Die rote Schildkröte

Mexiko – ein Beitrag über eine rote Schildkröte, eine blaue Lagune und eine gelbe Stadt. Und über Mayas und korrupte Polizisten.

Die Lagune von Baccalar

In Vorbereitung auf unsere Mexikoreise hatte ich versucht, mit einer kostenlosen Sprach-App etwas Spanisch zu lernen. Das einzige, was ich mir merken konnte, war der Ausdruck „Yo no soy una tortuga roja“, auf Deutsch: „Ich bin keine rote Schildkröte“.

Das ist zwar korrekt, aber im Alltag nicht besonders hilfreich. Trotzdem gelang es mir, einen Boots-Ausflug auf der Laguna de Baccalar zu buchen. In dieser kleinen Lagune ist man mächtig stolz auf viele verschiedene Blautöne.

Die Lagune wird von einem kleinen Zufluss gespeist, der über ein Gefälle eine ordentliche Strömung entwickelt. „Los Rapidos“ ist ein beliebtes Ausflugsziel für die einheimischen Großfamilien. Sie packen ihre Pick-Ups mit Kindern, Essen und Getränken voll und verbringen hier den Nachmittag.

Mexikanisches Picknick
Badespaß in den Stromschnellen

Der Padre zählt immer wieder durch, denn so ein aufblasbares Schwimmtier wird ganz schnell von der Strömung erfasst. Und dann muss man den Nachwuchs ein paar Kilometer weiter in der Lagune suchen.

Spielende Kinder in Los Rapidos
Das Seil ist die letzte Chance für Nichtschwimmer…
Los Rapidos - kleine Stromschnellen in Mexiko
…bevor Los Rapidos die weitere Fahrt übernimmt.

Ich geh mal schnell tanken

Nach einigen wunderschönen Tagen machten wir uns mit unserem Mietwagen auf den Weg zurück an die Karibikküste. Da das Benzin nicht bis dort reichen würde, steuerten wir die einzige Tankstelle in der Gegend an. Der Tanklastwagen wäre diese Woche nicht gekommen und es gäbe erst Übermorgen wieder neues Benzin, klärte mich der Tankwart mit einem Achselzucken auf. Frühestens.

Nach einer längeren Diskussion über unsere Notlage bekamen wir einige Liter aus seiner Reserve. Offensichtlich kommen solche Engpässe in Mexiko öfters vor und die Menschen haben sich darauf eingestellt. Niemand regt sich auf und es gibt keine Hamsterkäufe. Im schlimmsten Fall verschiebt man halt seine Pläne um ein paar Tage. Vielleicht sollten wir uns in Deutschland ein bisschen was davon abschauen und nicht gleich beim ersten Zeitungsgerücht Sonnenblumenöl und Backhefe für Jahrhunderte bunkern.

Unterwegs besuchten wir Nohoch Mul, die höchste Pyramide von Yucatan. Die Mayas waren geschickte Baumeister, aber sie hatten noch keine Aufzüge erfunden. Die Touristen werden von den Stufen magnetisch angezogen. Manche merken erst beim Abstieg, wie steil die Treppen tatsächlich sind.

Maya Pyramide mit Treppen
Treppensteigen als Volkssport
Maya Pyramide von oben
Schwindelfreiheit am Besten vor dem Aufstieg überprüfen!

Izamal, die gelbe Stadt

Izamal, Mexico
Izamal mit der Pyramide Kinich Kakmó im Hintergrund

Die Experten sind sich bis heute nicht einig, warum in Izamal seit Jahrhunderten alles gelb gestrichen wurde. Gab es historische Gründe oder war es eine Aktion zu Ehren eines Papstbesuches? Oder einfach nur eine versehentliche Fehlbestellung des lokalen Baumarktleiters? Ich vermute, es war ein Trick der spanischen Eroberer: Die hatten nämlich die Steine der Pyramiden für den Bau ihrer Kirchen und offiziellen Gebäude „recycelt“. Damit die Mayas gegen diesen Frevel nicht meuterten, wurden die neuen Bauwerke mit der heiligen Farbe ihrer Götter angepinselt. Diese Theorie ist zwar genauso wackelig wie alle anderen, aber solange mich Niemand widerlegt, darf ich ja wohl noch spekulieren.

