer schoss blitzschnell quer durch das Zimmer und verschwand in dem Spalt hinter dem Einbauschrank.

Ich fand das ziemlich clever von ihm und nahm die Herausforderung an. Schließlich war ich der Herr über die Nahrung und irgendwann würde ihn der Hunger schon wieder aus seinem Versteck treiben. Dachte ich zumindest. Zunächst drangen aber energische nagende Geräusche hinter dem Schrank hervor und die Glastür der Vitrine begann zu klirren. Es klang, wie wenn man mit einer groben Holzfeile ein Loch in eine Sperrholzplatte fräst.

Ich versuchte alles, um den Ausbrecher aus seinem Versteck zu locken. Ich legte lecker duftende Rosinen vor den Schrank und lauerte stundenlang davor. Ohne Erfolg. Ich zündelte mit einem Feuerzeug vor dem anderen Ende der Schrankwand, weil alle Tiere Angst vor Feuer haben. Ich schlug mit der Faust gegen den Schrank, um ihn in Panik zu versetzen. Alles was ich erreichte, war eine Ansage von meinem Vater. Jetzt sei aber mal gut mit dem Radau. Was ich denn da für einen Lärm veranstalten würde? Und warum es in meinem Zimmer nach Rauch rieche? Ich behielt mein kleines Problem für mich und legte mich auf mein Bett um meine Strategie zu überdenken.

Plötzlich sah ich Marzipan, der mich aus dem obersten Regal der Schrankwand herab beobachtete. Sein Pelz war etwas ramponiert und mit Spinnweben verklebt und er hatte Holzspäne im Gesicht. Als ich aufsprang, verschwand er durch das von ihm genagte Loch wieder hinter den Schrank. Ich fluchte und stellte unauffällig ein Buch vor das hässliche Loch.

Über eine Woche lang spielten wir Tom und Jerry, und meine Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Ich wollte mir die Sanktionen nicht ausmalen, die mich erwarteten, wenn meine Eltern herausfanden, dass ein Nagetier frei in der Wohnung herumstreifte und die Möbel in Sägespäne verwandelte. Dann nahm die Episode Marzipan eines Abends ein tragisches Ende.

Aus meinem Kassettenrekorder röhrte Tina Turner, während der Anarcho-Hamster hinter der Schrankwand werkelte. Dann passierten drei Dinge: von der Schrankwand her kam ein britzelndes Geräusch und ein kurzes schrilles Quieken. Gleichzeitig ging das Licht aus und Tina Turner verstummte schlagartig. Und dann kam mein Vater mit einer Taschenlampe zur Tür herein.

Ob ich schon wieder irgendwelchen Unsinn anstellen würde, wollte er wissen. Das konnte ich ausnahmsweise mit reinem Gewissen verneinen, denn ich saß unschuldig auf meinem Sitzsack. Mein Vater zog mit misstrauischer Miene ab und drehte die Sicherung für die komplette linke Wohnungshälfte wieder rein.

Am nächsten Tag tauschte ich das durchgenagte Stromkabel aus und verschaffte Marzipan eine würdevolle Beerdigung auf dem Bahndamm hinter dem Haus. Den Entschluss, mich von Haustieren fernzuhalten, halte ich bis heute durch.

Toskana und die Gardaverschwörung

Diese Reise durch die Toskana führt uns von Lucca über den wunderlichen Tarotgarten bis nach Grosseto. Auf dem Rückweg decken wir am Gardasee eine Verschwörung mit internationalen Ausmaßen auf.

Lucca, die unterschätzte Perle der Toskana

There’s no glory in prevention. Dieser Satz wurde in der Corona-Pandemie bekannt, könnte aber auch aus Lucca stammen. Hier hatten die Bürger im 15. Jahrhundert als Schutz vor übergriffigen Nachbarn eine gewaltige Stadtmauer erbaut. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Stadt nie wieder angegriffen und es entstanden zwei Lager. Die Einen feierten den Erfolg, weil der Wall alle potentiellen Angreifer abgeschreckt habe. Die Anderen hielten die ganze Maßnahme für eine einzige Verschwendung, weil ja kein Angriff mehr erfolgte, gegen den man eine Mauer gebraucht hätte. Diese Diskussion kennen wir von den Corona-Maßnahmen in Deutschland.

Stadtmauer Lucca
Die Stadtmauer von Lucca: 4 Kilometer lang und 12 Meter hoch

Um die Stadt zu betreten, muss man durch finstere Gänge laufen. Früher war das vielleicht abschreckend, heute ist es eine Touristenattraktion.

In der Stadt findet man keine sensationellen Attraktionen wie den missglückten Turm in Pisa oder die protzigen Kunstausstellungen von Florenz. Lucca glänzt eher durch seine kleinen Perlen. Zum Beispiel die gelben Häuser auf dem ovalen Piazza dell Amfiteatro, die auf 360 Grad ohne Lücke aneinander gebaut wurden.

Häuser auf dem Piazza dell Amfiteatro in Lucca
Piazza dell Amfiteatro

Oder der Dom San Michele, der weder durch Größe, noch durch besondere Schönheit besticht, sondern durch eine gewagte freistehende Fassade. In diesem Dom versuchte sich der junge Puccini auf der Orgel. Seine modernen Interpretationen kamen bei den Gottesdiensten aber nicht so gut an, deshalb verlegte er sich später aufs Opernschreiben.

Dom San michele von außen
Dom San Michele in Lucca

Sehenswert sind in Lucca auch so banale Dinge wie Straßenlaternen.

Straßenlaterne in Gestalt eines dreibeinigen Tierfußes
Sockel einer Straßenlaterne in Lucca
Marodes Gebäude einer italienischen Bank
Bankgebäude in Lucca

Der Zustand der italienischen Banken war schon immer bedenklich, aber hier in Lucca geben sie ein besonders trauriges Bild ab. Trotzdem wird über dem Eingang deutlich gemacht, wie man mit säumigen Schuldnern umgeht.

Relief mit Löwe über einer Tür
Relief über einer Eingangspforte in Lucca

Im Herzen der Toskana

Wir fuhren weiter ins Hinterland der Toskana und bezogen ein Landhaus mitten in den Olivenhainen. Die Sonnenuntergänge sind hier tatsächlich so zauberhaft, wie immer behauptet wird.

Sonnenuntergang in der Toskana
Sonnenuntergang in der Toskana

Die Mauern von Magliano sind fast dicker als das ganze Städtchen dahinter. Hier wird ein großes Geheimnis gehütet: die Kunst des Möbelbaus für unebene Böden.

Blick auf die Stadtmauern von Maglione
Das Städtchen Magliano versteckt sich hinter dicken Mauern
Die Kunst des Möbelbaus an Orten mit großem Gefälle

Abends zog dann der Himmel zu und in der Nacht bombte uns ein gewaltiges Sommer-Gewitter aus dem Bett. Es regnete in Strömen, aber am nächsten Morgen war schon wieder alles trocken – aufgesaugt von der durstigen Natur.

Windrad mit stürmischen Himmel im Hintergrund
Windrad im heraufziehenden Sturm

Giardino dei Tarocchi

Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte eine schwere Kindheit. Wie schwer, kann man erahnen, wenn man ihre Skulpturen im Tarotgarten sieht. Eine absolut sehenswerte Sammlung von Exzessen der menschlichen Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich mal wieder den Reiseführer nicht gelesen habe und daher nur spekulieren kann, was die Künstlerin mit ihren Werken aussagen wollte.

