Die Reise ins Innere eines schwarzen Lochs (1)

Über eine denkwürdige Nacht, die einen Stein ins Rollen brachte

„Wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich in dieser Nacht sterben würde, hätte ich gestern nicht mehr die Toilette geputzt, sondern die Zeit sinnvoller genutzt. Nochmal tief ins Nutellaglas geschaut und die alten Platten von Pink Floyd oder Genesis aufgelegt.“ Diese Gedanken schossen Ralf Paschulke durch den Kopf, als das schwarze Loch rasend schnell auf ihn zukam. Dann wurde alles Licht aus der Welt gesaugt und es wurde zapfenduster.

Dabei hatte der Abend so vielversprechend begonnen. Ralfs Kameraden aus dem Tischtennisverein hatten beschlossen, sein schon mehrere Wochen andauerndes Stimmungstief zu beenden. Sein Doppelpartner Alan hatte mit hochgezogenen Augenbrauen festgestellt: „So geht das nicht weiter. Du versauerst doch allein zuhause auf deinem Sofa. Morgen Abend gehen wir zusammen aus und machen einen drauf!“

Ralf war zuerst skeptisch, aber er hatte tatsächlich auch schon bemerkt, dass alleine rumzusitzen nicht gerade für überschäumende Partystimmung sorgt. Und so musste er nicht lange überredet werden; sein Widerstand war schnell gebrochen. Freitag Abends um Neun war Treffpunkt bei Ralf zum Vorglühen, dann ab ins Zeckes – so lautete der Plan. „Das wird ein geiler Abend, wirst schon sehen“. Ralf hatte keine Ahnung, wo oder was Zeckes ist, aber wer könnte bei so einem Versprechen schon widerstehen?

Am fraglichen Abend beschlagnahmte Alan erstmal Ralfs Küche, um einen Einheizer zu mixen, während die Anderen draußen auf der Terrasse bei einem kühlen Bier und einer Pizza den lauen Sommerabend gebührend würdigten. Der Einheizer schmeckte vorzüglich nach Ananas, Kokosnuss und irgendwelchem Alkohol. Die Stimmung wurde rasch ausgelassen und Ralf begann sich schon Sorgen wegen seinem Nachbarn zu machen.

Herr Mayer hatte schon öfters deutlich gemacht, dass Ordnung auf seiner Werteskala sehr weit oben steht. Erst neulich hatte der Rentner versucht, Ralf zur Teilnahme an einer Art Bürgerwehr zu motivieren. „Nur so bekommen wir dieses asoziale Gesocks in den Griff, die verstehen nur eine Sprache“, gab er Ralf zu verstehen, als er ihm seinen Fuchsschwanz zeigte. Der Fuchsschwanz war ein selbst genähter Lederknüppel, gefüllt mit Kieselsteinen, Split und Stahlkugeln. „Wo der trifft, wachsen nur noch blaue Flecken“, versicherte der streitbare Nachbar mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.

Die Ursache für den Groll seines ordnungsliebenden Nachbarn lag im nahegelegenen Club „Zirkuss“. Dort gab es am Wochenende alkoholische Getränke zu Dumpingpreisen, was entsprechende Kundschaft aus den umliegenden Orten anzog. Die meist minderjährigen Komatrinker hatten das Ziel, sich in kürzester Zeit – nämlich bevor die letzte Regionalbahn fährt – mit kleinem Geldeinsatz einen möglichst gründlichen Rausch anzusaufen. Was regelmäßig damit endete, dass die Rasselbande gegen Mitternacht schwer alkoholisiert den Weg zur Bahnstation suchte und wie ein Heuschreckenschwarm grölend durch die friedliche Reihenhaus-Siedlung zog, eine Spur von leeren Schnapsflaschen, Kondomen und Erbrochenem hinter sich zurücklassend.

Nach dem zweiten Einheizer nuschelte Mona, dass sie ihre Zunge nicht mehr spüren würde und Ralf hatte das Körpergefühl einer Qualle. Als er in der Küche mehrere Flaschen mit Hochprozentigem fand, wurde ihm einiges klar. Je höher der Alkoholpegel stieg, desto schlechter wurden die Witze, über die sie Tränen lachten. Domme als einziger Abstinenzler in der Runde vertraute Ralf mit verschwörerischer Stimme ein Geheimnis an: im Zeckes gäbe es gelegentlich wilde Sexorgien. Hemmungslos und ohne Tabus. Ralf war zwar etwas skeptisch, aber zur Sicherheit steckte er ein Kondom ein. Für alle Fälle, dachte er sich, mit 50 Jahren sollte man immer vorbereitet sein und jede Chance nutzen als wäre es die Letzte. Und falls nicht, konnte man immer noch den jüngeren Mannschaftskameraden aushelfen. Man hat ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht als Ältester.

