Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 5

Eine zickige Atombombe und ein ehemaliger Mafioso kommen endlich zusammen

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, beim ersten Teil zu beginnen.

Ein Inkassobüro hatte mich wegen angeblich offener Forderungen unseres Stromversorgers angerufen. Und ich hatte eine Atombombe im Keller gefunden. Um die Bombe scharf zu stellen, musste ich nur noch den Zahlencode eingeben, der auf einem Zettelchen notiert war. Ich bekam feuchte Hände, denn eine Atombombe aktiviert man nicht jeden Tag. Da sollte nichts schief gehen. Als ich gerade die letzte Ziffer eingeben wollte, rutschte mir die Bombe aus der Hand.

Hoppla, dachte ich mir, das ist nicht gut. Da man nie weiß, wie eine Atombombe auf einen Sturz reagiert, hechtete ich ihr hinterher. Ich erwischte das abenteuerlustige Bömbchen gerade noch an einem Kabel, bevor sie auf dem gefliesten Boden aufprallte. Dabei löste sich ein Draht aus seinem Anschluss und ein rotes Lämpchen begann zu blinken. Auf dem Display erschien eine Meldung: „Sprachsteuerung aktiviert“.

„Hallo“, hauchte prompt eine rauchige Frauenstimme mit russischem Akzent aus dem Gerät. „Bitte gib den Code ein, um mich scharf zu machen“.

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, murmelte ich.

„Haehwasoldasdennjez ist kein gültiger Code“, erwiderte die Stimme. „Noch zwei Versuche übrig“.

„Moment mal, Stop!“, versuchte ich, die Eingabe abzubrechen.

„Momentmalschtobb ist kein gültiger Code. Noch ein Versuch übrig“, stellte die sprechende Atombombe emotionslos fest. Ich sagte nichts mehr und dachte nach.

Nach einer Minute meldete sich die Bombe zurück: „Zeitlimit überschritten. Codeeingabe abgebrochen.“

„Na super. Und jetzt?“, fragte ich mich laut.

„Jetzt hast du zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, um die Codeeingabe wieder freizuschalten. Ist nach zehn Minuten der richtige Superpin nicht eingegeben, detoniere ich“, kam postwendend die Antwort. Das klang, als ob dieses Ding mit mir redete.

„Kannst du etwa sprechen?“, fragte ich ungläubig.

„Wie hört es sich denn an?“, kam die Gegenfrage.

„Und wer bist du?“, wollte ich wissen.

„Ich bin Svetlana, eine Zimmer-Atombombe mit Sprachmodul. Du hast noch neun Minuten, um den Superpin einzugeben“.

Ach ja, stimmt. Ich schaute auf dem Zettel nach, der der Bombe beigelegt war. Da war tatsächlich noch eine zweite Ziffernfolge notiert. Das musste der Superpin sein. Jetzt durfte aber nichts mehr schief gehen.

„Svetlana, bitte stoppe den Countdown!“, unternahm ich einen neuen Anlauf.

„Diese Funktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung. Der Countdown kann nur gestoppt werden, wenn du dazu den Code eingibst.“

„Aha. Und um den Code eingeben zu können, muss ich zuerst den Superpin eingeben, stimmt’s?“

„Das ist richtig. Du hast noch acht Minuten Zeit, um den Superpin einzugeben.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich.

„Ich habe keine Arme“, stellte Svetlana klar.

Sehr witzig. Also hielt ich die Luft an und tippte Zahl für Zahl den Superpin ein.

„Systemfehler“, meldete sich Svetlana. „Der Superpin kann nicht mit dem hinterlegten Referenz-Superpin abgeglichen werden. Das Inputkabel ist lose.“

„Was muss ich tun?“ Ich wurde langsam nervös. Ich wollte mir die Sauerei nicht vorstellen, die eine Atombombenexplosion in unserem Keller anrichten würde.

„Du musst die Klappe auf meiner Unterseite öffnen und das Kabel in die Klemme stecken. Du hast noch sieben Minuten, den Superpin einzugeben.“

Ich suchte einen Schraubenzieher. Unter der Klappe kam ein Kabelgewirr zum Vorschein. „Svetlana, in welche Klemme muss ich das Kabel stecken?“

„Du musst das lose Kabel in die weiße Anschlussklemme stecken. Steck es mir ganz tief rein“, hauchte Svetlana lasziv.

