Kein Fez in Fes

Disclaimer: Leider erlebten wir bei unserem Urlaub in Marokko nichts Lustiges, daher gibt es diesmal einfach nur eine Bildergeschichte.

Wer Wortspiele verwendet, sollte zunächst die verwendeten Begriffe definieren. Ein Blick in den Duden Online hilft uns dabei:

  • Fes (auch Fez, Fès): Stadt in Marokko
  • Fez, der: Spaß, Ulk, Unsinn
  • Fez, der: (in den arabischen Ländern von Männern getragene) kappenartige Kopfbedeckung aus rotem Filz in Form eines Kegelstumpfes (mit einer Quaste). Herkunft: wohl nach der marokkanischen Stadt Fes, die möglicherweise der erste Herstellungsort war.

So, jetzt weißt du Bescheid. Aber Achtung, nicht verwechseln mit:

  • Fes, das: um einen halben Ton erniedrigtes f
  • FEZ, das: Abkürzung für Forschungs- und Entwicklungszentrum

Fes, die älteste Königsstadt Marokkos

Wir landeten an einem regnerischen Novembertag in Fes. Bei unserer Unterkunft war der Flughafentransfer inklusive und der Chauffeur wartete bereits. Er begrüßte mich überschwänglich, ignorierte die neben mir stehende SinnlosReisende und trug dann meinen Koffer zum Auto. Wir schauten uns irritiert an und die hochgezogenen Augenbrauen zeigten die Begeisterung über diese Behandlung. Ich übernahm den Koffer der SinnlosReisenden, was wiederum den Chauffeur irritierte, aber so waren wir wenigstens quitt.

Diese konsequente Missachtung des weiblichen Teils unserer zweiköpfigen Reisegruppe zog sich durch den kompletten Urlaub. Liebe Marokkaner, es ist nicht klug, die Hälfte der Menschheit zu ignorieren! Besonders, wenn man in der Tourismusbranche arbeitet und von ihrem Geld lebt. Ratet mal, welches Land auf unserer schwarzen Liste mit No-Go-Destinations gelandet ist? Richtig.

In Fes wohnten wir mitten in der Medina, so nennt man hier die Altstadt. Unser Riad, ein traditionelles Stadthaus, lag in einer verstörend dunklen Gasse und sah von außen wie eine Bruchbude aus. Als wir schon grobe Zweifel an der Hotelauswahl bekamen, wurden wir in einem prachtvollen Innenhof mit Minztee begrüßt.

Dunkle Gasse
Nur für Mutige: der Weg zur Unterkunft
Alte Tür
Eingangstür zum Riad. Klopfe, und dir wird aufgetan!
Schöner Innenhof eines Riad
Außen pfui – innen hui
Wand mit orientalischen Ornamenten verziert
Im Innenhof des Riad
Blick von der Dachterrasse auf Fes
Dachterrasse
Marokkanisches Restaurant mit schönem Innenhof
Auch die Restaurants haben wunderschöne Innenhöfe
Innenhof eines Restaurants in Fes
Blick aus dem ersten Stock

Die Tanneries von Fes

Am Stadtrand von Fes zeugen Ruinen von der einstigen Bedeutung der Stadt. Der Eingang in die Medina von Fes wird vom blauen Tor markiert. Dahinter beginnt ein Labyrinth von malerischen Gässchen, die bei gutem Wetter zum Bummeln einladen. Wir hatten allerdings ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet gebucht und der Regen verwandelte die Altstadt in einen stinkenden Moloch. Aus den Teestuben starrten mürrische Männergruppen und der beißende Gestank der Gerbereien zog durch die Gassen. Außerdem: ein aufdringlicher Bettler beschimpfte uns als Nazis. Was wir definitiv nicht sind! Nicht mal ansatzweise.

Ruine mit Pferd vor blauem Himmel
Ruine mit Pferd
Ruinen in Fes
Bröckelnde Zeitgeschichte
Blaues Tor in Fes
Das blaue Tor markiert den Eingang in die Medina von Fes
Esel in einer Gasse angebunden
Parkplatz in der Innenstadt

In Fes gibt es mehrere Tanneries, in denen Leder auf traditionelle Weise gegerbt und gefärbt wird. Angeblich wird keine Chemie sondern nur natürliche Stoffe verwendet, aber den ganzen Tag barfuß in Taubenkot zu waten, ist auf Dauer auch nicht gesund. Zuerst werden die Haare von den Fellen in Kalkbädern entfernt, danach werden die Lederstücke gefärbt und geschmeidig gemacht. Und dann an die Touristen verkauft. Wie die Arbeiter den Überblick über den Inhalt der vielen Becken behalten, bleibt ein Rätsel.

Tannerie, Ledergerberei in Fes
Tannerie in der Altstadt von Fes
Kalkbecken in der Tannerie
In den Kalkbecken werden die Haare vom Fell entfernt
Färbebecken in der Tannerie
Färbebecken. Schutzkleidung wird überschätzt.
Arbeiter färbt ein Lederfell
Für die Touristen ist es Handarbeit, für die Arbeiter ein knochenharter Job

Mobilität in Marokko

Um dem schlechten Wetter zu entkommen, ließen wir uns von einem Taxi an den Flughafen bringen, wo wir einen Mietwagen gebucht hatten. Es ist verboten, beim Fahren ein Handy zu benutzen. Daher musste unser Taxifahrer zwei Handys benutzen, während er auf einer vierspurigen Straße fuhr. Auf Youtube kannst du das genauer anschauen.

Taxifahrer benutzt zwei Handys während der Fahrt
Taxifahrer im Multitaskingmodus

Autofahren in Marokko ist vergleichsweise unproblematisch, man muss allerdings auf die Esel aufpassen, die immer wieder die Straße bevölkern. Die Straßenschilder sind zweisprachig und die Fernstraßen sind in recht gutem Zustand.

Verkehrsschilder in Marokko
Klangvolle Namen
Arabisches Stopschild
Selbsterklärend
Männer laden Gasflaschen vom Lkw auf einen Esel
Multimodale Mobilität: Wo der Lkw nicht weiterkommt, übernimmt der Esel
Mann reitet auf Esel im Regen
Mistwetter
Motorrad Docker mit Container
Insiderwitz für Informatiker: Docker mit Container
Mann in Berberkapuze steht am Straßenrand
Obi Wan Kenobi wartet auf den Bus…
Mann in Berberkleidung steigt in Auto
…um dann doch das Auto zu nehmen

Von Meknes nach Rabat

Wir fuhren durch hügelige Landschaften nach Meknes, einer weiteren ehemaligen Königsstadt. Die aufwändigen Mosaiken erinnerten uns an die Alhambra in Andalusien und wir bekamen das beste Frühstück aller Zeiten serviert.

Goldbraune Hügel bei Meknes
Hügellandschaft
Palast in Meknes
Einer der zahllosen Paläste
Alte Frau sitzt vor Palast in Meknes
Warten auf besseres Wetter
Frühstück auf Marokkanisch
Königliches Frühstück

In Rabat besuchten wir die Andalusischen Gärten, die wegen ihrer Ruhe von Katzen sehr geschätzt werden. Für eine Hauptstadt geht es hier eher gemütlich zu. Vielleicht trägt die Lage am Meer zu einem entspannten Lebensstil bei.

Katzen schlafen im andalusischen Garten
Katzen in den Andalusischen Gärten
Mann schläft auf Fischernetz mit Regenschirm
Nach der Arbeit trägt der Fischer Anzug
Ruinen der Almohaden Moschee in Rabat
BER von Rabat: Hassan-Turm und Moschee warten seit 800 Jahren auf ihre Fertigstellung
Minarett mit Palmen in Rabat
Minarett in Rabat
Friedhof von Rabat im Abendlicht
Wenn die Schatten auf dem Friedhof länger werden, wird es Zeit zu gehen

Die Sonne von Rabat versöhnte uns ein wenig mit dem anfänglich miesen Wetter und wir flogen nach einer Woche wieder nach Hause. Unter dem Strich ist Marokko sehr sehenswert. Man darf sich halt nicht an diesem landestypischen Männer-Frauen-Dingens stören.

Buntgekleidete Frauen auf der Wand einer Bücherei in Marokko
Frauenbild

Sinnlos Campen für Anfänger

Die große Freiheit auf vier Rädern. Oder etwa nicht? Die SinnlosReisenden im Selbstversuch.

Kurzfassung (für Menschen, die Ergebnisse sofort brauchen)

Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Schon auf der Anreise erlebt man aufregende Duelle auf Augenhöhe mit den Lkw-Fahrern auf der heiß umkämpften rechten Spur der Autobahn. Auf dem Campingplatz versteht man endlich, wie sich die Hühner in den Legebatterien der Massenzuchtbetriebe fühlen. Und im Wohnmobil hat man deutlich mehr Luxus als in einer Gefängniszelle, allerdings bei etwas weniger Platz. Und trotzdem ist so ein Wohnmobil eine tolle Sache. Wirklich. Aber jetzt mal schön langsam der Reihe nach.

Inbetriebnahme mit Tücken

Weil der Virus Fernreisen immer noch kompliziert machte, mieteten wir spontan ein Wohnmobil. Freiheit, Natur, Unabhängigkeit, so lautet das Werbeversprechen. Da wollen wir doch einfach mal im Selbsttest herausfinden, wie sinnlos ein Campingurlaub eigentlich ist. Eines muss ich vorneweg klarstellen: Wer wie ich im Grundcharakter gewisse Anteile von Schusseligkeit nicht leugnen kann, ist für Urlaub mit dem Wohnmobil nicht der Idealkandidat. Aber man soll ja immer an seine Grenzen gehen und neue Erfahrungen sammeln.

Wohnmobilurlaub in der Werbung

Meine Erfahrungen mit Campingurlaub stammen aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, daher lauschte ich der Einführung bei der Verleihstation mit offenem Mund. Unser Wohnmobil der Kategorie Compact Plus hatte Kühlschrank, Gasherd, Dusche, WC und eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an Bord.

Compact bedeutet hier eine Länge von 6,65 m und eine Höhe von 2,71 m, also innen zu klein und außen zu groß. Auf das Körpergewicht umgerechnet, liegen diese Maße irgendwo zwischen den gesetzlich zulässigen Mindest-Grenzwerten für Bodenhaltung und Freilandhaltung, aber wir sind ja keine Hühner. Erstaunlich, was die Technik auf so kleinem Raum alles möglich macht. Die Gasanlage ist dank Crash-Sensor so sicher, dass man mit offenen Gashähnen in eine Massenkarambolage rasen kann, und trotzdem stirbt man nicht an einer Gasexplosion, sondern an der nicht existierenden Knautschzone der Plastikkarosserie. Beruhigt uns das? Nein, nicht wirklich.

Wir hatten enormes Glück und bekamen feierlich einen Neuwagen mit 0 Kilometern überreicht. Der Neuwagen hatte weniger Glück, dass er Mieter mit 0 Kilometern Wohnmobilerfahrung erwischte. Aber es kann ja nicht immer nur Gewinner geben.

Als ich mit dem guten Stück in unser kleines Sträßchen einbog, schreckte der nagelnde Dieselmotor unsere Nachbarn aus der Mittagsruhe. Als sich der Schatten des Wohnmobils dunkel drohend über ihren Garten legte, rief ich aus dem Cockpit herab: „Keine Sorge, nur geliehen“. Dann parkte ich in mehreren Anläufen auf unserem Stellplatz, der nur wenige Millimeter größer als das Fahrzeug war.

Um die technischen Finessen nutzen zu können, muss die Versorgung erst einmal in Gang gebracht werden. Also füllte ich den Wassertank mit unserem Gartenschlauch. Als nach mehreren Minuten das Wasser immer noch mit vollem Druck in den Einfüllstutzen rauschte und gurgelnd im Inneren des Wohnmobils verschwand, wurde ich allmählich stutzig. Ich fand die Erklärung im Innenraum: ein stetig wachsendes Rinnsal suchte sich von der Sitzgruppe aus seinen Weg in Richtung Tür und versickerte in der Pressspanverkleidung. Merker fürs nächste Mal: Füllstand frühzeitig kontrollieren; es gibt keine automatische Abschaltung wie beim Tanken!

Mit dem Gedanken an die hinterlegte Kaution von 1.200 € im Hinterkopf riss ich bei der panischen Suche nach der Notentleerung das Sitzpolster samt Schrauben aus seiner Verankerung, aber Notsituationen erfordern beherztes Handeln. Nach einer hektischen Wischaktion hatten wir das überschüssige Wasser aus dem Wohnraum des nun nicht mehr ganz so neuen Neuwagens wieder weitgehend entfernt. Nun ging es ans Verstauen. Hier empfiehlt sich unbedingt ein System, das beim Wiederfinden der Gegenstände hilft. Es gibt in einem Wohnmobil unendlich viele Stauräume. Merker fürs nächste Mal: Alles, was hinter die seitliche Abdeckung fällt, bleibt dort, bis das Fahrzeug nach ca. 30 Jahren verschrottet wird!

Schließlich machten wir uns abgekämpft bei monsunartigem Regen auf den Weg in Richtung Salzburg. Auf dieser ersten Etappe auf der A8 war das Freiheitsgefühl sparsam dosiert. Immerhin hatte ich die freie Wahl, auf der rechten Spur in der Gischt zwischen den osteuropäischen 40-Tonnern meinen Platz am Irschenberg zu behaupten, oder mich todesmutig auf die Überholspur vor heranrasende lichthupende Limousinen zu werfen.

Ankunft auf dem Campingplatz

In Salzburg übernachteten wir auf einem Stellplatz, ein Synonym für „Urlaub auf dem Parkplatz“. Immerhin hatte der Stellplatz Wasser, Strom und saubere Sanitäranlagen, wodurch der Unterschied zu einem Campingplatz nur noch im Namen zu finden war. Das fand auch das Salzburger Ordnungsamt, das auf Beschwerde der beiden benachbarten Campingplatzbetreiber erschien und uns als Zeugen verhörte. Denn in Salzburg waren Campingplätze wegen Corona noch geschlossen, nicht aber Stellplätze. Ist eben alles Definitionssache.

An diesem Tag holte ich mir in der engen Wohnzelle etwa zwanzig blaue Flecken, die ersten beiden schon bevor ich morgens die Augen öffnete. Die SinnlosReisende stellte die berechtigte Frage, wie man mit soviel Schusseligkeit überhaupt unfallfrei so alt werden kann. Manchmal gehört eben Glück dazu.

Über Salzburg hatte ich ja schon berichtet. Von dort fuhren wir an den Millstädter See, der dafür weltbekannt ist, dass ihn Niemand kennt. Trotzdem behauptet er selbstbewusst, er sei die Perle Kärntens. Hier ist es Hunden verboten, am Strand ihr Geschäft zu verrichten. Und wenn es doch passiert, darf man es nicht den Schwänen verfüttern.

Millstädter See
Die Perle Kärntens: der Millstädter See
Fischer als Holzskulptur
Captain Ahab von Millstadt: Der Holzfuß weist auf Süßwasserhaie hin
Schilder Hundeklo
Hundekot nicht an Schwäne verfüttern!

Den erfahrenen Camper erkennt man an der wohlüberlegten Wahl seines Stellplatzes. Die ideale Parzelle ist

  • nicht zu weit von den Waschräumen entfernt (denn man will ja nicht zu weit laufen)
  • nicht zu nah an den Toiletten (denn dort stinkt es)
  • nicht zu nah an der Straße (denn dort ist es laut)
  • nicht zu nah an Nachbarn mit kleinen Kindern (denn die sind morgens früh laut)
  • nicht zu nah an jugendlichen Nachbarn (denn die sind abends lange laut)
  • nicht zu nah an Männergruppen, die sich an Bierflaschen festhalten (denn die Gesprächsthemen sind auf Dauer tödlich)
  • und weder zu sehr im Schatten noch zu sehr in der Sonne, gleichzeitig mit guter Aussicht aber nicht dort, wo andere die Aussicht genießen wollen.

All zu viele Gedanken hätten wir uns aber nicht machen müssen, denn kaum hatten wir uns auf dem sorgfältig ausgewählten Wunschplatz häuslich eingerichtet, ließen sich direkt daneben genau solche Nachbarn nieder, die wir unbedingt weiträumig meiden wollten.

In der Hauptsaison entfällt das leidige Problem mit der Stellplatzwahl; dann nimmt man demütig den einzigen freien Platz hinter dem Müllcontainer oder man fährt zum nächsten Campingplatz in der Hoffnung, dass dort noch etwas frei ist.

Nachdem der Stellplatz gefunden war, gingen wir an die Ausrichtung unseres Fahrzeugs. Hier ist zu beachten, dass die Eingangstür nicht vor einer Schlammpfütze zu liegen kommt, und dass die Markise genügend Raum zum Ausfahren hat. Erfahrene Camper haben eine Wasserwaage in der Tür eingebaut, damit sie mit Auffahrkeilen und hydraulischen Stützen das Fahrzeug ins Lot bringen können. Wir verzichteten auf Perfektion und akzeptierten, dass uns Klappen beim Öffnen ins Gesicht sprangen und das Spiegelei aus der Pfanne lief. Positiver Nebeneffekt der Schräglage: das restliche Wasser aus der mißglückten Auffüllaktion konnte abfließen.

Wohnmobil auf Keilen
Auffahrkeile können leichtes Gefälle ausgleichen

Abstecher nach Italien

Da sich das Wetter in Slowenien abschreckend gab, nutzten wir die Freiheit des mobilen Reisens und bogen spontan nach Italien ab. Für die Einreise machten wir einen Antigentest in einem Villacher Einkaufszentrum. Unser Navi lotste uns zuverlässig bis zur Einfahrt ins Parkdeck mit einer Höhenbegrenzung von 2,10 m. Das folgende Wendemanöver wurde von den begeisterten Autofahrern mit einem Hupkonzert belohnt.

Der Campingplatz Mare Pineta liegt laut Google Maps direkt am Meer. Was die Karte nicht verrät, ist die 80 Meter hohe Klippe, die unüberwindbar zwischen Campingplatz und Adria liegt.

Blick auf die Adria von einer Klippe
Die Adria – So nah und doch fast unerreichbar
Schild Stolpergefahr
Hoppla. Vorsicht beim Abstieg!
Wohnmobil auf dem Stellplatz
Camperidylle

Auf der Beifahrerseite spielt das Leben. Hier befindet sich der Eingang zum Wohnbereich und unter der Markise wird üblicherweise die Sitzgruppe aufgebaut. Gleichzeitig befinden sich hier Anschlüsse für Strom, der Zugang zu den Gasflaschen und die Gepäckgarage. Bei so viel gedrängter Technik sind einige Dinge zu beachten, die einem normalen Autofahrer nicht immer geläufig sind:

  • Bei geöffneter Wohnraumtür niemals die Markise herauskurbeln oder die Beifahrertür öffnen (eines davon geht sonst garantiert kaputt)
  • Niemals bei ausgefahrener Trittstufe wegfahren (gibt hartnäckige Blutflecken, wenn die Stufe den Fußgängern von hinten in die Wade säbelt)
  • Niemals die Trittstufe ausfahren lassen, während man direkt davor steht (gibt blaue Flecken am Schienbein)
  • Niemals die Trittstufe als Aufzug verwenden, auch nicht bei höheren Promillewerten (Die Füße werden sonst im oberen Anschlag eingeklemmt und man fällt nach hinten, bis man mit dem Rücken auf dem Boden aufschlägt)
  • Niemals die Trittstufe einfahren, wenn andere Mobilbewohner davon ausgehen, dass sie noch ausgefahren ist (Die Sturzhöhe ist zwar gering, aber dennoch ist der Ärger groß)
  • Beim Einsteigen immer am Griff festhalten, nicht am Fliegengitter (Der Schaden ist nicht von der Kaskoversicherung abgedeckt)
  • Vor der Abfahrt die Stromkabel versorgen (sonst zieht man entweder den Stromkasten über den Campingplatz oder die Steckdose am Fahrzeug wird aus ihrer Verankerung gerissen)

Ausflug nach Triest

Der Gedanke an einen Ausflug mit unserem fahrenden Wohnzimmer in verwinkelte Innenstädte verursachte bei mir Magenkrämpfe. Außerdem hatten wir unser Wohnmobil inzwischen fest mit dem italienischen Mutterboden verankert. Daher nahmen wir den öffentlichen Bus nach Triest.

Triest gibt sich, wie der Name schon treffend sagt, eher trist. Der Canal Grande kann mit dem Original in Venedig nicht annähernd mithalten. Es gibt zwar etliche beeindruckende Prachtbauten, aber die Stadt wirkt irgendwie unpersönlich und blutleer. Sogar die Stuckfiguren auf den Dächern scheinen suizidgefährdet.

Canal Grande in Triest
Der Canal Grande in Triest. Das Bild zeigt den kompletten Kanal. Mehr ist nicht.
Prachtbau in Triest
Öffentliches Gebäude in Triest
Menschenleerer Platz in Triest
Platz zum Wohlfühlen? Ort der Begegnung? Therapieraum für Klaustrophobiker!
Prachtbau mit Stuck und Skulpturen
Bei soviel Tristesse springen sogar die Stuck-Skulpturen

Sechs goldene Tips für introvertierte Camper

Wenn du diese sechs Tricks beherzigst, vermeidest du zuverlässig lästige Kontakte auf dem Campingplatz:

  1. Suche deinen Stellplatz auf keinen Fall zu Fuß, sondern fahre mit dem Wohnmobil erstmal alle Plätze ab. Lass während deinen Beratungen über die Platzauswahl den Motor laufen, denn Camper lieben den rußigen Geruch von verbranntem Diesel
  2. Fahre selbstbewusst quer über fremde Stellplätze, denn auch die Dauercamper haben den Platz nur gemietet
  3. Wenn die Nachbarn morgens grüßen, ignoriere sie unbedingt. Sonst hast du ruck zuck ein Gespräch über das Wetter an der Backe und am Ende wird es noch persönlich
  4. Stelle dein Fahrzeug auf den einzigen Abwasser-Entleerungsplatz und geh dann einen Cappuccino trinken
  5. Wenn dich Jemand in ein Gespräch verwickeln will, rechne ihm vor, dass sich der Kauf eines Wohnmobils niemals rentiert und schwärme vom Hotelurlaub
  6. Gute Nachbarschaft ist auch garantiert, wenn du beim Wenden auf fremder Parzelle die Wäscheleine abreißt.

