Kein Fez in Fes

Disclaimer: Leider erlebten wir bei unserem Urlaub in Marokko nichts Lustiges, daher gibt es diesmal einfach nur eine Bildergeschichte.

Wer Wortspiele verwendet, sollte zunächst die verwendeten Begriffe definieren. Ein Blick in den Duden Online hilft uns dabei:

  • Fes (auch Fez, Fès): Stadt in Marokko
  • Fez, der: Spaß, Ulk, Unsinn
  • Fez, der: (in den arabischen Ländern von Männern getragene) kappenartige Kopfbedeckung aus rotem Filz in Form eines Kegelstumpfes (mit einer Quaste). Herkunft: wohl nach der marokkanischen Stadt Fes, die möglicherweise der erste Herstellungsort war.

So, jetzt weißt du Bescheid. Aber Achtung, nicht verwechseln mit:

  • Fes, das: um einen halben Ton erniedrigtes f
  • FEZ, das: Abkürzung für Forschungs- und Entwicklungszentrum

Fes, die älteste Königsstadt Marokkos

Wir landeten an einem regnerischen Novembertag in Fes. Bei unserer Unterkunft war der Flughafentransfer inklusive und der Chauffeur wartete bereits. Er begrüßte mich überschwänglich, ignorierte die neben mir stehende SinnlosReisende und trug dann meinen Koffer zum Auto. Wir schauten uns irritiert an und die hochgezogenen Augenbrauen zeigten die Begeisterung über diese Behandlung. Ich übernahm den Koffer der SinnlosReisenden, was wiederum den Chauffeur irritierte, aber so waren wir wenigstens quitt.

Diese konsequente Missachtung des weiblichen Teils unserer zweiköpfigen Reisegruppe zog sich durch den kompletten Urlaub. Liebe Marokkaner, es ist nicht klug, die Hälfte der Menschheit zu ignorieren! Besonders, wenn man in der Tourismusbranche arbeitet und von ihrem Geld lebt. Ratet mal, welches Land auf unserer schwarzen Liste mit No-Go-Destinations gelandet ist? Richtig.

In Fes wohnten wir mitten in der Medina, so nennt man hier die Altstadt. Unser Riad, ein traditionelles Stadthaus, lag in einer verstörend dunklen Gasse und sah von außen wie eine Bruchbude aus. Als wir schon grobe Zweifel an der Hotelauswahl bekamen, wurden wir in einem prachtvollen Innenhof mit Minztee begrüßt.

Dunkle Gasse
Nur für Mutige: der Weg zur Unterkunft
Alte Tür
Eingangstür zum Riad. Klopfe, und dir wird aufgetan!
Schöner Innenhof eines Riad
Außen pfui – innen hui
Wand mit orientalischen Ornamenten verziert
Im Innenhof des Riad
Blick von der Dachterrasse auf Fes
Dachterrasse
Marokkanisches Restaurant mit schönem Innenhof
Auch die Restaurants haben wunderschöne Innenhöfe
Innenhof eines Restaurants in Fes
Blick aus dem ersten Stock

Die Tanneries von Fes

Am Stadtrand von Fes zeugen Ruinen von der einstigen Bedeutung der Stadt. Der Eingang in die Medina von Fes wird vom blauen Tor markiert. Dahinter beginnt ein Labyrinth von malerischen Gässchen, die bei gutem Wetter zum Bummeln einladen. Wir hatten allerdings ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet gebucht und der Regen verwandelte die Altstadt in einen stinkenden Moloch. Aus den Teestuben starrten mürrische Männergruppen und der beißende Gestank der Gerbereien zog durch die Gassen. Außerdem: ein aufdringlicher Bettler beschimpfte uns als Nazis. Was wir definitiv nicht sind! Nicht mal ansatzweise.

Ruine mit Pferd vor blauem Himmel
Ruine mit Pferd
Ruinen in Fes
Bröckelnde Zeitgeschichte
Blaues Tor in Fes
Das blaue Tor markiert den Eingang in die Medina von Fes
Esel in einer Gasse angebunden
Parkplatz in der Innenstadt

In Fes gibt es mehrere Tanneries, in denen Leder auf traditionelle Weise gegerbt und gefärbt wird. Angeblich wird keine Chemie sondern nur natürliche Stoffe verwendet, aber den ganzen Tag barfuß in Taubenkot zu waten, ist auf Dauer auch nicht gesund. Zuerst werden die Haare von den Fellen in Kalkbädern entfernt, danach werden die Lederstücke gefärbt und geschmeidig gemacht. Und dann an die Touristen verkauft. Wie die Arbeiter den Überblick über den Inhalt der vielen Becken behalten, bleibt ein Rätsel.

Tannerie, Ledergerberei in Fes
Tannerie in der Altstadt von Fes
Kalkbecken in der Tannerie
In den Kalkbecken werden die Haare vom Fell entfernt
Färbebecken in der Tannerie
Färbebecken. Schutzkleidung wird überschätzt.
Arbeiter färbt ein Lederfell
Für die Touristen ist es Handarbeit, für die Arbeiter ein knochenharter Job

Mobilität in Marokko

Um dem schlechten Wetter zu entkommen, ließen wir uns von einem Taxi an den Flughafen bringen, wo wir einen Mietwagen gebucht hatten. Es ist verboten, beim Fahren ein Handy zu benutzen. Daher musste unser Taxifahrer zwei Handys benutzen, während er auf einer vierspurigen Straße fuhr. Auf Youtube kannst du das genauer anschauen.

Taxifahrer benutzt zwei Handys während der Fahrt
Taxifahrer im Multitaskingmodus

Autofahren in Marokko ist vergleichsweise unproblematisch, man muss allerdings auf die Esel aufpassen, die immer wieder die Straße bevölkern. Die Straßenschilder sind zweisprachig und die Fernstraßen sind in recht gutem Zustand.

Verkehrsschilder in Marokko
Klangvolle Namen
Arabisches Stopschild
Selbsterklärend
Männer laden Gasflaschen vom Lkw auf einen Esel
Multimodale Mobilität: Wo der Lkw nicht weiterkommt, übernimmt der Esel
Mann reitet auf Esel im Regen
Mistwetter
Motorrad Docker mit Container
Insiderwitz für Informatiker: Docker mit Container
Mann in Berberkapuze steht am Straßenrand
Obi Wan Kenobi wartet auf den Bus…
Mann in Berberkleidung steigt in Auto
…um dann doch das Auto zu nehmen

Von Meknes nach Rabat

Wir fuhren durch hügelige Landschaften nach Meknes, einer weiteren ehemaligen Königsstadt. Die aufwändigen Mosaiken erinnerten uns an die Alhambra in Andalusien und wir bekamen das beste Frühstück aller Zeiten serviert.

Goldbraune Hügel bei Meknes
Hügellandschaft
Palast in Meknes
Einer der zahllosen Paläste
Alte Frau sitzt vor Palast in Meknes
Warten auf besseres Wetter
Frühstück auf Marokkanisch
Königliches Frühstück

In Rabat besuchten wir die Andalusischen Gärten, die wegen ihrer Ruhe von Katzen sehr geschätzt werden. Für eine Hauptstadt geht es hier eher gemütlich zu. Vielleicht trägt die Lage am Meer zu einem entspannten Lebensstil bei.

Katzen schlafen im andalusischen Garten
Katzen in den Andalusischen Gärten
Mann schläft auf Fischernetz mit Regenschirm
Nach der Arbeit trägt der Fischer Anzug
Ruinen der Almohaden Moschee in Rabat
BER von Rabat: Hassan-Turm und Moschee warten seit 800 Jahren auf ihre Fertigstellung
Minarett mit Palmen in Rabat
Minarett in Rabat
Friedhof von Rabat im Abendlicht
Wenn die Schatten auf dem Friedhof länger werden, wird es Zeit zu gehen

Die Sonne von Rabat versöhnte uns ein wenig mit dem anfänglich miesen Wetter und wir flogen nach einer Woche wieder nach Hause. Unter dem Strich ist Marokko sehr sehenswert. Man darf sich halt nicht an diesem landestypischen Männer-Frauen-Dingens stören.

Buntgekleidete Frauen auf der Wand einer Bücherei in Marokko
Frauenbild

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Kosequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellabrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

El Arenal

Ein Bericht aus dem Gefühlsleben eines Vulkans

Der Arenal im Hochland von Costa Rica wurde von der einheimischen Bevölkerung lange nur „der Berg“ genannt. Das ärgerte ihn maßlos, denn einerseits drückte dieses Weglassen seines Namens eine unterschwellige Geringschätzung aus. Andererseits ignorierte die Bezeichnung „Berg“ seine vulkanische Abstammung, die bis zur Geburt der Kordilleren zurückreichte, und darauf war der Verschmähte sehr stolz. Ein Vulkan hat schließlich auch Gefühle, wie jeder Berg.

Und dann immer diese Sticheleien! Die Geologen zeigten überhaupt kein Interesse, weil er angeblich zu jung sei, um etwas Interessantes zu entdecken. Pah. Und das ausgerechnet von diesen Menschen, die ja erst neulich auf der Erdoberfläche erschienen waren. Als ob 100 Millionen Jahre zu jung wären. Der Arenal zeigte seinen Ärger niemals offen, sondern fraß ihn in sich hinein. Er brütete eher introvertiert vor sich hin, wie es der Natur der meisten Berge entspricht. Aber der Druck in seinem Inneren stieg und stieg.

Vulkan El Arenal im Wald
Sieht eigentlich ganz friedlich aus, der Berg

Eines Tages im Jahr 1968 war das Fass dann aber endgültig voll. Als sich ein Bauer aus dem Dorf Tabacon laut darüber beklagte, dass im Schatten des Berges sein Gemüse nicht genug Sonne bekäme, reichte es ihm. In einem gewaltigen Wutausbruch kotzte er einen Lavastrom aus und radierte das Dorf von der Landkarte. Seitdem nennen die Leute ihn nur noch „der Vulkan“ und senken die Stimme ehrfürchtig, wenn sie von ihm sprechen. Na gut, dass dabei 80 Menschen ums Leben kamen, war nicht seine Absicht gewesen. Aber so genau kann man eben auch nicht zielen, zumal wenn man als Vulkan etwas aus der Übung ist. Als Warnung stößt der Arenal immer mal wieder ein kleines Rauchfähnchen aus, macht sich mit einem bedrohlichen Rumpeln bemerkbar und wirft ein paar Felsbrocken aus seinem Krater. Wenn man sich unter den Top 10 der weltweit aktivsten Vulkane halten will, muss man halt immer am Ball bleiben.

