Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

Der Firmenlauf

Die alternative Wahrheit über ein eigentlich harmloses Event.

Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!

Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.

Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.

Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.

Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.

Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.

Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“

Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.

Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!

Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.

Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.

Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.

Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.

Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.

Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.

Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Gruppe Cheer Leader, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Der Start – Kein Platz für Schwächlinge

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.

Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Ein endloser Strom schiebt sich durch die Strecke

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.

Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.

Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.

Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.

„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Das beste Team aller Zeiten

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“

„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.

Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (2)

Für die einen ist es nur ein Routineeingriff, für die anderen der wohl peinlichste Moment ihres Lebens.

Nach einigen Tagen mit reizarmer Schonkost ging es Ralf wieder einwandfrei. Ein Gedanke ließ ihn allerdings nicht mehr los. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht ganz so betrunken gewesen wäre und diesem hüpfenden Gummiball auf der Tanzfläche näher gekommen wäre? Ob er wohl in seinem Zustand in der Lage gewesen wäre, alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen korrekt durchzuführen?

Als er sich an die vielen Geschichten über ungewollte Schwangerschaften erinnerte, formte sich ein trüber Gedanke, der in ihm schon länger vor sich hin gärte, zu einer glasklaren Erkenntnis: Nur eine Sterilisation garantierte dauerhafte Sicherheit. Kondome waren angesichts der denkbaren Konsequenzen einfach nicht sicher genug.

In der urologischen Gemeinschaftspraxis erklärte ein erfahrener Arzt routiniert den Ablauf: die Samenleiter werden mit einem klitzekleinen Schnitt durchtrennt, die Enden werden verödet und das Ganze verläuft ambulant. Der Eingriff dauert zwanzig Minuten und kostet fünfhundert Euro, da die Krankenkasse eine „freiwillige Vasektomie als familienplanerische Maßnahme“ (was für ein Ausdruck!) nicht bezahlt. Eine Ultraschalluntersuchung ergab grünes Licht, dank Urlaubszeit war schon in zwei Wochen ein OP-Termin frei und so wurden sie sich schnell einig.

Ralf unterschrieb ein Papierchen wegen den Risiken: tödliche Allergien gegen das Betäubungsmittel, Impotenz, Lähmungen, Wachkoma, eben die üblichen Kleinigkeiten. Aber was soll mit so einem erfahrenen Arzt bei einem Routineeingriff schon passieren? Da Ralf eine panische Angst vor Spritzen und Infusionen hatte, verzichtete er auf die optionale Vollnarkose und machte ein Kreuzchen bei örtlicher Betäubung. Zwanzig Minuten können ja wohl nicht so schlimm werden, dachte er sich. Hätte er da nur noch mal gründlicher nachgedacht…

Zwei Wochen später fand sich Ralf mit nüchternem Magen und frisch rasiert (oben und unten) auf Station 4.21 ein und nahm im Wartebereich Platz. Schon nach zehn Minuten wurde er reingerufen und ein Pfleger in pensionsfähigem Alter bat ihn auf eine Liege. Er könne sich schon mal unten rum frei machen – der Herr Doktor komme gleich. Ralf wertete es als gutes Zeichen, wenn das Personal eine gewisse Reife und Erfahrung aufweisen kann und begann sich zu entspannen.

Wenig später stürmte ein durchtrainierter, braungebrannter Arzt zur Tür herein. Er sah aus, als hätte er gerade ein Tennismatch unterbrechen müssen, weil er dringend in seine Villa an der Cote d’Azur reisen muss. Er schüttelte energisch Ralfs Hand, drückte ihn kraftvoll zurück auf die Liege und sagte: „So, Herr Paschulke, Penisverkleinerung, ist ja ungewöhnlich, dann wollen wir mal“. Mit diesen Worten nahm er eine Spritze von einem Tischchen und beugte sich über Ralfs bloßgelegten Intimbereich.

Als Ralfs Herz nach drei endlosen Sekunden wieder zu schlagen begann, warf das Adrenalin in seinem Blut Blasen. Er versuchte seinen Protest in Worte zu fassen, aber die aufbrandende Panik ließ nur unverständliches Gestammel heraus. Der Arzt lachte wiehernd über sein entsetztes Gesicht und meinte: „War nur ein Scherzchen, ein bisschen Spaß muss sein, Har, Har, Har!“

„Also, ich bin der Anästhesist“, erklärte er dann. „Ich setze Ihnen jetzt die Betäubung, und dann warten Sie draußen, bis Sie zur OP reingerufen werden. Fragen?“ Ralf atmete tief aus und schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt kurz pieksen und ein bisschen unangenehm“, sagte der Tennisarzt und rammte die Spritze in Ralfs empfindlichsten Körperteil. Sein Schrei blieb irgendwo auf halber Strecke stecken, denn eine Supernova explodierte in seinem Schmerzzentrum und raubte ihm den Atem.

„Schön locker bleiben, jetzt kommt noch die andere Seite!“ meinte der Scherzkeks. Diesmal konnte Ralf einen lauten, nicht jugendfreien Fluch brüllen, worauf der Arzt nur meinte „Ja, das tut jetzt weh. Aber das geht gleich vorbei“.

Mühsam wankte Ralf vor die Tür und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Nach einer Weile ließ der Schmerz tatsächlich nach. Stattdessen breitete sich dort unten ein pelziges Gefühl aus, oder eigentlich eher ein Nichtgefühl. Der pelzige Bereich wurde immer größer und bald spürte er am Bauch auch nichts mehr. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und als er aufstehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Eine Pflegerin huschte vorbei, aber sie nahm seinen flehenden Blick nicht wahr und verschwand hinter zischenden Automatik-Türen.

Ralf spürte, wie die Lähmung allmählich nach seinem Zwerchfell griff und ihm wurde schlagartig klar, dass hier etwas schrecklich schief lief. Entweder hatte ihm der Scherzkeks eine Überdosis verabreicht oder er reagierte mit allergischem Schock auf das Betäubungsmittel. Ralf konnte nur noch mit großer Anstrengung gegen seine fortschreitende Atemlähmung ankämpfen. Er überlegte, ob er auf dem Boden robbend die Entfernung bis zur OP-Tür überwinden könnte um dort nach Hilfe zu klopfen. Als ihm klar wurde, dass er mitten im Krankenhaus direkt vor dem OP-Saal sterben würde, brach er in hysterisches Lachen aus.

In diesem Moment öffnete sich die OP-Tür, der Pfleger rief seinen Namen und schaute ihn erwartungsvoll an. Ralf konnte nicht aufstehen, weil die Lähmung jetzt auch seine Beine erreicht hatte und er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, stutzte der Pfleger. „Sie hyperventilieren ja völlig! Jetzt hören Sie doch mal auf, so lächerlich zu atmen!“

Ralf versuchte ihm mit Zeichensprache zu erklären, dass sein Zwerchfell jeden Moment den Dienst einstellen würde, aber der Grobian packte ihn nur unter den Armen, zog ihn in den OP und bugsierte ihn auf die vorbereitete Schlachtbank.

„Ich lege Ihnen jetzt erst mal eine Infusion, dann bekommen Sie ein Beruhigungsmittel und danach wird es Ihnen gleich besser gehen“, sagte er und flüsterte mit einer jungen Frau, die im Hintergrund etwas las, offenbar eine Praktikantin. Als Ralf sich mit aller verbliebenen Kraft gegen die schreckliche Nadel wehrte, die in seinen Arm sollte, beugte die Praktikantin sich über ihn und blickte ihm tief in die Augen. Sie sagte irgendetwas von einem Team und dass er jetzt tapfer sein müsse. Ralf hätte nur zu gerne in ihrem Team gespielt, allerdings nicht auf diesem Spielfeld, und ergab sich schließlich in sein Schicksal. Sicher würde gleich sein Arzt kommen, und dann wäre er hier ruck-zuck wieder raus, versuchte er sich zu beruhigen. Er schloss die Augen, während der Pfleger ihn „unten rum“ desinfizierte.

Plötzlich spürte Ralf, wie Jemand grob an seinen Hoden zog. Als er die Augen öffnete, stand die Praktikantin über sein bestes Stück gebeugt, ein Skalpell in ihrer Hand. Ihm entfuhr ein spitzer Schrei und er schrie: „Nein, bitte nicht! Gehen Sie weg!“

Die junge Frau richtete sich auf und schaute ihn irritiert über ihren Mundschutz hinweg an.

„Wann kommt denn endlich mein Arzt? Der von der Voruntersuchung!“ wollte Ralf jetzt wissen.

„Der hat Urlaub. Ich sagte doch, dass wir hier im Team arbeiten“, antwortete die Praktikantin.

