Ein Atom auf Weltreise

Silvester, mal wieder. Zeit der Rückblicke auf ein Jahr, in dem sich tiefe Risse in unserer Gesellschaft aufgetan haben. Es war kein gutes Jahr für Fernreisen, aber ich lade dich zu einer sinnlosen Weltreise mit einem Atom ein, die sich so ähnlich zugetragen haben könnte.

„Dir schwirrt doch schon wieder irgendein Scheiß im Hirn umher“, meinte die SinnlosReisende, als ich eines Abends bei einem Glas Wein über einem sinnlosen Beitrag brütete und vor mich hin grinste. Nun bin ich grundsätzlich offen für konstruktive Kritik, aber diese Behauptung wies ich entrüstet zurück. Ein kleiner Zweifel ließ mich aber nicht mehr in Ruhe. Konnte vielleicht doch etwas dran sein? Gab es in meinem Denkorgan Spuren von Fäkalien?

Das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Menschen besteht grob geschätzt aus 600 Quatrillionen Atomen. Beim einen mehr, bei anderen weniger. Als Zahl ausgeschrieben sind das: 600.000.000.000.000.000.000.000.000 Atome. Wenn man die alle auf einer Schnur aufreihen würde, könnte man damit zehntausend Mal die Entfernung von der Erde bis zur Sonne abwickeln. Nun sind die Bausteine des Gehirns nicht zum Trocknen an einer Wäscheleine im Weltall aufgehängt, sondern zu einem halbwegs funktionierenden Denkorgan angeordnet. Allein die schiere Anzahl läßt mich zweifeln, ob da überhaupt etwas Sinnvolles rauskommen kann. Aber bei manchen Zeitgenossen sieht man ja auch, dass es furchtbar schiefgehen kann. Die nennen sich dann Querdenker, im Gegensatz zu den Längsdenkern.

Aber woher kommen all diese kleinen Teilchen? Immerhin gab es zu Beginn meiner Existenz nur eine einzige Eizelle. Alles andere muss später dazu gekommen sein. Ich wandte die Kenntnisse aus dem Taiji-Kurs vom Sommer an und spürte mit gespannter Achtsamkeit ins Innere meines Gehirns. Da, rechts oben in meinem präfrontalen Kortex, da lag doch so ein niedliches Kohlenstoffatom. Ich nahm noch einen Schluck vom Rebensaft und ergründete seine Geschichte.

Das kleine Kohlenstoff-Atom war ein Junge und hörte auf den Namen Carby. Er war bei der Explosion einer Supernova als Abfallprodukt entstanden, quasi die Asche in der Sternenschmiede der Galaxien, die Schlacke im Hochofen des Universums, der Kehricht des Urknalls, der Ruß im Schornstein des Sonnensystems.

Orange Rauchwolken vor schwarzem Hintergrund
Das Universum kurz nach dem Urknall, dokumentiert von einem Zeitzeugen

Entsprechend wenig Wertschätzung erfuhr Carby von seinem Kollegen Hydro, der als „reiner“ Wasserstoff ein glänzendes Image im Periodensystem der Elemente hatte. Besonders arrogant waren die großkotzigen Typen aus der Gruppe der Edelmetalle. „Carby ist Garby, Nänänänänena!“, hänselten sie ihn, in Anspielung auf das englische Wort für Müll, Garbage.

Carby durchlebte eine eher unglückliche Kindheit und die zog sich ein paar Milliarden Jahre lang hin. In seinem Frust ging er häufiger Beziehungen mit anderen Atomen ein, die aber nie lange hielten. Ein flotter Dreier mit zwei Sauerstoffatomen, Roxy und Proxy, resultierte eine Zeit lang in einer halbwegs stabilen Bindung als CO2-Molekül. Mit der besitzergreifenden Toxy führte er einige Jahrtausende lang eine ziemlich toxische Beziehung als Kohlenmonoxid. Eine flüchtige Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wasserstoffatomen ergab ein kurzes Intermezzo als Methan, aber sie trennten sich bald wieder. Es passte einfach nicht.

So dümpelte Carby lange ziellos vor sich hin, mal in der Erdkruste gebunden als Kalkstein, mal gelöst in der Ursuppe, und beobachtete, wie langsam die Bakterien die Erde besiedelten.

Mono Lake Kalkstein
Kalksteinablagerungen am Mono Lake, Kalifornien
Meeresgetier und Pflanzenreste
In der Ursuppe wimmelte es von unappetitlichen Gestalten

Dann erfanden ein paar innovative Zeitgenossen die Fotosynthese, mit der sie aus Wasser, Kohlendioxid und Sonnenlicht selbständig Zucker erzeugen konnten.

3D-Modell eines Zuckermoleküls
Zuckermolekül im Technikmuseum Berlin

Das war ein echter Game Changer, da waren sich alle Atome einig. Denn Zuckermoleküle sind einerseits ein toller Energielieferant und andererseits der Baustoff für Pflanzen. Als die ersten Pflänzchen das Land erobert hatten, folgten ihnen bald die Tiere.