Am Fuß des Vulkans liegt der Arenal Nationalpark. In Internetforen beklagen sich unzufriedene Besucher darüber, dass es hier kaum Tiere zu sehen gäbe. Das stimmt aber gar nicht – man muss nur etwas genauer hinschauen.

Blattschneiderameise trägt ein Blatt
Tierwelt im Arenal Nationalpark

Eine Blattschneiderameise ist nun vielleicht keine Sensation, aber ein ganzes Volk davon kann einen Baum in wenigen Tagen kahl scheren (und ein Pferd in einem Tag bis auf die Knochen abnagen; aber das ist ein unbestätigtes Gerücht). Und wo Ameisen sind – da ist ein anderer Zeitgenosse nicht weit. Als es neben dem Weg im Unterholz raschelte, verhielten wir uns ruhig und dann spazierte in aller Seelenruhe ein Ameisenbär an uns vorbei. Ich hatte immer gedacht, diese Tiere wären blau, weil ich in meiner Kindheit ein Fan der blauen Elise war, die im Vorabendprogramm vergeblich den Termiten nachstellte.

Ameisenbär überquert den Weg
Freund der Ameisen

Und wer nicht im Stechschritt durch den Dschungel rennt, sondern sich etwas Zeit lässt, der findet auch mal Tiere, die nicht so ins Auge springen.

Snake in rain forest
Manche Tiere wollen gar nicht gesehen werden. Erst wenn es zu spät ist.

Ganz in der Nähe, am Ufer des Arenalsees, steht ein gewaltiger Ceiba Tree, der angeblich James Cameron zu dem Wohnbaum der Na‘vi im Film „Avatar-Aufbruch nach Pandora“ inspiriert hatte. Die Ureinwohner Mittelamerikas verehrten diese bis zu 75 Meter hohen Bäume als Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. Fotos können die Größe dieses Baumes nicht wiedergeben; es ist einfach nur ein ergreifendes Gefühl, darunter zu stehen.

großer Ceiba Tree
Unter dem Ceiba-Baum – Größe ist relativ

Von den häufigen Vulkanausbrüchen unbeeindruckt bauten die unerschrockenen Ticos das Städtchen La Fortuna, denn hier zeigt der Vulkan seine sonnige Seite: es gibt massenweise natürliche Thermalquellen mit herrlich heißem Wasser. Wir verzichteten auf die Designerbäder der Edelhotels und besuchten die Termalitas del Arenal, wo sich die einheimischen Großfamilien zum Picknick mit Grillvergnügen trafen. Meine mangelhaften Spanischkenntnisse machten sich hier schmerzlich bemerkbar, aber Bilder versteht man ja auch ohne Worte.

Termalitas del Arenal in La Fortuna
Thermalbad mit Heizkraftwerk im Hintergrund
Küssen verboten Schild
Beim Küssen nicht den Partner gegen das Schienbein treten!
Tafel mit Verbot im Freibad
Verboten: Kinder dürfen spielenden Erwachsenen nicht auf den Po hauen!
Warnschild Wassertemperatur und Wassertiefe
Doppelgefahr: Heißes Wasser und Untiefen. Vorsicht beim Köpfer!
Warnschild Blutdruck
Nach 20 Minuten steigt der Blutdruck bis die Arterien platzen!

Um uns etwas abzukühlen, machten wir einen Ausflug zum Rio Celeste. Unterwegs streiften wir ein Highlight der Biodiversität, die Nebelwälder. Hier findet man im dauerfeuchten Klima auf einem Quadratkilometer mehr verschiedene Baumarten als in den ganzen USA. Der einzige Nachteil am Nebelwald ist – ähm, der Nebel.

Nebel auf der Straße im Nebenwald
Im Nebelwald

Der Rio Celeste liegt etwas abseits im Tenorio Volcano National Park und ist nur durch eine einstündige Wanderung erreichbar. Zwei kristallklare Bäche vermischen sich hier zu einem absolut unglaubwürdig leuchtenden Türkiston.

Entstehung des Rio Celeste
Hier entsteht der Rio Celeste aus zwei klaren Bächen. It’s magic!
Türkise Farbe im Rio Celeste
Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt man es nicht

Es gibt zwei Theorien zur Erklärung dieses Naturspektakels: Die Einen sind davon überzeugt, dass die Götter hier als Beweis ihrer Allmacht ein Stück des Himmels auf die Erde gebracht haben. Die Anderen behaupten, es sei ein physikalischer Effekt namens Mie-Scattering, bei dem Aluminiumsilikat, PH-Werte und eine Wellenlänge von 566 Nanometern eine Rolle spiele. Man kann sich aber auch einfach nur über den Anblick freuen.

Wasserfall am Rio Celeste
Pool mit Dusche mitten im Dschungel
Hängebrücke über den Rio Celeste
Nur für Einzelgänger

Auf dem Rückweg entdeckten wir eigenartige Blüten und einen dieser neugierigen Nasenbären neben dem Weg. Diese Allesfresser haben sich genau wie die Waschbären in Nordamerika an die Menschen gewöhnt und kontrollieren regelmäßig die Parkplätze.

Pink Flower
Der Dschungel blüht
Nasenbär im Wald
Naseweiser Nasenbär
Nasenbär am Parkplatz
Nasenbär nimmt die Fahrzeugparade ab

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Urlaub bei den Hottentotten

Als Kind hatte ich lange Zeit Mitleid mit diesem geheimnisumwitterten Volk. Denn immer wenn in meinem Zimmer die Unordnung apokalyptische Züge annahm, sagte meine Mutter: „Hier sieht’s aus wie bei den Hottentotten!“

Musikkapelle zur Erheiterung von Touristen an der Uferpromenade

Der letzte Teil unserer Südafrika-Reise führte uns von Port Elizabeth über die Garden Route bis nach Kapstadt. Während im Nordosten des Landes das Autofahren weitgehend von Schlaglöchern dominiert wurde, erinnerten die Straßen hier eher an amerikanische Highways. Die Garden Route hat ihren Namen von den klimatisch günstigen Bedingungen, die zu einer unglaublichen botanischen Vielfalt führen. Hier wächst alles eine Nummer besser, von Kapstachelbeeren über den ausgezeichneten Wein bis zu namenlosen Blumen.

Wuchernde Blütenpracht

Am Strand von Cape St. Francis legt die örtliche Behörde viel Wert auf Ordnung. Nicht mal atomaren Müll darf man hier entsorgen. Etwas kleinlich für meine Begriffe, aber andere Länder – andere Sitten.

Eigenwillige Verbote
Leuchtturm am Strand

In Knysna haben die Gezeiten eine große Bucht ins Land gegraben. Bei Flut steht hier alles unter Wasser, aber bei Ebbe entsteht ein begehbarer Matschteppich, aus dem die Einheimischen riesige Würmer als Köder zum Angeln ziehen. Man sollte allerdings rechtzeitig wieder auf sicheres Land klettern, bevor das Wasser zurück kommt.

Die Bucht von Knysna kurz vor Ebbe
Endloser Matsch

Ganz in der Nähe gibt es eine gut versteckte Abfahrt von der Hauptstraße, die über eine Schotterpiste bis zu einem Parkplatz führt. Dort beginnt der Abstieg über eine Treppe zum Noetzie Beach, einem der schönsten Strände hier in der Gegend. Die mühsame Anreise lohnt sich, denn hierher kommen nur wenige Touristen. Die meisten verirren sich in dem benachbarten Township und kommen nie wieder heraus.

Licht am Ende des Tunnels – die Treppe zum Noetzie Beach
Noetzie Beach – ein abgelegenes Stück Paradies
Abendstimmung nach einem Tag am Strand

Der letzte Abschnitt unserer Reise führte uns an die Südspitze Afrikas, in die Heimat der Hottentotten. Es gibt keine verlässlichen Berichte über ihren Ordnungssinn, aber an die Zustände in meinem Jugendzimmer kamen sie sicher nicht heran. Sie lebten zweitausend Jahre lang friedlich als Viehhirten, bis die Buren kamen und meinten, dass das Land eigentlich ihnen gehöre. Als Begründung reichte ihnen, dass sie die besseren Waffen hatten. So lief das viele Jahrhunderte lang, wenn Europäer ein fremdes Land entdeckten. Wenn die Bewohner wehrhaft waren, versuchte man Handel mit ihnen zu treiben. Wenn sie militärisch unterlegen waren, wurden sie erobert und bekamen die Errungenschaften der zivilisierten Welt geschenkt, beispielsweise Linksverkehr. Zum Ausgleich durften die Unterlegenen für die Kolonialmacht als Sklaven arbeiten.

In Kapstadt kommt man an einem Besuch des Tafelbergs kaum vorbei, zumindest wenn das Wetter mitspielt. Sportliche Zeitgenossen können die Wand zu Fuß besteigen, man kann aber auch die Seilbahn nehmen. Als mir klar wurde, dass diese Bahn 1929 erbaut wurde und ohne Stütze 1200 Meter überbrückt, wurde mir etwas mulmig. Zum Glück wurde die Anlage von der renommierten Firma Doppelmayr kürzlich erneuert und mit einer 360 Grad Drehkabine ausgestattet. Von oben hat man herrliche Aussichten auf das umliegende Land.

Über den Dächern von Kapstadt
Magische Momente
Blick vom Tafelberg in Kapstadt

Die Strände sehen verlockend aus, haben aber trotz der warmen Luft eine recht erfrischende Temperatur. Das Wasser ist so kalt, dass man hier sogar Pinguine findet, die aus der nahen Antarktis auf Sommerurlaub herüberschwimmen.

Gut gekleidete Strandbesucher

Über den Chapman’s Peak Drive fuhren wir zum Kap der Guten Hoffnung. Unterwegs gab es massenweise tolle Landschaften im Sonderangebot.

