Spanisch lernen in Spanien

Wenn du Spanisch lernen willst, gehst du nach Spanien. Klingt logisch. Das ist aber gar nicht so einfach, wie man meinen könnte.

Nachdem ich mich in Costa Rica schon ausgiebig über meine nicht existenten Spanischkenntnisse ärgern durfte, bereitete ich mich dieses Mal besser vor. Ich besorgte mir die Premiumausgaben von Langenscheidt und Pons aus der städtischen Bücherei mit CD und Onlinematerial. Dann arbeitete ich vor Motivation strotzend die ersten Lektionen durch. Vier Wochen reichen locker aus. Sagt Carmen aus dem Power-Sprachkurs, und die muss es wissen. Ich lernte, an der richtigen Stelle zu lispeln, Satzzeichen auf den Kopf zu stellen und das spanische H auf keinen Fall auszusprechen. Und dann auf nach Spanien, um das frisch Erlernte durch praktische Übungen in die weiche Hirnmasse einzupressen.

Ankunft in Barcelona

An der (H)otelrezeption in Barcelona (mit elegant gelispeltem c) knallte ich selbstbewusst meinen Spruch aus Lektion 2 auf den Tresen:

„¡Hola, buenas tardes! ¿Qué tal? Me llamo Marco y tengo una reserva.“ Peng!

Zufrieden über diese gelungene Eröffnung erwartete ich freudig gespannt die Antwort, die laut Lehrbuch etwa so ausfallen sollte:

„¡Bienvenido! Muy bien, gracias. ¿Y usted?“

Der Mann am Empfang nahm meinen Ausweis wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, tippte routiniert auf seiner Tastatur herum und händigte mir eine Keycard aus. Dann antwortete er in akzentfreiem Deutsch: „Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“ Er ergänzte die obligatorischen Hinweise zum WiFi-Password und zu den Frühstückszeiten und zeigte uns den Weg zum Aufzug. Dann wünschte er uns einen schönen Aufenthalt in Katalonien.

Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Barcelona nicht in Spanien, sondern in Katalonien liegt, zumindest nach Ansicht von großen Teilen der hiesigen Bevölkerung. Das Unabhängigkeitsreferendum von 2019 endete zwar erfolglos mit einem internationalen Haftbefehl für Carles Puigdemont (gesprochen: Putschdämon), aber die Katalanen sind hartnäckig. Überall hängen überdimensionale katalanische Fahnen. Wo es sich an offiziellen Gebäuden nicht vermeiden lässt, eine spanische Fahne aufzuhängen, hängt man eben zwei katalanische Flaggen daneben um die Rangordnung wieder herzustellen. Und man spricht katalanisch. Ein Tiefschlag für meine Spanischübungen.

Katalanische Fahne an einem Gebäude
Unübersehbar Katalonien
Mehrere katalanische Fahnen
Eine Fahne reicht nicht aus

Die vielleicht eigenartigste Tradition Kataloniens ist der Bau von Türmen aus menschlichen Körpern. Es gibt hier jedes Jahr Wettkämpfe, bei denen der höchste Menschenturm prämiert wird. Vermutlich ist die Benutzung von Leitern zu spanisch und damit inakzeptabel.

Skulptut Menschenturm
Wer braucht schon Leitern, um eine Straßenlaterne zu reparieren?

¿Hablas Español? Nein, eher nicht.

Unser nächstes Ziel war Valencia, darüber hatte ich ja schon in einem eigenen Beitrag berichtet. Die Hoffnung, hier mein mühsam erlerntes Spanisch üben zu können, verflog allerdings schnell. Die autonome Region Valencia distanziert sich ebenfalls von Spanien. Hier spricht man Valenciano, das wie Spanisch klingt, nur dass man es nicht versteht. Auch in Valencia streben etliche Menschen die Unabhängigkeit von Spanien an. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass die Region vor 800 Jahren unter der Krone von Aragon ein eigenes Königreich gebildet hatte. Und früher war eh alles besser. Mit derselben Logik könnte auch Hannover einen unabhängigen Staat ausrufen, weil es schon mal ein Königreich Hannover gab. Oder das Fürstentum Schaumburg-Lippe.