„Immer die Ruhe!“, mischte sich der Pfleger mit tadelndem Unterton ein. „Die Frau Doktor macht das schon“.

Ralfs Panik wuchs zu einem Tsunami heran, stärker als das Beruhigungsmittel, was auch die Praktikantin-Ärztin merkte.

„Drehen Sie den Tropf doch mal zwei Stufen höher“, sagte sie zu dem Pfleger.

Ralf war sich darüber klar, dass er eine denkbar schlechte Verhandlungsposition hatte; das Skalpell in ihrer Hand verdeutlichte die Machtverhältnisse sehr eindrücklich. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich habe vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ich wollte nur noch mal hören, was Sie genau vorhaben, weil ihr Kollege mich mit einem Scherz über eine Penisverkleinerung etwas nervös gemacht hat.“

„So ein Quatsch“, murmelte die Ärztin humorlos. „Vasektomie, beidseitig. Können wir jetzt?“

Ralf sah ein, dass dies eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit war und versuchte sich wieder zu entspannen. Er atmete tief in den Bauch und verdrängte jeden Gedanken an Blut oder Spritzen.

„Gell, jetzt spüren Sie die Infusionsnadel gar nicht mehr!“ riss der Pfleger Ralf aus seinen Gedanken. Er bedankte sich für die Erinnerung und wünschte dem psychologischen Kleingärtner Pest und Cholera.

„So, jetzt sind Sie halb unfruchtbar, obwohl ihnen das wahrscheinlich nicht viel nützt. Die eine Seite ist jedenfalls schon fertig!“ nervte schon wieder Ralfs psychologisch unterernährter Freund.

Ralf schaute zu der Jesusfigur, die von der Wand gegenüber mit leidender Miene zu ihm herunter blickte und dachte „Wenn du jetzt diesem kranken Pfleger eine Sprechlähmung verpasst, trete ich morgen in die Kirche ein“. Aber offenbar war seine Seele nicht wichtig genug, denn der Krankenpfleger quasselte putzmunter weiter.

„Das war doch gar nicht so schlimm. Schauen Sie mal, nur so wenig Blut!“ fügte er hinzu und hielt ihm einen blutgetränkten Wattebausch vor die Augen. Als Ralf qualvoll aufstöhnte, meinte er: „Was denn? Da erleben wir hier ganz andere Sachen. Das müssten Sie mal sehen, wie das hier aussieht, wenn so eine Arterie platzt!“ Als „das Team“ sich über seinen zweiten Samenleiter hermachte, konzentrierte sich Ralf wieder auf seine Atmung.

„Das sieht aber diesmal etwas blutiger aus“, informierte sein neuer Lieblingsfeind ihn kurz darauf über den aktuellen Stand der Dinge. „Und wie geht es mit der Infusion? Spüren Sie noch was?“ Er nestelte solange an den Schläuchen herum, bis Ralf wieder etwas spürte.

Eine energische Ansage holte Ralf wenig später in die Realität zurück. „Holen Sie mir jetzt den Grüninger, aber schnell, wenn es geht!“ Das Team schien leicht angespannt zu sein.

„Gibt es Probleme?“ fragte Ralf rein aus Neugier. Denn richtige Sorgen machte er sich wegen dem feinen Zeug in dem Infusionsbeutel schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.

„Probleme? Nein, so würde ich das nicht nennen“, beruhigte ihn die junge Frau. „Ihr Samenleiter ist nur gut versteckt, da brauche ich eine dritte Hand. Aber keine Sorge, das haben wir gleich.“

Mit verstärktem Team ging die OP in die entscheidende Phase.

„Ich hab den Samenleiter, jetzt ziehen Sie mal hier den Penis nach oben, damit ich an dem Nervenstrang vorbeikomme“.

„Sehr gut, ganz ruhig halten, ich schneide jetzt. Tupfen Sie mal hier, ich sehe ja gar nichts“.

Ralf ignorierte den kalten Schweiß auf seiner Stirn und versuchte mit angehaltenem Atem, sich nicht zu bewegen. In diesem kritischen Moment ging wie in Zeitlupe die Tür des OP’s auf. Ein älterer Mann schlurfte herein, in der Hand einen Plastikbecher, gefüllt mit einer dunkelgelben Flüssigkeit. „Grüß Gott, ich soll die Urinprobe hier in der Anmeldung abgeben“.

„Die Anmeldung ist eine Tür weiter“, klärte ihn die Ärztin pikiert auf, Ralfs Samenleiter in der einen Hand, das Skalpell in der anderen. So stand sie über seinen Penis gebeugt, den der Assistent tapfer in seiner Hand hielt.

„Ja, also, da war ich gerade eben schon, aber da ist niemand“, entgegnete der Mann hartnäckig und näherte sich der bestens ausgeleuchteten Szene unter dem OP-Strahler. Ralf bot seine Seele dem Teufel an im Tausch gegen ein schwarzes Loch im Boden, in dem er verschwinden könnte, aber auch der Leibhaftige hatte wohl momentan keine Nachwuchssorgen.

Als der Alte um den Sichtschutz herum in sein Blickfeld trat, sagte Ralf: „Hallo Herr Mayer, wollen Sie auch in unserem Team mitspielen?“


Diesen Beitrag widme ich allen Menschen, die einen Routineeingriff vor sich haben. Macht euch keine Sorgen, diese Geschichte ist frei erfunden. Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.

„Routineeingriff“ ist in der Ärztesprache eine Zusammenfassung für den Sachverhalt „Ich habe das schon so oft gemacht, dass ich vor lauter Langeweile gar nicht mehr genau hinschaue und am liebsten die jungen Assistenten üben lasse“.

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (1)

Über eine denkwürdige Nacht, die einen Stein ins Rollen brachte

„Wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich in dieser Nacht sterben würde, hätte ich gestern nicht mehr die Toilette geputzt, sondern die Zeit sinnvoller genutzt. Nochmal tief ins Nutellaglas geschaut und die alten Platten von Pink Floyd oder Genesis aufgelegt.“ Diese Gedanken schossen Ralf Paschulke durch den Kopf, als das schwarze Loch rasend schnell auf ihn zukam. Dann wurde alles Licht aus der Welt gesaugt und es wurde zapfenduster.

Dabei hatte der Abend so vielversprechend begonnen. Ralfs Kameraden aus dem Tischtennisverein hatten beschlossen, sein schon mehrere Wochen andauerndes Stimmungstief zu beenden. Sein Doppelpartner Alan hatte mit hochgezogenen Augenbrauen festgestellt: „So geht das nicht weiter. Du versauerst doch allein zuhause auf deinem Sofa. Morgen Abend gehen wir zusammen aus und machen einen drauf!“

Ralf war zuerst skeptisch, aber er hatte tatsächlich auch schon bemerkt, dass alleine rumzusitzen nicht gerade für überschäumende Partystimmung sorgt. Und so musste er nicht lange überredet werden; sein Widerstand war schnell gebrochen. Freitag Abends um Neun war Treffpunkt bei Ralf zum Vorglühen, dann ab ins Zeckes – so lautete der Plan. „Das wird ein geiler Abend, wirst schon sehen“. Ralf hatte keine Ahnung, wo oder was Zeckes ist, aber wer könnte bei so einem Versprechen schon widerstehen?

Am fraglichen Abend beschlagnahmte Alan erstmal Ralfs Küche, um einen Einheizer zu mixen, während die Anderen draußen auf der Terrasse bei einem kühlen Bier und einer Pizza den lauen Sommerabend gebührend würdigten. Der Einheizer schmeckte vorzüglich nach Ananas, Kokosnuss und irgendwelchem Alkohol. Die Stimmung wurde rasch ausgelassen und Ralf begann sich schon Sorgen wegen seinem Nachbarn zu machen.

Herr Mayer hatte schon öfters deutlich gemacht, dass Ordnung auf seiner Werteskala sehr weit oben steht. Erst neulich hatte der Rentner versucht, Ralf zur Teilnahme an einer Art Bürgerwehr zu motivieren. „Nur so bekommen wir dieses asoziale Gesocks in den Griff, die verstehen nur eine Sprache“, gab er Ralf zu verstehen, als er ihm seinen Fuchsschwanz zeigte. Der Fuchsschwanz war ein selbst genähter Lederknüppel, gefüllt mit Kieselsteinen, Split und Stahlkugeln. „Wo der trifft, wachsen nur noch blaue Flecken“, versicherte der streitbare Nachbar mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.