Das chemische WC

Ein ganz spezielles Thema ist das chemische WC. Mit Hilfe einer Tablette, über deren Zusammensetzung ich nicht spekulieren möchte, wird alles was im Klo landet, in eine blaue Brühe verwandelt. Wenn der Auffangbehälter voll ist, kann man ihn aus seinem Fach herausnehmen und wie einen Trolley zur Entleerungsstation hinter sich her ziehen. Ich fand den Gedanken ziemlich befremdlich, meine gequirlte Kacke im Handgepäck über den Campingplatz spazieren zu fahren, aber so ist es wohl üblich.

Chemo WC fährt zur Entleerung
Das Wohnmobil muss mal für kleine Jungs
Chemo WC
Spülen nicht vergessen
Entleerung des Chemo WC
Urlaubsfeeling sieht anders aus…

Wenn man alles richtig macht, kann man den Koffer dann in spezielle Becken entleeren, ohne mit dem Inhalt in Berührung zu kommen. Ich spritzte mir beim ersten Versuch die blaue Pampe über meine Lieblings-Turnschuhe, wo die Chemie weiter ihren Zersetzungsprozess ausübte. Merker fürs nächste Mal: vor dem Spülen den Deckel wieder fest zuschrauben und beim Entleeren den Entlüftungsknopf drücken!

Wolfgangsee – Paradies für Spießbürger

Am Wolfgangsee verschlug es uns auf einen Campingplatz mit strenger Ordnung. Die Parzellen waren mit Grenzsteinen markiert, Schilder regelten jede Kleinigkeit und an der Rezeption wurden Duschmarken zugeteilt. Um rückwärts auf unserem Platz einzuparken, scherte ich ein wenig auf den gegenüberliegenden Rasen aus. Aus dem Halbdunkel eines Vorzelts funkelten mich zwei Augenpaare böse an, denn ich hatte die Grenzmarkierung unserer Nachbarn übertreten. Der fette Aufkleber des Verleihers McRent auf der Motorhaube unseres Fahrzeugs tat sein übriges. Nicht Carthago oder Malibu. McRent. Ein Sakrileg!

Wohnwagen auf dem Campingplatz
Wagenburg am Wolfgangsee
Wohnwagen mit Wachhunden
Wachhunde vor dem Allerheiligsten
Verbotsschilder auf dem Campingplatz
Die zehn Gebote vom Wolfgangsee

Um dem Grauen zu entfliehen, machten wir einen Ausflug auf die Schafbergspitze. Die steilste Zahnradbahn Österreichs fährt auf 1730 Meter. Die Aussichten entschädigen für Manches.

Bergstation der Schafbergbahn mit zwei Zügen
Nicht schon wieder ein Duell mit Bergbahnen!
Blick auf den Mondsee von der Schafbergspitze
Blick von der Schafbergspitze auf den Mondsee
Aussichtspunkt über dem Abgrund
Erst später erkennt man die inakzeptable Lage des Aussichtspunktes
Haus auf der Schafbergspitze am Abgrund
Baugrund am Abgrund
Schmaler Grat
Der schmale Grat zwischen Pension und Witwenrente
Schilderwald auf der Schafbergspitze
Am Mittelpunkt der Erde serviert man Apfelstrudel

Kleine Typologie der Camper

Ich konnte verschiedene Typen von Wohnmobilisten identifizieren:

Der sportive Angeber: Er parkt demonstrativ seinen elektrisch unterstützten Wohnwagen, für den sechsstellige Preise aufgerufen werden, mit der Iphone-App ferngesteuert ein. Dann wirft er sich in ein enges Markentrikot und schwingt sich auf sein E-Bike aus der neuesten Serie. Am nächsten Morgen hat er seinen Platz schon wieder verlassen, um an anderer Stelle Eindruck zu schinden.

Platzwarts Liebling: Er richtet sein Wohnmobil mit der Wasserwaage aus und baut sein Mobiliar in militärischer Präzision auf. Auf seiner Parzelle herrscht Ordnung und Sauberkeit. Der Handbesen ist sein Lieblings-Werkzeug.

Der Stammgast: Er fährt jedes Jahr an den gleichen Ort und reserviert seinen Stellplatz für das nächste Jahr bei der Abreise. Seine Wagenburg baut er routiniert und setzt sich dann stoisch vor sein Mobil. Bei gut eingespielten Paaren bereitet die Wohnmobilistin währenddessen die Brotzeit und stellt das gekühlte Bier bereit. Danach verfallen beide für die nächsten zwei Wochen in ein übereinstimmendes Schweigen und verlassen ihre Campingstühle nur für die notwendigsten Bedürfnisse.

Der Dauercamper: Er bezahlt seinen Platz Jahre im Voraus und verwandelt sein Wohnmobil in eine Immobilie. Mit Betonplatten sichert er sein Gefährt gegen Taifune und er stellt Gartenzwerge als Wachtposten an die Grundstücksgrenze, die man besser nicht ohne Einladung übertritt.

Der Öko-Aussteiger: Er hat seinen VW-Bus Modell T1 oder maximal T2 selbst inklusive Solaranlage ausgebaut und hält die rostige Karosserie notdürftig mit Aufklebern aus Nepal und Gorleben zusammen. Morgens macht er Yoga am Strand und hält sich ansonsten vom niederen Volk fern.

Die italienische Großfamilie: Sie schickt am Freitag Nachmittag eine harmlos anmutende Vorhut, die das Gelände besetzt, meist die Großeltern. Dann trudeln bis in die späten Abendstunden weitere Fahrzeuge mit Verwandten, Freunden und Besuchern ein, die eine Glocke aus lautem Hallo über den gesamten Platz stülpen. Gleichzeitig strömt aus den Fahrzeugen eine unfassbare Anzahl an Kindern jeden Alters, die von den Eltern unbeachtet die Umgebung tyrannisieren.

Und mittendrin die SinnlosReisenden, mit offenen Augen und zweifelndem Verstand auf der Suche nach dem Sinn in dem ganzen Treiben.

Dauercamper mit Vorzelt
Der Dauercamper

Fazit: Wie sinnlos ist nun Urlaub mit dem Wohnmobil?

Wenn man einmal Emotionen und Weltanschauungen weglässt, erkennt man schon am Namen, dass Wohnmobile unter einem klassischen Zielkonflikt leiden. Wohnen und Mobilität sind nun einmal zwei sich widersprechende Ziele. Entweder man wählt ein fast alltagstaugliches mobiles Gefährt mit extremen Einschränkungen in der Wohnqualität. Oder man setzt auf großzügigen Wohnraum und bekommt ein Schlachtschiff mit der Mobilität eines Öltankers. Unser Kompromiss sah so aus, dass wir mit dem Fahrkomfort eines Lieferwagens unseren klappernden Hausrat spazieren fuhren und trotzdem auf engstem Raum lebten. Und das Ganze zum Preis eines gehobenen Hotels. Im Hotel ist allerdings Toilettenpapier inklusive.

Enge, überreglementierte Campingplätze entsprechen eher gar nicht unserer Vorstellung von Freiheit und auf die morgendlichen Toilettengeräusche der Nachbarn können wir gut verzichten. Seinen Charme spielt das Wohnmobil aus, wenn man spontan dort übernachten kann, wo es einem gerade gefällt. Leider sind diese Möglichkeiten in Mitteleuropa recht beschränkt. Daher werden unsere nächsten Urlaube ohne Wohnmobil stattfinden. Vielleicht irgendwann mal in Amerika oder Skandinavien, wer weiß. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir kein Geld ansparen müssen, um so ein Teil zu kaufen. Dafür hat sich diese Reise schon gelohnt.

Unser Fazit: Urlaub mit dem Wohnmobil ist toll. Nur nicht für uns.

Salzburg

Von Mozartkugeln und Zwergerln

Salzburg steht ganz im Zeichen des berühmten Malers und Bildhauers Johann Wolfgang van Mozart. Oder so ähnlich. Wen es interessiert, der kann ja selbst mal recherchieren. Jedenfalls wurde Mozart weltweit bekannt durch die Erfindung der Mozartkugel. Es gibt hier Mozarts Geburtshaus, Mozarts Wohnhaus, Mozarts Scheißhaus und jedes zweite Cafe ist nach ihm benannt. Man kann den Raum besichtigen, in dem er zum ersten Mal Klavier spielte, wo er sich seine ersten Pickel ausdrückte und wo er sich nach dem ersten Vollrausch übergab, angeblich in G-Moll.

Cafe Mozart in Salzburg
Hier wird die kleine Nachtmusik zur Mozartkugel gespielt

Nun kann man sich nichts dafür kaufen, dass das Genie zufällig hier geboren wurde, aber Salzburg hat noch einiges Anderes zu bieten als Erinnerungen an einen verstorbenen Weltstar. Zum Beispiel die Festung Hohensalzburg, hier im Hintergrund. Im Vordergrund ist die goldene Mozartkugel zu sehen.

Festung Hohensalzburg und Goldkugel
Über der Mozartkugel thront die Festung

Auf der Festung wurden innovative Foltermethoden für Insekten entwickelt, wie dieser Holzpranger mit Löchern für sechs Beine und zwei Fühler beweist. Außerdem eine mechanische kurbelgetriebene Wandtrompeteninstallation, um gegnerische Spione mit Blasmusikfolter zum Geständnis zu bringen. Das wahre Grauen erkennst du auf Youtube.

Holzpranger
Folterwerkzeug für sechsbeinige Insekten
Mechanische Trompetenanlage
Blasmusikfolter

Auf der Festungsbahn wird jede Viertelstunde ein knallhartes Duell ausgetragen. Die beiden Bahnen fahren auf ein Signal gleichzeitig los, schießen mit einem Affentempo mit Kollisionskurs aufeinander zu, bis in letzter Sekunde einer der beiden Wagons die Nerven verliert und ausweicht. Geheime Aufnahmen dokumentieren den Wahnsinn:

Festungsbahn Salzburg
Zwei Bahnen auf Kollisionskurs
Festungsbahn Salzburg
Hier entscheidet sich das Duell – Rechts oder links?
Festungsbahn Salzburg
Der Gegner hatte die schwächeren Nerven und weicht aus
Festungsbahn Salzburg
Es war haarscharf, aber diesmal ging es gut aus

Allein schon für den atemberaubenden Blick auf die Salzburger Altstadt lohnt sich die höllische Fahrt trotzdem.

Blick auf den Salzbueger Dom
Blick von der Festung auf den Dom mit der goldenen Mozartkugel
Im Salzburger Dom
Vor dem Dom: Das Böse muss draußen bleiben

In Salzburg muss man zu den Katakomben nach oben in die Berge klettern. Nach Skeletten oder Totenköpfen sucht man hier vergebens, denn die wurden längst weggeräumt. Die Putzkolonnen sind so emsig, dass sogar die Gräber auf dem Friedhof mit Gittern abgesperrt werden.

Katakomben von St. Peter in Salzburg
Katakomben und vergitterte Gräber im St.-Peters-Friedhof
Blick auf Kirchen in Salzburg
Blick aus den Katakomben: Kirchturmparade

In der Salzburger Altstadt lohnt es sich, den Blick ab und zu nach oben zu richten. Die Geschäfte übertrumpfen sich gegenseitig in einem irrwitzigen Wettbewerb zur Gestaltung ihrer Firmenschilder. Selbst der amerikanische Gummibrötchenproduzent passt sich den lokalen Gegebenheiten an.

Ein weiteres Highlight ist das Schloss Mirabell mit seinem Garten und den interessanten Statuen. Der Eingang wird von einer Löwen-Ziegen-Einhorn-Sphinx bewacht. Ein Schlossherr von Format kümmert sich um seinen Hofstaat, der aus Beamten, Bediensteten und Gartenzwergen besteht. Kosequenterweise hat der Schlossherr von Mirabell einen eigenen Zwergerlgarten anlegen lassen, in dem die marmornen Gartenzwerge ihren Platz finden. Beim Betrachten der Figuren fragt man sich unwillkürlich, aus welchem Irrenhaus der Bildhauer wohl seine Modelle genommen hat.

Blick von Schloss Mirabell auf Festung Hohensalzburg
Schöne Aussichten
Statue Einhorn Sphinx
Parkwächter

Nur ein klein wenig außerhalb der Kernstadt konnten wir eine erstaunlich reichhaltige Tierwelt beobachten. Der geduldige Fotograf findet Murmeltiere, Fischotter, Braunbären, Elche, Pandas und mit ganz viel Glück sieht man einen der seltenen Alpen-Jaguare oder zwei.

Murmeltiere
Stehimbiss
Fischotter
Neugieriger Baumbewohner
Braunbär schläft
Mittagsschläfchen am Bach
Ein Rentier
Ausgefranster Vielender
Roter Pandabär ruht auf einem Baum
Der rote-weiß gestreifte Panda – Österreichs Wappentier
Zwei Jaguare laufen durchs Gras
Alpenjäger auf der Pirsch
Verkeilte Panzer
Weißer Gibbon läuft aufrecht
Der Yeti von Salzburg

Am späten Nachmittag verließen wir den Tierpark Hellabrunn und brachen zu unserem Campingurlaub auf. Dazu wird es aber in Kürze einen eigenen Beitrag geben.

Costa Rica

Eine Liebeserklärung an ein kleines Land

So, liebe Freunde, nachdem ich euch schon einen exklusiven Einblick in die Verdauungs-Kultur der Hauptstadt San Jose geben durfte und die Psychologie eines Vulkans beleuchtet habe, will ich heute im dritten und letzten Teil darüber berichten, was wir auf unserem Trip entlang der Pazifikküste erlebt hatten. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, denn in Costa Rica gibt es so viel zu entdecken, dass einem schwindlig wird. Das Landesmotto lautet pura vida, das pure Leben.

pura vida - das Lebensmotto in Costa Rica

Playa Herradura und Tarcoles

Die Mango Lodge liegt so abseits, dass wir sie trotz Google und GPS nur mit Mühe fanden. Das eigenwillige Haus wurde von einem pensionierten französischen Architekten nach Feng Shui Prinzipien konzipiert. Im Obergeschoss auf der Terrasse zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, das hat schon was. Die Ruhe wurde nur vom Geschrei der Brüllaffen aus den umgebenden Wäldern und dem gelegentlichen satten Aufprall einer herunterfallenden reifen Mango unterbrochen.

Mango Lodge - Haus im Feng Shui Stil
Die Mango Lodge – Feng Shui im Dschungel
Mangos am Boden
Hier fallen einem die reifen Mangos in den Mund. Obacht, das kann weh tun!

Bevor der Schimmel sich auf uns festsetzen konnte, machten wir einen Ausflug nach Playa Herradura an der Pazifikküste. Hier wurde für den Film „1492 – Conquest of Paradise“ die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika gedreht. Man sieht die Spuren immer noch im Sand. Historisch ist das leider nicht ganz korrekt, da Kolumbus auf der karibischen Seite landete. Wieder ein Grund mehr für den spanischen Entdecker, sich in seinem Grab umzudrehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Strand von Herradura
Playa Herradura mit den Fußstapfen von Kolumbus

Paradiesisch sieht es hier jedenfalls aus. Das haben auch die überall frei herumturnenden Affen und die Schwärme von Riesen-Papageien erkannt. Pura vida.

Affe klettert im Baum
Affen turnen in den Bäumen
Rote Riesenpapageien
Einer der Gründe, warum ich mir inzwischen eine bessere Kamera besorgte

Auf dem Rückweg machten wir einen Fotostop in Tarcoles. Hier kann man von einer Brücke auf die Krokodile hinabschauen, die im Fluss darauf hoffen, dass sich leichtsinnige Touristen zu weit über das Geländer beugen.

Krokodile von Tarcoles
Warten auf leichtsinnige Touristen

Der Corcovado Nationalpark

Unser nächstes Ziel war der Corcovado Nationalpark. Man kann ihn in der Trockenzeit mit dem Auto erreichen, aber wenn es dann regnet (und wir reden hier nicht von mitteleuropäischem Nieselregen, sondern von tropischem Platzregen!), ist die Rückfahrt wochenlang ungewiss.

Autofähre im Corcovado NP
Wer Abenteuer sucht, reist mit dem Auto an

Daher nahmen wir den Bootstransfer von Sierpe aus. Allein die Fahrt durch die Mangrovenwälder ist schon sehenswert. Captain Ronaldo brachte uns sicher durch die Pazifik-Brandung, aber am Ausstieg mussten wir kurz warten, bis das Krokodil der Gemeinde Drake Bay verscheucht wurde.

Boot am Strand
Bootslandestelle

Im Corcovado Park sind Partys eher nicht angesagt, aber man kann endlose Wanderungen durch die beeindruckende Natur machen. Wer schon mal mit der Idee gespielt hat, sich einen Bambus in den Garten zu pflanzen, sei hiermit gewarnt. Die Dinger sprengen alle Dimensionen. Ich kenne Menschen, die das bitter bereut haben, gell Klaus?

Großer Bambus, kleiner Mann
Liebling, ich habe den SinnlosReisenden geschrumpft.
Hängebrücke am Drake Hiking Trail
Hängebrücke auf dem Drake Bay Hiking Trail

Der Marino Ballena NP

Das kleine Örtchen Uvita liegt direkt hinter dem Marino Ballena Nationalpark, der seinen Namen von der Landzunge hat, die bei Ebbe aus dem Meer auftaucht und der Schwanzflosse eines Wales ähnelt. Oder von den Walen, die hier vorbeischwimmen, man weiß es nicht so genau.

Karte des Marino Ballena NP
Die Walflosse als Namensgeber

In diesem Nationalpark gibt es absolut nichts menschengemachtes, keinen Strom, keine Gebäude. Nichts außer Wald, Natur und einem absolut paradiesischen Strand. Pura vida eben.

Beach Strand mit Palmen
Der Strand im Marino Ballena NP
Strand - Beach
Ohne Worte

Bei Ebbe kann man auf die Landzunge trockenen Fußes hinauswandern. Da an diesem Tag die Ebbe mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel, ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Unterwegs mussten wir zwei kleine Bäche überqueren. Im Sonnenlicht war das Warnschild mit den Cocodrilos nicht sehr beunruhigend, zumal die Ticos mit ihren Kindern unbesorgt durch das Wasser wateten. Überhaupt finde ich den Begriff Cocodrilos ziemlich drollig; das klingt wie eine Mischung aus Kokosnuss und Espandrillos.

Beware Cocodrilos Warnschild
Nicht schwimmen, nicht füttern- läuft das nicht auf dasselbe raus?

Dann ging um 18:00 Uhr die Sonne unter und wir hatten ein paar unbeschreiblich schöne Momente auf der Landzunge. Die warme Abendsonne zauberte eine wunderbare Stimmung auf die Landschaft und das in den Bergen tobende Gewitter.

Abendsonne am Strand von Costa Rica
Abendstimmung am Strand
Sonnenuntergang im Marino Ballena NP
Sonnenuntergang auf der Schwanzflosse

Als die Sonne fast verschwunden war, machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Wir wunderten uns, warum die einheimischen Familien so schnell verschwanden, aber das wurde uns sehr bald klar: Um 18:15 sah es hier nämlich so aus:

Black
Die Nacht kommt in Äquatornähe schlagartig

Die Taschenlampe unserer Handys saugte den Akku verblüffend schnell leer und irgendwann waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir schon die beiden Bäche überquert hatten oder nicht. Als es im Unterholz raschelte, musste ich an die Cocodrilos denken und fand das irgendwie gar nicht mehr drollig. Irgendwo mussten wir durch den Streifen Dschungel zurück in den Ort, nur wo? Es war so pechschwarz, dass man den winzigen Stichweg nicht erkennen konnte. Die Nacht am Strand zu verbringen war keine Option, denn das Gewitter rückte näher und die Flut eroberte sich langsam aber sicher den Strand zurück.

Als die Panik sich langsam näher schlich, und ich mich schon um unser pura vida – unser nacktes Überleben sorgte, sahen wir ein Licht am Rand des Dschungels. Ein letzter Tico packte dort seine Sachen zusammen. Ich kramte meine kümmerlichen Spanischbrocken heraus und fragte ihn: „Donde esta el uscita?“

Er zuckte nur verständnislos mit den Schultern und überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Wörter. Was war denn daran so schwer zu verstehen, dachte ich. „Uscita? Exit? Wo geht’s hier raus?“, wiederholte ich.

Da schien er endlich zu verstehen. „Ah, salida?“, fragte er und zeigte uns die Richtung. Salida, uscita, mir doch egal, Hauptsache endlich raus aus dieser Dunkelkammer. Nur wenige Meter weiter war tatsächlich der Weg zum Ausgang und wir kamen wohlbehalten in unserer Hütte an.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Flutterby House, das von zwei jungen Amerikanerinnen als nachhaltiges Öko-Hostel geführt wird. Hier gibt es kein Plastik, sondern Glas und Strohhalme aus Bambus, das Abwasser wird in einer eigenen Bioreinigungsanlage gesäubert und nebenbei gibt es hier ausgezeichnetes Essen und eine tolle Stimmung.

Free Bananas
Schwabenfalle: Hier gibt es was umsonst

Wer möchte, kann sich kostenlos zum Frühstück eine herrlich reife Banane von der Staude nehmen. Am Nachbartisch hatte das ein schwäbisches Pärchen ebenfalls entdeckt.

„Du, schau amol, die hend hiar koschdelose Banane. Ho, da mach i mer mei Rucksäggle glei amole voll“, raunte der Mann zu seiner Frau. „Gang du scho amole zom zahle, i komm denn nach“. Sprachs und stopfte unter den irritierten Blicken der anderen Gäste so viele Bananen in seinen Rucksack, dass er kaum noch zuging. Es gibt Erinnerungen an die Heimat, die braucht man auf Reisen einfach nicht.

Während die SinnlosReisende bezahlte, wollte ich noch unbedingt das wasserlose Männerurinal ausprobieren und folgte den Wegweisern. Das Pissoir sah zwar etwas eigenartig aus, aber man konnte sehr bequem reinstrullern und es gab tatsächlich keine Spülung. Als ich gerade den Raum verlassen wollte, kam eine Angestellte mit einem Wäschekorb herein. Ich hatte die falsche Tür genommen und aus Versehen in den Waschtrog uriniert. Als wütendes spanisches Geschrei aus dem Waschraum ertönte, verließ ich das Restaurant unauffällig, aber zügig. Sorry!

Der Rückweg

Auf dem Weg zurück nach San Jose kamen wir durch unwirkliche Landschaften. Am Übergang zwischen Tropenwald und Wüste suchten die Rinder Schatten unter den Palmen. Außerdem: Verliebte Kühe, urzeitliche Echsen, blühende Riesenpflanzen und blaue Krabben. Pura vida, wohin das Auge blickt.