Von den Basken weiß man ja schon länger, dass sie nicht von Spanien regiert werden wollen, und mir stellte sich langsam die Frage, was die Regierung in Madrid eigentlich treibt, dass so viele Regionen nichts mehr von ihr wissen wollen. Klar, niemand wird gerne aus der Ferne regiert, aber ich halte es nicht für besonders schlau, sich in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Herausforderungen in winzige Ministaaten mit sehr begrenztem Einfluss aufzuteilen. Aber Spanier sind eben sehr stolz. Erst recht, wenn sie sich nicht als Spanier fühlen. Und besonders stolz sind sie auf ihren Jamón, den berühmten Schinken.

Spanische Serrano Schinken
Der kleine Horrorladen für Vegetarier

Spanien in der Nebensaison

Wir suchten die Ruhe eines Ferienortes im Oktober und buchten eine Wohnung in Campoamor. Das klingt wie eine Mischung aus Dschungelcamp und Liebesinsel, allerdings hatte das Publikum hier einen Altersdurchschnitt von geschätzten 90 Jahren. Wir residierten im 11. Stock eines Hochhauses, in dem wir fast die einzigen Bewohner waren. Ein himmlischer Ausblick und die perfekte Ruhe waren das Resultat.

Aufblasbare Puppe ohne Luft auf einer Bank sitzend
In der Nebensaison ist die Luft raus
Sprungturm auf dem Trockenen
Sprungturm – Die Spanier rechnen fest mit einem Anstieg des Meeresspiegels
Metallgestell in Fischform mit Plastikmüll
Plastikmüll landet im Bauch der Fische
Elefantenfüße von Campoamor
Die Elefantenfüße von Campoamor entstanden durch Erosion…
Mann liegt unter Felsen
…und manchmal erwischt es eben unvorsichtige Touristen. Pech.

Noch ruhiger als am Strand war es in den nahe gelegenen Bergen. Hier hatte ein Eremit sich in abgeschiedener Lage sein Penthouse hingestellt.

Beste Wohnlage für Einzelgänger: Eremitage von Mare de Deu de la Roca de Mont-roig
Durchlöcherte Felsen
Die Höhlen des Eremiten

Costa del Sol

An der Costa del Sol versuchten wir diese tolle Erfahrung zu wiederholen. Die Wahl des Balkons ist im Oktober für eine Ferienwohnung entscheidend. Gute Balkone sind windgeschützt und verglast, haben Meerblick und gehen nach Süden oder Westen. Auf unserem schattigen Ostbalkon schälte die Zugluft den Rauhputz von der Wand, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang über dem Meer zum Frühstück.

Hochhaus in Benalmadena
Wohnen auf der Schattenseite

Unser Studio war etwa fünf Quadratmeter groß, davon belegte das ausziehbare Schlafsofa die Hälfte. Wenn einer von uns das andere Bein übereinanderschlagen wollte, musste der andere solange in die Toilette ausweichen. Von der Nachbarwohnung trennte uns eine Pappwand, durch die wir die Trinkfestigkeit der Männergruppe nebenan im Detail verfolgen konnten.

Die Sonne ging am nächsten Morgen tatsächlich wieder auf, allerdings hinter dem Nachbarhochhaus. Um 11 Uhr kam sie endlich zum Vorschein, um eine halbe Stunde später hinter der Hausecke wieder zu verschwinden. Als nebenan eine Familie mit Kleinkind einzog, beschlossen wir, ab jetzt die Finger von Hochhäusern zu lassen.

Die Costa del Sol ist touristisch voll erschlossen und fest in englischer Hand. Spanischkenntnisse nützen hier wenig, denn die Menschen, die hier arbeiten, kommen überwiegend aus Osteuropa. Ich studierte stattdessen ausgiebig die Strandverkäufer, die angeblich Strandtücher oder Sonnenbrillen anboten. Ich durchschaute allerdings schnell, dass sie in Wirklichkeit genau zwei Produkte verkauften: „Tschiep Tschiep“ und „Gud Breis“. Letzteres wurde in zwei Ausführungen angeboten, nämlich als „Werri Gud Breis“ und in der Premiumausgabe für Stammkunden in der Variante „Werri Gud Breis Mai Frend“.

Strand
Idyllische Ruhe am Strand
Strand mit Handtuch
Wer stört?
Strandverkäufer
Ah, mein alter Bekannter Gud Breis.