Wilde Küste am Südzipfel Afrikas
Das Haus am Meer
Chapman’s View Point

Unterwegs besuchten wir eine Straußenfarm. Wirklich gefährlich sind diese Riesenvögel nur, wenn man ihre Sprache nicht spricht.

Brandgefährliche Kampfvögel
Der Straußenflüsterer

Das Kap der Guten Hoffnung am südwestlichsten Zipfel Afrikas bekam seinen Namen vom portugiesischen König Johann II., der darauf hoffte, endlich den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Die Seefahrer nannten das steile Kliff lange Zeit „Sturmkap“, denn hier treffen die kalten Wasser des Atlantiks auf die warmen Strömungen des Indischen Ozeans und sorgen für unberechenbare Winde, die so manches Schiff auf die spitzen Riffe unter der Wasseroberfläche drückten. Dann blieb den Gestrandeten nur noch die Hoffnung, dass in den nächsten Jahren wieder eine Expedition vorbei kam. Dem Kletterer bleibt die Hoffnung, dass der Absturz weich endet.

Ein letztes Bild vom Kap der Guten Hoffnung zum Abschied

Die Wellen von Ballito

Eine kleine Geschichte über große Tiere, noch größere Wellen und einen Tanz mit einem Zulu

Als wir die Bilder der Touristenmassen sahen, die sich sensationsgeil um die wenigen Tiere drängelten, strichen wir den Krüger Nationalpark und besuchten stattdessen den relativ unbekannten HluHluwe iMfolozi Nationalpark. In dieser Gegend Südafrikas hatten sie eine erfrischend kreative iNterPretatiOn der gRoß-kLein-Schreibung, und auch sonst war es ein Erlebnis der Güteklasse A1 mit Sternchen. Wir konnten den Park ohne Guide und völlig unbehelligt von anderen Touristen mit dem eigenen Auto erkunden. Anfangs sahen wir nur jede Menge Schlaglöcher, ein paar Äffchen, Wildscheine und einen Kudu.

Mutter und Kind-Turnen
Hängebauchschweine gehen Krokodile füttern

Als die Mittagshitze sich legte, beendeten die Tiere ihre Siesta und kamen aus ihren Verstecken: Eine Elefantenherde wanderte majestätisch über einen Hügel. Dann Nashörner im Akkord. Wir fuhren um ein Haar unter einer Giraffe durch. Dann Zebras. Noch eine Elefantenherde am Fluss. Noch mehr Nashörner. Noch mehr Schlaglöcher.

Nashorn-Ehepaar bei der Rasenpflege
Abendessen im dritten Stock
Leben im Hochformat
Die Zebrastreifen machen Feierabend und gehen nach Hause

Im Küstenstädtchen Ballito checkten wir im Zimbali Eco View ein. Unser Gastgeber Herbie zauberte ein erstklassiges Frühstück auf den Tisch: Leckerer Kaffee, Nutella, Obstsalat, Straußengeschnetzeltes und Waffeln. Und zur Unterhaltung sprangen im Meer die Delphine.

Frühstück mit Meerblick. So muss das sein.

Herbie war Technikfreak und sicherte sein Haus abends mit einer Alarmanlage: Rotes Licht – Anlage scharf, grünes Licht – ok. Die Taste mit einem Punkt auf der Fernbedienung entschärft die Anlage, die Taste mit zwei Punkten sendet einen Notruf an den Sicherheitsdienst. Alles ganz einfach.

Wegen der hohen Kriminalität nutzten die meisten Hausbesitzer einen Wachdienst. Meist waren hier Zulus beschäftigt, Nachfahren des legendären Königs Shaka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile des heutigen Südafrikas beherrschte. Da er 1.500 Frauen hatte, ist heute fast jeder Zulu mit ihm irgendwie verwandt. König Shaka wird als Nationalheld verehrt; sogar der internationale Flughafen in Durban wurde nach ihm benannt.

Am nächsten Tag ging es endlich an den Strand zum Baden in die tollen Wellen. Drei Rettungsschwimmer lümmelten unter einem Sonnenschirm und zahlreiche Familien spielten am Ufer. Ich liebe Wellen. An zahlreichen Stränden dieser Welt hatte ich das Spiel mit den Brechern genossen und freute mich auf die erste Begegnung mit dem Indischen Ozean. Wir gingen bis zu den Knien ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Dann ging es ganz schnell. Die erste Welle holte uns von den Beinen, die Zweite raubte uns die Orientierung und die Dritte zog uns in den Bereich, in dem man nicht mehr stehen konnte. Hey, dachte ich noch, die haben aber ganz schön Kraft! Und schon brach die nächste Welle über uns zusammen.

Wellen am Indischen Ozean

Die Wellen brachen in so kurzen Abständen von oben auf uns herunter, dass wir kaum Zeit zum Atmen hatten. Das war extrem ungemütlich und wir beschlossen, zum Ufer zurück zu schwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn jede Welle spülte uns drei Meter Richtung Ufer und der Sog nach der Welle zog uns fünf Meter ins Meer hinaus. Ich schwamm was ich konnte, was nicht viel war, denn meine Kraft ließ erschreckend schnell nach. Aus dem Augenwinkel erkannte ich an dem ernsten Gesichtsausdruck der SinnlosReisenden, dass sie die Lage ebenfalls als bedrohlich einstufte. Die drei Rettungsschwimmer waren inzwischen in die Mittagspause entschwunden.

Rette sich wer kann…

Kurz bevor die Panik mich überrollte, tauchte plötzlich neben mir ein Mädchen mit einem Surfbrett auf. Ich klammerte mich energisch daran fest und ein archaischer Überlebensinstinkt schickte den Impuls durch mein Gehirn, dem Kind das Brett aus der Hand zu reißen. Das war wohl auf meinem Gesicht zu lesen, denn sie schaute mich ängstlich an. Aber ich hatte mich schon wieder im Griff und dann erfasste uns die nächste Welle und spuckte uns auf den Strand. Seit diesem Erlebnis betrachten wir Wellen mit deutlich mehr Respekt.

Mann reitet mit Surfbrett auf Welle
Mit der richtigen Ausrüstung macht das sicher Spaß

So eine Niederlage kann ein richtiger Mann natürlich nicht einfach so stehen lassen. Mein Rehabilitationsplan war kühn und schnell gefasst. Direkt vor unserer Unterkunft war ein weitaus gefährlicherer Strand, als der nachmittägliche Badestrand. Herbie hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier immer wieder Mutige und Ahnungslose ertranken. Dieser Strand musste bezwungen werden – nur so ließ sich meine Ehre wieder herstellen.

Als die SinnlosReisende gegen Mitternacht einschlief, schlich ich mich durch die doppelt abgeschlossenen Türen aus dem Haus. Ich hatte einen schwarzen Neoprenanzug ausgeliehen, den ich samt Kapuze und Handschuhen überstreifte. Die Handschuhe waren etwas hinderlich, aber schließlich schaffte ich es, die Alarmanlage mit einem Druck auf den Knopf mit den beiden Punkten zu entschärfen. Oder war es der Knopf mit einem Punkt? Egal, jedenfalls ging kein Alarm los, als ich vor die Tür trat.

Als ich schon fast draußen war, fiel mir ein, dass ich den elektrischen Haischocker vergessen hatte. Also ging ich nochmal zurück, denn Herbie hatte uns berichtet, dass in den Schutznetzen vor den Buchten regelmäßig Haie hängen blieben – viele auf dem Rückweg nach draußen ins offene Meer. Schließlich war ich soweit und musste nur noch die Außentür abschließen. Ich leuchtete mit der funzeligen Taschenlampe und fummelte mit meinen Handschuhen an dem blöden Schloss herum, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich erschrak, drehte mich um, und starrte auf eine gewaltige muskulöse Brust. Vor mir stand eine jüngere Ausgabe von Mike Tyson – nur größer. Vor Schreck fiel mir der Haischocker aus der Hand. Er fiel mit einer Elektrode auf meinen Fuß, mit der anderen auf den Fuß des Hünen, offensichtlich ein Zulu vom Sicherheitsdienst. Mit einem Britzeln entluden sich die 50.000 Volt in unsere Körper und wir umarmten uns unter Krämpfen und tanzten bis die Ladung leer war. Als ich wieder atmen konnte, erkannte ich einen zweiten Schwarzen mit ähnlich beeindruckender Statur, der mich grimmig musterte. Zum Glück hatte ich vor der Reise einen Spruch in Zulusprache einstudiert, denn mit Fremdsprachen erobert man die Herzen der Einheimischen:

„Sagabona – Kunjani wena!“ wollte ich sagen. „Hallo – wie geht’s?“

Weil ich mir bei dem elektrischen Tänzchen auf die Zunge gebissen hatte, kam aber nur ein klägliches „Shakabolla – Kunschi wea!“ heraus, was ungefähr bedeutete „König Shaka frisst Scheißbollen!“

Wie stolz die Zulus auf ihren früheren König waren, konnte ich in den nächsten Stunden in der schalldichten Zelle des Sicherheitsdienstes am eigenen Leibe erfahren. Erst durch viele förmliche Entschuldigungen und eine großzügige Spende konnte ich die Herren davon überzeugen, dass ich erstens nichts gegen den verehrten König Shaka habe und zweitens nicht bei Herbie einbrechen wollte. Als ich in der Morgendämmerung ins Bett kroch, spürte ich alle Knochen. Die SinnlosReisende kommentierte meinen Zustand schlaftrunken mit einem müden Scherz über mein Alter und drehte sich um. Wenn Frauen wüssten, was ihre Männer Nachts so treiben…

Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen

Im Königreich eSwatini

Etwa eine Million Menschen leben im Königreich eSwatini. Während König Mswati III mit seinen fünfzehn Frauen und seiner entsprechend großen Familie gern gesehener Stammkunde bei Herstellern von Luxuslimousinen ist, leben die restlichen Bewohner von durchschnittlich 30 € im Monat.

In dieser Ecke Afrikas ticken die Uhren langsamer als im Rest der Welt. Wir verbrachten drei Tage im Hlane Nationalpark, in dem es genau fünf Hütten und keinen Strom gab. Und damit auch keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keinen Lichtschalter und keine Möglichkeit, unsere Handys aufzuladen. In der ohrenbetäubenden Stille war das Summen der Fliegen überdeutlich zu hören.