Die Ursache für den Groll seines ordnungsliebenden Nachbarn lag im nahegelegenen Club „Zirkuss“. Dort gab es am Wochenende alkoholische Getränke zu Dumpingpreisen, was entsprechende Kundschaft aus den umliegenden Orten anzog. Die meist minderjährigen Komatrinker hatten das Ziel, sich in kürzester Zeit – nämlich bevor die letzte Regionalbahn fährt – mit kleinem Geldeinsatz einen möglichst gründlichen Rausch anzusaufen. Was regelmäßig damit endete, dass die Rasselbande gegen Mitternacht schwer alkoholisiert den Weg zur Bahnstation suchte und wie ein Heuschreckenschwarm grölend durch die friedliche Reihenhaus-Siedlung zog, eine Spur von leeren Schnapsflaschen, Kondomen und Erbrochenem hinter sich zurücklassend.

Nach dem zweiten Einheizer nuschelte Mona, dass sie ihre Zunge nicht mehr spüren würde und Ralf hatte das Körpergefühl einer Qualle. Als er in der Küche mehrere Flaschen mit Hochprozentigem fand, wurde ihm einiges klar. Je höher der Alkoholpegel stieg, desto schlechter wurden die Witze, über die sie Tränen lachten. Domme als einziger Abstinenzler in der Runde vertraute Ralf mit verschwörerischer Stimme ein Geheimnis an: im Zeckes gäbe es gelegentlich wilde Sexorgien. Hemmungslos und ohne Tabus. Ralf war zwar etwas skeptisch, aber zur Sicherheit steckte er ein Kondom ein. Für alle Fälle, dachte er sich, mit 50 Jahren sollte man immer vorbereitet sein und jede Chance nutzen als wäre es die Letzte. Und falls nicht, konnte man immer noch den jüngeren Mannschaftskameraden aushelfen. Man hat ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht als Ältester.

Gegen Mitternacht machten sie sich auf den Weg. Eine angebrochene Wodkaflasche wurde unterwegs vollends geleert und flog in elegantem Bogen über eine Hecke. Nach einem kurzen Fußmarsch standen sie vor einem großen Gebäude. „ZirKuss“ las Ralf auf einer Leuchttafel. „Was zum Teufel machen wir hier, ich dachte wir gehen ins Zeckes“, fragte er Bernd. Der schaute ihn an, als wäre er bekloppt. „ZirKuss, ZK, Zeckes, kapiert?“ Aha, dachte sich Ralf, so schnell wechselt man also die Fronten. Das hier war Feindesland, die Suffbude der Teenager, Sodom und Gomorrha.

Ralfs Bedenken, dass er wegen der Altersstruktur hier wohl eher fehl am Platz sei, wurden von der knapp achtzehnjährigen Mona mit schwerer Zunge charmant entkräftet: „Laba doch kein’n Quark hiar, da sinn öffers so allde Säcke über Dreißig. Außadem bissu ja mit uns da.“ Die Logik dieser Argumente erschloss sich Ralf nicht auf Anhieb, aber er hatte auch keine Zeit zum Grübeln, denn die Schlange zum Eingang zog ihn unbarmherzig mit sich.

„6 Euro Eintritt“, verkündete ein Schild. Als Ralf mühsam seinen Geldbeutel rauskramte, sagte der Securityschrank hinter der Kasse: „Ab Dreißig ist der Eintritt frei.“ Und nach einer kurzen Pause: „Du kannst deinen Ausweis stecken lassen, ich glaub’s dir auch so“. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Drinnen fühlte sich Ralf wie ein Überlebender aus dem zweiten Weltkrieg, der im Schulunterricht einen Augenzeugenbericht abgibt. Noch nie war ihm sein Alter so bewusst geworden, wie in diesem Moment. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, denn seine Kameraden schleppten einen Meter Tequila heran. Ein Meter enthält fünfzehn Gläser auf einem Brett von einem Meter Länge. Da die Gläser ziemlich klein und harmlos aussahen, griff er beherzt zu. Viva Mexico!

Domme war währenddessen in einen hitzigen Disput mit seiner Freundin verwickelt, die wieder einmal nicht verstehen wollte, warum er nicht einfach auch mal „was Richtiges“ trinken könne. Einige Tage später trennten sich die Beiden, worauf Domme sich eine Freundin suchte, die genau wie er keinen Alkohol trinkt. Eine Beziehung, die ebenfalls nicht von überlanger Dauer war und ein abruptes Ende nach einem Handyanruf aus Barcelona finden würde, aber das ist eine andere Geschichte. Manchmal kann man es als Mann einfach nicht richtig machen.

Bernd war nicht abstinent und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Meter vor ihnen stand, diesmal Cola mit Rum. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Obwohl Ralf ein ausgesprochen schlechter Tänzer war, eroberte er die Tanzfläche im Sturm. Der Alkohol und die wummernden Bässe vermischten sich zu einem schwerelosen Zustand, in dem sich die Zeit zu einer unendlich großen Blase aufblähte. Irgendwann bevor Ralfs Gedächtnis seinen Dienst quittierte, drängte sich in der wogenden Menschenmenge ein weibliches Wesen mit einem wuscheligen Lockenschopf an ihn. Sie tanzte ihn wie ein hüpfender Gummiball an, schwenkte verführerisch ihre fülligen Hüften und drückte ihren kreisenden Po gegen ihn. Einige Sekunden lang tanzten die Beiden eng umschlungen, bevor die Menge sie für immer verschluckte.

Vom Rest des Abends blieben Ralf nur bruchstückhafte Erinnerungen. Unnahbare, maskenhaft geschminkte junge Frauen. Junge Männer mit Körpersprache aus dem Gorillakäfig. Alan, der mit wildfremden Menschen Schnäpse kippt, bis er schließlich selber vom Barhocker kippt. Verdächtige Typen, die in einer dunklen Ecke Geschäfte machen. Beunruhigende Geräusche aus der Toilettenkabine nebenan. Und da ist der Heimweg, auf dem das unbenutzte Kondom zu einem Ballon aufgeblasen unter lautem Hurra in den Nachthimmel zischt. Und Mona, die sich kurz vor Ralfs Haus lautstark in die Hecke übergibt.

Da man gute Freunde in diesem Zustand selbstverständlich niemals Auto fahren lässt, bauten sie ein Matratzenlager im Wohnzimmer. Ralf kletterte mit viel Mühe und vorbildlicher Körperbeherrschung die steile Klappleiter zur Bühne hinauf, um Schlafsäcke und eine Matratze zu holen. Bis heute gibt es keine Erklärung für dieses physikalische Phänomen, aber als er einen winzigen Augenblick lang unaufmerksam war, änderte die Erdanziehungskraft plötzlich für einen Moment ihre Richtung und obwohl er mit wedelnden Armen dagegen ankämpfte, zog ihn das schwarze Loch im Dachboden an wie ein Magnet die Karosserien auf dem Schrottplatz.

Das schwarze Loch an der Treppe

Während Ralf seinem sicheren Tod entgegen stürzte, zuckten ihm einige Gedanken wie Blitze an einem Gewitterabend durch den Kopf. Zunächst bedauerte er, dass er so unvorbereitet sterben muss. Hätte er das vorher gewusst, hätte er sich nochmal richtig mit Nutella satt gegessen und seine Lieblingsmusik gehört. Hätte dem alten Ehepaar gegenüber den Müll rausgetragen, um ein paar Karmapunkte zu sammeln. Hätte seinem Nachbarn Mayer mal so richtig die Meinung gegeigt.

Und dann verfing er sich in der Schnur eines Schlafsackes und rutschte im Zeitlupentempo auf der Matratze die Leiter hinunter. Wo ihn seine Kameraden mit spontanem Szenenapplaus begrüßten, ganz begeistert von seiner akrobatischen Einlage.

Matrazenlager
Am Morgen danach – Matrazenlager im Wohnzimmer

Am nächsten Tag bekämpften sie ihren Kater mit ein paar Konterbierchen. Als der dröhnende Kopfschmerz etwas nachließ, trug Ralf die Reste des Abends zum Mülleimer vor die Tür. Dort stellte ihn ein aufgeregter Herr Mayer zur Rede. „Haben Sie das mitbekommen, heute Nacht? Die waren ja wieder mal besonders schlimm. Rüchards nebenan haben in ihrem Garten eine leere Wodkaflasche gefunden und in meiner Hecke stinkt es bestialisch, als ob sich da jemand erbrochen hätte. Und stellen Sie sich vor: auf meinem Rhododendron hing heute morgen ein Präservativ. Wie das da hinauf kam, will ich gar nicht wissen!“ Herr Mayer schüttelte sich angeekelt.