Im Landesinneren

Als wir genug vom Massentourismus gesehen hatten, zogen wir ins Landesinnere nach Valle de Abdalajís, in eines der pueblos blancos. Hier sprach der Spanier endlich Spanisch. Es gab nur ein Problem: Spanier können vieles, aber nicht langsam sprechen. Wenn ich sie darum bat, langsamer zu sprechen, wiederholten sie ihre stakkatoartigen Sätze mit den rrrrrollenden Rrrrrrr-Lauten in der gleichen unglaublichen Geschwindigkeit, nur lauter. Es gelang mir nicht einmal festzustellen, wo ein Wort aufhört und wo das Nächste beginnt. Elarrrrrroyorrrrojaestaarrrrrribaperrrroestacerrrrrradoelvierrrrrrrrnes. ¡Hombre!

Valle de Abdalajis
Valle de Abdalajís aus der Ferne…
Valle de Abdalajis
…und von oben

El Torcal

Im spanischen Hinterland, weitab von den Touristenströmen, liegt ein stilles Naturwunder zum Staunen, eine Oase der Ruhe, ein Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer erwähnt wird: El Torcal. In Jahrmillionen haben sich versteinerte Muschelreste zu einem Kalksteingebirge aufgetürmt, das mit den erstaunlichsten Formen überrascht. Uns überraschte noch mehr, dass die Zufahrt zum Parkplatz gesperrt war und unglaubliche Menschenmassen mit Shuttlebussen nach oben gefahren wurden.

Heute war nämlich spanischer Nationalfeiertag. Christoph Kolumbus, der alte Seebär, hatte genau an diesem 12. Oktober vor 529 Jahren die Ostküste Indiens entdeckt. Dachte er zumindest. In seiner Tradition eroberten die Einheimischen an diesem Feiertag ihre Umgebung. Großfamilien picknickten lautstark zwischen den Felsen, Reisebusse spuckten Wagenladungen an Tagestouristen aus und gröhlende Gruppen von jungen Menschen auf der Jagd nach dem besten Instagram-Foto irrlichterten durch die staunende Natur.

Felsenbild El Torcal
El Torcal: Kalk in seiner schönsten Form
Felsen El Torcal
Steintürmchen
Frau wandert in Felsen
Unwegsames Gelände
Viele Wanderer im El Torcal
Invasion der Tages-Ausflügler

Wir machten uns auf den Weg nach Córdoba, aber davon bald mehr im nächsten Beitrag. ¡Hasta luego!

11 Kommentare zu „Spanisch lernen in Spanien“

  1. Danke für diesen erheiternden Beitrag! Auch ich habe wie immer schallend gelacht 😂! Dieses Mal umso mehr, als ich selbst gerade in Spanien unterwegs bin und mich auch fröhlich sprachlich durchwurschtele. Hoch lebe mein freiwilliger Zusatzkurs in Spanisch – damals in der Oberstufe Mitte der 1980er 😁. Bin schon gespannt auf deine Stories aus Córdoba! Viele Grüße aus Cádiz 🙋🏻‍♀️

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  2. Ach ja, ich wäre jetzt auch lieber im warmen Spanien. Statt dessen kuriere ich in der kalten Schweiz eine Erkältung aus.

    Immerhin entschädigt dieser Beitrag, und würzt meinen Hustentee mit Amüsement und Ironie. Der Autor weiss, was er seinen Lesenden schuldig ist.

    Nur seine Ausführungen zu den separatistischen Bestrebungen bestimmter Regionen kann ich als guter Schweizer nicht so stehen lassen. Und auch die flapsige Bemerkung zu den Castells lässt mich als traditionsbewusstem Menschen die Stirn runzeln.

    Als ersten zu den Castells, den eindrucksvollen Menschentürmen. Sie haben eine lange Tradition und sind Symbole für die eigenständige Kultur und für die Zusammengehörigkeit Kataloniens. Um sie zu errichten braucht es wichtige Tugenden: Kraft, Gleichgewicht, Mut und Gemeinschaftsgeist. Entsprechend ist auch der Wahlspruch der Castellers: Força, Equilibri, Valor i Seny. Auf eine Leiter steigen kann jeder Depp.

    Nun zum Thema Separatismus. Klar, wir Schweizer sind neutral und halten uns da raus. Aber das beste Mittel gegen Separatismus ist nun einmal der Föderalismus und eine gesunde Willensnation.

    Natürlich gehört Spanien zu den am stärksten dezentralisierten Länder Europas und die 17 Autonome Gemeinschaften verfügen über weitreichende Kompetenzen in Legislative und Exekutive. Sie haben eigene Parlamente und Regierungen. Das ist schon mal gut. Nur das mit der Willensnation fehlt. Und es gibt Regionen die wollen einfach nicht, müssen aber.