Weidende Kühe im Palmenwald
Halb Wüste, halb Palmenwald
Kühe mit herzförmigen Hörnern
Romantische Kühe
Riesige Echse
Besuch aus der Steinzeit
Blaue Krabbe im Dschungel
Blaue Landkrabben. Kein Gimp-Trick!
Farbenfrohe rote Blüte
Farbenfroh

Unsere letzte Etappe führte uns nochmal auf einen Vulkan. Der Krater des Irazu kann mit seiner Höhe durchaus mit den Schweizer Alpen mithalten. Seine blaue Farbe kommt von den Cyanobakterien, die als einzige in der säurehaltigen Brühe überleben können.

Nationalpark Volcan Irazu
Über den Wolken
Vulkan Irazu mit Kratersee
Der Kratersee im Vulkan Irazu

Eines wird mir beim Schreiben dieser Zeilen klar: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in diesem wunderschönen Land mit seinen sympathischen Bewohnern. Costa Rica – Pura Vida!

El Arenal

Ein Bericht aus dem Gefühlsleben eines Vulkans

Der Arenal im Hochland von Costa Rica wurde von der einheimischen Bevölkerung lange nur „der Berg“ genannt. Das ärgerte ihn maßlos, denn einerseits drückte dieses Weglassen seines Namens eine unterschwellige Geringschätzung aus. Andererseits ignorierte die Bezeichnung „Berg“ seine vulkanische Abstammung, die bis zur Geburt der Kordilleren zurückreichte, und darauf war der Verschmähte sehr stolz. Ein Vulkan hat schließlich auch Gefühle, wie jeder Berg.

Und dann immer diese Sticheleien! Die Geologen zeigten überhaupt kein Interesse, weil er angeblich zu jung sei, um etwas Interessantes zu entdecken. Pah. Und das ausgerechnet von diesen Menschen, die ja erst neulich auf der Erdoberfläche erschienen waren. Als ob 100 Millionen Jahre zu jung wären. Der Arenal zeigte seinen Ärger niemals offen, sondern fraß ihn in sich hinein. Er brütete eher introvertiert vor sich hin, wie es der Natur der meisten Berge entspricht. Aber der Druck in seinem Inneren stieg und stieg.

Vulkan El Arenal im Wald
Sieht eigentlich ganz friedlich aus, der Berg

Eines Tages im Jahr 1968 war das Fass dann aber endgültig voll. Als sich ein Bauer aus dem Dorf Tabacon laut darüber beklagte, dass im Schatten des Berges sein Gemüse nicht genug Sonne bekäme, reichte es ihm. In einem gewaltigen Wutausbruch kotzte er einen Lavastrom aus und radierte das Dorf von der Landkarte. Seitdem nennen die Leute ihn nur noch „der Vulkan“ und senken die Stimme ehrfürchtig, wenn sie von ihm sprechen. Na gut, dass dabei 80 Menschen ums Leben kamen, war nicht seine Absicht gewesen. Aber so genau kann man eben auch nicht zielen, zumal wenn man als Vulkan etwas aus der Übung ist. Als Warnung stößt der Arenal immer mal wieder ein kleines Rauchfähnchen aus, macht sich mit einem bedrohlichen Rumpeln bemerkbar und wirft ein paar Felsbrocken aus seinem Krater. Wenn man sich unter den Top 10 der weltweit aktivsten Vulkane halten will, muss man halt immer am Ball bleiben.

Am Fuß des Vulkans liegt der Arenal Nationalpark. In Internetforen beklagen sich unzufriedene Besucher darüber, dass es hier kaum Tiere zu sehen gäbe. Das stimmt aber gar nicht – man muss nur etwas genauer hinschauen.

Blattschneiderameise trägt ein Blatt
Tierwelt im Arenal Nationalpark

Eine Blattschneiderameise ist nun vielleicht keine Sensation, aber ein ganzes Volk davon kann einen Baum in wenigen Tagen kahl scheren (und ein Pferd in einem Tag bis auf die Knochen abnagen; aber das ist ein unbestätigtes Gerücht). Und wo Ameisen sind – da ist ein anderer Zeitgenosse nicht weit. Als es neben dem Weg im Unterholz raschelte, verhielten wir uns ruhig und dann spazierte in aller Seelenruhe ein Ameisenbär an uns vorbei. Ich hatte immer gedacht, diese Tiere wären blau, weil ich in meiner Kindheit ein Fan der blauen Elise war, die im Vorabendprogramm vergeblich den Termiten nachstellte.

Ameisenbär überquert den Weg
Freund der Ameisen

Und wer nicht im Stechschritt durch den Dschungel rennt, sondern sich etwas Zeit lässt, der findet auch mal Tiere, die nicht so ins Auge springen.

Snake in rain forest
Manche Tiere wollen gar nicht gesehen werden. Erst wenn es zu spät ist.

Ganz in der Nähe, am Ufer des Arenalsees, steht ein gewaltiger Ceiba Tree, der angeblich James Cameron zu dem Wohnbaum der Na‘vi im Film „Avatar-Aufbruch nach Pandora“ inspiriert hatte. Die Ureinwohner Mittelamerikas verehrten diese bis zu 75 Meter hohen Bäume als Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. Fotos können die Größe dieses Baumes nicht wiedergeben; es ist einfach nur ein ergreifendes Gefühl, darunter zu stehen.

großer Ceiba Tree
Unter dem Ceiba-Baum – Größe ist relativ

Von den häufigen Vulkanausbrüchen unbeeindruckt bauten die unerschrockenen Ticos das Städtchen La Fortuna, denn hier zeigt der Vulkan seine sonnige Seite: es gibt massenweise natürliche Thermalquellen mit herrlich heißem Wasser. Wir verzichteten auf die Designerbäder der Edelhotels und besuchten die Termalitas del Arenal, wo sich die einheimischen Großfamilien zum Picknick mit Grillvergnügen trafen. Meine mangelhaften Spanischkenntnisse machten sich hier schmerzlich bemerkbar, aber Bilder versteht man ja auch ohne Worte.

Termalitas del Arenal in La Fortuna
Thermalbad mit Heizkraftwerk im Hintergrund
Küssen verboten Schild
Beim Küssen nicht den Partner gegen das Schienbein treten!
Tafel mit Verbot im Freibad
Verboten: Kinder dürfen spielenden Erwachsenen nicht auf den Po hauen!
Warnschild Wassertemperatur und Wassertiefe
Doppelgefahr: Heißes Wasser und Untiefen. Vorsicht beim Köpfer!
Warnschild Blutdruck
Nach 20 Minuten steigt der Blutdruck bis die Arterien platzen!

Um uns etwas abzukühlen, machten wir einen Ausflug zum Rio Celeste. Unterwegs streiften wir ein Highlight der Biodiversität, die Nebelwälder. Hier findet man im dauerfeuchten Klima auf einem Quadratkilometer mehr verschiedene Baumarten als in den ganzen USA. Der einzige Nachteil am Nebelwald ist – ähm, der Nebel.

Nebel auf der Straße im Nebenwald
Im Nebelwald

Der Rio Celeste liegt etwas abseits im Tenorio Volcano National Park und ist nur durch eine einstündige Wanderung erreichbar. Zwei kristallklare Bäche vermischen sich hier zu einem absolut unglaubwürdig leuchtenden Türkiston.

Entstehung des Rio Celeste
Hier entsteht der Rio Celeste aus zwei klaren Bächen. It’s magic!
Türkise Farbe im Rio Celeste
Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt man es nicht

Es gibt zwei Theorien zur Erklärung dieses Naturspektakels: Die Einen sind davon überzeugt, dass die Götter hier als Beweis ihrer Allmacht ein Stück des Himmels auf die Erde gebracht haben. Die Anderen behaupten, es sei ein physikalischer Effekt namens Mie-Scattering, bei dem Aluminiumsilikat, PH-Werte und eine Wellenlänge von 566 Nanometern eine Rolle spiele. Man kann sich aber auch einfach nur über den Anblick freuen.

Wasserfall am Rio Celeste
Pool mit Dusche mitten im Dschungel
Hängebrücke über den Rio Celeste
Nur für Einzelgänger

Auf dem Rückweg entdeckten wir eigenartige Blüten und einen dieser neugierigen Nasenbären neben dem Weg. Diese Allesfresser haben sich genau wie die Waschbären in Nordamerika an die Menschen gewöhnt und kontrollieren regelmäßig die Parkplätze.

Pink Flower
Der Dschungel blüht
Nasenbär im Wald
Naseweiser Nasenbär
Nasenbär am Parkplatz
Nasenbär nimmt die Fahrzeugparade ab

Der Furz von San Jose

Mittelamerikanische Verdauungsprobleme in Bildern

Costa Rica hat zwar eine geringere Wirtschaftsleistung als die Region Stuttgart, aber trotzdem ist das kleine Land in einigen Dingen dem deutschen Staat um Jahrzehnte voraus. Während in Deutschland der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, ist man hier schon lange bei fast 100% regenerativer Energieerzeugung angelangt. Und es funktioniert.

Durch konsequenten Umweltschutz sind inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt und 160 Schutzgebiete hindern Großkonzerne an der Abholzung. Größere Hotelkomplexe findet man hier kaum, überwiegend wird Ökotourismus in kleinen, nachhaltigen Familienunternehmen betrieben. Ein echter Gewinn für Einheimische, Natur und Touristen.

Das Militär wurde in Costa Rica schon vor Jahrzehnten abgeschafft und dafür zur Freude der Nachbarn Nicaragua und Panama eine konsequente politische Neutralität verkündet. Das und die hohen Berge haben dem Land den Beinamen „die Schweiz Mittelamerikas“ eingebracht. Die Militärausgaben wurden stattdessen in Bildung und Gesundheit investiert und irgendwie hat es das demokratische Land geschafft, dass seine Bewohner zu den zufriedensten Bürgern der Welt gehören.

Als wir uns am Flughafen von San Jose mit Bargeld versorgten, fühlten wir uns gleich wie Millionäre. Leider nur in Colon, der hiesigen Währung.

Costa Ricanisches Geld
Nach dem ersten Banküberf … äh Bankbesuch

Als wir aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens heraustraten, wurden wir sofort von einem dieser „hilfsbereiten“ Transfer-und Taxi-Vermittler angesprochen. Da wir aus zahlreichen Ländern um die Wucherpreise dieser Taximafia wussten, wimmelte ich den jungen Mann mit dem Hinweis ab, dass wir einen Mietwagen reserviert hatten. Ganz euphorisch bot er uns gleich einen kostenlosen Transfer zur Mietwagenstation an. Aber nicht mit mir! Diesen Trick durchschaute ich sofort und wir gingen unbeirrt zum Schalter der Mietwagenfirma.

Dort wurden wir ganz erstaunt gefragt, ob wir denn den Mitarbeiter verpasst hätten, der den kostenlosen Transfer zur Mietwagenausgabe organisiert. Der stand etwas ratlos im Hintergrund und zerknirscht musste ich zugeben, dass mein Misstrauen völlig unbegründet war. Diese positive Erfahrung bestätigte sich in den nächsten Wochen – kein einziges Mal wollte uns Jemand etwas aufschwatzen oder verkaufen. Die Ticos (so nennen sich die Costa Ricaner selbst) waren einfach nur freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.

Eigentlich ist Kriminalität in Costa Rica kein Problem. Nachdenklich stimmt allerdings der Aufkleber auf einem Rettungswagen, der ausdrücklich die Mitnahme von Pistolen untersagt.

Rettungswagen in San Jose
Zutritt nur ohne Handfeuerwaffen. Wie soll man sich denn da verteidigen?

Das Essen besteht in Costa Rica in aller Regel aus Bohnen mit verschiedenen Beilagen. Zum Frühstück gibt es Gallo Pinto, Bohnen mit Reis und Ei. Sehr beliebt sind auch Patacones, frittierte Kochbananen mit Bohnenmus und reichlich Zwiebeln.

Patacones mit Beilagen
Patacones in Riesenportionen

Die bohnenlastige Kost schmeckt meist extrem lecker, verursacht aber auch extreme Verdauungsreaktionen. Der einheimische Künstler Jimenez Deredia hat sich dieser Thematik in einer Skulpturenserie angenommen, die in der Fußgängerzone von San Jose zu bewundern ist.

Skulptur
Ein gärendes Unwohlsein breitet sich im brennenden Gedärm aus…
Skulptur
…und verwandelt sich allmählich in ein alles beherrschendes Grimmen.
Skulptur
Der Darm schwillt und schwillt bis zur Unkenntlichkeit…
Skulptur
…und die Blähungen krümmen den Körper solange…
Skulptur
…bis endlich, endlich ein gewaltiger Furz sich seinen Weg bahnt.
Skulptur
Der ganze Mensch verwandelt sich in eine Serie von Flatulenzen…
Skulptur
…um endlich wieder der Entspannung Raum zu geben, bevor der Zyklus bei der nächsten Mahlzeit wieder von vorne beginnt.

Jimenez Deredia, falls du das hier liest: Ich fürchte, ich habe deine Skulpturen anders verstanden, als von dir beabsichtigt. Aber gehört zur Kunst nicht auch die Freiheit der Interpretation dazu?

Der Koloss von Rhodos

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung (Aristoteles)

Der Unterschied zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion,
wenn auch eine sehr hartnäckige (Albert Einstein)

Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.

Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.

Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.

Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.

Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.

In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“

Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“

Der Koloss von Rhodos

Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.

Historischer Palast in Rhodos
Historisches Gemäuer in Rhodos. Stand hier vielleicht einmal der Koloss?
Stahlkugel gefüllt mit Steinen
Der Augapfel vom Koloss von Rhodos? Gefängnis für Steine damit sie nicht weglaufen?

Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.

Touristenboot am Hafen von Rhodos
Der Hafen von Rhodos zieht kolossale Touristenmassen an
Ein Touristenshop in Rhodos
Alles, was das Touristenherz begehrt. Oder auch nicht.
Die Rittergasse in Rhodos
Licht und Schatten in der Rittergasse von Rhodos

Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Baum mit tausenden Schmetterlingen
Man sieht den Baum vor lauter Schmetterlingen nicht

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

Zelt am einsamen Strand
Wir sind allein, allein…

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.

Griechische Kapelle
Innenhof eines Klosters in den Bergen
Griechische Kapelle
Noch eine Kapelle
Verfallendes Gemäuer
Verfallende Häuser mitten in den Bergen
Verfallendes Gemäuer
Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer

Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.

Eseltankstelle mit Eimer
Eseltankstelle: Bleifrei mit Schuss
Blick auf Lindos unterhalb der Akropolis
Die Akropolis thront über Lindos. Also, nicht „die“ Akropolis; eine Akropolis.
Gasse in Lindos am Abend
Eine der wenigen Gassen in Lindos ohne Souvenirshop

Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Treppe zur Tsambikakapelle
Die Treppe zur Fruchtbarkeit. 100 geschafft, noch 200 bis zur Empfängnis.
Kapelle von Tsambika
Hier wird das Wunder vollbracht
Blick von der Tsambikakapelle
Aussicht von der Kapelle der Fruchtbarkeit
Blick auf den abendlichen Tsambika Beach
Sonnenuntergang über den Bergen
Romantische Abendstimmung – wer da nicht schwanger wird, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…

„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“

Happy Birthday

Sinnlosreisen feiert seinen ersten Geburtstag. Wow, was für ein Jahr!

Ich hatte mich schon länger darüber geärgert, dass die Gedanken, die ich mühsam auf der winzigen Handytastatur in meinen WhatsApp-Status reinfummle, nach 24 Stunden unwiederbringlich in den Tiefen des Internets verschwinden. Und die amerikanischen Geheimdienste wollte ich nicht darum bitten, mir eine Kopie aus ihrem Archiv zuzuschicken. Denn bei soviel Unsinn könnte ich ein Einreiseverbot wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit nicht ausschließen.

Und dann kam vor einem Jahr der Corona-Lockdown und ich nutzte die sinnlose Zeit dazu, diesen Blog ins Leben zu rufen. Das war natürlich ein äußerst geschickter Zeitpunkt für einen Reiseblog. Wer hätte damals gedacht, dass Reisen einmal so schwierig wird? Anfangs war ich überhaupt nicht von der Idee überzeugt, meine Gedanken einfach so öffentlich ins Internet zu stellen, ohne zu wissen, wer das liest – das hat mir schon ein bisschen Unbehagen bereitet.

Klar gab es im Freundes- und Familienkreis Menschen, die meine Geschichten lustig fanden. Aber jeder kennt diese talentfreien Leute aus DSDS oder anderen Castingshows, die sich bis auf die Knochen blamieren („Meine Tochter kann ja sooo toll singen, mir kommen jedesmal die Tränen!“).

Meine Befürchtungen waren aber völlig unbegründet, denn mein Blog lag unbeachtet in einer ruhigen Ecke des Internets herum, in einer unbeleuchteten Nebenstraße, in der offenbar nichts los war. Mir war das nur recht und ich schrieb in Ruhe weiter meine Geschichten. Irgendwann kamen dann aber wohl doch ein paar Neugierige vorbei.

Nach 45 Beiträgen ist es nun Zeit, mich bei meinen über 1000 Besuchern aus 19 Ländern und den inzwischen 53 Followern zu bedanken. Ich hätte vor einem Jahr niemals mit so einer Resonanz gerechnet. Danke für jeden Kommentar und jeden Like, Danke für euer Interesse und für eure Treue! Ohne euch wäre es tatsächlich sinnlos, diesen Blog zu schreiben.

Und ein ganz besonderes Dankeschön geht an die SinnlosReisende, die den Schreiberling in mir geweckt hat, die mit ihrer ehrlichen Kritik meine Beiträge auf Schwachstellen abklopft und die meinen Unsinn nun schon so lange erträgt.

Wir stehen in den Startlöchern, aber immer noch bremst das Virus unseren Reisedrang aus. Zum Glück lagern noch viele Erinnerungen an vergangene Erlebnisse im Langzeit-Archiv und ich werde weiterhin alle zwei Wochen einen neuen Beitrag posten. In der Zwischenzeit empfehle ich euch meine persönliche Lieblingsgeschichte aus einem Jahr Sinnlosreisen, die beweist, dass man nicht in ferne Länder reisen muss, um verrückte Dinge zu erleben: Die klinik

Zum Geburtstag bekam der Blog einen neuen Header mit Bildchen für Leute, die nicht so gerne lesen. Man soll ja ein breites Publikum ansprechen. Und für den Blogger gab’s ein Handy mit besserer Kamera und einen Crashkurs in Gimp. Ich bin bereit für das zweite Jahr. Let’s go!

Liebe Grüße

Euer Marco

Die Mappe des Grauens

Diese Geschichte spielt kurz nach der Jahrtausendwende in einem Industrieunternehmen. Heute wäre so etwas unvorstellbar. Obwohl, wenn ich genau nachdenke, kommen mir da leichte Zweifel.

Herr Single-Pee war Leiter einer kleinen Abteilung in einer großen Firma, die zwar global agierte, aber ihre schwäbischen Wurzeln nie ganz ablegen konnte. Als er zur Führungskraft ernannt wurde, betonte sein Vorgesetzter die Vorzüge des deutlich größeren Gestaltungsspielraums einer Leitungsfunktion. Konkreter wurde er nicht, aber Single-Pee freute sich über seinen neu gewonnenen Spielraum.

Der Vorgesetzte von Single-Pee wurde Double-C genannt, das war die Kurzform von Cyborg-Claus. Er zeigte niemals auch nur den Hauch einer menschlichen Regung. Empathie war für ihn ein Fremdwort aus der Esoterikszene und menschliche Bedürfnisse schien er nicht zu haben. Einmal fragte Double-C eine Assistentin, die aus dem Mutterschutz zurück kam und ihren Kolleginnen stolz die Fotos ihres Babys zeigte, ob sie in Urlaub gewesen sei. Er hatte ihre Schwangerschaft nicht bemerkt, obwohl er neun Monate lang jeden Tag mehrmals an ihr vorbei gelaufen war. Irgendwann entstand das Gerücht, dass in der menschlichen Hülle wahrscheinlich ein Roboter oder zumindest ein Cyborg stecken müsse.

Double-C regierte sein Leitungsteam mit einer legendären, von allen Mitarbeitern gefürchteten Wiedervorlagemappe. Dieses gefräßige Monster war im Lauf der Jahre auf eine Dicke von über zwanzig Zentimetern angeschwollen und enthielt alle Protokolle, ausgedruckten E-Mails und Notizen, die jemals über Double-C’s Schreibtisch gewandert waren. Was einmal in dieser Todesmappe gelandet war, wurde gnadenlos in jedem Meeting wiedergekäut. Erst wenn alle Maßnahmen abgearbeitet waren, schrieb Double-C ein dickes „ERLEDIGT“ mit aktuellem Datum und seinem Namenskürzel quer über das Papier, strich das Protokoll diagonal durch und zerriss dann das Blatt in acht Stücke. Dann legte er die Papierfetzen in die Mappe des Grauens zurück, damit seine Assistentin sie in den feuersicheren Papiermülleimer entsorgen konnte. Arbeitsteilung für Fortgeschrittene.

Die Themen für Double-C’s Todesmappe kamen überwiegend von dessen Chef, Triple-Ju. Er unterschrieb immer mit seinen Initialen U.W., die auf Englisch wie „Ju – Double-Ju“ klangen. Findige Mitarbeiter zählten ein Ju und ein doppeltes Ju zusammen und schon war der Spitzname geboren. Triple-Ju verdankte seine Karriere einem ausgeprägten Sinn für das Betriebswirtschaftliche. Seinen Durchbruch erzielte er mit der Halbierung der Kosten für Druckerpapier durch die Nutzung der Rückseite von alten Ausdrucken. Als Mitarbeiter auf der Rückseite ihres Ausdrucks vertrauliche Protokolle entdeckten, die eigentlich niemals für ihre Augen gedacht waren, entstand zwar beträchtlicher Aufruhr, aber die Einsparungen waren unbestreitbar.