„Wenn ich die erwische, mache ich Hackfleisch aus denen! Haben Sie denn gar nichts mitgekriegt, die waren doch nicht zu überhören, direkt vor Ihrer Haustür haben die rumkrakeelt, diese asozialen Schweine“, wunderte er sich.

„Echt jetzt?“, entgegnete Ralf mit unschuldiger Miene. „Davon hab ich nichts mitbekommen, ich hab einen ziemlich festen Schlaf.“

„Hatten Sie Besuch?“, fragte Herr Mayer mit einem Blick auf die Überreste der Party. Ralf schloss schnell den Deckel des Mülleimers und beendete die Unterhaltung, bevor das Gespräch noch eine ungute Wendung nahm. Und dann schwor er, sich nie wieder so gehen zu lassen. Niemals.

Aber ein geiler Abend war es trotzdem.

Ich widme diesen Beitrag Roger Penrose, der den Physik-Nobelpreis 2020 für den Beweis der Existenz von schwarzen Löchern erhielt. Und allen Freunden, die dazu beitragen, dass man den physikalischen Gesetzen zum Trotz eben doch aus schwarzen Stimmungslöchern wieder entkommen kann.

Hier gehts zum zweiten Teil

Toskana und die Gardaverschwörung

Diese Reise durch die Toskana führt uns von Lucca über den wunderlichen Tarotgarten bis nach Grosseto. Auf dem Rückweg decken wir am Gardasee eine Verschwörung mit internationalen Ausmaßen auf.

Lucca, die unterschätzte Perle der Toskana

There’s no glory in prevention. Dieser Satz wurde in der Corona-Pandemie bekannt, könnte aber auch aus Lucca stammen. Hier hatten die Bürger im 15. Jahrhundert als Schutz vor übergriffigen Nachbarn eine gewaltige Stadtmauer erbaut. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Stadt nie wieder angegriffen und es entstanden zwei Lager. Die Einen feierten den Erfolg, weil der Wall alle potentiellen Angreifer abgeschreckt habe. Die Anderen hielten die ganze Maßnahme für eine einzige Verschwendung, weil ja kein Angriff mehr erfolgte, gegen den man eine Mauer gebraucht hätte. Diese Diskussion kennen wir von den Corona-Maßnahmen in Deutschland.

Stadtmauer Lucca
Die Stadtmauer von Lucca: 4 Kilometer lang und 12 Meter hoch

Um die Stadt zu betreten, muss man durch finstere Gänge laufen. Früher war das vielleicht abschreckend, heute ist es eine Touristenattraktion.

In der Stadt findet man keine sensationellen Attraktionen wie den missglückten Turm in Pisa oder die protzigen Kunstausstellungen von Florenz. Lucca glänzt eher durch seine kleinen Perlen. Zum Beispiel die gelben Häuser auf dem ovalen Piazza dell Amfiteatro, die auf 360 Grad ohne Lücke aneinander gebaut wurden.

Häuser auf dem Piazza dell Amfiteatro in Lucca
Piazza dell Amfiteatro

Oder der Dom San Michele, der weder durch Größe, noch durch besondere Schönheit besticht, sondern durch eine gewagte freistehende Fassade. In diesem Dom versuchte sich der junge Puccini auf der Orgel. Seine modernen Interpretationen kamen bei den Gottesdiensten aber nicht so gut an, deshalb verlegte er sich später aufs Opernschreiben.

Dom San michele von außen
Dom San Michele in Lucca

Sehenswert sind in Lucca auch so banale Dinge wie Straßenlaternen.

Straßenlaterne in Gestalt eines dreibeinigen Tierfußes
Sockel einer Straßenlaterne in Lucca
Marodes Gebäude einer italienischen Bank
Bankgebäude in Lucca

Der Zustand der italienischen Banken war schon immer bedenklich, aber hier in Lucca geben sie ein besonders trauriges Bild ab. Trotzdem wird über dem Eingang deutlich gemacht, wie man mit säumigen Schuldnern umgeht.

Relief mit Löwe über einer Tür
Relief über einer Eingangspforte in Lucca

Im Herzen der Toskana

Wir fuhren weiter ins Hinterland der Toskana und bezogen ein Landhaus mitten in den Olivenhainen. Die Sonnenuntergänge sind hier tatsächlich so zauberhaft, wie immer behauptet wird.

Sonnenuntergang in der Toskana
Sonnenuntergang in der Toskana

Die Mauern von Magliano sind fast dicker als das ganze Städtchen dahinter. Hier wird ein großes Geheimnis gehütet: die Kunst des Möbelbaus für unebene Böden.

Blick auf die Stadtmauern von Maglione
Das Städtchen Magliano versteckt sich hinter dicken Mauern
Die Kunst des Möbelbaus an Orten mit großem Gefälle

Abends zog dann der Himmel zu und in der Nacht bombte uns ein gewaltiges Sommer-Gewitter aus dem Bett. Es regnete in Strömen, aber am nächsten Morgen war schon wieder alles trocken – aufgesaugt von der durstigen Natur.

Windrad mit stürmischen Himmel im Hintergrund
Windrad im heraufziehenden Sturm

Giardino dei Tarocchi

Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte eine schwere Kindheit. Wie schwer, kann man erahnen, wenn man ihre Skulpturen im Tarotgarten sieht. Eine absolut sehenswerte Sammlung von Exzessen der menschlichen Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich mal wieder den Reiseführer nicht gelesen habe und daher nur spekulieren kann, was die Künstlerin mit ihren Werken aussagen wollte.

Turm abgeknickt
Einer dieser fanatischen italienischen Radrennfahrer richtet beträchtlichen Schaden an. Schade eigentlich, denn der Turm war echt schön.
Die Toskaner Stadtmusikanten proben für ihren Auftritt im Variete
Skulptur mit Mann und Frau, die beim Picknick ein Glas Wein trinken
Beim Picknick. Sie: „Schatz, hast du die Kinder gesehen?“
Picknick mit Blick von hinten. Eine Schlange hat schon einiges verschluckt
Er: „Die Kinder spielen hinter uns. Mach dir keine Sorgen, die laufen schon nicht weg!“
Vier verschieden farbige Frauenfiguren in einem Pool
Pool der Kulturen: Frauen unterschiedlicher Herkunft treffen sich zu neckischen Wasserspielen: Eine Weiße, eine Asiatin, eine Afrikanerin und eine grüne, ähm, Marsbewohnerin? Hä???
Teufelin verfolgt zwei rennende Figuren
Spider-Man und Milka-Woman flüchten vor der gehörnten Teufelin mit irritierendem anatomischem Detail im Schritt.
Ensemble der Kuriositäten

Die Magie des letzten August-Wochenendes

Das letzte Wochenende im August markiert in Italien jedes Jahr eine Zeitenwende. Davor sind die Strände gestopft voll mit ununterbrochen laut plappernden italienischen Großfamilien, die den Sozialabstand von Ölsardinen in der Dose praktizieren. Am letzten Sonntag im August ändert sich wie von Zauberhand das Bild. Die Italiener verlassen schlagartig die Urlaubsorte und nur ein paar einsilbige Deutsche bleiben zurück. Wir genossen einige sehr ruhige Tage in Marina di Grosseto, bevor wir uns auf die Heimreise machten.

Kirche und Rathaus in Grosseto
Dom und Rathaus in Grosetto
Skulptur mit Drachen, Schlange und Dinosaurier auf dem Danteplatz in Grosetto
Drachen auf dem Danteplatz in Grosseto. Wer findet den Fehler?
Wagenburg aus Kinderwagen am Strand
Der Strand war herrlich ruhig. Bis vier deutsche Familien eine Wagenburg errichteten
Die Sonne geht über der Insel Elba unter und beleuchtet die Wellen am Strand
Sonnenuntergang über der Insel Elba

Die Garda-Verschwörung

Am Gardasee machten wir einen Zwischenstopp, um uns wieder an die deutsche Sprache zu gewöhnen. Die Chance, hier einen Nachbarn zu treffen, ist jedenfalls deutlich größer als in Friedrichshafen an der Uferpromenade. Schwimmen ist allerdings nur in extra abgezäunten Minibereichen möglich, denn der See selbst ist von verschiedenen Wassersportlern belegt. Gerüchten zufolge ist neulich ein Eichhörnchen trockenen Fußes von Malcesine nach Limone quer über den See gewechselt, indem es von Brett zu Brett sprang.