Turm abgeknickt
Einer dieser fanatischen italienischen Radrennfahrer richtet beträchtlichen Schaden an. Schade eigentlich, denn der Turm war echt schön.
Die Toskaner Stadtmusikanten proben für ihren Auftritt im Variete
Skulptur mit Mann und Frau, die beim Picknick ein Glas Wein trinken
Beim Picknick. Sie: „Schatz, hast du die Kinder gesehen?“
Picknick mit Blick von hinten. Eine Schlange hat schon einiges verschluckt
Er: „Die Kinder spielen hinter uns. Mach dir keine Sorgen, die laufen schon nicht weg!“
Vier verschieden farbige Frauenfiguren in einem Pool
Pool der Kulturen: Frauen unterschiedlicher Herkunft treffen sich zu neckischen Wasserspielen: Eine Weiße, eine Asiatin, eine Afrikanerin und eine grüne, ähm, Marsbewohnerin? Hä???
Teufelin verfolgt zwei rennende Figuren
Spider-Man und Milka-Woman flüchten vor der gehörnten Teufelin mit irritierendem anatomischem Detail im Schritt.
Ensemble der Kuriositäten

Die Magie des letzten August-Wochenendes

Das letzte Wochenende im August markiert in Italien jedes Jahr eine Zeitenwende. Davor sind die Strände gestopft voll mit ununterbrochen laut plappernden italienischen Großfamilien, die den Sozialabstand von Ölsardinen in der Dose praktizieren. Am letzten Sonntag im August ändert sich wie von Zauberhand das Bild. Die Italiener verlassen schlagartig die Urlaubsorte und nur ein paar einsilbige Deutsche bleiben zurück. Wir genossen einige sehr ruhige Tage in Marina di Grosseto, bevor wir uns auf die Heimreise machten.

Kirche und Rathaus in Grosseto
Dom und Rathaus in Grosetto
Skulptur mit Drachen, Schlange und Dinosaurier auf dem Danteplatz in Grosetto
Drachen auf dem Danteplatz in Grosseto. Wer findet den Fehler?
Wagenburg aus Kinderwagen am Strand
Der Strand war herrlich ruhig. Bis vier deutsche Familien eine Wagenburg errichteten
Die Sonne geht über der Insel Elba unter und beleuchtet die Wellen am Strand
Sonnenuntergang über der Insel Elba

Die Garda-Verschwörung

Am Gardasee machten wir einen Zwischenstopp, um uns wieder an die deutsche Sprache zu gewöhnen. Die Chance, hier einen Nachbarn zu treffen, ist jedenfalls deutlich größer als in Friedrichshafen an der Uferpromenade. Schwimmen ist allerdings nur in extra abgezäunten Minibereichen möglich, denn der See selbst ist von verschiedenen Wassersportlern belegt. Gerüchten zufolge ist neulich ein Eichhörnchen trockenen Fußes von Malcesine nach Limone quer über den See gewechselt, indem es von Brett zu Brett sprang.

Wimmelbild vom Gardasee

Unter der glühenden Mittagssonne kam ich einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur: die italienische Bevölkerung wird am Gardasee jeden Sommer von dunklen Mächten gegen deutsche Migranten ausgetauscht. Darunter sind viele Klimaflüchtlinge, die das kalte Wetter nicht mehr ertragen. Es handelt sich eindeutig um eine internationale Verschwörung, denn die Österreicher und Schweizer haben kilometerlange unterirdische Tunnel durch die Alpen gegraben, um den Austausch der Bevölkerung zu beschleunigen.

Ihr glaubt nicht an Verschwörungen? Wollt ihr einen Beweis? Also gut: Was ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien? Södi! Der Spitzname des bayrischen Kanzler-Nicht-Kandidaten Markus Söder! Wenn das ein Zufall ist, fress ich meine Badeschlappen mit Senf.

So, jetzt muss ich aber schleunigst raus aus der Sonne. In meinem Gehirn stockt schon das Eiweiß. Bis bald und bleibt wachsam!

Szenen aus Buddhas Leben

Wenn man zu faul ist, den Reiseführer zu lesen, muss man sich selber zusammen reimen, was die ganzen Bilder und Figuren in Thailands Tempeln darstellen. Das kann richtig sein, muss aber nicht. Buddhisten ohne Humor sollten besser nicht weiter lesen…

Unsere Tickets waren auf das Jahr 2563 ausgestellt. So lange wollten wir nicht warten und wir betraten das Museum vorzeitig. Später erfuhr ich, dass in Thailand die Zeitrechnung in dem Jahr beginnt, in dem Siddhartha Gautama ins Nirvana entschwand. Der Begründer des Buddhismus hatte bereits mehrere Reinkarnationen hinter sich, als der kleine Jesus noch in die Windeln machte. Da ich wie meistens den Reiseführer nicht gelesen hatte, musste ich mir selbst ausdenken, was die Szenen aus Buddhas Leben darstellen sollen.

Der kleine Buddha hat keine Lust, an der Hand seiner Eltern spazieren zu gehen. Er würde lieber die beiden Vögel fürs Abendessen fangen und quengelt. Seine Mutter im blauen Kleid holt schon zu einer gewaltigen Ohrfeige aus:

bild mit szenen aus buddhas leben

Die Männer kommen früher als erwartet von ihrer Geschäftsreise zurück. Die Freude bei den Frauen hält sich in Grenzen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Der jugendliche Buddha beeindruckt die Damenwelt mit Zaubertricks und versucht sein Glück mit Liebestränken. Die verstorbene Großmutter im Himmel winkt frustriert ab; auch sie war dereinst auf ähnliche Tricks reingefallen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Bei Vollmond klappt es dann auch mit der Liebe. Die Verflossenen stehen bis zum Bauch in einem See aus Tränen und schließen die Augen, um das Geschmachte nicht mit ansehen zu müssen:

bild mit szenen aus buddhas leben

Buddha trinkt Tee und spricht mit den Tieren. Es ist nicht überliefert, welche Substanzen in dem Tee waren. Der Elefant ist offensichtlich angeschickert:

bild mit szenen aus buddhas leben

Buddhistische Mönche darf man eigentlich nicht fotografieren. Diese hier sind aber nur Wachsfiguren. Da kann Madame Tussaud noch etwas lernen:

wachsfiguren von buddhistischen mönchen

Die frisch geschlüpften Mönchsbabys werden gefüttert. Dann schultern sie ihre Baseballschläger und gehen in die Unterstadt zum Randalieren:

skulptur mit kleinen mönchen

Auch ein Erleuchteter hat mal einen schwarzen Tag:

Schwarzer Buddha

Von Almosen kann man ganz gut leben. Buddha vor der Diät:

goldene buddhastatue mit dickem bauch

Auch im Buddhismus kann Alkohol zu einem echten Problem werden:

verkaterte buddhastatue verhüllt

Hm, jetzt werde ich ein bißchen unsicher. Vielleicht sollte ich doch besser erstmal im Reiseführer nachlesen?

Innsbruck

Österreich hat das Coronavirus wegdefiniert und seine Grenzen geöffnet. So eine Chance dürfen SinnlosReisende sich nicht entgehen lassen. Zack, gebucht.

Ich dachte immer, dass man in Österreich Deutsch spricht. Weit gefehlt! Wir wurden in der Pension Alpenblick in Innsbruck mit überschäumender Herzlichkeit mit den Worten empfangen:

„Gria-Saich! HoabadEanaGuadInnenahannanagfuanda?“

Fieberhaft scannte ich mein Gedächtnis nach der passenden Sprachfamilie für eine Antwort ab. Ich tippte auf eine Mischung aus Suaheli und Japanisch und hatte mich gerade für ein vorsichtig neutrales „Do you speak English?“ entschieden, als die SinnlosReisende an meiner Seite antwortete:

„Ja, Danke, alles bestens, unser Navi hat uns sicher hergeführt.“

Schnell lernte ich die Tiroler Begrüßungsformeln: Gria-Saich bedeutet so etwas wie Hallo im Plural, Grias-Die wird bei Einzelpersonen verwendet und zum Abschied sagt man Pfüi-Deich bzw. Pfüi-Die. Viel einfacher als Thailändisch.