Unsere Unterkunft und unser „Geländewagen“

Als die Akkus unserer Geräte leer waren, wurde die Zeit zäh wie Honig. Zum Glück lag direkt neben unserer Hütte ein Wasserloch, in dem eine Familie Nilpferde planschte. Am Ufer tummelten sich Giraffen, Nashörner und Elefanten.

Wasserloch mit Nashörnern und Nilpferden
Das Wasserloch im Hlane Nationalpark

Das herausstechende Merkmal von Elefanten ist ihr gutes Gedächtnis. Da ich diese Eigenschaft mit ihnen teile, sind mir diese Tiere sehr sympathisch. Ich erinnere mich beispielsweise noch ganz genau an eine Jugendsünde im Zoo aus meiner Schulzeit: ein junger Elefantenbulle hatte auf einem Ohr eine Narbe, die an eine Zielscheibe erinnerte. Das brachte uns Jungspunde auf die Idee, mit den herumliegenden Hasenkotbollen auf sein Ohr zu werfen. Der Elefant fand das nicht so lustig wie wir, aber uns trennte ja ein stabiler Zaun und ein tiefer Wassergraben.

Elefant im Abendlicht

Eines der Nashörner starrte mich mit einem Blick an, der mir Gänsehaut machte. Der Bulle schien zu überlegen, ob sich bei dieser Hitze ein kleiner Sprint lohnte. Ich blickte prüfend den Zaun an, der die Tiere draußen halten sollte und fand ihn erschreckend dünn. Als eine kleine Brise aufkam, wackelte der Pfosten bedenklich. Zum Glück haben Nashörner ein zu kleines Gehirn, um solche Überlegungen zu Ende zu führen.

Nashorn hinter baufälligem Zaun
Wie lange so ein Zäunchen wohl einem anstürmenden Nashorn widerstehen kann?
Zwei Nashörner überlegen, ob ein Angriff lohnt
Was meinst du: Sollen wir eine Runde Touristenjagen spielen?

Ich weckte an der Rezeption eine Angestellte, die in der brütenden Mittagshitze in einer schattigen Ecke gedöst hatte und fragte, ob wir denn mit unserem Mietwagen eine Self-drive-Safari ins Gehege nebenan wagen könnten. Der Kleinwagen hatte zwar schon bei dem einen oder anderen Schlagloch auf asphaltierten Straßen Probleme mit der Bodenfreiheit gehabt, aber die junge Dame hauchte nur ein gelangweiltes „Yes, you can“. Als ich nach Sicherheitsregeln fragte, meinte sie lapidar: „Don’t leave your car – You are food“.

Löwen schlafen im Gras
Es ist erschreckend, wie leicht man ein Löwenrudel im Gras übersehen kann.

So quälten wir unseren unschuldigen Stadtflitzer über einen Feldweg, der offensichtlich für erwachsene Geländewagen konzipiert war und verkratzten Unterboden und Metallic-Lackierung.

Nashorn von hinten
Gut, dass wir die gleiche Richtung haben. Gegenverkehr könnte interessant werden…

Die Nashörner musterten uns mit mißtrauischen Blicken und ignorierten uns ansonsten.

Nashorn in Griffweite
Begegnung am Wegrand: Der will doch nur spielen…

Als wir beinahe in Bergen von Elefantenmist stecken blieben, entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und beschlossen, auf die geführte Safari am nächsten Tag zu warten.

Elefantenmist
Große Tiere – große Haufen

In der Nacht wurde ich vom Stampfen der Nashörner geweckt, die etwa fünf Meter neben unserer Hütte vorbei liefen. Da ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich leise auf die Terrasse. Ich lief ein paar Meter bis zum Zaun, in der Hoffnung, vielleicht am Wasserloch etwas Interessantes zu sehen. Man konnte aber seine eigene Hand nicht erkennen, da der Mond von einer Wolke verdeckt war. So stand ich eine Weile in Gedanken versunken, als die Wolken plötzlich den Mond freigaben. Neben mir stand eine Gruppe schwarzer Männer. Wir starrten uns eine Weile überrascht an. Um das Eis zu brechen, kramte ich ein paar Brocken aus meinem Zulu-Wortschatz hervor, den ich in Vorbereitung auf diese Reise gepaukt hatte.

„Sagabona – Kunjani wena“ sagte ich. Hallo, wie geht’s?

Die erhoffte Reaktion blieb aus. Im Gegenteil, die Männer rückten näher und schauten recht bedrohlich drein. Einer zog ein Messer, ein anderer hatte eine große Säge in der Hand. Blitzartig wurde mir klar, was hier lief. Ich hatte eine Bande Wilderer überrascht, die auf das Horn eines Rhinozeros scharf waren. Immer noch glauben zu viele reiche Voll-Honks, dass sich ihre Potenzprobleme durch Nashornpulver in Wohlgefallen auflösen. Ich erwog kurz meine Optionen, entschied mich spontan für den Rückzug und sprang über den Stacheldraht. Als die Männer sich anschickten, den Zaun zu übersteigen, rief ich ihnen den einzigen Satz zu, den ich auf Zulu auswendig gelernt hatte:

„Nafahamu vizuri sana kwamba baada ya kuondoka kwangu mbwa mwitu wakali watawavamieni, na hawatakuwa na huruma kwa kundi hilo!“

Dieses Bibelzitat aus Apostel 20,29 bedeutet auf Deutsch: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden!“

Das war zwar in dieser Situation völlig schwachsinnig, aber zu meiner Überraschung schüchterte die Herren Wilderer dieser Spruch derart ein, dass sie respektvoll ein paar Schritte vom Zaun zurückwichen. Zwei Sekunden später wusste ich auch warum. Das Nashorn, das mich nachmittags so kritisch gemustert hatte, fand mein Eindringen in sein Revier alles andere als lustig und war im Anmarsch. Ich legte einen Sprint ein und konnte mich gerade noch rechtzeitig in das Wasserloch retten.

Allerdings war die Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn hinter mir im dunklen Wasser hörte ich ein gurgelndes Geräusch. Mir fielen die Nilpferde ein, die nachmittags im Wasser geplanscht hatten. Vom Ufer aus starrte mich das Nashorn grinsend an, als ob es wüsste, in welcher Lage ich mich befand. Also watete ich leise zu einer schmalen Böschung, unerreichbar für Nashörner und Nilpferde. Ich seufzte laut und entspannte mich.

Plötzlich traf mich etwas weiches, übelriechendes am Kopf. Ich drehte mich um und sah einen Elefantenbullen, der mich genüsslich mit seinem Rüssel mit den Kotbollen der Antilopen bewarf, die hier in Bergen herumlagen. Ich wollte weder zurück ins Wasser, noch auf dem Landweg dem Nashorn vors Horn laufen, also musste ich wohl oder übel ausharren. Dem Elefanten ging die Munition nicht aus, und er fand sichtlich Spaß an seiner Beschäftigung. Im schwachen Mondlicht erkannte ich eine zielscheibenförmige Narbe in seinem Ohr, die mir irgendwie bekannt vorkam. Man trifft sich halt immer zweimal im Leben.

Als mich der Park-Ranger bei seiner morgendlichen Patrouille fand, stand ich bis zur Hüfte in der Scheiße. Meine Erzählung glaubte er mir nicht, aber er fand sie so originell, dass er mein Eindringen in das Wildtier-Reservat nicht als Wilderei auslegte. Gut so, denn darauf steht im Königreich eSwatini die Todesstrafe und das hätte ich dann doch bedauert.

Khom Loy zu Silvester

Jetzt haben wir die Bescherung! Winterferien und wir sitzen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Zuhause. Herzlichen Dank, du fieser Wurm von einem Virus! Zum Ausgleich will ich heute über eine Thailandreise aus 2016 berichten. Möge die Kraft der Erinnerungen uns durch diese dunklen Zeiten tragen.

Wir hatten uns im Osten Thailands einquartiert und ernährten uns seit fünf Tagen von Pad Kra Pao – Reis mit undefinierbaren Stückchen. Es gab hier fast keine Touristen und daher auch kaum Restaurants. Aber dafür jede Menge Mopedküchen entlang der Straße. Da die Verständigung mit den Köchinnen nahezu unmöglich war, blieb uns nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Das Essen war immer lecker. Ich hätte nur gerne gewusst, aus was diese kleinen Stückchen im Reis bestanden. Oder vielleicht auch nicht.

Leckerer gebratener Reis mit irgendwas

Silvester wird in Thailand offensichtlich am Strand gefeiert, jedenfalls war jede Menge Volk mit asiatischem Picknick unterwegs. Zum Jahreswechsel lässt man hier Khom Loy steigen, das sind Fluglaternen aus Reispapier und Bambus. Man entzündet das überdimensionale Teelicht und wenn man den richtigen Moment abpasst, trägt der Wind das leichte Teil davon. Wenn der Khom Loy aufs Meer hinaus segelt, bringt das neue Jahr Glück, Reichtum und Weisheit. Treibt die brennende Laterne aufs Land, bedeutet das meist Unglück, weil das Nachbarhaus in Flammen aufgeht.

Start eines Khom Loy
Der Start ist gar nicht so einfach wie man denken könnte

Ich hatte Probleme beim Anzünden und unser Reichtum drohte direkt am Strand zu zerschellen. Aber dann halfen uns ein paar einheimische Jugendliche und unsere Laterne erhob sich in den Wind. Und schwebte direkt auf das benachbarte Bambushaus zu. Interessant, welche Gedanken einem in so einem Moment durch den Kopf gehen. Ich überlegte, was Haftplichtversicherung auf Thailändisch heißt und ob unsere Police wohl auch Brandstiftung durch Fluglaternen abdeckte. Aber dann drehte der Wind und einem glücklichen Jahr stand nichts mehr im Weg.

