Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 1

Eine Geschichte über eine Stadt, die mit ihren Attraktionen zahllose Touristen anzieht. Und die Mafia.

Ich war mein ganzes Leben lang ein friedliebender Mensch gewesen, der Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten ablehnt. Bis heute. Ich schaute in den Spiegel und stellte mir zum wiederholten Mal die Frage, wie es soweit kommen konnte. Als der Spiegel nicht antwortete, schrieb ich die Adresse auf das Paket. Dann aktivierte ich den Zeitzünder an der Atombombe.

Wie es zu diesem Sinneswandel kam? Es war unser Stromversorger, der mich auf die dunkle Seite der Macht trieb. Aber begonnen hatte alles in Rom, der ewigen Stadt.

Das Transferbus-Massaker

Am römischen Flughafen Fiumicino holten wir unser Gepäck und lösten zwei Tickets für den Transferbus ins Zentrum. Der Bus fuhr nur einmal stündlich und wir stellten uns an der Haltestelle brav an das Ende der Warteschlange. Die Tickets garantierten keinen Sitzplatz und bald warteten deutlich mehr Leute als ein einzelner Bus aufnehmen konnte.

Wartende Reisende am Busbahnsteig
Die Ruhe vor dem Sturm am Transferbus-Terminal

Als der Bus schließlich kam und seine Gepäckfächer öffnete, brachen die Errungenschaften menschlicher Zivilisation innerhalb weniger Sekunden zusammen. Wo eben noch Menschen kultiviert reisten, setzte sich das Recht des Stärkeren als einzige Regel durch. Überflüssige Verhaltensweisen wie Höflichkeit, Respekt vor Älteren oder Rücksicht auf Frauen und Kinder verpufften wie Relikte aus einer längst untergegangenen Zivilisation. Die Bilder erinnerten an die Verteilung von Lebensmitteln in einer afrikanischen Wüstenzone, nur dass dort die Hungernden mehr Anstand bewahrten.

Mit unserem Koffer stürzte ich mich ins Gewimmel, wurde aber von einer Großfamilie abgedrängt. Ich wollte mich unauffällig an einem Osteuropäer vorbeischieben, aber er rammte mir seinen Ellbogen in den Solar Plexus, was mich wertvolle Sekunden kostete. Dafür knallte mein Koffer gegen das Schienbein eines anderen Konkurrenten, worauf dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht abdrehte. Vom Rand der Kampfzone feuerten die Frauen ihre Gladiatoren an und dirigierten die Kämpfer.

Ich hielt mich in den Windschatten eines bulligen Amerikaners, der die Menge unangreifbar wie ein Preisboxer um einen Kopf überragte. Als der Mann sein Gepäck verstaut hatte und abdrehte, schlüpfte ich in die entstehende Lücke und warf unseren Koffer aus dem Stand in die letzte verbliebene Lücke. Der Mann neben mir stöhnte enttäuscht und rannte auf die andere Seite des Busses.

Nun musste ich noch einen Platz im Bus ergattern. Die Menschen drückten zum Eingang, der Busfahrer ließ aber nur sehr zögerlich Personen zusteigen. Als die Menge zur Seite wogte, konnte ich einen Türgriff erreichen und zog mich hoch. Einen Mann mit finsterem Blick musste ich passieren lassen, aber dann behauptete ich meine Position. Ich zeigte auf die SinnlosReisende und sagte zum Busfahrer „This is my wife!“. Da der Busfahrer sich unbeeindruckt zeigte, steckte ich ihm ein Trinkgeld fürs Nichtstun zu, worauf er mit einer lässigen Körperdrehung den Weg freimachte. Ich war nassgeschwitzt aber soweit zufrieden, die erste Challenge bestanden zu haben. Aus dem Fenster sah ich, wie ein Mann heimlich einen Koffer aus dem vollen Gepäckfach zog und seinen eigenen einlud. Irgendjemand würde heute Abend wohl ohne sein Gepäck auskommen müssen.

Als der Bus sich schließlich auf den Weg ins Stadtzentrum machte, hinterließ er eine jammervolle Szenerie. Ein junger Mann sammelte verstreute Kleidungsstücke auf, die aus seiner zerrissenen Reisetasche gefallen waren. Die Verlierer ließen am Bordstein ihre Wunden versorgen und brachten ihre derangierte Kleidung in Ordnung. Ein Mann humpelte mit frustriertem Blick zu seiner Frau, die ihn lautstark mit Vorwürfen überhäufte und ein britisches Ehepaar schaute fassungslos auf das Schlachtfeld. „It’s shocking, isn’t it?“ „Yes, Dear, it is. Let’s take a taxi“.