Gegen Mitternacht machten sie sich auf den Weg. Eine angebrochene Wodkaflasche wurde unterwegs vollends geleert und flog in elegantem Bogen über eine Hecke. Nach einem kurzen Fußmarsch standen sie vor einem großen Gebäude. „ZirKuss“ las Ralf auf einer Leuchttafel. „Was zum Teufel machen wir hier, ich dachte wir gehen ins Zeckes“, fragte er Bernd. Der schaute ihn an, als wäre er bekloppt. „ZirKuss, ZK, Zeckes, kapiert?“ Aha, dachte sich Ralf, so schnell wechselt man also die Fronten. Das hier war Feindesland, die Suffbude der Teenager, Sodom und Gomorrha.

Ralfs Bedenken, dass er wegen der Altersstruktur hier wohl eher fehl am Platz sei, wurden von der knapp achtzehnjährigen Mona mit schwerer Zunge charmant entkräftet: „Laba doch kein’n Quark hiar, da sinn öffers so allde Säcke über Dreißig. Außadem bissu ja mit uns da.“ Die Logik dieser Argumente erschloss sich Ralf nicht auf Anhieb, aber er hatte auch keine Zeit zum Grübeln, denn die Schlange zum Eingang zog ihn unbarmherzig mit sich.

„6 Euro Eintritt“, verkündete ein Schild. Als Ralf mühsam seinen Geldbeutel rauskramte, sagte der Securityschrank hinter der Kasse: „Ab Dreißig ist der Eintritt frei.“ Und nach einer kurzen Pause: „Du kannst deinen Ausweis stecken lassen, ich glaub’s dir auch so“. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Drinnen fühlte sich Ralf wie ein Überlebender aus dem zweiten Weltkrieg, der im Schulunterricht einen Augenzeugenbericht abgibt. Noch nie war ihm sein Alter so bewusst geworden, wie in diesem Moment. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, denn seine Kameraden schleppten einen Meter Tequila heran. Ein Meter enthält fünfzehn Gläser auf einem Brett von einem Meter Länge. Da die Gläser ziemlich klein und harmlos aussahen, griff er beherzt zu. Viva Mexico!

Domme war währenddessen in einen hitzigen Disput mit seiner Freundin verwickelt, die wieder einmal nicht verstehen wollte, warum er nicht einfach auch mal „was Richtiges“ trinken könne. Einige Tage später trennten sich die Beiden, worauf Domme sich eine Freundin suchte, die genau wie er keinen Alkohol trinkt. Eine Beziehung, die ebenfalls nicht von überlanger Dauer war und ein abruptes Ende nach einem Handyanruf aus Barcelona finden würde, aber das ist eine andere Geschichte. Manchmal kann man es als Mann einfach nicht richtig machen.

Bernd war nicht abstinent und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Meter vor ihnen stand, diesmal Cola mit Rum. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Obwohl Ralf ein ausgesprochen schlechter Tänzer war, eroberte er die Tanzfläche im Sturm. Der Alkohol und die wummernden Bässe vermischten sich zu einem schwerelosen Zustand, in dem sich die Zeit zu einer unendlich großen Blase aufblähte. Irgendwann bevor Ralfs Gedächtnis seinen Dienst quittierte, drängte sich in der wogenden Menschenmenge ein weibliches Wesen mit einem wuscheligen Lockenschopf an ihn. Sie tanzte ihn wie ein hüpfender Gummiball an, schwenkte verführerisch ihre fülligen Hüften und drückte ihren kreisenden Po gegen ihn. Einige Sekunden lang tanzten die Beiden eng umschlungen, bevor die Menge sie für immer verschluckte.