Eines Tages zog die Abteilung von Single-Pee in ein neu erbautes Bürogebäude um. Kurz darauf klagten einige Mitarbeiter über Kopfschmerzen und verdächtigten die neue Einrichtung im Großraumbüro, die einen eigenartigen Geruch verströmte. In einer großen Firma gilt zwar der Leitspruch „Dafür bin ich nicht zuständig“, aber doch gibt es für jedes Problem einen Zuständigen. Er versteckt sich nur manchmal im undurchdringlichen Unterholz der verschachtelten Organigramme, die mit blumigen Bezeichnungen ihre wahre Aufgabe verschleiern. Single-Pee schaltete den Hausmeister ein (pardon, den Facility Manager), der genau so wenig zuständig war, wie die Büroplanungsabteilung, die sich hinter der schönen Bezeichnung „Planning Plant/Constr.Engineer. & Offices“ verbarg. Der werksärztliche Dienst bot Kopfschmerztabletten an, war aber ansonsten ebenfalls nicht zuständig; immerhin beauftragte er die Arbeitssicherheit. Der zuständige Experte verwies wort- und gestenreich darauf, dass alle Möbel und Materialien im Büro selbstverständlich absolut schadstofffrei wären (100% garantiert, mit Zertifikat) und organisierte eine Messung, um alle eventuellen Zweifel zu beseitigen. Die Messung ergab, dass die absolut schadstofffreie Inneneinrichtung Formaldehyd ausdünstete.

Der Experte konsultierte daraufhin sein Handbuch und empfahl regelmäßiges Stoßlüften und die Anschaffung von schadstoffabbauenden Zimmerpflanzen. Single-Pee erinnerte sich an seinen Gestaltungsspielraum, wählte sechs Pflanzen in Hydrokultur aus einem Katalog des Vertragsgärtners aus und bat die Assistentin um Bestellung. Problem gelöst. Dachte er.

Schlichte Gemüter könnten nun meinen, dass ein paar Zimmerpflanzen in einer Firma mit vielen Milliarden Euro Umsatz nicht so sehr ins Gewicht fallen. Aber in großen Firmen erfolgt eine Bestellung durch den zuständigen Einkauf immer erst dann, wenn das zuständige Controlling eine Freigabe erteilt hat. Controller sind von Natur aus eher gründlich veranlagt, aber schwäbische Controller können bis zur Humorlosigkeit gewissenhaft sein. Und so überrascht es eigentlich nicht, dass der prüfende Sachbearbeiter sich bei seinem Teamleiter absicherte, der wiederum diese Investition betriebswirtschaftlich nicht recht einordnen konnte und daher den Chef-Controller um Entscheidung bat. Und da in der damaligen Zeit Kommunikation niemals direkt, sondern immer nur auf gleicher Hierarchieebene oder über maximal eine Stufe gehen durfte, fräste sich bald eine Kommunikationskaskade durch das firmeneigene E-Mailsystem:

Chef-Controller an The Head, den Leiter der Unit: „Wollen wir wirklich sechs Pflanzen bestellen? Return of Invest ist unklar!“

The Head an Triple-Ju, den Leiter des Bereichs: „Bitte begründen! Wozu brauchen Sie so viele Zimmerpflanzen?“

Triple-Ju an Double-C, den Leiter des Fachbereichs: „Bitte ausführlich begründen, Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellen und Alternativen aufzeigen! Bitte prüfen, ob eine Fototapete mit Waldmotiv den gleichen Effekt bei kleineren Kosten bringt!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte zeitnah erledigen!“

Single-Pee an Double-C: „Die Pflanzen wurden von der Arbeitssicherheit empfohlen, weil Mitarbeiter wegen Formaldehyd gesundheitliche Probleme haben. Wir verdienen mit den Pflanzen nicht wirklich Geld, aber ein einziger Krankheitstag kostet die Firma dreimal so viel wie alle Pflanzen zusammen. Alternativ könnten wir das neue Gebäude kernsanieren.“

Double-C an Triple-Ju: „Die Argumente von Single-Pee sind schlüssig. Ich befürworte die Freigabe.“

Triple-Ju an Double-C: „Einverstanden. Vorher bitte prüfen, ob es günstigere Pflanzen gibt und alternative Lieferanten anfragen!“

Double-C an Single-Pee: „Bitte mindestens drei Angebote über den Einkauf einholen und preiswerte Sorten wählen!“

Single-Pee an Double-C: „Laut Einkauf verbietet der Exklusivvertrag mit der Gärtnerei alternative Lieferanten. Es gibt günstigere Pflanzen, aber die helfen nicht gegen Schadstoffe. Ich möchte daran erinnern, dass es um die Gesundheit der Mitarbeiter geht, nicht um Schöner Wohnen.“

Double-C an Triple-Ju: „Es führt wohl kein Weg an einer Beschaffung vorbei. Bitte um Freigabe.“

Triple-Ju an The Head: „Ich befürworte die Freigabe. Wirtschaftlichkeit der beantragten Lösung ist eindeutig besser als die alternative Kernsanierung des Gebäudes.“

The Head an Chef-Controller und an Triple-Ju: „Ich genehmige zunächst nur drei Zimmerpflanzen. Zum Ausgleich wird verstärkt gelüftet. Nach Umsetzung Ortstermin und Entscheidung über weiteres Vorgehen.“

Triple-Ju an Double-C: „Bitte Lüftungskonzept entwickeln und Ortstermin planen, wenn erster Meilenstein umgesetzt ist.“

Double-C legte eine Kopie des Vorgangs in seine Mappe und schrieb an Single-Pee: „Bitte umsetzen!“

Zwei Wochen später entdeckte Single-Pee eines Morgens drei Zimmerpflanzen im Großraumbüro, die sich mit Heißhunger über die Schadstoffe hermachten. Geht doch, dachte er sich und bat die Assistentin, den Ortstermin zu buchen.

Zur Besichtigung machte sich eine illustre Delegation auf den Weg: vorneweg gingen The Head und der Chef-Controller, dahinter tippelte Triple-Ju gefolgt von Double-C. Im Büro beugte sich die geballte Prominenz über einen Ficus benjamini, der vor Ehrfurcht zitternd seine Zweige enger an den Stamm legte.

Der einsame Schadstofffresser

„Aha, das ist also der Grund unseres Besuchs“, meinte The Head lapidar. „Das sieht ja nun wirklich nicht übertrieben aus.“ In der Tat wirkten die drei Pflänzchen im weitläufigen Großraumbüro etwas verloren.

Double-C schnüffelte und fragte: “Was riecht denn hier so streng?“

„Das ist das Formaldehyd, wegen dem wir die Pflanzen beschafft haben“, entgegnete Single-Pee.

„Richtig“, kommentierte The Head. Dann fiel sein Blick auf das riesige Plakat aus der letzten Kampagne zur Firmenkultur. „Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“ stand da in fetter Schrift.

„Und wie wirkt die Maßnahme? Hat unser wertvollstes Kapital noch Beschwerden?“, erkundigte er sich.

Das wertvollste Kapital beobachtete die Szene von seinen Arbeitsplätzen aus. Manche Mitarbeiter beneideten den Ficus benjamini, weil er die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser hochrangigen Manager bekommen hatte, während sie selbst seit Monaten auf einen Termin zur Projektfreigabe warteten.

„Es ist etwas besser geworden, aber noch nicht gut“, informierte Single-Pee über den Status.

„Gut so, wir sind auf dem richtigen Weg“, bemerkte The Head. „Lassen Sie eine Kontrollmessung durchführen und wenn die noch was anzeigt, dann gebe ich die restlichen drei Pflanzen frei. Gut, dass Sie ihren Gestaltungsspielraum genutzt haben“. Mit diesen Worten dampfte die Delegation aus dem Büro.

Weitere drei Wochen später – inzwischen wedelten sechs Pflanzen genüsslich ihre Blätter durch die schadstoffhaltige Luft – erhielt Single-Pee eine Mail:

Sehr geehrte(r) Herr(Frau) Single-Pee,

Sie haben den Workflow „Allgemeiner Workflow“ zur Bearbeitung im WebCycleWorkflow-Management erhalten. Dies ist eine vom System automatisch generierte Mail.

Single-Pee hatte schon von der sprachlichen Eleganz des neuen Systems ® gehört und drückte neugierig auf den Link. Eine Rechnung für die gelieferten Pflanzen erschien und er durfte aus drei Buttons wählen: „freigeben“, „ablehnen“ oder „nicht zuständig“. Single-Pee nutzte seinen Gestaltungsspielraum und klickte auf „freigeben“.

„Sie haben keine weiteren Aufgaben“, antwortete das System. Das war aber einfach, dachte sich Single-Pee.

Am nächsten Tag kam die gleiche Mail wieder. Vielleicht nicht richtig gespeichert, vermutete Single-Pee und drückte nochmal auf „freigeben“. Als die Nachricht zum dritten Mal aufpoppte, entdeckte er eine kleine Notiz im System, die ihn aufforderte, zunächst einen Wareneingang zu veranlassen und erst danach freizugeben. Single-Pee schrieb in das Notizfenster „Die Ware ist eingegangen“ und klickte wieder auf „freigeben“.

Als nichts passierte, drückte er auf den „Zurück“-Button, was dazu führte, dass das Programm abstürzte. In der Hilfefunktion fand Single-Pee die entscheidenden Hinweise: „Wenn Sie eine Notiz eingeben wollen, drücken Sie auf keinen Fall den Button „Notiz eingeben“, sondern betätigen Sie die rechte Maustaste, Einstellungen, besondere Einstellungen, aktivieren, Notizfunktion aktivieren, neue Notiz anlegen, speichern, dreimal ok und geben Sie ihre Notiz in das Fenster ein. Wenn Sie den „Zurück“-Button des Browsers verwenden, wird ihr Account für 24 Stunden gesperrt; wenden Sie sich in diesem Fall an den zuständigen Systemadministrator.“ Echt super, so ein System®.

Als die Mail zum vierten Mal kam, beschloss Single-Pee, aus dieser Endlosschleife auszubrechen und drückte trotzig auf „nicht zuständig“. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf aus der zuständigen Buchhaltung, die in ein osteuropäisches Land outgesourct worden war. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wurde klar, was das System verlangte: er solle den Lieferschein einscannen. Nur war bei den Pflanzen dummerweise kein Lieferschein dabei gewesen. Dann müsse er sich an die zuständige Wareneingangskontrolle vor Ort wenden, meinte die Buchhalterin. Wer das sei, wusste sie aus der Ferne auch nicht, aber jedenfalls könne sie die Rechnung nur einbuchen, wenn der Wareneingang korrekt erfasst wurde.

Es dauerte weitere acht Monate, bis das neue System zufrieden war und der Vorgang endlich aus der Mappe des Grauens entfernt wurde. Zwei Monate später wurde die nächste Reorganisation angekündigt und die Abteilung musste wieder umziehen. Single-Pee besann sich auf seinen Gestaltungsspielraum, prüfte den Inhalt seiner Geldbörse und machte sich in der Mittagspause auf den Weg ins örtliche Gartencenter. An der Mappe des Grauens und am System ® vorbei, unter Missachtung aller Zuständigkeiten.

Ich widme diesen Beitrag allen Mitarbeitern von großen Firmen mit dunkelblauem Logo. Und ich rufe euch zu: Verzweifelt nicht! Die beschriebenen Ereignisse in dieser Geschichte sind nicht mal zwanzig Jahre her. Die schwäbischen Controller widerstehen mit ihren Exceltabellen zwar tapfer den Versuchungen der neuen agilen Zeit aber sonst hat sich seitdem schon so viel zum Guten geändert. Es besteht Hoffnung!

® „Das System“ ist kein eingetragenes Warenzeichen der SAP SE, aber fast.

Urlaub bei den Hottentotten

Als Kind hatte ich lange Zeit Mitleid mit diesem geheimnisumwitterten Volk. Denn immer wenn in meinem Zimmer die Unordnung apokalyptische Züge annahm, sagte meine Mutter: „Hier sieht’s aus wie bei den Hottentotten!“

Musikkapelle zur Erheiterung von Touristen an der Uferpromenade

Der letzte Teil unserer Südafrika-Reise führte uns von Port Elizabeth über die Garden Route bis nach Kapstadt. Während im Nordosten des Landes das Autofahren weitgehend von Schlaglöchern dominiert wurde, erinnerten die Straßen hier eher an amerikanische Highways. Die Garden Route hat ihren Namen von den klimatisch günstigen Bedingungen, die zu einer unglaublichen botanischen Vielfalt führen. Hier wächst alles eine Nummer besser, von Kapstachelbeeren über den ausgezeichneten Wein bis zu namenlosen Blumen.

Wuchernde Blütenpracht

Am Strand von Cape St. Francis legt die örtliche Behörde viel Wert auf Ordnung. Nicht mal atomaren Müll darf man hier entsorgen. Etwas kleinlich für meine Begriffe, aber andere Länder – andere Sitten.

Eigenwillige Verbote
Leuchtturm am Strand

In Knysna haben die Gezeiten eine große Bucht ins Land gegraben. Bei Flut steht hier alles unter Wasser, aber bei Ebbe entsteht ein begehbarer Matschteppich, aus dem die Einheimischen riesige Würmer als Köder zum Angeln ziehen. Man sollte allerdings rechtzeitig wieder auf sicheres Land klettern, bevor das Wasser zurück kommt.

Die Bucht von Knysna kurz vor Ebbe
Endloser Matsch

Ganz in der Nähe gibt es eine gut versteckte Abfahrt von der Hauptstraße, die über eine Schotterpiste bis zu einem Parkplatz führt. Dort beginnt der Abstieg über eine Treppe zum Noetzie Beach, einem der schönsten Strände hier in der Gegend. Die mühsame Anreise lohnt sich, denn hierher kommen nur wenige Touristen. Die meisten verirren sich in dem benachbarten Township und kommen nie wieder heraus.

Licht am Ende des Tunnels – die Treppe zum Noetzie Beach
Noetzie Beach – ein abgelegenes Stück Paradies
Abendstimmung nach einem Tag am Strand

Der letzte Abschnitt unserer Reise führte uns an die Südspitze Afrikas, in die Heimat der Hottentotten. Es gibt keine verlässlichen Berichte über ihren Ordnungssinn, aber an die Zustände in meinem Jugendzimmer kamen sie sicher nicht heran. Sie lebten zweitausend Jahre lang friedlich als Viehhirten, bis die Buren kamen und meinten, dass das Land eigentlich ihnen gehöre. Als Begründung reichte ihnen, dass sie die besseren Waffen hatten. So lief das viele Jahrhunderte lang, wenn Europäer ein fremdes Land entdeckten. Wenn die Bewohner wehrhaft waren, versuchte man Handel mit ihnen zu treiben. Wenn sie militärisch unterlegen waren, wurden sie erobert und bekamen die Errungenschaften der zivilisierten Welt geschenkt, beispielsweise Linksverkehr. Zum Ausgleich durften die Unterlegenen für die Kolonialmacht als Sklaven arbeiten.

In Kapstadt kommt man an einem Besuch des Tafelbergs kaum vorbei, zumindest wenn das Wetter mitspielt. Sportliche Zeitgenossen können die Wand zu Fuß besteigen, man kann aber auch die Seilbahn nehmen. Als mir klar wurde, dass diese Bahn 1929 erbaut wurde und ohne Stütze 1200 Meter überbrückt, wurde mir etwas mulmig. Zum Glück wurde die Anlage von der renommierten Firma Doppelmayr kürzlich erneuert und mit einer 360 Grad Drehkabine ausgestattet. Von oben hat man herrliche Aussichten auf das umliegende Land.

Über den Dächern von Kapstadt
Magische Momente
Blick vom Tafelberg in Kapstadt

Die Strände sehen verlockend aus, haben aber trotz der warmen Luft eine recht erfrischende Temperatur. Das Wasser ist so kalt, dass man hier sogar Pinguine findet, die aus der nahen Antarktis auf Sommerurlaub herüberschwimmen.

Gut gekleidete Strandbesucher

Über den Chapman’s Peak Drive fuhren wir zum Kap der Guten Hoffnung. Unterwegs gab es massenweise tolle Landschaften im Sonderangebot.

Wilde Küste am Südzipfel Afrikas
Das Haus am Meer
Chapman’s View Point

Unterwegs besuchten wir eine Straußenfarm. Wirklich gefährlich sind diese Riesenvögel nur, wenn man ihre Sprache nicht spricht.

Brandgefährliche Kampfvögel
Der Straußenflüsterer

Das Kap der Guten Hoffnung am südwestlichsten Zipfel Afrikas bekam seinen Namen vom portugiesischen König Johann II., der darauf hoffte, endlich den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Die Seefahrer nannten das steile Kliff lange Zeit „Sturmkap“, denn hier treffen die kalten Wasser des Atlantiks auf die warmen Strömungen des Indischen Ozeans und sorgen für unberechenbare Winde, die so manches Schiff auf die spitzen Riffe unter der Wasseroberfläche drückten. Dann blieb den Gestrandeten nur noch die Hoffnung, dass in den nächsten Jahren wieder eine Expedition vorbei kam. Dem Kletterer bleibt die Hoffnung, dass der Absturz weich endet.

Ein letztes Bild vom Kap der Guten Hoffnung zum Abschied

Der Firmenlauf

Die alternative Wahrheit über ein eigentlich harmloses Event.

Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!

Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.

Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.

Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.

Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.

Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.

Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“

Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.

Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!

Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.

Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.

Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.

Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.

Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.

Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.

Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Gruppe Cheer Leader, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Der Start – Kein Platz für Schwächlinge

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.

Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Ein endloser Strom schiebt sich durch die Strecke

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.

Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.

Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.

Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.

„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Das beste Team aller Zeiten

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“

„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.

Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.

Die Wellen von Ballito

Eine kleine Geschichte über große Tiere, noch größere Wellen und einen Tanz mit einem Zulu

Als wir die Bilder der Touristenmassen sahen, die sich sensationsgeil um die wenigen Tiere drängelten, strichen wir den Krüger Nationalpark und besuchten stattdessen den relativ unbekannten HluHluwe iMfolozi Nationalpark. In dieser Gegend Südafrikas hatten sie eine erfrischend kreative iNterPretatiOn der gRoß-kLein-Schreibung, und auch sonst war es ein Erlebnis der Güteklasse A1 mit Sternchen. Wir konnten den Park ohne Guide und völlig unbehelligt von anderen Touristen mit dem eigenen Auto erkunden. Anfangs sahen wir nur jede Menge Schlaglöcher, ein paar Äffchen, Wildscheine und einen Kudu.

Mutter und Kind-Turnen
Hängebauchschweine gehen Krokodile füttern

Als die Mittagshitze sich legte, beendeten die Tiere ihre Siesta und kamen aus ihren Verstecken: Eine Elefantenherde wanderte majestätisch über einen Hügel. Dann Nashörner im Akkord. Wir fuhren um ein Haar unter einer Giraffe durch. Dann Zebras. Noch eine Elefantenherde am Fluss. Noch mehr Nashörner. Noch mehr Schlaglöcher.

Nashorn-Ehepaar bei der Rasenpflege
Abendessen im dritten Stock
Leben im Hochformat
Die Zebrastreifen machen Feierabend und gehen nach Hause

Im Küstenstädtchen Ballito checkten wir im Zimbali Eco View ein. Unser Gastgeber Herbie zauberte ein erstklassiges Frühstück auf den Tisch: Leckerer Kaffee, Nutella, Obstsalat, Straußengeschnetzeltes und Waffeln. Und zur Unterhaltung sprangen im Meer die Delphine.

Frühstück mit Meerblick. So muss das sein.

Herbie war Technikfreak und sicherte sein Haus abends mit einer Alarmanlage: Rotes Licht – Anlage scharf, grünes Licht – ok. Die Taste mit einem Punkt auf der Fernbedienung entschärft die Anlage, die Taste mit zwei Punkten sendet einen Notruf an den Sicherheitsdienst. Alles ganz einfach.

Wegen der hohen Kriminalität nutzten die meisten Hausbesitzer einen Wachdienst. Meist waren hier Zulus beschäftigt, Nachfahren des legendären Königs Shaka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile des heutigen Südafrikas beherrschte. Da er 1.500 Frauen hatte, ist heute fast jeder Zulu mit ihm irgendwie verwandt. König Shaka wird als Nationalheld verehrt; sogar der internationale Flughafen in Durban wurde nach ihm benannt.

Am nächsten Tag ging es endlich an den Strand zum Baden in die tollen Wellen. Drei Rettungsschwimmer lümmelten unter einem Sonnenschirm und zahlreiche Familien spielten am Ufer. Ich liebe Wellen. An zahlreichen Stränden dieser Welt hatte ich das Spiel mit den Brechern genossen und freute mich auf die erste Begegnung mit dem Indischen Ozean. Wir gingen bis zu den Knien ins Wasser um die Temperatur zu prüfen. Dann ging es ganz schnell. Die erste Welle holte uns von den Beinen, die Zweite raubte uns die Orientierung und die Dritte zog uns in den Bereich, in dem man nicht mehr stehen konnte. Hey, dachte ich noch, die haben aber ganz schön Kraft! Und schon brach die nächste Welle über uns zusammen.

Wellen am Indischen Ozean

Die Wellen brachen in so kurzen Abständen von oben auf uns herunter, dass wir kaum Zeit zum Atmen hatten. Das war extrem ungemütlich und wir beschlossen, zum Ufer zurück zu schwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn jede Welle spülte uns drei Meter Richtung Ufer und der Sog nach der Welle zog uns fünf Meter ins Meer hinaus. Ich schwamm was ich konnte, was nicht viel war, denn meine Kraft ließ erschreckend schnell nach. Aus dem Augenwinkel erkannte ich an dem ernsten Gesichtsausdruck der SinnlosReisenden, dass sie die Lage ebenfalls als bedrohlich einstufte. Die drei Rettungsschwimmer waren inzwischen in die Mittagspause entschwunden.

Rette sich wer kann…

Kurz bevor die Panik mich überrollte, tauchte plötzlich neben mir ein Mädchen mit einem Surfbrett auf. Ich klammerte mich energisch daran fest und ein archaischer Überlebensinstinkt schickte den Impuls durch mein Gehirn, dem Kind das Brett aus der Hand zu reißen. Das war wohl auf meinem Gesicht zu lesen, denn sie schaute mich ängstlich an. Aber ich hatte mich schon wieder im Griff und dann erfasste uns die nächste Welle und spuckte uns auf den Strand. Seit diesem Erlebnis betrachten wir Wellen mit deutlich mehr Respekt.

Mann reitet mit Surfbrett auf Welle
Mit der richtigen Ausrüstung macht das sicher Spaß

So eine Niederlage kann ein richtiger Mann natürlich nicht einfach so stehen lassen. Mein Rehabilitationsplan war kühn und schnell gefasst. Direkt vor unserer Unterkunft war ein weitaus gefährlicherer Strand, als der nachmittägliche Badestrand. Herbie hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier immer wieder Mutige und Ahnungslose ertranken. Dieser Strand musste bezwungen werden – nur so ließ sich meine Ehre wieder herstellen.