Wimmelbild vom Gardasee

Unter der glühenden Mittagssonne kam ich einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur: die italienische Bevölkerung wird am Gardasee jeden Sommer von dunklen Mächten gegen deutsche Migranten ausgetauscht. Darunter sind viele Klimaflüchtlinge, die das kalte Wetter nicht mehr ertragen. Es handelt sich eindeutig um eine internationale Verschwörung, denn die Österreicher und Schweizer haben kilometerlange unterirdische Tunnel durch die Alpen gegraben, um den Austausch der Bevölkerung zu beschleunigen.

Ihr glaubt nicht an Verschwörungen? Wollt ihr einen Beweis? Also gut: Was ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien? Södi! Der Spitzname des bayrischen Kanzler-Nicht-Kandidaten Markus Söder! Wenn das ein Zufall ist, fress ich meine Badeschlappen mit Senf.

So, jetzt muss ich aber schleunigst raus aus der Sonne. In meinem Gehirn stockt schon das Eiweiß. Bis bald und bleibt wachsam!

Canyons und Mormonen

Der amerikanische Bundesstaat Utah besteht überwiegend aus Salzwüsten, Canyons, Felsmassiven und Steinen. Heute sind das beliebte Touristenattraktionen. Man darf sich aber fragen, warum sich die Mormonen ausgerechnet in dieser unwirtlichen Gegend niedergelassen haben.

In keiner anderen Gegend tummeln sich so viele Nationalparks wie im amerikanischen Bundesstaat Utah. Das Wahrzeichen des Staates ist der mächtige Delicate Arch, den man sich mit einer 45-minütigen Wanderung verdienen muss.

Delicate Arch
Delicate Arch im Arches Nationalpark

Im Canyonlands Nationalpark überwältigen die endlose Weite und die karge Unberührtheit der Natur. In Jahrmillionen haben Colorado und Green River tiefe Narben in das Gesicht der Erde gegraben.

Schluchten im Island in the sky
Blick auf die Schluchten der Canyonlands

Der Zion Nationalpark beeindruckt durch mächtige Felsmassive mit gigantischen Aussichten und herrlichen Wandermöglichkeiten.

Zion Canyon
Atemberaubende Aussichten im Zion Canyon

Im Gooseneck State Park frisst sich der San Juan River in Schlangenlinien durch die Gesteinsschichten.

Gooseneck state park
Blick auf den San Juan River

Das Natural Bridges Monument ist ein Ort der absoluten Ruhe, außer man hat Blähungen. Unter der Owachoma Bridge mit ihren gewaltigen 55 Metern Spannweite kann man spüren, wie unbedeutend der Mensch ist.

Owachoma Bridge
Owachoma Bridge

Der Bryce Canyon hat seinen Namen von Ebenezer Bryce, der hier als erster europäischer Einwanderer mit seiner Familie siedelte.

Bryce Canyon
Blick auf die Felsnadeln des Bryce Canyon

Ebenezer Bryce war ein schottischer Schiffsbauer, ein Beruf mit unsicherer Zukunft in Utah, einem der wasserärmsten Gebiete Amerikas. Für die Schönheit der Landschaft hatte er keinen Sinn. Er war eher praktisch orientiert und bezeichnete den Canyon als „einen höllischen Platz, um eine Kuh zu verlieren“.

Außerdem war Ebenezer, wie etwa 75% der Bevölkerung Utahs auch heute noch, ein Angehöriger der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“. Weil dieser Ausdruck dann doch etwas sperrig ist, hat sich im Alltag ein anderer Name für diese Sekte durchgesetzt: die Mormonen.

Bryce Canyon - Felsformation
Felsformation „die Liebenden“ im Bryce Canyon

Man könnte sich darüber wundern, warum sich die Mormonen ausgerechnet in einem Land niedergelassen haben, das im Wesentlichen aus Wüsten und unüberwindbaren Canyons besteht. Die Lösung ist aber naheliegend, wenn man sich etwas genauer mit ihren Gewohnheiten beschäftigt: Utah war ganz einfach die letzte Gegend der USA, die noch nicht von vernünftigen Menschen besiedelt war. Denn überall dort, wo schon normale Menschen lebten, wollte man diese Sonderlinge nicht als Nachbarn haben.

Bryce Canyon Hoodoos
Hoodoos im Bryce Canyon

Nun ist es aber wieder an der Zeit für einen kleinen Exkurs in die Religionsgeschichte: Joe Smith wuchs zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts an der Ostküste der USA auf. Schon als Fünfzehnjähriger versuchte er, als Wahrsager in der Erde verborgene Schätze aufzuspüren. Als er wegen damit verbundener Betrügereien vor Gericht stand, erkannte das junge Bürschchen schnell, dass die Wahrsagerei ein riskantes Geschäft ist, insbesondere wenn die Prognosen nicht eintrafen und er suchte nach einem neuen Betätigungsfeld.

Zu dieser Zeit schossen in der neuen Welt Religionsgemeinschaften aus dem Boden wie die Pilze. Meistens finanzierten sich die jeweiligen Kirchengründer ein überaus angenehmes Leben aus den Spenden der Mitglieder. Der geschäftstüchtige Joe erkannte, dass es viel schlauer ist, selber Gründer einer Religion zu werden, als in eine bestehende Kirche als zahlendes Mitglied einzutreten. In dieser Beziehung ähnelte er Bugsy Siegel, der viele Jahre später eine ganz ähnliche Strategie in Las Vegas verfolgte.

Joe war sich bewusst, dass für den Erfolg einer neuen Religion zwei Punkte ausschlaggebend waren: Eine interessante Geschichte, der die Leute zuhörten, und ein attraktives Ziel, für das die Menschen bereitwillig einen Teil ihres Geldes abgaben. Einige Monate später veröffentlichte er folgende Geschichte:

Vor langer, langer Zeit hatte ein Prophet namens Moroni direkt von Jesus persönlich das wahre Evangelium diktiert bekommen. Und nun, im Jahre 1829 des Herrn, sei ihm, Joe Smith, der Prophet im Traum erschienen. Er habe ihm aufgetragen, eine neue Religion auf dem Fundament dieses einzig wahren Evangeliums zu gründen. Zeugen gäbe es für diese heiligen Vorkommnisse nicht, aber das nun vorliegende Buch Mormon sei ja wohl Beweis genug.

Die Bibel nach Mormon
Das Buch Mormon liegt in jedem Motel in Utah im Nachttisch

Die dort beschriebene Lehre fußt auf zwei einfachen Grundregeln: Erstens darf sich jeder Mormone so viele Frauen nehmen, wie er will. Und zweitens wird jeder Gläubige nach seinem Tod selbst ein Gott und wird auf einem eigenen Planeten herrschen und dort weiter Sex haben bis in die Unendlichkeit. Und das ganze Paket kostet nur 10% des Einkommens, quasi als flat rate, die von Joe Smith als Verwalter der Kirchengemeinde eingezogen werden. Ein Schnäppchen, wenn man es genau betrachtet, zumindest für Männer.

Ob es die Polygamie oder die Aussicht auf ewigen Sex auf dem eigenen Planeten war, bleibt bis heute unklar. Jedenfalls fanden viele Männer, dass das ein guter Plan sei. Übrigens bis zum heutigen Tag: Der Immobilienmakler Joseph Knudsen aus Hildale hatte im Jahr 2016 dreizehn Ehefrauen, mit denen er vierundsiebzig Kinder zeugte. Natürlich inoffiziell, denn in den USA ist die Vielweiberei seit 1890 verboten. Da im Bundesstaat Utah aber alle obersten Richter selbst Mormonen sind, wird dieser Anachronismus bis heute geduldet.

Joe Smith wurde schon kurz nach Beginn seiner kirchlichen Laufbahn von einem wütenden Lynchmob getötet und die Mormonen mussten von der Ostküste immer weiter nach Westen fliehen, bis sie im unbesiedelten Utah eine Heimat fanden. Seine Nachfolger passten die Religion immer wieder an aktuelle Erfordernisse an. So ist es beispielsweise bis heute gängige Praxis, verstorbene Menschen posthum und aus der Ferne umzutaufen – ohne Wissen der Angehörigen.

Das ist praktisch, weil die Toten sich nicht wehren können und die Sekte so die Anzahl ihrer Mitglieder massiv erhöhen kann, was steuerliche Vorteile bringt. Zahlreiche in Konzentrationslagern ermordete Juden wurden von den Mormonen heimlich konvertiert – genau wie Adolf Hitler nach seinem Selbstmord. Dazu fällt selbst mir nichts Lustiges mehr ein.