Ich zog das Kabel vorsichtig aus dem Gewirr heraus.

„In die rote Klemme“, korrigierte Svetlana ihre Anweisung.

„Was jetzt? Rot oder weiß?“ Ich begann zu schwitzen.

„Die Weiße. Das mit der roten Klemme war ein Scherz.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Bei der roten Klemme wäre ich sofort explodiert.“

„!!!“

„Hat dir mein Scherz gefallen?“

„Svetlana, das ist nicht witzig!“

„Das ist bedauerlich. Humor ist in der aktuellen Softwareversion noch ein experimentelles Feature. Ich versuche, meine Fähigkeiten ständig zu verbessern. Maschinelles Lernen. Du hast noch zwei Minuten.“

Ich steckte vorsichtig das lose Kabel in die weiße Klemme.

„Superpin bestätigt“, meldete Svetlana. „Du hast noch einen Versuch, den Code zur Aktivierung einzugeben.“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass mir Jemand auf die Schliche gekommen war? Das zweite Klingeln beendete meine Lähmung.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Ichkommegleich ist kein gültiger Code. Du hast noch Null Versuche übrig“, meldete sich Svetlana wieder zu Wort. „Du hast zehn Minuten Zeit, den Superpin einzugeben, sonst werde ich mich endgültig deaktivieren.“

„Jetzt halt du mal deine vorlaute Klappe oder ich zieh dir deinen Stecker“, schnauzte ich zurück.

„Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe“, antwortete Svetlana diplomatisch.

Ich stellte die Bombe in den Kellerschrank und ging nach oben um die Tür zu öffnen. Bevor ich auch nur Pieps sagen konnte, wurde es dunkel und mein Magen explodierte vor Schmerz.

Otto

Sein erster Auftrag in seinem neuen Leben führte Otto in eine Reihenhaussiedlung am Rande einer oberschwäbischen Kleinstadt. Dieses neue Leben hatte vor acht Wochen begonnen, als die Europolbeamten ihn zum Verhör mitnahmen. Sie zeigten ihm einige Videoaufnahmen und spielten ihm genügend Ausschnitte ihrer Abhöraktion vor, um ihm klar zu machen, dass Leugnen zwecklos war. Sie hatten ihn echt am Arsch. Otto überschlug im Kopf schnell, dass er im besten Fall mit fünfzehn Jahren Knast davon kam. Im schlimmsten Fall drohte ihm lebenslänglich. Er war zutiefst erschüttert, dass er so blöd war, die Kamera in dem Parkhaus in Rom zu übersehen.

Dann kam der Staatsanwalt mit seiner Kronzeugenregelung, seinem Zeugenschutzprogramm und der neuen Identität, wenn er gegen die Mafia auspacken würde. Otto musste nicht lange überlegen. Dieser ganze Familien-Mist ödete ihn sowieso schon lange an. Und dann noch dieses Desaster mit der verlorenen Atombombe. Da war die Aussicht auf einen Neuanfang gar nicht mal so übel. Sollten die Fische in Sizilien doch fressen, wen sie wollten. Er war jedenfalls raus.

Also bekam er eine neue Identität und einen neuen Beruf. Er arbeitete jetzt in einem Inkassounternehmen, ganz offiziell mit Lohnsteuerkarte und Rentenversicherung. Eine Woche lang besuchte er Lehrgänge und musste langweilige Videos anschauen, in denen Deeskalation in kritischen Situationen gezeigt wurde.

„Wir sind ein seriöses Unternehmen, das sich an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert“, betonte sein Chef mehrmals. „Also komm mir nicht mit irgendwelchen Methoden, die du aus Mafiafilmen abgeschaut hast, wenn du Morgen deinen ersten Schuldner besuchst“.

Otto kannte die drei eisernen Regeln auswendig:

  1. Niemals körperliche Gewalt anwenden
  2. Die Schuldner nicht verbal bedrohen
  3. Bevor man eine Wohnung betritt, immer um Erlaubnis fragen

Otto klingelte. Nichts. Er klingelte nochmal.

„Ich komme gleich“, hörte er leise durch die Tür. Als die Tür sich endlich öffnete, stülpte er dem Schuldner sofort einen Sack über den Kopf und stieß ihn mit einem Schlag in den Magen ins Haus zurück.

„Willst du mich jetzt hereinbitten, oder soll ich dir erst die Fresse polieren?“, fügte er dann hinzu. Man soll sich ja immer schön an die Regeln halten in diesem Rechtsstaat.