Khom Loy im Flug
Mögen die Götter günstige Winde senden

Übrigens: ich will ja nicht die romantische Stimmung verderben, aber beim Verbrennen eines solchen Teelichtes entstehen etwa 100 Gramm CO2. Wenn jeder Tourist in Thailand einen Khom Loy steigen lässt, ergibt das bei 40 Millionen Touristen ungefähr 4.000 Tonnen CO2 jedes Jahr. Die gleiche Menge entstünde, wenn ich mit dem Auto Tausend mal die Erde umrunden würde. Aber das wäre ziemlich sinnlos. Dazu braucht man nämlich viel länger als ein Jahr und bevor man fertig ist, kommen schon die nächsten Touristen.

Temple of Psycho Chicken

Nach einigen beschaulichen Tagen stürzten wir uns todesmutig mit unserem Mietwagen in den thailändischen Linksverkehr. In Ayutthaya genossen wir eine wunderschöne Bootstour auf dem Fluss, der die Altstadt umschloss und besuchten den Tempel der verrückten Hühner und eine alte Tempelanlage der Khmer.

Tempel der Khmer im Licht der untergehenden Sonne

Am nächsten Tag liehen wir uns Fahrräder und erkundeten die Ruinen der historischen Tempelanlagen der ehemaligen Königsstadt. Wir probierten leckere gegrillte Insekten und frittierte Kochbananen.

Diese Ruinen in Ayutthaya dienten den Architekten aus Pisa als Vorbild.
Mahnmal für alle, die zu lange meditieren. Die Bäume wachsen hier schneller als man denkt!
Worms to Go. Mahlzeit!

In Kanchanaburi ließen wir uns auf der Brücke am River Kwai beinahe vom legendären Todeszug überfahren und besuchten den Erawan Nationalpark mit seinen sieben terrassenartigen Wasserfällen mit wundersam milchig blaugrünem Wasser.

Der historische Todeszug auf der Brücke am River Kwai
Im Erawan Nationalpark schimmert das Wasser in magischen Türkisfarben

Mit einem Minibus fuhren wir dann an der Küste entlang nach Süden. Huahin war lange Zeit der Lieblingsbadeort des beliebten thailändischen Königs, der auf einen handlichen Namen hörte: Somdet Phra Paraminthra Maha Phumiphon Adunyadet Mahittalathibet Ramathibodi Chakkrinaruebodin Sayaminthrathirat Borommanat Bopht. Da sich das nun wirklich nur die allerwenigsten merken konnten, wurde er meist König Bhumibol Adunyadet genannt. Und die ganz Faulen nannten ihn einfach Rama IX. Er regierte das Land nun seit siebzig Jahren und war damit der am längsten regierende Monarch der Welt. König Bhumibol wurde von seinem Volk wie ein Gott verehrt. Und das, obwohl seine ersten Jahre eigentlich gar nicht der thailändischen Tradition entsprechend verliefen.

Es fing schon damit an, dass er in Cambridge, Massachusetts geboren wurde, wo sein Vater, der Fürst von Songkla, Medizin studierte. In seiner Geburtsurkunde stand zunächst nur „Baby Songkla“, weil nach thailändischer Tradition ausschließlich der König einen glücksbringenden Namen vergeben durfte. Den Thron bestieg Bhumibol mit 26 Jahren als Nachfolger seines älteren Bruders, den das Schicksal vieler Könige der damaligen Zeit ereilte: er wurde erschossen in seinem Zimmer aufgefunden. Da Bhumibol aber zuerst sein Studium der Naturwissenschaft in der Schweiz beenden wollte, verschob er das Regieren, bis er damit fertig war. In Lausanne lernte der König ganz unasiatisch den Jazz lieben und lernte Saxophon zu spielen.

Das königliche Wartehäuschen am Bahnhof von Huahin

In Huahin gab es ein eigenes königliches Wartehäuschen am Bahnhof. Man kann allerdings vermuten, dass hier eher der Zug auf den König wartete als umgekehrt. Da das Reisen mit dem Zug in der königlichen Familie etwas aus der Mode gekommen war, wurde dieses museumsreife Häuschen nicht mehr benutzt. Wir warteten ganz gewöhnlich auf dem Bahnsteig und nahmen den Zug nach Thong Chai, wo wir einen kleinen Holzbungalow am fast menschenleeren Strand gemietet hatten. Ganz in der Nähe genoß ein goldener Buddha den erhabenen Blick auf den Golf von Thailand.

Buddha mit Meerblick

Am Ende unserer Reise verbrachten wir ein paar tiefenentspannte Tage auf Ko Phangan. Spaziergänge am Strand, Wanderungen über eine nur bei Ebbe auftauchende Sandbank zu einer kleinen Insel, eine Kajakfahrt über unsichtbare Korallenriffs und zahlreiche Besuche in den Strandbars. Der Ort erinnerte ein bißchen an das Paradies, nur die Warnschilder und Essigdepots für die tödlichen Würfelquallen erinnerten daran, dass Himmel und Hölle manchmal nah zusammen liegen.

Am letzten Abend gönnten wir uns eine entspannende Thaimassage am Strand. Wir bekamen die Füße gewaschen und legten uns auf die Liegen. Ich schloß die Augen und wartete auf die zarten Hände einer zierlichen Thailänderin. Die erste Berührung machte mir klar, dass ich wohl einen männlichen Masseur abbekommen hatte, und dazu einen ziemlich kräftigen. Die nächste Stunde gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Dieser brutale Typ drückte Stellen an meinem Körper, die in grellen Schmerzen explodierten. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, wie ich aus dieser Sache heil heraus kommen sollte, aber die Geräusche von den Nachbarliegen zeigten mir, dass ich nicht der Einzige war. Als ich am Ende die Augen öffnete, stellte ich erstaunt fest, dass es doch eine Frau war, der ich das ganze Leid verdankte. Immerhin, die Schmerzen vergingen nach einigen Tagen und wir konnten wieder aufrecht gehen.

Abschied von Ko Phangan

König Bhumibol starb wenige Monate nach unserem Besuch (Ich schwöre: wir hatten nichts damit zu tun) und inzwischen wurde sein Sohn zu seinem Nachfolger gekrönt. Da es in Thailand strengstens verboten ist, schlecht über den König zu reden, fasse ich im folgenden alles Gute über den neuen Monarchen zusammen, das mir einfällt:

Die Sache mit Marzipan

Eine Reise in die unbeschwerten Tage meiner Jugend. Und ein Bericht aus dem kurzen, aber sinnlosen Leben eines Hamsters.

Photo by Ellie Burgin

Als wir fünfzehn Jahre alt waren, bekam die Schwester eines Freundes zwei männliche Hamster zum Geburtstag geschenkt. Der Verkäufer im Zoofachgeschäft meinte, dass Hamster ungern alleine sind und dass zwei Tiere mit dem gleichen Geschlecht eine ungewollte Vermehrung zuverlässig verhindern.

Einige Wochen später bekam eines der beiden Männchen acht Junge. Das war etwas überraschend für alle, die im Biologieunterricht aufgepasst hatten, aber bei so kleinen Tieren ist es wohl nicht so einfach, das Geschlecht zu bestimmen. Wir Jungs schlugen für die Neugeborenen zur Feier des Tages ein gemeinsames Abendessen mit der Python von Andi vor, was zu einem Shitstorm bei den Mädchen führte. Nur hieß es damals noch nicht Shitstorm; es gab einfach nur gewaltig Ärger.

Also wurden die hilflosen, blinden Babyhamster mit Hilfe einer Pipette solange aufgepäppelt, bis sie aus dem Gröbsten heraus waren und dann im Freundeskreis zur weiteren Aufzucht verteilt. Meine Mutter war nach der unglücklichen Episode mit den Raupen zwar ziemlich skeptisch, aber mein Vater meinte, es würde wohl nichts schaden, wenn der Junge endlich Verantwortung lernen würde. Außerdem, was kann mit einem niedlichen Hamster schon schief gehen? Also kaufte ich einen Käfig mit Laufrad und Holzhäuschen sowie einen Sack mit Kleintierstreu und taufte meinen Adoptivnager auf den Namen Marzipan.

Marzipan schien sich schnell wohl zu fühlen, denn er hamsterte sofort so viele Nüsse in seinen Backen, dass er nicht mehr durch die Tür seines Häuschens passte. Dann baute er sich aus der Streu ein Nest und legte sich zum Schlafen. Läuft, dachte ich. Ziemlich pflegeleicht, so ein Haustierchen.

Gegen ein Uhr nachts wurde ich von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Ich knipste das Licht auf meinem Nachttisch an und das Geräusch verstummte sofort. Als ich zum Käfig schaute, starrte mich Marzipan aus seinem Laufrad heraus mit großen Knopfaugen an. Dann zog er sich in sein Häuschen zurück. Ich machte das Licht wieder aus und drehte mich um. Nach drei Minuten begann der Krach von Neuem. Marzipan rannte auf seinem Laufrad, als ob er für einen Marathon trainieren würde. Wie ich später erfuhr, sind Hamster nachtaktiv und laufen in freier Natur durchschnittlich fünf Kilometer pro Nacht.

So ging das nicht weiter, also stellte ich den Käfig kurzerhand ins Badezimmer in die Dusche. Kurz hörte ich noch das Surren des Laufrades aus der Ferne, dann schlief ich zufrieden ein.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Schrei geweckt. In der Badezimmertür stand meine Mutter und schaute mich mit diesem todbringenden vorwurfsvollen Blick an, den Mütter so perfekt beherrschen. Ich hatte den Käfig wohl einen Tick zu nahe an den Duschvorhang gestellt. Marzipan hatte einen Zipfel zu fassen bekommen und aus dem geblümten Vorhang ein kuscheliges Nest gebaut. Hamster haben scharfe Zähne und erstaunlich viel Kraft.

Aus dem Freundeskreis bekam ich den Rat, den Lauftrieb meines Hamsters durch mehr Auslauf zu befriedigen. So ein Käfig ist halt für ein Steppentier schon etwas klein. Am nächsten Abend setzte ich Marzipan mitten im Zimmer auf den Teppich. Ich hatte einige Nüsse in den Zimmerecken verteilt, um ihn zum Laufen zu motivieren. Schnitzeljagd für Nagetiere. Das hätte ich mir aber sparen können, denn der Steppenflitzer schoss blitzschnell quer durch das Zimmer und verschwand in dem Spalt hinter dem Einbauschrank.