Gelbe Häuser in Izamal, Mexico
Farbenfroh
Platz in Izamal, Mexiko
Zentraler Platz von Izamal
Kreuze im Konvent San Antonio von Padua
Ostermontag. Die Gekreuzigten sind schon auferstanden und beim Frühschoppen

Playa Tortuga

In Akumal zahlten sich dann endlich meine Spanischübungen aus: Hier liegt die Playa Tortuga. Und man kann sogar die Riesenschildkröten beim Abweiden des Seegrases beobachten. Obwohl es im Internet immer wieder anders behauptet wird: Nein, man braucht keinen Guide! Man leiht sich einfach für ein paar Dollar am Ortseingang ein Schnorchelset und geht an den Strand.

Die Schildkröten findet man leicht: sie befinden sich dort, wo mehrere Schnorchler im Pulk auf dem Wasser treiben. Aber Achtung: Schildkröten sind keine Fische! Sie müssen alle paar Minuten zum Luftholen auftauchen. Das führt immer wieder zu Panik auf beiden Seiten, wenn ein auftauchender Panzer im Gedränge von unten gegen einen Schnorchler prallt.

Strand Playa Tortuga
Playa Tortuga
Tauchende Riesen-Schildkröte
Schildkröte auf Tauchgang
Wasser-Schildkröte taucht zum Luftholen auf.
Beim Luftholen

Leider ist die Dummheit der Touristen grenzenlos. Einige bedrängen die armen Tiere für ein „cooles“ Instagram-Foto so stark, dass die kurz vor dem Burnout stehen. Trotz unübersehbarer Verbotsschilder cremen sich manche Leute fett ein und gehen dann direkt ins Wasser. Denen würde ich am liebsten ihre Sonnencreme-Tube in die Nasenlöcher rammen und solange drücken, bis ihnen das Zeug aus allen Poren quillt. Dann würde ich sie im Sand panieren und… und … Aaaahrggh … und dann spüre ich eine dunkle Seite in mir, die mir Angst macht. Vielleicht bin ich doch ein kleines bisschen eine rote Schildkröte.

Soy una tortuga roja

Die Kultur der Mayas

Ohne die Mayas wäre Fernsehen oder Kino unattraktiv, denn es gäbe weder Chips noch Popcorn. Sie waren nämlich die ersten Menschen, die Kartoffeln, Mais und Bohnen aus wilden Pflanzen kultiviert hatten. Diese „tres hermanas“, die drei Schwestern der Ernährung sind heute noch die Basis der mexikanischen Küche. Die spanischen Eroberer konnten damit wenig anfangen, denn damals gab es noch keine Filme, zu denen man etwas knabbern konnte. Logisch.

Die Mayas beherrschten aber auch einige fortschrittliche Kultur-Techniken, die von den Europäern dankbar übernommen wurden: Astronomie, Mathematik und die Beseitigung von politischen Gegnern durch Menschenopfer.

Außerdem waren die Mayas talentierte Baumeister. In Chichén Itzá kann man das heute noch bestaunen: die Pyramide des Kukulcán hat vier Seiten mit insgesamt genau 365 Treppenstufen. An der Nordseite ereignet sich jedes Jahr zur Tag-und Nachtgleiche das Schauspiel der gefiederten Schlange. Die Neigungen der Pyramidenkanten und der Treppe sind nämlich genau so aufeinander abgestimmt, dass die Sonne an diesen beiden Tagen den Schatten einer riesigen Schlange erzeugt, die sich langsam die Treppe herunterwindet.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Pyramide des Kukulcán mit der Schlangentreppe

Noch erstaunlicher sind die akustischen Effekte. Klatscht man vor einer Treppe in die Hände, hört man ein lautes Echo, das dem Ruf des Quetzal ähnelt. Die Schritte einer Person am oberen Ende der Treppe klingen am unteren Treppenabsatz wie fallende Regentropfen. Klatscht Jemand in der Mitte des benachbarten Ballspielplatzes, hört man das Gebrüll eines Jaguars.