Goblin Valley
Goblin Valley – das Tal der Kobolde

Thailand

Von Tempeln, Ruinen, Elefanten und dem Überlebenskampf im Straßenverkehr

Blick aus dem Flugzeug

Von Bangkok nach Rayong

Die Aussicht auf grauen Nieselregen bei einstelligen Temperaturen löste bei uns auch diesen Winter einen Fluchtreflex aus. Wir hatten einen Direktflug nach Thailand mit Eurowings gebucht, einer Fluglinie, die sich durch Streiks und Überbuchungen einen durchwachsenen Ruf in den Internetforen hart erarbeitet hat. Die Ansage des Flugkapitäns stärkt unser Vertrauen auch nicht: „Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht ihr Kapitän. Wir sind jetzt bereit zum Start. Heute fliegt uns Frau Krause nach Bangkok“.

Nicht die Copilotin Krause, nicht die erste Offizierin Krause. Einfach nur Frau Krause. Das klingt, als ob man spontan jemanden vom Reinigungspersonal verpflichtet hätte, weil der Copilot wegen Pilzvergiftung ausfiel. „Ach, Frau Krause, ob Sie uns wohl aushelfen können? Sind Sie schon mal in einem Airbus-Cockpit gesessen? Nein? Das macht nichts. Sie fahren doch jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, das ist auch nicht so viel anders als Fliegen“. Und wieder wird mir bewusst, wie ausgeliefert man in einem Flugzeug ist. Eine zehnstündige Übung in Demut.

Frau Krause überfliegt dann aber routiniert so friedliebende Länder wie Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan und Krisenregionen wie die Krim und Kashmir ohne dass uns eine versehentlich abgefeuerte Rakete trifft. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel in Bangkok ist da schon spannender.

Stand auf dem Nachtmarkt

Auf dem abendlichen Straßenmarkt in Bangkok schlemmen wir uns unter Missachtung aller Hygieneregeln durch die Stände. In Deutschland streitet man darüber, ab wann eine Kühlkette bei empfindlichen Lebensmitteln als unterbrochen gilt. Im thailändischen Wortschatz gibt es keinen Begriff für „Kühlkette“. Hier liegen die rohen Fleischstücke und Sushis ohne Kühlung bei 35 Grad an den Ständen solange aus, bis sie Jemand isst – entweder Menschen oder die Fliegen.

Das hier sind Babycrepes mit Kokosraspeln und diversen Leckereien gefüllt. Manchmal erfährt man nicht, was man isst, aber lecker ist es allemal…

Crepes

…Außer der gegrillte Tofu – der schmeckte eher wie gepresste Holzabfälle. Der Preis hätte uns stutzig machen sollen. Ein Spieß mit Okraschoten, einer mit Pilzen und einer mit Tofu für insgesamt 80 Cent – das ist selbst in Thailand verdächtig wenig.

Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück gebratenen Reis und leckere Spaghetti. Die Chillischoten sind nach thailändischem Maßstab „little spicy“. Für den mitteleuropäischen Magen sind sie ein Todesurteil, an Ort und Stelle vollstreckt. Im Preis inbegriffen sind 7% Steuer und eine Feuerbestattung.

Frühstück

Nach dem Frühstück holen wir den Mietwagen ab und stürzen uns in die Straßen von Bangkok. Linksverkehr ist gar nicht so schwierig. Man muss nur auf der falschen Seite des Autos einsteigen und alles anders machen als gewohnt. Rechts überholen zum Beispiel, was durchaus Überwindung kostet. Also lasse ich den Motor an und setze den Blinker. Dann schalte ich den Scheibenwischer wieder aus und setze den Blinker. Dann schaue ich sorgfältig, ob alles frei ist und biege rechts ab. Und sehe das Weiße im Auge eines wild hupenden Minivanfahrers, in den ich beinahe frontal reingefahren wäre.

Blick vom Balkon des Beach Appartements Hat Mae Ramphuong, wo wir einige herrliche Tage lang die Seele baumeln ließen:

Strandblick

Heute hatten wir eine Sprachstunde in Thailändisch bei unserer Wirtin Sunan. „Koorb kunn“ heißt „Danke“ und „Sawasdee“ bedeutet „guten Tag“. Eigentlich ganz einfach. Aber dann geht es erst richtig los. Männer hängen hinten ein „krabb“ an, Frauen ein „ka“. Und dann legt man die Handflächen zusammen und hebt sie auf die Höhe, die dem Status des Gegenübers entspricht. Also an die Stirn, wenn man einen Mönch begrüßt und an den Bauch, wenn man die Schwiegermutter ärgern will. Und dabei immer schön lächeln, sonst wirkt es beleidigend. Ganz schön kompliziert.

So überfüllt ist der Strand nur am Wochenende. Werktags ist man hier so alleine, dass man sich unwillkürlich fragt, ob der Strand wegen Quallen, Haifischen oder Atommüll gesperrt ist. Aber nein. Hier gibt es einfach viel mehr Strand als Touristen. Und der Thailänder geht eher nicht zum Baden.

Einsamer Strand

An diesem Strand finde ich endlich die Antwort auf die Suche nach dem Sinn des Lebens: das Leben braucht gar keinen Sinn. Es reicht eine warme Mahlzeit am Tag und die coolste aller Frauen im Liegestuhl nebenan. Es gibt hier nur drei Probleme (an der Größe dieser Probleme kann man ablesen, wie gut es uns geht):

  1. wenn der Schatten wandert, muss man seinen Liegestuhl umsetzen.
  2. Wenn die Blase voll ist, muss man aufstehen.
  3. Das Rauschen der Wellen macht so schläfrig, dass man kaum schreiben kannnnnnnnnnn.

Das Abendessen in einem Straßenrestaurant ist so extrem spicy, dass es Löcher in meine Magenwand brennt. Hoffentlich kommt der Durchfall heute Nacht, denn morgen Mittag fliegen wir nach Chiang Mai.

Von Chiang Mai nach Lampang

Über Chiang Mai, die Perle im Norden Thailands, ist schon viel geschrieben worden. Deshalb hier nur in aller Kürze das Wichtigste: Tempel, Thaimassage, leckeres Essen, Tempel, Nachtmarkt, Tempel, Taxis, leckeres Essen, Tempel, leckeres Essen, Ausflüge zu Tempeln, leckeres Essen. Ein buddhistischer Mönch erklärt uns die drei wichtigsten Regeln des Buddhismus:

  1. Tu nichts Böses! Das fällt mir leicht, denn wer nichts tut, kann auch nichts Böses tun.
  2. Tu Gutes! Das ist schon schwieriger. Da muss ich mal nachdenken.
  3. Lebe im Jetzt! Das geht im Urlaub ganz gut, wenn nur nicht dieser Rückflug wäre.

Um in Thailand günstig telefonieren zu können, erwarb ich gestern für 5 Dollar ein vierwöchiges All-inclusive-Starter-Paket. Die Verkäuferin sprach zwar keine mir bekannte Sprache, aber wir haben uns auch so verstanden. Sie tippte minutenlang mit flinken Fingern auf meinem Handy herum, installierte mehrere Pakete und schaltete alles Mögliche frei. Seitdem sehen meine Kontakte so aus:

Kontakte

Dann geht es im Mietwagen nach Lampang. Im thailändischen Straßenverkehr gibt es nur eine einzige Regel: Might has right – der Stärkere hat Vorfahrt. Das können sich auch all die Autofahrer merken, die hier ohne Führerschein, ohne Fahrschulunterricht und ohne Versicherung fahren. Schilder und Ampeln werden eher als Empfehlung gesehen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen, besorgen wir uns eine einheimische Gebetskette aus Blumen.

Im allgemeinen gilt Linksverkehr. Ausgenommen sind Radfahrer, Roller, Tuk-Tuks und alle Fahrzeuge, die nachts ohne Licht fahren. Die dürfen auch rechts fahren oder in der Mitte oder wo auch immer man sie am wenigsten erwartet. Ach ja, und kurze Strecken von weniger als 100 Meter darf man auch auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren – um unnötige Umwege zu vermeiden. So bleibt jede Fahrt ein spannendes Erlebnis.

Abends gibt es dann unaussprechliche Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt. Dieses mal versuchen wir dampfgegarte, gummiartige blaue Geleeteigtaschen mit einer unbeschreiblichen Füllung. Das Ganze verhält sich im Mund, als ob es leben würde und auf keinen Fall geschluckt werden will. Aber lecker.

Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt

Eigentlich ist vegetarische Ernährung in Thailand kein Problem,  wenn da nur die Sprache nicht wäre. Der ratlose Vegetarier steht dann vor den Töpfen mit lecker duftenden Curries und rätselt über den Inhalt. Auf die Frage „Only vegetables?“ nickt der Koch stolz, zeigt auf einen Topf und antwortet „Only vegetables!“. Zeigt man auf den gleichen Topf und fragt „Chicken?“, dann nickt er ebenfalls und antwortet mit strahlendem Lächeln „Chicken!“. Man kann dann noch den ultimativen Gegen-Check machen und den Koch fragen „Can I  eat your mother?“. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Wenn er stolz nickt und „Mother!“ antwortet, sucht man sich lieber ein anderes Restaurant mit besseren Englischkenntnissen. Im zweiten Fall muss man sich ebenfalls ein anderes Restaurant suchen, dann aber mit blauem Auge.

Meine thailändische Simkarte ist toll. Ich habe an einem Tag 23 solche Nachrichten bekommen, unter anderem von true money, true girls und true love:

SMS Nachrichten

Lampang ist touristisch eher unbekannt, bietet aber etliche wunderschöne Tempel, wie diesen massiven Elefantenschrein aus etwa zehn Milliarden Karat Gold:

Goldener Tempel mit Elefant

Nachhaltigkeit geht im Buddhismus so: der Pilger kauft am Eingang des Tempels Blumen, opfert sie am Altar und fühlt sich gut. Der Blumenverkäufer räumt alle zehn Minuten den Altar auf, verkauft die eingesammelten Blumen an den nächsten Pilger und fühlt sich ebenfalls gut. Ein geschlossener Kreislauf, bei dem sich auch die Natur gut fühlt.

Von Lampang aus machen wir einen Tagesausflug zum Wat Chaloem Phra Kiat Phrachomklao Rachanusorn (auf Deutsch: Pagoda in the sky). Mitten in den Bergen haben Mönche auf die unmöglichsten Felsen kleine Tempelchen gebaut. Denn je anstrengender der Bau, desto größer die Ehrerbietung gegenüber Buddha.

Pagoda in the sky

Anstrengend ist auch der Aufstieg über unzählige Treppen über fünfhundert Höhenmeter bei 35 Grad im Schatten. Aber alle Mühe ist vergessen, wenn man vor den Tempeln in der Stille der Bergwelt steht und die heilige Glocke der Erleuchtung anschlagen darf, bis der Fels wackelt.

Die Glocke schlagen

Auf dem Rückweg besuchen wir noch ein besonderes Highlight: Die versteinerten Fußabdrücke Buddhas. Ich habe allerdings Zweifel an der Echtheit, denn erstens lebte Buddha nicht in der Steinzeit und zweitens hatte er nicht Schuhgröße 250. Aber andere Religionen rühmen sich ja auch mit allerlei zweifelhaften Reliquien, da sollte man vielleicht nicht zu kleinlich sein.

Von Lampang nach Sukhothai

Von Lampang führt unser Weg nach Süden, vorbei am einzigen Elefantenhospital Thailands. Hier werden kranke Wildelefanten mit riesigen entzündeten Hämorrhoiden operiert und ausgediente Arbeitselefanten versorgt.

Elefanten beim Baden

Überhaupt scheinen Elefanten hier in der Gegend einen hohen Stellenwert zu haben, wie dieses Tempelbildnis zeigt:

Skulptur einer göttlichen Elefantenfamilie

Unterwegs kann man Weisheit und Erleuchtung direkt ins Hirn tanken:

Tempelfigur

In der ehemaligen Königsstadt Sukhothai sind weitläufige Tempelruinen zu bestaunen, die man am Besten mit dem Fahrrad erkundet.

Ruinen von Sukhothai

Besonders schön sind die Ruinen bei Nacht:

Stupa in Sukhothai bei Nacht

Vor allem, wenn man die Silvesternacht in so einer wunderschönen Umgebung erleben darf. Die Vorführungen der traditionellen Tanz- und Musikgruppen aus allen Regionen Thailands waren zwar interessant, aber für europäische Ohren auf Dauer etwas anstrengend.

Bangkok hat etwa 10 Millionen Einwohner. Die meisten davon waren heute mit uns zusammen auf der A1 im Neujahrs-Rückreisestau. Wir haben dabei unsere Position im unteren Drittel der Hackordnung im Straßenverkehr gefunden: Busse, Trucks, Minibusse, SUV und Vans stehen unangreifbar über unserem Mittelklasse-Honda und werden von uns respektvoll gemieden, egal wieviel Vorfahrt wir theoretisch haben. Am anderen Ende der Nahrungskette kämpfen Fußgänger, Radfahrer, Handkarren, Rollerfahrer und Tuk-Tuks um ihr Überleben.

Am Ende eines langen Tages erreichen wir dann das schmucklose Sing Buri (das Bielefeld Thailands) als letzten Zwischenstop vor dem Flug nach Kambodscha, aber das ist eine andere Geschichte.

Sonnenuntergang in Sukhothai




The Hungry Hundred – Hungrige Wanderer

Im Gegensatz zu Urlaubsreisen ist Schule sinnvoll. Meistens. Manchmal. Gelegentlich führt sie aber zu erstklassigen häuslichen Katastrophen

Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meiner Mutter einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch verschaffte. Schuld daran war die Schule, um genau zu sein der Biologieunterricht.

Die Siebzigerjahre neigten sich langsam ihrem Ende zu. Im Kino liefen Rocky und Star Wars, ganz ohne Nummer oder Episode, denn damals ahnte noch niemand, wieviele Folgen, Episoden, Sequels und Prequels noch folgen sollten, bis diese Geldkühe fertig gemolken waren. In Friedrichshafen fand zum ersten Mal ein Umsonst&Draußen-Festival am Bodenseeufer statt – kostenlose Open Air Konzerte für Alle. Die Joints waren nicht kostenlos und ein Hauch von Woodstock wirbelte viel Staub in den erzkonservativen oberschwäbischen Amtsstuben auf.

Genesis und Pink Floyd waren auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität, während Elvis Presley seinem tragischen Ende entgegen rauschte. Die Mädchen hörten überwiegend ABBA und Bee Gees, die Jungs standen eher auf AC/ DC, Bob Marley oder Rolling Stones. Auch sonst gab es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Mädchen und Jungs, man fand sich gegenseitig eher eigenartig. 

In unserer Klasse 8B saßen die Mädchen auf der linken Seite des Klassenzimmers und die Jungs auf der Rechten, fein säuberlich getrennt durch den Mittelgang. Die Schulnoten waren auch säuberlich getrennt – die Jungs hatten gute Noten in Mathe, die Mädchen eher schlechte. In allen anderen Fächern war es genau umgekehrt. Deshalb waren es auch vier Jungs, die sich ihre miese Biologienote durch einen ganz besonderen Sklavendienst aufbesserten.

Unser Biologielehrer wurde wegen seinem grauen Vollbart Knecht Ruprecht genannt. Er hatte seine Klasse jederzeit im Griff. Beim geringsten Anzeichen von Unaufmerksamkeit warf er nämlich zielsicher ein Kreidestückchen an den Kopf des jungen Träumers, was ganz schön schmerzhaft sein konnte. Trotz dieser pädagodisch wertvollen Vorgehensweise fielen einige Halbjahresnoten auf der Jungenseite ziemlich unterirdisch aus. Hoffnung auf Rettung versprach dann ein Angebot: zwei Nachmittage Mitarbeit bei der Präparation von Insekten gegen eine Schulnote Verbesserung. Wenige Tage später radelten vier Freiwillige zur Wohnung des Tierpräparators.

Knecht Ruprecht hatte die Sommerferien auf Borneo und Sumatra verbracht. Heute findet man dort vor allem Palmölplantagen, aber damals war der Regenwald noch brechend voll mit allerlei Getier. Man musste nur nachts ein weißes Leintuch mit einer Lampe anstrahlen und dann die Insekten mit der Schaufel einsammeln. Unsere Aufgabe war es, die in Äther konservierten Tierchen zu präparieren. Zwischen Faszination und Gruseln verarbeiteten wir Riesentausendfüßler, Vogelspinnen, Nashornkäfer, Skorpione und Schmetterlinge, die größer waren als hierzulande die Tauben.