Als die SinnlosReisende gegen Mitternacht einschlief, schlich ich mich durch die doppelt abgeschlossenen Türen aus dem Haus. Ich hatte einen schwarzen Neoprenanzug ausgeliehen, den ich samt Kapuze und Handschuhen überstreifte. Die Handschuhe waren etwas hinderlich, aber schließlich schaffte ich es, die Alarmanlage mit einem Druck auf den Knopf mit den beiden Punkten zu entschärfen. Oder war es der Knopf mit einem Punkt? Egal, jedenfalls ging kein Alarm los, als ich vor die Tür trat.

Als ich schon fast draußen war, fiel mir ein, dass ich den elektrischen Haischocker vergessen hatte. Also ging ich nochmal zurück, denn Herbie hatte uns berichtet, dass in den Schutznetzen vor den Buchten regelmäßig Haie hängen blieben – viele auf dem Rückweg nach draußen ins offene Meer. Schließlich war ich soweit und musste nur noch die Außentür abschließen. Ich leuchtete mit der funzeligen Taschenlampe und fummelte mit meinen Handschuhen an dem blöden Schloss herum, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich erschrak, drehte mich um, und starrte auf eine gewaltige muskulöse Brust. Vor mir stand eine jüngere Ausgabe von Mike Tyson – nur größer. Vor Schreck fiel mir der Haischocker aus der Hand. Er fiel mit einer Elektrode auf meinen Fuß, mit der anderen auf den Fuß des Hünen, offensichtlich ein Zulu vom Sicherheitsdienst. Mit einem Britzeln entluden sich die 50.000 Volt in unsere Körper und wir umarmten uns unter Krämpfen und tanzten bis die Ladung leer war. Als ich wieder atmen konnte, erkannte ich einen zweiten Schwarzen mit ähnlich beeindruckender Statur, der mich grimmig musterte. Zum Glück hatte ich vor der Reise einen Spruch in Zulusprache einstudiert, denn mit Fremdsprachen erobert man die Herzen der Einheimischen:

„Sagabona – Kunjani wena!“ wollte ich sagen. „Hallo – wie geht’s?“

Weil ich mir bei dem elektrischen Tänzchen auf die Zunge gebissen hatte, kam aber nur ein klägliches „Shakabolla – Kunschi wea!“ heraus, was ungefähr bedeutete „König Shaka frisst Scheißbollen!“

Wie stolz die Zulus auf ihren früheren König waren, konnte ich in den nächsten Stunden in der schalldichten Zelle des Sicherheitsdienstes am eigenen Leibe erfahren. Erst durch viele förmliche Entschuldigungen und eine großzügige Spende konnte ich die Herren davon überzeugen, dass ich erstens nichts gegen den verehrten König Shaka habe und zweitens nicht bei Herbie einbrechen wollte. Als ich in der Morgendämmerung ins Bett kroch, spürte ich alle Knochen. Die SinnlosReisende kommentierte meinen Zustand schlaftrunken mit einem müden Scherz über mein Alter und drehte sich um. Wenn Frauen wüssten, was ihre Männer Nachts so treiben…

Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen

Im Königreich eSwatini

Etwa eine Million Menschen leben im Königreich eSwatini. Während König Mswati III mit seinen fünfzehn Frauen und seiner entsprechend großen Familie gern gesehener Stammkunde bei Herstellern von Luxuslimousinen ist, leben die restlichen Bewohner von durchschnittlich 30 € im Monat.

In dieser Ecke Afrikas ticken die Uhren langsamer als im Rest der Welt. Wir verbrachten drei Tage im Hlane Nationalpark, in dem es genau fünf Hütten und keinen Strom gab. Und damit auch keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keinen Lichtschalter und keine Möglichkeit, unsere Handys aufzuladen. In der ohrenbetäubenden Stille war das Summen der Fliegen überdeutlich zu hören.

Unsere Unterkunft und unser „Geländewagen“

Als die Akkus unserer Geräte leer waren, wurde die Zeit zäh wie Honig. Zum Glück lag direkt neben unserer Hütte ein Wasserloch, in dem eine Familie Nilpferde planschte. Am Ufer tummelten sich Giraffen, Nashörner und Elefanten.

Wasserloch mit Nashörnern und Nilpferden
Das Wasserloch im Hlane Nationalpark

Das herausstechende Merkmal von Elefanten ist ihr gutes Gedächtnis. Da ich diese Eigenschaft mit ihnen teile, sind mir diese Tiere sehr sympathisch. Ich erinnere mich beispielsweise noch ganz genau an eine Jugendsünde im Zoo aus meiner Schulzeit: ein junger Elefantenbulle hatte auf einem Ohr eine Narbe, die an eine Zielscheibe erinnerte. Das brachte uns Jungspunde auf die Idee, mit den herumliegenden Hasenkotbollen auf sein Ohr zu werfen. Der Elefant fand das nicht so lustig wie wir, aber uns trennte ja ein stabiler Zaun und ein tiefer Wassergraben.

Elefant im Abendlicht

Eines der Nashörner starrte mich mit einem Blick an, der mir Gänsehaut machte. Der Bulle schien zu überlegen, ob sich bei dieser Hitze ein kleiner Sprint lohnte. Ich blickte prüfend den Zaun an, der die Tiere draußen halten sollte und fand ihn erschreckend dünn. Als eine kleine Brise aufkam, wackelte der Pfosten bedenklich. Zum Glück haben Nashörner ein zu kleines Gehirn, um solche Überlegungen zu Ende zu führen.

Nashorn hinter baufälligem Zaun
Wie lange so ein Zäunchen wohl einem anstürmenden Nashorn widerstehen kann?
Zwei Nashörner überlegen, ob ein Angriff lohnt
Was meinst du: Sollen wir eine Runde Touristenjagen spielen?

Ich weckte an der Rezeption eine Angestellte, die in der brütenden Mittagshitze in einer schattigen Ecke gedöst hatte und fragte, ob wir denn mit unserem Mietwagen eine Self-drive-Safari ins Gehege nebenan wagen könnten. Der Kleinwagen hatte zwar schon bei dem einen oder anderen Schlagloch auf asphaltierten Straßen Probleme mit der Bodenfreiheit gehabt, aber die junge Dame hauchte nur ein gelangweiltes „Yes, you can“. Als ich nach Sicherheitsregeln fragte, meinte sie lapidar: „Don’t leave your car – You are food“.

Löwen schlafen im Gras
Es ist erschreckend, wie leicht man ein Löwenrudel im Gras übersehen kann.

So quälten wir unseren unschuldigen Stadtflitzer über einen Feldweg, der offensichtlich für erwachsene Geländewagen konzipiert war und verkratzten Unterboden und Metallic-Lackierung.

Nashorn von hinten
Gut, dass wir die gleiche Richtung haben. Gegenverkehr könnte interessant werden…

Die Nashörner musterten uns mit mißtrauischen Blicken und ignorierten uns ansonsten.

Nashorn in Griffweite
Begegnung am Wegrand: Der will doch nur spielen…

Als wir beinahe in Bergen von Elefantenmist stecken blieben, entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und beschlossen, auf die geführte Safari am nächsten Tag zu warten.

Elefantenmist
Große Tiere – große Haufen

In der Nacht wurde ich vom Stampfen der Nashörner geweckt, die etwa fünf Meter neben unserer Hütte vorbei liefen. Da ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich leise auf die Terrasse. Ich lief ein paar Meter bis zum Zaun, in der Hoffnung, vielleicht am Wasserloch etwas Interessantes zu sehen. Man konnte aber seine eigene Hand nicht erkennen, da der Mond von einer Wolke verdeckt war. So stand ich eine Weile in Gedanken versunken, als die Wolken plötzlich den Mond freigaben. Neben mir stand eine Gruppe schwarzer Männer. Wir starrten uns eine Weile überrascht an. Um das Eis zu brechen, kramte ich ein paar Brocken aus meinem Zulu-Wortschatz hervor, den ich in Vorbereitung auf diese Reise gepaukt hatte.

„Sagabona – Kunjani wena“ sagte ich. Hallo, wie geht’s?

Die erhoffte Reaktion blieb aus. Im Gegenteil, die Männer rückten näher und schauten recht bedrohlich drein. Einer zog ein Messer, ein anderer hatte eine große Säge in der Hand. Blitzartig wurde mir klar, was hier lief. Ich hatte eine Bande Wilderer überrascht, die auf das Horn eines Rhinozeros scharf waren. Immer noch glauben zu viele reiche Voll-Honks, dass sich ihre Potenzprobleme durch Nashornpulver in Wohlgefallen auflösen. Ich erwog kurz meine Optionen, entschied mich spontan für den Rückzug und sprang über den Stacheldraht. Als die Männer sich anschickten, den Zaun zu übersteigen, rief ich ihnen den einzigen Satz zu, den ich auf Zulu auswendig gelernt hatte:

„Nafahamu vizuri sana kwamba baada ya kuondoka kwangu mbwa mwitu wakali watawavamieni, na hawatakuwa na huruma kwa kundi hilo!“

Dieses Bibelzitat aus Apostel 20,29 bedeutet auf Deutsch: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden!“

Das war zwar in dieser Situation völlig schwachsinnig, aber zu meiner Überraschung schüchterte die Herren Wilderer dieser Spruch derart ein, dass sie respektvoll ein paar Schritte vom Zaun zurückwichen. Zwei Sekunden später wusste ich auch warum. Das Nashorn, das mich nachmittags so kritisch gemustert hatte, fand mein Eindringen in sein Revier alles andere als lustig und war im Anmarsch. Ich legte einen Sprint ein und konnte mich gerade noch rechtzeitig in das Wasserloch retten.

Allerdings war die Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn hinter mir im dunklen Wasser hörte ich ein gurgelndes Geräusch. Mir fielen die Nilpferde ein, die nachmittags im Wasser geplanscht hatten. Vom Ufer aus starrte mich das Nashorn grinsend an, als ob es wüsste, in welcher Lage ich mich befand. Also watete ich leise zu einer schmalen Böschung, unerreichbar für Nashörner und Nilpferde. Ich seufzte laut und entspannte mich.

Plötzlich traf mich etwas weiches, übelriechendes am Kopf. Ich drehte mich um und sah einen Elefantenbullen, der mich genüsslich mit seinem Rüssel mit den Kotbollen der Antilopen bewarf, die hier in Bergen herumlagen. Ich wollte weder zurück ins Wasser, noch auf dem Landweg dem Nashorn vors Horn laufen, also musste ich wohl oder übel ausharren. Dem Elefanten ging die Munition nicht aus, und er fand sichtlich Spaß an seiner Beschäftigung. Im schwachen Mondlicht erkannte ich eine zielscheibenförmige Narbe in seinem Ohr, die mir irgendwie bekannt vorkam. Man trifft sich halt immer zweimal im Leben.

Als mich der Park-Ranger bei seiner morgendlichen Patrouille fand, stand ich bis zur Hüfte in der Scheiße. Meine Erzählung glaubte er mir nicht, aber er fand sie so originell, dass er mein Eindringen in das Wildtier-Reservat nicht als Wilderei auslegte. Gut so, denn darauf steht im Königreich eSwatini die Todesstrafe und das hätte ich dann doch bedauert.

Khom Loy zu Silvester

Jetzt haben wir die Bescherung! Winterferien und wir sitzen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Zuhause. Herzlichen Dank, du fieser Wurm von einem Virus! Zum Ausgleich will ich heute über eine Thailandreise aus 2016 berichten. Möge die Kraft der Erinnerungen uns durch diese dunklen Zeiten tragen.

Wir hatten uns im Osten Thailands einquartiert und ernährten uns seit fünf Tagen von Pad Kra Pao – Reis mit undefinierbaren Stückchen. Es gab hier fast keine Touristen und daher auch kaum Restaurants. Aber dafür jede Menge Mopedküchen entlang der Straße. Da die Verständigung mit den Köchinnen nahezu unmöglich war, blieb uns nichts anderes übrig, als zu vertrauen. Das Essen war immer lecker. Ich hätte nur gerne gewusst, aus was diese kleinen Stückchen im Reis bestanden. Oder vielleicht auch nicht.

Leckerer gebratener Reis mit irgendwas

Silvester wird in Thailand offensichtlich am Strand gefeiert, jedenfalls war jede Menge Volk mit asiatischem Picknick unterwegs. Zum Jahreswechsel lässt man hier Khom Loy steigen, das sind Fluglaternen aus Reispapier und Bambus. Man entzündet das überdimensionale Teelicht und wenn man den richtigen Moment abpasst, trägt der Wind das leichte Teil davon. Wenn der Khom Loy aufs Meer hinaus segelt, bringt das neue Jahr Glück, Reichtum und Weisheit. Treibt die brennende Laterne aufs Land, bedeutet das meist Unglück, weil das Nachbarhaus in Flammen aufgeht.

Start eines Khom Loy
Der Start ist gar nicht so einfach wie man denken könnte

Ich hatte Probleme beim Anzünden und unser Reichtum drohte direkt am Strand zu zerschellen. Aber dann halfen uns ein paar einheimische Jugendliche und unsere Laterne erhob sich in den Wind. Und schwebte direkt auf das benachbarte Bambushaus zu. Interessant, welche Gedanken einem in so einem Moment durch den Kopf gehen. Ich überlegte, was Haftplichtversicherung auf Thailändisch heißt und ob unsere Police wohl auch Brandstiftung durch Fluglaternen abdeckte. Aber dann drehte der Wind und einem glücklichen Jahr stand nichts mehr im Weg.

Khom Loy im Flug
Mögen die Götter günstige Winde senden

Übrigens: ich will ja nicht die romantische Stimmung verderben, aber beim Verbrennen eines solchen Teelichtes entstehen etwa 100 Gramm CO2. Wenn jeder Tourist in Thailand einen Khom Loy steigen lässt, ergibt das bei 40 Millionen Touristen ungefähr 4.000 Tonnen CO2 jedes Jahr. Die gleiche Menge entstünde, wenn ich mit dem Auto Tausend mal die Erde umrunden würde. Aber das wäre ziemlich sinnlos. Dazu braucht man nämlich viel länger als ein Jahr und bevor man fertig ist, kommen schon die nächsten Touristen.

Temple of Psycho Chicken

Nach einigen beschaulichen Tagen stürzten wir uns todesmutig mit unserem Mietwagen in den thailändischen Linksverkehr. In Ayutthaya genossen wir eine wunderschöne Bootstour auf dem Fluss, der die Altstadt umschloss und besuchten den Tempel der verrückten Hühner und eine alte Tempelanlage der Khmer.

Tempel der Khmer im Licht der untergehenden Sonne

Am nächsten Tag liehen wir uns Fahrräder und erkundeten die Ruinen der historischen Tempelanlagen der ehemaligen Königsstadt. Wir probierten leckere gegrillte Insekten und frittierte Kochbananen.

Diese Ruinen in Ayutthaya dienten den Architekten aus Pisa als Vorbild.
Mahnmal für alle, die zu lange meditieren. Die Bäume wachsen hier schneller als man denkt!
Worms to Go. Mahlzeit!

In Kanchanaburi ließen wir uns auf der Brücke am River Kwai beinahe vom legendären Todeszug überfahren und besuchten den Erawan Nationalpark mit seinen sieben terrassenartigen Wasserfällen mit wundersam milchig blaugrünem Wasser.

Der historische Todeszug auf der Brücke am River Kwai
Im Erawan Nationalpark schimmert das Wasser in magischen Türkisfarben

Mit einem Minibus fuhren wir dann an der Küste entlang nach Süden. Huahin war lange Zeit der Lieblingsbadeort des beliebten thailändischen Königs, der auf einen handlichen Namen hörte: Somdet Phra Paraminthra Maha Phumiphon Adunyadet Mahittalathibet Ramathibodi Chakkrinaruebodin Sayaminthrathirat Borommanat Bopht. Da sich das nun wirklich nur die allerwenigsten merken konnten, wurde er meist König Bhumibol Adunyadet genannt. Und die ganz Faulen nannten ihn einfach Rama IX. Er regierte das Land nun seit siebzig Jahren und war damit der am längsten regierende Monarch der Welt. König Bhumibol wurde von seinem Volk wie ein Gott verehrt. Und das, obwohl seine ersten Jahre eigentlich gar nicht der thailändischen Tradition entsprechend verliefen.

Es fing schon damit an, dass er in Cambridge, Massachusetts geboren wurde, wo sein Vater, der Fürst von Songkla, Medizin studierte. In seiner Geburtsurkunde stand zunächst nur „Baby Songkla“, weil nach thailändischer Tradition ausschließlich der König einen glücksbringenden Namen vergeben durfte. Den Thron bestieg Bhumibol mit 26 Jahren als Nachfolger seines älteren Bruders, den das Schicksal vieler Könige der damaligen Zeit ereilte: er wurde erschossen in seinem Zimmer aufgefunden. Da Bhumibol aber zuerst sein Studium der Naturwissenschaft in der Schweiz beenden wollte, verschob er das Regieren, bis er damit fertig war. In Lausanne lernte der König ganz unasiatisch den Jazz lieben und lernte Saxophon zu spielen.

Das königliche Wartehäuschen am Bahnhof von Huahin

In Huahin gab es ein eigenes königliches Wartehäuschen am Bahnhof. Man kann allerdings vermuten, dass hier eher der Zug auf den König wartete als umgekehrt. Da das Reisen mit dem Zug in der königlichen Familie etwas aus der Mode gekommen war, wurde dieses museumsreife Häuschen nicht mehr benutzt. Wir warteten ganz gewöhnlich auf dem Bahnsteig und nahmen den Zug nach Thong Chai, wo wir einen kleinen Holzbungalow am fast menschenleeren Strand gemietet hatten. Ganz in der Nähe genoß ein goldener Buddha den erhabenen Blick auf den Golf von Thailand.

Buddha mit Meerblick

Am Ende unserer Reise verbrachten wir ein paar tiefenentspannte Tage auf Ko Phangan. Spaziergänge am Strand, Wanderungen über eine nur bei Ebbe auftauchende Sandbank zu einer kleinen Insel, eine Kajakfahrt über unsichtbare Korallenriffs und zahlreiche Besuche in den Strandbars. Der Ort erinnerte ein bißchen an das Paradies, nur die Warnschilder und Essigdepots für die tödlichen Würfelquallen erinnerten daran, dass Himmel und Hölle manchmal nah zusammen liegen.

Am letzten Abend gönnten wir uns eine entspannende Thaimassage am Strand. Wir bekamen die Füße gewaschen und legten uns auf die Liegen. Ich schloß die Augen und wartete auf die zarten Hände einer zierlichen Thailänderin. Die erste Berührung machte mir klar, dass ich wohl einen männlichen Masseur abbekommen hatte, und dazu einen ziemlich kräftigen. Die nächste Stunde gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Dieser brutale Typ drückte Stellen an meinem Körper, die in grellen Schmerzen explodierten. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, wie ich aus dieser Sache heil heraus kommen sollte, aber die Geräusche von den Nachbarliegen zeigten mir, dass ich nicht der Einzige war. Als ich am Ende die Augen öffnete, stellte ich erstaunt fest, dass es doch eine Frau war, der ich das ganze Leid verdankte. Immerhin, die Schmerzen vergingen nach einigen Tagen und wir konnten wieder aufrecht gehen.

Abschied von Ko Phangan

König Bhumibol starb wenige Monate nach unserem Besuch (Ich schwöre: wir hatten nichts damit zu tun) und inzwischen wurde sein Sohn zu seinem Nachfolger gekrönt. Da es in Thailand strengstens verboten ist, schlecht über den König zu reden, fasse ich im folgenden alles Gute über den neuen Monarchen zusammen, das mir einfällt:

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (2)

Für die einen ist es nur ein Routineeingriff, für die anderen der wohl peinlichste Moment ihres Lebens.

Nach einigen Tagen mit reizarmer Schonkost ging es Ralf wieder einwandfrei. Ein Gedanke ließ ihn allerdings nicht mehr los. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht ganz so betrunken gewesen wäre und diesem hüpfenden Gummiball auf der Tanzfläche näher gekommen wäre? Ob er wohl in seinem Zustand in der Lage gewesen wäre, alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen korrekt durchzuführen?

Als er sich an die vielen Geschichten über ungewollte Schwangerschaften erinnerte, formte sich ein trüber Gedanke, der in ihm schon länger vor sich hin gärte, zu einer glasklaren Erkenntnis: Nur eine Sterilisation garantierte dauerhafte Sicherheit. Kondome waren angesichts der denkbaren Konsequenzen einfach nicht sicher genug.

In der urologischen Gemeinschaftspraxis erklärte ein erfahrener Arzt routiniert den Ablauf: die Samenleiter werden mit einem klitzekleinen Schnitt durchtrennt, die Enden werden verödet und das Ganze verläuft ambulant. Der Eingriff dauert zwanzig Minuten und kostet fünfhundert Euro, da die Krankenkasse eine „freiwillige Vasektomie als familienplanerische Maßnahme“ (was für ein Ausdruck!) nicht bezahlt. Eine Ultraschalluntersuchung ergab grünes Licht, dank Urlaubszeit war schon in zwei Wochen ein OP-Termin frei und so wurden sie sich schnell einig.

Ralf unterschrieb ein Papierchen wegen den Risiken: tödliche Allergien gegen das Betäubungsmittel, Impotenz, Lähmungen, Wachkoma, eben die üblichen Kleinigkeiten. Aber was soll mit so einem erfahrenen Arzt bei einem Routineeingriff schon passieren? Da Ralf eine panische Angst vor Spritzen und Infusionen hatte, verzichtete er auf die optionale Vollnarkose und machte ein Kreuzchen bei örtlicher Betäubung. Zwanzig Minuten können ja wohl nicht so schlimm werden, dachte er sich. Hätte er da nur noch mal gründlicher nachgedacht…

Zwei Wochen später fand sich Ralf mit nüchternem Magen und frisch rasiert (oben und unten) auf Station 4.21 ein und nahm im Wartebereich Platz. Schon nach zehn Minuten wurde er reingerufen und ein Pfleger in pensionsfähigem Alter bat ihn auf eine Liege. Er könne sich schon mal unten rum frei machen – der Herr Doktor komme gleich. Ralf wertete es als gutes Zeichen, wenn das Personal eine gewisse Reife und Erfahrung aufweisen kann und begann sich zu entspannen.

