Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad

Das Karlsbader Thermalwasser heilt angeblich alle Krankheiten (außer Dummheit, aber das ist auch keine anerkannte Krankheit). Ist das ein Naturwunder oder Kurpfuscherei? Die SinnlosReisenden waren vor Ort.

Trinkbrunnen in Karlsbad

Das tschechische Karlsbad (bitte nicht verwechseln mit Carlsbad, Kalifornien) wurde im Juli 2021 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung und die für tschechische Verhältnisse astronomischen Preise lassen eigentlich keinen Zweifel aufkommen: Hier muss es sich um einen ganz besonderen Ort handeln. Da man sich auf Informationen aus dem Internet nicht verlassen kann, planten wir auf unserer Tschechienreise einen Zwischenstopp in dem mondänen Kurort ein.

Die Altstadt von Karlsbad präsentiert dekorative Häuserreihen, in denen sich die Designerläden dicht an dicht drängen. Ein Thermalbad im klassischen Sinn fanden wir nicht, allenfalls einige Kurkliniken, in denen man sich „Anwendungen“ verordnen lassen konnte. Aber es gibt hier die sogenannten Kolonnaden, in denen das begehrte Heilwasser aus öffentlich zugänglichen Brunnen tröpfelt.

Altstadt von Karlsbad, Tschechien
Die Altstadt von Karlsbad
Marktkolonnade in Karlsbad
Die Markt-Kolonnade
Karlsbader Kolonnade mit Trinkbrunnen
Offener Ausschank von warmem Wasser
Sprudelkolonnade
Sprudelkolonnade mit zehn Meter Fontäne

Das Stadtbild wird dominiert von Scharen an Touristen, die mit eigenartigen Porzellanbechern durch die Gassen schlendern. Das Thermalwasser ist nämlich zwischen 50 und 70 Grad heiß. Wer einfach so aus den Brunnen trinkt, holt sich üble Verbrühungen. Die Karlsbader Schnabeltassenindustrie nutzt diese Zwangslage und verkauft an allen Ecken unglaublich geschmacklose Tassen zu Mondpreisen an die heilsuchenden Touristen. Das nenne ich eine clevere Geschäftsidee!

Verkaufsstand mit Schnabeltassen
Geschmacklose Schnabeltassen zu astronomischen Preisen

Wir kauften ein Schnapsglas und probierten von der Mutter der Heilwasser. Was soll ich sagen? Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von einem vergammelten Fisch, der sechs Monate zusammen mit einem toten Iltis und einem Sack voller Schweißsocken in der prallen Sonne vergoren wurde. Im Abgang kommt eine metallische Note dazu, die dezent an Zahnfleischbluten erinnert. Ich musste beinahe kotzen.

SinnlosReisender vor einem Trinkbecken
Ich hatte ein Thermalbad erwartet – und fand dieses appetitliche Trinkbecken
Wasserhahn in Karlsbad
Wenn Keime reden könnten…
Mann trinkt und es wird ihm übel
Nach dem ersten Schluck durchflutet den Körper eine Welle von Übelkeit
Szene am Trinkbrunnen
Das Wasser wirkt unterschiedlich: die Dame schwankt, dem Kind stehen die Haare zu Berge, der Mann ist kurz vor dem Erbrechen

Übertroffen in seiner Abartigkeit wird das Karlsbader Thermalwasser nur vom Becherovka, einem süß-bitteren Kräuterlikör, der ebenfalls eine Spezialität aus Karlsbad ist. In ihm hat Jan Becher das eklige Quellwasser mit Kräuterextrakten und flüssiger Lakritze „veredelt“ und in Flaschen abgefüllt. Sehr speziell.

Becherovka
Becherovka

Abends im Hotelzimmer suchte ich nach plausiblen Gründen, wie es dazu kommen konnte, dass dieses übelschmeckende warme Thermalwasser so begehrt wurde. Meine Recherche brachte nur bruchstückhafte Ergebnisse, aber in meinem Kopf entstand langsam eine Vermutung.

Die Geschichte von Karlsbad begann im finsteren Mittelalter. In dem trostlosen Tal lebten damals einige Bauernfamilien mühsam von Viehzucht und Ackerbau. Überall sprudelte schlechtes Wasser aus dem Boden, das sogar vom Vieh verschmäht wurde. Vermutlich verirrte sich eines Tages ein fahrender Händler in das Tal, denn andere Menschen hatten keinen Grund für einen Besuch. Gut möglich, dass er über eine heftige Grippe klagte, an der er seit über einer Woche litt. Wahrscheinlich prahlte einer der Bauern damit, dass ein Bad in den heißen Quellen seine Krankheit heilen würde. Es bleibt unklar, ob er dem Reisenden nur einen Streich spielen wollte, oder ob er selber daran glaubte, aber ziemlich sicher spielte Alkohol eine Rolle.