Dann stürzten wir uns in die Tiroler Bergwelt. Hier leben die Kühe weit entfernt von jedem Gedanken an Tönnies so entspannt, dass sie vor lauter Langeweile Liegestützen auf der Weide machen.

Kühe auf einer Bergwiese
Trainierende Kuh versucht eine Kollegin zu beeindrucken

Am ersten Tag nahmen wir uns die Besteigung des legendären Muttekopfes über die Imster Ostwand vor. Wir parkten unser Fahrzeug im Basislager in Hochimst. Die Sherpas heißen hier Sessellift und brachten uns mit modernster Technik zum ersten Biwaklager auf stolze 1491 m über dem Meeresspiegel.

Muttekopf Berggipfel
In der Ferne lockt der schneebedeckte Muttekopf

Ohne Sauerstoffmaske bezwangen wir den Aufstieg zum zweiten Biwaklager auf schwindelerregenden 1623 m Höhe. Dort stärkten wir uns in der Latschenhütte mit Tiroler Gröstl und leckerem Kaiserschmarrn. Auf der nächsten Etappe überholte uns eine Einheimische mit Zwillings-Kinderwagen und wir brachen demotiviert ab. Auf dem Rückweg wurden wir von einem Rudel der heimtückischen Alpenbiber gestellt, die arglosen Wanderern auflauern.

Alpenbiber
Der Alpenbiber lauert in Rudeln den Wanderern auf

Diese destruktiven Vandalen verwüsten ganze Berghänge mit ihren scharfen Zähnen.

Umgestürzte Bäume
Das Ergebnis einer Biberfamilie nach einer Nacht

Den Bergbauern bleibt dann oft nichts anderes übrig, als die gerodeten Hänge für Skipisten zu nutzen:

Gerodeter Berghang
Oft bleiben nur Stümpfe übrig

Das Alpaka ist ein „Zu-Groisda“, das österreichische Wort für Mitbürger mit Migrationshintergrund. Immerhin hat es die Alpen schon in seinem Namen. Es wird hier gerne wegen seiner gewagten Frisuren gehänselt.

Alpen-Alpaka
Das Alpen-Alpaka mit Alpenpanorama

Der österreichische Meister im Kuhfladenweitwurf kommt mit einer Weite von 41,4 Metern aus Tirol.

Kuhfladen auf einer Wiese
Ein beliebtes Tiroler Sportgerät – der Kuhfladen

Auch der amtierende Weltmeister in den Hamburger- und Cheeseburger-Wettbewerben lebt offenbar in Imst. Er teilt sein Spezialwissen in der Zubereitung des perfekten Burgers auf großen Schildern mit der interessierten Bevölkerung: Die Mayonnaise immer schön gleichmäßig verteilen!

Schild der Burgermeister
Rätselhaftes Schild an einem Fluss in Imst: Achtung Springflut? Schlange verspeist drei Elefanten?

In Innsbruck weht eine farbenfrohe Designvariante der österreichischen Nationalflagge, die Regenbogenfahne. Sie symbolisiert Toleranz und Vielfalt und soll auf Artikel 3 des Grundeigentümergesetzes hinweisen: Kein Haus darf wegen seiner Fassadenfarbe, seines Alters, seiner Bauweise oder seiner Architektur benachteiligt werden. Glaube ich zumindest.

Bunte Häuser und Regenbogenfahne
Toleranz: Die Farbe des Hauses ist unantastbar

Überhaupt glänzt Innsbruck mit einigen auffallenden Gebäuden. Das Goldene Dachl mit seinem Prunkerker diente Kaiser Maximilian dazu, seine Untergebenen zu beeindrucken.

Goldenes Dachl Innsbruck
Angeberbalkon Goldenes Dachl

Das Helblinghaus wurde von seinem Besitzer solange mit barockem Stuck verziert, bis der Nachbar zur Linken sein Haus vor lauter Neid grün anstrich:

Das Helbinghaus Innsbruck
Das Helblinghaus mit barocker Fassade

Der Ottoversand hat seine Filiale in Innsbruck an die lokale Architektur perfekt angepasst:

Ottoburg in Innsbruck
Die Ottoburg in Innsbruck

Die Berg-Isel-Skiflugschanze ermöglicht bei Föhnwetterlagen eine unglaubliche Sprungweite. In diese Mauer in der Innenstadt musste extra ein Durchgang integriert werden, damit die Skispringer genügend Auslauf haben. Man nennt ihn Triumpfpforte, denn wer hier durchspringt, hat den Sieg im Neujahrsspringen ziemlich sicher.

Triumphtor in Innsbruck mit Berg-Isel-Schanze im Hintergrund
Triumpfpforte mit Berg-Isel-Schanze

Münchner aufgepasst: So sieht die Isar aus, bevor sie bayrisch wird:

Isar
Die jugendliche Isar

Auf dem Heimweg besuchten wir das barocke Stamser Stift, das eigentlich für Besucher geschlossen war. Wir stolperten zufällig während eines Gottesdienstes in die Basilika und ließen uns von der mächtigen Orgel das Trommelfell durchpusten.

Barocke Innenansicht Basilika Stamser Stift
Basilika im Stamser Stift

So, liebe Leser, nun habe ich aber wieder genug Unsinn geschrieben. Vier Tage ohne Gesichtsmaske waren eine tolle Erfahrung, aber vier Tage sind halt viel zu wenig.

Au weia, jetzt hab ich doch glatt gegen die neuen Regeln der gendergerechten Schreibweise verstoßen. Das hiesige Landratsamt hat nämlich eine interne Dienstanweisung erstellt, nach der es keine Leser und auch keine LeserInnen mehr geben darf. Also dann noch einmal mit der politisch korrekten Ansprache:

Liebe „mit den Augen einen Text erfassende Lebewesen der Gattung Mensch mit beliebigem Geschlecht“ – bis bald auf diesem Kanal und Pfüi-Deich!

Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?

Venedig

Eine Stadt versinkt im Meer – und die Chinesen sind mal wieder schuld. Das ist praktisch, denn mit so einem Sündenbock in einem fernen Land kann man ganz gut von eigenen Fehlern ablenken.

Venedig kämpft mit zwei Luxusproblemen: zu viel Wasser und zu viele Touristen. Hier zahlt man in bester Lage 25 € pro Nacht – für das WLAN! Das Zimmer kostet über 1.000 €. Angesichts dieser Preise entschieden wir uns spontan für eine Pension auf dem Festland und nahmen die Straßenbahn.

Ohne Schiff kommt man in Venedig nicht weit. Wassertaxis, Wasserbusse und Gondeln für die Touristen bestimmen das Bild. Sogar der Notarzt kommt mit dem Boot.

Notarztboote
Notarzt und Sanitätsboote

Schon lange vor Corona hat man in Venedig Gesichtsmasken zur Kunstform erhoben.

Schaufenster mit Masken in Venedig
Fachgeschäft für medizinische Gesichtsmasken

Die Hauptattraktionen Venedigs werden tagsüber von Touristen überschwemmt. Geduld beim Schlange stehen ist hier eine gefragte Tugend.

Der Dogenpalast umringt von Touristen

Auf der Piazza San Marco sind die Touristen trotzdem in der Minderheit; hier dominieren Milliarden von Tauben. Die Basilica di San Marco wirkt von außen wie eine normale Kirche.

Basilika di San Marco
Markusdom mit Touristen und Tauben

Drinnen wird allerdings schnell klar, dass es sich in Wirklichkeit um die Musterausstellung eines Fliesenfachgeschäfts handelt.

Mosaik im Markusdom
Fliesenmosaike in der Basilica di San Marco

Einheimische sieht man in Venedig kaum. Sie sind nahezu unsichtbar. Auf diesem seltenen Schnappschuss sind drei Gruppen unsichtbarer Frauen zu erkennen – ihre Handtaschen verraten sie.