Wenig später stürmte ein durchtrainierter, braungebrannter Arzt zur Tür herein. Er sah aus, als hätte er gerade ein Tennismatch unterbrechen müssen, weil er dringend in seine Villa an der Cote d’Azur reisen muss. Er schüttelte energisch Ralfs Hand, drückte ihn kraftvoll zurück auf die Liege und sagte: „So, Herr Paschulke, Penisverkleinerung, ist ja ungewöhnlich, dann wollen wir mal“. Mit diesen Worten nahm er eine Spritze von einem Tischchen und beugte sich über Ralfs bloßgelegten Intimbereich.

Als Ralfs Herz nach drei endlosen Sekunden wieder zu schlagen begann, warf das Adrenalin in seinem Blut Blasen. Er versuchte seinen Protest in Worte zu fassen, aber die aufbrandende Panik ließ nur unverständliches Gestammel heraus. Der Arzt lachte wiehernd über sein entsetztes Gesicht und meinte: „War nur ein Scherzchen, ein bisschen Spaß muss sein, Har, Har, Har!“

„Also, ich bin der Anästhesist“, erklärte er dann. „Ich setze Ihnen jetzt die Betäubung, und dann warten Sie draußen, bis Sie zur OP reingerufen werden. Fragen?“ Ralf atmete tief aus und schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt kurz pieksen und ein bisschen unangenehm“, sagte der Tennisarzt und rammte die Spritze in Ralfs empfindlichsten Körperteil. Sein Schrei blieb irgendwo auf halber Strecke stecken, denn eine Supernova explodierte in seinem Schmerzzentrum und raubte ihm den Atem.

„Schön locker bleiben, jetzt kommt noch die andere Seite!“ meinte der Scherzkeks. Diesmal konnte Ralf einen lauten, nicht jugendfreien Fluch brüllen, worauf der Arzt nur meinte „Ja, das tut jetzt weh. Aber das geht gleich vorbei“.

Mühsam wankte Ralf vor die Tür und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Nach einer Weile ließ der Schmerz tatsächlich nach. Stattdessen breitete sich dort unten ein pelziges Gefühl aus, oder eigentlich eher ein Nichtgefühl. Der pelzige Bereich wurde immer größer und bald spürte er am Bauch auch nichts mehr. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und als er aufstehen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Eine Pflegerin huschte vorbei, aber sie nahm seinen flehenden Blick nicht wahr und verschwand hinter zischenden Automatik-Türen.

Ralf spürte, wie die Lähmung allmählich nach seinem Zwerchfell griff und ihm wurde schlagartig klar, dass hier etwas schrecklich schief lief. Entweder hatte ihm der Scherzkeks eine Überdosis verabreicht oder er reagierte mit allergischem Schock auf das Betäubungsmittel. Ralf konnte nur noch mit großer Anstrengung gegen seine fortschreitende Atemlähmung ankämpfen. Er überlegte, ob er auf dem Boden robbend die Entfernung bis zur OP-Tür überwinden könnte um dort nach Hilfe zu klopfen. Als ihm klar wurde, dass er mitten im Krankenhaus direkt vor dem OP-Saal sterben würde, brach er in hysterisches Lachen aus.

In diesem Moment öffnete sich die OP-Tür, der Pfleger rief seinen Namen und schaute ihn erwartungsvoll an. Ralf konnte nicht aufstehen, weil die Lähmung jetzt auch seine Beine erreicht hatte und er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, stutzte der Pfleger. „Sie hyperventilieren ja völlig! Jetzt hören Sie doch mal auf, so lächerlich zu atmen!“

Ralf versuchte ihm mit Zeichensprache zu erklären, dass sein Zwerchfell jeden Moment den Dienst einstellen würde, aber der Grobian packte ihn nur unter den Armen, zog ihn in den OP und bugsierte ihn auf die vorbereitete Schlachtbank.

„Ich lege Ihnen jetzt erst mal eine Infusion, dann bekommen Sie ein Beruhigungsmittel und danach wird es Ihnen gleich besser gehen“, sagte er und flüsterte mit einer jungen Frau, die im Hintergrund etwas las, offenbar eine Praktikantin. Als Ralf sich mit aller verbliebenen Kraft gegen die schreckliche Nadel wehrte, die in seinen Arm sollte, beugte die Praktikantin sich über ihn und blickte ihm tief in die Augen. Sie sagte irgendetwas von einem Team und dass er jetzt tapfer sein müsse. Ralf hätte nur zu gerne in ihrem Team gespielt, allerdings nicht auf diesem Spielfeld, und ergab sich schließlich in sein Schicksal. Sicher würde gleich sein Arzt kommen, und dann wäre er hier ruck-zuck wieder raus, versuchte er sich zu beruhigen. Er schloss die Augen, während der Pfleger ihn „unten rum“ desinfizierte.

Plötzlich spürte Ralf, wie Jemand grob an seinen Hoden zog. Als er die Augen öffnete, stand die Praktikantin über sein bestes Stück gebeugt, ein Skalpell in ihrer Hand. Ihm entfuhr ein spitzer Schrei und er schrie: „Nein, bitte nicht! Gehen Sie weg!“

Die junge Frau richtete sich auf und schaute ihn irritiert über ihren Mundschutz hinweg an.

„Wann kommt denn endlich mein Arzt? Der von der Voruntersuchung!“ wollte Ralf jetzt wissen.

„Der hat Urlaub. Ich sagte doch, dass wir hier im Team arbeiten“, antwortete die Praktikantin.

„Immer die Ruhe!“, mischte sich der Pfleger mit tadelndem Unterton ein. „Die Frau Doktor macht das schon“.

Ralfs Panik wuchs zu einem Tsunami heran, stärker als das Beruhigungsmittel, was auch die Praktikantin-Ärztin merkte.

„Drehen Sie den Tropf doch mal zwei Stufen höher“, sagte sie zu dem Pfleger.

Ralf war sich darüber klar, dass er eine denkbar schlechte Verhandlungsposition hatte; das Skalpell in ihrer Hand verdeutlichte die Machtverhältnisse sehr eindrücklich. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Ich habe vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ich wollte nur noch mal hören, was Sie genau vorhaben, weil ihr Kollege mich mit einem Scherz über eine Penisverkleinerung etwas nervös gemacht hat.“

„So ein Quatsch“, murmelte die Ärztin humorlos. „Vasektomie, beidseitig. Können wir jetzt?“

Ralf sah ein, dass dies eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit war und versuchte sich wieder zu entspannen. Er atmete tief in den Bauch und verdrängte jeden Gedanken an Blut oder Spritzen.

„Gell, jetzt spüren Sie die Infusionsnadel gar nicht mehr!“ riss der Pfleger Ralf aus seinen Gedanken. Er bedankte sich für die Erinnerung und wünschte dem psychologischen Kleingärtner Pest und Cholera.

„So, jetzt sind Sie halb unfruchtbar, obwohl ihnen das wahrscheinlich nicht viel nützt. Die eine Seite ist jedenfalls schon fertig!“ nervte schon wieder Ralfs psychologisch unterernährter Freund.

Ralf schaute zu der Jesusfigur, die von der Wand gegenüber mit leidender Miene zu ihm herunter blickte und dachte „Wenn du jetzt diesem kranken Pfleger eine Sprechlähmung verpasst, trete ich morgen in die Kirche ein“. Aber offenbar war seine Seele nicht wichtig genug, denn der Krankenpfleger quasselte putzmunter weiter.

„Das war doch gar nicht so schlimm. Schauen Sie mal, nur so wenig Blut!“ fügte er hinzu und hielt ihm einen blutgetränkten Wattebausch vor die Augen. Als Ralf qualvoll aufstöhnte, meinte er: „Was denn? Da erleben wir hier ganz andere Sachen. Das müssten Sie mal sehen, wie das hier aussieht, wenn so eine Arterie platzt!“ Als „das Team“ sich über seinen zweiten Samenleiter hermachte, konzentrierte sich Ralf wieder auf seine Atmung.

„Das sieht aber diesmal etwas blutiger aus“, informierte sein neuer Lieblingsfeind ihn kurz darauf über den aktuellen Stand der Dinge. „Und wie geht es mit der Infusion? Spüren Sie noch was?“ Er nestelte solange an den Schläuchen herum, bis Ralf wieder etwas spürte.

Eine energische Ansage holte Ralf wenig später in die Realität zurück. „Holen Sie mir jetzt den Grüninger, aber schnell, wenn es geht!“ Das Team schien leicht angespannt zu sein.

„Gibt es Probleme?“ fragte Ralf rein aus Neugier. Denn richtige Sorgen machte er sich wegen dem feinen Zeug in dem Infusionsbeutel schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.

„Probleme? Nein, so würde ich das nicht nennen“, beruhigte ihn die junge Frau. „Ihr Samenleiter ist nur gut versteckt, da brauche ich eine dritte Hand. Aber keine Sorge, das haben wir gleich.“

Mit verstärktem Team ging die OP in die entscheidende Phase.

„Ich hab den Samenleiter, jetzt ziehen Sie mal hier den Penis nach oben, damit ich an dem Nervenstrang vorbeikomme“.

„Sehr gut, ganz ruhig halten, ich schneide jetzt. Tupfen Sie mal hier, ich sehe ja gar nichts“.

Ralf ignorierte den kalten Schweiß auf seiner Stirn und versuchte mit angehaltenem Atem, sich nicht zu bewegen. In diesem kritischen Moment ging wie in Zeitlupe die Tür des OP’s auf. Ein älterer Mann schlurfte herein, in der Hand einen Plastikbecher, gefüllt mit einer dunkelgelben Flüssigkeit. „Grüß Gott, ich soll die Urinprobe hier in der Anmeldung abgeben“.

„Die Anmeldung ist eine Tür weiter“, klärte ihn die Ärztin pikiert auf, Ralfs Samenleiter in der einen Hand, das Skalpell in der anderen. So stand sie über seinen Penis gebeugt, den der Assistent tapfer in seiner Hand hielt.

„Ja, also, da war ich gerade eben schon, aber da ist niemand“, entgegnete der Mann hartnäckig und näherte sich der bestens ausgeleuchteten Szene unter dem OP-Strahler. Ralf bot seine Seele dem Teufel an im Tausch gegen ein schwarzes Loch im Boden, in dem er verschwinden könnte, aber auch der Leibhaftige hatte wohl momentan keine Nachwuchssorgen.

Als der Alte um den Sichtschutz herum in sein Blickfeld trat, sagte Ralf: „Hallo Herr Mayer, wollen Sie auch in unserem Team mitspielen?“


Diesen Beitrag widme ich allen Menschen, die einen Routineeingriff vor sich haben. Macht euch keine Sorgen, diese Geschichte ist frei erfunden. Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.

„Routineeingriff“ ist in der Ärztesprache eine Zusammenfassung für den Sachverhalt „Ich habe das schon so oft gemacht, dass ich vor lauter Langeweile gar nicht mehr genau hinschaue und am liebsten die jungen Assistenten üben lasse“.

Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (1)

Über eine denkwürdige Nacht, die einen Stein ins Rollen brachte

„Wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich in dieser Nacht sterben würde, hätte ich gestern nicht mehr die Toilette geputzt, sondern die Zeit sinnvoller genutzt. Nochmal tief ins Nutellaglas geschaut und die alten Platten von Pink Floyd oder Genesis aufgelegt.“ Diese Gedanken schossen Ralf Paschulke durch den Kopf, als das schwarze Loch rasend schnell auf ihn zukam. Dann wurde alles Licht aus der Welt gesaugt und es wurde zapfenduster.

Dabei hatte der Abend so vielversprechend begonnen. Ralfs Kameraden aus dem Tischtennisverein hatten beschlossen, sein schon mehrere Wochen andauerndes Stimmungstief zu beenden. Sein Doppelpartner Alan hatte mit hochgezogenen Augenbrauen festgestellt: „So geht das nicht weiter. Du versauerst doch allein zuhause auf deinem Sofa. Morgen Abend gehen wir zusammen aus und machen einen drauf!“

Ralf war zuerst skeptisch, aber er hatte tatsächlich auch schon bemerkt, dass alleine rumzusitzen nicht gerade für überschäumende Partystimmung sorgt. Und so musste er nicht lange überredet werden; sein Widerstand war schnell gebrochen. Freitag Abends um Neun war Treffpunkt bei Ralf zum Vorglühen, dann ab ins Zeckes – so lautete der Plan. „Das wird ein geiler Abend, wirst schon sehen“. Ralf hatte keine Ahnung, wo oder was Zeckes ist, aber wer könnte bei so einem Versprechen schon widerstehen?

Am fraglichen Abend beschlagnahmte Alan erstmal Ralfs Küche, um einen Einheizer zu mixen, während die Anderen draußen auf der Terrasse bei einem kühlen Bier und einer Pizza den lauen Sommerabend gebührend würdigten. Der Einheizer schmeckte vorzüglich nach Ananas, Kokosnuss und irgendwelchem Alkohol. Die Stimmung wurde rasch ausgelassen und Ralf begann sich schon Sorgen wegen seinem Nachbarn zu machen.

Herr Mayer hatte schon öfters deutlich gemacht, dass Ordnung auf seiner Werteskala sehr weit oben steht. Erst neulich hatte der Rentner versucht, Ralf zur Teilnahme an einer Art Bürgerwehr zu motivieren. „Nur so bekommen wir dieses asoziale Gesocks in den Griff, die verstehen nur eine Sprache“, gab er Ralf zu verstehen, als er ihm seinen Fuchsschwanz zeigte. Der Fuchsschwanz war ein selbst genähter Lederknüppel, gefüllt mit Kieselsteinen, Split und Stahlkugeln. „Wo der trifft, wachsen nur noch blaue Flecken“, versicherte der streitbare Nachbar mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.

Die Ursache für den Groll seines ordnungsliebenden Nachbarn lag im nahegelegenen Club „Zirkuss“. Dort gab es am Wochenende alkoholische Getränke zu Dumpingpreisen, was entsprechende Kundschaft aus den umliegenden Orten anzog. Die meist minderjährigen Komatrinker hatten das Ziel, sich in kürzester Zeit – nämlich bevor die letzte Regionalbahn fährt – mit kleinem Geldeinsatz einen möglichst gründlichen Rausch anzusaufen. Was regelmäßig damit endete, dass die Rasselbande gegen Mitternacht schwer alkoholisiert den Weg zur Bahnstation suchte und wie ein Heuschreckenschwarm grölend durch die friedliche Reihenhaus-Siedlung zog, eine Spur von leeren Schnapsflaschen, Kondomen und Erbrochenem hinter sich zurücklassend.

Nach dem zweiten Einheizer nuschelte Mona, dass sie ihre Zunge nicht mehr spüren würde und Ralf hatte das Körpergefühl einer Qualle. Als er in der Küche mehrere Flaschen mit Hochprozentigem fand, wurde ihm einiges klar. Je höher der Alkoholpegel stieg, desto schlechter wurden die Witze, über die sie Tränen lachten. Domme als einziger Abstinenzler in der Runde vertraute Ralf mit verschwörerischer Stimme ein Geheimnis an: im Zeckes gäbe es gelegentlich wilde Sexorgien. Hemmungslos und ohne Tabus. Ralf war zwar etwas skeptisch, aber zur Sicherheit steckte er ein Kondom ein. Für alle Fälle, dachte er sich, mit 50 Jahren sollte man immer vorbereitet sein und jede Chance nutzen als wäre es die Letzte. Und falls nicht, konnte man immer noch den jüngeren Mannschaftskameraden aushelfen. Man hat ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht als Ältester.

Gegen Mitternacht machten sie sich auf den Weg. Eine angebrochene Wodkaflasche wurde unterwegs vollends geleert und flog in elegantem Bogen über eine Hecke. Nach einem kurzen Fußmarsch standen sie vor einem großen Gebäude. „ZirKuss“ las Ralf auf einer Leuchttafel. „Was zum Teufel machen wir hier, ich dachte wir gehen ins Zeckes“, fragte er Bernd. Der schaute ihn an, als wäre er bekloppt. „ZirKuss, ZK, Zeckes, kapiert?“ Aha, dachte sich Ralf, so schnell wechselt man also die Fronten. Das hier war Feindesland, die Suffbude der Teenager, Sodom und Gomorrha.

Ralfs Bedenken, dass er wegen der Altersstruktur hier wohl eher fehl am Platz sei, wurden von der knapp achtzehnjährigen Mona mit schwerer Zunge charmant entkräftet: „Laba doch kein’n Quark hiar, da sinn öffers so allde Säcke über Dreißig. Außadem bissu ja mit uns da.“ Die Logik dieser Argumente erschloss sich Ralf nicht auf Anhieb, aber er hatte auch keine Zeit zum Grübeln, denn die Schlange zum Eingang zog ihn unbarmherzig mit sich.

„6 Euro Eintritt“, verkündete ein Schild. Als Ralf mühsam seinen Geldbeutel rauskramte, sagte der Securityschrank hinter der Kasse: „Ab Dreißig ist der Eintritt frei.“ Und nach einer kurzen Pause: „Du kannst deinen Ausweis stecken lassen, ich glaub’s dir auch so“. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Drinnen fühlte sich Ralf wie ein Überlebender aus dem zweiten Weltkrieg, der im Schulunterricht einen Augenzeugenbericht abgibt. Noch nie war ihm sein Alter so bewusst geworden, wie in diesem Moment. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, denn seine Kameraden schleppten einen Meter Tequila heran. Ein Meter enthält fünfzehn Gläser auf einem Brett von einem Meter Länge. Da die Gläser ziemlich klein und harmlos aussahen, griff er beherzt zu. Viva Mexico!

Domme war währenddessen in einen hitzigen Disput mit seiner Freundin verwickelt, die wieder einmal nicht verstehen wollte, warum er nicht einfach auch mal „was Richtiges“ trinken könne. Einige Tage später trennten sich die Beiden, worauf Domme sich eine Freundin suchte, die genau wie er keinen Alkohol trinkt. Eine Beziehung, die ebenfalls nicht von überlanger Dauer war und ein abruptes Ende nach einem Handyanruf aus Barcelona finden würde, aber das ist eine andere Geschichte. Manchmal kann man es als Mann einfach nicht richtig machen.

Bernd war nicht abstinent und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Meter vor ihnen stand, diesmal Cola mit Rum. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Obwohl Ralf ein ausgesprochen schlechter Tänzer war, eroberte er die Tanzfläche im Sturm. Der Alkohol und die wummernden Bässe vermischten sich zu einem schwerelosen Zustand, in dem sich die Zeit zu einer unendlich großen Blase aufblähte. Irgendwann bevor Ralfs Gedächtnis seinen Dienst quittierte, drängte sich in der wogenden Menschenmenge ein weibliches Wesen mit einem wuscheligen Lockenschopf an ihn. Sie tanzte ihn wie ein hüpfender Gummiball an, schwenkte verführerisch ihre fülligen Hüften und drückte ihren kreisenden Po gegen ihn. Einige Sekunden lang tanzten die Beiden eng umschlungen, bevor die Menge sie für immer verschluckte.

Vom Rest des Abends blieben Ralf nur bruchstückhafte Erinnerungen. Unnahbare, maskenhaft geschminkte junge Frauen. Junge Männer mit Körpersprache aus dem Gorillakäfig. Alan, der mit wildfremden Menschen Schnäpse kippt, bis er schließlich selber vom Barhocker kippt. Verdächtige Typen, die in einer dunklen Ecke Geschäfte machen. Beunruhigende Geräusche aus der Toilettenkabine nebenan. Und da ist der Heimweg, auf dem das unbenutzte Kondom zu einem Ballon aufgeblasen unter lautem Hurra in den Nachthimmel zischt. Und Mona, die sich kurz vor Ralfs Haus lautstark in die Hecke übergibt.

Da man gute Freunde in diesem Zustand selbstverständlich niemals Auto fahren lässt, bauten sie ein Matratzenlager im Wohnzimmer. Ralf kletterte mit viel Mühe und vorbildlicher Körperbeherrschung die steile Klappleiter zur Bühne hinauf, um Schlafsäcke und eine Matratze zu holen. Bis heute gibt es keine Erklärung für dieses physikalische Phänomen, aber als er einen winzigen Augenblick lang unaufmerksam war, änderte die Erdanziehungskraft plötzlich für einen Moment ihre Richtung und obwohl er mit wedelnden Armen dagegen ankämpfte, zog ihn das schwarze Loch im Dachboden an wie ein Magnet die Karosserien auf dem Schrottplatz.

Das schwarze Loch an der Treppe

Während Ralf seinem sicheren Tod entgegen stürzte, zuckten ihm einige Gedanken wie Blitze an einem Gewitterabend durch den Kopf. Zunächst bedauerte er, dass er so unvorbereitet sterben muss. Hätte er das vorher gewusst, hätte er sich nochmal richtig mit Nutella satt gegessen und seine Lieblingsmusik gehört. Hätte dem alten Ehepaar gegenüber den Müll rausgetragen, um ein paar Karmapunkte zu sammeln. Hätte seinem Nachbarn Mayer mal so richtig die Meinung gegeigt.

Und dann verfing er sich in der Schnur eines Schlafsackes und rutschte im Zeitlupentempo auf der Matratze die Leiter hinunter. Wo ihn seine Kameraden mit spontanem Szenenapplaus begrüßten, ganz begeistert von seiner akrobatischen Einlage.

Matrazenlager
Am Morgen danach – Matrazenlager im Wohnzimmer

Am nächsten Tag bekämpften sie ihren Kater mit ein paar Konterbierchen. Als der dröhnende Kopfschmerz etwas nachließ, trug Ralf die Reste des Abends zum Mülleimer vor die Tür. Dort stellte ihn ein aufgeregter Herr Mayer zur Rede. „Haben Sie das mitbekommen, heute Nacht? Die waren ja wieder mal besonders schlimm. Rüchards nebenan haben in ihrem Garten eine leere Wodkaflasche gefunden und in meiner Hecke stinkt es bestialisch, als ob sich da jemand erbrochen hätte. Und stellen Sie sich vor: auf meinem Rhododendron hing heute morgen ein Präservativ. Wie das da hinauf kam, will ich gar nicht wissen!“ Herr Mayer schüttelte sich angeekelt.

„Wenn ich die erwische, mache ich Hackfleisch aus denen! Haben Sie denn gar nichts mitgekriegt, die waren doch nicht zu überhören, direkt vor Ihrer Haustür haben die rumkrakeelt, diese asozialen Schweine“, wunderte er sich.