Ich fand das ziemlich clever von ihm und nahm die Herausforderung an. Schließlich war ich der Herr über die Nahrung und irgendwann würde ihn der Hunger schon wieder aus seinem Versteck treiben. Dachte ich zumindest. Zunächst drangen aber energische nagende Geräusche hinter dem Schrank hervor und die Glastür der Vitrine begann zu klirren. Es klang, wie wenn man mit einer groben Holzfeile ein Loch in eine Sperrholzplatte fräst.

Ich versuchte alles, um den Ausbrecher aus seinem Versteck zu locken. Ich legte lecker duftende Rosinen vor den Schrank und lauerte stundenlang davor. Ohne Erfolg. Ich zündelte mit einem Feuerzeug vor dem anderen Ende der Schrankwand, weil alle Tiere Angst vor Feuer haben. Ich schlug mit der Faust gegen den Schrank, um ihn in Panik zu versetzen. Alles was ich erreichte, war eine Ansage von meinem Vater. Jetzt sei aber mal gut mit dem Radau. Was ich denn da für einen Lärm veranstalten würde? Und warum es in meinem Zimmer nach Rauch rieche? Ich behielt mein kleines Problem für mich und legte mich auf mein Bett um meine Strategie zu überdenken.

Plötzlich sah ich Marzipan, der mich aus dem obersten Regal der Schrankwand herab beobachtete. Sein Pelz war etwas ramponiert und mit Spinnweben verklebt und er hatte Holzspäne im Gesicht. Als ich aufsprang, verschwand er durch das von ihm genagte Loch wieder hinter den Schrank. Ich fluchte und stellte unauffällig ein Buch vor das hässliche Loch.

Über eine Woche lang spielten wir Tom und Jerry, und meine Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Ich wollte mir die Sanktionen nicht ausmalen, die mich erwarteten, wenn meine Eltern herausfanden, dass ein Nagetier frei in der Wohnung herumstreifte und die Möbel in Sägespäne verwandelte. Dann nahm die Episode Marzipan eines Abends ein tragisches Ende.

Aus meinem Kassettenrekorder röhrte Tina Turner, während der Anarcho-Hamster hinter der Schrankwand werkelte. Dann passierten drei Dinge: von der Schrankwand her kam ein britzelndes Geräusch und ein kurzes schrilles Quieken. Gleichzeitig ging das Licht aus und Tina Turner verstummte schlagartig. Und dann kam mein Vater mit einer Taschenlampe zur Tür herein.

Ob ich schon wieder irgendwelchen Unsinn anstellen würde, wollte er wissen. Das konnte ich ausnahmsweise mit reinem Gewissen verneinen, denn ich saß unschuldig auf meinem Sitzsack. Mein Vater zog mit misstrauischer Miene ab und drehte die Sicherung für die komplette linke Wohnungshälfte wieder rein.

Am nächsten Tag tauschte ich das durchgenagte Stromkabel aus und verschaffte Marzipan eine würdevolle Beerdigung auf dem Bahndamm hinter dem Haus. Den Entschluss, mich von Haustieren fernzuhalten, halte ich bis heute durch.

Special zur US-Wahl: Der alte Indianer

Eine Wanderung in der Gluthitze der Canyonlands kann ganz schön anstrengend sein. Wer da nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, kann schnell dehydrieren. Und hinterher weiß man nicht mehr, ob man wirklich den Präsidenten mit der komischen Frisur gesehen hat, oder ob das bloß Visionen waren.

In Monticello, Utah gibt es genau drei Dinge: Nichts, gar nichts und überhaupt nichts. Doch, etwas gibt es: eine vierspurige Straße, auf der Nachts die Trucks so nah an unserem Motelzimmer vorbeidonnern, dass ich meinen Arm instinktiv unter die Decke ziehe, damit keiner versehentlich drüber fährt.

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein kräftiges Tortilla-Frühstück im Peace Tree Cafe, denn es steht Großes auf dem Programm. Dann fahren wir durch eine monumentale Felslandschaft zum Visitor Center des Canyonlands Nationalparks.

needles in canyonlands
Felsnadeln im Needles District der Canyonlands

Durch den Zusammenfluss des Green River mit dem Colorado wird dieser Nationalpark in drei Distrikte aufgeteilt. The Maze (das Labyrinth) erhielt seinen Namen, weil im Lauf der Jahre mehr Wanderer hineingingen, als wieder herausfanden. Also ein Tummelplatz für echte Survivalfreaks mit Aktivkohle-Wasserfilter. Der zweite Distrikt, Island in the Sky, liegt tatsächlich wie eine Insel im Himmel zwischen den beiden Flüssen eingeschlossen.

Panorama Island in the Sky
Weite Ausblicke vom Island in the Sky

Von dort oben hat man atemberaubende Blicke auf den Dritten im Bunde, den Needles-District. Und dort befindet sich der „Chesler Park and Joint Loop Trail“, einer der schönsten Wanderwege der Welt. Sechzehn Kilometer Rundweg durch Wild-West-Kulissen.

Hoodoos in Canyonlands
Hoodoos

Dann geht es los, vorbei an Hoodoos, den roten Felsen mit weißer Mütze, durch Felsformationen, die sich ein Mensch nicht ausdenken könnte. Wir durchqueren enge Schluchten und marschieren über sandige Ebenen mit Kakteen. Der Weg führt vorbei an „Devils Kitchen“ zum „Furnace of Hell“. Die Temperaturen passen zu den Namen der Orte; es ist erstaunlich, wie viel Hitze Felsen speichern können.

Felsspalte
Manchmal wird es ziemlich eng

Kurz vor dem Chesler Viewpoint verweigert meine Squaw den weiteren Aufstieg und ich lege die letzten Höhenmeter alleine zurück. Oben am menschenleeren Ausguck angekommen, bin ich ebenfalls am Ende meiner Kräfte, aber ich werde mit einer überwältigenden Aussicht belohnt. Grüne Gräser sprenkeln eine sandige gelbe Hochebene, die auf allen Seiten von roten spitzen Felsen, den Needles eingerahmt ist.

needles felsen
Der Chesler Park

Es ist totenstill, nur hinter mir raschelt etwas. Als ich mich umdrehe, sitzt da plötzlich ein steinalter Indianer. Er spricht mich mit einer eigenartig gutturalen Stimme an, aber ich verstehe nicht einmal die Andeutung eines Wortes. Wahrscheinlich spricht er Navajo, die komplexeste Sprache aus der Apachenfamilie.

Furnace of hell
Felsformation „Furnace of Hell“ – Der Hochofen der Hölle

Ich zucke mit den Achseln, um dem Alten zu zeigen, dass ich ihn nicht verstehe. Er kramt in seinem Umhang und reicht mir ein getrocknetes Pflanzenblatt. Mit den Händen zeigt er mir, ich solle das Blatt in den Mund stecken. Eigentlich widerstrebt es mir, unbekannte Sachen von Fremden in den Mund zu stecken, aber dass Indianer sich perfekt mit Kräutern auskennen, weiß ich aus zahlreichen Karl May Büchern. Also lege ich das Blatt auf meine Zunge und mein Gegenüber nickt zufrieden.

Nach einigen Sekunden wird mir ganz leicht, ich spüre meinen Körper kaum noch.

„Aber nicht schlucken, mein weißer Bruder“, sagt der Indianer. „Sonst fliegst du wie ein Rabe in den Himmel.“

„Ok“, antworte ich verwundert. Nun verstehe ich ihn doch, aber man spricht halt mehr Sprachen, als man denkt. „Wer bist du?“, will ich wissen.

„Man nennt mich Avaschi njo Hruitja, aber meine Freunde nennen mich Ava.“

„Und was bedeutet das?“ Jetzt werde ich neugierig.

„Namen sind wie der Wind – sie kommen und gehen“, antwortet er ausweichend.

„Was ist das für ein Kraut?“, frage ich. „Ich fühle mich auf einmal so ausgeruht und frisch.“

„Das ist ein Blatt vom Baum des zweiten Atems“, meint er und zwinkert mir geheimnisvoll zu. „Es gibt dir verlorene Kräfte zurück und öffnet Fenster in die Vergangenheit.“

Er gießt aus einer Wasserflasche heraus eine kleine Pfütze in eine Vertiefung im Fels und winkt mich näher heran. „Schau selbst, wie es hier früher einmal aussah.“

Ich starre skeptisch in die Pfütze, in der nur die Sonne zu sehen ist, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ich will schon aufgeben, als sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schiebt und ich im Wasser eine Bewegung wahrnehme.

Ich sehe das Tal des Chesler Parks. Die Felsen sind unverändert, aber das ganze Tal ist voll mit riesigen Büffelherden, die in der Nachmittagssonne grasen. Auf den Hängen springen Rehe und am Himmel kreisen Vögel. Es ist still und friedlich wie im Paradies.

Bis ein Schuss die Stille zerreißt. Und dann noch einer. Und noch einer. Drei Büffel brechen zusammen und die Herde gerät in Panik. Weitere Schüsse fallen und weitere Büffel stürzen zu Boden.

„Das ist Alfred Trumpf mit seinem Sohn Ronald“, erklärt mir der alte Indianer. „Aus seiner Familie stammt der Häuptling der Bleichgesichter ab.“

Ich beuge mich weiter vor, um verstehen zu können, was Alfred zu seinem Sohn sagt.

„Siehst du, Ronald, das war ganz einfach!“, prahlt er. „Einfach drauf halten und jeder Schuss ist ein Treffer.“

„Warum hast du so viele Büffel abgeschossen?“, will Ronald wissen.

„Weil ich es kann“, entgegnet Alfred. „Merk dir eins: Man muss sich alles nehmen, bevor es sich ein Anderer nimmt. Wir nehmen uns jetzt dieses Tal und irgendwann gehört uns ganz Amerika!“

„Aber die Büffel sind jetzt tot“, beharrt der kleine Ronald und zeigt auf die Tiere, die leblos am Boden liegen.

„Blödsinn“, weist ihn sein Vater zurecht. „Die alternative Wahrheit ist, dass diese Büffel nur schlafen. Denen gefällt das, die sind ganz scharf darauf, abgeknallt zu werden.“

„Und was ist mit den Indianern, die von diesen Büffeln leben?“, will Klein-Ronald wissen.