Unsichtbare Frauengruppen auf dem Nachhauseweg

Der Canal Grande ist die Hauptstraße Venedigs, nur dass sich das Leben in den Hinterhöfen abspielt.

Canal Grande
Canal Grande

Auch die meisten Nebenstraßen sind nur mit Booten zu erreichen.

Wasserstraße in Venedig
In den Straßen von Venedig

Wenn man sein Haus verlässt, sollte immer ein Boot vor der Tür stehen.

Enger Kanal in Venedig
Ohne Boot kommt man in Venedig nicht weit.

Venedig hat eine einzigartige Berufsgruppe hervorgebracht: den Gondoliere. Die Gondellizenzen sind streng limitiert, wie bei Taxis in anderen Städten. Die Berufskleidung der Gondolieri stammt vom selben Modedesigner, der auch schon erfolgreiche Kollektionen für so beliebte Institutionen wie Alcatraz, Sing Sing und das Folsom Prison entworfen hat.

Gondoliere
Gondoliere

Der Beruf des Gondoliere bietet nur sehr begrenzte Alternativen auf dem globalen Stellenmarkt, aber in der Saison geht die Arbeit in Venedig nicht aus.

Stau im Kanal
Verkehrsstau im Kanal

Wenn du zum ersten Mal in Venedig bist und dein anfängliches Staunen über die vielen Kanäle, Brücken und Paläste überwunden hast, fragst du dich bestimmt, wie man so bescheuert sein kann, eine ganze Stadt mitten ins Meer und dazu noch auf sandigen Untergrund zu bauen. Du wirst es mir nicht glauben, aber schuld daran sind mal wieder die Chinesen.

So ein ausgemachter Quatsch, wirst du jetzt denken, die Chinesen waren doch noch gar nicht in Europa bekannt, als im 5. Jahrhundert Venedig gegründet wurde. Klar, da hast du recht, aber warte! So einfach ist das nicht. Ich versuche mal, den Kern der ganzen Geschichte zusammen zu fassen.

Die Hunnen waren damals als nomadisches Reitervolk in den Steppen Zentralasiens unterwegs. Irgendwann hatten sie die Schnauze voll davon, ihre Ziegenherden von einer kargen Weide zur nächsten zu treiben und sich von Ziegenmilch und Hammelfleisch zu ernähren. Das kannst du sicher gut verstehen, deine Laune wäre wahrscheinlich auch nicht die Beste bei dieser Speisekarte. Sie kamen auf die originelle Idee, zur Abwechslung das eine oder andere Dorf zu überfallen und so ihren Speiseplan zu bereichern. Blöderweise hatten die Hunnen noch keinen Begriff von Nachhaltigkeit, und so metzelten sie die Dorfbewohner einfach nieder und brannten die Dörfer ab.

Klar, dass sie im Lauf der Jahre immer weitere Beutezüge unternehmen mussten, denn mit dieser Methode konnten sie jedes Dorf nur einmal besuchen. Keine Ahnung, ob es den hunnischen Reitern klar war, mit wem sie sich da anlegten, als sie Jahr für Jahr immer ein bißchen weiter nach Osten zogen, aber irgendwann bekam der chinesische Kaiser mit, dass da Jemand an der Außengrenze seines Reiches zündelte. Nun hatten die chinesischen Herrscher schon früher reichlich schlechte Erfahrungen mit aufsässigen Reitervölkern gemacht, weshalb sie ja auch die chinesische Mauer erbaut hatten. Du wirst dich also nicht wundern, dass der Chinese keinen Wert auf diplomatische Feinheiten legte und postwendend eine Armee schickte. Spaßfaktor praktisch gleich null.

Die Hunnen begriffen recht schnell, woher der Wind wehte und verlegten ihre Aktivitäten ruckzuck nach Westen. Dort vertrieben sie die Goten, die ihrerseits die Vandalen in die Flucht schlugen, die wiederum Richtung römisches Reich drängten. Insgesamt führte dieser Dominoeffekt zu einer gewaltigen Völkerwanderung. Alle suchten eine neue Heimat, und alles nur, weil die Chinesen so humorlos auf ein paar gebrandschatzte Dörfer reagierten.

Attila, der Hunnenkönig erwarb sich damals mit seinem Reiterheer einen derart schlechten Ruf in Europa, dass sich die wohlhabenden Römer in die Hose machten. Um ihre Reichtümer in Sicherheit zu bringen, wussten sich einige Adelsfamilien nicht anders zu helfen, als auf das Wasser umzuziehen. Die unangreifbare und vor allem pferdesichere Lage in einer Lagune war nebenbei noch für den Handel mit Schiffen so günstig, dass die Venezianer bald den gesamten Mittelmeerhandel beherrschten. Mit ihren Gewinnen konnten sie aufwändige Brücken bauen und großartige Paläste auf unzählige Holzpfähle stellen.

Dogenpalast und Campanile
Dogenpalast und Campanile vom Wassertaxi aus gesehen

Sie hatten dabei nur eine alte Baumeisterregel missachtet: Baue nie auf Sand! Das ging schon beim Turmbau in Pisa schief (im wahrsten Sinn des Wortes) und führt dazu, dass Venedig jedes Jahr um zwei Millimeter tiefer in den Schlamm der Lagune versinkt.

Campanile
Der schiefe Turm von Venedig? Nein. Der schräge Fotograf vom Bodensee!

Viele Gebäude haben deshalb schon unbewohnbare Erdgeschosse. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sich der Anstieg des Meeresspiegels durch die Erderwärmung auswirken wird. Vielleicht sollte man ein Tauchzubehörgeschäft in Venedig eröffnen.

Häuserfront in Venedig
Nasse Wände wohin man schaut

Du siehst also, die Chinesen hatten vielleicht keine Schuld im moralischen Sinne, aber sie waren zumindest indirekt der Auslöser für die Erbauung Venedigs. Heute sorgen die chinesischen Touristen wenigstens für etwas ausgleichende Gerechtigkeit: sie finanzieren die italienischen Designerläden, indem sie scharenweise überteuerte Handtaschen kaufen. Tagsüber kommt man in den verstopften Gässchen kaum voran, aber wenn die Touristenbusse wieder abgezogen sind, findet man selbst in Venedig Zeit für ein Nickerchen:

Hund entspannt sich auf Stuhl
Wenn die Touristen abziehen, erobern sich die Einheimischen den Platz zurück

Übrigens, Geschichte wiederholt sich: auch die Hunnen merkten irgendwann, dass Reisen sinnlos ist und wurden in der ungarischen Tiefebene seßhaft. Attila heißt jetzt Viktor Orban und erwirbt sich gerade erneut einen ziemlich schlechten Ruf in Europa. Und wieder versinkt etwas im trüben Morast. Nur ist es diesmal keine Stadt, sondern Pressefreiheit und Demokratie.

Thailand

Von Tempeln, Ruinen, Elefanten und dem Überlebenskampf im Straßenverkehr

Blick aus dem Flugzeug

Von Bangkok nach Rayong

Die Aussicht auf grauen Nieselregen bei einstelligen Temperaturen löste bei uns auch diesen Winter einen Fluchtreflex aus. Wir hatten einen Direktflug nach Thailand mit Eurowings gebucht, einer Fluglinie, die sich durch Streiks und Überbuchungen einen durchwachsenen Ruf in den Internetforen hart erarbeitet hat. Die Ansage des Flugkapitäns stärkt unser Vertrauen auch nicht: „Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht ihr Kapitän. Wir sind jetzt bereit zum Start. Heute fliegt uns Frau Krause nach Bangkok“.