„Echt jetzt?“, entgegnete Ralf mit unschuldiger Miene. „Davon hab ich nichts mitbekommen, ich hab einen ziemlich festen Schlaf.“

„Hatten Sie Besuch?“, fragte Herr Mayer mit einem Blick auf die Überreste der Party. Ralf schloss schnell den Deckel des Mülleimers und beendete die Unterhaltung, bevor das Gespräch noch eine ungute Wendung nahm. Und dann schwor er, sich nie wieder so gehen zu lassen. Niemals.

Aber ein geiler Abend war es trotzdem.

Ich widme diesen Beitrag Roger Penrose, der den Physik-Nobelpreis 2020 für den Beweis der Existenz von schwarzen Löchern erhielt. Und allen Freunden, die dazu beitragen, dass man den physikalischen Gesetzen zum Trotz eben doch aus schwarzen Stimmungslöchern wieder entkommen kann.

Hier gehts zum zweiten Teil

Die Sache mit Marzipan

Eine Reise in die unbeschwerten Tage meiner Jugend. Und ein Bericht aus dem kurzen, aber sinnlosen Leben eines Hamsters.

Photo by Ellie Burgin

Als wir fünfzehn Jahre alt waren, bekam die Schwester eines Freundes zwei männliche Hamster zum Geburtstag geschenkt. Der Verkäufer im Zoofachgeschäft meinte, dass Hamster ungern alleine sind und dass zwei Tiere mit dem gleichen Geschlecht eine ungewollte Vermehrung zuverlässig verhindern.

Einige Wochen später bekam eines der beiden Männchen acht Junge. Das war etwas überraschend für alle, die im Biologieunterricht aufgepasst hatten, aber bei so kleinen Tieren ist es wohl nicht so einfach, das Geschlecht zu bestimmen. Wir Jungs schlugen für die Neugeborenen zur Feier des Tages ein gemeinsames Abendessen mit der Python von Andi vor, was zu einem Shitstorm bei den Mädchen führte. Nur hieß es damals noch nicht Shitstorm; es gab einfach nur gewaltig Ärger.

Also wurden die hilflosen, blinden Babyhamster mit Hilfe einer Pipette solange aufgepäppelt, bis sie aus dem Gröbsten heraus waren und dann im Freundeskreis zur weiteren Aufzucht verteilt. Meine Mutter war nach der unglücklichen Episode mit den Raupen zwar ziemlich skeptisch, aber mein Vater meinte, es würde wohl nichts schaden, wenn der Junge endlich Verantwortung lernen würde. Außerdem, was kann mit einem niedlichen Hamster schon schief gehen? Also kaufte ich einen Käfig mit Laufrad und Holzhäuschen sowie einen Sack mit Kleintierstreu und taufte meinen Adoptivnager auf den Namen Marzipan.

Marzipan schien sich schnell wohl zu fühlen, denn er hamsterte sofort so viele Nüsse in seinen Backen, dass er nicht mehr durch die Tür seines Häuschens passte. Dann baute er sich aus der Streu ein Nest und legte sich zum Schlafen. Läuft, dachte ich. Ziemlich pflegeleicht, so ein Haustierchen.

Gegen ein Uhr nachts wurde ich von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Ich knipste das Licht auf meinem Nachttisch an und das Geräusch verstummte sofort. Als ich zum Käfig schaute, starrte mich Marzipan aus seinem Laufrad heraus mit großen Knopfaugen an. Dann zog er sich in sein Häuschen zurück. Ich machte das Licht wieder aus und drehte mich um. Nach drei Minuten begann der Krach von Neuem. Marzipan rannte auf seinem Laufrad, als ob er für einen Marathon trainieren würde. Wie ich später erfuhr, sind Hamster nachtaktiv und laufen in freier Natur durchschnittlich fünf Kilometer pro Nacht.

So ging das nicht weiter, also stellte ich den Käfig kurzerhand ins Badezimmer in die Dusche. Kurz hörte ich noch das Surren des Laufrades aus der Ferne, dann schlief ich zufrieden ein.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Schrei geweckt. In der Badezimmertür stand meine Mutter und schaute mich mit diesem todbringenden vorwurfsvollen Blick an, den Mütter so perfekt beherrschen. Ich hatte den Käfig wohl einen Tick zu nahe an den Duschvorhang gestellt. Marzipan hatte einen Zipfel zu fassen bekommen und aus dem geblümten Vorhang ein kuscheliges Nest gebaut. Hamster haben scharfe Zähne und erstaunlich viel Kraft.

Aus dem Freundeskreis bekam ich den Rat, den Lauftrieb meines Hamsters durch mehr Auslauf zu befriedigen. So ein Käfig ist halt für ein Steppentier schon etwas klein. Am nächsten Abend setzte ich Marzipan mitten im Zimmer auf den Teppich. Ich hatte einige Nüsse in den Zimmerecken verteilt, um ihn zum Laufen zu motivieren. Schnitzeljagd für Nagetiere. Das hätte ich mir aber sparen können, denn der Steppenflitzer schoss blitzschnell quer durch das Zimmer und verschwand in dem Spalt hinter dem Einbauschrank.

Ich fand das ziemlich clever von ihm und nahm die Herausforderung an. Schließlich war ich der Herr über die Nahrung und irgendwann würde ihn der Hunger schon wieder aus seinem Versteck treiben. Dachte ich zumindest. Zunächst drangen aber energische nagende Geräusche hinter dem Schrank hervor und die Glastür der Vitrine begann zu klirren. Es klang, wie wenn man mit einer groben Holzfeile ein Loch in eine Sperrholzplatte fräst.

Ich versuchte alles, um den Ausbrecher aus seinem Versteck zu locken. Ich legte lecker duftende Rosinen vor den Schrank und lauerte stundenlang davor. Ohne Erfolg. Ich zündelte mit einem Feuerzeug vor dem anderen Ende der Schrankwand, weil alle Tiere Angst vor Feuer haben. Ich schlug mit der Faust gegen den Schrank, um ihn in Panik zu versetzen. Alles was ich erreichte, war eine Ansage von meinem Vater. Jetzt sei aber mal gut mit dem Radau. Was ich denn da für einen Lärm veranstalten würde? Und warum es in meinem Zimmer nach Rauch rieche? Ich behielt mein kleines Problem für mich und legte mich auf mein Bett um meine Strategie zu überdenken.

Plötzlich sah ich Marzipan, der mich aus dem obersten Regal der Schrankwand herab beobachtete. Sein Pelz war etwas ramponiert und mit Spinnweben verklebt und er hatte Holzspäne im Gesicht. Als ich aufsprang, verschwand er durch das von ihm genagte Loch wieder hinter den Schrank. Ich fluchte und stellte unauffällig ein Buch vor das hässliche Loch.

Über eine Woche lang spielten wir Tom und Jerry, und meine Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Ich wollte mir die Sanktionen nicht ausmalen, die mich erwarteten, wenn meine Eltern herausfanden, dass ein Nagetier frei in der Wohnung herumstreifte und die Möbel in Sägespäne verwandelte. Dann nahm die Episode Marzipan eines Abends ein tragisches Ende.

Aus meinem Kassettenrekorder röhrte Tina Turner, während der Anarcho-Hamster hinter der Schrankwand werkelte. Dann passierten drei Dinge: von der Schrankwand her kam ein britzelndes Geräusch und ein kurzes schrilles Quieken. Gleichzeitig ging das Licht aus und Tina Turner verstummte schlagartig. Und dann kam mein Vater mit einer Taschenlampe zur Tür herein.

Ob ich schon wieder irgendwelchen Unsinn anstellen würde, wollte er wissen. Das konnte ich ausnahmsweise mit reinem Gewissen verneinen, denn ich saß unschuldig auf meinem Sitzsack. Mein Vater zog mit misstrauischer Miene ab und drehte die Sicherung für die komplette linke Wohnungshälfte wieder rein.

Am nächsten Tag tauschte ich das durchgenagte Stromkabel aus und verschaffte Marzipan eine würdevolle Beerdigung auf dem Bahndamm hinter dem Haus. Den Entschluss, mich von Haustieren fernzuhalten, halte ich bis heute durch.

Special zur US-Wahl: Der alte Indianer

Eine Wanderung in der Gluthitze der Canyonlands kann ganz schön anstrengend sein. Wer da nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, kann schnell dehydrieren. Und hinterher weiß man nicht mehr, ob man wirklich den Präsidenten mit der komischen Frisur gesehen hat, oder ob das bloß Visionen waren.

In Monticello, Utah gibt es genau drei Dinge: Nichts, gar nichts und überhaupt nichts. Doch, etwas gibt es: eine vierspurige Straße, auf der Nachts die Trucks so nah an unserem Motelzimmer vorbeidonnern, dass ich meinen Arm instinktiv unter die Decke ziehe, damit keiner versehentlich drüber fährt.

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein kräftiges Tortilla-Frühstück im Peace Tree Cafe, denn es steht Großes auf dem Programm. Dann fahren wir durch eine monumentale Felslandschaft zum Visitor Center des Canyonlands Nationalparks.

needles in canyonlands
Felsnadeln im Needles District der Canyonlands

Durch den Zusammenfluss des Green River mit dem Colorado wird dieser Nationalpark in drei Distrikte aufgeteilt. The Maze (das Labyrinth) erhielt seinen Namen, weil im Lauf der Jahre mehr Wanderer hineingingen, als wieder herausfanden. Also ein Tummelplatz für echte Survivalfreaks mit Aktivkohle-Wasserfilter. Der zweite Distrikt, Island in the Sky, liegt tatsächlich wie eine Insel im Himmel zwischen den beiden Flüssen eingeschlossen.

Panorama Island in the Sky
Weite Ausblicke vom Island in the Sky

Von dort oben hat man atemberaubende Blicke auf den Dritten im Bunde, den Needles-District. Und dort befindet sich der „Chesler Park and Joint Loop Trail“, einer der schönsten Wanderwege der Welt. Sechzehn Kilometer Rundweg durch Wild-West-Kulissen.

Hoodoos in Canyonlands
Hoodoos

Dann geht es los, vorbei an Hoodoos, den roten Felsen mit weißer Mütze, durch Felsformationen, die sich ein Mensch nicht ausdenken könnte. Wir durchqueren enge Schluchten und marschieren über sandige Ebenen mit Kakteen. Der Weg führt vorbei an „Devils Kitchen“ zum „Furnace of Hell“. Die Temperaturen passen zu den Namen der Orte; es ist erstaunlich, wie viel Hitze Felsen speichern können.

Felsspalte
Manchmal wird es ziemlich eng

Kurz vor dem Chesler Viewpoint verweigert meine Squaw den weiteren Aufstieg und ich lege die letzten Höhenmeter alleine zurück. Oben am menschenleeren Ausguck angekommen, bin ich ebenfalls am Ende meiner Kräfte, aber ich werde mit einer überwältigenden Aussicht belohnt. Grüne Gräser sprenkeln eine sandige gelbe Hochebene, die auf allen Seiten von roten spitzen Felsen, den Needles eingerahmt ist.

needles felsen
Der Chesler Park

Es ist totenstill, nur hinter mir raschelt etwas. Als ich mich umdrehe, sitzt da plötzlich ein steinalter Indianer. Er spricht mich mit einer eigenartig gutturalen Stimme an, aber ich verstehe nicht einmal die Andeutung eines Wortes. Wahrscheinlich spricht er Navajo, die komplexeste Sprache aus der Apachenfamilie.

Furnace of hell
Felsformation „Furnace of Hell“ – Der Hochofen der Hölle

Ich zucke mit den Achseln, um dem Alten zu zeigen, dass ich ihn nicht verstehe. Er kramt in seinem Umhang und reicht mir ein getrocknetes Pflanzenblatt. Mit den Händen zeigt er mir, ich solle das Blatt in den Mund stecken. Eigentlich widerstrebt es mir, unbekannte Sachen von Fremden in den Mund zu stecken, aber dass Indianer sich perfekt mit Kräutern auskennen, weiß ich aus zahlreichen Karl May Büchern. Also lege ich das Blatt auf meine Zunge und mein Gegenüber nickt zufrieden.

Nach einigen Sekunden wird mir ganz leicht, ich spüre meinen Körper kaum noch.

„Aber nicht schlucken, mein weißer Bruder“, sagt der Indianer. „Sonst fliegst du wie ein Rabe in den Himmel.“

„Ok“, antworte ich verwundert. Nun verstehe ich ihn doch, aber man spricht halt mehr Sprachen, als man denkt. „Wer bist du?“, will ich wissen.

„Man nennt mich Avaschi njo Hruitja, aber meine Freunde nennen mich Ava.“

„Und was bedeutet das?“ Jetzt werde ich neugierig.

„Namen sind wie der Wind – sie kommen und gehen“, antwortet er ausweichend.

„Was ist das für ein Kraut?“, frage ich. „Ich fühle mich auf einmal so ausgeruht und frisch.“

„Das ist ein Blatt vom Baum des zweiten Atems“, meint er und zwinkert mir geheimnisvoll zu. „Es gibt dir verlorene Kräfte zurück und öffnet Fenster in die Vergangenheit.“

Er gießt aus einer Wasserflasche heraus eine kleine Pfütze in eine Vertiefung im Fels und winkt mich näher heran. „Schau selbst, wie es hier früher einmal aussah.“

Ich starre skeptisch in die Pfütze, in der nur die Sonne zu sehen ist, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ich will schon aufgeben, als sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schiebt und ich im Wasser eine Bewegung wahrnehme.

Ich sehe das Tal des Chesler Parks. Die Felsen sind unverändert, aber das ganze Tal ist voll mit riesigen Büffelherden, die in der Nachmittagssonne grasen. Auf den Hängen springen Rehe und am Himmel kreisen Vögel. Es ist still und friedlich wie im Paradies.

Bis ein Schuss die Stille zerreißt. Und dann noch einer. Und noch einer. Drei Büffel brechen zusammen und die Herde gerät in Panik. Weitere Schüsse fallen und weitere Büffel stürzen zu Boden.

„Das ist Alfred Trumpf mit seinem Sohn Ronald“, erklärt mir der alte Indianer. „Aus seiner Familie stammt der Häuptling der Bleichgesichter ab.“

Ich beuge mich weiter vor, um verstehen zu können, was Alfred zu seinem Sohn sagt.

„Siehst du, Ronald, das war ganz einfach!“, prahlt er. „Einfach drauf halten und jeder Schuss ist ein Treffer.“

„Warum hast du so viele Büffel abgeschossen?“, will Ronald wissen.

„Weil ich es kann“, entgegnet Alfred. „Merk dir eins: Man muss sich alles nehmen, bevor es sich ein Anderer nimmt. Wir nehmen uns jetzt dieses Tal und irgendwann gehört uns ganz Amerika!“

„Aber die Büffel sind jetzt tot“, beharrt der kleine Ronald und zeigt auf die Tiere, die leblos am Boden liegen.

„Blödsinn“, weist ihn sein Vater zurecht. „Die alternative Wahrheit ist, dass diese Büffel nur schlafen. Denen gefällt das, die sind ganz scharf darauf, abgeknallt zu werden.“

„Und was ist mit den Indianern, die von diesen Büffeln leben?“, will Klein-Ronald wissen.

„Die schießen wir ab wie die Büffel und dann stecken wir den Rest in ein Reservat. Dorthin wo eh nichts wächst.“

„Und wenn sie sich wehren und zurück kommen und Rache wollen?“ Der junge Bursche ist noch nicht überzeugt.

„Vielleicht sollten wir eine Mauer bauen“, überlegt Alfred laut. „Eine große Mauer, von hier bis Mexiko – das wäre doch ein tolles Familienprojekt. Und die Mexikaner bezahlen alles, die sind eh alle faul und kriminell. Eines Tages machen wir das. Das ist eine großartige Idee, mein Sohn! Great! Awesome!“

Die Sonne kommt wieder hinter der Wolke hervor und das Bild in der Wasserpfütze verschwindet.

„Beängstigend realistisch, wie machst du das?“, will ich von meinem Indianerkumpel Ava wissen.

Er grinst nur und ich sehe, dass ihm die meisten Zähne schon ausgefallen sind. Dann reicht er mir noch ein getrocknetes Blatt und winkt mir zum Abschied.

„Benutze es mit Weisheit und schlucke es auf keinen Fall runter“, rät er mir und springt vom Felsen in die Tiefe. Als ich mich über die Felskante beuge, sehe ich unten nur einen Raben davon schweben. Ich stecke das Pflanzenblatt in meine Hosentasche und steige wieder hinab zu meiner Squaw. Wir rasten noch eine Weile und beobachten einen Raben, der mir vertraulich zuzwinkert.

Rabe
The Raven

Auf der Rückfahrt halten wir am Newspaper Rock, auf dem versteinerte indianische Zeichnungen zu sehen sind. Die Sprache kommt mir seltsam vertraut vor, aber immer wenn ich einen Begriff fast verstehe, entgleitet mir die Bedeutung. Offenbar lässt die Wirkung des Blattes bereits nach.

Newspaper Rock Canyonlands
Der Newspaper Rock

Im Motel recherchiere ich den Namen des alten Apachen. „Avaschi njo Hruitja“ bedeutet soviel wie: „Der Geist des verwirrten alten Kriegers im Körper eines Raben, der die sinnlos reisenden Bleichgesichter veräppelt“.

Im Rotlichtviertel von Pnomh Penh

Drücke niemals leichtfertig den roten Knopf!

Hier in den Nebenstraßen von Kambodschas Hauptstadt offenbaren sich die dunklen Seiten des Tourismus. Es ist erschreckend, dass auf der Toilette ausdrücklich auf das Verbot von Kinderhandel hingewiesen wird. Als ob das nicht selbstverständlich wäre. Ein Blick auf die Straße zeigt aber, dass die Realität noch viel schlimmer ist.

tafel auf der toilette
Ein Schild auf der Männertoilette

Abends bin ich alleine in einer Rotlichtbar. Ich drücke den roten Button auf dem Tisch und eine verdammt gut aussehende junge Dame im viel zu kurzen roten Minikleid beugt sich zu mir runter. „Willst du meine Knöpfe drücken?“, haucht sie mir mit verführerisch rauchiger Stimme ins Ohr.

the red button

Im Separee zieht sie ihr Kleid nach unten und zwei wunderschöne Tennisbälle springen aus ihrem Dekolletee. Als ihre Hüllen ganz fallen, kommt noch etwas ganz anderes zum Vorschein. Die Lady ist ein Mann beziehungsweise der Mann ist eine Frau. Als die „diverse Person“ mich rückwärts auf das Sofa schubst, schreie ich laut und erwache schweißgebadet aus meinem Traum.

In Kambodscha und Thailand gehören Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht fast schon natürlich zum Straßenbild. Es scheint hier einfach egal zu sein. In Deutschland dagegen verstrickt man sich in Formalitäten. Man findet immer mehr Stellenausschreibungen mit der Ergänzung m/w/d. Wie spricht man eigentlich die Menschen korrekt an, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen? Eigentlich müsste die diverse Person sächlich sein, denn weiblich oder männlich ist sie ja offensichtlich nicht. Andererseits ist ein Mensch sicher keine Sache, egal ob divers oder nicht. Sehr geehrte Frau Maier, Sehr geehrter Herr Müller, Sehr geehrte diverse Person Huber? Wohl eher nicht. Der Rat für deutsche Rechtschreibung scheint in diesem Punkt eher ratlos zu sein.

Warum muss man überhaupt eine dritte Kategorie für das Geschlecht einführen? Wäre es nicht einfacher, das Geschlecht im Alltag ganz wegzulassen? Wozu muss eine Fluggesellschaft wissen, ob auf Platz 34B ein Mann, eine Frau oder jemand anderes sitzt? Die servieren doch sowieso unabhängig vom Geschlecht jedem den gleichen schrecklichen Fraß!

Fragen über Fragen. Ich freue mich über jeden Hinweis von meinen Lesern (m/w/d) in den Kommentaren.

Andalusien – wo Mauren Mauern mauern

Impressionen aus dem Kurzurlaub in Spaniens Süden.

Als die Mauren im Jahre 711 Spanien eroberten, brachten sie Wissenschaft, Wohlstand und Kultur in das bis dahin ziemlich unterentwickelte Gebiet. Sie nannten den südlichen Teil des Landes Al-Andalus und beherrschten ihn über 700 Jahre lang. In Granada erbauten die maurischen Herrscher die Alhambra, in der damals die Abgesandten aus aller Herren Länder auf eine Audienz warteten. Heute warten Touristen aus der ganzen Welt darauf, die Gemächer besichtigen zu dürfen. In der Hauptsaison muss man mindestens drei Wochen im Voraus seine Tickets im Internet bestellen, damit man einen Zeitslot von einer Stunde bekommt.

Alhambra
Innenhof in der Alhambra

Die Gebäude der Alhambra sehen von außen eher schlicht aus, aber in den schattigen Innenhöfen gibt es blühende Gärten und künstliche Seen vom Feinsten. Man weiß bis heute nicht so genau, woher der Begriff Mauren kommt, aber unbestreitbar konnten Mauren Mauern mauern, dass bis heute die Besucher vor Ehrfurcht erstarren.

Alhambra
Von Mauren gemauerte Mauern mit Lichtspieleffekten
Löwnebrunnen Alhambra
Der legendäre Löwenbrunnen im Innenhof der Alhambra. Ich finde ja, die Löwen sehen komisch aus

Zwischen Granada und Sevilla liegt das unscheinbare Städtchen Ronda. Eigentlich nichts besonderes, aber mitten durch das Dorf geht eine mächtige Schlucht.

Schlucht Ronda
Die Schlucht von Ronda

Und damit die Bewohner nicht immer durch die Schlucht hinab und wieder hinauf steigen mussten, bauten sie eine ziemlich beeindruckende Brücke, die die beiden Seiten verband.

Brücke Ronda
Das ist die neue Brücke von Ronda

In Sevilla sehen die Bäume aus, wie Häuser…

Quadratischer Baum in Sevilla

…und die Gebäude sehen aus wie Bäume

Parasol Sevilla
El Parasol – ein Bauwerk in Baumform
Blick vom Parasol
Blick vom Dach des Parasol über Sevilla
Haus Sevilla
Altes Haus in Sevilla
Cathedrale von Sevilla
Die Kathedrale von Sevilla

Die Kathedrale von Sevilla ist von außen schon ziemlich beeindruckend. Wer genügend Puste hat, kann auf den Glockenturm steigen und die Aussicht genießen.

Kathedrale von Sevilla
Blick vom Dach der Kathedrale in den Innenhof

Im Jahr 1492 passierte Weltbewegendes: Isabella I. vertrieb nach 700 Jahren die Mauren aus Andalusien und Christoph Kolumbus entdeckte währenddessen einen neuen Kontinent. In der Kathedrale von Sevilla liegt das Grab, in dem sich Kolumbus umdrehen würde, wenn er die Twitternachrichten aus dem Land lesen müsste, das er entdeckt hat.