„Die schießen wir ab wie die Büffel und dann stecken wir den Rest in ein Reservat. Dorthin wo eh nichts wächst.“

„Und wenn sie sich wehren und zurück kommen und Rache wollen?“ Der junge Bursche ist noch nicht überzeugt.

„Vielleicht sollten wir eine Mauer bauen“, überlegt Alfred laut. „Eine große Mauer, von hier bis Mexiko – das wäre doch ein tolles Familienprojekt. Und die Mexikaner bezahlen alles, die sind eh alle faul und kriminell. Eines Tages machen wir das. Das ist eine großartige Idee, mein Sohn! Great! Awesome!“

Die Sonne kommt wieder hinter der Wolke hervor und das Bild in der Wasserpfütze verschwindet.

„Beängstigend realistisch, wie machst du das?“, will ich von meinem Indianerkumpel Ava wissen.

Er grinst nur und ich sehe, dass ihm die meisten Zähne schon ausgefallen sind. Dann reicht er mir noch ein getrocknetes Blatt und winkt mir zum Abschied.

„Benutze es mit Weisheit und schlucke es auf keinen Fall runter“, rät er mir und springt vom Felsen in die Tiefe. Als ich mich über die Felskante beuge, sehe ich unten nur einen Raben davon schweben. Ich stecke das Pflanzenblatt in meine Hosentasche und steige wieder hinab zu meiner Squaw. Wir rasten noch eine Weile und beobachten einen Raben, der mir vertraulich zuzwinkert.

Rabe
The Raven

Auf der Rückfahrt halten wir am Newspaper Rock, auf dem versteinerte indianische Zeichnungen zu sehen sind. Die Sprache kommt mir seltsam vertraut vor, aber immer wenn ich einen Begriff fast verstehe, entgleitet mir die Bedeutung. Offenbar lässt die Wirkung des Blattes bereits nach.

Newspaper Rock Canyonlands
Der Newspaper Rock

Im Motel recherchiere ich den Namen des alten Apachen. „Avaschi njo Hruitja“ bedeutet soviel wie: „Der Geist des verwirrten alten Kriegers im Körper eines Raben, der die sinnlos reisenden Bleichgesichter veräppelt“.

Rollin‘ Rollin‘ Rollin‘

In Europa ist ein Ausflug mit der Vespa meistens nostalgisch motiviert. Aber je weniger die Menschen besitzen, desto mehr machen sie aus dem Wenigen. In Asien ist der Roller deshalb Transportmittel und Lebensraum – Schnappschüsse von den Straßen Kambodschas

Man kann den Motorroller ganz gesittet alleine oder mit der ganzen Familie benutzen. Wenn alle Mitfahrer einen Helm aufhaben, wird jedes Bremsmanöver von einem Doppelschlag begleitet. Tock, Tock.

drei personen auf roller
Drei Personen sind in der Basisversion kein Problem.
Als Familie kann man schon mal vier oder fünf Personen auf einem Roller unterbringen.

Helme werden ziemlich überschätzt. Man kann auch ohne Schutz ganz entspannt fahren.

Die Ladies machen einen Ausflug zum Markt
Rollerfahrer sind nie allein. Dieses Bild entstand übrigens lange vor Corona.
Essen auf Rädern
roller mit küche
Mit Seitenwagen wird aus dem Roller ein vollwertiges Restaurant
Luxusvariante als Taxi
Ohne Worte

Mit einem Anhänger kann der Roller für verschiedenste Lastentransporte erweitert werden. Man braucht nur etwas Fantasie.

roller mit anhänger
Der Helm wird in Griffweite mitgeführt, damit man ihn nach einem Unfall schnell aufziehen kann
roller mit kisten
Ladungssicherung ist oberstes Gebot, denn Sicherheit geht immer vor
roller schwer beladen
Der Bremsweg wird durch so eine Beladung nur unwesentlich länger…
roller mit viel waren
Die beiden Airbags (blau und gelb) sind vorsichtshalber schon mal aktiviert

Hier sieht man einmal, wozu ein Roller als Zugfahrzeug fähig ist: Ich zähle insgesamt sieben Personen und zwei weitere Fahrzeuge auf dem Anhänger.

roller zieht anhänger mit 7 personen
Shared Mobility ist hier längst im Alltag angekommen

Kambodscha ist im Straßenverkehr vielleicht nicht so weit entwickelt wie Thailand. Aber sie haben definitiv die größeren Gongs:

riesiger gong
Wo haben die bloss den passenden Schlegel versteckt?

Innsbruck

Österreich hat das Coronavirus wegdefiniert und seine Grenzen geöffnet. So eine Chance dürfen SinnlosReisende sich nicht entgehen lassen. Zack, gebucht.

Ich dachte immer, dass man in Österreich Deutsch spricht. Weit gefehlt! Wir wurden in der Pension Alpenblick in Innsbruck mit überschäumender Herzlichkeit mit den Worten empfangen:

„Gria-Saich! HoabadEanaGuadInnenahannanagfuanda?“

Fieberhaft scannte ich mein Gedächtnis nach der passenden Sprachfamilie für eine Antwort ab. Ich tippte auf eine Mischung aus Suaheli und Japanisch und hatte mich gerade für ein vorsichtig neutrales „Do you speak English?“ entschieden, als die SinnlosReisende an meiner Seite antwortete:

„Ja, Danke, alles bestens, unser Navi hat uns sicher hergeführt.“

Schnell lernte ich die Tiroler Begrüßungsformeln: Gria-Saich bedeutet so etwas wie Hallo im Plural, Grias-Die wird bei Einzelpersonen verwendet und zum Abschied sagt man Pfüi-Deich bzw. Pfüi-Die. Viel einfacher als Thailändisch.

Dann stürzten wir uns in die Tiroler Bergwelt. Hier leben die Kühe weit entfernt von jedem Gedanken an Tönnies so entspannt, dass sie vor lauter Langeweile Liegestützen auf der Weide machen.

Kühe auf einer Bergwiese
Trainierende Kuh versucht eine Kollegin zu beeindrucken

Am ersten Tag nahmen wir uns die Besteigung des legendären Muttekopfes über die Imster Ostwand vor. Wir parkten unser Fahrzeug im Basislager in Hochimst. Die Sherpas heißen hier Sessellift und brachten uns mit modernster Technik zum ersten Biwaklager auf stolze 1491 m über dem Meeresspiegel.

Muttekopf Berggipfel
In der Ferne lockt der schneebedeckte Muttekopf

Ohne Sauerstoffmaske bezwangen wir den Aufstieg zum zweiten Biwaklager auf schwindelerregenden 1623 m Höhe. Dort stärkten wir uns in der Latschenhütte mit Tiroler Gröstl und leckerem Kaiserschmarrn. Auf der nächsten Etappe überholte uns eine Einheimische mit Zwillings-Kinderwagen und wir brachen demotiviert ab. Auf dem Rückweg wurden wir von einem Rudel der heimtückischen Alpenbiber gestellt, die arglosen Wanderern auflauern.

Alpenbiber
Der Alpenbiber lauert in Rudeln den Wanderern auf

Diese destruktiven Vandalen verwüsten ganze Berghänge mit ihren scharfen Zähnen.

Umgestürzte Bäume
Das Ergebnis einer Biberfamilie nach einer Nacht

Den Bergbauern bleibt dann oft nichts anderes übrig, als die gerodeten Hänge für Skipisten zu nutzen:

Gerodeter Berghang
Oft bleiben nur Stümpfe übrig

Das Alpaka ist ein „Zu-Groisda“, das österreichische Wort für Mitbürger mit Migrationshintergrund. Immerhin hat es die Alpen schon in seinem Namen. Es wird hier gerne wegen seiner gewagten Frisuren gehänselt.

Alpen-Alpaka
Das Alpen-Alpaka mit Alpenpanorama

Der österreichische Meister im Kuhfladenweitwurf kommt mit einer Weite von 41,4 Metern aus Tirol.

Kuhfladen auf einer Wiese
Ein beliebtes Tiroler Sportgerät – der Kuhfladen

Auch der amtierende Weltmeister in den Hamburger- und Cheeseburger-Wettbewerben lebt offenbar in Imst. Er teilt sein Spezialwissen in der Zubereitung des perfekten Burgers auf großen Schildern mit der interessierten Bevölkerung: Die Mayonnaise immer schön gleichmäßig verteilen!

Schild der Burgermeister
Rätselhaftes Schild an einem Fluss in Imst: Achtung Springflut? Schlange verspeist drei Elefanten?

In Innsbruck weht eine farbenfrohe Designvariante der österreichischen Nationalflagge, die Regenbogenfahne. Sie symbolisiert Toleranz und Vielfalt und soll auf Artikel 3 des Grundeigentümergesetzes hinweisen: Kein Haus darf wegen seiner Fassadenfarbe, seines Alters, seiner Bauweise oder seiner Architektur benachteiligt werden. Glaube ich zumindest.

Bunte Häuser und Regenbogenfahne
Toleranz: Die Farbe des Hauses ist unantastbar

Überhaupt glänzt Innsbruck mit einigen auffallenden Gebäuden. Das Goldene Dachl mit seinem Prunkerker diente Kaiser Maximilian dazu, seine Untergebenen zu beeindrucken.

Goldenes Dachl Innsbruck
Angeberbalkon Goldenes Dachl

Das Helblinghaus wurde von seinem Besitzer solange mit barockem Stuck verziert, bis der Nachbar zur Linken sein Haus vor lauter Neid grün anstrich:

Das Helbinghaus Innsbruck
Das Helblinghaus mit barocker Fassade

Der Ottoversand hat seine Filiale in Innsbruck an die lokale Architektur perfekt angepasst:

Ottoburg in Innsbruck
Die Ottoburg in Innsbruck

Die Berg-Isel-Skiflugschanze ermöglicht bei Föhnwetterlagen eine unglaubliche Sprungweite. In diese Mauer in der Innenstadt musste extra ein Durchgang integriert werden, damit die Skispringer genügend Auslauf haben. Man nennt ihn Triumpfpforte, denn wer hier durchspringt, hat den Sieg im Neujahrsspringen ziemlich sicher.