Spaziergang durch Rom

Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg in die ewige Stadt. Wir bummelten durch die verwinkelten Gässchen und bewunderten den wunderschönen Trevibrunnen. Weil es angeblich Glück bringt, werfen Touristen jedes Jahr Münzen im Wert von vielen Hunderttausend Euro in diese Mutter aller Brunnen. So eine Summe weckt natürlich Begehrlichkeiten. Ein italienisches Gericht hatte dieses Geld zu herrenlosem Gut erklärt, weshalb sich jeder ungestraft und ganz legal an den Schätzen bedienen dürfe. Daraufhin wurde der Trevibrunnen von Schatzsuchern überrannt, die ohne Rücksicht auf den wertvollen Marmor nach Münzen fischten. Die römische Stadtverwaltung reagierte mit einer Regelung, nach der nur städtische Bedienstete den Brunnen betreten dürfen. Das Geld wird regelmäßig eingesammelt und an die Caritas gespendet. Seither wachen rund um die Uhr zwei Polizisten mit Trillerpfeife darüber, dass niemand dem wertvollen Wasser zu nahe kommt.

Trevibrunnen bei Nacht
Der Trevibrunnen

Am nächsten Morgen gingen wir in die Bar gegenüber und beobachteten die Einheimischen. Das typische römische Frühstück dauert durchschnittlich acht Sekunden. Im Hereinlaufen ruft der Gast die Bestellung zum Tresen. Während der Barista den Espresso aufbrüht, wird der neueste Tratsch in atemberaubendem Sprechtempo ausgetauscht. Dann wird in einer fließenden Bewegung der Espresso im Stehen auf nüchternen Magen gekippt, während mit der anderen Hand eine Münze auf den Tresen geworfen wird. Und Ciao. Der Preis für einen solchen Espresso im Stehen ist in Italien per Gesetz auf maximal einen Euro festgelegt. Am Piazza Navona kostet ein Cappuccino im Sitzen dagegen so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen.

Brunnen auf dem Piazza Navona
Brunnen auf dem Piazza Navona

Die Eroberung des Vatikan

Wir hatten uns zum Kaffee ganz unrömisch mit Croissants gestärkt und machten uns auf den Weg zur Engelsburg, von der wir einen tollen Ausblick über die tausend Sehenswürdigkeiten Roms genießen durften. Die Engelsburg war ursprünglich von Kaiser Hadrian als Mausoleum für sich selbst erbaut worden. Warum ein einziger Mann so ein großes Grab braucht, bleibt unbeantwortet, aber unter den römischen Kaisern war ja Größenwahn ein Teil der beruflichen Qualifikation. Im späten Mittelalter erkannten die Päpste, dass die Engelsburg ein perfekter Rückzugsort war.

Ein verborgener Gang, der Passetto di Borgo, führte direkt von den päpstlichen Gemächern bis zur Burg. Hier konnte man unbequeme Besuche von feindseligen Eroberern hinter dicken Mauern aussitzen oder unerkannt seine Mätressen in den fürstlich ausgestatteten Gemächern besuchen. Später wurde die Engelsburg vielseitig verwendet: als Schatzkammer, als Geheimarchiv, als Festung, als Folterkammer, als Gefängnis und als Museum.

Die Engelsburg
Die Engelsburg
Wehrhafte Engelsburg
Da sucht sich der erfahrene Eroberer lieber ein anderes Ziel
Möwe auf der Engelsburg
Blickduell auf der Engelsburg – Wer zuerst blinzelt, hat verloren
Petersdom
Der Petersdom von der Engelsburg aus gesehen
Verwinkelte Gemäuer in der Engelsburg
Irgendwo in diesen Gemäuern verläuft der geheime Gang zum Schlafzimmer des Papstes

Dann eroberten wir den Vatikan. Mit einer Fläche von 0,44 Quadratkilometer und weniger als 1000 Einwohnern ist der Vatikan der kleinste Staat der Welt mit der weltweit höchsten Verbrechensrate pro Einwohner. Die beiden Gefängniszellen werden allerdings nicht von den überwiegend streng katholischen Bewohnern belegt, sondern von den Taschendieben, die hier als Grenzgänger ihrer Arbeit nachgehen.

Wir standen eine Stunde vor den Vatikanischen Museen an und schoben uns mit Zehnmilliarden anderen Besuchern durch die endlosen Gänge mit Kunstwerken aus aller Welt. Hier gibt es so viele Kunstschätze, dass man die Bilder sogar an die Decke dübeln musste. Beim Anblick dieser Reichtümer kommen Fragen zur Notwendigkeit der Kirchensteuer auf.