Grab von Christoph Columbus
Das Grab von Christoph Kolumbus in der Kathedrale von Sevilla
Sonnenuntergang in Cadiz am Meer
Cadiz liegt am Atlantik und bietet erstklassische Sonnenuntergänge
Hotel mit Meerblick
In der Beschreibung stand, unser Hotel in Torremolinos habe Meerblick. Nun gut, falsch war das nicht…
Pinguine am Strand
Das Wasser war im Juni so kalt, dass Pinguine auf einer Eisscholle angespült wurden
Die spanischen Rettungsschwimmer bereiten sich auf die Saison vor

Schwarzwald – ohne Rückfahrtticket

Im Sommer gibt sich der Schwarzwald als harmloses Mittelgebirge mit sonnengefluteten Berghängen, blühenden Blumenwiesen und gemütlichen Wanderwegen. In den Wintermonaten zeigt er sein anderes Gesicht. Meterhohe Schneeverwehungen, die jedes Durchkommen unmöglich machen, von der Außenwelt abgeschnittene Täler und monatelange Einsamkeit. Und immer wieder bringt ein überraschender Wintereinbruch arglose, unvorbereitete Wanderer in große Verlegenheit.

Ich verbringe den Oktober 2019 in einer Rehaeinrichtung in Bad Dürrheim. Unter der Woche erlebe ich irrwitzige Situationen in der Klinik, aber die Wochenenden sind so langweilig wie Schachspielen mit einem Betonpfosten. Bevor sich der Schimmel auf mir festsetzt, mache ich einen Ausflug zu den Triberger Wasserfällen.

Triberg besitzt offensichtlich das Patent auf „das Original“. Original Schwarzwälder Kuckucksuhren aus taiwanesischer Produktion werden an japanische Reisegesellschaften verkauft. Original Schwarzwälder Schinken werden von Frauen in Original Schwarzwälder Trachten zur Verköstigung angeboten. Und in einem Cafe bestelle ich eine Original Schwarzwälder Kirschtorte, um meine Energiereserven aufzuladen. Die Torte ist so fett, dass ich zur Rettung meines Magens ein Original Schwarzwälder Kirschwasser hinterher schicke und dann geht es auch schon los ins laut pochende Herz des Schwarzwalds. Ins Original, natürlich.

Unberührte Wälder im Herzen des Schwarzwalds

Die Wasserfälle selbst sind absolut unspektakulär, aber die Landschaft drum herum ist zauberhaft. Ich wandere einige Stunden lang in den wärmenden Strahlen der spätherbstlichen Sonne durch wunderschöne Wiesen, auf denen die Bauern schon die Loipen für die Wintersaison vorbereiten. Als die Sonne sich allmählich bereit macht für einen letzten goldenen Sonnenuntergang vor dem angekündigten Wintereinbruch, nehme ich eine Abkürzung durch den Wald, um noch vor der Dämmerung beim Auto zurück zu sein. Ich gerate immer tiefer in den Wald und genieße die unberührte Natur mit grün leuchtenden, moosüberwucherten Felsen. Hier war jahrelang kein anderer Mensch vor mir gewesen. Herrlich.

Pilze, Moos
Eigenartige Pilze im Moos

Wie alle Männer habe ich glücklicherweise ein angeborenes Orientierungsvermögen, das jedes Navi in den Schatten stellt. Man kann einen Mann nach einer Flasche Wodka aus dem Tiefschlaf wecken und er kennt zwar seinen eigenen Namen nicht mehr, aber er weiß mit schlafwandlerischer Sicherheit, wo Norden ist. Das funktioniert auch noch, wenn man den Mann mit verbundenen Augen in einem Fass die Niagarafälle hinabstürzen lässt.

Es ist deshalb keinesfalls so, dass ich mich verlaufen hätte, nein nein, es ist einfach nur so, dass mit jedem Meter, den ich gehe, der Abstand zu meinem Auto größer wird. Wahrscheinlich wieder ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder schlechtes Kartenmaterial auf meinem Handy.

Pilze
Noch mehr Pilze

Die goldene Sonne sinkt langsam aber sicher zum Horizont hinab. Als sich auch der Ladebalken meines Handys dem Horizont nähert, gehen mir die Grundfragen der Philosophie durch den Kopf, die schon seit Urzeiten die Menschheit bewegen:

  • Wo bin ich?
  • Wenn ja, warum?
  • Kann man ein Handy orten, wenn der Akku leer ist?
  • Habe ich eigentlich Jemandem gesagt, dass ich nach Triberg fahre?
  • Gibt es im Schwarzwald Wölfe?
  • Wann beginnt wohl die Schneeschmelze im Frühjahr?

Toskana und die Gardaverschwörung

Diese Reise durch die Toskana führt uns von Lucca über den wunderlichen Tarotgarten bis nach Grosseto. Auf dem Rückweg decken wir am Gardasee eine Verschwörung mit internationalen Ausmaßen auf.

Lucca, die unterschätzte Perle der Toskana

There’s no glory in prevention. Dieser Satz wurde in der Corona-Pandemie bekannt, könnte aber auch aus Lucca stammen. Hier hatten die Bürger im 15. Jahrhundert als Schutz vor übergriffigen Nachbarn eine gewaltige Stadtmauer erbaut. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Stadt nie wieder angegriffen und es entstanden zwei Lager. Die Einen feierten den Erfolg, weil der Wall alle potentiellen Angreifer abgeschreckt habe. Die Anderen hielten die ganze Maßnahme für eine einzige Verschwendung, weil ja kein Angriff mehr erfolgte, gegen den man eine Mauer gebraucht hätte. Diese Diskussion kennen wir von den Corona-Maßnahmen in Deutschland.

Stadtmauer Lucca
Die Stadtmauer von Lucca: 4 Kilometer lang und 12 Meter hoch

Um die Stadt zu betreten, muss man durch finstere Gänge laufen. Früher war das vielleicht abschreckend, heute ist es eine Touristenattraktion.

In der Stadt findet man keine sensationellen Attraktionen wie den missglückten Turm in Pisa oder die protzigen Kunstausstellungen von Florenz. Lucca glänzt eher durch seine kleinen Perlen. Zum Beispiel die gelben Häuser auf dem ovalen Piazza dell Amfiteatro, die auf 360 Grad ohne Lücke aneinander gebaut wurden.

Häuser auf dem Piazza dell Amfiteatro in Lucca
Piazza dell Amfiteatro

Oder der Dom San Michele, der weder durch Größe, noch durch besondere Schönheit besticht, sondern durch eine gewagte freistehende Fassade. In diesem Dom versuchte sich der junge Puccini auf der Orgel. Seine modernen Interpretationen kamen bei den Gottesdiensten aber nicht so gut an, deshalb verlegte er sich später aufs Opernschreiben.

Dom San michele von außen
Dom San Michele in Lucca

Sehenswert sind in Lucca auch so banale Dinge wie Straßenlaternen.

Straßenlaterne in Gestalt eines dreibeinigen Tierfußes
Sockel einer Straßenlaterne in Lucca
Marodes Gebäude einer italienischen Bank
Bankgebäude in Lucca

Der Zustand der italienischen Banken war schon immer bedenklich, aber hier in Lucca geben sie ein besonders trauriges Bild ab. Trotzdem wird über dem Eingang deutlich gemacht, wie man mit säumigen Schuldnern umgeht.

Relief mit Löwe über einer Tür
Relief über einer Eingangspforte in Lucca

Im Herzen der Toskana

Wir fuhren weiter ins Hinterland der Toskana und bezogen ein Landhaus mitten in den Olivenhainen. Die Sonnenuntergänge sind hier tatsächlich so zauberhaft, wie immer behauptet wird.

Sonnenuntergang in der Toskana
Sonnenuntergang in der Toskana

Die Mauern von Magliano sind fast dicker als das ganze Städtchen dahinter. Hier wird ein großes Geheimnis gehütet: die Kunst des Möbelbaus für unebene Böden.

Blick auf die Stadtmauern von Maglione
Das Städtchen Magliano versteckt sich hinter dicken Mauern
Die Kunst des Möbelbaus an Orten mit großem Gefälle

Abends zog dann der Himmel zu und in der Nacht bombte uns ein gewaltiges Sommer-Gewitter aus dem Bett. Es regnete in Strömen, aber am nächsten Morgen war schon wieder alles trocken – aufgesaugt von der durstigen Natur.

Windrad mit stürmischen Himmel im Hintergrund
Windrad im heraufziehenden Sturm

Giardino dei Tarocchi

Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte eine schwere Kindheit. Wie schwer, kann man erahnen, wenn man ihre Skulpturen im Tarotgarten sieht. Eine absolut sehenswerte Sammlung von Exzessen der menschlichen Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich mal wieder den Reiseführer nicht gelesen habe und daher nur spekulieren kann, was die Künstlerin mit ihren Werken aussagen wollte.

Turm abgeknickt
Einer dieser fanatischen italienischen Radrennfahrer richtet beträchtlichen Schaden an. Schade eigentlich, denn der Turm war echt schön.
Die Toskaner Stadtmusikanten proben für ihren Auftritt im Variete
Skulptur mit Mann und Frau, die beim Picknick ein Glas Wein trinken
Beim Picknick. Sie: „Schatz, hast du die Kinder gesehen?“
Picknick mit Blick von hinten. Eine Schlange hat schon einiges verschluckt
Er: „Die Kinder spielen hinter uns. Mach dir keine Sorgen, die laufen schon nicht weg!“
Vier verschieden farbige Frauenfiguren in einem Pool
Pool der Kulturen: Frauen unterschiedlicher Herkunft treffen sich zu neckischen Wasserspielen: Eine Weiße, eine Asiatin, eine Afrikanerin und eine grüne, ähm, Marsbewohnerin? Hä???
Teufelin verfolgt zwei rennende Figuren
Spider-Man und Milka-Woman flüchten vor der gehörnten Teufelin mit irritierendem anatomischem Detail im Schritt.
Ensemble der Kuriositäten

Die Magie des letzten August-Wochenendes

Das letzte Wochenende im August markiert in Italien jedes Jahr eine Zeitenwende. Davor sind die Strände gestopft voll mit ununterbrochen laut plappernden italienischen Großfamilien, die den Sozialabstand von Ölsardinen in der Dose praktizieren. Am letzten Sonntag im August ändert sich wie von Zauberhand das Bild. Die Italiener verlassen schlagartig die Urlaubsorte und nur ein paar einsilbige Deutsche bleiben zurück. Wir genossen einige sehr ruhige Tage in Marina di Grosseto, bevor wir uns auf die Heimreise machten.

Kirche und Rathaus in Grosseto
Dom und Rathaus in Grosetto
Skulptur mit Drachen, Schlange und Dinosaurier auf dem Danteplatz in Grosetto
Drachen auf dem Danteplatz in Grosseto. Wer findet den Fehler?
Wagenburg aus Kinderwagen am Strand
Der Strand war herrlich ruhig. Bis vier deutsche Familien eine Wagenburg errichteten
Die Sonne geht über der Insel Elba unter und beleuchtet die Wellen am Strand
Sonnenuntergang über der Insel Elba

Die Garda-Verschwörung

Am Gardasee machten wir einen Zwischenstopp, um uns wieder an die deutsche Sprache zu gewöhnen. Die Chance, hier einen Nachbarn zu treffen, ist jedenfalls deutlich größer als in Friedrichshafen an der Uferpromenade. Schwimmen ist allerdings nur in extra abgezäunten Minibereichen möglich, denn der See selbst ist von verschiedenen Wassersportlern belegt. Gerüchten zufolge ist neulich ein Eichhörnchen trockenen Fußes von Malcesine nach Limone quer über den See gewechselt, indem es von Brett zu Brett sprang.

Wimmelbild vom Gardasee

Unter der glühenden Mittagssonne kam ich einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur: die italienische Bevölkerung wird am Gardasee jeden Sommer von dunklen Mächten gegen deutsche Migranten ausgetauscht. Darunter sind viele Klimaflüchtlinge, die das kalte Wetter nicht mehr ertragen. Es handelt sich eindeutig um eine internationale Verschwörung, denn die Österreicher und Schweizer haben kilometerlange unterirdische Tunnel durch die Alpen gegraben, um den Austausch der Bevölkerung zu beschleunigen.

Ihr glaubt nicht an Verschwörungen? Wollt ihr einen Beweis? Also gut: Was ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien? Södi! Der Spitzname des bayrischen Kanzler-Nicht-Kandidaten Markus Söder! Wenn das ein Zufall ist, fress ich meine Badeschlappen mit Senf.

So, jetzt muss ich aber schleunigst raus aus der Sonne. In meinem Gehirn stockt schon das Eiweiß. Bis bald und bleibt wachsam!

Rollin‘ Rollin‘ Rollin‘

In Europa ist ein Ausflug mit der Vespa meistens nostalgisch motiviert. Aber je weniger die Menschen besitzen, desto mehr machen sie aus dem Wenigen. In Asien ist der Roller deshalb Transportmittel und Lebensraum – Schnappschüsse von den Straßen Kambodschas

Man kann den Motorroller ganz gesittet alleine oder mit der ganzen Familie benutzen. Wenn alle Mitfahrer einen Helm aufhaben, wird jedes Bremsmanöver von einem Doppelschlag begleitet. Tock, Tock.

drei personen auf roller
Drei Personen sind in der Basisversion kein Problem.
Als Familie kann man schon mal vier oder fünf Personen auf einem Roller unterbringen.

Helme werden ziemlich überschätzt. Man kann auch ohne Schutz ganz entspannt fahren.

Die Ladies machen einen Ausflug zum Markt
Rollerfahrer sind nie allein. Dieses Bild entstand übrigens lange vor Corona.
Essen auf Rädern
roller mit küche
Mit Seitenwagen wird aus dem Roller ein vollwertiges Restaurant
Luxusvariante als Taxi
Ohne Worte

Mit einem Anhänger kann der Roller für verschiedenste Lastentransporte erweitert werden. Man braucht nur etwas Fantasie.

roller mit anhänger
Der Helm wird in Griffweite mitgeführt, damit man ihn nach einem Unfall schnell aufziehen kann
roller mit kisten
Ladungssicherung ist oberstes Gebot, denn Sicherheit geht immer vor
roller schwer beladen
Der Bremsweg wird durch so eine Beladung nur unwesentlich länger…
roller mit viel waren
Die beiden Airbags (blau und gelb) sind vorsichtshalber schon mal aktiviert

Hier sieht man einmal, wozu ein Roller als Zugfahrzeug fähig ist: Ich zähle insgesamt sieben Personen und zwei weitere Fahrzeuge auf dem Anhänger.

roller zieht anhänger mit 7 personen
Shared Mobility ist hier längst im Alltag angekommen

Kambodscha ist im Straßenverkehr vielleicht nicht so weit entwickelt wie Thailand. Aber sie haben definitiv die größeren Gongs:

riesiger gong
Wo haben die bloss den passenden Schlegel versteckt?

Canyons und Mormonen

Der amerikanische Bundesstaat Utah besteht überwiegend aus Salzwüsten, Canyons, Felsmassiven und Steinen. Heute sind das beliebte Touristenattraktionen. Man darf sich aber fragen, warum sich die Mormonen ausgerechnet in dieser unwirtlichen Gegend niedergelassen haben.

In keiner anderen Gegend tummeln sich so viele Nationalparks wie im amerikanischen Bundesstaat Utah. Das Wahrzeichen des Staates ist der mächtige Delicate Arch, den man sich mit einer 45-minütigen Wanderung verdienen muss.

Delicate Arch
Delicate Arch im Arches Nationalpark

Im Canyonlands Nationalpark überwältigen die endlose Weite und die karge Unberührtheit der Natur. In Jahrmillionen haben Colorado und Green River tiefe Narben in das Gesicht der Erde gegraben.

Schluchten im Island in the sky
Blick auf die Schluchten der Canyonlands

Der Zion Nationalpark beeindruckt durch mächtige Felsmassive mit gigantischen Aussichten und herrlichen Wandermöglichkeiten.

Zion Canyon
Atemberaubende Aussichten im Zion Canyon

Im Gooseneck State Park frisst sich der San Juan River in Schlangenlinien durch die Gesteinsschichten.

Gooseneck state park
Blick auf den San Juan River

Das Natural Bridges Monument ist ein Ort der absoluten Ruhe, außer man hat Blähungen. Unter der Owachoma Bridge mit ihren gewaltigen 55 Metern Spannweite kann man spüren, wie unbedeutend der Mensch ist.

Owachoma Bridge
Owachoma Bridge

Der Bryce Canyon hat seinen Namen von Ebenezer Bryce, der hier als erster europäischer Einwanderer mit seiner Familie siedelte.

Bryce Canyon
Blick auf die Felsnadeln des Bryce Canyon

Ebenezer Bryce war ein schottischer Schiffsbauer, ein Beruf mit unsicherer Zukunft in Utah, einem der wasserärmsten Gebiete Amerikas. Für die Schönheit der Landschaft hatte er keinen Sinn. Er war eher praktisch orientiert und bezeichnete den Canyon als „einen höllischen Platz, um eine Kuh zu verlieren“.

Außerdem war Ebenezer, wie etwa 75% der Bevölkerung Utahs auch heute noch, ein Angehöriger der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“. Weil dieser Ausdruck dann doch etwas sperrig ist, hat sich im Alltag ein anderer Name für diese Sekte durchgesetzt: die Mormonen.

Bryce Canyon - Felsformation
Felsformation „die Liebenden“ im Bryce Canyon

Man könnte sich darüber wundern, warum sich die Mormonen ausgerechnet in einem Land niedergelassen haben, das im Wesentlichen aus Wüsten und unüberwindbaren Canyons besteht. Die Lösung ist aber naheliegend, wenn man sich etwas genauer mit ihren Gewohnheiten beschäftigt: Utah war ganz einfach die letzte Gegend der USA, die noch nicht von vernünftigen Menschen besiedelt war. Denn überall dort, wo schon normale Menschen lebten, wollte man diese Sonderlinge nicht als Nachbarn haben.

Bryce Canyon Hoodoos
Hoodoos im Bryce Canyon

Nun ist es aber wieder an der Zeit für einen kleinen Exkurs in die Religionsgeschichte: Joe Smith wuchs zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts an der Ostküste der USA auf. Schon als Fünfzehnjähriger versuchte er, als Wahrsager in der Erde verborgene Schätze aufzuspüren. Als er wegen damit verbundener Betrügereien vor Gericht stand, erkannte das junge Bürschchen schnell, dass die Wahrsagerei ein riskantes Geschäft ist, insbesondere wenn die Prognosen nicht eintrafen und er suchte nach einem neuen Betätigungsfeld.

Zu dieser Zeit schossen in der neuen Welt Religionsgemeinschaften aus dem Boden wie die Pilze. Meistens finanzierten sich die jeweiligen Kirchengründer ein überaus angenehmes Leben aus den Spenden der Mitglieder. Der geschäftstüchtige Joe erkannte, dass es viel schlauer ist, selber Gründer einer Religion zu werden, als in eine bestehende Kirche als zahlendes Mitglied einzutreten. In dieser Beziehung ähnelte er Bugsy Siegel, der viele Jahre später eine ganz ähnliche Strategie in Las Vegas verfolgte.

Joe war sich bewusst, dass für den Erfolg einer neuen Religion zwei Punkte ausschlaggebend waren: Eine interessante Geschichte, der die Leute zuhörten, und ein attraktives Ziel, für das die Menschen bereitwillig einen Teil ihres Geldes abgaben. Einige Monate später veröffentlichte er folgende Geschichte:

Vor langer, langer Zeit hatte ein Prophet namens Moroni direkt von Jesus persönlich das wahre Evangelium diktiert bekommen. Und nun, im Jahre 1829 des Herrn, sei ihm, Joe Smith, der Prophet im Traum erschienen. Er habe ihm aufgetragen, eine neue Religion auf dem Fundament dieses einzig wahren Evangeliums zu gründen. Zeugen gäbe es für diese heiligen Vorkommnisse nicht, aber das nun vorliegende Buch Mormon sei ja wohl Beweis genug.

Die Bibel nach Mormon
Das Buch Mormon liegt in jedem Motel in Utah im Nachttisch

Die dort beschriebene Lehre fußt auf zwei einfachen Grundregeln: Erstens darf sich jeder Mormone so viele Frauen nehmen, wie er will. Und zweitens wird jeder Gläubige nach seinem Tod selbst ein Gott und wird auf einem eigenen Planeten herrschen und dort weiter Sex haben bis in die Unendlichkeit. Und das ganze Paket kostet nur 10% des Einkommens, quasi als flat rate, die von Joe Smith als Verwalter der Kirchengemeinde eingezogen werden. Ein Schnäppchen, wenn man es genau betrachtet, zumindest für Männer.

Ob es die Polygamie oder die Aussicht auf ewigen Sex auf dem eigenen Planeten war, bleibt bis heute unklar. Jedenfalls fanden viele Männer, dass das ein guter Plan sei. Übrigens bis zum heutigen Tag: Der Immobilienmakler Joseph Knudsen aus Hildale hatte im Jahr 2016 dreizehn Ehefrauen, mit denen er vierundsiebzig Kinder zeugte. Natürlich inoffiziell, denn in den USA ist die Vielweiberei seit 1890 verboten. Da im Bundesstaat Utah aber alle obersten Richter selbst Mormonen sind, wird dieser Anachronismus bis heute geduldet.

Joe Smith wurde schon kurz nach Beginn seiner kirchlichen Laufbahn von einem wütenden Lynchmob getötet und die Mormonen mussten von der Ostküste immer weiter nach Westen fliehen, bis sie im unbesiedelten Utah eine Heimat fanden. Seine Nachfolger passten die Religion immer wieder an aktuelle Erfordernisse an. So ist es beispielsweise bis heute gängige Praxis, verstorbene Menschen posthum und aus der Ferne umzutaufen – ohne Wissen der Angehörigen.

Das ist praktisch, weil die Toten sich nicht wehren können und die Sekte so die Anzahl ihrer Mitglieder massiv erhöhen kann, was steuerliche Vorteile bringt. Zahlreiche in Konzentrationslagern ermordete Juden wurden von den Mormonen heimlich konvertiert – genau wie Adolf Hitler nach seinem Selbstmord. Dazu fällt selbst mir nichts Lustiges mehr ein.

Goblin Valley
Goblin Valley – das Tal der Kobolde