Am nächsten Tag hatte der Kaufmann einige Brandblasen, aber seine Grippe war tatsächlich besser geworden. Nach einem weiteren Bad war er so gut wie gesund. Die Grippe wäre wohl auch ohne die Bäder abgeklungen, aber Händler wussten damals, wie man Gelegenheiten nutzte. Ziemlich sicher füllte er sich gleich ein paar Flaschen ab, um sie teuer als Heilmittel zu verkaufen. Dabei rührte er kräftig die Werbetrommel und pries das Wasser als Allheilmittel gegen Rheuma, die Pest, den bösen Blick und alle sonstigen bekannten Krankheiten.

Als sich die Kunde von den heilenden Wassern verbreitete, machten sich die ersten Kranken selber auf den Weg zu den Quellen. Ähnliche Wunder waren damals durchaus üblich. Die Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen und Ärzte richteten bei ihren Patienten oft mehr Schaden an, als dass sie Krankheiten heilten. Da war so ein Bad im warmen Wasser sicher die gesündere Alternative.

Irgendwann mussten die Gerüchte von den wundersamen Thermalquellen aus dem Böhmerwald auch Kaiser Karl IV zu Ohren gekommen sein. Der hatte ein sicheres Gespür für alles, was den Wert seines Reiches steigerte. Im Jahr 1370 beförderte er den Ort deshalb unbesehen zur Königsstadt und gab ihr den Namen Karlsbad.

Damit war der Startschuss für die Entwicklung des Badebetriebs gefallen. Es gab Zeiten, zu denen zehnstündige Badekuren verordnet wurden, die sogenannten Hautfresser. Denn dabei platzte am Ende die Oberhaut schmerzhaft auf, was man damals als Zeichen von Heilung interpretierte, weil böse Körpersäfte entweichen konnten. Kein Wunder, dass die so gequälten Patienten ziemlich schnell behaupteten, sie seien geheilt. Lieber krank als tot, dachte sich Mancher und entließ sich selbst.

Im 18. Jahrhundert wurden dann Trinkkuren eingeführt, anfangs mit der sagenhaften Dosis von etwa 60 Bechern am Tag. Wer diese Trinkfolter überlebte, galt ebenfalls als geheilt. Die Besuche von Zar Peter dem Großen und einigen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie machten Karlsbad dann zu einem mondänen Kurort für zahlungskräftige Kundschaft.

Schafensterpuppen
Dieses Schaufenster zeigt, welches Stammpublikum in Karlsbad überwiegt

Bei unserem Besuch in Karlsbad waren wir von dem relativ jungen Publikum überrascht. Abends erkannten wir den Grund. Da wegen Corona die russischen und asiatischen Kurgäste ausblieben, wollte ein Event-Manager jüngeres einheimisches Publikum ansprechen. Und so kam es, dass nach Sonnenuntergang der DJ auf der Thermal Stage aufdrehte, dass die wummernden Bässe die Gebisse der Kurgäste auf den barocken Nachttischchen zum Klirren brachten.

Menschen stehen Schlange
Vor den Fenstern der Kurgäste sammelt sich partywilliges Jungvolk
Plakat Thermal stage
Feiern auf der Thermal Stage

So, nun hat das Internet eine weitere Quelle von Informationen, auf die man sich nicht verlassen kann. Wenn ihr mir nicht glaubt, fahrt selber hin. Spucktüten nicht vergessen! Bis bald, euer SinnlosReisender.

10 Kommentare zu „Sinnlose Orte, die die Welt nicht braucht – Karlsbad“

  1. Der Geschmack des warmen Wassers ist schwer zu beschreiben.
    Och, du hast doch fein getroffen mit deiner Schilderung 🙂 Selbst hatte ich mal in Bad Kreuznach so ein Erlebnis. Das, was da landläufig als Heilung bezeichnet wird, ist wohl eher Schmerzüberlagerung. So ähnlich ist das wohl auch mit dem Likör: Nach ausgiebigen Genuss ist Mensch immer noch krank, aber es ist ihm egal 🙂

    L.G., Reiner

    Gefällt 2 Personen

  2. Karlsbad ist schon ein Unikat. So eine süße, winzig kleine Schnabeltasse habe ich auch vor Ort erstanden. Gehört dazu, auch wenn man sie sonst nirgendwo verwendet, ich meine – wer trinkt denn bitte aus einer Schnabeltasse? 🙂 Der Geschmack des Wassers… hm, stell dir vor, du entkalkst nach fünf Jahren deinen Wasserkocher. Stell dir vor, wie diese Entkalkungsbrühe schmecken könnte. So oder so ähnlich 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Ich habe das mit dem Trinken von ‚Heil’wasser lieber gleich gelassen. Zum einen kenne ich den Geschmack aus Kindheitsbesuchen bei der kurenden Oma in Bad Wildungen, zum anderen glaube ich nicht, dass das Gesöff bei einem Reizdarm hilft; im Gegenteil. 😉 Ich habe lieber in einem russisch angehauten Café einen schönen Tee getrunken. Ansonsten kann ich die Karlsbad Hype nicht so ganz nachvollziehen, was natürlich auch an dem trüben Wetter gelegen haben mang.

    Gefällt 1 Person

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