Präparierte Insekten, Käfer, Schmetterlinge

Die Insekten hatten in Knecht Ruprecht einen leidenschaftlichen Freund, der zwar ohne Skrupel die Regenwälder plünderte, aber gleichzeitig die heimische Fauna zu schützen versuchte. Er lobte eine weitere Verbesserung um eine Schulnote für denjenigen aus, der eine heimische Schmetterlingsart vom Ei bis zum fertigen Schmetterling sicher über die Runden brachte. Ich konnte eine weitere Runde Pimp-deine-Schulnote gut gebrauchen und nahm die Challenge an. Da mein Originalbericht in den Wirren der Jahrzehnte verloren ging, folgt hier mein Gedächtnis-Protokoll:

Tag 1: Habe auf der Unterseite eines Brennnesselblattes ein Eigelege entdeckt. Die etwa hundert Eier sind so klein, dass ich nicht feststellen kann, zu welcher Tierart sie gehören. Es muss auf jeden Fall eine schmerzunempfindliche Art sein, denn meine Hände brennen wie Feuer.

Tag 2: Habe die Brennnessel mit den Eiern in ein Wasserglas gestellt. Meine Eltern wundern sich über die nerdige Blumenwahl, aber immerhin sehen sie es als positives Zeichen, dass ihr pubertierender Sohn überhaupt eine Blumenvase aufstellt. Sie wissen weder vom bedenklichen Stand meiner Biologienote, noch ahnen sie etwas von diesem etwas speziellen Biologiepraktikum.

Tag 3: Die Brennnessel bekommt braune Stellen.

Tag 4: Die Brennnessel wird welk.

Tag 5: Ich hole die verwelkte Brennnessel wieder aus dem Kompost, wohin sie meine Mutter entsorgt hatte, während ich in der Schule war. Die Eier scheinen den Ausflug unverändert überstanden zu haben.

Tag 6: Aus einem der Eier ist etwas Winziges geschlüpft. Ich besorge eine frische Brennnessel, die bald von zahlreichen zwei Millimeter langen Würmchen besetzt wird.

Tag 7: Um die empfindlichen Zwergraupen vor allgegenwärtigen Gefahren des Haushalts wie Staubsaugern und kleinen Brüdern zu schützen, stecke ich die Brennnessel samt Bewohnern in ein Einmachglas, das ich mit einem Stück Gazestoff und einem Gummiband verschließe.

Tag 8: Das erste Blatt der Brennnessel besteht nur noch aus einem Gerippe, alles Grüne ist abgenagt. Meine Mini-Hundertschaft wandert zum nächsten Blatt.

Tag 9: Die Raupen fressen.

Tag 10: Die Raupen fressen. 

Tag 11: Die Raupen hören auf zu fressen. Ich bin beunruhigt. Dann passiert etwas Eigenartiges. Vom vielen Fressen scheint die Haut der Raupen zu eng geworden zu sein. Jedenfalls platzt eine Naht am Rücken auf und heraus kommen deutlich größere Raupen, die sich sofort wieder ans Fressen machen.

viele Raupen

Tag 12: Die Raupen fressen.

Tag 13: Die Raupen fressen.

Tag 14: Christoph, mein Lieblingsfeind stellt mich auf der Straße, als ich in einer Plastiktüte einen Strauß frischer Brennnesseln nach Hause bringe. Christoph ist zwei Jahre älter als ich und ein richtiger Straßenköter. Er macht Bodybuilding, wittert Schwäche auf zehn Kilometer und hat keine Skrupel. Neulich hat er mir die Hälfte der Frigeo Brausebonbons weggenommen, die ich für 10 Pfennig von meinem Taschengeld am Kiosk gekauft hatte.

Christoph will wissen, was in meiner Tüte sei. Meine Antwort, dass nichts in der Tüte sei, was ihn angehe, überzeugt ihn nicht. Mit seinem Schraubstockgriff hält er meinen Arm fest und lacht mir arrogant ins Gesicht. Er greift beherzt in die Tüte und zieht dann sehr schnell seine Hand wieder heraus. Während Christoph versucht, seine Gesichtszüge in den Griff zu bekommen, bringe ich mich und das sehnlichst erwartete Raupenfutter in Sicherheit.

Tag 15: Die Raupen fressen.

Tag 16: Über Nacht fand die zweite Häutung statt.

Tag 17: Die Raupen sind wahre Fressmaschinen: ein Darm auf Beinen, der vorne einen Mund und hinten einen Po hat.

Tag 18: Fressen.

Tag 19: Fressen.

Tag 20: Nach der dritten Häutung sind die Raupen so groß, dass ich sie auf fünf Einmachgläser verteilen muss. Ich verstecke die Gläser unter meinem Bett, denn der Anblick der wimmelnden Masse würde meine Mutter nicht mit Begeisterung erfüllen, soviel ist mir intuitiv klar.

Tag 21: Fressen. Meine Mutter streitet mit meinem Vater, weil er die Einmachgläser für die Kirschen im Keller nicht mehr findet. Nicht gut.

Tag 22: Fressen. Ich habe mir Handschuhe besorgt. Inzwischen muss ich jeden Tag neue Brennnesseln holen, um den Hunger der Bande zu stillen. Eine dunkle Ahnung befällt mich. Lange werde ich das blühende Leben unter meinem Bett nicht mehr geheim halten können.

Tag 23: Die Raupen sind inzwischen so groß wie mein kleiner Finger. Ihr schwarzer schlauchartiger Körper ist dicht mit Stacheln übersäht. Aus einem Insektenbuch identifiziere ich meine Schützlinge als Nymphalis urticae.

Tag 24: Fressen.

Tag 25: Als ich heute aus dem Nachmittagsunterricht nach Hause komme, höre ich hysterische Schreie aus unserem Treppenhaus. Es ist meine Mutter, die vor der Eingangstür steht. Mit Panik im Blick zeigt sie auf den Flur unserer Wohnung und gibt zusammenhanglose Satzfetzen von sich. Ich verstehe nur Fragmente: „Überall!“ und „Mach die weg!“ oder „Mein Gott, sind die gruselig“. Dazwischen schüttelt sie sich vor Ekel und bekommt Weinkrämpfe.

Eine kurze Inspektion offenbart das wahre Ausmaß der Katastrophe. Die Raupen sind inzwischen so hungrig, dass sie schon gegen Mittag alle Brennnesseln in ihren Gläsern vollständig vertilgt hatten. Ihrem Instinkt folgend kletterten sie nach oben und zogen durch ihr Eigengewicht den Gazestoff vom Glas. Dann machten sich hundert Raupen in unserer Wohnung auf die Suche nach Nahrung.

Raupe
Photo by Wolfgang Hasselmann on Unsplash

Mein Zimmer liegt am Ende eines zehn Meter langen Flurs, von dem links und rechts die anderen Zimmer abgehen: Schlafzimmer meiner Eltern, Badezimmer, Küche, Wohnzimmer, Esszimmer. Die hungrige Hundertschaft folgte dem Licht und marschierte durch den Flur. Dann schwärmten Grüppchen in jedes Zimmer unserer Wohnung aus.

Ich beeile mich, die Ausbrecher wieder einzusammeln. In einer ersten Bestandsaufnahme zähle ich achtzig Raupen, also sind noch weitere Zwanzig irgendwo unterwegs. Der Hausarzt verschreibt meiner Mutter ein Beruhigungsmittel.

Tag 26: Zehn weitere Ausbrecher werden jeweils durch Schreie meiner Mutter lokalisiert: In der Garderobe, im Vorratsschrank, hinter dem Sofa. Gestern abend hatte ich ein ernstes Gespräch mit meinem Vater. Er klärt mich über die Bedeutung des Wortes „Ultimatum“ auf. Die Raupenaufzucht wird im Geräteschuppen im Garten unter strengen Auflagen fortgesetzt.

Tag 27: Im Schlafzimmer meiner Eltern finden sich drei weitere Raupen hinter der Gardine. Meine Mutter erhöht die Dosis ihres Beruhigungsmittels.

Tag 28: Die Raupen werden unruhig und hören auf zu fressen. Sie häuten sich ein letztes Mal, diesmal aber kopfüber an einem Zweig hängend. Heraus kommt eine Puppe, die über eine Woche lang bewegungslos verharrt.

Tag 29-40: Keine Änderungen. Einige Puppen zucken gelegentlich.

Tag 41: Es ist soweit: aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge. Einer nach dem anderen schält sich aus der engen Haut und entfaltet seine wunderschönen Flügel. Dann flattern sie aus dem Geräteschuppen davon in ein neues Leben voller Abenteuer.

Ich verstehe, warum ein Schmetterling Hunderte von Eiern legt. Das erste Abenteuer endet nämlich für die meisten von ihnen tödlich. Denn auf dem Dach unseres Geräteschuppens hat sich ein Vogelpärchen in Position gebracht. Sie freuen sich über die eiweißreiche Fütterung und pflücken die frisch geschlüpften Schmetterlinge elegant aus der Luft.

Am 10. Mai ist übrigens Muttertag.