Felsenküste mit blühenden Blumen
Pflanzen besiedeln das Land
Dschungel mit Fluss
Urwald überwuchert bald die Erde
Toter Fisch an Land
Mancher Landgang missglückte furchtbar

Ab da war es vorbei mit dem Dolce Vita; nun war nachhaltige Kreislaufwirtschaft angesagt: Als Kohlendioxid wurde Carby von den Pflanzen aus der Luft gefiltert und in Blätter umgewandelt, die von Pflanzenfressern abgenagt wurden, die von Raubtieren gefressen wurden, die ihn als CO2 wieder ausatmeten.

Kohlenstoff war auf einmal der gefeierte Star der organischen Chemie, der Grundstoff für komplexe Verbindungen und damit für das Leben an sich. Der Kollege Hydro wurde über diesen Erfolg grün vor Neid; man spricht heute noch von grünem Wasserstoff.

Carby war in der folgenden Zeit häufig Gast in verschiedenen Lebensformen und reiste mit ihnen um die ganze Welt. Manchmal wurde er verdaut und in den Organismus eingebaut, viel öfter aber in großen Dunghaufen ausgeschieden. Eine schlimme Zeit verbrachte er in einer bestialisch stinkenden Durian, dann wieder trieb er mit einer Qualle durch die Meere. Leben auf der Überholspur.

Kackhaufen
Das Leben ist manchmal einfach nur Scheiße
Durian
Stinkende Durians
Qualle im Meer
Reisen mit Quallen

Eines Tages steckte Carby als Teil eines abgestorbenen Baumes in einem Sumpf fest. Immer tiefer wurde er unter die Erdoberfläche gezogen. Er hasste enge Beziehungen zwar von ganzem Herzen, aber irgendwann ging er eine ziemlich feste Verbindung mit einigen anderen Atomen ein und verwandelte sich in Kohle. Der Druck war einfach zu groß.

Baumstamm mit Farn
Überall Kohlenstoffverbindungen

Viele Millionen Jahre steckte Carby in diesem zapfendusteren Kohleflöz fest, bis er eines Tages von einer Baggerschaufel ans Tageslicht gerissen wurde. Mit großen Augen musste Carby feststellen, dass sich auf der Erde einiges geändert hatte. Der Dschungel war jetzt aus Stahl und Beton.

Weltkulturerbe Völkinger Hütte. Ein ehemaliges Stahlwerk als Industriedenkmal
Moderner Dschungel: Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Die Bakterien hatten inzwischen zwei Beine und ein Gehirn. Und intelligent waren die! Die konnten sogar ganz neue Atome erschaffen, wie damals bei der Supernova. Atombombe nannten sie das. Ihre Wissenschaftler erkannten sogar, dass zuviel CO2 die Erde unbewohnbar macht. Trotzdem verbrannten sie die ganze Kohle in Kraftwerken. So clever waren diese zweibeinigen Denkbakterien dann doch nicht. Eher so semi-schlau.

Das Leben war hektischer geworden, auch für ein Kohlenstoffatom. Eine Weile lang wurde Carby durch die Atmosphäre gewirbelt, dann schnappte ihn eine Zuckerrohrpflanze und baute ihn in ein Glukosemolekül ein. Der Zucker fand seinen Weg in ein Nutellaglas und landete zwangsläufig irgendwann in meinem Magen. Und von dort wurde er schließlich in mein Gehirn gespült.

Nutellabrot
Am Ende der Nahrungskette

Soweit so gut, aber was ist jetzt das Fazit dieser Geschichte? Nun, zwei Punkte können wir festhalten, mindestens:

Erstens: Ich kann tatsächlich nicht ausschliessen, dass in meinem Gehirn die Überreste von Scheiße herumschwirren. Das ist etwas unangenehm, aber man darf vor der Wahrheit nicht die Augen verschliessen.

Zweitens: Das war jetzt der Lebensweg eines einzigen Atoms aus meinem Körper. Überleg mal, wo die anderen Quatrillionen Atome überall gewesen sein könnten. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass ein paar davon auch schon mal in deinem Körper zu Besuch waren. Und dass in deinem Gehirn ein paar Atome sitzen, die vorher Teil des bekloppten Nachbarn waren, über den du dich immer so ärgerst. Oder Teil deiner Chefin oder deines Kollegen, oder des Busfahrers oder Teil eines Coronaleugners oder eines Befürworters der Impfpflicht. Oder von Mutter Theresa oder Putin oder von Diego Maradona. Oder von einem Tiger oder einer Kuh oder von einem Wurm oder einer Amöbe.

Wenn wir uns aber alle die immer gleichen Atome teilen, wäre es dann nicht Zeit, ein bisschen respektvoller miteinander umzugehen? Nur weil wir verschiedene Meinungen haben, müssen wir uns doch nicht gleich hassen. Egal wie blöd du Jemanden findest, diese Person könnte aus Teilchen bestehen, die irgendwann mal ein Teil von dir werden. Das ist ein beunruhigender Gedanke, nicht wahr?

So, das war’s für heute von meiner Seite. Mach was draus oder lass es bleiben! Wenn eines meiner Atome bei dir vorbei kommt, richte ihm bitte liebe Grüße von mir aus!

Ich wünsche euch allen, egal ob geimpft oder nicht, ein Gutes Neues Jahr 2022!

Autor: sinnlosreisen

Skurille Reiseerlebnisse zum Lachen

11 Kommentare zu „Ein Atom auf Weltreise“

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