    Im Vergleich zu Spanien können wir Schweizer alle staatlichen Bereiche, die nicht von einem Bundesgesetz geregelt werden, in unseren Kantonsverfassungen bestimmen. Eine solche Verfassungsfreiheit haben die Autonomen Gemeinschaften nicht. Sofern ich das richtig verstanden habe. Natürlich bin ich da kein Experte.

    Persönlich fände ich es cool, wenn man das mit der Staatszugehörigkeit der Regionen etwas locker sehen könnte. Schön wäre es wenn die Regionen per Volksentscheid den Nationalstaat frei wählen dürften. Zum Beispiel könnte Katalonien dann der Schweizer Eidgenossenschaft beitreten. In diesem Fall hätten wir eine weitere Landessprache im Portfolio und der Autor wüsste sofort wo er mit Spanisch nicht weiter kommt.

    Allerdings hätten wir dann auch ziemlich viel Ärger mit Spanien und das wäre alles andere als wünschenswert. Wir Schweizer sind da eher harmoniebedürftig.

    Wie dem auch sei. Auf jeden Fall wünsche ich dem Autor und seiner Begleitung sonnig Tage im schönen Spanien.

    Herzliche Grüsse
    DER HALBHARTE MANN

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    1. Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Auf die Idee, dass Katalonien sich der Schweiz anschliessen könnte, bin ich noch nicht gekommen. Ist aber durchaus mal überlegenswert. Nur geografisch entsteht da eine Lücke, aber das ist ja bei Alaska und USA auch so. Beispielsweise.
      Ich will mich auch gar nicht als Lehrmeister über die Separatistenbewegungen aufspielen. Die haben sicher alle ihre Gründe. Ich habe nur grundsätzlich den Eindruck, dass es für das menschliche Zusammenleben auf der Erde günstiger ist, wenn man sich weniger separiert und mehr vereint. Also lieber mehr Staaten als Regionen, lieber mehr Europa als Nationalstaaten, lieber mehr UNO als Staatenbünde. Dabei darf natürlich Identität, Mitbestimmung und Tradition auf lokaler Ebene nicht verloren gehen, und das ist wohl die Kunst bzw. das Problem. Andere Meinungen sind natürlich erlaubt.

      Vor den Castells habe ich ebenfalls allergrößten Respekt und ich bedauere sehr, dass wir keine live in Aktion erleben durften. Allein die Bronze-Statue in Tarragona ist schon beeindruckend. Trotzdem ist Niemand vor meinen Witzen sicher 😇.

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  3. Danke für die Eindrücke, eine willkommene Lockerungsübung bei all den Nachrichten da draußen.

    Ich habe auch mal Spanisch im Selbststudium gelernt. Vor einer Kuba-Reise.

    Ich kann heute immer noch „Manuel se ha roto el brazo“ sagen. Habe ich von einer Lernkarte 😉 Hilft zwar nicht immer, macht aber Eindruck

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  4. Mein Tipp: Bolivien, am besten Cochabamba.
    Dort habe ich Spanisch gelernt, von null auf sagen wir mal fünfzig, und es war ein Vergnügen. Die Leute sprechen wie im Buch, schön klar, deutlich und langsam. Wenn sie ein kompliziertes Wort oder Slang verwenden, fragen sie von selbst nach, ob man das Wort kennt und bieten Synonyme an oder erklären es.
    Außerdem gibt es dort die putzigsten „diminutivos“: https://andreas-moser.blog/2016/08/15/erdbebchen/

    Separatismusbestrebungen gibt es in Bolivien zwar auch, aber nur in Santa Cruz, wo die Leute eh ein hässliches Spanisch sprechen (zB „Fanta Cru“ für Santa Cruz). Es geht, wie wohl oft beim Unabhängigkeitswunsch, um Erdöl- und anderen Reichtum, den man, nachdem er einem zufällig in den Vorgarten gefallen ist, nicht teilen will.

    Mittlerweile traue ich mich auch nach Spanien, aber es ist oft frustrierend. In Bolivien, aber auch Mexiko, Ecuador, Kolumbien, Peru und Chile konnte ich mehrstündige Diskussionen über Rechtsphilosophie führen. In Spanien verstehe ich dann wieder nur so viel wie in der ersten Woche des Spanischunterrichts, der übrigens ein reines Selbststudium war. Am Morgen eine Lektion im Buch (Assimil und Pons) und dann rausgehen und das Gelernte praktizieren.

    Noch schlimmer als Spanien ist Argentinien. Das sollte eigentlich gar nicht als spanischsprachig durchgehen.

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