Das könnte natürlich Zufall sein. Aber nachdem sowohl der Regen als auch die heiligen Tiere Quetzal und Jaguar enorme Bedeutung bei den Mayas hatten, war hier wohl eher ein begnadeter Sounddesigner am Werk. Tausend Jahre, bevor die moderne Wissenschaft diese Technik entdeckte.

Pyramide des Kukulcan, Chichen Itza
Hobbyakustiker beim experimentieren

Es lohnt sich, mit dem eigenen Fahrzeug frühzeitig anzureisen, um in aller Ruhe die prachtvollen Bauten zu bestaunen. Denn die Reisebusse aus Cancun müssen warten, bis ihre Touristenfracht das Frühstücksbuffet geplündert hat.

Kriegertempel Chichen Itza
Der Tempel der Krieger
Säulen der Krieger in Chichen Itza
Die tausend Säulen des Kriegsgottes
Ballspielstadion in Chichen Itza
Der heilige Rasen der Mayas: Ballspielstadion

Die Erben der Mayas

Die Mayas hatten schon früh ziemlich ausgefuchste Kalender entwickelt, deren Bedienungsanleitung allerdings von den spanischen Eroberern als heidnischer Schnickschnack verbrannt wurde. Da ihr letzter Kalenderzyklus am 21.12.2012 endete, spekulierten selbsternannte Experten über einen Weltuntergang an diesem Datum. Ist ja auch logisch, dass die Welt untergeht, wenn ein Kalender endet.

In Hollywood setzte Roland Emmerich dieses Gerücht mit viel Gedöns in einen Katastrophenfilm um. Etliche Spinner verschenkten daraufhin ihren Besitz, um sich auf den Weltuntergang mit reiner Seele vorzubereiten. Am nächsten Morgen schauten die gereinigten Seelen dann ziemlich blöd in die aufgehende Sonne, denn wieder einmal war Armageddon ausgefallen. Hätten sie doch besser mal bei den heute noch lebenden 5 Millionen Mayas nachgefragt; die führten ihr Leben nämlich ganz entspannt weiter und bestellten Enchilladas und Cola beim Lieferdienst.

Coca Cola vor Mayaruinen
Kulturelle Highlights aus verschiedenen Epochen

Überhaupt haben sich die Erben der Mayas ganz gut an die neuen Gegebenheiten angepasst. Die meisten gehen einer ehrlichen Arbeit nach, verhökern garantiert echte Plastikamulette aus Taiwan an die Touristen. Einige wenige schmuggeln Menschen oder handeln mit Drogen. Mexiko ist daher in manchen Gegenden nicht ungefährlich. Die größte Gefahr droht dem Touristen aber von der Polizei.

Am letzten Abend vor dem Rückflug gerieten wir mit dem Mietwagen in eine Verkehrskontrolle. Ich überreichte dem freundlichen Polizisten meinen Führerschein mit reinem Gewissen, denn ich war sicher nicht schneller als 50 gefahren und auf der dreispurigen Straße war 60 erlaubt.

Das sah der ehrenwerte Ordnungshüter anders, denn er forderte mit einem bedauernden Lächeln ein Bussgeld von 200 US-Dollar, weil wir 80 gefahren wären. Ich lächelte zurück und widersprach ihm höflich. Er bestand auf seiner Position, bot mir aber als Kompromiss an, auch Euros zu akzeptieren. Ich fragte ihn respektvoll nach einem Foto oder Messprotokoll, weil es sich ja möglicherweise um ein Missverständnis handeln könne. Messungen würden sie keine machen, entgegnete er. Mexikanische Polizisten wären aber so gut geschult, dass sie mit dem bloßen Auge die Geschwindigkeit ermitteln könnten.

Wir schauten uns einige Sekunden in die Augen und ich wusste, dass er log. Und er wusste, dass ich es wusste. Also wechselte ich die Strategie im Verhandlungspoker. Wir hätten keine 200 Dollar bei uns. Letzter Urlaubstag, sorry. Ob er mir vielleicht einen Strafzettel ausstellen könne. Das Lächeln des Beamten wurde etwas breiter als er mir anbot, meinen Führerschein einzubehalten. In diesem Fall müsste ich ihn dann am nächsten Tag auf dem Revier in Cancun gegen eine Gebühr von 300 Dollar abholen. Bearbeitungszuschlag. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. Meine Entscheidung.