Triumphtor in Innsbruck mit Berg-Isel-Schanze im Hintergrund
Triumpfpforte mit Berg-Isel-Schanze

Münchner aufgepasst: So sieht die Isar aus, bevor sie bayrisch wird:

Isar
Die jugendliche Isar

Auf dem Heimweg besuchten wir das barocke Stamser Stift, das eigentlich für Besucher geschlossen war. Wir stolperten zufällig während eines Gottesdienstes in die Basilika und ließen uns von der mächtigen Orgel das Trommelfell durchpusten.

Barocke Innenansicht Basilika Stamser Stift
Basilika im Stamser Stift

So, liebe Leser, nun habe ich aber wieder genug Unsinn geschrieben. Vier Tage ohne Gesichtsmaske waren eine tolle Erfahrung, aber vier Tage sind halt viel zu wenig.

Au weia, jetzt hab ich doch glatt gegen die neuen Regeln der gendergerechten Schreibweise verstoßen. Das hiesige Landratsamt hat nämlich eine interne Dienstanweisung erstellt, nach der es keine Leser und auch keine LeserInnen mehr geben darf. Also dann noch einmal mit der politisch korrekten Ansprache:

Liebe „mit den Augen einen Text erfassende Lebewesen der Gattung Mensch mit beliebigem Geschlecht“ – bis bald auf diesem Kanal und Pfüi-Deich!

Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?

Venedig

Eine Stadt versinkt im Meer – und die Chinesen sind mal wieder schuld. Das ist praktisch, denn mit so einem Sündenbock in einem fernen Land kann man ganz gut von eigenen Fehlern ablenken.

Venedig kämpft mit zwei Luxusproblemen: zu viel Wasser und zu viele Touristen. Hier zahlt man in bester Lage 25 € pro Nacht – für das WLAN! Das Zimmer kostet über 1.000 €. Angesichts dieser Preise entschieden wir uns spontan für eine Pension auf dem Festland und nahmen die Straßenbahn.

Ohne Schiff kommt man in Venedig nicht weit. Wassertaxis, Wasserbusse und Gondeln für die Touristen bestimmen das Bild. Sogar der Notarzt kommt mit dem Boot.

Notarztboote
Notarzt und Sanitätsboote

Schon lange vor Corona hat man in Venedig Gesichtsmasken zur Kunstform erhoben.

Schaufenster mit Masken in Venedig
Fachgeschäft für medizinische Gesichtsmasken

Die Hauptattraktionen Venedigs werden tagsüber von Touristen überschwemmt. Geduld beim Schlange stehen ist hier eine gefragte Tugend.

Der Dogenpalast umringt von Touristen

Auf der Piazza San Marco sind die Touristen trotzdem in der Minderheit; hier dominieren Milliarden von Tauben. Die Basilica di San Marco wirkt von außen wie eine normale Kirche.

Basilika di San Marco
Markusdom mit Touristen und Tauben

Drinnen wird allerdings schnell klar, dass es sich in Wirklichkeit um die Musterausstellung eines Fliesenfachgeschäfts handelt.

Mosaik im Markusdom
Fliesenmosaike in der Basilica di San Marco

Einheimische sieht man in Venedig kaum. Sie sind nahezu unsichtbar. Auf diesem seltenen Schnappschuss sind drei Gruppen unsichtbarer Frauen zu erkennen – ihre Handtaschen verraten sie.

Unsichtbare Frauengruppen auf dem Nachhauseweg

Der Canal Grande ist die Hauptstraße Venedigs, nur dass sich das Leben in den Hinterhöfen abspielt.

Canal Grande
Canal Grande

Auch die meisten Nebenstraßen sind nur mit Booten zu erreichen.

Wasserstraße in Venedig
In den Straßen von Venedig

Wenn man sein Haus verlässt, sollte immer ein Boot vor der Tür stehen.

Enger Kanal in Venedig
Ohne Boot kommt man in Venedig nicht weit.

Venedig hat eine einzigartige Berufsgruppe hervorgebracht: den Gondoliere. Die Gondellizenzen sind streng limitiert, wie bei Taxis in anderen Städten. Die Berufskleidung der Gondolieri stammt vom selben Modedesigner, der auch schon erfolgreiche Kollektionen für so beliebte Institutionen wie Alcatraz, Sing Sing und das Folsom Prison entworfen hat.

Gondoliere
Gondoliere

Der Beruf des Gondoliere bietet nur sehr begrenzte Alternativen auf dem globalen Stellenmarkt, aber in der Saison geht die Arbeit in Venedig nicht aus.

Stau im Kanal
Verkehrsstau im Kanal

Wenn du zum ersten Mal in Venedig bist und dein anfängliches Staunen über die vielen Kanäle, Brücken und Paläste überwunden hast, fragst du dich bestimmt, wie man so bescheuert sein kann, eine ganze Stadt mitten ins Meer und dazu noch auf sandigen Untergrund zu bauen. Du wirst es mir nicht glauben, aber schuld daran sind mal wieder die Chinesen.

So ein ausgemachter Quatsch, wirst du jetzt denken, die Chinesen waren doch noch gar nicht in Europa bekannt, als im 5. Jahrhundert Venedig gegründet wurde. Klar, da hast du recht, aber warte! So einfach ist das nicht. Ich versuche mal, den Kern der ganzen Geschichte zusammen zu fassen.

Die Hunnen waren damals als nomadisches Reitervolk in den Steppen Zentralasiens unterwegs. Irgendwann hatten sie die Schnauze voll davon, ihre Ziegenherden von einer kargen Weide zur nächsten zu treiben und sich von Ziegenmilch und Hammelfleisch zu ernähren. Das kannst du sicher gut verstehen, deine Laune wäre wahrscheinlich auch nicht die Beste bei dieser Speisekarte. Sie kamen auf die originelle Idee, zur Abwechslung das eine oder andere Dorf zu überfallen und so ihren Speiseplan zu bereichern. Blöderweise hatten die Hunnen noch keinen Begriff von Nachhaltigkeit, und so metzelten sie die Dorfbewohner einfach nieder und brannten die Dörfer ab.

Klar, dass sie im Lauf der Jahre immer weitere Beutezüge unternehmen mussten, denn mit dieser Methode konnten sie jedes Dorf nur einmal besuchen. Keine Ahnung, ob es den hunnischen Reitern klar war, mit wem sie sich da anlegten, als sie Jahr für Jahr immer ein bißchen weiter nach Osten zogen, aber irgendwann bekam der chinesische Kaiser mit, dass da Jemand an der Außengrenze seines Reiches zündelte. Nun hatten die chinesischen Herrscher schon früher reichlich schlechte Erfahrungen mit aufsässigen Reitervölkern gemacht, weshalb sie ja auch die chinesische Mauer erbaut hatten. Du wirst dich also nicht wundern, dass der Chinese keinen Wert auf diplomatische Feinheiten legte und postwendend eine Armee schickte. Spaßfaktor praktisch gleich null.

Die Hunnen begriffen recht schnell, woher der Wind wehte und verlegten ihre Aktivitäten ruckzuck nach Westen. Dort vertrieben sie die Goten, die ihrerseits die Vandalen in die Flucht schlugen, die wiederum Richtung römisches Reich drängten. Insgesamt führte dieser Dominoeffekt zu einer gewaltigen Völkerwanderung. Alle suchten eine neue Heimat, und alles nur, weil die Chinesen so humorlos auf ein paar gebrandschatzte Dörfer reagierten.

Attila, der Hunnenkönig erwarb sich damals mit seinem Reiterheer einen derart schlechten Ruf in Europa, dass sich die wohlhabenden Römer in die Hose machten. Um ihre Reichtümer in Sicherheit zu bringen, wussten sich einige Adelsfamilien nicht anders zu helfen, als auf das Wasser umzuziehen. Die unangreifbare und vor allem pferdesichere Lage in einer Lagune war nebenbei noch für den Handel mit Schiffen so günstig, dass die Venezianer bald den gesamten Mittelmeerhandel beherrschten. Mit ihren Gewinnen konnten sie aufwändige Brücken bauen und großartige Paläste auf unzählige Holzpfähle stellen.

Dogenpalast und Campanile
Dogenpalast und Campanile vom Wassertaxi aus gesehen

Sie hatten dabei nur eine alte Baumeisterregel missachtet: Baue nie auf Sand! Das ging schon beim Turmbau in Pisa schief (im wahrsten Sinn des Wortes) und führt dazu, dass Venedig jedes Jahr um zwei Millimeter tiefer in den Schlamm der Lagune versinkt.

Campanile
Der schiefe Turm von Venedig? Nein. Der schräge Fotograf vom Bodensee!

Viele Gebäude haben deshalb schon unbewohnbare Erdgeschosse. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sich der Anstieg des Meeresspiegels durch die Erderwärmung auswirken wird. Vielleicht sollte man ein Tauchzubehörgeschäft in Venedig eröffnen.

Häuserfront in Venedig
Nasse Wände wohin man schaut

Du siehst also, die Chinesen hatten vielleicht keine Schuld im moralischen Sinne, aber sie waren zumindest indirekt der Auslöser für die Erbauung Venedigs. Heute sorgen die chinesischen Touristen wenigstens für etwas ausgleichende Gerechtigkeit: sie finanzieren die italienischen Designerläden, indem sie scharenweise überteuerte Handtaschen kaufen. Tagsüber kommt man in den verstopften Gässchen kaum voran, aber wenn die Touristenbusse wieder abgezogen sind, findet man selbst in Venedig Zeit für ein Nickerchen:

Hund entspannt sich auf Stuhl
Wenn die Touristen abziehen, erobern sich die Einheimischen den Platz zurück

Übrigens, Geschichte wiederholt sich: auch die Hunnen merkten irgendwann, dass Reisen sinnlos ist und wurden in der ungarischen Tiefebene seßhaft. Attila heißt jetzt Viktor Orban und erwirbt sich gerade erneut einen ziemlich schlechten Ruf in Europa. Und wieder versinkt etwas im trüben Morast. Nur ist es diesmal keine Stadt, sondern Pressefreiheit und Demokratie.