Aus dem Sack kam ein undeutliches Stöhnen.

„Ich werte das mal als Zustimmung“, erwiderte Otto. „Danke für deine Kooperation“. Er schleppte den Sack ins Wohnzimmer.

„So, Freundchen“, kam Otto gleich zur Sache. „Du schuldest meinem Auftraggeber genau 7.051 €.“

„Das stimmt nicht“, kam es undeutlich aus dem Sack.

Also gut, der will es nicht anders, der denkt, er wäre ein ganz Cleverer, dachte sich Otto. Er band den Sack auf einem Stuhl fest und zog seinen Schlagring auf.

„Da ist ein schrecklicher Fehler beim Zählerstand passiert“, protestierte der Sack und krümmte sich auf dem Stuhl. „Geh doch selber in den Keller und schau nach!“

„Du hast noch eine Minute Zeit“, kam in diesem Moment eine weibliche Stimme aus dem Keller.

„Wer war das? Bist du etwa nicht allein?“, fragte Otto alarmiert. Augenzeugen für seine großzügige Auslegung der rechtsstaatlichen Prinzipien konnte er nicht gebrauchen.

„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der Sack.

Otto stieg leise die Treppen hinunter. Er öffnete vorsichtig die Kellertür, aber hier war kein Mensch. Eigenartig.

Otto ging zum Stromzähler und kontrollierte die Daten. Tatsächlich, der Zählerstand lag weit unter dem, der auf seinen Unterlagen angegeben war. Waren die bei EnBB tatsächlich so bekloppt, ein Inkassounternehmen zu beauftragen, ohne die Zählerstände selbst zu kontrollieren? In diesem Moment kam aus einem Schrank wieder die Frauenstimme.

„Zeitlimit überschritten. Ich deaktiviere mich jetzt endgültig.“

Otto öffnete die Schranktür und traute seinen Augen nicht. Das war doch nicht möglich! Er nahm das Kästchen aus dem Schrank, ging nach oben und riss dem Schuldner den Sack vom Kopf.

Alte Bekannte

Als es wieder hell wurde, stand der glatzköpfige Mann aus Rom vor mir, die Atombombe in seiner Hand. Wir starrten uns gegenseitig an.

„Du bist das?“, fragten wir dann gleichzeitig.

„Was hast du mit meiner Bombe vor?“, wollte er wissen.

„Ich wusste nicht, dass die dir gehört, die lag in unserem Mietwagen“, gab ich zurück. „Du kannst sie aber gerne zurück haben. Die ist sowieso ziemlich zickig“.

Otto nahm das Päckchen, das ich vorbereitet hatte, las die Adresse und schaute mich spöttisch an.

„So, so. Kleines Privatattentat auf die Energieversorgung, was?“

Ich erzählte ihm meine Leidensgeschichte mit EnBB. Es schien ihm zu gefallen, dass ich die Sache selbst in die Hand genommen hatte.

„Mein früherer Arbeitgeber hätte Gefallen an deinen Methoden gefunden“, lachte er und band mich los. „Und ich dachte schon, du bist ein ganz Ausgebuffter! Weißt du, dass ich vier Monate lang auf deiner Spur war?“

Otto erzählte mir seine Geschichte bei einem Ramazotti. Wir mussten immer wieder darüber staunen, wie knapp wir einander verpasst hatten. Und als Otto mir erklärte, dass er den falschen Zählerstand gemeldet hatte, der mir so viel Kummer bereitet hatte, lachten wir Tränen. Die Flasche wurde zusehends leerer.

„Verdammt, was machen wir jetzt mit dieser bescheuerten Bombe?“, fragte er mich.

„Na ja, vielleicht schickst du sie einfach an deine ehemalige Familie“, schlug ich vor. „Es hat ja keiner gesagt, dass du eine funktionierende Bombe abliefern musst, oder?“

Wir waren uns schnell einig. Otto regelte die Sache mit EnBB für mich und schickte ein Paket nach Palermo. Ich verabschiedete meinen neuen Freund mit einer herzlichen Umarmung und winkte ihm hinterher. Dann holte ich aus dem Briefkasten einen Brief. Es war die Stromabrechnung für unsere alte Wohnung. Wir sollten 11.082 € für die letzten zwei Wochen nachzahlen.

Ende

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