Nicht die Copilotin Krause, nicht die erste Offizierin Krause. Einfach nur Frau Krause. Das klingt, als ob man spontan jemanden vom Reinigungspersonal verpflichtet hätte, weil der Copilot wegen Pilzvergiftung ausfiel. „Ach, Frau Krause, ob Sie uns wohl aushelfen können? Sind Sie schon mal in einem Airbus-Cockpit gesessen? Nein? Das macht nichts. Sie fahren doch jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, das ist auch nicht so viel anders als Fliegen“. Und wieder wird mir bewusst, wie ausgeliefert man in einem Flugzeug ist. Eine zehnstündige Übung in Demut.

Frau Krause überfliegt dann aber routiniert so friedliebende Länder wie Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan und Krisenregionen wie die Krim und Kashmir ohne dass uns eine versehentlich abgefeuerte Rakete trifft. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel in Bangkok ist da schon spannender.

Stand auf dem Nachtmarkt

Auf dem abendlichen Straßenmarkt in Bangkok schlemmen wir uns unter Missachtung aller Hygieneregeln durch die Stände. In Deutschland streitet man darüber, ab wann eine Kühlkette bei empfindlichen Lebensmitteln als unterbrochen gilt. Im thailändischen Wortschatz gibt es keinen Begriff für „Kühlkette“. Hier liegen die rohen Fleischstücke und Sushis ohne Kühlung bei 35 Grad an den Ständen solange aus, bis sie Jemand isst – entweder Menschen oder die Fliegen.

Das hier sind Babycrepes mit Kokosraspeln und diversen Leckereien gefüllt. Manchmal erfährt man nicht, was man isst, aber lecker ist es allemal…

Crepes

…Außer der gegrillte Tofu – der schmeckte eher wie gepresste Holzabfälle. Der Preis hätte uns stutzig machen sollen. Ein Spieß mit Okraschoten, einer mit Pilzen und einer mit Tofu für insgesamt 80 Cent – das ist selbst in Thailand verdächtig wenig.

Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück gebratenen Reis und leckere Spaghetti. Die Chillischoten sind nach thailändischem Maßstab „little spicy“. Für den mitteleuropäischen Magen sind sie ein Todesurteil, an Ort und Stelle vollstreckt. Im Preis inbegriffen sind 7% Steuer und eine Feuerbestattung.

Frühstück

Nach dem Frühstück holen wir den Mietwagen ab und stürzen uns in die Straßen von Bangkok. Linksverkehr ist gar nicht so schwierig. Man muss nur auf der falschen Seite des Autos einsteigen und alles anders machen als gewohnt. Rechts überholen zum Beispiel, was durchaus Überwindung kostet. Also lasse ich den Motor an und setze den Blinker. Dann schalte ich den Scheibenwischer wieder aus und setze den Blinker. Dann schaue ich sorgfältig, ob alles frei ist und biege rechts ab. Und sehe das Weiße im Auge eines wild hupenden Minivanfahrers, in den ich beinahe frontal reingefahren wäre.

Blick vom Balkon des Beach Appartements Hat Mae Ramphuong, wo wir einige herrliche Tage lang die Seele baumeln ließen:

Strandblick

Heute hatten wir eine Sprachstunde in Thailändisch bei unserer Wirtin Sunan. „Koorb kunn“ heißt „Danke“ und „Sawasdee“ bedeutet „guten Tag“. Eigentlich ganz einfach. Aber dann geht es erst richtig los. Männer hängen hinten ein „krabb“ an, Frauen ein „ka“. Und dann legt man die Handflächen zusammen und hebt sie auf die Höhe, die dem Status des Gegenübers entspricht. Also an die Stirn, wenn man einen Mönch begrüßt und an den Bauch, wenn man die Schwiegermutter ärgern will. Und dabei immer schön lächeln, sonst wirkt es beleidigend. Ganz schön kompliziert.

So überfüllt ist der Strand nur am Wochenende. Werktags ist man hier so alleine, dass man sich unwillkürlich fragt, ob der Strand wegen Quallen, Haifischen oder Atommüll gesperrt ist. Aber nein. Hier gibt es einfach viel mehr Strand als Touristen. Und der Thailänder geht eher nicht zum Baden.

Einsamer Strand

An diesem Strand finde ich endlich die Antwort auf die Suche nach dem Sinn des Lebens: das Leben braucht gar keinen Sinn. Es reicht eine warme Mahlzeit am Tag und die coolste aller Frauen im Liegestuhl nebenan. Es gibt hier nur drei Probleme (an der Größe dieser Probleme kann man ablesen, wie gut es uns geht):

  1. wenn der Schatten wandert, muss man seinen Liegestuhl umsetzen.
  2. Wenn die Blase voll ist, muss man aufstehen.
  3. Das Rauschen der Wellen macht so schläfrig, dass man kaum schreiben kannnnnnnnnnn.

Das Abendessen in einem Straßenrestaurant ist so extrem spicy, dass es Löcher in meine Magenwand brennt. Hoffentlich kommt der Durchfall heute Nacht, denn morgen Mittag fliegen wir nach Chiang Mai.

Von Chiang Mai nach Lampang

Über Chiang Mai, die Perle im Norden Thailands, ist schon viel geschrieben worden. Deshalb hier nur in aller Kürze das Wichtigste: Tempel, Thaimassage, leckeres Essen, Tempel, Nachtmarkt, Tempel, Taxis, leckeres Essen, Tempel, leckeres Essen, Ausflüge zu Tempeln, leckeres Essen. Ein buddhistischer Mönch erklärt uns die drei wichtigsten Regeln des Buddhismus:

  1. Tu nichts Böses! Das fällt mir leicht, denn wer nichts tut, kann auch nichts Böses tun.
  2. Tu Gutes! Das ist schon schwieriger. Da muss ich mal nachdenken.
  3. Lebe im Jetzt! Das geht im Urlaub ganz gut, wenn nur nicht dieser Rückflug wäre.

Um in Thailand günstig telefonieren zu können, erwarb ich gestern für 5 Dollar ein vierwöchiges All-inclusive-Starter-Paket. Die Verkäuferin sprach zwar keine mir bekannte Sprache, aber wir haben uns auch so verstanden. Sie tippte minutenlang mit flinken Fingern auf meinem Handy herum, installierte mehrere Pakete und schaltete alles Mögliche frei. Seitdem sehen meine Kontakte so aus:

Kontakte

Dann geht es im Mietwagen nach Lampang. Im thailändischen Straßenverkehr gibt es nur eine einzige Regel: Might has right – der Stärkere hat Vorfahrt. Das können sich auch all die Autofahrer merken, die hier ohne Führerschein, ohne Fahrschulunterricht und ohne Versicherung fahren. Schilder und Ampeln werden eher als Empfehlung gesehen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen, besorgen wir uns eine einheimische Gebetskette aus Blumen.

Im allgemeinen gilt Linksverkehr. Ausgenommen sind Radfahrer, Roller, Tuk-Tuks und alle Fahrzeuge, die nachts ohne Licht fahren. Die dürfen auch rechts fahren oder in der Mitte oder wo auch immer man sie am wenigsten erwartet. Ach ja, und kurze Strecken von weniger als 100 Meter darf man auch auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren – um unnötige Umwege zu vermeiden. So bleibt jede Fahrt ein spannendes Erlebnis.

Abends gibt es dann unaussprechliche Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt. Dieses mal versuchen wir dampfgegarte, gummiartige blaue Geleeteigtaschen mit einer unbeschreiblichen Füllung. Das Ganze verhält sich im Mund, als ob es leben würde und auf keinen Fall geschluckt werden will. Aber lecker.

Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt

Eigentlich ist vegetarische Ernährung in Thailand kein Problem,  wenn da nur die Sprache nicht wäre. Der ratlose Vegetarier steht dann vor den Töpfen mit lecker duftenden Curries und rätselt über den Inhalt. Auf die Frage „Only vegetables?“ nickt der Koch stolz, zeigt auf einen Topf und antwortet „Only vegetables!“. Zeigt man auf den gleichen Topf und fragt „Chicken?“, dann nickt er ebenfalls und antwortet mit strahlendem Lächeln „Chicken!“. Man kann dann noch den ultimativen Gegen-Check machen und den Koch fragen „Can I  eat your mother?“. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Wenn er stolz nickt und „Mother!“ antwortet, sucht man sich lieber ein anderes Restaurant mit besseren Englischkenntnissen. Im zweiten Fall muss man sich ebenfalls ein anderes Restaurant suchen, dann aber mit blauem Auge.

Meine thailändische Simkarte ist toll. Ich habe an einem Tag 23 solche Nachrichten bekommen, unter anderem von true money, true girls und true love:

SMS Nachrichten

Lampang ist touristisch eher unbekannt, bietet aber etliche wunderschöne Tempel, wie diesen massiven Elefantenschrein aus etwa zehn Milliarden Karat Gold:

Goldener Tempel mit Elefant

Nachhaltigkeit geht im Buddhismus so: der Pilger kauft am Eingang des Tempels Blumen, opfert sie am Altar und fühlt sich gut. Der Blumenverkäufer räumt alle zehn Minuten den Altar auf, verkauft die eingesammelten Blumen an den nächsten Pilger und fühlt sich ebenfalls gut. Ein geschlossener Kreislauf, bei dem sich auch die Natur gut fühlt.

Von Lampang aus machen wir einen Tagesausflug zum Wat Chaloem Phra Kiat Phrachomklao Rachanusorn (auf Deutsch: Pagoda in the sky). Mitten in den Bergen haben Mönche auf die unmöglichsten Felsen kleine Tempelchen gebaut. Denn je anstrengender der Bau, desto größer die Ehrerbietung gegenüber Buddha.

Pagoda in the sky

Anstrengend ist auch der Aufstieg über unzählige Treppen über fünfhundert Höhenmeter bei 35 Grad im Schatten. Aber alle Mühe ist vergessen, wenn man vor den Tempeln in der Stille der Bergwelt steht und die heilige Glocke der Erleuchtung anschlagen darf, bis der Fels wackelt.

Die Glocke schlagen

Auf dem Rückweg besuchen wir noch ein besonderes Highlight: Die versteinerten Fußabdrücke Buddhas. Ich habe allerdings Zweifel an der Echtheit, denn erstens lebte Buddha nicht in der Steinzeit und zweitens hatte er nicht Schuhgröße 250. Aber andere Religionen rühmen sich ja auch mit allerlei zweifelhaften Reliquien, da sollte man vielleicht nicht zu kleinlich sein.

Von Lampang nach Sukhothai

Von Lampang führt unser Weg nach Süden, vorbei am einzigen Elefantenhospital Thailands. Hier werden kranke Wildelefanten mit riesigen entzündeten Hämorrhoiden operiert und ausgediente Arbeitselefanten versorgt.

Elefanten beim Baden

Überhaupt scheinen Elefanten hier in der Gegend einen hohen Stellenwert zu haben, wie dieses Tempelbildnis zeigt:

Skulptur einer göttlichen Elefantenfamilie

Unterwegs kann man Weisheit und Erleuchtung direkt ins Hirn tanken:

Tempelfigur

In der ehemaligen Königsstadt Sukhothai sind weitläufige Tempelruinen zu bestaunen, die man am Besten mit dem Fahrrad erkundet.

Ruinen von Sukhothai

Besonders schön sind die Ruinen bei Nacht:

Stupa in Sukhothai bei Nacht

Vor allem, wenn man die Silvesternacht in so einer wunderschönen Umgebung erleben darf. Die Vorführungen der traditionellen Tanz- und Musikgruppen aus allen Regionen Thailands waren zwar interessant, aber für europäische Ohren auf Dauer etwas anstrengend.

Bangkok hat etwa 10 Millionen Einwohner. Die meisten davon waren heute mit uns zusammen auf der A1 im Neujahrs-Rückreisestau. Wir haben dabei unsere Position im unteren Drittel der Hackordnung im Straßenverkehr gefunden: Busse, Trucks, Minibusse, SUV und Vans stehen unangreifbar über unserem Mittelklasse-Honda und werden von uns respektvoll gemieden, egal wieviel Vorfahrt wir theoretisch haben. Am anderen Ende der Nahrungskette kämpfen Fußgänger, Radfahrer, Handkarren, Rollerfahrer und Tuk-Tuks um ihr Überleben.

Am Ende eines langen Tages erreichen wir dann das schmucklose Sing Buri (das Bielefeld Thailands) als letzten Zwischenstop vor dem Flug nach Kambodscha, aber das ist eine andere Geschichte.

Sonnenuntergang in Sukhothai




Die Tempelwächter

Vor thailändischen Tempeln tummeln sich allerlei zwielichtige Gestalten. Dieser Beitrag gibt einen kleinen Überblick.

In buddhistischen Tempeln steht meist, wer hätte es gedacht, eine mehr oder weniger vergoldete Buddhastatue.

Buddhastatue golden

Um dieses Heiligtum vor bösen Geistern zu schützen, stehen vor dem Eingang die Tempelwächter. Nebenbei sollen sie den Besuchern den gebührenden Respekt einflössen, was bei manchen westlichen Touristen dringend erforderlich ist.

Sehr beliebt sind Drachen an Ein- und Ausgang, damit man eventuelle Frevler auch noch beim Verlassen des Tempels erwischen kann:

Drachen am Eingang eines Tempels

Bei hohem Besucherandrang ist Vielköpfigkeit von Vorteil. Hier sieht man die buddhistische Version der Hydra. Man beachte die Zähne am unteren Bildrand:

vielköpfiger Drachen

Wenn in Zeiten von Corona die Besucher ausbleiben, spielen die Wächter gerne mal untereinander Fangen:

Drache frisst Drache

Diese Kreuzung zwischen Wachhund und Frosch kann extrem weit springen und damit böse Geister schon von Weitem vernichten:

Hundefrosch

Dieser kleine Wadenbeißer ist eher humorlos. Offenbar hat er etwas schwer Verdauliches gefressen und leidet jetzt unter Magenschmerzen:

schlechtgelaunter Tempelwächter

Sein Brüderchen hingegen scheint noch hungrig zu sein:

Drache

Dieses sympathische Exemplar namens Mom hat sich auf böse Schwiegermütter spezialisiert, die es mit Haut und Haar, mit Handtasche und Hut verspeist. Wie man rechts unten sieht, bleiben nur die Schuhe übrig:

Die Körpersprache spricht Bände. „Noch zwei Schritte, Fremder, und ich mache dich einen Kopf kürzer!“:

Wächter mit Schwert

Mit dieser Zehnkämpferin der Kriegskunst ist absolut nicht zu spaßen. Wenn dieses Schweizer Taschenmesser Handgranaten wirft, will man nicht in der Nähe sein:

vielarmige Kriegsgöttin

Dieser Albtraum der Füchse bewacht den Hühnertempel:

Hühnerwächter

Einmal im Jahr treffen sich die Tempelwächter im Trainingslager:

mehrere Tempelwächter

Dieser Kollege sieht etwas erschöpft aus. Es ist aber auch wirklich kein Spaß, jahrhundertelang Tag für Tag gegen böse Geister zu kämpfen. Und zum Dank wird man mit albernen Girlanden behängt und bekommt Himbeerlimonade geschenkt:

melancholischer Dämon

Zum Abschluß zeige ich noch zwei Spezialisten aus der Sicherheitsbranche. Dieser gemütliche Zeitgenosse kämpft nicht, er sitzt und beobachtet. Seine Aufgabe ist es, sich alle Gesichter zu merken, denn Elefanten haben ein besonders gutes Gedächtnis. Buddhistische Gesichtserkennung:

Elefantenskulptur

Und dieser drollige Geselle ist der am meisten unterschätzte Tempelwächter. Denn wenn er die Fanfare bläst, rückt die Kavallerie in Null komma nichts an:

trötender Elefant

Buddhistische Kugelkrebse

Der ewige Kreislauf des Lebens

Lange gab das Wirken der buddhistischen Kugelkrebse an Thailands Stränden der Wissenschaft Rätsel auf. Diese etwa 1 cm kleinen Winzlinge formen im Akkord Kugeln aus Sand, mit denen sie die Vorgärten ihrer Höhlen-Wohnungen verzieren, fast wie die schwäbischen Häuslebesitzer mit ihren Gartenzwergen.

kugelkrebs

In der Mitte wohnt der Obermufti mit den größten Kugeln. Drumherum siedelt eine ganze Kolonie, die die Wege zwischen ihren Höhlen mit ihren Scheren freifegen. Ganze Städte und Straßenzüge entstehen auf diese Weise.

kugelkrebse

Sechs Stunden lang belegen die Krebse bei Ebbe ohne Pause den Strand mit ihren Kugeln. Dann kommt die Flut und spült alles weg. Und nach weiteren sechs Stunden macht sich die Nachtschicht an die Arbeit, bis die nächste Flut wieder alles vernichtet.

kugelkrebse am Strand

Unserem Reporter gelang es nun erstmalig mit einer erweiterten Beta-Version von Google Translate ein Interview mit einem buddhistischen Kugelkrebs zu führen. Auf die Frage nach dem tieferen Sinn ihres lebenslangen vergeblichen Kugelbauens antwortete der Krebs in bester buddhistischer Tradition: „Der Weg ist das Ziel“.

Ob man sich denn nicht wenigstens die Nachtschicht sparen könnte, wo die Flut doch alles wieder zerstört, bevor es überhaupt Jemand sehen kann, wollte unser Reporter wissen. „Dann wären Yin und Yang nicht mehr im Gleichgewicht“, war die lapidare Antwort des Krebses. Und damit zurück ins Studio.

kugelfisch

Nein, das hier ist kein überfressener Kugelkrebs, sondern ein gestrandeter Kugelfisch. Kinder aufgepasst! So ergeht es einem, wenn man zuviel Brausepulver auf einmal isst.

Richtigstellung:

In unserem Artikel hat sich ein Fehlerteufelchen eingeschlichen: die Kugelkrebse sind natürlich keine Buddhisten, sie sind konfessionslos. Und sie ernähren sich, indem sie von Sandkörnern die organischen Ablagerungen ablutschen. Und damit sie nicht versehentlich zweimal das gleiche Sandkorn ablutschen – immerhin sehen die sich ziemlich ähnlich – formen sie aus den abgelutschten Körnern eine Kugel und werfen sie hinter sich.

Und die Kugelkrebse sind heilfroh, dass die Flut alle zwölf Stunden ihr Werk wieder wegspült. Bei der nächsten Ebbe können sie dann nämlich einfach wieder die Sandkörner ablutschen, auf denen das Meer neues Fresschen abgelagert hat.

Das ist der ewige Kreislauf des Lebens.

Kressbronn

Ein Fahrradausflug ist in der Regel keine aufregende Sache. Aber manchmal reicht eine winzige Kleinigkeit, und schon kommt man vom rechten Weg ab und gerät unversehens in ein Abenteuer, das einem hinterher keiner glaubt. Ein Cappuccino zur falschen Zeit kann so eine Kleinigkeit sein…

Bei dieser Geschichte muss ich zugeben, dass meine Fantasie etwas mit mir durchgegangen ist. Wie alle Erzählungen unter dem Menüpunkt „Geschichten“ ist sie etwas länger als die typischen Blogeinträge. Also wenn du Lust darauf hast, warte auf einen Regentag, nimm dir etwas Zeit und dann viel Spaß beim Lesen.

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Das sinnlose Corona-Virus

Wie das Virus zur Hebamme wurde

Dieses neuartige Corona-Virus ist genauso sinnlos wie eine Urlaubsreise. Zumindest konnte mir noch niemand den Sinn dieses kleinen Quälgeistes erklären. Es ist so klein, dass man es nicht einmal zertreten kann, wenn es auf dem Boden liegt. Es hat keinen eigenen Stoffwechsel und kann sich nicht ohne die Hilfe eines Wirtes fortpflanzen, weshalb sich Experten bis heute darüber streiten, ob es überhaupt zu den Lebewesen zu zählen ist. Das Corona-Virus hat kein Gehirn – vielleicht hat es sich deshalb ausgerechnet das Lebewesen auf der Erde mit dem leistungsfähigsten Gehirn als Wirt ausgesucht. Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Und trotz dieser doch ziemlich bescheidenen Voraussetzungen hat es einige Dinge vollbracht, die vor wenigen Wochen noch absolut unvorstellbar waren:

  • vermeintlich zivilisierte Menschen streiten sich um die letzte Packung Klopapier
  • Pflegekräfte bekommen einen Bonus
  • Ingenieure schütteln sich nicht mehr die Hände
  • Ich bin zum Blogger geworden.

Schon seit einiger Zeit hatte ich meine Reisebeobachtungen in meinen WhatsApp-Status getippt. Leider vernichten diese Statusmeldungen sich nach 24 Stunden durch einen Selbstzerstörungs-Mechanismus von alleine und sind dann für immer verloren. Daher lag ein Blog als dauerhafter Lagerplatz für meine Geschichten schon länger in der Luft. Nur die Zeit fehlte bisher.

Durch den Lockdown fiel unser Oster-Wanderurlaub auf Mallorca aus und ich sitze nun Zuhause auf der sozialen Isolierstation. Und vor lauter Langeweile nahm ich nun also tatsächlich dieses Projekt in Angriff. Wenn man der Coronakrise unbedingt etwas Positives abgewinnen möchte, könnte man also sagen, Corona sei der Geburtshelfer dieses Blogs.

Nun müssen nur die Reisebeschränkungen wieder aufgehoben werden, denn ohne Reisen macht ein Reiseblog nicht wirklich Sinn.

Think positive!

Nachtrag 25.04.2020: Ab Montag ist Maskenpflicht beim Einkaufen. Unsere achtzigjährige Nachbarin hat das ganze Viertel mit selbstgenähten Stoffmasken versorgt.

Mann mit Gesichtsmaske, die alles verdeckt

Echt praktisch, so eine Maske. Am Montag werde ich auf die Bank gehen und Geld abheben. Von fremden Konten.

Nachtrag 09.01.2021: Das mit den Bonuszahlungen für Pflegekräfte hat wohl doch nicht so gut funktioniert, wie es versprochen wurde. Aber Schuldirektoren haben inzwischen einen Bonus bekommen. Fürs wochenlange Nichtstun bei vollem Gehalt. Die armen Rektoren hätten mit ihrer Gehaltsgruppe sonst wohl kaum überlebt. Manche Dinge verändert eben nicht mal ein Virus.

Sensationsfund im Donautal

Die Menschheit ist vielleicht älter als man denkt. Viel älter.

Archäologen berichten von einem sensationellen Fund im württembergischen Donautal. In einem Felsen wurden Fragmente einer versteinerten Maria mit Jesus gefunden.

Dieser Fund ist an sich schon ungewöhnlich, denn die Wirkungsstätte von Jesus wurde bisher eher im östlichen Mittelmeerraum verortet. Die eigentliche Sensation wurde nach einer Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode offenbart: Der Fels, in dem die Versteinerung gefunden wurde, stammt aus der Jurazeit und ist etwa 150 Millionen Jahre alt.

Daraus ergibt sich die logische Schlussfolgerung, dass die Menschheit offensichtlich viel älter ist, als man bislang glaubte. Und die Bibel müsste ihre Zeitrechnung überarbeiten. Nur ein klein wenig.