Vom Rest des Abends blieben Ralf nur bruchstückhafte Erinnerungen. Unnahbare, maskenhaft geschminkte junge Frauen. Junge Männer mit Körpersprache aus dem Gorillakäfig. Alan, der mit wildfremden Menschen Schnäpse kippt, bis er schließlich selber vom Barhocker kippt. Verdächtige Typen, die in einer dunklen Ecke Geschäfte machen. Beunruhigende Geräusche aus der Toilettenkabine nebenan. Und da ist der Heimweg, auf dem das unbenutzte Kondom zu einem Ballon aufgeblasen unter lautem Hurra in den Nachthimmel zischt. Und Mona, die sich kurz vor Ralfs Haus lautstark in die Hecke übergibt.

Da man gute Freunde in diesem Zustand selbstverständlich niemals Auto fahren lässt, bauten sie ein Matratzenlager im Wohnzimmer. Ralf kletterte mit viel Mühe und vorbildlicher Körperbeherrschung die steile Klappleiter zur Bühne hinauf, um Schlafsäcke und eine Matratze zu holen. Bis heute gibt es keine Erklärung für dieses physikalische Phänomen, aber als er einen winzigen Augenblick lang unaufmerksam war, änderte die Erdanziehungskraft plötzlich für einen Moment ihre Richtung und obwohl er mit wedelnden Armen dagegen ankämpfte, zog ihn das schwarze Loch im Dachboden an wie ein Magnet die Karosserien auf dem Schrottplatz.

Das schwarze Loch an der Treppe

Während Ralf seinem sicheren Tod entgegen stürzte, zuckten ihm einige Gedanken wie Blitze an einem Gewitterabend durch den Kopf. Zunächst bedauerte er, dass er so unvorbereitet sterben muss. Hätte er das vorher gewusst, hätte er sich nochmal richtig mit Nutella satt gegessen und seine Lieblingsmusik gehört. Hätte dem alten Ehepaar gegenüber den Müll rausgetragen, um ein paar Karmapunkte zu sammeln. Hätte seinem Nachbarn Mayer mal so richtig die Meinung gegeigt.

Und dann verfing er sich in der Schnur eines Schlafsackes und rutschte im Zeitlupentempo auf der Matratze die Leiter hinunter. Wo ihn seine Kameraden mit spontanem Szenenapplaus begrüßten, ganz begeistert von seiner akrobatischen Einlage.

Matrazenlager
Am Morgen danach – Matrazenlager im Wohnzimmer

Am nächsten Tag bekämpften sie ihren Kater mit ein paar Konterbierchen. Als der dröhnende Kopfschmerz etwas nachließ, trug Ralf die Reste des Abends zum Mülleimer vor die Tür. Dort stellte ihn ein aufgeregter Herr Mayer zur Rede. „Haben Sie das mitbekommen, heute Nacht? Die waren ja wieder mal besonders schlimm. Rüchards nebenan haben in ihrem Garten eine leere Wodkaflasche gefunden und in meiner Hecke stinkt es bestialisch, als ob sich da jemand erbrochen hätte. Und stellen Sie sich vor: auf meinem Rhododendron hing heute morgen ein Präservativ. Wie das da hinauf kam, will ich gar nicht wissen!“ Herr Mayer schüttelte sich angeekelt.

„Wenn ich die erwische, mache ich Hackfleisch aus denen! Haben Sie denn gar nichts mitgekriegt, die waren doch nicht zu überhören, direkt vor Ihrer Haustür haben die rumkrakeelt, diese asozialen Schweine“, wunderte er sich.

„Echt jetzt?“, entgegnete Ralf mit unschuldiger Miene. „Davon hab ich nichts mitbekommen, ich hab einen ziemlich festen Schlaf.“

„Hatten Sie Besuch?“, fragte Herr Mayer mit einem Blick auf die Überreste der Party. Ralf schloss schnell den Deckel des Mülleimers und beendete die Unterhaltung, bevor das Gespräch noch eine ungute Wendung nahm. Und dann schwor er, sich nie wieder so gehen zu lassen. Niemals.

Aber ein geiler Abend war es trotzdem.

Ich widme diesen Beitrag Roger Penrose, der den Physik-Nobelpreis 2020 für den Beweis der Existenz von schwarzen Löchern erhielt. Und allen Freunden, die dazu beitragen, dass man den physikalischen Gesetzen zum Trotz eben doch aus schwarzen Stimmungslöchern wieder entkommen kann.

Hier gehts zum zweiten Teil

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