Weltkugel im Vatikanischen Museum
Sinnloses Objekt im Vatikanischen Museum
Flur im Vatikanischen Museum mit Deckengemälden
Platzsparende Gemäldegalerie
Antike Vase mit Löwenrelief
Löwe knabbert an seinem Snack
Antiker Schwertkämpfer hält Kopf in der Hand
So, mein Freund, jetzt fallen dir keine Witze mehr über meine Kopfbedeckung ein!

Um uns weitere zwei Stunden Anstehen vor dem Petersdom zu ersparen, mischten wir uns unauffällig unter eine geführte Reisegruppe, die eine Abkürzung von der Sixtinischen Kapelle direkt in den Petersdom benutzte. Hier bestaunten wir die Marmorsäulen und die verschwenderischen Kunstwerke, allen voran die berühmte Pieta von Michelangelo..

Blick auf den Altar im Petersdom
Im Petersdom
Skulptur im Petersdom
Eine der zahlreichen bescheidenen Skulpturen im Petersdom
pieta von Michelangelo
Starke Frau – die Pieta von Michelangelo

Wer den Unterschied zwischen den Begriffen “Escalator” und „Elevator” am Kassenhäuschen beherrscht, kann mit dem Aufzug auf die Kuppel des Petersdoms fahren. Wir gehörten nicht zu diesem Personenkreis und nahmen die 550 Stufen durch klaustrophobisch enge Wendeltreppen. Oben wurden wir mit einem ausgezeichneten Ausblick belohnt.

Blick auf den Petersplatz
Blick von der Kuppel des Petersdoms
Blick auf die Papstresidenz im Vatikan
Hier verbringt der Papst seine Rente

Das schwarze Schaf aus einer ehrbaren Familie

Otto Panini hasste Italien von ganzem Herzen. Er hasste die Hitze, die schon vormittags jede Bewegung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit machte. Er verabscheute die laute Sprache, die er nur sehr bruchstückhaft von seinem Großvater gelernt hatte. Und er hasste die winzigen Straßen und den chaotischen Verkehr. Aber am meisten ärgerte ihn, dass er einfach nie wusste, wem er vertrauen konnte. Und das war für ein Mitglied der Mafia ein Problem.

Zuhause in Chicago war alles so einfach gewesen. Die Stadtviertel waren fair unter den Familien aufgeteilt. Die Regeln waren einfach. Wenn sich ein Mitglied einer anderen Familie im eigenen Gebiet zu schaffen machte, wurde er umgelegt. Die Polizisten und Richter ließ man besser in Ruhe, wenn man keinen Ärger wollte. Und hier in Italien? Allein in Rom konkurrierten mindestens sieben Clans miteinander. Niemand konnte ihm sagen, welche Familie welches Gebiet kontrollierte, weil sich das täglich änderte. Bei Polizisten wusste man auch nie, woran man war. Die meisten waren käuflich, aber man konnte sich nie sicher sein, ob ein anderer Clan sie bereits bestochen hatte.

Aber Otto wollte nicht undankbar sein. Ihm war sehr wohl klar, dass er nach dem vermasselten Coup am Hafen eigentlich eine Freikarte zum Schwimmunterricht mit einer Betonschwimmweste im Lake Michigan gewonnen hatte. Nur seiner entfernten Verwandtschaft zum legendären Al Capone war diese zweite Chance zu verdanken. Ein Praktikum in Italien wird ihm helfen, seine Tugenden wieder zu finden, meinte der Consigliere, der Berater des Bosses. Er soll ein bisschen internationale Erfahrung sammeln und nebenbei seine lausigen Italienischkenntnisse aufbessern. Und so zog Otto ziemlich unvorbereitet bei einer Großtante in Rom ein.

Hier geht’s zum zweiten Teil

Autor: sinnlosreisen

Skurille Reiseerlebnisse zum Lachen

14 Kommentare zu „Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 1“

  1. Deine Beschreibung der Kampfszenen am Shuttlebus erinnern mich stark an die alljährlichen Schlacht- und Gemetzelfestivale am Hotelbuffet. Mit geballter Körperkraft wird um die besten Plätze gekämpft, während die wartenden Angestellten in geduckter Haltung und zur Flucht bereit um ihr Leben fürchten müssen. Da werden gierige Finger abgehackt und Gabeln in Handrücken gerammt, und listige Kleinkinder bringen kampflustige Gladiatoren mit ihren vollen Tellern zur Fall. Als Siegerlohn winken Hummer und Kaviar sowie kostbare Wassermelonenstückchen. Ist der Kampf beendet, werden Säcke voller Essen an die Tische geschleppt, wo sich zufriedene Familien über ihre Beute hermachen. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die hälfte davon im Müll landet, weil die Augen mal wieder größer waren als der Magen…

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