Thessaloniki

Besuch in der Heimat von Aristoteles und Alexander dem Großen

Der bis auf den letzten Platz ausgebuchte Flug mit Aegean Airlines von München nach Thessaloniki startet mit 30 Minuten Verspätung. Ich bin der einzige Nichtgrieche an Bord. Die Flugbegleiter haben alle Mühe, die Passagiere auf ihre Sitzplätze zu bekommen. Lautstarke Diskussionen über Sitzplatzwechsel zum Zwecke der Familienzusammenführung werden überlagert von hitzigen Streitereien über Handgepäck. Das Ganze wird übertönt vom Gebell eines Yorkshire-Terriers, der in seiner Reisetasche weder in die Overheadbins noch unter den Sitz passt. Auf dem Schoß seines Frauchens schnappt er wie eine tollwütige Kobra um sich und verletzt beide Sitznachbarn. Diese Skulptur an der Uferpromenade von Thessaloniki beschreibt das Chaos an Bord ganz treffend:

Skulptur mit Chaos

Im Hotel werde ich von der eigenwilligen Gestaltung der Türen überrascht. Ich hatte mich bisher nicht als ungewöhnlich groß eingeschätzt.

zu kleine Tür

Aristoteles, Schüler von Platon und Lehrer von Alexander dem Großen wirkte hier in Thessaloniki. Ihm haben wir bahnbrechende Wissenschaften zu verdanken, wie die Logik, Staatstheorie, Naturphilosophie und einige mehr. Ein Universalgelehrter eben.

Bildnis von Aristoteles

Alexander der Große lernte in Thessaloniki von Aristoteles, wie man eine friedliche demokratische Gesellschaft gründet. Dann schwang er sich auf sein Pferd und eroberte in blutigen Feldzügen ein Weltreich. Mit 30 Jahren beherrschte er die halbe bekannte Welt. Mit 33 Jahren starb er an einer banalen Infektion. Ob sich das unterm Strich gelohnt hat?

Alexander der Große zu Pferd

Der weiße Turm ist das Wahrzeichen von Thessaloniki. Er ist eigentlich zu nichts zu gebrauchen.

Der weiße Turm in Thessaloniki

Vielleicht noch, um Piratenschiffe abzuwehren, wenn sie so blöd sind, direkt vor den Turm zu fahren.

Blick vom weißen Turm

An der Uferpromenade von Thessaloniki läuft es am Wochenende ähnlich wie in Friedrichshafen. Der Grieche schnappt seine Familie und spaziert die Promenade auf und ab, bis ihn alle Nachbarn und Bekannten gesehen haben. Nur dass Thessaloniki ein paar mehr Einwohner und eine schmalere Promenade hat. Wer Körperkontakt sucht, ist hier richtig.

Blick auf Uferpromenade Thessaloniki

Der beste Konditor Griechenlands heißt Terkenlis. Ein Stück der Schokoladentorte ernährt eine fünfköpfige Familie eine Woche lang.

Schokoladentorte

Löchrige Regenschirme? Vom Wind verwehte Sonnenschirme? Frage nicht, Fremder, das ist Kunst!

Kunst

Ich kann zwar kein Griechisch, aber ich bin mir ziemlich sicher, was das Schild ungefähr bedeutet: „Niemals mit dem linken Fuß zuerst auf dieses tolle Spielzeug klettern, immer mit dem rechten Fuß beginnen!“

Kran mit Schild

Seit die alten Griechen von den Römern besiegt wurden, mögen sie diese nicht mehr so richtig leiden. Als kleine Rache wird alles, was aus der römischen Zeit stammt eingezäunt und den Katzen überlassen.

Ruine mit Katzen

Oder einfach konsequent ignoriert und dem Verfall überlassen, wie dieser Galeriusbogen.

Galeriusbogen

Die Griechen sind gewiefte Geschäftsleute. Um die Ladenöffnungszeiten zu umgehen, wird einfach ein Restaurant in einen Laden integriert. Man kann zwischen Vorspeise und Hauptgang dann schnell noch etwas Schinken für Zuhause kaufen. Und wenn einem der Wein zum Essen geschmeckt hat, kann man gleich ein Fläschchen käuflich erwerben.

Restaurant mit Laden

Valencia

Man sollte Architekten keinen Alkohol geben!

In Valencia fällt mir ein krasser Gegensatz auf: während es bei der altehrwürdigen Kathedrale nicht einmal für einen Turm gereicht hat, warten die modernen Gebäude mit allen Finessen auf, die einem Architekten einfallen können.

Kathedrale von Valencia ohne Turm
Eine Kathedrale ohne Turm? Eigenartig

Bei manchen Bauwerken hat man zwar den Eindruck, dass der Architekt etwas zu viel Sangria intus hatte, aber sehenswert sind sie allemal. Das hier ist entweder ein Auge oder die weiße Weltkugel in einem Raumschiff, das im Meer versinkt:

Das Auge von Valencia
Das Auge von Valencia

Hier wurde ein Baum solange in einer Kugel eingesperrt, bis er verdorrt ist. Quasi ein missglücktes Biosphären-Projekt:

Kuegel in Valencia
Verdorrter Baum in einer sinnlosen Kugel – Was will uns der Künstler damit sagen?

Bei diesem Bauwerk ist nicht überliefert, was sich der Architekt bei seiner Gestaltung gedacht hat. Vielleicht Haifisch? Oder Star Wars?

Gebäude
Ohne Worte

Diese wunderschöne Skulptur im Vordergrund trägt den Namen „der Baum in meinem Garten“. Naja, vielleicht nach einem Atomkrieg.

Der Baum in meinem Garten
Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Auch das Opernhaus lässt Raum für Interpretationen: Küchenschabe? Kakerlake? Raumschiff?

Opernhaus Valencia
Das Opernhaus von Valencia

Und hier noch die Ausgeburt des Wahnsinns: Eine gigantische Harfe mit Köpfen, die sich nach dem Wind drehen:

Kunst
Kunst muss man nicht verstehen…

Nun fragt man sich vielleicht, warum in Valencia so viele so ungewöhnliche Bauwerke stehen. Ganz einfach. Es ist nämlich so, dass Valencia regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht wurde, weil der Fluss Turia, der die Altstadt umschloss, über die Ufer trat. Das hatten die Bürger irgendwann satt und machten Nägel mit Köpfen: Sie verlegten den ganzen Fluss einfach großräumig. Dadurch wurde im ehemaligen Flussbett plötzlich ganz schön viel Platz in bester Citylage frei. Also veranstalteten die Valencianer einen Architekturwettbewerb. Bei Gestaltung und der Auswahl der Gewinnerprojekte floss offensichtlich reichlich Alkohol. Tja, das haben sie nun davon.

Essen und Trinken ist hier übrigens deutlich wichtiger als Arbeiten. Das Mittagessen beginnt um 14:00 Uhr und dauert mindestens zwei Stunden. Und wenn der Mitteleuropäer so gegen 22:00 Uhr langsam ins Bett geht, trifft man sich hier zum Abendessen. Ich durfte an einem zwölfgängigen Tapasmenü teilnehmen, von dem ich heute noch träume. Auf einem offenen Akazienholzfeuer gegrillter Babykalamar, zehn Stunden lang auf kleiner Flamme gegart und stündlich mit einer Marinade aus den Tränen einer Meerjungfrau beträufelt.

Gnocchi

Oder handgerollte Gnocchi aus bei Vollmond geernteten Chiasamen mit einem Kaviar-Trüffel-Pesto gefüllt, zwei Wochen in Eselsmilch eingelegt und dann im kaltgepressten Olivenöl vom heiligen Berg Olymp geröstet. Solche Sachen eben.

Sandburg
Sogar aus Sand bauen die Valencianer Meisterwerke