Ich wog rasch meine Optionen ab. Mein internationaler Führerschein lief sowieso bald ab und morgen früh saßen wir im Flieger nach Deutschland. Ich akzeptierte seinen Vorschlag. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn sein Lächeln war nun deutlich dünner geworden.

Letztendlich einigten wir uns darauf, ihm die fünf Dollar aus unserem Wurfgeld für Banditen und alle Münzen zu überlassen. Dann gab er meinen Führerschein zurück, wünschte uns eine gute Fahrt und ermahnte mich, immer schön langsam zu fahren. Ich bedankte mich höflich und wünschte ihm ein schönes Restleben. Beim Losfahren vernahm ich einige böse Worte über geizige Gringos, aber unser lautes Lachen übertönte seine Flüche.

Sonnenuntergang über dem Meer in Mexiko
Hasta la vista

Autor: sinnlosreisen

Skurille Reiseerlebnisse zum Lachen

11 Kommentare zu „Die rote Schildkröte“

  1. Schon Wahnsinn was die da so in die Landschaft gestellt haben, so ganz ohne Motoren und Sprit.

    Ich hatte auch mal spanisch im Selbststudium für eine Kuba-Reise 2006 gelernt und das ist auch ein Satz hängen geblieben. Manuel se a rotto el brazo.
    Hilft einem auch nur weiter wenn man Manuel heißt, macht aber kräftig Eindruck, wenn man das mal eben so auf den Vokabel-Tisch legt.

    Tolle Bilder, danke

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  2. So so, da wird man immerzu vor der Kriminalität in Mexiko gewarnt, und jetzt ist auch klar, von welcher Seite die zu erwarten ist… Tja, das Gesicht des Polizisten hätte ich zu gern gesehen. Zu Zeiten der Mayas hätte es das nicht gegeben, die wussten noch, wie man sowas regelt 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Ich hätte jedenfalls jede Menge Respekt vor derlei bewaffnetem Gesindel. Man liest ja von toten Studenten u.a., und dass die Strafverfolgung innerhalb der Strafverfolgungsbehörden eher lasch gehandhabt wird ist naheliegend. Ich weiß nicht, ob ich mit so einem Polizisten lang rumdiskutiert hätte…
    Man muß übrigens nicht bis nach Lateinamerika. Bekannte erzählen: schon lange her und die Regierung in jenem EU- Land war damals noch eine anders gesinnte, fuhr man über die Grenze in den Pyrenäen. Um kurz darauf aufgehalten zu werden: man sei über die durchgezogene Mittellinie gefahren. Der leichterregbare Fahrer – Franzose – deutete in unsinniger Logik auf die Straße: auf der kleinen Bergstraße gab es so etwas wie eine Mittellinie gar nicht. Der Polizist bestand in zwingender Logik auf seinem Recht, legte die Hand auf seine Waffe und sagte nur: „Guardia civil.“
    Wer sagte noch, die Logik kommt aus den Gewehrläufen? Oder so ähnlich halt.

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  4. So rundherum rot gepanzert siehst du richtig gut aus! Vielleicht solltest du dieses Outfit dauerhaft beibehalten. Das lässt sich auch leicht reinigen. Ja, die geniale Baukultur der Maya. Kaum zu übertreffen! Das Rätsel um den Hintergrund der Gelbfärbung wird wohl nie endgültig gelöst werden. Aber egal, Hauptsache, es sieht gut aus 😎. Beim Poker mit dem schmiergeldaffinen Polizisten hattest du ja echt eine Sternstunde. Chapeau!

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    1. Oh danke für das Kompliment, da werde ich ja ganz rot. 😇
      Ja, manchmal reitet mich der Teufel und ich lege mich mit Leuten an, die ich besser in Ruhe lassen sollte. Es gibt da auch noch eine Begegnung mit der vietnamesischen Taximafia, die auf einen Bericht wartet…

      Gefällt 1 Person

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